Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Zu einem marxistischen Besuch bei einem „Blutsauger“

Mai 12, 2022

Marx, Eisenstein, Vampire, die zwanziger Jahre, betont bühnenhaft agierende Schauspieler sind einige der Schlagworte mit denen Julian Radlmaiers neuer Film beschrieben werden kann. Mit „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ (ausgezeichnet vom Verband der deutschen Filmkritik als Bestes Spielfilmdebüt) und seinen davor entstandenen kürzeren Filmen „Ein Gespenst geht um in Europa“ und „Ein proletarisches Wintermärchen“ wurde er bei der Kritik und dem eingefleischtem Arthaus- und Festival-Publikum bekannt. Und für sie ist „Blutsauger“ dann auch.

Im Mittelpunkt von „Blutsauger“ steht der Fabrikarbeiter Anton Inokentewitsch Petuschkin, der von allen Ljowuschka genannt wird. Er spielte in Sergei Eisensteins „Oktober“ den Revolutionshelden Leo Trotzki. Weil Trotzki vor der Premiere des Films in Ungnade gefallen war, wurde er aus dem Film entfernt. Und so verschwand Ljowuschkas in der großartigen Sowjetunion geplante Filmkarriere im Mülleimer des Schnittraums. Jetzt will Ljowuschka sein Glück im kapitalistischen Hollywood versuchen.

Auf dem Weg in die USA strandet er im August 1928 in einem noblen Ostseebad. In dem Kurort Bad Dämmerow trifft er die standesbewusste, hochnäsig-schnippische junge Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen und ihren servilen Diener Jakob. Sie ist von Ljowuschka, der sich als verfolgter, aus der Sowjetunion kommender Aristokrat ausgibt, fasziniert und lädt ihn zu sich ein. Schnell durchschaut sie seine Charade. Trotzdem darf er weiter bei ihr wohnen.

Sie verbringen einige Tage zusammen. Er erzählt ihr von seiner gescheiterten Filmkarriere. Das führt dazu, dass sie im strahlenden Sonnenschein gemeinsam einen Vampirfilm improvisieren. Bei all dem fröhlichen Treiben ahnt Ljowuschka nicht, dass Flambow-Jansen eine Vampirin ist.

Dieses historische Setting wird immer wieder bewusst durchbrochen. Cola-Dosen, Containerschiffe und Motorräder sind im Bild. Diese Anachronismen schlagen natürlich auch eine Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart – und sie zeigen, wie künstlich filmische Nachstellungen der Vergangenheit sind. Gleichzeitig taucht mehrmals ein Marx-Lesezirkel auf, der sich Texte von Karl Marx vorliest und versucht, darüber zu diskutieren. Das wirkt, auch wenn sie in den Dünen sitzen, wie ein studentisches Seminar aus den siebziger Jahren.

So ist alles fein säuberlich arrangiert für einen intellektuellen Spaß, der sich dann nicht einstellen will. Die Texte von Marx sind nicht zum Vorlesen gedacht. Die langsam vorgetragenen Dialoge werden wie in einem Theaterstück deklamiert. Entsprechend künstlich klingen sie. Die Schauspieler und Laien agieren immer betont manieriert. Die Story, eher eine Abfolge disparater Episoden, plätschert in teilweise enervierender Langsamkeit vor sich hin. Die Diskussionen des Marx-Lesekreises drehen sich ergebnislos im Kreis. Überraschungen gibt es nicht. Damit verstärkt sich das Gefühl, dass nichts passiert.

Das ist von Julian Radlmaier, der an der Freien Universität Berlin Filmwissenschaft und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) Regie studierte, so gewollt. Bei den Kritiken, die ich gelesen habe, kommt dieser Stil sehr gut an. Bei mir überwiegt allerdings die Enttäuschung darüber, wie wenig aus der vielversprechenden Idee einer marxistischen Vampirkomödie gemacht wird. 

„Blutsauger“ knüpft an kapitalismuskritische Filme aus den Siebzigern an, den denen das richtige Bewusstsein unbestreitbar vorhandene erzählerische Defizite kaschiert. Auch in Radlmaiers Film kommt die Kapitalismuskritik mit dem Holzhammer – Kapitalisten als Blutsauger – und es wird mit der abendländischen Bildung geprotzt und etwas gespielt. Aber ohne überraschende Einsichten und ohne Humor. Schließlich wird auch im Proseminar nicht gelacht, sondern gegen den Schlaf gekämpft. 

Blutsauger (Deutschland 2021)

Regie: Julian Radlmaier

Drehbuch: Julian Radlmaier

mit Alexandre Koberidze, Lilith Stangenberg, Alexander Herbst, Corinna Harfouch, Andreas Döhler, Daniel Hoesl, Mareike Beykirch, Kyung-Taek Lie, Darja Lewin Chalem

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Das Buch zum Film

Drehbücher werden selten veröffentlicht. Spontan fallen mir Chris Kraus‘ „Die Blumen von gestern“ (2017) und Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ (2018) ein. Schließlich sind Drehbücher in erster Linie Baupläne für diesen einen Film und wenn der Film fertig ist, ist das Drehbuch nur noch Altpapier. Das unterscheidet ein Drehbuch von einem Theaterstück, das nach seiner Premiere mit anderen Schauspielern auf anderen Bühnen gespielt werden kann. Einen eigenständigen literarischen Wert haben Drehbücher  normalerweise auch nicht. Außerdem beschränkt sich das interessierte Publikum für diese Bücher auf einen sehr engen Kreis von Cineasten.

In diesen kleinen Kreis reiht sich jetzt Julian Radlmaiers „Blutsauger“ ein. In dem Buch sind, für den Druck leicht überarbeitet, das Drehbuch von Julian Radlmaier in der Fassung, die die Grundlage für die Dreharbeiten war, ein Essay von Sulgi Lie über den Film und über fünfzig Zeichnungen von Jan Bachmann enthalten. Zu Bachmanns früheren Werken gehört der Comic „Mühsam, Anarchisten in Anführungsstrichen“.

Für die Fans des Films ist das Buch eine gelungene Ergänzung.

Julian Radlmaier/Jan Bachmann: Blutsauger

August Verlag, 2022

256 Seiten

25 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Blutsauger“

Moviepilot über „Blutsauger“

Wikipedia über Julian Radlmaier


TV-Tipp für den 12. Mai: The Gift – Die dunkle Gabe

Mai 11, 2022

Servus TV, 22.15

The Gift – Die dunkle Gabe (The Gift, USA 2000)

Regie: Sam Raimi

Drehbuch: Billy Bob Thornton, Tom Epperson

Die hellseherisch begabte Annie hilft der Polizei erfolgreich bei der Suche nach einer vermissten jungen Frau. Der Besitzer des Grundstücks, auf dem ihre Leiche gefunden wurde, wird als Mörder verhaftet. Aber Annie glaubt, dass jemand anderes der Mörder ist.

Hochkarätig besetzter netter kleiner Südstaaten-Kleinstadt-Grusler.

