LV: Robert Moore: A Time to Die: The Untold Story of the Kursk Tragedy, 2002 (aktualisierte Neuausgabe unter „Kursk“)
Angenehm unpathetische Rekonstruktion der Tragödie der „Kursk“. Im August 2000 explodiert in dem russischen U-Boot ein Torpedo. Die meisten Besatzungsmitglieder sterben sofort. 23 Männer überleben die Explosion und kämpfen anschließend um ihr Leben, während die Rettungsaktionen erschreckend langsam anlaufen und das russische Militär internationale Hilfe ablehnt.
mit Matthias Schoenaerts, Léa Seydoux, Peter Simonischek, August Diehl, Max von Sydow, Colin Firth, Bjarne Henriksen, Magnus Millang, Artemiy Spiridonov, Joel Basman, Matthias Schweighöfer, Pernilla August, Martin Brambach
Drehbuch: Roland Kibee, James R. Webb (nach einer Story von Borden Chase)
1866 machen die beiden Glücksritter Trane und Erin Mexiko unsicher. Denn sie sind nicht politischen Ideologien, sondern grünen Scheinen treu.
Damals ein gewaltiger Erfolg an der Kasse, später eines der Vorbilder für den Spaghetti-Western und heute immer noch höchst unterhaltsam anzusehen, wie zwei Jungs mit einigen lässigen Sprüchen und Schüssen die mexikanische Revolution zur Operette degradieren.
Anschließend, um 21.45 Uhr, zeigt Arte, anscheinend als TV-Premiere, die 55-minütige Doku „Irresistible Gary Cooper“ (Frankreich 2019).
Mit Gary Cooper, Burt Lancaster, Denise Darcel, Cesar Romero, Ernest Borgnine, Charles Bronson (noch als Charles Buchinsky), Jack Elam
Screamers – Tödliche Schreie(Screamers, Kanada/USA/ Japan 1995)
Regie: Christian Duguay
Drehbuch: Dan O’Bannon, Miguel Tejada-Flores
LV: Philip K. Dick: Second Variety, 1953 (Variante 2; Kurzgeschichte)
Sirius 6 B, 2078: auf dem rohstoffreichen Planeten bekämpfen sich zwei mächtige Wirtschaftsblöcke. Die Allianz setzt gegen die Männer des New Economic Block die titelgebenden Screamers. Diese auf Menschen reagierende Killerroboter könnten sich weiterentwickelt haben. Sie könnten sogar wie Menschen aussehen. Allianz-Colonel Hendricksson gerät zwischen die Fronten.
Knackiges, hübsch paranoides B-Picture für den Genre-Junkie
mit Peter Weller, Roy Dupuis, Jennifer Rubin, Andy Lauer, Charles Edwin Powell
Cédric Jimenez liefert in „November“ eine packende Rekonstruktion der mehrtägigen Jagd der Anti-Terror-Einheit SDAT auf die Terroristen, die für die Anschläge auf das Bataclan und weitere Orte in Paris am 13. November 2015 verantwortlich waren.
„Amrum“ könnte der schlechteste Film von Hark Bohm sein. ‚könnte‘, weil ich nicht alle, aber fast alle Filme von ihm gesehen habe und sie mir durchgängig gefielen. Ich sage das auch schweren Herzens. Denn es könnte sein letzter Film sein und, jedenfalls von der Filmgeschichte, ist diese Filmgeschichte direkt autobiographisch inspiriert. Es geht um einen zwölfjährigen Jungen und seinen Alltag auf der Insel Amrum während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs.
Es ist auch ein weiterer Film von Hark Bohm, in dem Jugendliche, ihre Welt und ihre Probleme, Ziele und Wünsche im Mittelpunkt stehen. In seinemn Debüt „Tschetan, der Indianerjunge“, „Nordsee ist Mordsee“, „Moritz, lieber Moritz“ und „Yasemin“ standen ebenfalls Jugendliche im Mittelpunkt. Am Drehbuch für Fatih Akins „Tschick“ schrieb er mit.
Bohm ist also ein Geschichtenerzähler, der schon einige ausgezeichnete Jugendfilme inszenierte. Was sollte schon schiefgehen? Vor allem wenn es dieses Mal sogar und im Gegensatz zu seinen vorherigen Filmen, wie „Der Fall Bachmeier – Keine Zeit für Tränen“, „Der kleine Staatsanwalt“ und „Vera Brühne“, sogar um eine persönliche Geschichte geht?
