Öffnet Basma Abdel Aziz „Das Tor“?

Juni 12, 2020

Die erste große Dystopie einer arabischen Autorin“ und einige weitere Zitate, die das Buch zu einem Meister-Meisterwerk erheben, stehen auf dem Buchumschlag. Es wird mit George Orwells „1984“ und Franz Kafkas „Der Prozess“ verglichen und gerade der Kafka-Vergleich fällt einem sofort ein, wenn man die Prämisse kennt.

Nach der Niederschlagung einer Revolte steht in der Stadt ein Tor. Dort müssen sich alle Bittsteller anstellen, um ihr Anliegen gegenüber der anonymen Bürokratie und dem ebenso anonymen Staat vortragen zu können. Jeden Tag soll eine bestimmte Menge an Anträgen bewilligt werden. Täglich wird die Schlange der Bittstellenden länger.

Das Tor ist natürlich das Sinnbild für sinnfreie Bürokratie und staatliche Willkür. In Büchern und Filmen wurde es in den vergangenen Jahrzehnten so oft benutzt, dass inzwischen jeder weiß, was ‚kafkaesk‘ ist ohne auch nur eine Zeile von Franz Kafka gelesen zu haben.

Um diese Idee herum webt die Ägypterin Basma Abdel Aziz so etwas wie eine rudimentäre Geschichte mit immer wieder auftauchenden Figuren. Im Mittelpunkt steht Yahya Gad al-Rabb Said, der eine Kugel in seinem Körper hat, die unbedingt entfernt werden muss. Der Arzt, der sie entfernen wollte, hat kurz vor der Operation erfahren, dass solche Operationen nur noch gemacht werden dürfen, wenn es eine amtliche Genehmigung, ausgestellt vom Tor, gibt.

Während Yahya in der Schlange wartet, erzählt Basma Abdel Aziz vom Leben in der Schlange und entwirft ein Bild einer Diktatur, die täglich die Wahrheit manipuliert. Das erinnert dann, neben dem Alltag in Ägypten, an George Orwells „1984“, wo Ozeanien im Krieg gegen Eurasien und Ostasien ist und der Große Bruder die Bevölkerung unterdrückt, überwacht und die Wahrheit gnadenlos manipuliert.

In „Das Tor“ ist die anonym bleibende Regierung aus unklar bleibenden Motiven (abgesehen vom Machterhalt) im Kampf gegen die eigene Bevölkerung. Sie überwacht sie ebenfalls vollständig. Die von ihr herausgegebene Zeitung „Die Wahrheit“ verkündet alles außer der Wahrheit. Und die Beschlüsse der Regierung folgen keiner stringenten Logik.

Allerdings erzählt Orwell eine rudimentäre Geschichte, anhand der er seine Dystopie, die Gesellschaft, ihre Strukturen und ihren Unterdrückungsapparat erfahrbar machte. Seine Hauptfiguren bleiben im Gedächtnis. Dagegen bleiben die von Abdel Aziz erfundenen Figuren blass. Während des Lesens interessiert man sich für keine Figur, ihre Leiden und Wünsche. Entsprechend schnell vergisst man sie nach der Lektüre.

Letztendlich beschränkt Abdel Aziz sich in ihrem im Original 2013, unmittelbar nach der Niederschlagung des Arabischen Frühlings, erschienenem Romandebüt auf eine durchaus vielversprechende Prämisse und das, geschrieben in einer dürren Beamtenprosa, wenig packende Beschreiben einer Situation des Stillstands und der Unwissenheit. Für eine Kurzgeschichte mag das ausreichen, für einen fast dreihundertseitigen Roman ist das dann doch etwas wenig.

Basma Abdel Aziz: Das Tor

(übersetzt von Larissa Bender)

Heyne, 2020

288 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

aṭ-Ṭābūr

Originalverlag: Dar Altanweer, 2013

Hinweise

Perlentaucher über „Das Tor“

Wikipedia über Basma Abdel Aziz


„Die goldenen Spinnen – Ein Fall für Nero Wolfe“, ein Vergnügen für uns

Juni 11, 2020

Bevor ich zum Roman komme: Nero Wolfe ist der Held der Stunde. Er lebt in New York in einem Brownstone. Er verlässt sein Haus niemals beruflich. Private Anlässe, wie eine Orchideenschau oder ein Gourmetessen, sind rar. Er will seine Wohnung einfach nicht verlassen.

In dem Haus lebt er zusammen mit seinem Koch Fritz Brenner, Orchideengärtner Theodore Horstmann und, als wichtigste Person für die aufzuklärenden Kriminalfälle, Archie Goodwin, seinem Laufburschen, sich notorisch in gutaussehende Frauen verliebenden Privatdetektiv und Erzähler der Nero-Wolfe-Fälle. Denn Nero Wolfe ist ein genialer Privatdetektiv. Goodwin und einige andere Männer (jaja, Männer-WG, keine Frauen, keine Liebesgeschichten) sind für ihn Augen und Ohren in New York. Nero Wolfe kombiniert aus ihren Berichten und den Besuchen der verschiedenen in den Fall involvierten Menschen den Hergang und enttarnt am Ende der Geschichte, wenn er alle in den Fall involvierten Menschen und die Polizei in seinem Büro versammelt, zu unser allgemeinen Verblüffung den Täter (oder die Täterin).

Erfunden wurde Nero Wolfe von Rex Stout (1886 – 1975) als eine Verbindung von typischem amerikanischem Hardboiled-Detektiv und britischem Armchair-Detective. Schon Wolfes erster Fall war so erfolgreich, dass Stout zwischen 1934 („Fer-de-Lance“) und 1975 („A family affair“) über dreißig Romane und unzählige Novellen und Kurzgeschichten mit Nero Wolfe schrieb, die immer wieder neu aufgelegt wurden.

Wolfes Stay-at-home-Nachfolger sind brillante Ermittler wie Jeffery Deavers vom Kopf abwärts querschnittgelähmten Lincoln Rhyme und Andy Breckmans Adrian Monk, der ein wandelndes Lexikon von Phobien und Zwangsstörungen ist. Parallel zur TV-Serie schrieben Lee Goldberg und, später, Hy Conrad eigenständige Romane mit dem Ermittler. Die von Goldberg geschriebenen, teilweise übersetzten Monk-Krimis kann ich alle empfehlen. Zu denen von Conrad kann ich nichts sagen.

Ehe ich jetzt vollkommen abschweife, kommen wir zum Fall mit den goldenen Spinnen zurück, der äußerst harmlos, fast schon spaßig beginnt.

Der zwölfjährige Pete Drossos klingelt bei Nero Wolfe. Der Straßenjunge mit einer Abneigung gegenüber der Polizei sagt, er habe eine ein Auto fahrende Frau mit Spinnenohrringen gesehen, die ihn stumm anflehte, die Polizei zu rufen, weil sie von dem auf dem Beifahrersitz sitzendem Mann bedroht werde. Wolfe informiert die Polizei und lehnt weitere Ermittlungen in dem aussichtslosen Fall ab. Kurz darauf ist der Junge tot. Überfahren von einem Auto, das auch Matthew Birch, einen Spezialagenten des Einwanderungs- und Einbürgerungsdienstes, überfuhr. Und das ist noch nicht die letzte ermordete Person, die Nero Wolfe dazu bringt, den Mörder zu suchen. Denn aufgrund einer von ihm aufgegebenen Zeitungsanzeige meldete sich Laura Fromm bei ihm. Sie trägt ebenfalls Spinnenohrringe, fördert als Philanthropin den Verband für Flüchtlingshilfe, überreicht Wolfe einen großzügigen Scheck und will, bevor sie ausführlicher mit Wolfe über die Frau in dem Auto redet, noch einige Erkundigungen machen.

Bevor sie Wolfe das Ergebnis ihrer Erkundigungen verraten kann, ist sie tot und Nero Wolfe muss den Mörder suchen. Allein schon, um seinen Ruf zu retten.

Die goldenen Spinnen“, im Original erstmals vor fast siebzig Jahren erschienen, ist ein flott erzählter Rätselkrimi, in dem die beiden Ermittler Nero Wolfe und Archie Goodwin sich zunächst fragen, wie die verschiedenen Morde zusammenhängen könnten (sie tun es) und was das Motiv sein könnte. Wenn Wolfe dann zu unserer allgemeinen Verblüffung den Täter und sein Motiv präsentiert, fällt auf, wie fein der Fall konstruiert ist.

Für die aktuelle Ausgabe wurde der Roman neu übersetzt. Und, immerhin wurden für die Klett-Cotta-Ausgabe die bisher erschienenen Romane von verschiedenen Übersetzern übersetzt, fallen die äußerst zeitlos-elegante Sprache und der leicht humorvolle Erzählton von Rex Stout auf, die seine Romane zu einem wahren Lesevergnügen machen.

Rex Stout: Die goldenen Spinnen – Ein Fall für Nero Wolfe

(übersetzt von Werner Löcher-Lawrence)

Klett-Cotta, 2020

256 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The golden Spiders

Viking Press, New York 1953

Zahlreiche deutschsprachige Ausgaben in anderen Übersetzungen.

Hinweise

Krimi-Couch über Rex Stout

Kaliber 38 über Rex Stout

Wikipedia über Rex Stout (deutsch, englisch) und Nero Wolfe (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Rex Stout und Nero Wolfe

Meine Besprechung von Rex Stouts „Es klingelte an der Tür“ (The Doorbell rang, 1965)

Meine Besprechung von Rex Stouts „Der rote Stier – Ein Fall für Nero Wolfe“ (Some Buried Caesar, 1939)

Meine Besprechung von Rex Stouts „Zyankali vom Weihnachtsmann – Ein Fall für Nero Wolfe“ (The Christmas-Party Murder, 1957)


„Wilsberg – Sag niemals Nein“, sondern ‚Weil es nicht geht‘

Juni 8, 2020

Nein“

(Erste Zeile in „Wilsberg – Sag niemals Nein“)

Ja! Es gibt einen neuen Wilsberg-Roman. Nachdem Jürgen Kehrer in den Neunzigern jedes Jahr einen neuen Wilsberg-Roman veröffentlichte, veröffentlichte er in den letzten Jahren nur noch ungefähr jedes Jahrzehnt einen Wilsberg-Roman, während die „Wilsberg“-Filme im TV, mit Leonard Lansink als Wilsberg, erfolgreich in einer Endlosschleife aus Wiederholungen und neuen Fällen laufen. Dabei hat der TV-Wilsberg sich immer weiter vom Roman-Wilsberg entfernt. In einem inzwischen schon älteren Interview betonte Kehrer, dass es zunehmend schwieriger sei, neben den populären TV-Filmen die Romane als eigenständige Werke zu platzieren.

Jetzt, fünf Jahre nach „Ein bisschen Mord muss sein“, hat er es wieder gewagt. Und, das kann schon jetzt verraten werden, das Warten hat sich gelohnt.