Als nächstes drehte Raimi seine Spider-Man-Trilogie.

mit Cate Blanchett, Giovanni Ribisi, Keanu Reeves, Katie Holmes, Greg Kinnear, Hilary Swank, Kim Dickens, Gary Cole, Rosemary Harris, J.K. Simmons, John Beasley

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Gift“

Wikipedia über „The Gift“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sam Raimis „Armee der Finsternis (Tanz der Teufel III)“ (Army of Darkness – Evil Dead 3, USA 1992)

Meine Besprechung von Sam Raimis „Die fantastische Welt von Oz“ (Oz, the Great and Powerful, USA 2013)

Meine Besprechung von Sam Raimis „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ (Doctor Strange in the Multiverse of Madness, USA 2022)


TV-Tipp für den 11. Mai: Kleine Germanen

Mai 10, 2022

WDR, 23.00

Kleine Germanen – Eine Kindheit in der rechten Szene (Deutschland 2019)

Regie: Frank Geiger, Mohammad Farokhmanesh

Drehbuch: Frank Geiger, Mohammad Farokhmanesh, Armin Hofmann

Sehenswerter, zum Nachdenken anregender Dokumentarfilm über Kindheiten in der rechten Szene mit Trickszenen (die eine wahre Geschichte nacherzählen), Expertenstatements (u. a. von Bernd Wagner, Gudrun Heinrich und Michaela Köttig) und Gesprächen mit Rechten, wie Sigrid Schüßler und Götz Kubitschek, die darüber reden, wie ihre Kindheit war und wie sie ihre Kinder erziehen.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Kleine Germanen“

Moviepilot über „Kleine Germanen“

Wikipedia über „Kleine Germanen“


TV-Tipp für den 10. Mai: Tatort: Passion

Mai 9, 2022

BR, 20.15

Tatort: Passion (Deutschland/Österreich 2000)

Regie: Ilse Hofmann

Drehbuch: Felix Mitterer

Eigentlich will Kommissar Moritz Eisner in Tirol nur einen zünftigen Wanderurlaub verbringen. Aber als der Jesus-Darsteller eines Passionsspiel ans Kreuz genagelt wird, lässt er – widerwillig – Urlaub Urlaub sein und sucht mit seiner Kollegin Aschenwald den Mörder.

Erster Eisner-Tatort von Felix Mitterer und gleich ein voller Erfolg. Denn lustvoller und treffender wurde sich selten im prallen Provinzleben gesuhlt.

mit Harald Krassnitzer, Sophie Rois, Dietmar Schönherr, Nina Proll, Simon Schwarz, Reinhard Simonischek

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Moritz Eisner

Wikipedia über „Tatort: Passion“ und über Felix Mitterer


DVD-Kritik: Abel Ferrara erzählt von „Zeros and Ones“

Mai 9, 2022

Seitdem Abel Ferrara wieder regelmäßig Spielfilme dreht, kümmert er sich noch weniger als früher um eine einfach nachvollziehbare Geschichte. Der New Yorker begann mit in New York spielenden harten Thrillern. Zu seinen bekanntesten Werken aus dieser Zeit gehören „King of New York“ und „Bad Lieutenant“. Danach versuchte Hollywood ihn einzukaufen. Erfolglos. Seit 2005 lebt er in Rom und die italienische Hauptstadt ist auch dieses Mal der leicht erkennbare Handlungsort. Gedreht wurde während der Coronavirus-Pandemie Ende 2020 in den menschenleeren Straßen der Stadt und in anonymen Innenräumen. Wahrscheinlich wurden die nächtlichen Außenaufnahmen auch ohne Drehgenehminung im Guerilla-Stil gedreht.

Kameramann Sean Price Williams („Good Times“) begleitet Ethan Hawke durch ein dystopisches Rom. Immer in klaustrophobisch dunklen, farbentsättigten und verwackelt-unscharfen Bildern, die selbstverständlich den Gemütszustand von JJ und wohl auch Abel Ferrara spiegelt. Denn seine letzten Filme – „Tommaso“ und „Siberia“, die bei uns sogar im Kino liefen – waren radikal persönliche Werke, die sich nicht darum kümmerten, ob sie irgendjemand versteht oder ob irgendjemand sie so versteht, wie Ferrara es sich vielleicht gedacht hat.

Die Story von „Zeros and Ones“ ist bestenfalls kryptisch. JJ arbeitet für eine Organisation. Er ist eine unklare Art Soldat/Söldner. Es soll einen Anschlag auf den Vatikan geben. Die oder eine andere Organisation hat JJs Zwillingsbruder Justin entführt und foltert ihn. Sie will bestimmte Informationen von ihm haben. JJ wird dazu erpresst, ein Attentat zu verüben. Es scheint auch noch eine andere Organisation zu geben, die ihn und seine Vertratuen jagt und tötet.

Ferrara liefert ab und an Bilder und Motive, die wir aus Polit- und Action-Thrillern kennen. Es sind Chiffren, die dazu dienen, eine rudimentäre Geschichte zu erahnen. Sie bieten eine Hilfe beim Entschlüsseln der Bilder, ohne dass Ferrara es darauf anlegt, nur eine kohärente Lesart zu ermöglichen. Dafür ist alles zu mysteriös, kryptisch und widersprüchlich.

Das erinnert von seiner Stimmung und der Optik (trotz erkannbarer Unterschiede) an seine William-Gibson-Verfilmung „New Rose Hotel“. Der Science-Fiction-Thriller beschäftigte sich auch mit Paranoia und der fundamentalen Verunsicherung des Protagonisten, der keinen Überblick mehr über die Welt hat, in der er lebt und in der die ihm bis dahin bekannten Ordnungsprinzipien nicht mehr gelten. Das gesamte Leben und die Regeln sind nur noch einzige Grauzone, in der die alten Gewissheiten irgendwie wahrscheinlich nicht mehr gelten.

Insofern ist der Cyperpunk-Noir „Zeros and Ones“, der seine Premiere im August 2021 auf dem Locarno Film Festival hatte, auch und vor allem Ferraras intuitive Reaktion auf die Coronavirus-Pandemie. Mit einem Hoffnungsschimmer und einem kryptischem Schlusswort von Ethan Hawke am Ende.

Zeros and Ones (Zeros and Ones, Deutschland/Italien/Großbritannien/USA 2021)

Regie: Abel Ferrara

Drehbuch: Abel Ferrara

mit Ethan Hawke, Cristina Chiriac, Babak Karimi, Valerio Mastandrea, Stephen Gurewitz

Blu-ray

Eurovideo

Bild: HD 1080/24 (2,39:1)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD MA 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

DVD identisch

Hinweise

Moviepilot über „Zeros and Ones“

Metacritic über „Zeros and Ones“

Rotten Tomatoes über „Zeros and Ones“

Wikipedia über „Zeros and Ones“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Abel Ferraras “King of New York” (King of  New York, USA 1989)

Meine Besprechung von Abel Ferraras „Tommaso und der Tanz der Geister (Tommaso, Italien/Großbritannien/USA 2019)

Meine Besprechung von Abel Ferraras „Siberia“ (Siberia, Italien/Deutschland/Mexiko 2020)

Abel Ferrara in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 9. Mai: Menschen am Sonntag

Mai 8, 2022

Arte, 00.55

Menschen am Sonntag (Deutschland 1930)

Regie: Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer, Rochus Gliese

Drehbuch: Billie Wilder (später Billy Wilder), Curt Siodmak, Robet Siodmak (ungenannt) (nach einer Reportage von Robert Siodmak)

Kamera: Eugen Schüfftan, Fred Zinnemann (Kamera-Assistenz)

Siodmaks wahrscheinlich berühmtester Film steht als Solitär am Anfang einer langen internationalen Karriere. (…) ‚Menschen am Sonntag‘ erzählt von vier jungen, gewöhnlichen, von Laien verkörperten Menschen, die einen Sonntagsausflug ins Grüne, an den Wannsee unternehmen. Sie fahren mit dem Tretboot, gehen spazieren, necken und lieben sich, ehe sie wieder auseinandergehen. Eine Allerweltsgeschichte und doch unvergesslich.“ (Deutsches Historisches Museum Hrsg.: Robert Siodmak, 2015)

Gedreht wurde „Menschen am Sonntag“ wie ein Independent-Film mit wenig Geld, aber viel Enthusiasmus von einigen Männern, die danach aus Deutschland nach Hollywood flüchteten und dort Karriere machten.

