TV-Premiere; diese Uhrzeit hat die Doku nicht verdient. Sie beschreibt den mehrtägigen, beschwerlichen und auch gefährlichen Weg einer Schülerin von ihrem Himalaya-Heimatdorf zum Internat in der Kreisstadt der indischen Provinz Ladakh, nahe der Grenze zu Pakistan und China. Die achtzehnjärige Tsangyang Tenzin muss seit zwölf Jahren mehrmals im Jahr den Weg über den vereisten Fluss zurücklegen.
Ein Schausteller kauft das naive Mädchen Gelsomina ihrer Mutter ab. Fortan leben die beiden gegensätzlichen Charaktere auf der Straße. Erst als sie einem einfühlsamen Artisten begegnet, scheint sich ihr Leben zu verändern.
Ein Fellini-Klassiker und selbstverständlich auch ein Filmklassiker.
mit Anthony Quinn, Giulietta Masina, Richard Basehart, Aldo Silvani, Marcella Rovere, Livia Venturini
LV: George Langelaan: The Fly, 1957 (Die Fliege und andere Erzählungen aus der phantastischen Wirklichkeit; Kurzgeschichte)
Biologe Seth erforscht den molekularen Transport von Lebewesen (vulgo „beamen“). Bei einem Versuch transportiert er sich selbst und eine Fliege von dem einen Teleporter zum nächsten. Die, von David Cronenberg, liebevoll bis zum letzten Detail ausgemalte Konsequenz, ist, dass Seth und die Fliege immer mehr zu einem Wesen werden.
Grandioses Remake von einem Science-Fiction-Horrorfilmklassiker, der von Cronenberg vom Kopf auf die Füße gestellt wurde.
mit Jeff Goldblum, Geena Davis, John Getz, Jay Boushel, David Cronenberg
Regie: Byron Howard, Rich Moore, Jared Bush (Ko-Regisseur)
Drehbuch: Jared Bush, Phil Johnston, Dan Fogelman (zusätzliches Material) (Nach einer Geschichte von Byron Howard, Jared Bush, Rich Moore, Phil Johnston, Jennifer Lee, Josie Trinidad und Jim Reardon)
Als Jung-Polizistin und Karnickel Judy Hopps mit dem verbrecherischen Fuchs Nick Wilde (Hey, er ist ein Fuchs!) den spurlos verschwundenen Mr. Otterton sucht, entdecken sie ein riesiges, Zoomania bedrohendes Komplott.
Äußerst gelungener Disney-Film mit sympathischer Botschaft und unzähligen Anspielungen, die jüngere Zuschauer übersehen werden. Aber die sollten um diese Uhrzeit auch im Bett sein.
Manche, auch objektiv schlechte Filme sprechen einen an. Sie gefallen trotz eklanter Fehler. Andere Filme nicht. So ein Fall ist für mich Céline Sciammas neuer Film „Petite Maman – Als wir Kinder waren“.
Es geht um die achtjährige Nelly. Mit ihren Eltern verbringt sie einige Tage in der Wohnung ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter. Sie wollen sie ausräumen. Aber Nellys Mutter Marion will nicht bleiben. Sie fährt wieder weg. Während ihr Vater sich durch die Hinterlassenschaften der Großmutter wühlt, erkundet Nelly den Wald. Sie sucht eine von ihrer Mutter erbaute Hütte. Auf ihren Streifzügen trifft sie die gleichaltrige Marion (!), die ihre eineiige Zwillingsschwester sein könnte. Sie verstehen sich. Sie bauen die Hütte, streifen durch den Wald und fahren Boot. Sie besuchen gegenseitig ihre Eltern.
Langsam begreift Nelly, dass ihre neue Freundin ihre Mutter als Kind ist. Und so verknüpfen sich Gegenwart und Vergangenheit.
