LV: Ian McEwan: The Children Act, 2014 (Kindeswohl)
Familienrichterin Fiona Maye muss entscheiden, ob ein an Leukämie erkrankter Siebzehnjähriger eine Bluttransfusion erhalten soll. Seine Eltern lehnen aus religiösen Gründen die lebensrettende Maßnahme ab.
TV-Premiere. In jeder Beziehung starkes Drama, in dem es auch um das Privatleben der Richterin geht. Aus aktuellem Anlass können wir in Gedanken „Transfusion“ durch „Impfung“ ersetzen.
James Harper hat wirklich Pech. Aus der Armee wurde der Special Forces Sergeant ehrenhaft, aber ohne Anspruch auf Pension und Gesundheitsleistungen entlassen. Gerade diese bräuchte er, um die Schmerzen in seinem Knie zu lindern. Außerdem hat er massive Geldprobleme. Er steht kurz vor einer Zwangsvollstreckung und Insolvenz. Und er hat keine Ahnung, wie er für seine Frau und seinen kleinen Sohn sorgen kann.
Da trifft er seinen früheren Armeekameraden Mike Denton. Der bietet ihm eine königlich bezahlte Stelle in der Söldnerfirma von Rusty Jennings an, die auch irgendwie für das Militär verdeckte Operationen ausführt. Harper ist einverstanden. Schließlich handelt es sich hier nicht nur um das beste Jobangebot, sondern um das einzige Jobangebot, das er die vergangenen Wochen erhalten hat.
Der erste Auftrag führt ihn für zwei, höchstens drei Wochen nach Berlin. Er soll Salim Mohsin beobachten. Mohsin ist Virologe, der in einem privaten Labor in der Nähe von Berlin forscht. Irgendetwas mit Viren. Außerdem soll er Beziehungen zu Al-Qaida haben. Kurz darauf erhalten Harper und seine deutsche Kontaktperson einen neuen Auftrag: sie sollen in das Labor einbrechen und Mohsins Computer mit allen Informationen über die von ihm entwickelte Bioterror-Waffe stehlen. Die Aktion geht schief. Harper wird gejagt und er weiß nicht mehr, ob er seinem Freund Denton und seinem neuem Chef Jennings vertrauen kann.
„The Contractor“ ist der neue Film von Tarik Saleh, der zuletzt den sehr gelungenen Polit-Thriller „The Nile Hilton Affair“ inszenierte. Chris Pine, Ben Foster, Kiefer Sutherland, Eddie Marsan, Fares Fares und Nina Hoss spielen mit.
Außerdem spielt die Geschichte hauptsächlich in Berlin. Das erfreut natürlich mein Hauptstadtherz, ist aber, auch weil es wahrscheinlich mehr schlechte als gute Berlin-Filme gibt, kein Qualitätskriterium. Sowieso beschränkten sich die Dreharbeiten in Berlin auf zwei Tage, an denen die immer wieder prominent in den Thriller eingefügten Berlin-Stadtansichten entstanden. Hauptsächlich bewegen Pine und seine Jäger sich am und um den Alexanderplatz herum, ein wenig geht es in Richtung Mitte und selbstverständlich nach Kreuzberg. Der größte Teil der Dreharbeiten war in Rumänien und der dortigen Hauptstadt Bukarest.
Regie und Besetzung wecken Erwartungen, die dann enttäuscht werden. Denn „The Contractor“ ist ein typischer B-Thriller, der nur wegen der Besetzung ins Kino kommt. Da ist nichts Originelles zu finden. Alles spielt sich so ab, wie wir es aus unzähligen schlechten Thrillern kennen. Die Story ist hanebüchen und vollkommen unlogisch. So sollen wir, um es bei einem Beispiel zu belassen, glauben, dass ein Wissenschaftler seine gesamten Daten nur auf einem Computer speichert, dass es keine Sicherungskopien gibt und dass er vollkommen allein forscht. Immerhin sind die Daten nicht auf einer Floppy Disk gespeichert.
The Contractor (The Contractor, USA 2022)
Regie: Tarik Saleh
Drehbuch: J.P. Davis
mit Chris Pine, Ben Foster, Gillian Jacobs, Kiefer Sutherland, Eddie Marsan, Fares Fares, Nina Hoss, Amira Casar
Freitagnachmittag, kurz vor Feierabend, in einem Gymnasium irgendwo in Deutschland: die Schüler haben die Schule bereits verlassen. Im Lehrerzimmer warten einige Lehrer gelangweilt auf das Wochenende. Da klopft jemand an die Tür. Es ist Manfred Prohaska (Thorsten Merten). Der Vater hat ein dringendes Anliegen. Die Abi-Zulassung seines Sohnes Fabian ist gefährdet. Ein Punkt fehlt ihm. Dieser entscheidende Punkt wurde ihm bei einer Latein-Hausarbeit verwehrt. Und damit könnte der Lateinlehrer ihm den Punkt geben. Wenn er nicht so ein verknöcherter, seine Macht auskostende Regelfanatiker wäre, der unter keinen Umständen seine Bewertungen mit anderen diskutieren möchte.
Also verlangt Prohaska von den zufällig anwesenden Lehrern, dass sie jetzt sofort über Fabians Abi-Zulassung sprechen – und Fabian am Ende ihrer Besprechung den nötigen Punkt geben.
Das ist die knallige Prämisse von Sönke Wortmanns neuestem Film „Eingeschlossene Gesellschaft“. Zuletzt verfilmte er fürs Kino französische Erfolgskomödien und erfolgreiche Theaterstücke („Contra“, „Der Vorname“, „Frau Müller muss weg!“). Dieses Mal ist es ein Hörspiel von Jan Weiler („Maria, ihm schmeckt’s nicht“, „Das Pubertier“). Und wieder sitzen die Pointen, wenn der ultrakonservative „Ich habe alles in meinem Buch notiert“-Lateinlehrer Klaus Engelhardt (Justus von Dohnányi), die Schüler ebenfalls abgrundtief verachtende ältliche Jungfer Heidi Lohmann (Anke Engelke), der zu seinen Schülern äußerst joviale Womanizer-Sportlehrer Peter Mertens (Florian David Fitz), der sich überall anbiedernde Schüleranwalt Holger Arndt (Thomas Loible), der nerdige Chemielehrer Bernd Vogel (Torben Kessler) und die genderbewusste Referendarin Sara Schuster (Nilam Farooq) sich im Lehrerzimmer angiften, übereinander herfallen, dabei kleine und große Geheimnisse und Peinlichkeiten enthüllen, um sich selbst kreisen und sich dabei selbstverständlich nicht für das von Prohaska aufgeworfene Problem interessieren. Bis kurz vor dem Ablauf von Prohaskas Ultimatum reden sie nicht über Fabians Note.