Dieses Mal sucht der etwas glücklose, dafür umso penetrantere in Münster lebende und arbeitende Privatdetektiv Georg Wilsberg nach dem verschwundenen Journalisten Paul Wilkens. Der recherchierte zuletzt eine große Story. Aber niemand hat eine Ahnung, um was es bei der Story gehen könnte.

Wilsberg arbeitet dieses Mal für und im Auftrag von Wilkens minderjähriger Tochter Emma, einem ebenso willensstarkem wie undiplomatischem Teenager. Denn als Emma ihn bat, ihren Vater bei einem Treffen im Wienburgpark heimlich zu beobachten lehnte er ab. Nach dem Treffen ist Wilkens spurlos verschwunden. Im Park findet man neben einer Blutlache sein Smartphone.

Der von Schuldgefühlen geplagte Wilsberg beginnt zu ermitteln. Seine erste Spur führt, durch einen von Emma in einer Jacke ihres Vaters gefundenen Zettel, zu Haus Olfenberge, Weil Wilkens normalerweise im rechtsextremen und Reichsbürger-Milieu recherchierte, vermutet Wilsberg einen solchen Hintergrund bei der verschwiegenen Stiftung und ihrem extrem gut gesichertem, im Wald liegendem Anwesen, das eine Bildungseinrichtung sein soll.

Noch ehe Wilsberg die Stiftung gründlich durchleuchten kann, erhält Emma einen Anruf von ihrem Vater aus Beirut. Wilsberg macht sich auf den Weg in die Millionenstadt. Zunächst ohne sein Wissen fliegt Emma, die ihren Vater abgöttisch verehrt, ebenfalls nach Beirut. Dort wird Wilkens vor ihren Augen erschossen.

Jürgen Kehrer erzählt „Sag niemals Nein“ (Wer denkt bei dem Titel nicht an „Sag niemals nie“?) auf knapp zweihundert Seiten in der gewohnten Wilsberg-Länge flott im leicht schnoddrigen Wilsberg-Sound. Diese Kürze, die sich an der Länge von Pulp-Krimis orientiert, garantiert ein hohes Erzähltempo und die Abwesenheit von länglichen Liebesgeschichten, ärgerlichen Gefühlsdusseleien und uninteressanten Nebengeschichten, die sich meistens um Familienproblemen drehen (Zum Glück lebt Wilsberg allein und hat keine Familie).

Dieses Mal stolpert Wilsberg mehr durch den Fall als dass er selbst aktiv und zielgerichtet ermittelt. Aber das höchst vergnüglich.

Sag niemals Nein“ ist kein das Genre verändernder Roman und auch kein Buch, das die Welt rettet. Dafür rettet es einen Nachmittag.

Da wünscht man sich, dass Jürgen Kehrer sich gleich an das Schreiben seines nächsten Wilsberg-Romans macht.

Nein“

(Letzte Zeile in „Wilsberg – Sag niemals Nein“)

Jürgen Kehrer: Wilsberg – Sag niemals Nein

Grafit, 2020

192 Seiten

12 Euro

Hinweise

Homepage von Jürgen Kehrer

Wikipedia über Jürgen Kehrer

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Fürchte dich nicht“ (2009)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsbergs Welt“ (2012)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsberg – Ein bisschen Mord muss sein“ (2015)

Jürgen Kehrer in der Kriminalakte

 


Über Kai Blieseners „Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften“

Juni 4, 2020

Pünktlich zum neunzigsten Geburtstag von Clint Eastwood (der war am 31. Mai) erschien die von Kai Bliesener geschriebene Werkbiographie „Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften“. Das Buch ist ein konzentrierter, weitgehend chronologischer Gang durch Clint Eastwoods filmisches Werk bis zu „The Mule“. Eastwoods neuestes, noch nicht in den deutschen Kinos gestartetes, äußerst sehenswertes, auf Tatsachen basierendes und sich nahtlos an seine vorherigen Filme anschließendes Drama „Der Fall Richard Jewell“ fehlt. Ergänzt wird Blieseners Text um ein Essay von Georg Seeßlen und Interviews mit den Eastwood-Fans Frank Brettschneider, Wolf Jahnke, Jo Schuttwolf und Tobias Hohmann über ihr Idol.

Bliesener trennt seine Eastwood-Werkschau in zwei Teile. Einmal steht mehr der Regisseur (und damit sein Spätwerk), einmal mehr der Schauspieler im Mittelpunkt. In beiden Teilen bespricht Bliesener dann (bis auf Eastwoods frühe Miniauftritte in B-Pictures und seinen Auftritt in dem Episodenfilm „Hexen von heute“) chronologisch jeden Eastwood-Film, mal kürzer, mal länger. Weil er die, bei Eastwoods umfangreichem Werk auch nicht wirklich mögliche und sinnvolle Trennung zwischen Schauspieler und Regisseur nicht durchgängig durchhält, hätte er auf diese Teilung getrost verzichten und einfach vom „Für eine Handvoll Dollar“-‚Fremder ohne Namen‘ bis zu „The Mule“ Earl Stone die Entwicklung des Schauspielers, Produzenten (Eastwood gründete schon 1967 seine Filmproduktionsfirma „Malpaso“) und Regisseur (seit „Sadistico“ [Play Misty for me, 1971]) nachzeichnen können.

Wegen der nun gewählten Struktur wäre zum schnellen Finden der einzelnen Filme ein Register vorteilhaft gewesen. Und, weil nicht jeder die Handlung jedes Eastwood-Films kennt, wären in der Filmographie kurze Inhaltsangaben sinnvoll gewesen.

Bei der Bewertung der einzelnen Filme folgt Bliesener weitgehend dem Konsens. Weil er seine Bewertungen oft um weitere Bewertungen ergänzt und er hier meistens deutschsprachige Kritiken zitiert, eröffnet er auch einen etwas anderen Blick auf Eastwoods Schaffen als die meist US-amerikanischen Biographien.

Auf fast jeder Seite spricht Bliesener Eastwoods konservative Weltsicht an (er ist bekennender Republikaner, der sich inzwischen eher als libertär sieht) und fragt bei fast jedem Film, was die politische Aussage des Films ist und wie sie sich mit der konservativ-republikanischen Ideologie verträgt. Das ist natürlich eine berechtigte Frage, verkürzt aber viele Eastwood-Filme auf eine platte politische Aussage, die einfach in eine Pro- oder Contra-Position und in ein Links-Rechts-Schema gepresst wird.

Gewinnbringender für eine Analyse und Interpretation von Eastwoods Werk wäre dagegen die Frage gewesen, wie Eastwood sich mit seinen Filmen und Figuren zu US-Mythen, dem Selbstbild der USA, was vor allem das des weißen Mannes ist, und aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen, also dem Zeitgeist, verhalten.

Dieser Konflikt ist schon in Eastwoods ersten wichtigen Rollen angelegt. Seinen Durchbruch als Kinoschauspieler hat er in drei Italo-Western, die den klassischen Hollywood-Western gründlich demystifizieren. Hohe Ideale werden als hohle Ideale enttarnt. Dreck und Schmutz bestimmen das Bild. Kapitalismuskritik, Revolutionspathos, burleske Übertreibungen und übertriebene Gewalt waren gern benutzte Stilmittel. Damals – wir reden von den sechziger Jahren, als die Gegenkultur die Straßen und die Gesellschaft eroberte – reflektierten diese Western den Zeitgeist. In diesen Jahren wurde der alte Westernheld John Wayne zu einem reaktionären alten Sack, der den Vietnamkrieg-Propagandafilm „Die grünen Teufel“ drehte. Eastwoods nächste bahnbrechende Figur ist der Polizist ‚Dirty Harry‘ Callahan. Don Siegels grandioser Cop-Thriller wurde sofort als faschistoid beschimpft. Er zeichnet ein düsteres Bild der US-Gesellschaft – und Callahan ist ein Polizist, der im ständigen Konflikt mit Autoritäten steht. „Dirty Harry“ ist auch, wie ihre Vorstudie „Coogans großer Bluff“ (Cccgan’s Bluff), eine Verlagerung des Western und der damals verübten Rechtsdurchsetzung in die Gegenwart und in den Polizeifilm und in die Großstadt.

In seinen nächsten Filmen begann Eastwood verstärkt die Mythen der US-Gesellschaft und das Verhältnis von Individuum und Institution bzw. Gesellschaft zu hinterfragen. In seinen neueren Filmen behandelt er diese Fragen, ohne endgültige Antworten zu geben, anhand wahrer Geschichten von oft problematischen ‚Helden‘.

In seinem Text „Clint Eastwood – Eine amerikanische Ikone“ beschäftigt Georg Seeßlen sich mit diesem Spannungsfeld, das Clint Eastwoods Schaffen seit seinem Aufstieg zum Star auszeichnet und über die Jahrzehnte, trotz etlicher Fehltritte, auch so bemerkenswert macht.

Der bekennende Eastwood-Fan, der schon einige Eastwood-Biographien gelesen hat, wird in „Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften“ wenig bis nichts neues erfahren. Aber das ist auch nicht Blieseners Ziel. Sein Buch ist eine gelungene, konzentrierter Überblick über das Schaffen des traditionellen Geschichtenerzählers Clint Eastwood.

Kai Bliesener: Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften

Schüren, 2020

232 Seiten

24,90 Euro

Hinweise

Schüren über das Buch

Homepage von Kai Bliesener

Wikipedia über Clint Eastwood (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Jersey Boys” (Jersey Boys, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „American Sniper“ (American Sniper, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Sully“ (Sully, USA 2016)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „The Mule“ (The Mule, USA 2018)

Clint Eastwood in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 31. Mai: Rainer-Werner-Fassbinder-Abend mit „Angst essen Seele auf“, „Katzelmacher“ und „Despair – Eine Reise ins Licht“ – und ein Buchhinweis

Mai 31, 2020

75 Jahre wäre Rainer Werner Fassbinder heute geworden, wenn er nicht bereits, mit 37 Jahren, am 10. Juni 1982 überraschend gestorben wäre. Bis zu seinem Tod legte er in wenigen Jahren ein in seiner Quantität (über vierzig Filme, etliche Hörspiele, Theaterstücke und Inszenierungen) und Qualität – er ist unbestritten einer der wichtigsten deutschen Regisseure – beeindruckendes Werk vor.

Dieser Geburtstag wäre für die TV-Sender eine gute Gelegenheit, einmal so richtig tief in den Archiven zu wühlen und eine umfassende und werkkritische Retrospektive zu präsentieren. Also nicht nur die allseits bekannten und kanonisierten Meisterwerke, sondern auch die selten gezeigten Filme zeigen und diese Filme um einige klug gewählte Dokumentationen über Rainer Werner Fassbinder ergänzen.

Diese Aufgabe bleibt, wie schon bei Ingmar Bergman, bei Tele 5 hängen, der heute mit drei gut gewählten Fassbinder-Filmen einen Einblick in sein Werk liefern.