Außerdem ist der Film wegen seiner Bilder von Berlin vor gut hundert Jahren sehenswert.

mit Erwin Splettstößer, Brigitte Borchert, Wolfgang von Waltershausen, Christl Ehlers

Hinweise

Filmportal über „Menschen am Sonntag“

Rotten Tomatoes über „Menschen am Sonntag“

Wikipedia über „Menschen am Sonntag“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks “Zeuge gesucht” (Phantom Lady, USA 1943)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks „Unter Verdacht“ (The Suspect, USA 1944)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks „Rächer der Unterwelt“ (The Killers, 1946)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks “Der schwarze Spiegel” (The dark mirror, USA 1946)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks „Die Killer“ (The Killers, USA 1946)

Meine Besprechung von Deutsches Historisches Museum (Hrsg.) „Robert Siodmak“ (2015)

Meine Besprechung von Edgar G. Ulmers „Detour – Umleitung“ (Detour, USA 1945)

Meine Besprechung von Edgar G. Ulmers „Santiago, der Verdammte“ (The Naked Dawn, USA 1954)

 


TV-Tipp für den 8. Mai: Leid und Herrlichkeit

Mai 7, 2022

Bevor das Dream-Team Banderas/Cruz im ‚besten Film aller Zeiten‘ (so der deutsche Titel, der am 30. Juni startenden Komödie [Besprechung folgt]) auftreten, suhlen sie sich in

Arte, 20.15

Leid und Herrlichkeit (Dolor y gloria, Spanien 2019)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

In seiner Wohnung dämmert Salvador Mallo (Antonio Banderas) vor sich hin. Er leidet an zahlreichen Krankheiten, die ihn am Arbeiten hindern. Als der Regisseur einen seiner früheren Filmen, der inzwischen als Meisterwerk gilt, zusammen mit seinem damaligen Hauptdarsteller präsentieren soll, erinnert er sich an sein Leben und ihre gemeinsame Zeit. Dummerweise haben sie sich damals heillos zerstritten.

TV-Premiere. Wie wir es von Pedro Almodóvar gewohnt sind: ein grandioses Drama und ein großer Spaß.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Anschließend, um 22.05 Uhr, zeigt Arte die brandneue einstündige Doku „Antonio Banderas/Pedro Almodóvar: Der Meister und seine Muse“.

mit Antonio Banderas, Asier Etxeandia, Leonardo Sbaraglia, Nora Navas, Julieta Serrano, César Vicente, Asier Flores, Penélope Cruz, Cecilia Roth, Susi Sánchez, Raúl Arévalo, Pedro Casablanc, Julián López, Rosalía

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Leid und Herrlichkeit“

Metacritic über „Leid und Herrlichkeit“

Rotten Tomatoes über „Leid und Herrlichkeit“

Wikipedia über „Leid und Herrlichkeit“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Fliegende Liebende“ (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Leid und Herrlichkeit“ (Dolor y gloria, Spanien 2019)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Parallele Mütter“ (Madres paralelas, Spanien 2021)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 7. Mai: Töte Amigo

Mai 6, 2022

RBB, 23.30

Töte Amigo (Quien Sabe?, Italien 1966)

Regie: Damiano Damiani

Drehbuch: Salvatore Laurani, Franco Solinas

Während der Revolution in Mexiko kämpfen ein Gringo, ein Banditenanführer und ein General mit- und gegeneinander um, nun, verschiedene Dinge.

Der Italowestern (und Politthriller) „Töte Amigo“ ist kraftvoll, kurzweilig, mit burlesken Übertreibungen, sehr unterhaltsam und brutal. Dass die Geschichte eher grob gestrickt ist, stört dabei kaum.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Gian Maria Volonté, Lou Castel, Klaus Kinski, Martine Beswick, Jaime Fernadez, Andrea Checchi

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Töte Amigo“

Wikipedia über „Töte Amigo“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Damiano Damianis „Töte Amigo“ (Quien Sabe?, Italien 1966)

Mein Nachruf auf Damiano Damiani (23. Juli 1922 – 7. März 2013)

Damiano Damiani in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 6. Mai: Der einzige Zeuge

Mai 5, 2022

Bayern, 22.35

Der einzige Zeuge (Witness, USA 1985)

Regie Peter Weir

Drehbuch: Earl W. Wallace, William Kelley (nach einer Geschichte von William Kelley, Pamela Wallace und Earl W. Wallace)

In Philadelphia beobachtet ein achtjähriger Amish-Junge einen Polizistenmord. Auf dem Polizeirevier kann der Junge die Mörder identifizieren: es sind Kollegen des ermittelnden Detective John Book. Book muss mit dem Zeugen und seiner Mutter bei den Amish untertauchen. Dort entdeckt er eine Welt, die absolut nichts mit seiner Welt zu tun hat.

Polizeifilmklassiker, der im Genrekostüm die Geschichte eines Culture Clash erzählt.

„Weir hat einen überaus spannenden (Kriminal-)Film geschaffen, der auf Action – mit Ausnahme der gewalttätigen Schlusssequenz, die sich aber aus der Fabel völlig motiviert – weitgehend verzichten kann, weil er von Menschen handelt, die von sich aus faszinierend genug sind.“ (Fischer Film Almanach 1986)

Das Drehbuch erhielt den Edgar Allan Poe Award, den Writers Guild of America Award (WGA Award) und den Drehbuchoscar. Peter Weir und Harrison Ford waren für Oscars nominiert und als bester Film war „Der einzige Zeuge“ ebenfalls nominiert. Die Schmonzette „Jenseits von Afrika“ erhielt dann den Oscar als bester Film.

mit Harrison Ford, Kelly McGillis, Jan Rubes, Josef Sommer, Lukas Haas, Alexander Godunov, Danny Glover, Viggo Mortensen (Debüt)

Hinweise

Metacritic über “Der einzige Zeuge”

Rotten Tomatoes über “Der einzige Zeuge”

Wikipedia über „Der einzige Zeuge“ (deutsch, englisch) und über Peter Weir (deutsch, englisch)

Senses of Cinema über Peter Weir

The Peter Weir Cave (eine Fanseite)

Meine Besprechung der “Peter Weir Collection” (mit “Die Autos, die Paris auffrassen”, “Picknick am Valentinstag”, “Die letzte Flut” und “Wenn der Klempner kommt”)

Peter Weir in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Wer ist Alexei „Nawalny“?

Mai 5, 2022

Heute sitzt Alexei Nawalny in einem russischen Gefängnis. Als Daniel Roher ihn kennen lernte, lebte er im Schwarzwald. In dem Dorf St. Blasien erholte er sich von einem Giftanschlag, der am 20. August 2020 in Tomsk auf ihn verübt wurde. Auf dem Rückflug nach Moskau erkrankte er in der Linienmaschine. Der Pilot änderte seine Route und landete in Omsk. Während die Ärzte um Nawalnys Leben kämpften, wird seine Frau Yulia von Wachleuten, wie Handy-Aufnahmen in „Nawalny“ zeigen, rabiat daran gehindert, ihn zu sehen. Yulia und Nawalnys Team fürchten um sein Leben. Sie verlangen, ihn sofort in ein westliches Krankenhaus zu verlegen. Nach einigem Hin und Her wird er nach Berlin in die Charité verlegt.