Das gesamte Kollegium besteht halt aus Trotteln, die, zu unserem Vergnügen, nichts auf die Reihe bekommen und alle ihre kleinen Geheimnisse haben, von enttäuschter Liebe über Pornokonsum und Denunziation bis hin zur Unterschlagung. Diese sechs Lehrer sind Klischeefiguren. Die Schauspieler übertreiben und füllen diese Klischees lustvoll aus. Das sorgt, im Stil einer Boulevard-Komödie, für Situationskomik, verbale Gemeinheiten und etliche Lacher.
Aber der ganze leichtgewichtige und kurzweilige Spaß kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Prohaska ein Erpresser und Geiselnehmer ist, der sein Ziel so nicht erreichen kann.
Eingeschlossene Gesellschaft (Deutschland 2022)
Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Jan Weiler (nach seinem Hörspiel)
mit Florian David Fitz, Anke Engelke, Justus von Dohnányi, Nilam Farooq, Thomas Loibl, Torben Kessler, Thorsten Merten, Nick Julius Schuck, Carl Benzschawel, Claudia Hübbecher, Jürgen Sarkiss, Serkan Kaya, Ronald Kukulies
LV: Thomas Berger: Little Big Man, 1964 (Der letzte Held)
Der 121-jährige Exscout Jack Crabb, der als Indianer Little Big Man hieß, erzählt einem Historiker sein Leben zwischen Indianern und Weißen – und man verirrt sich hoffnungslos und extrem kurzweilig im Dickicht zwischen Fakten und Mythen, zwischen Verklärung und Entzauberung des Wilden Westens.
Der satirische Klassiker ist eine grandiose Mythenentzauberung und -bestätigung.
Dustin Hoffman spielte Jack Crabb vom jungen bis zum alten Mann.
mit Dustin Hoffman, Faye Dunaway, Martin Balsam, Richard Mulligan, Chief Dan George, Jeff Corey
Wiederholung: Freitag, 15. April, 01.35 Uhr (Taggenau!)
Nein, die Coolness von „Trainspotting“ haben „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Platzspitzbaby“ nicht. Aber „Christiane F.“ ist schon ziemlich cool; – was immer das auch genau bedeuten mag. Beide Filme basieren auf wahren Geschichten. Einmal ist es die Geschichte einer dreizehnjährigen Süchtigen in West-Berlin, einmal die eines elfjährigen Kindes einer drogensüchtigen Mutter in der Schweiz.
1978 erzählte Christiane Felscherinow, die damals nur als ‚Christiane F.‘ bekannt war, den stern-Reportern Kai Hermann und Horst Rieck ihre Geschichte. Sie erschien zuerst in dem Magazin und später als Buch. Der Bestseller ist, im Gegensatz zu unzähligen anderen Sachbüchern, die nach einer Verkaufssaison in Antiquariaten verschwinden, immer noch regulär im Buchhandel erhältlich. Schnell war eine Verfilmung geplant, die dann von Bernd Eichinger und Uli Edel umgesetzt wurde. Beide standen damals am Anfang ihrer erfolgreichen Karrieren. Eichinger produzierte bis zu seinem Tod etliche Kassenhits. Edel dreht in Hollywood und Deutschland. Er war für einen Primetime Emmy und, mehrmals, den DGA Award der Directors Guild of America nominiert. Zu ihren gemeinsamen Filmen gehört auch 2008 „Der Baader Meinhof Komplex“.
„Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ war in Deutschland ein Kinohit, der auch international erfolgreich lief. David Bowie hat einen Auftritt als David Bowie. Edel verwandte mehrere Bowie-Songs, die wirken, als seien sie für den Film geschrieben worden. Bowie veröffentlichte anschließend die sich sehr gut verkaufende Soundtrack-LP. Das war, zur Erinnerung, 1981. Damals war Bowie zwar schon bekannt, aber noch nicht der „Let’s dance“-Superstar.
Jetzt wurde Edels Film in 4K restauriert und mit Bonusmaterial als DVD, Blu-ray, 4K UHD und, selbstverständlich, digital veröffentlicht. Das ist die Gelegenheit, sich den Film, der einen legendären Ruf hat, anzusehen und aus heutiger Sicht zu beurteilen. Denn er wird fast nie im Fernsehen gezeigt. Arte zeigte ihn am 9. Februar 2022; davor lief er jahrzehntelang nicht im TV. Die bisherige DVD-Veröffentlichung war eine dieser lieblosen bonusfreien Veröffentlichung, die mich seit Jahren auf eine dem Film und seinem Status als Klassiker angemessene Veröffentlichung warten ließ.
Edel erzählt die wahre Geschichte von Christiane F., einem dreizehnjährigem Mädchen, das in West-Berllin in der Gropiusstadt bei einer allein erziehenden Mutter aufwächst und, wie Teenager nun mal sind, unbedingt in die angesagteste Discothek der Stadt möchte. Im „Sound“ trifft sie den etwas älteren Detlef. Sie bewundert ihn, befreundet sich mit ihm und seinen Freunden und rutscht schnell in die Drogenszene ab. Es ist ein Leben, in dem sich alles nur noch um den nächsten Schuss dreht. Um an das dafür nötige Geld – täglich 100 DM (das war damals viel Geld) – zu kommen, prostituieren sie sich. Er und seine Kumpels auf dem Schwulenstrich. Christiane auf dem Babystrich.