Tele 5, 20.15

Angst essen Seele auf (Deutschland 1973)

Regie: Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder

Eine verwitwete Putzfrau verliebt sich in einen deutlich jüngeren marokkanischen Gastarbeiter.

Gleich mehrere Tabus brechendes, von Douglas Sirk inspiriertes Drama. Einer von RWFs bekanntesten und beliebtesten Filme.

Mit Brigitte Mira, El Hedi ben Salem, Barbara Valentin, Irm Hermann, Rainer Werner Fassbinder, Karl Scheydt, Walter Sedlemayr, Marquard Bohm, Hark Bohm, Liselotte Eder

Wiederholung: Montag, 1. Juni, 02.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Angst essen Seele auf“

Wikipedia über „Angst essen Seele auf“ (deutsch, englisch)

Tele 5, 22.10

Katzelmacher (Deutschland 1969)

Regie: Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder (nach seinem Bühnenstück)

Fassbinders zweiter Spielfilm: eine deprimierende Milieustudie: ein griechischer Gastarbeiter trifft eine Münchner Clique. Die Mädchen finden ihn attraktiv. Die Männer wollen ihn loswerden.

Katzelmacher ist ein bayerisches Schimpfwort für aus dem Süden kommende Gastarbeiter, die deutschen Frauen Kinder machen.

mit Hanna Schygulla, Lilith Ungerer, Elga Sorbas, Doris Mattes, Rainer Werner Fassbinder, Harry Baer, Irm Hermann

Wiederholung: Dienstag, 2. Juni, 03.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Katzelmacher“

Wikipedia über „Katzelmacher“ (deutsch, englisch)

Tele 5, 00.00

Despair – Eine Reise ins Licht (Deutschland/Frankreich 1978)

Regie: Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch: Tom Stoppard

LV: Vladimir Nabokov: Otchayanie, 1934 (englischer Titel: Despair) (Verzweiflung)

Berlin, zwanziger Jahre: ein Schokoladenfabrikant (Dirk Bogarde) will vor seinen Problemen flüchten. Ein Doppelgänger (Klaus Löwitsch) soll ihm dabei helfen.

Fassbinders erste internationale Produktion, die in Artikeln über RWF normalerweise übergangen wird, zur DVD-Veröffentlichung gelobt wurde und, weil sie im Fernsehen ungefähr nie gezeigt wird, fast unbekannt ist.

Mit Dirk Bogarde, Andrea Ferréol, Volker Spengler, Klaus Löwitsch, Alexander Allerson, Bernhard Wicki, Peter Kern, Gottfried John, Adrian Hoven, Roger Fritz, Hark Bohm, Y Sa Lo, Ingrid Caven, Liselotte Eder

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Despair – Eine Reise ins Licht“

Wikipedia über „Despair – Eine Reise ins Licht“ (deutsch, englisch)

Buchhinweis

Auch auf dem Buchmarkt scheint der 75. Geburtstag von RWF auf kein größeres Interesse zu stoßen. Es gibt nur den von Werner C. Barg und Michael Töteberg herausgegebenen Sammelband „Rainer Werner Fassbinder Transmedial“. Die Aufsätze des Buches beruhen, bis auf einen Text, auf zwei Uni-Veranstaltungen, nämlich einer 2017 stattgefundenen Tagung und einer 2018 stattgefundenen Workshopreihe

In dem Buch geht es um die unbekannten Arbeiten von RWF und wie er zwischen Theater, Hörspiel, Spielfilm, TV-Filmen unterschiedlicher Länge und TV-Serien seinen Stil änderte. So plante er bei seiner Döblin-Verfilmung „Berlin Alexanderplatz“ neben der TV-Serie einen Spielfilm. Dabei folgte er nicht dem bekannt-beliebten Hybrid-Modell, in dem der Kinofilm eine kürzere Fassung der TV-Miniserie ist, wie in Wolfgang Petersens „Das Boot“. RWF plante eine konventionelle TV-Serie und einen experimentellen Spielfilm. Letztendlich wurde nichts aus dem Spielfilm, aber der letzte Teil der durchgehend nicht besonders konventionellen TV-Serie, war dann der zweistündige sehr experimentelle Epilog „Mein Traum vom Traum des Franz Biberkopf“.

Werner C. Barg/Michael Töteberg (Hrsg.): Rainer Werner Fassbinder Transmedial

Schüren, 2020

224 Seiten

24,90 Euro

Hinweise

Wikipedia über Rainer Werner Fassbinder

Homepage der Rainer-Werner-Fassbinder-Foundation

Meine Besprechung von Annekatrin Hendels Doku „Fassbinder“ (Deutschland 2015)

Rainer Werner Fassbinder in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 30. Mai: Love, Simon

Mai 29, 2020

Pro7, 20.15

Love, Simon (Love, Simon, USA 2018)

Regie: Greg Berlanti

Drehbuch: Isaac Aptaker, Elizabeth Berger

LV: Becky Albertalli: Simon vs. the Homo Sapiens Agenda, 2015 (Nur drei Worte; Love, Simon)

Simon ist ein gutaussehender, allgemein beliebter, in der US-Provinz lebender Teenager. Er könnte an der Schule jedes Mädchen haben. Dummerweise ist er homosexuell. An der Schule weiß nur ein Mitschüler davon, den Simon nur unter seinem Chatnamen „Blue“ kennt.

TV-Premiere. „Love, Simon“ ist eine sehr stimmige, feinfühlige und gelungene Coming-of-Age-Geschichte, die erstmals (!) in einer Mainstream-Highschool-Komödie eine schwule Coming-of-Age-Geschichte erzählt. Diese kleine Änderung macht die Suche nach dem Märchenprinz zu einem erfrischend anderem Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung von Buch und Film.

mit Nick Robinson, Katherine Langford, Alexandra Shipp, Jorge Lendeborg Jr., Logan Miller, Miles Heizer, Kerynan Lonsdale, Josh Duhamel, Jennifer Garner, Tony Hale, Natasha Rothwell

Wiederholung: Montag, 1. Juni, 07.40 Uhr

Der Roman

Becky Albertalli: Love, Simon

(Filmausgabe)

(übersetzt von Ingo Herzke)

Carlsen, 2018

336 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Nur drei Worte

Carlsen, 2016

Originalausgabe

Simon vs. the Homo Sapiens Agenda

Balzer + Bray, 2015

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Love, Simon“

Metacritic über „Love, Simon“

Rotten Tomatoes über „Love, Simon“

Wikipedia über „Love, Simon“ (deutsch, englisch)

Homepage von Becky Albertalli

Meine Besprechung von Greg Berlantis „Love, Simon“ (Love, Simon, USA 2018)

Meine Besprechung von Becky Albertallis „ Nur drei Worte“ (später „Love, Simon“) (Simon vs. the Homo Sapiens Agenda, 2015)


Vic Warshawski entdeckt „Altlasten“

Mai 29, 2020

Als die taffe Chicago-Privatdetektivin V. I. Warshawski nach Kansas aufbricht, soll sie nur die spurlos verschwundene afroamerikanische Schauspielerin Emerald Ferring und den ebenfalls spurlos verschwundenen jungen Filmemacher August Veriden suchen. Er begleitete Ferring für eine Dokumentation über ihr Leben zu für sie wichtigen Orten, wie der Militärstation, auf der sie aufwuchs und dem nahe gelegenem College, auf dem sie studierte.

1983 kehrte sie wieder in die College-Kleinstadt zurück. Damals hatten Protestler das Militärgelände teilweise besetzt und lebten in einem Zeltdorf. Auf der Militärstation waren auch Atomraketen stationiert. Die Schauspielerin solidarisierte sich mit dem Widerstand.

In dieser Kleinstadt verliert sich dann die Spur von Ferring und Veriden. Während Warshawski nach einer weiteren Spur zu den beiden spurlos Verschwundenen sucht, beginnt sie in der Vergangenheit des Ortes herumzustöbern und sie stolpert über eine Leiche.

Dieser sich über viele Seiten erstreckende Gang in die Vergangenheit des Ortes und die Vergangenheit der USA mit links-feministischen Protestcamps, geheimen Militärforschungen an biologischen und chemischen Kampfstoffen und der noch weiter zurückreichenden Rassentrennung, hat auf den ersten, zweiten und dritten Blick nichts mit Warshawskis Auftrag zu tun. Aber weil Sara Paretsky eine erfahrene Erzählerin ist, ist auch klar, dass es doch eine Verbindung zwischen den Ereignissen von 1983 und dem Verschwinden von Ferring und Veriden gibt.

Trotzdem liest sich der Mittelteil von „Altlasten“ etwas zäh. Es passiert zwar einiges, aber letztendlich stochert Warshawski nur im Nebel herum, provoziert nach guter alter Hardboiled-PI-Tradition ihre Gesprächspartner und schnüffelt so lange in der Vergangenheit der Menschen, die ihr während ihrer Ermittlungen begegnen, herum, bis sie Lew-Archer-würdige Familiengeschichten aufdeckt. Und höchst problematische militärische Forschung, deren tödliche Folgen mit allen Mitteln vertuscht werden sollen.

Sara Paretsky: Altlasten

(übersetzt von Laudan & Szelinski)

Ariadne, 2020

544 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Fallout

William Morrow, 2017

Hinweise

Homepage von Sara Paretsky

Wikipedia über Sara Paretsky (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Vic Warshawski

Meine Besprechung von Sara Paretskys „Kritische Masse“ (Critical Mass, 2013)


TV-Tipp für den 29. Mai: Die Letzten beißen die Hunde (+ Buchhinweis: Kai Bliesener: Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften)

Mai 28, 2020

3sat, 22.25

Die Letzten beißen die Hunde (Thunderbolt and Lightfoot, USA 1974)

Regie: Michael Cimino

Drehbuch: Michael Cimino

Tresorknacker John ‚Thunderbolt‘ Doherty (Clint Eastwood) will zusammen mit dem Herumtreiber Lightfoot (Jeff Bridges) und seinen Ex-Kumpanen Red (George Kennedy) und Goody (Geoffrey Lewis), die glauben, dass er sie betrogen habe, die unter einer Schule gut versteckte Beute von ihrem letzten gemeinsamen Banküberfall wiederbeschaffen. Was gar nicht so einfach ist.

Michael Ciminos Regiedebüt ist ein entspannt-witziges, Mythen demontierendes Roadmovie, das damals an der Kinokasse gut ankam. Danach drehte Cimino die Klassiker „Die durch die Hölle gehen“ und „Heaven’s Gate“.