Im Schwarzwald will er sich von dem Anschlag erholen und dann wieder nach Russland zurückkehren und weiter gegen Putin und sein Regime kämpfen. Seine Frau, seine Kinder, sein Team und Christo Grozev vom Recherchenetzwerk Bellingcat sind bei ihm. Denn Nawalny will außerdem herausfinden, wer ihn ermorden wollte.

Roher, der vorher den Dokumentarfilm „Once Were Brothers: Robbie Robertson and the Band“ (2019) inszenierte, beobachtet sie bei ihrer Arbeit. Über Mobilfunkdaten und andere Daten finden sie die acht FSB-Agenten, die Nawalny verfolgten und wahrscheinlich vergifteten. Der unverhoffte, aus einer Schnapsidee geborene Höhepunkt der Ermittlungen sind Nawalnys Anrufe bei diesen Männern. Die meisten Agenten legen selbstverständlich sofort auf. Aber einer von ihnen lässt sich von Nawalny in ein Gespräch verwickeln. Er enthüllt den gesamten Plan. Nawalny und Grozev können ihr Glück nicht fassen.

Nawalny veröffentlicht diese Recherchen auf seinen Social-Media-Kanälen. Der Spiegel, CNN und The Insider, die ebenfalls in die Recherche involviert sind, veröffentlichen sie ebenfalls. Sie weisen auch auf einen Punkt hin, den Roher in seinem Film ebenfalls immer wieder thematisiert: Nawalny kontrolliert sein Image genau. Er ist ein charismatischer Medienstar mit vielen Followern, die ihn auch bei seiner Rückkehr nach Moskau im Flughafen wie einen Volkshelden erwarten. Falls sie nicht vorher rabiat von der Polizei abgeführt werden.

Die sehenswerte Doku ist eine Chronik dieser Recherche, angereichert um einige Hintergrundinformationen über Nawalny. Sie endet mit Nawalnys Rückkehr nach Russland am 17. Januar 2021. Er wird, wie wir im Film sehen können, am Flugplatz bei der Einreise verhaftet und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Amnesty International hat ihn in ihre Liste der Prisoners of Conscience aufgenommen.

Über Nawalnys Privatleben erfahren wir nichts. Über seine politischen Ansichten und was er in Russland verändern will, erfahren wir ebenfalls nichts substantielles. Er kämpft gegen Putin und die Korruption. Und das ist ein Problem von „Nawalny“. Er konzentriert sich nur auf den Kriminalfall. Den erzählt er sehr spannend und, weil Nawalnys Leben gut dokumentiert ist, immer mit entsprechenden Filmaufnahmen. Wir bekommen also nicht erzählt, wie beunruhigt Yulia in Omsk war oder wie Nawalny im Flugzeug mit einer Standing Ovation empfangen wird oder wie er im Flughafen bei der Einreise verhaftet wird, sondern wir sehen es wie in einem Spielfilm.

Gleichzeitig zeigt „Nawalny“ auch, wie weit Russland von einer Demokratie entfernt ist. Das ist selbstverständlich keine Neuigkeit. Aber es kann nicht oft genug gesagt werden. Roher zeigt deutlich, dass Putins Russland eine die Meinungsfreiheit unterdrückende Diktatur ist, die Gegner tötet (der Anschlag auf Alexei Nawalny ist nur einer in einer langen Reihe von Anschlägen auf Dissidenten) oder, mit lachhaften Anschuldigungen einsperrt. Teils in Hausarrest. Teils in Gefängnisse.

Nawalny (Nawalny, USA 2022)

Regie: Daniel Roher

Drehbuch: Daniel Roher

mit Alexei Nawalny, Yulia Nawalny, Dasha Nawalny, Zahar Nawalny, Maria Pevchikh, Christo Grozev, Leonid Volkov, Kira Yarmysh, Georgy Alburov, Fidelius Schmid, Tim Lister, Clarissa Ward

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Nawalny“

Rotten Tomatoes über „Nawalny“

Wikipedia über „Nawalny“ und Alexei Nawalny (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Apichatpong Weerasethakuls „Memoria“

Mai 5, 2022

Ein seltsamer Knall weckt Jessica. Die Dichterin will mehr über diesen Knall, den sie als bedrohlich, beängstigend und auch unheimlich empfindet, erfahren.

Diese simple Idee bildet die Grundlage für Apichatpong Weerasethakuls neuen Film „Memoria“. Bekannt wurde er durch „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“ (2010) und „Cemetery of Splendour“ (2015). Beide Filme wurden von der Kritik abgefeiert und liefen sogar in den deutschen Kinos. „Memoria“ ist sein erster außerhalb Thailands entstandener Film. Tilda Swinton übernahm die Rolle der suchenden Jessica.

In Bogota besucht sie ihre im Krankenhaus liegende Schwester Karen. Dort besucht sie auch ein Tonstudio. Zusammen mit dem Toningenieur will sie den Knall, den anscheinend nur sie gehört hat, genauer bestimmen. Er hilft ihr bei der Reproduktion des Knalls. Sie unterhalten sich und streifen durch die kolumbianische Hauptstadt. Im Krankenhaus, in dem ihre Schwester liegt, trifft sie die Archäologin Agnès. Gemeinsam betrachten sie ein Jahrhunderte altes Skelett eines Mädchens. Die Knochen wurden bei dem Bau eines Tunnels entdeckt. Agnès fährt zu der weit ab von Bogota liegenden Ausgrabungsstätte. Jessica folgt ihr in die Provinz. Dort trifft sie auf Hernán, einen Fischer. Sie unterhalten sich. Es scheint eine Verbindung zwischen ihnen zu geben. Und sie sitzen schweigend an einem Bach in der unberührten Natur.

Wie in seinen vorherigen Filmen interessiert Apichatpong Weerasethakul sich wenig für eine nacherzählbare Handlung. Sie wird beim Aufschreiben noch banaler, als sie es schon beim Ansehen ist. Ihm geht es um Ruhe. Er beobachtet in scheinbar endloser Geduld Jessica und, falls vorhanden, ihre Gesprächspartner. Meistens ohne einen Schnitt über mehrere Minuten. Die Schauspieler bewegen sich während der gesamten Szene, wenn sie sitzen, fast nicht. Am liebsten zeigt Weerasethakul das in statischen Einstellungen, die den gesamten Raum erfassen. Die Schauspieler sind bei Außenaufnahmen irgendwo, eher klein, im Bild positioniert. Deshalb und um in aller Ruhe alle Details des Bildes zu erfassen, sollte man „Memoria“ auf einer großen Leinwand sehen.

Der kontemplative, in seiner Offenheit keine eindeutige Interpretation vorgebende oder forcierende Film „Memoria“ ist definitv kein Film für jeden. Aber die präzise komponierten Bilder üben eine eigenwillige Faszination aus. Und es ist einer der Filme, der kein Problem damit hat, wenn die Gedanken des Zuschauers abschweifen. Im Gegenteil. Er begrüßt und forciert diese Unaufmerksamkeit sogar, weil er als ‚medidative Spurensuche‘ (Presseheft) es genau darauf anlegt. Die Bilder und eher assoiativen Dialoge sollen dabei nur ein Startpunkt für den Zuschauer sein.

In Cannes erhielt die Slow-Cinema-Perle „Memoria“ 2021 den Preis der Jury.