Als erstes fällt auf, wie fantastisch das Bild ist. Vor allem in der ersten Hälfte erinnern die Bilder vom nächtlichen Berlin an den ungefähr zeitgleich entstandenen Noir-Science-Fiction-Klassiker „Blade Runner“ und an die in den Neunzigern in Hongkong entstandenen fiebrigen Noir-Großstadtdramen von Regisseuren wie Wong Kar-Wai. Später, wenn Christiane zur Rauschgiftsüchtigen wird, spielt die Geschichte vor allem tagsüber oder in schmucklosen, teils sehr versifften Wohnungen. Das Bild wird dokumentarischer. Der Blick auf die damals real existierende offene Drogenszene, den Schwulen- und den Babystrich war damals erschreckend. So etwas hatte es im deutschen Film, trotz etlicher Jugenddramen, noch nicht gegeben. Auch heute sind die Bilder immer noch schockierend. Edel ließ, die Realtität nachbildend, seine Drogensüchtigen von Kindern spielen. So spielte Natja Bruckhorst die gleichaltrige Christiane F..
„Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist ein grandioser, erfrischend undeutscher und heute immer noch packender Film. Ein fehlerfreier Film ist es nicht. Das Spiel der Kinder, in ihrer ersten und oft auch ihrer letzten Rolle (die meisten strebten einfach keine Filmkarriere an), ist vor allem am Filmanfang etwas hölzern. Die Dialoge, vor allem am Anfang, etwas zu didaktisch. So werden die Drogensüchtigen nicht müde, die Gefahren von Heroin zu betonen. Schon bevor Christiane zum ersten Mal die angesagte Droge konsumieren will, warnen Detlef und seine Freunde sie davor.
Auch erzählt Edel teils zu sprunghaft. So ist Christiane nach dem ersten Konsum sofort abhängig und knietief mit dem Beschaffen von Geld für ihren Konsum verstrickt.
Störend ist auch, dass er sich nur auf Christiane und ihre Freunde konzentriert und dabei die gesellschaftliche Dimension vollkommen ignoriert. Er liefert keine Gründe, warum sie abhängig werden. Sie tun es einfach. Der gesamte Film spielt in einer von der Gesellschaft vollkommen abgekapselten Blase.
Einige dieser Fehler liegen an den Drehbedingungen. Die dem Film zugrunde liegende Drehbuchfassung wurde erst kurz vor dem Film geschrieben und während des Drehs umgeschrieben. Die Schauspielerin, die Christianes Mutter spielt, durfte während des Drehs die DDR nicht mehr verlassen. Das erklärt ihr plötzliches Verschwinden aus dem Film. Im Audiokommentar vermutet Edel, dass das eine Strafe für ihren nicht genehmigten Dreh im Bahnhof Zoo war. Damals stand das Bahnhofsgebäude unter DDR-Aufsicht. Sie erhielten keine Drehgenehmigung. Aber Edel meinte während des Drehs, sie könnten unmöglich einen Film drehen, der „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“ heißt und der keine Bilder vom Bahnhof Zoo hat. Die Außendrehs und die Drehs auf den U-Bahnsteigen waren kein Problem. Dort hatten sie eher Probleme mit den Junkies, die sich unter die Komparsen mischten.
Als Bonusmaterial gibt es in der aktuellen Ausgabe des Films ein gut halbstündiges Interview mit Christiane-F.-Darstellerin Natja Brunckhorst, einige Aufnahmen von den Screentests und einen sehr informativen Audiokommentar mit Regisseur Uli Edel, der von Stefan Jung und Marcus Stiglegger befragt wird.
Bei einer neuen Auflage, die dann gerne Deluxe-Edition heißen kann, sollten unbedingt die am 9. Februar 2022 auf Arte gezeigten, jeweils gut einstündigen Dokus „Im Rausch – Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – Lost Generation“ zum Bonusmaterial gehören. Es sind informative Dokus über den Film und die damalige Drogenszene, die sich fundamental von der heutigen Drogenszene unterscheidet. „Lost Generation“ kann noch bis zum 14. August 2022 in der Arte-Mediathek angesehen werden.
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Auch in der Schweiz gab es eine offene Drogenszene. In Zürich wurden die sich am Platzspitz und im Letten befindenden Drogenszenen 1995 aufgelöst. Die Süchtigen wurden in ihre Heimatstädte geschickt.
In „Platzspitzbaby“ erzählt Pierre Monnard die Geschichte von der elfjährigen Mia und ihrer drogensüchtigen, alleinerziehenden Mutter Sandrine. Er zeichnet präzise und aus Mias Perspektive das komplizierte Verhältnis von Mutter und Tochter nach. Er zeigt auch, wie Sandrine in ihrer neuen Heimat, einem Dorf im Zürcher Oberland, wieder Heroin nimmt.
Im Gegensatz zu „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ fehlt in Monnards Film der grobe didaktische Hammer. Trotzdem ist die Warnung vor dem Drogenkonsum unübersehbar. Im Zentrum steht allerdings Mias Geschichte, ihre Beziehung zu ihrer Mutter und ihrem Vater, zu ihren Mitschülerinnen und zu einem nur in ihrer Fantasie existierendem Folksänger.
Insgesamt ist „Platspitzbay“ ein gut gemachter und gut gespielter TV-Film, der nie auch nur halbwegs so energisch wie „Christiane F.“ nach der großen Kinoleinwand strebt und Kinder (und das sind sie trotz ihres von der Nacht bestimmenten Lebensstil und ohne Eltern) die Nacht erobern lässt. Mit der Musik von David Bowie.
Auf der DVD ist, immerhin, neben der deutschen Fassung die schweizer Originalfassung vorhanden. Weiteres Bonusmaterial fehlt.
Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo(Deutschland 1981)
Regie: Ulrich Edel (aka Uli Edel)
Drehbuch: Herman Weigel
LV: Kai Hermann/Horst Rieck: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, 1978
mit Natja Brunkhorst, Thomas Haustein, Jens Kuphal, Reiner Wölk, Jan Georg Effler, Chrstiane Reichelt, David Bowie, Christiane Lechle
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Blu-ray
EuroVideo
Bild: 1080p24 (1,78:1)
Ton: Deutsch (DTS-HD MA 5.1)
Untertitel: Deutsche Untertitel für Hörgeschädigte; Englisch
Bonusmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Uli Edel und den Interviewern Stefan Jung und Marcus Stiglegger, Interview mit Natja Brunckhorst, Casting-Ausschnitte
Das Neue Evangelium(Deutschland/Schweiz/Italien 2020)
Regie: Milo Rau
Drehbuch: Milo Rau
TV-Premiere. Milo Rau erzählt die Geschichte von Jesus Christus. Mit Laiendarstellern in der süditalienischen Stadt Matera, wo Pier Paolo Pasolini seinen Jesus-Film „Das erste Evangelium – Matthäus“ aufnahm. Auf diesen Film bezieht Rau sich immer wieder. Gleichzeitig verknüpft er seine Inszenierung des Evangeliums mit aktuellen Problemen.
Schimanski soll bestechlich sein. Er wird suspendiert und ermittelt auf eigene Faust.
Letzter Schimanski-Tatort mit einem legendärem Ende. Einige Jahre nach „der brillanten Schimanski-Persiflage“ (Eike Wenzel: Der Star, sein Körper und die Nation. Die Schimanski-TATORTe, in Wenzel, Hrsg.: Ermittlungen in Sachen TATORT, 2000) ging es mit der insgesamt durchwachsenen TV-Reihe „Schimanski“ weiter.
mit Götz George, Eberhard Feik, Chiem van Houweninge, Ulrich Matschoss, Ludger Pistor, Armin Rohde, Maja Maranow, Brigitte Janner, Jochen Senf (als Gastkommissar Palu)
Nach seinem Übererfolg „Fitzcarraldo“ und vor „Cobra Verde“, seinem letztem Film mit Klaus Kinski, brach Werner Herzog nach Australien auf. Dort drehte er einen Spielfilm über den Kampf eines Aborigines-Stamms gegen den Uran-Abbau der Mining Company. Dabei, immerhin ist es ein Spielfilm, vermengt er Fakten mit Fiktion.
Zwei zeitgenössische Bewertungen: „Herzog scheint unentschlossen gewesen zu sein, ob er eher dem von ihm erwarteten Mythizismus neuen Ausdruck geben oder einem akuten Thema, dem Konflikt von Ökologie contra Ökonomie, folgen sollte. Als halbherziger Kompromiss aus beiden enttäuscht der Film. Er erreicht nicht die Kraft von Herzogs großen Kinovisionen, hat aber auch nicht die engagierte Themennähe seiner Dokmentarfilme.“ (Fischer Film Almanach 1985)
„zivilisationskritische Parabel (…) kein ökologischer Thesenfilm, sondern eine in faszinierenden Bildern, kontemplativem Rhythmus und nahezu heiterem Tonfall dargebotene Studie über das weltweite Vergehen von Hören und Sehen, das Verschwinden der Träume und die Verhärtung westlicher Denk- und Bewusstseinsformen.“ (Lexikon des internationalen Films)
„Wo die grünen Ameisen träumen“ gehört immer noch zu Herzogs unbekannteren Filmen zwischen seinen Klassikern aus den Siebzigern (endend mit „Fitzcarraldo“) und seinem aus wenigen Spielfilmen und einer unüberschaubaren Menge von Dokumentarfilmen bestehendem Spätwerk.
Mit Bruce Spence, Wandjuk Marika, Roy Marika, Ray Barrett, Norman Kaye
Wiederholung: Mittwoch, 20. April, 00.15 Uhr (Taggenau!)
Die wohlbehütet aufwachsenden Teenager Lily und Amanda wollen Lilys Stiefvater umbringen. Helfen soll ihnen ein kleiner Drogenhändler, der natürlich nichts von dem wahren Plan der beiden Schönheiten ahnt.
TV-Premiere. Schöner, kleiner, fieser Noir-Thriller – und der letzte Film von Anton Yelchin.
Vollkommen abgebrannt landet Michael Williams in dem Kaff Red Rock. Dort wird er für einen Profikiller gehalten und erhält auch gleich das Honorar für den Mordauftrag. Dummerweise trifft kurz darauf der wirkliche Killer ein.
„‚Red Rock West‘ ist ein Film noir mit allen Qualitäten eines modernen Western, wie sie in den Romanen und Figuren von Jim Thompson zu finden sind. Es geht um Liebe, Mord und Verrat – schnörkellos, direkt und lakonisch inszeniert.“ (Fischer Film Almanach 1994)
Besser hätte ich es auch nicht formulieren können.
„Red Rock West“ ist ein Film aus einer Zeit, als man sich noch auf den nächsten Nicolas-Cage-Film freute.
mit Nicolas Cage, Dennis Hopper, Lara Flynn Boyle, J. T. Walsh
Samuel O’Shea ist Leonard-Cohen-Fan. Das macht ihn schon einmal grundsympathisch. Allerdings ist der Literaturprofessor auch ein alter Sack, Schürzenjäger und Trinker. Das macht ihn schon deutlich unsympathischer.
In letzter Zeit hat O’Shea zunehmend Wahnvorstellungen. Seine Ärztin diagnostiziert einen riesigen Tumor in seinem Gehirn. Bevor er sich darum kümmert, macht er sich von Montreal auf den Weg nach Irland zu einer einsam am Meer gelegenen Hütte und Matt Bissonettes Film beginnt zunehmend zu zerfasern. Das Spiel zwischen Realität und Halluzinationen wird immer chaotischer und willkürlicher. Die Geschichte immer beliebiger und auch egaler. O’Shea führt lange Gespräche mit seinem schon lange totem Vater. Er verliebt sich in eine jüngere Frau. Er wird, selbstverständlich wegen dieser Frau, zu einem Mörder. Oder auch nicht.
Der anfängliche Spaß über einen Lehrer, der mit der Wirklichkeit und seinem Leben hadert, weicht zunehmend dem Gefühl eines gelangweilten anything goes. Garniert und grundiert wird das mit sieben Songs von Leonard Cohen. Unter anderem „Heart with no Companion“, „Did I ever love you“, „Bird on the Wire“ und, selbstverständlich „Hallelujah“. Diese ausführlich ausgespielten Songs sind ein Pluspunkt des Films. Der andere ist Gabriel Byrne, der Samuel O’Shea spielt.