Ciminos Einstand zeichnet sich dabei aus durch einen weitgehenden Verzicht auf Gewalttätigkeiten, durch amüsante, lakonische Dialoge, rasant gefilmte Action und ausgezeichnete Leistungen der Darsteller.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)

Michael Ciminos Werk war eher ein Kommentar zu den Genrekonventionen als ein Wiederaufgreifen. Außerdem meditiert der Film über das amerikanische Mannsein unmittelbar nach Vietnam und ist damit eine Kritik an gewissen amerikanischen Traditionen, die normalerweise in derartigen Filmen nicht in Frage gestellt werden. Zudem ist er ziemlich abgedreht – schlüpfrig, verwildert, vollgepackt mit abgefahrenen Vorfällen, die aus dem Nichts entstehen und uns in erstaunliche Richtungen führen.“ (Richard Schickel: Clint Eastwood, 1998)

mit Clint Eastwood, Jeff Bridges, George Kennedy, Catherine Bach, Geoffrey Lewis, Gary Busey (als Garey Busey)

Frisch aus der Druckerpresse: Das Buch zum neunzigsten Geburtstag von Clint Eastwood (der ist am 31. Mai) ist ein konzentrierter, weitgehend chronologischer Gang durch Clint Eastwoods filmisches Werk bis zu „The Mule“ (Eastwoods neuestes, äußerst sehenswertes, noch nicht in den deutschen Kinos gestartetes auf Tatsachen basierendes Drama „Der Fall Richard Jewell“ fehlt). Ergänzt wird Blieseners Text um ein Essay von Georg Seeßlen und Interviews mit Frank Brettschneider, Wolf Jahnke, Jo Schuttwolf und Tobias Hohmann über Clint Eastwood.

Der erste Eindruck ist positiv. Auch wenn ich, nachdem ich schon einige Bücher über Clint Eastwood gelesen habe, wahrscheinlich wenig neues erfahren werde über diesen Mann, der als TV-Seriendarsteller anfing, als Fremder ohne Namen und Dirty Harry ein Star wurde, schon früh immer wieder sein Image in Frage stellte („Der Texaner“), 1993 für den Western „Erbarmungslos“ seine ersten Oscars erhielt und seitdem ein in jeder Beziehung beeindruckendes und abwechslungsreiches Spätwerk vorlegte..

Kai Bliesener: Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften

Schüren, 2020

232 Seiten

24,90 Euro

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Letzten beißen die Hunde“

Wikipedia über „Die Letzten beißen die Hunde“ (deutsch, englisch)


Statt Kino: In „Tödliche Schwestern“ kloppt Black Widow, „Agentin und Avenger“, sich mit ihrer Schwester

Mai 22, 2020

Eigentlich sollte Cate Shortlands „Black Widow“ jetzt im Kino laufen. Mit Scarlett Johansson als ‚Black Widow‘ Natasha Romanoff, einer in Russland ausgebildeten, überaus gutaussehenden und überaus tödlichen Killerin, die schon vor Ewigkeiten die Seiten wechselte. Seitdem gehört sie zu den Avengers, Florence Pugh spielt ihre Schwester Yelena Belova und David Harbour und Rachel Weisz spielen ihre Eltern ‚Red Guardian‘ Alexei Shostakow und ‚Iron Maiden‘ Melina Vostokoff. Gemeinsam, so lässt sich aus den gewohnt spartanischen Inhaltsbeschreibungen erahnen, kämpfen sie gegen den ‚Taskmaster‘. Der Bösewicht will, so heißt es, Elitekämpferinnen wie Black Widow manipulieren und unter seine Kontrolle bringen. Wahrscheinlich um danach in bester größenwahnsinniger James-Bond-Bösewicht-Tradition die Welt zu beherrschen.

Pünktlich zu diesem im Moment in eine ferne, ferne Zukunft verschobenem Kinostart veröffentlichte der Panini-Verlag die Anthologie „Black Widow: Agentin und Avenger“ und den „Black Widow“-Comic „Tödliche Schwestern“. Dieser Sammelband enthält die lose miteinander verbundenen, im 1998 gegründeten Imprint „Marvel Knights“ erschienenen, sich an ein erwachsenes Publikum richtenden Geschichten „Tödlicher Wahnsinn“ (Black Widow: The Itsy-Bitsy Spider [1999]), „Identität“ (Black Widow: Breakdown [2001]) und „Blasse kleine Spinne“ (Black Widow: Pale Little Spider [2002]). Mit diesen Geschichten wurde Black Widow, die damals auf den hinteren Marvel-Rängen saß, zu einer Superheldin der ersten Reihe.

In diesen von Davin Grayson und Greg Rucka geschriebenen, von Scott Hampton, J. G. Jones und Igor Lordey gezeichneten Geschichten begegnen sich Natasha Romanoff (aka Natalia Romanova) und die ebenfalls vom Geheimdienst im Red Room in Moskau ausgebildete Yelena Belova erstmals. In Rhapastan sind sie auf der Suche nach einer gefährlichen Biowaffe.

Romanoff und Belova haben beide nach ihrer Ausbildung im Red Room den Tarnnamen ‚Black Widow‘. Allerdings hat Belova einen gewaltigen Minderwertigkeitskomplex. Sie will, und das ist der alle drei Geschichten miteinander verbindende Konflikt, besser als Romanoff und die einzig wahre ‚Black Widow‘ sein. Dafür muss ihre Vorgängerin sterben.

In „Identität“ geht es dann um, ähem, vertauschte Identitäten und eine Geheimmission.

Und in „Blasse kleine Spinne“ soll Belova in Moskau den Mord an ihrem Lehrer, Lieutenant Colonel Starkowsky, aufklären. Diese Mordermittlung führt sie in ein SM-Bordell und einer Konfrontation mit sich selbst.

Bei den drei spannenden Storys dachten die Zeichner immer daran, die beiden gutaussehenden Black Widows durchgehend gerade so noch jugendfrei ins Bild zu setzen. Das hat sich bei der Film-“Black Widow“, die jetzt den von MCU-Fans langerwarteten Solo-Leinwandauftritt bekommen hat, nicht geändert.

Black Widow: Agentin und Avenger – Die Black Widow-Anthologie“ ist der neueste Band der uneingeschränkt lobenswerten und interessanten Anthologie-Serie. Vorherige Bände porträtierten Batman, Deadpool und Wonder Woman. In jedem Band werden wichtige Comicauftritte der porträtierten Figur zusammengestellt und mit informativen Hintergrundtexten eingeleitet.

Auch im neuesten Band wurde nichts am bewährten Aufbau verändert. Beginnend mit ihrem ersten Auftritt in „Crimson Dynamo schlägt wieder zu!“ (The Crimson Dynamo strikes again!, Tales of Suspense (1959) 52 (I)) im April 1964 bis zur Gegenwart (die letzte Geschichte ist von 2016) geht es durch die Geschichte von Natasha Romanoff und der sich wandelnden Welt und Comicwelt.

Greg Rucka/J. G. Jones: Marvel Knights: Black Widow – Tödliche Schwestern

(übersetzt von Carolin Hidalgo und Reinhard Schweizer)

Panini, 2020

228 Seiten

23 Euro

Originalausgabe/enthält

Black Widow (1999) # 1 – 3: The Itsy-Bitsy Spider

Black Widow (2001) # 1 – 3: Breakdown

Black Widow (2002) # 1- 3: Pale Blue Spider

Black Widow: Agentin und Avenger – Die Black Widow-Anthologie

Panini, 2020

324 Seiten

29 Euro

Hinweise

Marvel über Black Widow

Wikipedia über Black Widow 

Homepage von Greg Rucka

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout“ (Whiteout, 1998/1999)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout: Melt“ (Whiteout: Melt, 1999/2000)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Die Welt ohne Superman” (The Sleepers, 2009)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Batman: Hinter der Maske” (Cutter, März – Mai 2010/Beneath the Mask,  Juni – Juli 2010/Good King Wencesias, Februar 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Greg Ruckas “Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)” (Gotham Central # 1 – 5, 2003)

Meine Besprechung von Greg Ruckas „Star Wars: Imperium in Trümmern (Journey to Star Wars: Das Erwachen der Macht) (Star Wars: Shatterd Empire # 1 – 4, Disney/Lucasfilm 2015)

Meine Besprechung von Greg Ruckas „Star Wars: Vor dem Erwachen“ (Star Wars: Before the Awakening, 2015)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Michael Larks „Gotham Central: Doppeltes Spiel (Band 2)“ (Gotham Central #6 – 12, DC Comics)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Ed Brubakers „Gotham Central: Im Fadenkreuz des Jokers (Band 3)“ (Gotham Central # 11 – 15, DC Comics)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Ed Brubakers „Gotham Central: Bullocks letzter Fall (Band 4)“ (Gotham Central # 16 – 22, DC Comics)

Meine Besprechung von Greg Rucka (Autor)/Nicola Scott/Bilquis Evely (Zeichner) „Wonder Woman: Das erste Jahr (Rebirth – Die Wiedergeburt des DC-Univerums)“ (Wonder Woman: Year One, Part One – Finale (# 2, 4, 6, 8, 10, 12, 14), 2016/2017)

Meine Besprechung vonGreg Rucka (Autor)/J. G. Jones (Zeichner) „Wonder Woman/Batman: Hiketeia“ (Wonder Woman/Batman: The Hiketeia, 2002)

Greg Rucka in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 20. Mai: Happy End

Mai 19, 2020

Arte, 20.15

Happy End (Happy End, Frankreich/Deutschland/Österreich 2017)

Regie: Michael Haneke

Drehbuch: Michael Haneke

Bitterböses Porträt einer Bauunternehmerfamilie, in der der Patriarch sich umbringen will, die Tochter die Geschäfte führt, der Sohn fremdgeht und ihre Kinder sich so überhaupt nicht für die Firmennachfolge empfehlen.

Böswillig gesagt ist „Happy End“ ein Haneke Best-of. Schlecht ist das nicht, aber halt nicht so wahnsinnig innovativ und nicht so grandios, wie seine besten Werke.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz, Fantine Harduin, Franz Rogowski, Laura Verlinden, Toby Jones, Hassam Ghancy, Nabiha Akkari

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Happy End“

Filmportal über „Happy End“

Moviepilot über „Happy End“

Metacritic über „Happy End“

Rotten Tomatoes über „Happy End“

Wikipedia über „Happy End“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Thomas Assheuers Interviewbuch “Nahaufnahme: Michael Haneke” (2010)

Michael Haneke in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Michael Hanekes „Liebe“ (Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)

Meine Besprechung von Michael Hanekes „Happy End“ (Happy End, Frankreich/Deutschland/Österreich 2017)

Buchtipp

Schon vor über einem Jahr erschienen und mit deutlich über eintausendreihundert Seiten kein leichtes Buch: „Die Drehbücher“ von Michael Haneke. Es enthält die Drehbücher der Kinofilme von Michael Haneke. Das sind „Der siebente Kontinent“ (1989), „Benny’s Video“ (1992), „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ (1994), „Der Kopf des Mohren“ (1995, verfilmt von Paulus Manker), „Funny Games“ (1997, US-Remake 2008), „Code: Unbekannt“ (2000), „Die Klavierspielerin“ (2001), „Wolfzeit“ (2003), „Caché“ (2005), „Das weiße Band“ (2009), „Liebe“ (2012), „Flashmob“ (noch nicht verfilmt) und „Happy End“ (2017).