P. S.: In der Arte-Mediathek kann bis zum 31. Oktober 2022 Apichatpong Weerasethakuls „Onkel Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“ angesehen werden. In Cannes erhielt der Film 2010 die Goldene Palme. 2016 belegte der Film in einer BBC-Umfrage zu den „100 bedeutendsten Filmen des 21. Jahrhunderts“ den 37. Platz.

Memoria (Memoria, Kolumbien/Thailand/Großbritannien/Mexiko/Frankreich/Deutschland/Katar 2021)

Regie: Apichatpong Weerasethakul

Drehbuch: Apichatpong Weerasethakul

mit Tilda Swinton, Elkin Díaz, Jeanne Balibar, Juan Pablo Urrego, Daniel Giménez Cacho

Länge: 136 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Filmportal über „Memoria“

Moviepilot über „Memoria“

Metacritic über „Memoria“

Rotten Tomatoes über „Memoria“

Wikipedia über „Memoria“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 5. Mai: Neruda

Mai 4, 2022

Toller Film zu untoller Uhrzeit

RBB, 00.15

Neruda (Neruda, Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien 2016)

Regie: Pablo Larraín

Drehbuch: Guillermo Calderón

Chile, 1948: Pablo Neruda, geachteter Dichter, Lebemann und Kommunist (beides mit großer Überzeugung) und wortgewaltiger Senator, muss aufgrund der politischen Lage untertauchen. Ein Polizist, der direkt aus einem Noir-Roman entsprungen ist, sucht ihn – und doch ist es nicht ganz so einfach.

Man muss absolut nichts über Pablo Neruda wissen, um Pablo Larraíns Film über den Dichter zu genießen, der zu einem kleinen Teil ein konventionelles Biopic und zu einem großen Teil eine erfundene Geschichte ist, die dann doch wieder viel mit Pablo Neruda und dem Zusammenhang von Fakt und Fiktion zu tun hat.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des „Anti-Biopics“ (Larrain).

mit Luis Gnecco, Gael García Bernal, Mercedes Morán, Diego Munoz, Pablo Derqui, Michael Silva

Hinweise

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Moviepilot über „Neruda“

Metacritic über „Neruda“

Rotten Tomatoes über „Neruda“

Wikipedia über „Neruda“ und Pablo Neruda (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „El Club“ (El Club, Chile 2015)

Meine Besprechung von Pablo Larraíns „Jackie: Die First Lady“ (Jackie, USA 2016)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „Neruda“ (Neruda, Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien 2016)

Meine Besprechung von Pablo Larrins „Spencer“ (Spencer, Deutschland/Großbritannien 2021)


Neu im Kino/Filmkritik (+ Buchhinweis): ‚Meister des mystischen Mächte‘ Sam Raimi schickt „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“

Mai 4, 2022

Wie üblich ist auch bei dem neuesten Marvel-Film vorher nichts bekannt über den Plot und wer alles mitspielt. Neben dem Hauptcast – Benedict Cumberbatch, Elizabeth Olsen, Chiwetel Ejiofor, Benedict Wong, Michael Stuhlbarg (als Michael Stühlbarg), Rachel McAdams und Neuzugang Xochitl Gomez -, der zu einem großen Teil aus dem ersten „Dr. Strange“-Film bekannt ist, soll es auch einige Überraschungen geben. Laut der Gerüchteküche soll Bruce Campbell dabei sein. Aber der ist in jedem guten Film von Sam Raimi dabei. Raimi hat, nach einer neunjährigen Spielfilmpause, die er mit einigen TV-Serienepisoden und vielen Tätigkeiten als Produzent füllte, endlich wieder die Regie bei einem Spielfilm übernommen. Ältere kennen Sam Raimi vom „Tanz der Teufel“, Jüngere als den Regisseur von drei „Spider-Man“-Filmen mit Tobey Maguire als Peter Parker.

In „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ kann Raimi seine beiden Leidenschaften, nämlich „Horror“ und „Comic-Verfilmungen“ miteinander verbinden. Deshalb wird das Werk von Marvel auch schon als deren Horrorfilm angekündigt. Geworden ist es dann ein Marvel-Film mit einigen Horrorelementen.

Es geht um Doctor Strange, der – ähem, also die offizielle Synopse ist ziemlich irreführend, der Verleih bittet um spoilerfreie Besprechungen und die Story ist, nun, ähem, bestenfalls durchwachsen. In jedem Fall gibt es einen Bösewicht, der im Gedächtnis bleibt, ein sehr nachvollziehbares Motiv hat, das gleich am Anfang erklärt wird und ihre Handlungen antreibt. Außerdem hat sie ordentlich Screentime. Nachdem in den vorherigen Marvel-Filmen der Bösewicht oft die uninteressanteste Figur im ganzen Film war, ist das hier besser.

Davon abgesehen will Doctor Stephen Strange die junge America Chavez retten. Sie ist aus einem anderen Universum in sein Universum gestolpert, sagt ihm, dass es das Multiverse gibt (Hatten wir das nicht schon in „Spider-Man: No Way Home“ erfahren?) und um alles wieder in Ordnung zu bringen, müssen die beiden durch das Multiverse reisen. Das sind verschiedene Universen, die sich in Details unterscheiden. So ist Doctor Strange in einem Universum nett, in dem anderen weniger und im nächsten Universum kann er sogar ein Bösewicht sein. Für Benedict Cumberbatch, der hier wieder Doctor Strange spielt, ist das eine gute Gelegenheit, die Figur verschieden zu spielen.

Die Idee des Multiverse führt dann dazu, dass, wie in einem schlechten Fantasy-Film, plötzlich alles möglich ist. Es wird einfach in die nächste Welt gewechselt und schon geht’s. Und wenn in einem Film ein Fehler gemacht wurde, wird er im nächsten Film einfach in ein anderes Universum verbannt.

In „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ wird durch verschiedene Universen gesprungen und in jedem gibt es etwas zu entdecken. Sam Raimi kann so gleichzeitig ungefähr ein halbes Dutzend Filme inszenieren. Einmal natürlich eine Fortführung des ersten „Doctor Strange“-Films, der jetzt auch schon sechs Jahre alt ist. Dazwischen trat Cumberbatch in mehreren Marvel-Filmen als Dr. Strange auf. Einmal ein quitschbuntes CGI-Psychelic-Abenteuer, in dem Dinge durch eine schwerelose (Alb)Traumwelt schweben. Einmal einen mittelalterlichen Abenteuerfilm, in dem tibetanische Mönche ihr Kloster, das Kamar-Taj, mit Zauberkräften gegen eine Hexe verteidigen. Und, im Finale, einen Horrorfilm, der auch die Tradition des Horrorfilms huldigt. Es gibt natürlich eine gute Portion Fanservice für die Raimi-Fans und, vor allem, für die MCU-Fans.

Das ist durchaus vergnüglich, aber nie so vergnüglich wie seine „Evil Dead“-Filme, und wird mit der Zeit, trotz seiner kurzen Laufzeit von zwei Stunden, sogar etwas langweilig. Es gibt einfach zu viel CGI. Es gibt zu viele banale Erklärdialoge. Viel zu oft ist Dr. Strange mit einem anderen Dr. Strange beschäftigt, während der Bösewicht und auch die Freunde von Dr. Strange sich vollkommen aus dem Film verabschieden. Dann spielt Cumberbatch mit sich in einem Raum. Das bringt die Story nicht voran. Denn die Welt(en) wie wir sie (nicht) kennen, will jemand anderes vernichten. Außerdem verlässt die Story sich zu sehr auf Zauberei und das Betreten von anderen Universen. So können unsere Helden immer wieder einer tödlichen Gefahr entkommen, indem sie die Tür zu einer anderen Welt öffnen und in Sicherheit sind.

Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist nie so bahnbrechend wie Sam Raimis erster „Spider-Man“-Film oder so hemmungslos abgedreht wie seine „Evil Dead“-Filme. Als Marvel-Film, der auch gut ohne die Kenntnis der anderen Filme und Fernsehserien angesehen werden kann, ist er okay. Trotzdem will sich bei mir die Begeisterung, die ich bei den älteren MCU-Filmen empfunden hatte, auch dieses Mal nicht einstellen.

Im Abspann gibt es zwei Szenen. Die erste ist ein Ausblick auf möglicherweise kommende Ereignisse. Die zweite, ganz am Ende des Abspanns, ist mit Bruce Campbell, der im Film lediglich ein für den Film und das Marvel-Universum folgenloses, aber vergnügliches Cameo hat. So wie Stan Lee bis zu seinem Tod in den Marvel-Filmen kurze Auftritte hatte.

Doctor Strange in the Multiverse of Madness (Doctor Strange in the Multiverse of Madness, USA 2022)

Regie: Sam Raimi

Drehbuch: Michael Waldron (basierend auf Marvel-Figuren von Stan Lee und Steve Ditko)

mit Benedict Cumberbatch, Elizabeth Olsen, Chiwetel Ejiofor, Benedict Wong, Xochitl Gomez, Michael Stuhlbarg (als Michael Stühlbarg), Rachel McAdams, Patrick Stewart , Bruce Campbell, Julian Hilliard, Jett Klyne

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“

Metacritic über „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“

Rotten Tomatoes über „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“

Wikipedia über „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sam Raimis „Armee der Finsternis (Tanz der Teufel III)“ (Army of Darkness – Evil Dead 3, USA 1992)

Meine Besprechung von Sam Raimis „Die fantastische Welt von Oz“ (Oz, the Great and Powerful, USA 2013)

Meine Besprechung von Scott Derricksons „Doctor Strange“ (Doctor Strange, USA 2016)

Das war’s mit den bewegten Bildern. Werfen wir einen Blick auf die unbewegten Bilder und damit auf die Ursprünge von Doctor Strange. Der Panini Verlag hat pünktlich zum Filmstart eine dicke Anthologie über „Doctor Strange: Meister der mystischen Mächte“ veröffentlicht.

Die „Doctor Strange“-Anthologie ist wie die anderen Anthologien, die zu bekannten Marvel- und DC-Figuren, wie Black Widow, Deadpool und Batman, erschienen sind, aufgebaut. Es gibt, geschrieben von Christian Endres, Thomas Witzler und Arnulf Woock, kurze Texte zu wichtigen Aspekten der Figur und seiner Welt und einführende Texte zu seinen wichtigsten Comic-Abenteuern. Diese werden, von seinem ersten Auftritt bis zur Gegenwart, chronologisch abgehandelt und nachgedruckt.

Wie die anderen Anthologien ist auch die Anthologie über den Obersten Zauberer des Marvel-Universum ein schwer in der Hand liegender informativer Lesegenuss, der auch zeigt, wie sehr sich die Comics in den vergangenen sechzig Jahren veränderten. Seinen ersten Auftritt hatte der Zauberer im Juli 1963 in Strange Tales als „Dr. Strange, Meister der Schwarzen Magie“. Die fünfseitige Geschichte war als Füller gedacht. Den Lesern gefiel der Comic und der Rest ist Geschichte.

Doctor Strange: Meister der mystischen Mächte – Die Doctor Strange-Anthologie

Panini, 2022

320 Seiten

29 Euro

Zum Gratis-Comic-Tag, der dieses Jahr endlich wieder an seinem regulärem Termin, dem zweiten Samstag im Mai, stattfindet, gibt es ein „Doctor Strange“-Heft. In ihm sind drei Geschichten enthalten. In „Der Zauberlehrling“ (Mystic Apprentice, 2016) ist Stephen Strange noch ein Novize der mystischen Künste, dem die Astralformprojektion seines Körpers noch nicht gelingen will. „Der Tod von Doctor Strange, Kapitel 1“ (Death of Doctor Strange, 2021) enthält die ersten Seiten der Geschichte und endet mit einem Gast an seiner Haustür. In „Venom“ (Marvel Action: Origins, 2021) ist Doctor Strange nicht dabei. In dieser Geschichte erfahren wir, wie ein außerirdischer Symbiont zuerst Spider-Man Peter Parker und dann Eddie Brock als Wirt aussuchte.

Lohnenswert!

(Vor dem 14. Mai, dem Gratis-Comic-Tag gibt es einen längeren Text dazu.)


TV-Tipp für den 4. Mai: Fight Club

Mai 3, 2022

Nitro, 22.45

Fight Club (Fight Club, USA 1999)

Regie: David Fincher

Drehbuch: Jim Uhls

LV: Chuck Palahniuk: Fight Club, 1996 (Fight Club)

Yuppie Jack findet das Leben unglaublich öde. Kurzzeitige Kicks verschafft er sich mit dem Besuch von x-beliebigen Selbsthilfegruppen. Da trifft er Tyler Durden, der seinem Leben mit der Idee des „Fight Club“ (in dem Männer sich die Fresse polieren) den nötigen Kick verschafft. Bald nimmt der „Fight Club“ größere Dimensionen an.

Inzwischen ein Klassiker, der mir schon damals im Kino verdammt gut gefiel. Naja, das Ende fand ich etwas schwach. Aber die zwei Stunden davor: Wow!

In seinem Roman enthüllt Palahniuk die Pointe früher.

„Handwerklich lässt Fincher keine Wünsche offen: Er hält ein rasantes Tempo, setzt virtuos visuelle Effekte ein und schafft so einen atemberaubenden Alptraum der ausklingenden 90er. Gewiss kann über dieses bemerkenswerte Werk trefflich gestritten werden, doch eines muss ihm jeder attestieren: ‘Fight Club’ ist keine lauwarme Kommerzproduktion, sondern einer der mutigsten, irritierendsten, gleichzeitig aber auch interessantesten Filme der letzten Jahre.“ (W. O. P. Kistner, AZ, 11. November 1999)

Die andere Meinung: „Denn im Grunde ist diese manieristisch heruntergefilmte Möchtegern-Satire von Regisseur David Fincher (‘Sieben’) nicht mehr als grober Unfug: eine große, in die Länge gezogene Luftblase.“ (Albert Baer, Rheinische Post, 12. November 1999)

Mit Brad Pitt, Edward Norton, Helen Bonham Carter, Meat Loaf, Jared Leto, George Maguire

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Fight Club“

Wikipedia über „Fight Club“ (deutsch, englisch)

Homepage von Chuck Palahniuk

Meine Besprechung von Chuck Palahniuks “Diva” (Tell-All, 2010)

Meine Besprechung von Clark Greggs Chuck-Palahniuk-Verfilmung „Choke“ (Choke, USA 2008)

Meine Besprechung von David Finchers „Verblendung“ (The Girl with the Dragon Tatoo, USA 2011)

Meine Besprechung von David Finchers „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ (Gone Girl, USA 2014)

David Fincher in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 3. Mai: Diva

Mai 2, 2022

HR, 23.30

Diva (Diva, Frankreich 1981)

Regie: Jean-Jacques Beineix

Drehbuch: Jean-Jacques Beineix, Jean van Hamme

LV: Delacorta (Pseudonym von Daniel Odier): Diva, 1979 (Diva)

Postbote Jules gerät in Teufels Küche nachdem er heimlich das Konzert einer Operndiva mitschneidet und an ein Tonband mit dem Geständnis eines Callgirls gerät. Denn einige Menschen sind bereit ihn umzubringen, um an die Bänder zu gelangen.