Ein großes Problem war Bohms Gesundheitszustand. Er sah sich schon vor Jahren nicht mehr in der Lage, den Film nach seinem Drehbuch zu inszenieren. In diesem Moment kam Fatih Akin ins Spiel. Den Roman „Amrum“ schrieb Bohm später.
Auch Fatih Akin ist ein Geschichtenerzähler, der schon mehrere überzeugende Filme mit jüngeren Protagonisten inszenierte. Außerdem war „Yasemin“ für ihn ein wichtiger Film. Es war der erste Film, der ihm zeigte, dass er als Kind türkischer Einwanderer in Hamburg Filme über sein Leben machen könnte. Bohm erzählt in „Yasemin“ die Liebesgeschichte zwischen einem zwanzigjährigem deutschen Studenten und einer siebzehnjährigen Türkin und den damit zusammenhängenden Culture Clash.
Später wurde Hark Bohm Fatih Akins Mentor und Freund. Und jetzt inszenierte Fatih Akin „Amrum“. Aber in diesem Fall handelt es sich nicht einfach um den häufiger vorkommenden Fall, dass ein Regisseur das Buch eines anderen Regisseurs verfilmt. Schon der Filmanfang mit den Worten „Ein Hark Bohm Film von Fatih Akin“ sagt, dass Fatih Akin sich in diesem Fall als Erfüllungsgehilfen von Hark Bohm sieht. Bei diesem Film ist er in erster Linie ein Handwerker, der die Vision eines anderen möglichst getreu umsetzt.
Dementsprechend ist „Amrum“ der Akin-Film in dem am wenigsten von Akin sichtbar ist. Er wollte und inszenierte einen Hark-Bohm-Film. Basierend auf einem Drehbuch von Hark Bohm, das Akin überarbeitete und von, in der ersten Fassung, der Länge eines TV-Mehrteilers auf Spielfilmlänge kürzte. Die Geschichte basiert auf den Erinnerungen des am 18. Mai 1939 in Hamburg geborenen und auf Amrum aufgewachsenem Hark Bohm.
Im Mittelpunkt des episodischen, im April 1945 während der letzten Kriegstage spielenden Films steht der zwölfjährige Nazi-Junge Nanning (Jasper Billerbeck). Seine hochschwangere Mutter ist immer noch eine fanatische Hitler-Verehrerin. Sein Vater ist in Kriegsgefangenschaft. Zusammen mit seinen jüngeren Geschwistern flohen sie aus Hamburg auf die Insel, wo sie die Fremden sind.
Lose zusammengehalten wird der Film von Nannings Versuch, seiner Mutter ihren größten Wunsch zu erfüllen. Sie möchte ein Honigbrot mit Butter. Dafür muss er in mühevoller Kleinarbeit zuerst die Zutaten besorgen.
Akin erzählt die Filmgeschichte chronologisch als eine in wenigen Tagen spielende Abfolge von weitgehend unabhängigen Episoden, teils mit bekannten Schauspielern, wie Detlev Buck und Matthias Schweighöfer, die dann nur Gastauftritte haben. Die meiste Zeit verbringt Nanning alleine auf der Insel. Potentielle Konflikte werden angetippt, aber nicht weiterverfolgt. Das gilt vor allem für den Umgang der Inselbewohner mit Fremden. Dazu gehören Nanning und seine Familie, die zwar Wurzeln auf der Insel haben, aber jetzt die Hamburger sind, und die am Filmanfang eintreffenden Flüchtlinge aus Schlesien und Ostpreußen. Das gilt auch für den Nationalsozialismus, der nicht mehr als ein folkloristisches Hintergrundrauschen ist. Hier vergibt Akin erzählerische Möglichkeiten zugunsten der Geschichte von der Beschaffung eines Brotes, die auch zu jeder anderen Zeit und an jedem anderen Ort spielen könnte.
Illustrieren tut Akin dies mit Postkartenbildern von der Insel, in die er seine brandneue Kleider tragenden Schauspieler drapiert. Der Horizont ist dabei meist in der Bildmitte, was laut John Ford, zitiert nach Steven Spielbergs Erinnerungsfilm „The Fabelmans“, „boring as shit“ ist. „Amrum“ wirkt wie der Beweis für diese Ansicht.