Aber auch er kann nichts daran ändern, dass am Ende die Enttäuschung überwiegt.
Death of a Ladies‘ Man(Death of a Ladies‘ Man, Kanada/Irland 2020)
Regie: Matt Bissonnette
Drehbuch: Matt Bissonnette
mit Gabriel Byrne, Jessica Paré, Brian Gleeson, Suzanne Clément, Antoine Olivier Pilon
Erheblich näher an der Realität ist Philippe Girards Comic „Leonard Cohen: Like a Bird on a Wire“. Er rast auf nicht einmal hundertzehn Seiten durch Leonard Cohens Leben. Alle paar Seiten wird in ein neues Jahr gesprungen. Bekannte Musiker haben Kurzauftritte. Cohens Frauen ebenso. Aber ein roter Faden ist nicht erkennbar. Am Ende bleibt nur eine Abfolge von Episoden, die ohne ein Wissen über Cohens Leben und das Rockmusikbusiness fast unverständlich sind.
Eine verpasste Chance.
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Philippe Girard: Leonard Cohen: Like a Bird on a Wire
Wenn die Anfangszeiten im TV-Programm stimmen, wird eine rabiat auf 90 Minuten gekürzte Fassung des 114-minütigen Films gezeigt. Keine Ahnung warum. Denn die Kinofassung ist perfekt.
mit Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johann von Bülow, Felix Eitner, David Zimmerschmied, Rüdiger Klink, Cornelia Köndgen, Martin Maria Abram, Udo Schenk
Nein, das ist nicht das 13. Arrondissement, das wir aus Léo Malets Nestor-Burma-Roman „Die Brücke im Nebel“ kennen. Der Roman spielt in den Fünfzigern und Nestor muss den Mord an einem alten Freund, den er während seiner Zeit als Anarchist kennen lernte, aufklären. In Jacques Audiards, fast siebzig Jahre später, ebenfalls in diesem Pariser Viertel spielendem Film „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ geht es um die Liebe und die Gefühle von Thirty-Somethings auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.
Émilie hat die Elite-Schule Sciences Po erfolgreich abgeschlossen. Aber anstatt jetzt ihre berufliche Karriere zu beginnen, treibt sie von einem Gelegenheitsjob zum nächsten.
Sie wohnt im 13. Arrondissement in einer Wohnung, die sie sich leisten kann, weil sie ihrer im Heim liegenden Großmutter gehört. Um die Kosten weiter zu senken, nimmt sie regelmäßig Untermieter bei sich auf.
Ihr neuester Untermieter ist Camille. Der von seiner Arbeit frustrierte Literaturlehrer wird ihr Liebhaber. An einer längerfristigen Beziehung haben beide zunächst kein Interesse.
Da lernt er, inzwischen als heillos überforderter Immobilienmakler arbeitend, Nora kennen. Sie hat ihre Arbeit als Immobilienmaklerin in der Provinz aufgegeben. Sie will ihr Studium fortsetzen. Aber als Anfang-Dreißigjährige fremdelt sie mit dem Studienbetrieb und ihren jüngeren Mitstudierenden.
Als sie für eine Party eine Perücke aufzieht, wird sie von ihren Kommilitonen für das Cam-Girl Amber Sweet gehalten. Verstört verläßt sie die Party und nimmt später, via Webcam, Kontakt zur echten Amber Sweet auf.
Jacques Audiards neuer Film ist das Gegenteil von seinem Western „The Sisters Brothers“. „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ ist nämlich ein kleiner SW-Film im Nouvelle-Vague-Stil. Audiard erzählt seinen lockeren Reigen von Liebe, Verlassenwerden, Enttäuschungen, Erwartungen und Verunsicherungen als einen lyrischen Ensemblefilm, in dem sich die Wege der vier jungen Menschen immer wieder kreuzen. Sie sind alle immer noch nicht Erwachsen, sondern zutiefst verunsichert über sich und ihre Lebenspläne. Sie stolpern von einer kurzen Beziehung zur nächsten. Sie wechseln ziellos zwischen Jobs und Studium. Nur Amber Sweet scheint ihren Platz gefunden zu haben. Deshalb ist das mit viel Humor gewürzte Drama auch ein Film über das Erwachsenwerden im 21. Jahrhundert. In der Großstadt.
Wo in Paris die Sonne aufgeht(Les Olympiades, Frankreich 2021)
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Céline Sciamma, Léa Mysius, Jacques Audiard
LV: Adrian Tomine: Amber Sweet, Killing and Dying, Hawaiian Getaway (3 Comics)
mit Lucie Zhang, Makita Samba, Noémie Merlant, Jehnny Beth, Camille Léon-Fucien, Océane Cairaty, Anaïde Rozam, Pol White, Geneviève Doan
TV-Premiere. Aus drei 45-minütigen Teilen bestehende Doku, die Arte heute an einem Stück zeigt und die uns ein Bild von St. Pauli vermittelt, als St. Pauli die sündige Meile war. Für seine Doku wühlte Schwabe sich durch Archive und befragte Zeitzeugen; – seltsamerweise scheint allerdings St.-Pauli-Chronist Frank Göhre nicht dabei zu sein.
Rififi (Du rififi chez les hommes, Frankreich 1954)
Regie: Jules Dassin
Drehbuch: René Wheeler, Jules Dassin, Auguste le Breton
LV: Auguste le Breton: Du rififi chez les hommes, 1953
Kaum draußen aus dem Gefängnis plant Toni zusammen mit seinen Freunden Jo und Mario den Einbruch in ein Juweliergeschäft. Der Einbruch gelingt. Dann kommt ihnen eine rivalisierende Bande auf die Spur.