Sciamma erzählt dies mit wenigen Dialogen und einem großen Desinteresse an all den mit Zeitreisen oder, präziser, dem Zusammenfallen von zwei Zeitebenen verknüpften philosophischen und logischen Fragen. „Petite Maman“ ist und will kein Science-Fiction-Film sein. Sciamma behandelt diese Begegnung von Mutter und Tochter als gleichaltrige Zwillinge als sei es etwas vollkommen alltägliches. Mutter und Tochter freuen sich über die neue Spielkameradin. Auch die anderen Menschen, mit denen Nelly und Marion interagieren, sind nicht erstaunt. Es sind wenige Menschen und menschenleere Orte, an denen sich das sehr ruhig erzählte, intime Drama abspielt.
Wenn man die Geschichte als Trauerphasen begreift und sich nicht weiter mit logischen Problemen aufhält, oder wenn man sich einfach an dem Spiel der Zwillinge Joséphine und Gabrielle Sanz, die Nelly und Marion spielen, erfreut, wird man vielleicht mehr mit „Petite Maman“ anfangen können.
Denn, wie gesagt, der Film hat mich überhaupt nicht angesprochen; – aber vielleicht habe ich ihn auch nur in der falschen Stimmung gesehen. Schließlich sind die meisten Kritiken überaus positiv.
Petite Maman – Als wir Kinder waren (Petite Maman, Frankreich 2021)
FSK: ab 0 Jahre (weil, aus der Begründung: „Der Film ist auf jeglichen Ebenen ruhig in Szene gesetzt. Ängstigungen oder anderweitige Überforderungen lassen sich daher rundweg und bei allen Altersgruppen ausschließen.“ Das ist keine Empfehlung, Kinder in den Film zu schicken.)
French Connection – Brennpunkt Brooklyn(The French Connection, USA 1971)
Regie: William Friedkin
Drehbuch: Ernest Tidyman
LV: Robin Moore: The French Connection, 1969 (Heroin Cif New York)
Die beiden Polizisten Popeye Doyle (Gene Hackman) und Buddy Russo (Roy Scheider) sind auf der Spur einer großen, aus Frankreich kommenden, Lieferung Rauschgift.
Zeitloser, hochspannender, vor Ort gedrehter Genre-Klassiker, der auf einem wahren Fall beruht.
Der Thriller erhielt unter anderem den Edgar-Allan-Poe-Award und fünf Oscars (Bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptrolle und Schnitt).
Mit Gene Hackman, Roy Scheider, Fernando Rey, Tony LoBianco, Marcel Bozzufi
Nanni Morettis neuer Film beginnt mit einem Autounfall. Stockbesoffen fährt Andrea durch das Wohnviertel, überfährt eine Fußgängerin und kracht in die Parterrewohnung des Hauses, in dem er noch bei seinen Eltern wohnt. Seine Eltern sind Vittorio (Nanni Moretti) und Dora (Margherita Buy). Beide sind Richter. Aber nach dem Unfall hilft der rechtsprinzipientreue Vittorio seinem Sohn Andrea nicht. Er fordert, dass er die Verantwortung für seine Tat übernimmt. Und das bedeutet eine längere, auch die Ehe von Vittorio und Dora belastende, Haftstrafe für Andrea.
Die Wohnung die Andrea zerstörte, ist das Arbeitszimmer von Lucio (Riccardo Scamarcio). Seine siebenjährige Tochter wird öfter von einem älteren Ehepaar behütet. Nachdem der schon leicht demente ‚Großvater‘ mit Lucios Tochter im Wald ein kindisches Spiel spielte, hält er ihn für einen Pädophilen. Er beginnt Beweise für seine wilde Vermutung zu suchen und gefährdet dabei seine Ehe, seine Familie und auch sein gesamtes Leben.
Andreas Unfall wurde von Monica (Alba Rohrwacher) beobachtet. Die psychisch instabile Schwangere war auf dem Weg zum Krankenhaus. Später muss sie ihre Tochter weitgehend allein aufziehen. Ihr Mann ist als Bauleiter bei großen Projekten beruflich viel unterwegs. Monicas Leben verändert sich, als ihr Schwager auftaucht.