Natürlich ist „Amrum“ objektiv betrachtet kein schlechter Film. Es ist nur ein weiterer gut gemeinter, niemals packender Film. Früher nannte man solche Filme Auftragsarbeiten. Und das ist viel weniger, als man von einem Film von Hark Bohm und Fatih Akin erwartet.
Amrum (Deutschland 2025)
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Hark Bohm, Fatih Akin
mit Jasper Billerbeck, Kian Köppke, Laura Tonke, Lisa Hagmeister, Diane Kruger, Detlev Buck, Lars Jessen, Matthias Schweighöfer, Jan Georg Schütte, Marek Harloff, Steffen Wink
Ein Film – – – muss nicht teuer sein, um gut zu sein. Der Regisseur muss nur eine Idee, ein daraus entstandenes Drehbuch, einige Schauspieler, einige Tage Zeit und ein iPhone haben. Drehgenehmigungen hatte er, jedenfalls sehen die Außenaufnahmen so aus, nicht. Falls doch, wurde nichts abgesperrt. Warum auch? Schließlich sind heute in Städten Smartphones so allgegenwärtig, dass sich niemand mehr nach einem Menschen umdreht, der etwas aufnimmt.
So drehte Radu Jude, direkt im Anschluss an seine dreistündige sehr freie „Dracula“-Adaption (deutscher Starttermin: unklar), innerhalb von knapp elf Tagen, ohne zusätzliche Beleuchtung oder Grip-Ausstattung „Kontinental ’25“.
In Cluj, der Hauptstadt Transsylvaniens, bringt sich ein Obdachloser um in seinem sparsam eingerichteten Unterschlupf im Keller eines Hauses, das einem Luxushotel weichen soll. Er stranguliert sich an der Heizung, während die Gerichtsvollzieherin Orsolya (Eszter Tompa) bei ihm eine Zwangsräumung vollstrecken will.
Danach fühlt Orsolya sich schuldig und spricht mit verschiedenen Menschen, die ihr mehr oder weniger nahe stehen, darüber.
Inszeniert hat Jude seinen neuen Film in langen, etwas ziellosen Szenen. Anstatt eine voranschreitende Geschichte zu erzählen, erzählt Orsolya immer wieder, fast wortgleich die Geschichte von dem Suizid des Obdachlosen und ihren Schuldgefühlen. Das langweilt schnell. Es fehlen auch die ätzenden satirischen Zuspitzungen seiner vorherigen Filme. In „Kontinental ’25“ entwickelt sich alles deutlich bedächtiger, ernster und humorfreier.
Auffallend ist, nachdem er früher immer einen offensiv ausgelebten Kult des Dilletantismus, der fröhlichen Improvisation und der Vielfalt der verwendeten Mittel predigte, wie formal geschlossen, überlegt in seiner Struktur und sich, auf verschiedenen Ebenen, offen auf andere Filme beziehend „Kontinental ’25“ ist. Die Struktur hat er von Alfred Hitchcocks „Psycho“ übernommen. In „Psycho“ beginnt Hitchcock mit der Geschichte des zukünftigen Opfers Marion Crane. Nach einem Drittel des Films wird sie von Norman Bates in einer Dusche ermordet. Anschließend steht Bates im Zentrum des Films. Weil auch er ein Opfer ist, kann man als Zuschauer seine Sympathie von Crane auf Bates übertragen. Gleiches gilt für „Kontinental ’25“. Der Obdachlose, der am Filmanfang im Mittelpunkt des Films steht, ist ein Opfer der Gesellschaft. Orsolya ebenso. Und wie Norman Bates muss sie mit ihren Schuldgefühlen umgehen.
Gleichzeitig ist Judes Film eine Hommage an und Karikatur von Roberto Rossellinis Drama „Europa 51“. Rossellini erzählt eine größtenteils andere Geschichte. Bei Rossellini beginnt die vermögende Irene Gerard (Ingrid Bergmann) nach dem Suizid ihres Sohnes, von Schuldgefühlen geplagt und nach Erlösung suchend, eine Reise durch die Arbeiterklasse von Rom. Irene lernt die Welt kennen, in der Orsolya lebt.