Beinix bildgewaltiger, zitatenreicher Debütfilm war in den USA ein Überraschungserfolg und wurde danach auch in Europa zu einem Kultfilm.

„Diva ist ein aufregendes Werk, eine Mischung aus Märchen, Romanze und Thriller: Oper, Pop und schräge Typen in einem höchst stilisierten Kriminalfilm.“ (Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)

Mit Frédéric Andrei, Wilhelmenia Wiggins Fernandez, Richard Bohringer

Hinweise

Homepage von Daniel Odier (aka Delacorta)

AlloCiné über „Diva“

Rotten Tomatoes über „Diva“

Wikipedia über „Diva“ (deutsch, englisch, französisch) und Daniel Odier (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 2. Mai: Carmen

Mai 1, 2022

Arte, 22.00

Carmen (Carmen, Spanien 1983)

Regie: Carlos Saura

Drehbuch: Carlos Saura, Antonio Gadès

Ein Choreograph will Georges Bizets Oper „Carmen“ als Ballett mit Flamenco-Musik inszenieren. Während der Proben vermischen sich die Geschichte des Stücks mit der Realität.

Damals war der Tanzfilm Teil einer kleinen „Carmen“-Wiederentdeckung im Kino und für Carlos Saura der internationale Durchbruch. Damals drehte der Spanier schon seit über zwanzig Jahren von der Kritik gelobte, vom Publikum weitgehend ignorierte Filme. „Carmen“ lief seit Ewigkeiten nicht mehr im TV.

Die Musik ist von Georges Bizet und Paco de Lucia.

mit Antonio Gadès, Laura Del Sol, Paco de Lucia, Christina Hoyos, Juan Antonio Jimenez

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Carmen“

Wikipedia über „Carmen“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Wolke unterm Dach“, Mama im Himmel, Papa traurig

Mai 1, 2022

Wolke unterm Dach“ ist jetzt nicht der schlechteste Film der Welt. Er ist kompetent gemacht. Die Schauspieler sind auch okay. Und auf einer grundlegenden Ebene stimmt auch die Dramaturgie. Am Anfang lernen Paul (kein Nachname) und Julia (kein Nachname) sich kennen. Schnell folgen in einer austauschbar-belanglosen, aber beschwingten Werbeclip-Montage glückliche Momente zu zweit, die Heirat, der Einzug in ein uriges, auch nach Jahren kaum renoviertes Haus, ein schnuckeliges Kind und der plötzliche Tod von Julia.

Danach, und darum geht es in dem Film, müssen Paul und seine Tochter Lilly mit dem Tod zurechtkommen. Das wird, locker angelehnt an die bekannten Phasen der Trauer (die damit auch den Plot liefern), erzählt. Mit etwas Humor, etwas Traurigkeit und Stimmungsschwankungen.

Das könnte ein guter Film über ein jeden irgendwann betreffendes Thema sein. Am Ende ist „Wolke unter Dach“ ein typischer deutscher Wohlfühlfilm, der schnell aus den Kinos verschwindet und noch schneller vergessen ist.

Der Grund dafür liebt, mal wieder, am Drehbuch. So wollen Regisseur Alain Gsponer und sein Drehbuchautor Dirk Ahner sich nicht entscheiden, ob sie Pauls oder Lillys Geschichte erzählen. Also erzählen sie einfach beide Trauerbewältigungen gleichberechtigt. Während Lilly Bewältigung mit der titelgebenden Wolke auf dem Dachboden und der Mutter als imaginären Freundin wenigstens in sich schlüssig ist, ist das bei Pauls Geschichte nicht so. Ihm werden ziemlich wahllos alle möglichen Probleme angedichtet. So hat er massive finanzielle Probleme. Gleichzeitig hat er in einer Klinik als Stationsleiter eine Stelle mit einem festen Gehalt, das für die Finanzierung eines Hauses ausreichen sollte. Nachdem er ein Foto entdeckt, wird er eifersüchtig auf einen mutmaßlichen Liebhaber seiner Frau. Einmal betrinkt er sich besinnungslos. Einmal demoliert er die Wohnung. Mehrmals räumt er um und hängt mit seinem Arbeitskollegen und Freund Malik ab. Er kümmert sich um Lilly. Und selbstverständlich ist er von den Hausarbeiten vollkommen überfordert und unwillig, um Hilfe zu bitten. Das ist alles wahllos zusammengeklaubt aus dem Story-Baukasten. Nichts davon wird vertieft oder konsequent zu Ende erzählt. Für die Geschichte bleiben alle diese Episoden, Probleme und Marotten ohne Folgen. Am Ende des Films wissen wir über Paul nicht mehr als am Anfang. Er wird nie zu einer glaubwürdigen dreidimensionalen Figur mit für die Filmgeschichte nachvollziehbaren und wichtigen Problemen, Sehnsüchten und Zielen. In dieser Hinsicht erfahren wir mehr über seine tote Frau Julia. Oder Julias Mutter, die mal wieder Trost in der Kirche sucht.

Wolke unterm Dach (Deutschland 2022)

Regie: Alain Gsponer

Drehbuch: Dirk Ahner

mit Frederick Lau, Hannah Herzsprung, Romy Schroeder, Barbara Auer, Kida Khodr Ramadan, Nicolette Krebitz, Reinout Scholten van Aschat

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (mit Eltern ab 6 erlaubt; – und so dürfte Lilly sich den Film ansehen)

Hinweise

Filmportal über „Wolker unterm Dach“

Moviepilot über „Wolke unterm Dach“

Meine Besprechung von Alain Gsponers „Jugend ohne Gott“ (Deutschland 2017)


TV-Tipp für den 1. Mai: Two Lovers

April 30, 2022

Und gleich noch ein Film mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle

Servus TV, 20.15

Two Lovers (Two Lovers, USA 2008)

Regie: James Gray

Drehbuch: James Gray, Rick Menello

Nicht der Plot (eigentlich ein 08/15-Liebedrama: Leonard lebt, nach mehreren Selbstmordversuchen, wieder in seinem Jugendzimmer. Seine Eltern wollen ihn mit Sandra verkuppeln. Aber er ist in Michelle verliebt.), sondern die Machart ist entscheidend. Und die stimmt bei „Two Lovers“.