Diese im Film porträtierten vier Familien leben in Rom in den titelgebenden „Drei Etagen“ eines bürgerlichen Wohnhauses. Über ein Jahrzehnt, von 2010 bis 2020, beobachtet Nanni Moretti („Liebes Tagebuch“) deren Leben und wie sehr sie mehr nebeneinander als miteinander leben. Das ist aus der Perspektive dramaturgischer Verdichtung natürlich enttäuschend. Aber halt realistisch. Die meisten Nachbarn kann man, im Gegensatz zur eigenen Familie, ignorieren und meistens tut man genau das. Schließlich ist die Adresse die einzige offensichtliche Gemeinsamkeit. Auch der Aufbau des Films – die erste Stunde des Films spielt 2010, die nächste halbe Stunde fünf Jahre später und die letzte halbe Stunde wieder fünf Jahre später – lädt zu einem episodischem Erzählen ein. In diesem Drama gibt es nicht die klaren, Hollywood-Dramaturgieregeln gehorchenden, sich gegenseitig verdichtenden Spannungsbögen.
Moretti beobachtet, feinfühlig wie gewohnt, seine Figuren mit großer Sympathie und ohne sie zu verurteilen. Das ist nicht schlecht, aber letztendlich bleibt alles doch etwas zu sehr an der Oberfläche, im Plakativen und im Ungefähren. Nur einmal wird ein konkretes Datum genannt, ansonsten sind die Ereignisse in diesem römischen Haus vollkommen von aktuellen Entwicklungen abgekoppelt.
So ist der Ensemblefilm ein schöner und auch in vielen Szenen immer wieder berührender Film. Am Ende bleibt allerdings das Gefühl, dass man nur das filmische Äquivalent zum Blättern in einem Fotoalbum erhalten hat.
Als Vorbereitung für „Bis wir tot sind oder frei“ (Kinostart: 31. März 2022; das mit Zeit- und Lokalkolorit gesättigte sehenswerte Drama spielt in den frühen Achtzigern in der Schweiz und erzählt wie eine linke Kanzlei den Ausbrecherkönig Walter Stürm verteidigt und wie er dabei in linken Kreisen zum Symbol für die Freiheit und Würde des Einzelnen wird) empfehle ich
Tele 5, 20.15
Der Baader Meinhof Komplex (Deutschland 2008)
Regie: Uli Edel
Drehbuch: Bernd Eichinger
LV: Stefan Aust: Der Baader Meinhof Komplex, 1985 (danach mehrere überarbeitete Neuausgaben)
Buch zum Film: Katja Eichinger: Der Baader Meinhof Komplex – Das Buch zum Film, 2008
Von der Länge her epische, vom Tempo her hektische Verfilmung der Geschichte der RAF von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende. Da stimmt die Ausstattung, aber für die Vertiefung der einzelnen Charaktere bleibt wenig Zeit.
Mit Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Johanna Wokalek, Bruno Ganz, Simon Licht, Jan Josef Liefers, Alexandra Maria Lara, Heino Ferch, Nadja Uhl, Hannah Herzsprung, Niels-Bruno Schmidt, Stipe Erceg, Daniel Lommatzsch, Volker Bruch, Bernd Stegemann, Tom Schilling, Katharina Wackernagel, Anna Thalbach, Jasmin Tabatabai, Hans Werner Meyer
LV: Tarell Alvin McCraney: In Moonlight Black Boys look Blue (Theaterstück)
2017 der verdiente, aber auch überraschende Gewinner des Oscars für den besten Film des Jahres: ein in jeder Beziehung beeindruckendes Drama über das Erwachsenwerden. In drei in sich abgeschlossenen Kapiteln erzählt Barry Jenkins die Geschichte von Chiron, einem schwarzen, in ärmlichsten Verhältnissen in Miami lebendem Jungen, und seiner Beziehung zu seiner drogensüchtigen Mutter, einem Drogendealer, der zu seinem Ersatzvater wird, und einem Schulkameraden, der mehr als ein Freund ist. Chiron wird gespielt von Alex Hibbert (in „Little“), Ashton Sanders (in „Chiron“) und Trevante Rhodes (in „Black“).