Für Cineasten ein Pflichtkauf.

Michael Haneke: Die Drehbücher

Hoffmann und Campe, 2019

1344 Seiten

54 Euro


TV-Tipp für den 19. Mai (+ Buchtipp): Cold in July

Mai 18, 2020

Nitro, 00.25

Cold in July (Cold in July, USA/Frankreich 2014)

Regie: Jim Mickle

Drehbuch: Jim Mickle, Nick Damici

LV: Joe R. Lansdale: Cold in July, 1989 (Kalt brennt die Sonne über Texas, Die Kälte im Juli)

Osttexas, 1989: Mitten in der Nacht überrascht und erschießt der glücklich verheiratete Vater Richard Dane einen Einbrecher. Kurz darauf möchte Ben Russell, der Vater des erschossenen Einbrechers, seinen Sohn rächen. Als die Polizei Russell auf die Bahngleise legt, rettet Dane ihn vor dem sicheren Tod. Und das ist noch nicht die letzte überraschende Wendung.

Eine gelungene Lansdale-Verfilmung mit lakonischen Dialogen, lakonischen Schauspielern und ordentlichen Portionen Suspense und Gewalt. Heute läuft der düstere Thriller als Mitternachtsfilm.

mit Michael C. Hall, Don Johnson, Sam Shepard, Vanessa Shaw, Nick Damici, Wyatt Russell

Die verdammt lesenswerte Vorlage (und in dieser Ausgabe mit Nachworten von Joe R. Lansdale und Jim Mickle, der in dem Moment die Postproduktion von „Cold in July“

machte)

Joe R. Lansdale: Die Kälte im Juli

(übersetzt von Teja Schwaner)

Heyne, 2015

272 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Kalt brennt die Sonne über Texas

(übersetzt von Kim Schwaner)

rororo, 1997

Originalausgabe

Cold in July

Bantam Books,1989

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Cold in July“

Wikipedia über „Cold in July“ (deutsch, englisch)

Homepage von Joe R. Lansdale

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Gauklersommer” (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Ein feiner dunkler Riss” (A fine dark Line, 2003)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water, 2012)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Straße der Toten“ (Deadman’s Road, 2010)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Machos und Moneten“ (Captains Outrageous, 2001)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Mein Interview mit Joe R. Lansdale zu „Das Dickicht“ (The Thicket, 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Mucho Mojo“ (ursprünglich „Texas Blues“) (Mucho Mojo, 1994)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Bissige Biester! (Rusty Puppy, 2017)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Hap & Leonard – Die Storys“ (Hap and Leonard, 2016)

 


Jimmys Bastarde fragen „Wie war das?!“

Mai 18, 2020

Der britische Superagent Jimmy Regent ist eine noch nicht einmal notdürftig getarnte Kopie von James Bond. Also von dem James Bond der Prä-Daniel-Craig-Ära. Damals rettete der immer gut gekleidete Geheimagent zwischen zwei Sexabenteuern mit immer willigen Schönheiten schnell die Welt und außer der Frage nach der richtigen Zubereitung alkoholischer Getränke gab keine Körper und Geist belastenden Probleme.

Eines Abends, so stelle ich mir den Ursprung von Jimmy Regent vor, sah Jimmy-Regent-Erfinder Garth Ennis („Preacher“, „The Boys“, „Crossed“) sich wieder einen alten Bond-Film an und fragte sich, wahrscheinlich nach dem fünften Pint (Nordiren sind ja ein trinkfreudiges Völkchen), ob James Bond bei seine zahllosen Affären nicht auch einige Kinder zeugte und welches Verhältnis die Kinder zu ihrem Vater haben, der sich nie um sie kümmerte. Also erfand er Jimmy Regent und seine Antwort auf seine Frage ist, dass Regent Vater vieler Kinder ist und dass diese ziemlich verärgert über ihren fröhlich und lautstark durch die Welt vögelnden, alle Vaterpflichten ignorierenden Erzeuger sind. Den größten Hass auf Regent hat Junior.

Zusammen mit seinen Geschwistern, den titelgebenden ‚Jimmys Bastarde‘, fasste er den Plan, sich an Regent und dem Rest der Welt zu rächen. Dafür ließen sie im ersten „Jimmys Bastarde“-Band „Getriggert“ den Geschlechtssaft, der bei den Betroffenen die Geschlechter vertauscht, auf die Welt los. Nur Jimmy Regent und seine letzte Partnerin, die überaus gutaussehende Nancy McEwan, sind immun.

Allerdings ist Regent seit einer Begegnung mit seinen Kindern nicht mehr kampffähig. Jetzt ist er Insasse einer geschlossenen Anstalt. Dort klammert er an einen kleinen Hund und liegt wimmernd in einem Schlafanzug auf dem Boden.

Also muss seine Partnerin McEwan allein gegen die Bösewichter kämpfen, die sich auf einer Insel verstecken.

Während der erste „Jimmy Regent“-Band eine köstliche und liebevolle Parodie auf James Bond und seine Welt ist, erzählt „Wie war das?!“den Endkampf zwischen Bond und dem Bösewicht, den es in jedem Bond-Film gibt. Dieses Mal mit einer Frau als Retterin der Menschheit, die mitten im Kampfgetümmel dann doch noch Hilfe von Jimmy Regent erhält.

Dieser Kampf ist spannend, mit etlichen Wendungen und, immerhin handelt es sich um eine von Garth Ennis erfundene Geschichte, sehr gewalttätig und blutig. Aber auch deutlich weniger parodistisch angelegt als „Getriggert“.

Garth Ennis//Russ Braun: Jimmys Bastarde: Wie war das?! (Band 2)

(übersetzt von Hennes Bender)

Panini, 2020

128 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Jimmy’s Bastards Volume 2: What did you just say?

AfterShock Comics, 2018

Hinweise

Wikipedia über Garth Ennis (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Will Simpson/Steve Dillons “Hellblazer – Gefährliche Laster” (Dangerous Habits, 1991)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner) „The Punisher – Garth Ennis Collection 7“ (Up is Down and Black is White, The Slavers, 2005/2006)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Goran Parlov/Leandro Fernandezs “The Punisher – Garth-Ennis-Collection 8″ (Barracuda, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 31 – 36), Man of Stone, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 37 – 42), 2006/2007)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 9“ (Widowmaker, Part 1 – 7 [Punisher (MAX) Vol. 43 – 49], Long Cold Dark, Part 1 – 5 [Punisher (MAX) Vol 50 – 54], 2007/2008)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 10“ (Valley Forge, Valley Forge, Part 1 – 6 [Punisher (MAX) Vol. 55 – 60], 2008)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Adriano Batista/Marcos Marz/Kewber Baal (Zeichner) „Jennifer Blood – Selbst ist die Frau (Band 1)“ (Garth Ennis’ Jennifer Blood: A Woman’s Work is Never Done, 2012)

Meine Besprechung von Garth Ennis und Mike Wolfers „Stitched: Die lebenden Toten“ (Band 1) (Stitched # 1 – 7, 2011/2012)

Meine Besprechung von Garth Ennis/John McCreas „Dicks – Band 1“ (Dicks # 1 – 4, 2013)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „Crossed – Monster Edition“ (enthält „Crossed“ und „Crossed Band 2: Familienbande“)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Steve Dillons „The Punisher: Frank ist zurück“ (The Punisher # 1 – 12, 2000/2001)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Goran Sudzukas „A Walk through Hell: Das verlassene Lagerhaus (Band 1)“ (A Walk through Hell # 1 – 5, 2018)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Goran Sudzukas „A Walk through Hell: Die Kathedrale (Band 2)“ (A Walk through Hell # 6 -12, 2019)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Russ Brauns „Jimmys Bastarde: Getriggert (Band 1)“ (Jimmy’s Bastards Volume 1: Trigger Warning, 2018)

 


China liefert „Zerbrochene Sterne“, Ken Liu kuratiert sie

Mai 13, 2020

Warum hasten die Leute so oft, wenn Anfangs- und Zielpunkt schon feststehen – zum Beispiel Geburt und Tod -, trotzdem auf das Ende zu?“

(Li in Hao Jingfangs „Der Neujahrszug“)

Bei all dem Erkunden von fremden und zukünftigen Welt fällt kaum auf, wie sehr sie von der US-amerikanischen Gesellschaft und Weltsicht bestimmt sind. Schließlich liest man ja gerade ein Buch, in dem fremde Rassen auf einem fremden Planeten munter über Krieg und Frieden debattieren. Oder es wird der Pioniergeist beim Bauen von Raumschiffen gehuldigt. Oder in einer Blade-Runner-Cyberpunkwelt wird gerade die Welt vernichtet. Diese Geschichten sind unbestritten, mal besser, mal schlechter erzählt, unterhaltsam und abwechslungsreich. Aber sie spiegeln halt auch immer die Probleme und Ansichten, die in der Welt wichtig sind, in der der Autor lebt und arbeitet.

Ein Autor aus einem anderen Kulturkreis, wie der in Nigeria aufgewachsene Tade Thompson in seiner in Nigeria spielenden Wormwood-Trilogie, deren erster Band „Rosewater“ vor kurzem bei Golkonda erschien, oder Cixin Liu mit seiner in China spielenden Trisolaris-Trilogie „Die drei Sonnen“, „Der dunkle Wald“ und „Jenseits der Zeit“ (Heyne), hat da eine ganz andere Sicht auf die Welt. So fällt bei vielen Geschichten von Cixin Liu das Denken in großen, oft mehrere Jahrhunderte umfassenden Zeithorizonten und das andere Verhältnis von Kollektiv/Gesellschaft und Individuum auf.

Noch tiefer in die Welt der zeitgenössischen chinesischen Science-Fiction-Szene taucht Science-Fiction-Autor Ken Liu mit dem von ihm herausgegebenen Sammelband „Zerbrochene Sterne“ ein.

Enthalten sind folgende Geschichten

Xia Jia: Gute Nacht, Traurigkeit

Cixin Liu: Mondnacht

Tang Fei: Zerbrochene Sterne

Han Song: U-Boote

Han Song: Salinger und die Koreaner

Cheng Jingbo: Der herabhängende Himmel

Baoshu: Großes steht bevor

Hao Jingfang: Der Neujahrszug

Fei Dao: Der Roboter, der gerne Quatsch erzählte

Zhang Ran: Der Schnee von Jinyang

Anna Wu: Das Restaurant am Ende des Universums: Laba-Porridge

Ma Boyong: Des ersten Kaisers liebstes Spiel

Gu Shi: Spiegelbild

Regina Kanyu Wang: Brainbox

Qiufan Chen: Das Licht

Qiufan Chen: Eine kurze Geschichte zukünftiger Krankheiten

und die wissenswerte Hintergründe vermittelnden Essays

Regina Kanyu Wang: Kurze Einführung in die chinesische Science-Fiction-Literatur und die Fan-Szene in China

Mingwei Song: Ein kurzer Kontinent für Literaturwissenschaftler: Studien zur chinesischen Science-Fiction

Fei Dao: Das Schamgefühl ist überwunden

Fast alle Geschichten wurden in den letzten zehn Jahren erstmals veröffentlicht. Die kürzeste umfasst sechs Seiten, die längste hundertzwanzig Seiten.