Mit „Rififi“ begründete Dassin das Caper-Movie: ein Film, bei dem die Planung und Durchführung eines Einbruches mit Mittelpunkt steht. „Dassins Film wirkt ein wenig wie die Synthese aus seinen eigenen realistischen Kriminalfilmen aus Hollywood, das er der antikommunistischten Hexenjagden McCarthys wegen hatte verlassen müssen, und den französischen Filmen aus der Tradition des Poetischen Realismus. Dabei potenziert sich der Pessimismus so sehr wie die Stilisierung: In einer halbstündigen Sequenz, in der der technische Vorgang des Einbruchs gezeigt wird, gibt es weder Dialoge noch Musikuntermalung. Die technische Präzision, die fast ein wenig feierlich zelebriert wird und in der die Männer ganz offensichtlich ihre persönliche Erfüllung finden, mehr als in der Freude über die Beute, steht dabei im Gegensatz zu ihrem fast ein wenig melancholischen Wesen.“ (Georg Seeßlen)
Mit Jean Servais, Carl Möhner, Robert Manuel, Robert Hossein, Perlo Vita (Pseudonym von Dassin)
Vertigo – Aus dem Reich der Toten (Vertigo, USA 1958)
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Alex Coppel, Samuel Taylor
LV: Pierre Boileau/Thomas Narcejac: D´entre les morts, 1954 (Aus dem Reich der Toten, Vertigo)
Scottie verfolgt im Auftrag eines Freundes dessen von einer Toten besessene, selbstmordgefährdete Frau Madelaine. Nach ihrem Tod trifft Scottie auf Judy. Er will sie zu Madelaines Ebenbild formen.
Beim Filmstart erhielt “Vertigo” gemischte Kritiken. Heute wird der Rang von “Vertigo” als eines von Hitchcocks Meisterwerken von niemandem mehr ernsthaft bestritten.
Mit James Stewart, Kim Novak, Barbara Bel Geddes, Henry Jones, Tom Helmore, Raymond Bailey
Neben der neuen Marvel-Origin-Story „Morbius“(ein Arzt experimentiert sich zum Vampir) starten diese Woche auch einige Filme für den Arthouse-Fan. Garantiert ohne Vampire und CGI. Dafür zweimal auf Tatsachen basierend, zweimal könnte es so passiert sein, immer gab es auf Festivals Preise für die Filme und jeder dieser Filme ist, bei allen Unterschieden, sehenswert.
„A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani“ ist der neue Film von Asghar Farhadi. In Cannes erhielt das absolut sehenswerte Drama 2021 den Großen Preis. Weil der titelgebende Rahim Soltani seine Schulden nicht bezahlen kann, verbüßt er eine Haftstrafe. Ab und zu darf er für einen Freigang die Anstalt verlassen. Er versucht seine Schulden irgendwie zu tilgen.
Als seine Freundin an einer Bushaltestelle zufällig eine Tasche mit wertvollen Münzen findet, könnte er damit seine Schulden auf einen Schlag bezahlen. Aber dann, nachdem er feststellt, dass die Münzen dafür nicht ausreichen, packt ihn das Gewissen. Sagt er jedenfalls. Er sucht in Shiraz die Besitzerin. Als sie sich meldet, geben er und seine Freundin ihr die Münzen zurück. Damit könnte die Episode zu Ende sein.
Dummerweise erfahren die Haftanstaltsleiter davon. Sie sind begeistert von dieser Heldentat, die einer ihrer Schützlinge begangen hat. Unverzüglich informieren sie, auch weil sie so ihr Gefängnis in einem positiven Licht präsentieren können, die Öffentlichkeit über Rahims edle Tat. Die Presse ist ebenfalls begeistert; bis sie die Geschichte genauer überprüft und auf immer mehr Widersprüche stößt. Auch Rahims Gläubiger erzählt seine Version und warum er Rahim die Schulden nicht erlassen will.
Nachdem Asghar Farhadi seinen vorherigen, etwas enttäuschenden Film „Offenes Geheimnis“ in Spanien drehte, kehrt er mit „A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani“ wieder in seine Heimat, den Iran, und zu alter Stärke zurück. Rahims Geschichte ist universell und gleichzeitig sehr konkret in der iranischen Wirklichkeit verortet. Es wurde vor Ort gedreht, es gibt einen Einblick in den iranischen Alltag und die Strukturen der Gesellschaft. Gleichzeitig könnte Rahims Geschichte prinzipiell überall spielen. Denn überall kann ein Mann sich mit einer schlechten Geschäftsidee verschulden, überall kann er zufällig etwas wertvolles finden und überall steht er vor der Frage, wie er mit dem Fund umgehen soll. Farhadi gibt allerdings keine einfachen Antworten auf Rahims Dilemma. Er zeigt nur, was geschieht und er präsentiert verschiedene, sich teils widersprechende Perspektiven und Interpretationen der Ereignisse. Es sind Interpretationen, die sich verändern können. So ist der Anstaltsleiter zunächst begeistert von Rahims edler Tat. Er fordert ihn sogar auf, sie etwas auszuschmücken. Als dann die ersten Zweifel an Rahims Geschichte aufkommen, lässt er ihn wie eine heiße Kartoffel fallen. Durch diese interpretationsoffene Erzählweise ist bis zum Schluss unklar, ob der um seine Ehre kämpfende Rahim wirklich so naiv und treudoof ist, wie er sich gibt, oder ob er nicht immer mindestens einen Hintergedanken hatte und der Lauf der Ereignisse sich anders als von ihm geplant entwickelte. Weshalb er wieder etwas tun muss. Dabei scheint es für ihn, auch wenn Menschen ihm helfen wollen, nur immer schlimmer zu werden.
Farhadi erzählt diese Geschichte eines Mannes, der um seine Ehre kämpft, mit nie nachlassender Spannung in einem ruhigen Erzähltempo.
A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani (Ghahreman, Iran/Frankreich 2021)
Regie: Asghar Farhadi
Drehbuch: Asghar Farhadi
mit Amir Jadidi, Mohsen Tanabandeh, Fereshteh Sadrorafaii, Sahar Goldoust, Maryam Shahdaie, Ali Reza Jahandideh
Auch Juho Kuosmanens neuer Film „Abteil Nr. 6“ lief 2021 in Cannes und erhielt den „Grand Prix“.