Als Doris Winther sich erhängt, rollt der pensionerte Kommissar Jakob Franck einen alten Fall wieder auf: vor Jahren hatte Doris Winthers Tochter Esther Suizid begangen. Franck fragt sich jetzt, ob er damals etwas übersehen hatte und Esther ermordet wurde.
Schlöndorff verfilmt Ani. Was kann da schief gehen?
„Die Inszenierung des ungewöhnlich atmosphärischen, vielschichtigen Krimis fällt insbesondere durch eine eindrucksvolle, durchdachte Bildsprache auf.“ (Lexikon des internationalen Films)
Mit Thomas Thieme, Devid Striesow, Ursina Lardi, Jan Messutat, Stephanie Amarell, Ursina Lardi
Antonio LeBlanc hatte schon Probleme mit dem Gesetz. Zweimal wurde der Mittdreißiger wegen Motorraddiebstahl verurteilt. Inzwischen ist er ein gesetzestreuer Bürger, der sich liebevoll um seine siebenjährige Stieftochter Jessie kümmert, als Tätowierer arbeitet und einen zweiten Job sucht. Denn seine Frau und große Liebe Kathy ist schwanger.
Als er in einem Supermarkt von einem Polizisten provoziert wird und aus der Provokation ein Handgemenge wird, landet er zuerst im Gefängnis und kurz darauf auf der Liste von Ausländern, die abgeschoben werden sollen. Denn Antonio wurde als Dreijähriger adoptiert und war seitdem nie wieder in seinem Geburtsland Korea. Seine Eltern und er beantragten niemals formal die US-Staatsbürgerschaft für ihn. Sie wussten nicht, dass sie das hätten tun müssen.
Die Polizei kann ihn deshalb in sein Geburtsland, das er nicht kennt, abschieben. Von dort kann er, auch wenn die Chancen äußerst gering sind, seine Wiedereinreise beantragen. Seine Familie kann ihn begleiten oder in den USA bleiben. Das ist der Justiz egal.
Die andere Möglichkeit ist, wie ein Anwalt ihm und Kathy erklärt, gegen die Abschiebung zu klagen. Wenn er Recht bekommt, kann er bleiben. Wenn nicht, muss er nach Korea ausreisen und darf nie wieder in die USA zurückkommen.
In jedem Fall will der Anwalt für seine Arbeit bezahlt werden. Zunächst versucht Antonio das Geld durch ehrliche Arbeit zusammen zu bekommen. Aber so kann er niemals genug Geld für den Anwalt verdienen. Letztendlich muss er sich an seine alten Freunde wenden und wieder Verbrechen begehen.
Das in und um New Orleans spielende intensive und nah an seinem Protagonisten erzählte Independent-Drama „Blue Bayou“ ist der vierte Spielfilm von Justin Chon und der erste, der bei uns im Kino läuft. Er schrieb auch das Drehbuch und übernahm die Hauptrolle. Weil er öfter als Schauspieler arbeitet, könnten einige sein Gesicht kennen. So spielte er in den „Twilight“-Filmen Eric Yorkie.
Antonios drohende Abscheigung, die die Filmgeschichte vorantreibt (wenn auch nicht so sehr, wie sie es eigentlich sollte), basiert auf einer realen, immer noch nicht behobenen Gesetzeslücke. Denn der Child Citizenship Act aus dem Jahr 2000 gilt nicht für adoptierte Kinder, die in dem Moment bereits 18 Jahre waren. Sie können ausgewiesen werden. In den vergangenen Jahren war eine unbekannte Zahl von adoptierten Kindern davon betroffen. Sie hielten sich sozusagen illegal in den USA auf. Im Abspann werden einige von ihnen gezeigt.