Auf der Berlinale erhielt „Kontinental ’25“ den Silbernen Bären für das beste Drehbuch.
Kontinental ’25(Kontinental ’25, Rumänien 2025)
Regie: Radu Jude
Drehbuch: Radu Jude
mit Eszter Tompa, Gabriel Spahiu, Adonis Tanța, Oana Mardare, Șerban Pavlu
1982 zeigt „Tron“ dem Kinopublikum, wie es in einem Computer aussieht, bevor Computer die Kinderzimmer (und Büros) eroberten. Cyberpunk, Cyberspace und die Matrix kamen erst später.
Der Film wurde für seine Tricks gelobt, für den Rest kritisiert und wurde seitdem zu einem einflussreichem Kultfilm.
2010 kam die Fortsetzung „Tron: Legacy“ ins Kino. Wieder überzeugten die Bilder. An den Rest erinnert sich niemand.
Das wird mit dem dritten „Tron“-Film, „Tron: Ares“ betitelt, ähnlich sein. Die Story ist nur das kryptische Set-up für eine zweistündige Verfolgungsjagd. Leider handelt es sich um eine äußerst langweilige Verfolgungsjagd, in der keine Figur mehr Tiefe als im Trailer gewinnt und die Hatz eine wenig aufregende Mischung aus Motorradfahren in der neondunklen Nacht und Kloppereien mit austauschbaren, gesichtslosen Handlangern ist.
Also, das Set-up ist wie folgt: Das Computerprogramm Ares (Jared Leto) wurde von Julian Dillinger (Evan Peters), Enkel von „Tron“-Bösewicht Ed Dillinger und amtierender CEO der Dillinger Corporation, erschaffen. Mittels einer fancy Maschine kann es in der realen Welt (auch bekannt als die Welt der Menschen oder die Welt, in der wir leben) Gestalt annehmen. Jetzt soll Ares ENCOM CEO Eve Kim (Greta Lee) finden. Sie besitzt den Code, der es ermöglicht, dass die von Dillinger materialisierten Dinge – Waffen, Panzer und Super-Soldaten – nicht nach 29 Minuten zu schwarzem Staub zerfallen, sondern ewig bestehen.
Und schon beginnt die wilde Jagd durch die nächtliche Stadt mit ihren Neonlichtern. Dabei beginnt Ares über seine Programmierung nachzudenken. Und er muss gegen Athena (Jodie Turner-Smith), ein weiteres Fleisch gewordenes Programm, das den gleichen Befehl erhielt, kämpfen.
Für kurze Unterbrechungen sorgen einige wenige Sekunden mit unverständlich-belanglosen Technogebabbel und etwas Mutter-Sohn-Gerangel. Seine Mutter Elisabeth (Gillian Armstrong) ist mit der von ihrem Sohn gewählten Ausrichtung des Konzerns nicht einverstanden. Das verharrt auf dem Niveau eines 80er-Jahre-Computerspiels. Einen Subtext oder auch nur eine oberflächliche Behandlung aktueller Probleme zwischen Mensch, Computer und Künstlicher Intelligenz sucht man vergebens.
„Tron: Ares“ ist nur style over substance. Denn die Bilder sehen unbestritten gut aus. Sie zitieren zwar nur bekannte Bilder, die teils auch während der abendlichen Rush Hour in einer Großstadt aufgenommen oder aus animierten Sequenzen für die abendlichen Nachrichten kopiert werden können. Für diesen Science-Fiction-Film wurden sie hübsch veredelt.
Musikalisch wird das von Trent Reznor und Atticus Ross, die hier auf Wunsch von Disney als Nine Inch Nails firmieren, mit einem ebenso effektivem, wie monotonem und entsprechend austauschbar vor sich hin blubberndem Ambient-Techno-Soundscape untermalt. Das ist meilenweit von den früheren, ungleich gelungeneren Filmarbeiten von Reznor und Ross entfernt. Es hat auch nichts mit der zutiefst beunruhigenden Musik von Nine Inch Nails zu tun. Ihr neuester Soundtrack ist belangloses Comfort-Food für die Ohren.