Bei der Lektüre der Geschichten fällt dann auf, dass es keine oder nur sehr rudimentäre Erkundungen außerirdischer Welten gibt. Eigentlich spielt, wenn man unter ‚Zukunft‘ eine wirkliche zukünftige Welt versteht, auch keine Geschichte in der Zukunft. Stattdessen wird erstaunlich oft die Vergangenheit besucht, mal als Zeitreise, mal als Alternativweltgeschichte, auch mal als eine in der Vergangenheit spielende Geschichte, in der damals zukünftige Technik vorhanden ist. Zu nennen wären hier unter anderem „Großes steht bevor“, „Der Schnee von Jinyang“ und „Des ersten Kaisers liebstes Spiel“. Öfter wird mit Fantasy-Elementen gespielt, die dann auch mehr in die Vergangenheit als in die Zukunft weisen.

Oft spielt die Geschichte über einen längeren Zeitraum oder erzählt ein Leben. Zu nennen wäre hier wieder „Großes steht bevor“. Saoshus Geschichte gehört zu den besten Geschichten des Sammelbandes. Weil aber jede Zusammenfassung der Geschichte die Pointe verraten würde, verzichte ich hier schweren Herzens darauf. Viele Geschichten sind auch, mehr oder weniger, vertrackte Gedankenspielereien, Auseinandersetzungen mit bekannten westlichen Autoren und Werken, wie „Salinger und die Koreaner“ und „Das Restaurant am Ende des Universums: Laba-Porridge“, und philosophischen Fragen. So erhält in „Mondnacht“ der Protagonist einen Anruf aus der Zukunft, durch den er Informationen erhält, mit denen er die Zukunft verändern kann. Soll er die Zukunft verändern und, wenn ja, welche Folgen hat das? „Gute Nacht, Traurigkeit“ beschäftigt sich in zwei unabhängigen Erzählsträngen mit Alan Turing und seinem bekannten Test. In „Des ersten Kaisers liebstes Spiel“ wollen Berater den Kaiser mit Computerspielen von bestimmten Politiken überzeugen.

Für meinen Geschmack sind zu viele Geschichten in „Zerbrochene Sterne“ nur notdürftig in eine Geschichte gekleidete Gedankenspielereien (die dann teilweise den Charme von der Lektüre einer Bedienungsanleitung haben) oder sich über zu lange Zeiträume erstreckende Lebensgeschichten. Das dämpft dann meine Begeisterung für den Sammelband, der – und das spricht eindeutig für ihn – einen tiefen Einblick in eine im Westen weitgehend unbekannte Science-Fiction-Szene und das heutige China ermöglicht, in dem eine direkte Kritik an der Regierung zu großen Repressionen führen kann. Es ist, und das fällt bei den von Ken Liu ausgewählten Geschichten auf, eine Welt, in der Science-Fiction-Autoren wenig Interesse daran haben, aktuelle Entwicklungen und Veränderungen direkt anzusprechen und in die Zukunft zu projizieren.

Ken Liu (Herausgeber): Zerbrochene Sterne – Die besten Erzählungen der chinesischen Science-Fiction

(übersetzt von Karin Betz, Lukas Dubro, Johannes Fiederling, Marc Hermann, Kristof Kurz, Felix Meyer zu Venne und Chong Shen)

Heyne, 2020

672 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Broken Stars

Tor Books, 2019

Hinweise

Homepage von Ken Liu

Wikipedia über Ken Liu (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: Florian Gallenbergers Siegfried-Lenz-Verfilmung „Der Überläufer“

Mai 11, 2020

2016 erschien posthum der von Siegfried Lenz bereits 1951 geschriebene Roman „Der Überläufer“. Er schrieb ihn ganz am Anfang seiner Schriftstellerkarriere. Die autobiographisch inspirierte Geschichte des jungen Wehrmachtssoldaten Walter Proska sollte als sein zweiter Roman erscheinen. Aber sein Verlag hatte Einwände gegen die Geschichte. Das Manuskript verschwand in der Schublade. Lenz schrieb danach „Duell mit dem Schatten“, „So zärtlich war Suleyken“ und viele weitere Romane und Erzählungen.

2014 starb Siegfried Lenz. In seinem Nachlass wurde das Manuskript entdeckt und vor vier vier Jahren veröffentlicht. Der Roman entwickelte sich zum Bestseller, den Florian Gallenberger („John Rabe“, „Colonia Dignidad“) jetzt mit einer hochkarätigen Besetzung als TV-Zweiteiler verfilmte.

Im Sommer 1944 stößt Proska nach einem Heimaturlaub zu einem einsam im sumpfigen polnischen Niemandsland gelegenem Posten, der die Bahnstrecke an die Front sichern soll. Partisanen belagern sie, während sie selbst sich gegenseitig nerven. Später (in der zweiten Hälfte des Romans und im zweiten Teil des Films) wechselt Proska die Seiten und kämpft auf der Seite der Roten Armee gegen deutsche Soldaten. Nach dem Krieg arbeitet er weiter für sie – und er sucht noch immer seine große Liebe Wanda. Er traf die junge Polin und Partisanin, zum ersten Mal in einem Zug, den sie in die Luft sprengen wollte.

Diese Liebesgeschichte nimmt im Film einen größeren Raum ein als im Roman. Dabei wird sie auch unglaubwürdiger. Einerseits weil ich Jannis Niewöhner und Malgorzata Mikolajczak nie das Liebespaar abkaufte, andererseits weil Wanda immer auch etwas als eine nicht von dieser Welt stammende Traumgestalt inszeniert wird. Sie ist mehr eine Fantasie als eine reale Person, die im Sumpf als Partisanin gegen Nazis kämpft.

Bernd Lange (Drehbuch) und Florian Gallenberger (Drehbuch, Regie) folgen vor allem im ersten Teil Siegfried Lenz‘ skizzenhaftem und episodischen Roman sehr genau. Sie übernehmen, bis auf wenige Ausnahmen, alle Szenen und viele Dialoge direkt aus dem Buch. Damit überträgt sich auch der alptraumhafte Stillstand aus dem Roman in den Film.

Im zweiten Teil, wenn der Roman noch skizzenhafter wird, füllen sie die Lücken aus, erfinden Episoden, legen auch eigene Schwerpunkte und präsentieren ein 1956 in Hamburg spielendes Ende, das sich von dem Romanende unterscheidet. Diese Hälfte ist dann konventioneller als die erste Hälfte.

Am Ende ist „Der Überläufer“ gediegene TV-Unterhaltung, die brav dem Roman und seinem sich durch die Geschichte treibendem und rätselhaftem Protagonisten folgt.

Dabei hätte man vor allem aus der ersten Hälfte von „Der Überläufer“ einen experimentellen Alptraum im Geist von „Apocalypse Now“ machen können. Das waren jedenfalls die Bilder, die ich beim Lesen im Kopf hatte.

Das Bonusmaterial ist mit über fünfzig Minuten erfreulich umfangreich ausgefallen. Qualitativ überzeugt die Mischung aus lobenden Schauspielerstatements und Bildern von den Dreharbeiten kaum. Immerhin wurden auch der Regisseur und die Produzenten befragt, warum sie den Film so machen wollten.

Der Überläufer (Deutschland/Polen 2020)

Regie: Florian Gallenberger

Drehbuch: Bernd Lange, Florian Gallenberger

LV: Siegfried Lenz: Der Überläufer, 2016

mit Jannis Niewöhner, Malgorzata Mikolajczak, Sebastian Urzendowsky, Rainer Bock, Bjarne Mädel, Florian Lukas, Katharina Schüttler, Alexander Beyer, Leonnie Benesch, Ulrich Tukur

Die DVD (und Blu-ray)

Pandastorm

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch DD 2.0

Untertitel: –

Bonusmaterial: Making of, Interviews mit Cast & Crew

Länge: 171 Minuten (2 x 85 Minuten)

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Siegfried Lenz: Der Überläufer

Hoffmann und Campe, 2016

368 Seiten

25 Euro

Taschenbuch-Ausgabe, jetzt mit Filmcover

Atlantik, 2020

12 Euro

Hinweise

Das Erste über „Der Überläufer“

Pandastorm über „Der Überläufer“

Filmportal über „Der Überläufer“

Moviepilot über „Der Überläufer“

Wikipedia über „Der Überläufer“ (Verfilmung) und Siegfried Lenz

Hoffman und Campe über Siegfried Lenz

Offizielle deutsche Homepage von Siegfried Lenz

Perlentaucher über Siegfried Lenz‘ „Der Überläufer“

Meine Besprechung von Florian Gallenbergers „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ (Deutschland/Luxemburg/Frankreich 2015)

Meine Besprechung von Christian Schwochows Siegfried-Lenz-Verfilmung „Deutschstunde“ (Deutschland 2019)


Mark Millars „Sharkey the Bounty Hunter“ macht „Krawall im All“

Mai 11, 2020

Wer nicht schon wieder mit den Guardians of the Galaxy abhängen will oder die Abenteuer der „Serenity“-Crew (wahrheitsgetreu aufgezeichnet in der TV-Serie „Firefly“, einem Spielfilm, Comics und Büchern) oder von Han Solo und Chewbacca (ebenso wahrheitsgetreu aufgezeichnet in den multimedialen Annalen vom Krieg der Sterne) wieder ansehen will, der sollte sich „Sharkey the Bounty Hunter“ ansehen. Mark Millar hat Sharkey erfunden und sein erstes Abenteuer, der Comic „Krawall im All“, ist genau das Weltraumabenteuer, das auch Han Solo oder „Serenity“-Captain Malcolm Reynolds zustoßen könnte.

Sharkey, der sich stilistisch mit seinem Porno-Oberlippenschnauzer und dem Cowboyhut am etablierten großspurigen Redneck-Outfit orientiert, ist ein Kopfgeldjäger, Glücksritter, Ex-Elitesoldat (was einige seiner Fähigkeiten und seinen Ehrenkodex erklärt), Einzelgänger und notorisch pleite. Deshalb ist er auch einverstanden Edra Deering, die meistgesuchte Frau der Galaxis, zu jagen.