Aber um dieses Gesetz geht es in dem Film kaum. „Blue Bayou“ ist nämlich kein Justizthriller, sondern ein Drama, in dem ein Mann versucht, ein ehrliches Leben zu führen. Und ob das jetzt durch eine Abschiebung, einen rachsüchtigen Polizisten oder die falschen Freunde bedroht ist, ist egal. Ebenso die Gründe, aus denen der Protagonist unbedingt Geld braucht.
So verschwindet die drohende Abschiebung und die Frage, wie die in New Orleans lebende Familie LeBlanc künftig leben möchte, immer wieder, über lange Strecken im Hintergrund zugunsten eines Melodramas, in dem der Protagonist viel Motorrad fährt, eine krebskranke Frau kennen lernt, ein liebevoller Vater, hart arbeitender Tätowierer und Pechvogel ist. Die widrigen Umstände, personifiziert von zwei Polizisten, Kathys Ex und sein rassistischer Partner, und ein gnadenlos mahlendes Justizsystem, treiben Antonio immer weiter in sein altes Leben zurück. Das ist als durchaus dick auftragendes Melodrama mit einem Taschentuch-Ende gelungen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Blue Bayou(Blue Bayou, USA 2021)
Regie: Justin Chon
Drehbuch: Justin Chon
mit Justin Chon, Alicia Vikander, Sydney Kowalske, Mark O’Brien, Linh-Dan Pham, Emory Cohen, Vondie Curtis-Hall, Toby Vitrano
Der Mörder kam um Mitternacht (Un témoin dans la ville, Frankreich/Italien 1959)
Regie: Edouard Molinaro
Drehbuch: Gérard Oury, Alain Poiré, Edouard Molinaro, André Tabet (Dialoge), Georges Tabet (Dialoge) (nach einem Szenario von Pierre Boileau und Thomas Narcejac)
Der Industrielle Pierre Verdier ermordet seine Geliebte, die Frau des Lastwagenfahrers Ancelin (Lino Ventura). Der will sich rächen, erwürgt Verdier und glaubt, dass ein Taxifahrer ihn bei der Tat beobachtet hat. Also muss er auch den Zeugen umbringen. Er verfolgt ihn durch das nächtliche Paris.
En früher Film von Lino Ventura, der heute anscheinend zum ersten Mal im TV gezeigt wird.
„Spektakulärste Szene ist die Verfolgungsjagd der Taxis durch Paris, an der zum Ende 400 Wagen beteiligt sind.“ (Meinolf Zurhorst/Lothar Just: Lino Ventura)
mit Lino Ventura, Sandra Milo, Franco Fabrizzi, Jacques Berthier, Robert Dalban, Micheline Luccioni, Françoise Brion
The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz (The Wild Bunch, USA 1969)
Regie: Sam Peckinpah
Drehbuch: Walon Green, Sam Peckinpah
Texas 1913: nach einem missglückten Überfall auf die Kasse der Eisenbahngesellschaft flüchten Pike Bishop und seine Revolvermänner nach Mexiko und geraten in die dortigen Revolutionswirren.
Auf ihrer Flucht verfolgt Pikes ehemaliger Kumpel Deke Thornton sie gnadenlos. Er arbeitet inzwischen für die Eisenbahngesellschaft.
Peckinpah-Klassiker, der ist einer der besten Western und für zahlreiche Filmfans auch einer der besten Filme überhaupt: „Sam Peckinpahs definitiver Film über die verlorenen Helden des späten Westens und über die Gewalttätigkeit in Amerika.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
Für George P. Pelecanos ist „The Wild Bunch“ einer der sieben besten Western: „Peckinpah’s stunner was a parable for Vietnam that turned peace-loving audiences on with its cathartic violence, in the process burning down the genre itself. Concludes with the Battle of Bloody Porch, perhaps the most visceral, mindblowing action sequence ever committed to film. Oddly enough, it’s the quiet moments that stick with you.”
Mit William Holden, Ernest Borgnine, Robert Ryan, Edmond O´Brien, Warren Oates, Ben Johnson, L. Q. Jones, Bo Hopkins
Im zentralasiatischen Hochgebirge lebt der Schneeleopard und er gehört zu den gefährdeten Arten. Es ist also nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich einen Schneeleoparden zu sehen. Schließlich ist ihr Jagdrevir groß und sie laufen nicht in Massen durch die Berge.