Nichts in „Tron: Ares“ ist neu, überraschend oder aufregend. Nichts regt zum Nachdenken an, weil der Film bestenfalls halbverdaute Gedanken aus einer fernen Vergangenheit präsentiert, die schon lange überholt sind. An aktuelle Diskurse knüpft er nicht an. Er entwirft – immerhin ist „Tron: Ares“ ein Science-Fiction-Film – auch keine nachdenkenswerte Utopie. Er zeigt nur größere und bessere Waffen, die von einem großen 3D-Drucker hergestellt werden.
Wie die vorherigen beiden „Tron“-Filme ist „Tron: Ares“ style over substance. Die Story ist eine einzeige zweistündige Hatz auf dem Niveau eines 80er-Jahre-Computerspiels. Es fiel mir durchgehend schwer, aufmerksam diesem auf spielfilmlänge gestrecktem, animierten Musikclip zu folgen. „Tron: Ares“ ist ein gut aussehendes Nichts ist, das locker alle möglichen Tiefen der Story weiträumig umfährt.
Am Ende war ich nicht enttäuscht oder verärgert, sondern nur erstaunt, wie präzise Regisseur Joachim Rønning meine geringen Erwartungen erfüllte.
Tron: Ares(Tron: Ares, USA 2025)
Regie: Joachim Rønning
Drehbuch: Jesse Wigutow (nach einer Geschichte von David DiGilio und Jesse Wigutow, basierend auf von Steven Lisberger und Bonnie MacBird erfundenen Figuren)
mit Jared Leto, Greta Lee, Evan Peters, Hasan Minhaj, Jodie Turner-Smith, Arturo Castro, Cameron Monaghan, Gillian Anderson, Jeff Bridges
Die Filmgeschichte kann so erzählt werden: in einem Luxushotel an der Côte d’Azur gastiert der ehemalige Geheimagent John D. (Fabio Testi). Seine Tage verbringt er mit dem stillen Beobachten einer Strandschönheit und Erinnerungen an seine früheren Aufträge in denen er als mediterraner James Bond gegen Superbösewichter kämpfte. Als die Frau spurlos verschwindet, glaubt er, dass er sich seiner Vergangenheit und früheren Gegnern, vor allem seiner Erzfeindin Serpentik (Thi May Nguyen), einer in schwarz glänzendem Leder gekleideten, sexy Kampfamazone, stellen muss.
Oder sie kann so zusammengefasst werden: in ihrem neuen Film „Reflection in a Dead Diamond“ spielt das Regie-Ehepaar Hélène Cattet und Bruno Forzani mit den italienischen Spionagefilmen, die in den Sechzigern James Bond mit weniger Geld, aber mehr nackter Haut, teils unter glänzendem Leder nachahmten, und den Giallos der sechziger und siebziger Jahre. In ihrem Film assoziieren sie dabei zwischen Gegenwart und Vergangenheit und zwischen verschiedenen Filmen, in denen John D. mitspielte, eine Geschichte, die ein Best-of-Pulp ist. In der Gegenwart kämpft John D. mit seinen Erinnerungen an seine früheren Auftritte als Schauspieler in billigen Agentenfilmen und dem demenzbedingtem Vergessen dieser Erinnerungen. Dabei kann er immer weniger zwischen Realität und Fiktion, zwischen Erinnerungen an sein Leben und an seine Filme unterscheiden. Alles verschwimmt zu einem großen Abenteuer.
Inszeniert haben Cattet und Forzani dies, wie ihre vorherigen Filme, als einen zitat- und anspielungsreichen Bilderrausch, in dem die Bilder und die Atmosphäre eindeutig über der bestenfalls assoziativen Story triumphieren. „Reflection in a Dead Diamond“ ist auch eine weitere hemmungslose Liebeserklärung an das italienische Kino der sechziger und siebziger Jahre zwischen Italo-Western, Eurospy-Filmen, Giallo, Horror- und Sexfilm.
Das Ergebnis ist ein großer Spass, der gar nicht so blöde ist, wie er auf den ersten Blick erscheint und der einen dazu anregt, mal wieder einen dieser oft schlechten Filme, die erst in der Erinnerung so großartig wurden, zu gucken.
Oder man sieht sich einfach wieder „Reflection in a Dead Diamond“ an und liefert sich den Kämpfen von John und Serpentix aus, erfreut sich an den Bildern, die heute noch intensiver als damals leuchten, genießt die Anspielungen, beginnt zwischen den Bildern über ihre Bedeutung und ihren Zusammenhang miteinander zu sinnieren und stellt fest, dass unter dieser glänzend-erotisierten Oberfläche viel verborgen ist.