Er erzählt die Geschichte von Laura, einer finnischen Archäologiestudentin, die im Winter von Moskau nach Murmansk aufbricht. Dort will sie die berühmten uralten Felsmalereien der Stadt besichtigen. Den tagelangen Weg dorthin legt sie in einem Zug zurück. Ihr Abteil muss sie mit Ljoha teilen. Der Jung-Macho ist das genaue Gegenteil der Studentin. Er ist ein Bergarbeiter, trinkfest, vulgär, ungebildet und scheinbar absolut unsensibel. Immerhin ist er in der ersten gemeinsamen Nacht zu betrunken, um sich ihr zu nähern. Lauras Versuch, in ein anderes Abteil zu wechseln, schweitert. Deshalb muss sie notgedrungen mit Ljoha arrangieren.
Kuosmanen („Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“) konzentriert sich in seinem Roadmovie darauf, wie Laura und Ljoha im titelgebenden „Abteil Nr. 6“ eine für die Reise andauernde Freundschaft entwickeln.
Laura, die junge, lesbische, unglücklich verliebte, sich im Moskauer Intellektuellenmilieu bewegende Studentin, entdeckt nämlich ungeahnte Facetten in Ljoha. Er versucht, auf seine jugendlich-unbeholfene Art, sie zu beeindrucken. Er will ihr, soweit das auf einer Zugfahrt mit wenigen Stopps möglich ist, sein Land und die russische Seele zu zeigen. Dazu gehört auch ein Besuch bei seiner Pflegemutter. Und er wird zu ihrem Beschützer und Reiseführer.
Im Presseheft sagt Kuosmanen, dass er, mit Einverständnis von Rosa Liksom, so viel an ihrem Roman veränderte, dass der Film jetzt nur noch von ihm inspiriert sei: „Wir haben so viel geändert, dass die eigentliche Frage ist, was nicht geändert wurde.“
Das erklärt vielleicht, warum es keine Filmausgabe von Liksoms Roman gibt.
Abteil Nr. 6 (Hytti nro 6, Finnland/Deutschland/Russland/Estland 2021)
Regie: Juho Kuosmanen
Drehbuch: Andris Feldmanis, Juho Kuosmanen, Livia Ulman, Lyubov Mulmenko (russische Dialoge)
LV: Rosa Liksom: Hytti nro 6, 2011 (Abteil Nr. 6)
mit Seidi Haaria, Yuriy Borisov, Dinara Drukarova, Julia Aug, Lidia Kostina
Audrey Diwans „Das Ereignis“ erhielt 2021 in Venedig den Goldenen Löwen als Bester Film. Wie Kuosmanen erzählt sie die Geschichte aus der Perspektive einer jungen Frau. Es handelt sich um die Geschichte von Annie Ernaux, die 1963 in Frankreich schwanger wurde. 2000 erschien ihr Buch über ihre Schwangerschaft. Damals studierte sie Literatur an der Universät und sie stand kurz vor den Abschlussprüfungen. Ein Kind hätte das Ende ihrer beruflichen Ambitionen bedeutet. Eine Abtreibung könnte ihren Tod bedeuten oder, wenn sie erwischt wird, eine Haftstrafe. Keine diese Möglichkeiten ist besonders prickelnd für die unverheiratete, in keiner festen Beziehung lebende Studentin.
Diwan erzählt diese in wenigen Wochen spielende Geschichte immer nah bei der an Anamaria Vartolomei gespielten Anne. Die Handkamera verfolgt sie und nimmt ihren Blick ein, wenn sie verschiedene Ärzte besucht, erfolglos verschiedene Abtreibungsmethoden ausprobiert und die Schwangerschaft vor ihren Eltern und Freundinnen verheimlichen will. Das wird natürlich zunehmend schwieriger.
Einerseits ist „Das Ereignis“ ein historischer Film. Er spielt 1963 als Abtreibung in Frankreich verboten war. 1975 wurde sie legalisiert. Seitdem gab es weitere Gesetzesänderungen, die die Rechte der betroffenen Frauen stärkten. Andererseits ist in anderen Ländern die Abtreibung verboten und auch in Ländern, in denen sie erlaubt ist, wird heftig über sie gestritten. So wurden in den USA in den vergangenen Monaten in einigen Staaten Gesetze formuliert, die eine Abtreibung verhindern sollen. Auch bei einer Vergewaltigung oder Inzest. Diese Aktualität des Themas ist in Diwans Drama jederzeit spürbar.
Gleichzeitig gelingt es ihr, nachvollziehbar zu machen, warum eine Frau abtreiben möchte und welchem Druck sie ausgesetzt ist. Von der Gesellschaft, ihren Eltern, Freunden und den Ärzten, die damals alle ausnahmslos Männer waren.
Das Ereignis (L’événement, Frankreich 2021)
Regie: Audrey Diwan
Drehbuch: Audrey Diwan, Marcia Romano, Anne Berest
„Bis wir tot sind oder frei“ lief nicht auf diesen großen Festivals. Das auf wahren Ereignissen basierende Drama hatte seine Premiere 2020 beim Filmfest Hamburg. Beim Black Nights Film Festival Talinn 2020 wurde die Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Beim Avanca Film Festival 2021 wurde das Drama unter anderem als bester Film ausgezeichnet.
In den deutschsprachigen Regionen der Schweiz lief Oliver Rihs‘ Film bereits im Januar 2021 an. Und das ist nachvollziehbar. Denn trotz der auch bei uns bekannten Schauspieler, wie Marie Leuenberger, Joel Basman, Jella Haase, Anatole Taubman und Bibiana Beglau in den Hauptrollen, ist es primär ein schweizer Film der eine schweizer Geschichte erzählt. Nämlich die von dem Ausbrecherkönig Walter Stürm und wie er in den Achtzigern zu einer Symbolfigur und Held der linken Szene wurde. Einige wichtige Rolle spielte dabei Barbara Hug.