Begleitet wird er von dem Waisenjungen Extra-Billy. Der Junge ist ein Überbleibsel von seinem letzten Auftrag. Sharkey hat Extra-Billys Onkel festgenommen und das auf ihn ausgesetzte Kopfgeld kassiert. Abzüglich seiner immensen Spielschulden. Jetzt kümmert sich niemand mehr um das Kind und Sharkey hat die moralische Verpflichtung den Waisenjungen zu seinen nächsten Verwandten zu bringen. Die leben am anderen Ende der Galaxis. Der Kinderhasser tut dies nur, weil er diesen Transport mit der Jagd nach Deering verbinden kann. Oh, und wegen seines Ehrenkodex.

Das ist der Beginn eines unterhaltsamen Weltraumabenteuers, das ziemlich genau das liefert, was es verspricht.

Mark Millar/Simone Bianchi: Sharkey the Bounty Hunter – Krawall im All

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2020

172 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Sharkey the Bounty Hunter # 1 – 6

Netflix, 2020

Hinweise

Homepage von Mark Millar

Meine Besprechung von Mark Millar/J. G. Jones‘ „Wanted (Mark Millar Collection 1)“ (Wanted # 1 – 6, Dezember 2003 – Februar 2005)

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Nemesis“ (Nemesis, 2010/2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/Grant Morrisons “Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)”

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Wolverine: Old Man Logan“ (Old Man Logan, 2008/2009)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 1)“ (Kick-Ass 2 – Issue 1 – 4, Dezember 2010 – November 2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 2)“ (Kick-Ass 2 – Issue 5 – 7, Januar – Mai 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Hit-Girl – Kick-Ass 2: Die Vorgeschichte“ (Hit-Girl, Issue 1 – 5, August 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yus „Superior – Band 2“ (Superior, Issue 5 – 7, Dezember 2011 – März 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Gibbons‘ „Secret Service“ (Secret Service # 1- 6, Juni 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 1“ (Kick-Ass 3, # 1 – 5, Juli 2013 – Januar 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 2“ (Kick-Ass 3 – # 6 – 7, April – August 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yu/Nacho Vigalondos (Co-Autor/Drehbuch) „Super Croocks – Band 1: Der Coup“ (Super Crooks # 1 – 4, 2012)

Meine Besprechung von Jeff Wadlows Mark-Millar-Verfilmung „Kick-Ass 2“ (Kick-Ass 2, USA 2013)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Johnson/Kilian Plunketts „Genosse Superman (Mark Millar Collection 4)“ (Superman: Red Son # 1 – 3, 2003)

Meine Besprechung von Mark Millar/Rafael Albuquerque/Dave McCaigs „Huck – Held wider Willen“ (Huck # 1 – 6, November 2015 – April 2016)

Meine Besprechung von Mark Millar/Stuart Immonens „Empress“ (Empress # 1 – 7, Juni 2016 – Januar 2017)

Meine Besprechung von Mark Millar/Greg Capullos „Reborn“ (Reborn # 1 – 6, Oktober 2016 – Juni 2017)

Meine Besprechung von Mark Millar/Olivier Coipels „The Magic Order“ (The Magic Order # 1 – 6, 2018/2019)

Mein Besprechung von Mark Millar/Wilfredo Torres‘ „Jupiter’s Circle“ (Jupiter’s Circle # 1 – 6, 2015; Jupiter’s Circle 2 # 1 – 6, 2015/2016)

Meine Besprechung von Mark Millar/Ricardo Lopez Ortiz‘ „Hit-Girl in Kolumbien“ (Hit-Girl (2018) # 1 – 4, 2018)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita Jr. „Kick-Ass: Frauenpower“ (Kick-Ass (2018) # 1 – 6, 2018)

Meine Besprechung von Mark Millar/Rafael Albuquerques „Prodigy: Die böse Erde“ (Prodigy: The evil earth # 1 – 6, 2019)


„Blade Runner 2019: Los Angeles“, Regen und wieder Ärger mit Replikanten

Mai 7, 2020

Vor über fünfzig Jahren erschien „Träumen Roboter von elektrischen Schafen?“, ein kleiner Science-Fiction-Roman, der ohne die freie Verfilmung „Blade Runner“ wahrscheinlich weitgehend vergessen wäre. Dabei war die Verfilmung von Philip K. Dicks Roman an der Kinokasse nicht so wahnsinnig erfolgreich. Aber ziemlich schnell entwickelte Ridley Scotts SF-Noir sich zu einem Kultfilm, dessen stilbildender Einfluss nicht hoch genug gewertet werden kann.

Seitdem gab es Computerspiele, Comics, Romane und die gut aussehende, aber elend langweilige Filmfortsetzung „Blade Runner 2049“, die in der „Blade Runner“-Welt spielen. Es gab auch Myriaden von Computerspielen, Comics, Romanen, Filmen und TV-Serien, die mehr oder weniger stark von der „Blade Runner“-Welt und -Optik inspiriert sind.

Der jetzt erschienene Comic „Blade Runner 2019“ von den Autoren Michael Green und Mike Johnson und Zeichner Andrés Guinaldo knüpft direkt an Scotts Film an. Die Comicgeschichte spielt, mit anderen Figuren, mehr oder weniger parallel zu den Ereignissen aus dem Film (1982 war 2019 noch in der fernen Zukunft).

Aahna ‚Ash‘ Ashina ist im Los Angeles Police Department ein Blade Runner. Wie Rick Deckard jagt sie die menschenähnlichen Replikanten der Tyrell Corporation, die ihren Arbeitsplatz auf einem fernen Planeten, entgegen ihrer Programmierung und unerlaubt, für einen Besuch auf der Erde verlassen.

Jetzt soll sie für Alexander Selwyn, den stinkreichen Besitzer der Canaan Corporation, seine spurlos verschwundene Frau und ihre vierjährige Tochter finden. Ash macht sich auf die Suche und sie stolpert dabei schnell in einen typischen Hardboiled-Plot, der ferne (zugegeben sehr ferne, eher assoziative als echte) Erinnerungen an Raymond Chandlers Philip-Marlowe-Roman „The big Sleep“ (Der tiefe Schlaf/Der große Schlaf) weckt. Auch wenn niemand Ash mit Humphrey Bogart verwechseln wird.

Diese Hardboiled-PI-Geschichte spielt in der von Ridley Scott etablierten Welt spielt. Damit sieht dann alles so aus, wie wir es aus der SF-Noir-Dystopie kennen. Bis Ash Los Angeles verlässt.

Blade Runner 2019: Los Angeles“ ist ein gelungener Auftakt, der neugierig auf die weiteren Erlebnisse von Ash macht. Die spielen dann nicht mehr im dauerverregneten Los Angeles, sondern, so wird am Ende angedeutet, in den Kolonien.

Michael Green war als Drehbuchautor in „Blade Runner 2049“, „Mord im Orient-Express“ und „Alien: Covenant“ involviert. Bei TV-Serien wie „Smallville“, „Heroes“ und „American Gods“ gehörte er zu den Autoren und Produzenten.

Mike Johnson war als Comicautor in mehrere „Star Trek“- und „Tramsformers“-Geschichten involviert.

Der Spanier Andrés Guinaldo startete seine internationale Karriere mit der Comic-Adaption von Joe R. Lansdales kultig-abgedrehten „Drive In“-Romanen. Seitdem zeichnete er Geschichten mit Captain America, Doctor Strange, Hulk, Green Lantern und Batman.

Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldo: Blade Runner 2019: Los Angeles

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2020

116 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Blade Runner 2019 # 1- 4

Titan Comics, 2020

Hinweis

Wikipedia über das Blade-Runner-Franchise


TV-Tipp für den 3. Mai (+ Buchkritik): Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Mai 2, 2020

Pro7, 20.15

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (The Shape of Water, USA 2017)

Regie: Guillermo del Toro

Drehbuch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor (nach einer Geschichte von Guillermo del Toro)

TV-Premiere – und wegen der Uhrzeit wird um 20.15 Uhr eine gekürzte Fassung gezeigt. Die Nachtwiederholung dürfte ungekürzt sein.

Guillermo del Toros sehr gelungene, mit zahlreichen Preisen (u. a. Oscar als bester Film des Jahres) ausgezeichnete Version vom „Schrecken vom Amazonas“. Der Fischmensch wird 1962 in Baltimore in einem Regierungslabor als Forschungsobjekt gefangen gehalten. Als eine stumme Putzfrau zu dem Wesen eine Beziehung aufbaut, beginnt eine der schönsten Liebesgeschichten des zeitgenössischen Kinos, die auch eine detailverliebte Liebeserklärung an die alten Hollywood-Monsterheuler und ein subversives Märchen über gesellschaftliche Außenseiter, die sich respektvoll, human und ohne Vorurteile begegnen, ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (mit Clips und Interviews).

mit Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Michael Stuhlbarg, Doug Jones, David Hewlett, Nick Searcy, Stewart Arnott

Der Filmroman

folgt selbstverständlich der Filmgeschichte. Allerdings erfahren wir mehr über die einzelnen menschlichen Figuren und auch was Richard Strickland im Dschungel bei der Suche nach dem legendären Fischmenschen erlebte. Diese Nebengeschichten variieren das Thema des Films und erhellen das damalige Denken und die damals herrschenden Ansichten. Dummerweise drängen diese Nebengeschichten die Hauptgeschichte in den Hintergrund.

Guillermo del Toro/Daniel Kraus: The Shape of Water

(übersetzt von Kerstin Fricke)

Knaur, 2018

432 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

The Shape of Water

Feiwel and Friends/Macmillan, 2018

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Shape of Water“

Metacritic über „The Shape of Water“

Rotten Tomatoes über „The Shape of Water“

Wikipedia über „The Shape of Water“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ (Pacific Rim, USA 2013)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Crimson Peak“ (Crimson Peak, USA 2015)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „The Shape of Water – Das Flüstern des Waters“ (The Shape of Water, USA 2017)


„Moonshine“ Whiskey inspiriert Brian Azzarello und Eduardo Risso zum zweiten Mal

April 22, 2020

Die USA, während der Prohibition: in den Appalachen produziert Hiram Holt einen exzellenten Schnaps, den der New-Yorker-Mafiaboss Joe Masseria gerne in den Speakeasies von New York verkaufen möchte. Er schickt Lou Pirlo zu den Hinterwäldlern.

Im ersten „Moonshine“-Sammelband schilderten Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso, das „100 Bulllets“-Dreamteam, wie die Verhandlungen zwischen den harten Mafiosi und den tumben Dörflern sich anders als geplant entwickeln. Das liegt auch daran, dass in den einsamen Wäldern auch Werwölfe ihre Beute suchen. Mit ihrem Essgewohnheiten beeinflussen sie die Verhandlungen entscheidend.

Im zweiten Band erzählen Azzarello und Risso die Geschichte weiter. Die Mafia will immer noch den Schnaps von der Familie Holt kaufen. Zur gleichen Zeit gelingt Lou Pirlo mit seiner Geliebten Delia die Flucht in Richtung New Orleans. Kurz vorm Ziel wird Pirlo verhaftet und Kettensträfling. Vom ersten Tag an plant er seine Flucht.