Reflection in a Dead Diamond (Reflet dans un diamant mort, Italien/Luxemburg/Belgien/Frankreich 2025)
Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani
Drehbuch: Hélène Cattet, Bruno Forzani
mit Fabio Testi, Yannick Renier, Koen De Bouw, Maria de Medeiros, Thi Mai Nguyen
Mein fabelhaftes Verbrechen (Mon Crime, Frankreich 2023)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon, (in Zusammenarbeit mit) Philippe Piazzo
LV: Georges Berr, Louis Verneuil: Mon Crime, 1934 (Theaterstück)
TV-Premiere. Paris, 30er Jahre: zwei junge, in einer Absteige zusammen lebende Frauen – eine Schauspielerin und eine Anwältin – wollen den Tod eines einflussreichen Theaterproduzenten als Karrierebooster benutzen. Die Schauspielerin gesteht den Mord, die Anwältin verteidigt sie und alles läuft nach Plan, bis die echte Mörderin auftaucht und ihren Anteil will.
Ein Woody-Allen-Film ohne New York? Geht das? Wie sein erster im Ausland gedrehter Film “Match Point” zeigt, geht das sehr gut. Für Allen scheint es sogar eine Frischzellenkur gewesen zu sein. Denn er drehte seine nächsten Filme, weitgehend ohne die gewohnten Allen-Wortkaskaden, in Europa.
Die Geschichte von „Match Point“ ist die alte Geschichte vom Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen, der für seine Ziele über Leichen geht. Denn seine große Liebe ist nicht seine Ehefrau und er denkt nicht an eine Scheidung, die ihn selbstverständlich seine gerade mühsam erreichte gesellschaftliche Stellung kosten würde.
„Match Point“ wurde von den Kritikern abgefeiert, erhielt Preise und wurde für wichtige Preise, unter anderem den Oscar und den Edgar Allan Poe Award als bestes Drehbuch, nominiert. Der Film ist ein schön gemeines Thrillerdrama mit einer bitterbösen Schlusspointe.
Mit Scarlett Johansson, Jonathan Rhys Meyer, Emily Mortimer, Emily Mortimer, Matthew Goode, Mark Gatiss, Brian Cox, Ewen Bremner, James Nesbitt
TV-Premiere. Die Welt aus der Sicht eines Esel, der in Polen von Tierschützern aus einem Zirkus berfreit wird und, quer durch Europa wandernd, die Welt der Menschen erkundet.
LV: Arthur La Bern: Goodbye Piccadilly, Farewell Leicester Square, 1966 (Frenzy)
Ein Frauenmörder versetzt ganz London in Panik. Die Polizei tappt im Dunkeln. Und ein Unschuldiger kennt den richtigen Täter: seinen besten Freund.
Oder in Hitchcocks Worten: „Frenzy ist die Geschichte eines Mannes, der impotent ist und sich deshalb durch Mord ausdrückt.“
Hitchcocks vorletzter Film, seine Rückkehr nach London und seine Rückkehr in die Kritikerherzen, nachdem er seit „Die Vögel“ (1963) nichts wirklich weltbewegendes präsentierte. Zum Beispiel: „wunderbar komisches Drehbuch“ (New York Times), „Der strahlende Beweis, dass jeder, der einen spannenden Film macht, immer noch ein Lehrling dieses Meisters ist“ (Time Magazine), „Frenzy ist das reine Hitchcock-Festival“ (Harris/Lasky) – Ich konnte diese Euphorie nie teilen. Denn alle Beziehungen sind steril oder enden mit Mord. „Frenzy ist bis zum letzten Bild eine hermetische und kalt negative Vision des menschlichen Daseins.“ (Donald Spoto)
Nachdem ich in meinen Besprechungen langsam die ungute Tendenz bemerke, Filmen vorzuwerfen, dass sie unlogisch und unrealistisch seien, kann ich jetzt mit Fug und Recht und großer Geste einen Tsunami an Empörung über Unlogik und Unrealismus entfachen. Oder einfach darauf hinweisen, dass es immer um Logik und Realismus innerhalb der Geschichte und der in ihr gesetzten Grenzen geht. Wenn in „Momo“ behauptet wird, dass es zigarrenrauchende Zeit stehlende graue Herren gibt, dann bin ich durchaus bereit zu akzeptieren, dass es diese Zeit-Diebe und die Zeit-Spar-Kasse gibt.