Trotzdem, oder gerade deswegen, will der Tierfotograf Vincent Munier im Tibet einen solchen Leoparden fotografieren. Dafür verbringt er mehrere Monate in den Bergen, ohne einen Schneeleoparden zu sehen. Er sieht nur Spuren von ihm.
Dieses Mal möchte er seine Reise auch filmisch und schreibend dokumentieren. Darum begleiten ihn ein kleines Kamerateam und der Reiseschriftsteller Sylvain Tesson. Tessons Buch „Der Schneeleopard“ über diese Tibetreise ist schon seit einem Jahr auf Deutsch erhältlich. Der Film von Munier und Marie Amiguet läuft jetzt in den Kinos an.
Schon die ersten Bilder zeigen, wie wahnsinnig Muniers Vorhaben ist. Denn das Gebiet, in dem der Leopard sein soll, ist riesig, öd und menschenleer. Ein Mann allein kann nur zufällig (und mit dem Wissen der Einheimischen und der Fähigkeit, Fährten zu lesen) das Raubtier finden. Aber auf dem Weg dahin, kann Munier andere Tiere fotografieren.
Der aus der Reise entstandene Dokumentarfilm „Der Schneeleopard“ ist sehr ruhig, eigentlich schon medidativ mit seinen langen Aufnahmen von menschenleeren Landschaften und den wenigen Gesprächen zwischen Munier und Tesson. Sobald Munier stundenlang bewegungslos auf der Lauer liegt und darauf hofft, einen Schneeleoparden vor sein Kameraobjekt zu bekommen, schweigt er.
Die Musik ist von Nick Cave und Warren Ellis. Beide spielen schon seit Ewigkeiten in der Indie-Rockband „Nick Cave & The Bad Seeds“ zusammen, die einen Hang zum gepflegten Lärm hat. Ihre Filmmusiken sind anders. Auch für „Der Schneeleopard“ schrieben sie einen sehr reduzierten, minimalistischen und, der Landschaft entsprechenden, kargen Soundtrack.
Am Ende des Films ist man nicht unbedingt klüger, aber sehr entspannt. Und das ist doch auch etwas.
Bei den diesjährigen César- und Lumiere-Preisverleihungen wurde „Der Schneeleopard“ als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.
Der Schneeleopard (La Panthère des Neiges, Frankreich 2021)
Reige: Marie Amiguet, Vincent Munier
Drehbuch: Marie Amiguet, Vincent Munier
mit Vincent Munier, Sylvian Tesson, Schneeleopard, weitere Wildtiere und Einheimische
Für den am 6. Januar 2022 verstorbenen Peter Bogdanovich
ZDFneo, 20.15
Broadway Therapy(She’s funny that way, USA 2014)
Regie: Peter Bogdanovich
Drehbuch: Louise Stratten, Peter Bogdanovich
Ein verheirateter Theaterregisseur bietet einer Prostituierten nach einer Liebesnacht 30.000 Dollar, wenn sie ihren Beruf aufgibt und ihre Träume verfolgt. Etwas später bewirbt sie sich um eine Rolle in einem Stück des Regisseurs – und schon müssen sich alle mit all den Problemen, die wir aus alten Screwball-Komödien kennen, herumschlagen.
Wunderschöne, flotte, zitatreiche Liebeserklärung an die Screwball-Komödie, die im Kino etwas unterging.
mit Imogen Poots, Owen Wilson, Jennifer Aniston, Rhys Ifans, Cybill Shepherd, Will Forte, Kathryn Hahn, Tatum O’Neal, Michael Shannon, Quentin Tarantino
In seinem letzten Film „Leid und Herrlichkeit“ blickt ein älterer Regisseur auf sein Leben zurück und selbstverständlich lud diese Geschichte sofort zu wahrscheinlich vollkommen fehlgeleiteten autobiographischen Deutungen ein.