Sie gehört zu dem 1975 gegründeten Zürcher Anwaltskollektiv. Diese Anwälte verteidigen, teils zu symbolischen Honoraren, Linke, Mieter*innen, Arbeitnehmer*innen und, im Allgemeinen und im Besonderen, von der staatlichen Repressionsmaschinerie betroffene Menschen. Das können mehr oder weniger friedliche Demo-Teilnehmer*innen, Autonome oder auch Menschen, die wegen terroristischer Taten angeklagt sind, sein. Das Kollektiv versteht sich als Teil einer Bewegung für eine Schweiz, die weniger verknöchert und rückständig ist. Und das war die Schweiz damals. Sie liegen im ständigen Streit mit dem sie bei der Arbeit behindernden Staat. Die seit ihrer Kindheit gehbehinderte Hug ist eine taffe Anwältin, die wegen ihres Verstandes und ihrer ebenso klaren, wie kämpferischen Argumentation vor Gericht hohes Ansehen genießt.
Der 1942 geborene Unternehmersohn Walter Stürm ist zu diesem Zeitpunkt – der Film beginnt 1980 – bereits ein bekannter Berufsverbrecher mit zahlreichen Gefängnisaufenthalten und -ausbrüchen. Ihm geht es um Geld und Frauen. Politik interessiert ihn nicht. Aber sein unbändiger Freiheitsdrang und sein damit verbundener Kampf gegen das System sind anschlussfähig bei den Linken. Und so wird der unpolitische, aber charismatische Stürm, mit Hilfe seiner Anwältin Barbara Hug, zu einer Symbolfigur der Linken, irgendwo zwischen Robin Hood und Mini-Che-Guevara. Hug stellte ihn auch Mitgliedern der zweiten Generation der RAF vor.
Rihs‘ Drama konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Hug und Stürm – und den historischen Hintergrund, der inzwischen immer mehr in Vergessenheit gerät. Denn auch die Schweiz hatte ihre 68er-Bewegung.
„Bis wir tot sind oder frei“ ist eine schöne Zeitreise in die achtziger Jahre, die in der schweizerdeutschen Originalversion sicher rundum überzeugte. Für die hiesige Auswertung sprachen die Schauspieler eine hochdeutsche Synchronisation ein. Diese aseptische Tonspur zerstört viel von der O-Ton-Atmosphäre und verleiht dem Drama das Flair eines bemühten Fernsehspiels.
Gerade weil ich ein wenig Schweizerdeutsch verstehe, hätte ich viel lieber die Orignalversion, gerne auch mit Untertitel, gesehen.
Bis wir tot sind oder frei(Schweiz/Deutschland 2020)
Regie: Oliver Rihs
Drehbuch: Dave Tucker, Oliver Rihs, Ivan Madeo, Norbert Maass, Oliver Keidel
mit Marie Leuenberger, Joel Basman, Jella Haase, Bibiana Beglau, Anatole Taubman, Pascal Ulli, Philippe Graber
TV-Premiere. Herrlich fieser kleiner B-Thriller, bei dem einige Autos geschrottet werden und Russell Crowe als Bösewicht groß aufspielt. Er ist Tom Cooper und er hat einen wirklich schlechten Tag. Das bekommt auch Rachel zu spüren, die ihn an einer Ampel ungeduldig anhupt und sich danach nicht für ihre Unhöflichkeit entschuldigen will.
LV: Dennis Lehane: Mystic River, 2001 (Spur der Wölfe, Mystic River)
Jimmy Markum, Dave Boyle und Sean Devine waren Jugendfreunde. Jahrzehnte später treffen sie sich wieder. Jimmys Tochter wurde ermordet. Sean soll als Polizist den Fall aufklären und Dave gerät in Verdacht, der Mörder zu sein.
Clint Eastwoods Dennis-Lehane-Verfilmung „Mystic River“ ist ein ruhiges, im positiven Sinn altmodisch erzähltes, düsteres Drama ohne einfache Lösungen über Schuld, Sühne und der Frage nach Gerechtigkeit.
Mit seinen exzellenten Schauspielern, dem guten Drehbuch, der ruhigen Kameraarbeit (Tom Stern, seit „Honkytonk Man“ [1982] bei fast jedem Eastwood-Film dabei) und der stimmigen Musik (Clint Eastwood himself) ist der Film sogar dem etwas ausufernden Roman überlegen.
Neben zahlreichen Nominierungen und Preisen wurde Helgelands Buch auch für den Edgar Allan Poe-Preis als bestes Drehbuch nominiert.
Mit Sean Penn, Tim Robbins, Kevin Bacon, Laurence Fishburne, Marcia Gay Harden, Laura Linney
LV: Charles Portis: True Grit, 1968 (Die mutige Matti, Der Marshal und die mutige Mattie, True Grit)
Arkansas, 1880: Die 14-jährige Mattie will den Mörder ihres Vaters zur Strecke bringen. Weil sie das allein nicht schafft, überzeugt sie den einäugigen, dem Alkohol verfallenen Marshal Rooster Cogburn dazu, ihr zu helfen.
Der Western-Klassiker mit einem humoristischen Einschlag ist eine gelungene Abhandlung zum Thema Tapferkeit.
Ansonsten hat Joe Hembus alles gesagt: „Das glorreiche Denkmal von Hollywoods Western-Tradition, ein enorm junges, frisches, allumfassendes Werk von drei fetten alten Männern, dem Produzenten Hal B. Wallis, im Western-Geschäft seit 1922, dem Regisseur Henry Hathaway, der seine Karriere 1933 mit Zane-Grey-Verfilmungen begann, und Star John Wayne, der 1930 in The Big Trail debütierte. Die Summe dieser Erfahrungen wird mit einem Elan mobilisiert, den man sonst nur bei Debütfilmen sieht, zugleich mit dem gelassenen Humor, der weiß, dass man nur noch gewinnen kann.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
John Wayne erhielt für diese Rolle seinen einzigen Oscar, einen Golden Globe und einen Laurel Award.
2010 verfilmten die Coen-Brüder den Roman. Ihre Version von „True Grit“ ist ebenfalls sehenswert.
mit John Wayne, Kim Darby, Glen Campbell, Robert Duvall, Jeff Corey, Dennis Hopper, Strother Martin
Wiederholung: Sonntag, 3. April, 03.00 Uhr (Taggenau!)