Michael Ende, der Erfinder von Jim Knopf und Erzähler der „unendlichen Geschichte“ erfand diese Männer und erzählte in dem 1973 erschienenem Kinderbuch „Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte – Ein Märchen-Roman“ ihre Geschichte. Die Zeit-Diebe sind die Bösewichter. Die Heldin ist Momo, ein aus dem Nichts aufgetauchtes Waisenmädchen, das allein in einem Amphitheater lebt und gut zuhören kann. Sie hat Zeit und schenkt anderen Menschen ihre Zeit. Niemand hat viel Geld. Aber alle sind glücklich und zufrieden. In dieser Welt tauchen die Zeit-Diebe auf. Die grauen Herren bequatschen die Menschen, ihnen ihre Zeit zu geben. Sie würden sie später mit Zinsen zurückerhalten. Wenn die Menschen einmal in den Fängen der Zeit-Diebe sind, haben sie keine Zeit mehr. Immer mehr Menschen unterwerfen sich dem Regime der Zeit-Diebe.
Momo will ihre Freunde und alle Bewohner der Stadt retten. Die Menschen sollen wieder Zeit für sich und andere Menschen haben. Zusammen mit Meister Hora, dem im Nirgend-Haus lebendem Hüter der Zeit (der seinen ersten Auftritt ziemlich genau in der Buchmitte hat), und seiner Schildkröte Kassiopeia nimmt sie den Kampf auf.
Endes Buch wurde ein immer noch erhältlicher Bestseller und ist anscheinend für Viele eine wohlige Kindheitserinnerung. Ich hielt schon als Kind einen wohltuenden Abstand zu Fantasy-Geschichten und gehörte eindeutig zum Winnetou-Edgar-Wallace-James-Bond-Lager (als ob das realistische Geschichten sind). 1986 verfilmte Johannes Schaaf, mit Billigung des Autors den Roman. Ihm gefiel die Verfilmung von seinem Roman „Die unendliche Geschichte“ nicht.
Und jetzt verfilmte Christian Ditter wieder den Roman als internationale Produktion, die mit einer internationalen Besetzung und bekannten Namen auf einen internationalen Markt schielt. Alexa Goodall, eine zwölfjährige englische Schauspielerin in ihrer siebten Rolle, spielt Momo. Kim Bodnia spielt Beppo Straßenkehrer, Martin Freeman Meister Hora und Claes Bang den Anführer der grauen Herren, die im Film Greys heißen und nicht mehr nur aus Männern bestehen. Die Geschichte wurde an einigen weiteren Stellen modernisiert. Aber insgesamt halten die Macher sich an den Roman.
Das Ergebnis ist ein durchaus unterhaltsamer, CGI-lastiger Fantasyfilm für Kinder mit einem sympathischen Ensemble und einem wohligen Retro-Feeling. Die aus der Zeit gefallene Welt, in der „Momo“ spielt, erinnert an das aus Filmen bekannte Italien der fünfziger und sechziger Jahre, mit einigen Insignien der Gegenwart. Die Botschaft ist begrüßenswert und heute, zwischen gnadenloser Zeit-Optimierung im Beruf/Schule und in der Freizeit und sinnfreier Zeitvertrödelei vor dem Computer mit automatisch generierten Listen belangloser Posts, aktueller als damals.
Das Konzept der Zeit-Spar-Kasse und wie Momo die Zeit-Diebe besiegen kann ist, nun, etwas einfach. Sowieso ist der gesamte Film, jedenfalls für Erwachsene, etwas einfach geraten. Kinder dürften das anders sehen. Und für sie wurde der Film gemacht.
Mit neunzig Minuten hat Christian Ditters „Momo“ auch die richtige kindgerechte Länge.