Diese Frage nach dem autobiographischen Anteil stellt sich bei Pedro Almodóvars neuem Film „Parallele Mütter“ so nicht. Dieses Mal geht es um Frauen, Mütter und Schwangerschaften. Eine dieser Frau wird von Penélope Cruz gespielt. Rossy de Palma und Julieta Serrano, die ebenfalls schon in vielen Almodóvar-Filmen mitspielten, sind in kleineren Rollen wieder dabei. Die zweite Hauptrolle wird von der Neuentdeckung Milena Smit gespielt.
Cruz spielt Janis. Bei einem Fotoshooting verliebt sich die allein lebende Fotografin in Arturo, einen verheirateten forensischen Anthropologen. Ihre Schwangerschaft ist nicht geplant. Arturo will seine kranke Frau nicht verlassen. Janis entschließt sich ohne zu zögern, Arturo nie wieder zu sehen (das ändert sich später) und ihr gemeinsames Kind allein groß zu ziehen.
Im Krankenhaus trifft sie die erheblich jüngere Ana (Milena Smit). Die Siebzehnjährige ist von der Schwangerschaft überfordert, unglücklich und verängstigt. Ihre Mutter ist ihr keine Hilfe. Außerdem muss sie, wie Janis, ihr Kind ebenfalls ohne den Vater großziehen. Janis spendet Mut und nimmt ihr gegenüber die Rolle der Mutter ein. Jedenfalls für die Zeit im Krankenhaus.
Als Janis mehrere Monate später durch einen DNA-Test erfährt, dass sie nicht die Mutter ihrer Tochter Cecilia ist, bricht sie den Kontakt zu Ana ab. In dem Moment vermuten wir, dass im Krankenhaus ihr und Anas Baby vertauscht wurden.
Wieder einige Monate später trifft Janis Ana in der sich vor ihrer Wohnung befindenden Bar. Ana arbeitet dort als Bedienung. Sie erzählt ihr, dass ihre Tochter Anita tot ist. Janis bietet ihr an, bei ihr als Mitbewohnerin einzuziehen. Und auch was jetzt passiert, können wir uns ungefähr denken.
Das ist aber kein Problem. Denn Almodóvar benutzt diesen Thriller-Plot nur, um feinfühlig über einen Zeitraum von drei Jahren aus dem Leben der beiden Frauen und ihrer auf echter Zuneigung, Lügen und Schweigen aufbauenden Freundschaft zu erzählen.
Almodóvar erzählt dies als ein komplexes dialoglastiges Zwei-Personen-Kammerspiel, das für meinen Geschmack immer zu sehr in Richtung TV- oder sogar Smartphone-Bildschirm hin geschrieben und inszeniert ist. In den Großaufnahmen verlangt nichts nach der großen Leinwand. Almodóvar erzählt dieses Melodrama erstaunlich unterkühlt.
In einem zweiten Erzählstrang, der eigentlich nur am Anfang und Ende des Films wichtig ist, geht es um den Umgang mit der Franco-Diktatur. Arturo, den Janis gegen Filmende wieder trifft, will ihr bei der Exhumierung von Opfern der Franco-Diktatur helfen. Um die dafür nötigen Genehmigungen zu erhalten sind langwierige Verfahren und Anträge nötig. Diese Frage der Vergangenheitsbewältigung ist wichtig, aber sie wirkt, als komme sie aus einem vollkommen anderen Film.
Parallele Mütter (Madres paralelas, Spanien 2021)
Regie: Pedro Almodóvar
Drehbuch: Pedro Almodóvar
mit Penélope Cruz, Milena Smit, Israel Elejalde, Aitana Sánchez-Gijón, Julieta Serrano, Rossy de Palma
Lieutenant Diamond will den Gangsterboss Mr. Brown unschädlich machen. Der Krieg zwischen beiden eskaliert immer weiter.