Denn „Two Lovers“ ist wie Grays vorherige Filme „Little Odessa“, The Yards – Im Hinterhof der Macht“ und „Helden der Nacht“ hochkarätig besetztes Schauspielerkino ohne einen falschen Ton. Weder im Spiel, noch in der Kameraführung, dem Schnitt, der Ausstattung oder der Musikauswahl. Und keines dieser Elemente drängt in den Vordergrund. Sie alle dienen der Geschichte. Wieder einmal ist Grays Blick für die Details bemerkenswert. Teilweise fallen sie beim ersten Sehen nicht auf, aber alle zusammen machen die Geschichte glaubwürdig. Es sind Kleinigkeiten, wie die Fotowand in der Wohnung der Kraditors, Leonards Jugendzimmer, die kleinen Gesten und Blicke, die in Sekundenbruchteilen alles erklären und Entscheidungen, wie Joaquin Phoenix während eines Geständnisses mit dem Rücken zur Kamera spielen zu lassen, auf einen Schnitt zu verzichten, das Licht in einer besonderen Art zu setzen und eine – teilweise unsichtbare – Zeitlupe einzusetzen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Joaquin Phoenix, Gwyneth Paltrow, Vinessa Shaw, Moni Moshonov, Isabella Rossellini, Elias Koteas

Wiederholung: Montag, 2. Mai, 01.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über „Two Lovers“

Wikipedia über “Two Lovers” (deutsch, englisch)

IFC: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

Spout Blog: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

Coming Soon: Interview mit James Gray über “Two Lovers”

Collider: Interview mit James Gray über “Two Lovers”

IndieWire: Interview mit James Gray über “Two Lovers”

Meine Besprechung von James Grays „Two Lovers“ (Two Lovers, USA 2008)

Meine Besprechung von James Grays „Die versunkene Stadt Z“ (The lost City of Z, USA 2016)

Meine Besprechung von James Grays „Ad Astra: Zu den Sternen“ (Ad Astra, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: Über den Animationsfilm „Die Odyssee“

April 30, 2022

Als ein Nachbardorf überfallen wird, beginnt für die dreizehnjährige Kyona und ihren jüngeren Bruder Adriel die titelgebende Odyssee durch eine Welt voller Gefahren. Zuerst mit ihren Eltern, später allein stolpern sie durch ein dystopisches Europa. Die Bilder und die Erlebnisse der beiden Kinder erinnern dabei an die Katastrophen, Diktaturen und Migrationsbewegungen des vergangenen Jahrhunderts in Europa, Osteuropa und der Levante.

Florence Miailhes erzählt in ihrem Langfilmdebüt die Geschichte von Kyona und Adriel. Sehenswert ist der Film wegen seiner Geschichte und seiner Machart. Bekannt ist Miailhe als Regisseurin von animierten Kurzfilmen. „A Summer Night Rendez-Vous“ erhielt 2001 den César als bester Kurzfilm. „Conte de Quartier“ 2006 eine Lobende Erwähnung bei den Filmfestspielen von Cannes. 2015 wurde sie beim Animationsfilmfestival von Annecy für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet.

In „Die Odyssee“ erzählt sie eine Geschichte, die von der Flucht ihrer Urgroßeltern aus der jetzt zur Ukrainie gehörenden Hafenstadt Odessa inspiriert ist. Wie viele andere verließen sie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wegen antisemitischen Pogromen ihre Heimat Odessa.

Sie könnte wegen ihrer Machart – „Die Odyssee“ ist ein Animationsfilm – fast überall und zu fast jeder Zeit spielen könnte. Denn alles, was auf ein bestimmtes Jahr oder Jahrzehnt deutet, wurde entfernt. Miailhe und ihre Co-Autorn Marie Desplechin ließen sich auch von Ereignissen und Bildern inspirieren, die später stattgefunden hatten. Gleichzeitig benutzten sie viele Märchenmotive. Sie abstrahierten also immer mehr von einem konkreten historischen Hintergrund zugunsten eines märchenhaften Tonfalls. Eines Horrormärchens, das die Welt aus der Sicht der durch mehrere Länder flüchtenden Geschwister betrachtet und in der sie von einem furchterregendem Erlebnis zum nächsten stolpern und sie Monstern, die wie Menschen aussehen, begegnen.

Und damit ist sie heute, während viele Ukrainer ihre Heimat mit unklarem Ziel verlassen müssen, wieder brennend aktuell.

Allerdings ist diese Aktualität ein Zufall. Denn Miailhe begann mit den Arbeiten für den Film schon vor Jahren. Ihre ersten Arbeiten an der Geschichte waren 2006. 2010 erhielten sie und Marie Desplechin den Drehbuchpreis auf dem Festival Premier Plans in Angers. Danach musste der Film noch finanziert werden. Die Produktion dauerte dann drei Jahre. Denn Miailhe erstellte auch ihr Langfilmdebüt mit der von ihr favorisierten Öl-auf-Glas-Technik: „Ich habe schon immer mit animierter Malerei direkt unter der Kamera gearbeitet. Diese Praxis erfordert präzises und intuitives Arbeiten. Ich habe sie im Laufe meiner filmischen Karriere immer weiter verfeinert. Die Animation wird Bild für Bild auf mehreren Glasschichten direkt unter der Kamera ausgeführt. Dieses System ist so aufgebaut, dass so weit wie möglich alles zur gleichen Zeit und von der gleichen Person gemacht wird: die Figuren, das Set, die Effekte, die Farbe. So kann das Bild jederzeit in seiner Gesamtheit konzipiert werden. Für Animator*innen fühlt es sich an, als würden sie ein Gemälde zum Leben erwecken. Es stimmt, dass animierte Malerei etwas länger dauert als andere Animationstechniken, aber vor allem, weil die Arbeit schwieriger zu teilen ist. Wir sind gezwungen, in einem kleinen Team zu arbeiten und die Produktion dauert deshalb viel länger. Abhängig von Aufnahmen und Animator*innen konnten pro Tag mal 6 Sekunden, dann wieder nur eine Sekunde Film entstehen.“

Die so entstehenden Bilder sehen prächtig aus und sie sind auch sehr farbenprächtig. Außerdem unterscheiden sie sich wohltuend von anderen Animationsfilmen, die sich doch sehr oft sehr ähneln.

Zu den eindrucksvollen Bildern kommt eine wirklich furchterregende und Gänsehaut erzeugende Tonspur, die hörbar macht, was in den Zeichnungen nicht zu sehen ist. Das macht „Die Odyssee“ zu einem Trickfilm, der kein Kinderfilm ist.

Die Odyssee (La Traversée, Frankreich/Deutschland/Tschechische Republik 2021)

Regie: Florence Miailhe

Drehbuch: Marie Desplechin, Florence Miailhe

mit Hanna Schygulla (Erzählerin)

Länge: 84 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

AlloCiné über „Die Odyssee“

Filmportal über „Die Odyssee“

Moviepilot über „Die Odyssee“

Rotten Tomatoes über „Die Odyssee“

Wikipedia über „Die Odyssee“


TV-Tipp für den 30. April: The Master

April 29, 2022

Servus TV, 20.15

The Master (The Master, USA 2012)

Regie: Paul Thomas Anderson

Drehbuch: Paul Thomas Anderson

USA, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Ex-Soldat Freddie Quell (Joaquin Phoenix) driftet ständig alkoholisiert durch die USA. Bis er auf Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman) trifft. Dodd ist ein Guru, der eine Schar devoter Jünger und vermögender Spender um sich versammelt hat. Jetzt will er Quell zu einem Mitglied seiner Sekte machen.

TV-Premiere; – unglaublich, aber wahr: das Meisterwerk läuft erst über neun Jahre nach seinem deutschen Kinostart im TV.

Packendes, grandios inszeniertes Schauspielerduell, in dem Paul Thomas Anderson einem großen Auftritt von Hoffman oder Phoenix immer mehr Zeit einräumt als einer stringent entwickelten Geschichte. Dazu gibt es auch einige Einblicke in die Techniken, mit denen Gurus Menschen manipulieren.

mit Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Jesse Plemons, Laura Dern, Barlow Jacobs, Ambyr Childers, Rami Malek

Wiederholung: Sonntag, 1. Mai, 01.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Master“

Wikipedia über „The Master“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (Inherent Vice, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Der seidene Faden“ (Phantom Thread, Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Licorice Pizza“ (Licorice Pizza, USA 2021)