Momo (Deutschland 2025)
Regie: Christian Ditter
Drehbuch: Christian Ditter
LV: Michael Ende, Momo, 1973
mit Alexa Goodall, Martin Freeman, Araloyin Oshunremi, Kim Bodnia, Claes Bang, Laura Haddock, Jennifer Amaka Pettersson, David Schütter, Skylar Blu Copeland, Maxwell Smith
Länge: 92 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
–
Die Vorlage (aktuell auch als Filmausgabe mit Fotos aus dem Film erhältlich)
Michael Ende: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte – Ein Märchen-Roman
mit Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey Jr., Florence Pugh, Josh Hartnett, Kenneth Branagh, Benny Safdie, Dylan Arnold, Gustaf Skarsgård, David Krumholtz, Matthew Modine, David Dastmalchian, Tom Conti, Casey Affleck, Rami Malek, Jason Clarke, Alden Ehrenreich, Dane DeHaan, Gary Oldman, James Remar, James D’Arcy, Matthias Schweighöfer
Wenige Minuten vor seinem Feierabend taucht Karla (Elise Kripes) bei Richter Lamy (Rainer Bock) auf. Das zwölfjährige Mädchen behauptet, dass ihr Vater sie seit Jahren vergewaltige. Sie will, dass er dafür bestraft wird. Damals – der Film spielt 1962 in Bayern – wurde über so etwas nicht gesprochen, geschweige denn angeklagt und verurteilt. Was in der Familie geschah, blieb in der Familie.
Lamy beginnt mit der Befragung. Er glaubt der intelligenten und selbstbewusst auftretenden Karla und er beginnt für sie Partei zu ergreifen. Weil sie über die Taten ihres Vaters nicht reden will, gibt Lamy, ganz verständnisvoller Sozialarbeiter des 21. Jahrhunderts, ihr eine Stimmgabel. Sie ist zwischen ihnen fortan das Zeichen für ‚unzüchtige Handlung‘. Über die Handlung muss sie dann nichts mehr sagen.
Diese Gespräche inszeniert die 1992 geborene Christina Tournatzẽs in ihrem Debütspielfilm als intimes, zurückhaltend und trocken inszeniertes Kammerspiel mit einem Gespür für Pausen und Zwischentöne. Im Mittelpunkt stehen Karla, Richter Lamy und seine Sekretärin. Zusätzliche Glaubwürdigkeit gewinnt das psychologische Drama „Karla“ auf den ersten Blick durch den Hinweis, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Allerdings führen die Macher das nicht genauer aus. Sie belassen es bei dem allgemeinen und entsprechend nichtssagendem Hinweis. Insofern betrachtet man „Karla“ wohl besser als eine hundertprozentig fiktionale Geschichte, die Mut machen soll und die in einer repressive Zeit spielt, in der Kinder noch nicht als vollwertige Menschen wahrgenommen wurden.
Irgendwann hat Lamy sich lange genug mit Karla unterhalten. Er formuliert eine Anklage gegen ihren Vater. Die Gerichtsverhandlung ist dann nur noch ein todernst inszenierter schlechter SNL-Sketch. Lamy, der vorher die anscheinend nur aus Gesprächen mit Karla bestehenden Ermittlungen durchführte und die entsprechend luftige Anklage formulierte, ist jetzt auch der vorsitzende Richter. Er leitet das Verfahren so, dass es nur ein Ergebnis geben kann: einen Schuldspruch. Das Verfahren manipuliert er entsprechend. Beweise sind egal. Die Behauptung eines Kindes und ihr Wunsch, nach einer Verurteilung, reichen aus für eine Verurteilung. Solche Verfahren kennen wir sonst nur aus Diktaturen. Im Film wird diese Travestie einer Gerichtsverhandlung als ein gerechtfertigtes und auch begrüßenswertes Verfahren gesehen.
Ob so eine Klage eines Kindes gegen seinen Vater 1962 überhaupt möglich gewesen wäre, steht auf einem anderen Blatt. Die große Diskussion über sexuelle Gewalt in der Familie gegenüber Ehefrauen und Kindern begann erst viele Jahre später. Vergewaltigung in der Ehe wurde in Deutschland erst im Mai 1997 strafbar.
Und so ist „Karla“ ein Film mit guten Absichten, der an den entscheidenden Stellen ärgerlich unglaubwürdig ist.
Karla (Deutschland 2025)
Regie: Christina Tournatzẽs
Drehbuch: Yvonne Görlach
mit Elise Krieps, Rainer Bock, Imogen Kogge, Torben Liebrecht, Katharina Schüttler, Robert Hunger-Bühler