Dieses späte Noir-Juwel ist vom ersten bis zum letzten Moment mit sexueller Spannung aufgeladen. „Nahezu unverhüllt thematisierte B-Film-Regisseur Joseph H. Lewis den engen Zusammenhang zwischen unterdrückter Sexualität, sexueller Frustration und exzessiver Gewalt. (…) Es ist eine Welt sexueller Perversion und fatalistischer Abhängigkeit.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)
Mit Cornel Wilde, Richard Conte, Lee Van Cleef, Brian Donlevy, Jean Wallace, Robert Middleton, Earl Holliman
LV: Robert Thomas: Huit Femmes, 1958/1962 (Theaterstück)
Weihnachten in einem verschneiten Landhaus: In der Nacht wird der Hausherr ermordet. Die Täterin ist eine der acht Frauen, die im Haus sind. Selbstverständlich hat jede von ihnen ein gutes Motiv das Ekel umzubringen. Und ein todsicheres Alibi.
Ein Cozy mit Gesang und einem Darstellerinnenensemble, das über jeden Zweifel erhaben ist und die Crème de la Crème des französischen Films versammelt.
Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (Deutschland 1922)
Regie: Friedrich Wilhelm Murnau
Drehbuch: Henrik Galeen
LV: Bram Stoker: Dracula, 1897 (Dracula)
Murnaus grandiose Verfilmung von Bram Stokers „Dracula“. Die Uraufführung war, laut dem Hanser-Murnau-Buch, am 4. März 1922 in Berlin im Primus-Palast. Nach dem Film gab es ein großes Kostumfest.
Arte zeigt die 2013 von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung digitalisierte 96-minütige Fassung, die auf der 2005/2006er Restaurierung von Luciano Berriatúa basiert. Die neue Filmmusik von Olaf Lervik wurde vom Ensemble der/gelbe/klang eingespielt – und sie ist bis zum 1. Juni 2022 in der Mediathek verfügbar.
„‚Nosferatu‘, das ist vielleicht der Film im Zentrum von Murnaus Werk: Nicht weil er, wie durch ein Brennglas, dessen Motive und Themen versammelt und konzentriert, sondern als Mittelpunkt eines locker geflochtenen Gewebes, durch dessen Stränge er mit allen anderen Filmen zusammenhängt, ein leeres Zentrum.
Kein weiterer Murnaufilm ist so frei und offen wie ‚Nosferatu‘.“ (Fritz Göttler in Friedrich Wilhelm Murnau, 1990, Hanser Reihe Film Band 43)
„‚Nosferatu‘ ist nach wie vor die einzige Dracula-Adaption, die hauptsächlich auf den Schrecken abzielt. Max Schrecks rattenhafte, korsettierte Draculaversion besitzt keinen Zauber der Untoten, (…). Ebenso wie ‚Dracula‘ als Vorlage für den Horrorroman dienen kann, so dient ‚Nosferatu‘ (…) als Schablone für den Horrorfilm. Murnau fügte Stoker Nuancen hinzu, die überdauerten, vor allem, dass Vampire beim ersten Tageslicht vergehen.“ (James Marriott/Kim Newman: Horror – Meisterwerke des Grauens von Alien bis Zombie, 2006)
Kopfschmerzen und Kommunikationsmittel verhinderten die geplanten Artikel (u. a. viel Lob für Catwoman und Stalker).
Sixx, 20.15
Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten (Brooklyn, Irland/Großbritannien/Kanada 2015)
Regie: John Crowley
Drehbuch: Nick Hornby
LV: Colm Tóibín: Brooklyn, 2009 (Brooklyn)
Irland, frühe fünfziger Jahre: die junge, introvertierte Eilis Lacy (Saoirse Ronan, u. a. Oscar-, Golden-Globe- und Bafta-nominiert) wandert auf der Suche nach einem besseren Leben nach New York aus. In Brooklyn hat sie innerhalb der irischen Gemeinschaft zunächst Heimweh, lernt aber die neue Welt und einen Mann kennen.
Sehr schönes, genau beobachtetes Liebesdrama über eine Frau zwischen zwei Welten und Männern.