Im zweiten „Moonshine“-Sammelband weiten Azzarello und Risso den Blick von einer kleinen Prohibitionsgangstergeschichte zu einem größeren Epos. Am Ende des Buches wird auch eine Fortsetzung angekündigt. In den USA erscheint diese, nach einer längeren Pause, seit November 2019.

Die Geschichte des zweiten „Moonshine“-Sammelbandes liest sich wie der Mittelteil einer Trilogie. Einige Handlungsfäden aus dem ersten Band werden abgeschlossen, einige werden weiter erzählt und es geht vor allem darum, die verschiedenen Figuren von einem Ort zu einem anderen Ort zu bringen. Das gelingt Azzarello und Risso ziemlich kurzweilig. Die von Azzarello erfundene Geschichte wühlt tief in der Mythologie der US-Geschichte, vor allem natürlich der Geschichte der Prohibition und des Verbrechens, und der Populärkultur, die uns in unzähligen Gangsterfilmen zeigte, wie es damals in den USA aussah. Risso knüpft mit seinen Panels an diese Bilder an, transportiert sie in ein anderes Medium und schafft farbige Zeichnungen, die mühelos auch als Plakate veröffentlicht werden könnten. In diesem Fall sind die Bilder beeindruckender als die Geschichte, die doch, bis auf die Sache mit den Werwölfen, etwas zu vorhersehbar den vertrauten Pfaden des Gangsterfilms folgt.

Brian Azzarello/Eduardo Risso: Moonshine: Band 2

(übersetzt von Christof Bango)

Cross Cult, 2019

144 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Moonshine, Volume #2

Image Comics, 2017

Hinweise

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs „Loveless 3 – Saat der Vergeltung” (Loveless: Blackwater Falls, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs “Loveless 4 – Stunde der Abrechnung” (Loveless, Vol. 19 – 24, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets – Dekadent (Band 10)“ (100 Bullets: Decayed, Volume 68 – 75)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos/Eduardo Rissos „!00 Bullets: Das Einmaleins der Macht (Band 11)“ (100 Bullets: Once upon a crime, Volume 76 – 83)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets: Das dreckige Dutzend (Band 12)“ (100 Bullets: Dirty, Volume 84 – 88)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets: Freitag (Band 13) (100 Bullets: Wilt, Volume 89 – 100)

Meine Besprechung von Brian Azzarello (Autor)/Eduardo Risso (Zeichner): Batman – Kaputte Stadt, 2012 (Broken City: Part 1 – 5, Conclusio (Batman # 620 – 625), Dezember 2003 – Mai 2004)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Before Watchmen: Rorschach“ (Before Watchmen: Rorschach – Damntown (Part One – Four), 2012/2013)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Matteo Casalis „Batman: Europa (Batman: Europa, 2016)

Meine Besprechung von Frank Miller/Brian Azzarello/Andy Kubert/Klaus Janson/Brad Anderson/Alex Sinclairs „Batman – Die Übermenschen“ (Dark Knight III: The Master Race # 1 – 9, 2018 )

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „Batman: Kaputte Stadt und weitere Abenteuer“ (Batman: Gotham Knights #8, 2000; Batman # 620 – 625, 2003/2004; Flashpoint: Batman – Knight of Vengeance # 1 – 3, 2011; Wednesday Comics # 1 – 12, 2009)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman: Damned – Band 1“ (Batman: Damned # 1, 2018)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman: Damned – Band 2“ (Batman: Damned # 2, 2018)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „Moonshine – Band 1“ (Moonshine, Volume 1, 2017)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman: Damned – Band 3“ (Batman: Damned 3, 2019)


Die „Deadly Class“ feiert das Semesterende

April 17, 2020

Eine normale Schule ist das King’s Dominion nicht. Erstens weil es eine Eliteschule ist, in der vor allem Kinder aus sehr vermögenden Familien aufgenommen werden. Und, weil man als Bildungseinrichtung seine soziale Verantwortung kennt, einige Habenichtse, die kein Schulgeld bezahlen müssen. Zweitens weil auf dem Stundenplan nicht nur die üblichen Fächer, sondern auch eine Ausbildung zum Profikiller steht.

Einer der Habenichtse der ‚Kings Akademie der tödlichen Künste‘ ist Marcus Lopez Arguello. Er lebte zuletzt in San Francisco auf der Straße und er will aus familiären Gründen Ronald Reagan töten. Am Anfang des dritten „Deadly Class“-Sammelbandes steht er mit dem Kopf seines Klassenkameraden Chico in der Hand vor Chicos Vater, dem Boss eines mexikanischen Kartells. Der ist vom Tod seines Kindes nicht begeistert und er möchte ihn blutig rächen.

Zusammen mit seinen Schulkameraden versuchen sie lebend aus dieser Situation herauszukommen.

Der vierte „Deadly Class“-Sammelband beginnt mit der Abschlussprüfung für das erste Semester. Die Schüler müssen nur eine Aufgabe lösen, ähm, überleben. Denn der Schuldirektor Meister Liln will, dass die ‚Ratten‘, also Schüler, die gegen Schul- und Killerregeln verstießen, getötet werden. Die Jagd ist eröffnet und Marcus, der in den vergangenen Monaten genug Verfehlungen angesammelt hat, um ganz oben auf der Liste zu stehen, rennt um sein Leben. Dabei fragt er sich, wem von seinen Freunden er noch vertrauen kann und welcher seiner Klassenkameraden ihn als erstes umbringen will.

Diese darwinistische Auslese ist zwar ziemlich idiotisch, sorgt aber auf den nächsten Seiten für viel Action, Mord & Totschlag und Blutvergießen. Bis zum Ende ist ungewiss, wer überlebt und wer wie stirbt.

In der Comicserie „Deadly Class“ verknüpfen Autor Rick Remender und Zeichner Wes Craig eine knallharte Kriminalgeschichte mit dem von Lieben, Trieben und Schulproblemen dominierten Coming-of-Age-Schuldrama und garnieren es, weil die Geschichte in den Achtzigern spielt, mit einer ordentlichen Portion Nostalgie. Der Lohn sind euphorische Kritiken, treue Leser und eine auf den Comics basierende TV-Serie. Die TV-Serie wurde nach einer Ministaffel eingestellt. Die Comicserie erscheint immer noch.

Für den Einstieg eignet sich dabei der vierte „Deadly Class“-Sammelband „Stirb für mich!“ sehr gut. Schließlich wird eine blutige Menschenjagd mit wechselnden Koalitionen erzählt. Um das zu Verstehen, muss man nicht unbedingt die ersten Bände, die teilweise sehr in Richtung nostalgisch gefärbte Coming-of-Age-Erzählung gehen, kennen.

Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridge: Deadly Class: 1988 – Die Schlangengrube (Band 3)

(übersetzt von Michael Schuster)

Cross Cult, 2019

128 Seiten

16,80 Euro

Originalausgabe

Deadly Class Volume 3: The Snake Pit

Image Comics, 2019

Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyd: Deadly Class: 1988 – Stirb für mich (Band 4)

(übersetzt von Michael Schuster)

Cross Cult, 2020

136 Seiten

16,80 Euro

Originalausgabe

Deadly Class Volume 4: Die for me

Image Comics, 2020

Hinweise

Homepage von Rick Remender

Wikipedia über „Deadly Class“ (Comic) (TV-Serie: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Rick Remenders „Punisher 4: Frankencastle 2“ (FrankenCastle # 17 – 19, 2010)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Lee Louhridges „Deadly Class: 1987 – Die Akademie der tödlichen Künste (Band 1)“ (Deadly Class Volume 1: Reagan Youth, 2014)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Lee Louhridges „Deadly Class: 1988 – Kinder ohne Heimat (Band 2)“ (Deadly Class Volume 2: Kids of the Black Hole, 2015)


Doofe Entführer erpressen die „Falsche Ursula“

April 16, 2020

Die Frau auf dem Buchcover ist nicht die titelgebende „Falsche Ursula“. Denn diese Ursula ist nach eigener Einschätzung „fett“ und ihre periodischen Fressattacken sind erschreckend umfangreich. Ihr Selbsthass und ihr Hass auf die Welt ebenso. Sie ist ungefähr so nett und sozialverträglich wie die von Melissa McCarthy in „Can you ever forgive me?“ gespielte Fälscherin.

Aber Ursula López ist keine Fälscherin, sondern eine in Montevideo in einem Mietshaus lebende Übersetzerin, die sich über die über ihr feiernde und mit Stöckelschuhen durch die Wohnung laufende Person aufregt und, erfolglos, Weight-Watchers-Treffen besucht . Eines Tages erhält Ursula einen Anruf. Ihr Mann wurde entführt und sie soll eine Million Lösegeld zahlen. In welcher Währung sagen die Entführer nicht, aber es würde in jedem Fall ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigen. Außerdem hat sie keinen Mann.

Bevor sie das dem Anrufer sagen kann, hat der das Gespräch schon beendet.

Ursula entschließt sich mitzuspielen. Sie trifft den Entführer, der gar nicht so unsympathisch ist.

Wer Mercedes Rosendes neuen Roman „Falsche Ursula“ in der Erwartung auf einen spannenden Krimi über eine schief gehende Entführung liest, dürfte enttäuscht sein. Ursula erhält den Anruf erst in der Buchmitte und auch in der zweiten Hälfte steht der Kriminalfall nicht unbedingt im Mittelpunkt der Geschichte.

Im Mittelpunkt steht Ursula und ihr Leben. Rosende schildert das aus Ursulas Perspektive, ergänzt um einige Gespräche der Entführer mit ihrer Geisel und schriftliche Dokumente. Damit ist das Charakterporträt vor allem eine schön schwarzhumorige Geschichte mit einer nicht essentiellen Krimibeigabe.

Beim Lesen erinnert Rosendes „Falsche Ursula“ mich an Hannelore Cayres im Original zeitgleich veröffentlichten Roman „Die Alte“. In beiden rotzfrechen Büchern steht eine etwas ältere, sich selbst als unattraktiv einschätzende, die Welt hassende Frau im Mittelpunkt. Beide Male stolpert sie zufällig in eine Kriminalgeschichte. Einmal geht es um Drogenhandel, einmal um eine Entführung. Beide Male offenbart die Protagonistin im Umgang mit den Verbrechen und dem Verbrechen auch für sie ungeahnte kriminelle Fähigkeiten. Beide Romane sind mit jeweils um die zweihundert Seiten angenehm kurz. Und beide, uhm, Kriminalromane sind eine sehr vergnügliche Lektüre für Krimifans, die nicht nur Ermittler*innenkrimis lesen wollen.

Mercedes Rosende: Falsche Ursula

(übersetzt von Peter Kultzen)

Unionsverlag, 2020

208 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

Mujer equivocada

Estuario Editora, Montevideo, 2017

Hinweise

Unionsverlag über Mercedes Rosende

Wikipedia über Mercedes Rosende

Perlentaucher über „Falsche Ursula“