Drehbuch: Guillermo Arriaga (nach einer Idee von Guillermo Arriaga und Alejandro González Iñárritu)
In ihrem dritten gemeinsamen Spielfilm (nach „Amores Perros“ und „21 Gramm“) verschränken Iñárritu und Arriaga wieder mehrere Geschichten miteinander. Dieses Mal erzählen sie die Geschichte eines amerikanischen Touristenpärchens in Marokko, deren Haushälterin in San Diego und einer Teenagerin in Tokio. Auch wenn die Verbindung zwischen den Geschichten etwas gewollt ist (ich sage nur Gewehr) und der Film mit 135 Minuten Laufzeit ziemlich lang ist, hat er mir im Kino gut gefallen.
„Babel“ gewann, nach der IMDB, 42 Filmpreise und war für 136 weitere Preise nominiert. Er war, unter anderem, für den Oscar und BAFTA als bester Film des Jahres nominiert und erhielt in dieser Kategorie einen Golden Globe. In Cannes gewann er drei Preise (unter anderem für die Regie) und Arriagas Drehbuch hat es auf ungefähr jede wichtige Preisliste geschafft.
Mit Brad Pitt, Cate Blanchett, Rinko Kikuchi, Elle Fanning, Gael García Bernal, Adriana Barraza
Monate später als geplant richtet Kristen Stewart ihren Zeige- und Mittelfinger im Kino auf das Publikum. Sie spielt in „Jean Seberg – Against all Enemies“ die titelgebende Jean Seberg.
Cineasten kennen Seberg vor allem aus der Rolle, die sie 1960 zum Star machte. In „Außer Atem“ spielt sie die in Paris lebende, Zeitungen verkaufende Studentin Patricia, die sich in den Kleinkriminellen Michel Poiccard verliebt. Der hat während einer Verkehrskontrolle einen Polizisten erschossen und ist jetzt auf der Flucht. Der stilistisch einflussreiche Krimi markiert auch den Beginn der Karrieren ihres Filmpartners Jean-Paul Belmondo und des Regisseurs Jean-Luc Godard. Außerdem ist „Außer Atem“ einer der essenziellen Nouvelle-Vague-Filme, ein Kultfilm und ein Klassiker. Danach war Seberg, die Frau mit der damals vollkommen unweiblichen Kurzhaarfrisur, ein Star. In den nächsten Jahren spielte sie in einigen prestigeträchtigen und auch Big-Budget-Produktionen mit. Aber letztendlich und rückblickend gelang es ihr nicht, an den Erfolg von „Außer Atem“ anzuknüpfen.
Benedict Andrews‘ Biopic „Jean Seberg – Against all Enemies“ beginnt im Mai 1968 in Paris. Die in Frankreich lebende Seberg ist seit 1962 mit dem Schriftsteller Romain Gary verheiratet, gemeinsam haben sie einen Sohn und jetzt möchte sie wieder als Schauspielerin arbeiten.
Auf dem Flug in die USA lernt sie Hakim Jamal kennen. Die blonde Hollywood-Schauspielerin ist von dem afroamerikanischen Polit-Aktivisten, der sich wie ein Popstar durch das Flugzeug bewegt, fasziniert. Sie will ihn näher kennen lernen. In den USA organisiert sie Spendenpartys. Außerdem beginnt sie mit dem ebenfalls verheirateten Aktivisten eine Affäre – und wird dabei vom FBI auf Schritt und Tritt beobachtet.
Die Beobachtung ist Teil der hochgradig illegalen Operation COINTELPRO, in der das FBI Schmutz gegen vermeintliche Staatsfeinde, wie die Black-Panther-Sympathisantin Seberg, sammelt.
„Jean Seberg – Against all Enemies“ hat also alles, was ein Film braucht: eine in mehrfacher Hinsicht skandalträchtige wahre Geschichte, Stars (Kristen Stewart als Jean Seberg, Anthony Mackie als Hakim Jamal, Yvan Attal als Romain Gary, Zazie Beetz als Jamals Frau, Jack O’Connell und Vince Vaughn als FBI-Agenten) , Glamour, 60er-Jahre-Zeitkolorit, Revolution und Pop.
Und dann scheitert das Biopic an seiner eigenen Mutlosigkeit. Die ersten an Jean-Luc Godard erinnernden Minuten, zeigen, was für ein Film hätte entstehen können. Ein Pop-Pamphlet, das an den Stil der sechziger Jahre anknüpft, zugleich spielerisch und strukturiert ist, auf mehreren Ebenen herausfordert und zum Nachdenken anregt.
Diese Experimentierfreude erschöpft sich schon nach wenigen Minuten. Danach folgt Benedict Andrews („Una und Ray“) brav den Konventionen. Er verfolgt Seberg, wenn sie sich mit Jamal trifft und für die Black-Power-Bewegung engagiert. Gleichzeitig erzählt er von einem jungen, stockbürgerlichen, verheirateten Vater und FBI-Agenten, der Seberg beobachtet und abhört. Während seiner Arbeit beginnt dieser Ermittler, eine erfundene Figur, seine Meinung über die ‚Terroristin‘ Seberg zu ändern.
Am Ende kriegen wir statt experimentierfreudigem Godard und politaktivistischem Popkino biederes Besinnungskino über einen FBI-Agenten mit Gewissensbissen.
Das sieht mit Nostalgie-Bonus hübsch aus und Kristen Stewart überzeugt als durch die Überwachung und die Schmutzkampagne des FBI zunehmend psychisch lädierte Jean Seberg. Insgesamt ist der Film aber zu mutlos um nachhaltig zu beeindrucken.
Jean Seberg – Against all Enemies(Seberg, USA 2019)
Regie: Benedict Andrews
Drehbuch: Joe Shrapnel, Anna Waterhouse
mit Kristen Stewart, Jack O’Connell, Margaret Qualley, Zazie Beetz, Yvan Attal, Stephen Root, Colm Meaney, Anthony Mackie, Vince Vaughn
Cop Billy Costigan ist Undercover-Agent in der Organisation des Mafiapaten Frank Costello. Gangster Colin Sullivan ist bei der Polizei der Top-Maulwurf für Costello. Beide steigen in den feindlichen Organisationen stetig auf. Da erhalten Costigan und Sullivan von ihrem Boss den Auftrag, den Verräter in den eigenen Reihen zu finden.
„Departed – Unter Feinden“ ist, wie Genre-Junkies wissen, das grandiose US-Remake des ebenso grandiosen Hongkong-Thrillers „Infernal Affairs“ (von Andrew Lau und Alan Mak). Monahan verlegte die Geschichte nach Boston, orientierte sich bei dem Mafiapaten an dem legendären Whitey Bulger und zeichnete ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft. Die schwächsten Szenen des Remakes sind die weinigen, direkten Übernahmen von Szenen aus dem Original.
Beide Filme sind stilistisch überzeugende Werke über Freundschaft, Loyalität und Verrat.
Monahans Drehbuch erhielt einen Edgar, einen Oscar, den Preis der Writers Guild of America und war für den Golden Globe nominiert (um nur einige zu nennen). Der Film wurde für zahlreiche Preise nominiert und erhielt auch den Oscar für den besten Film des Jahres
Die nächste Zusammenarbeit von Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio war die allseits abgefeierte Dennis-Lehane-Verfilmung „Shutter Island“ (mir gefiel das Buch besser). Danach kam “The Wolf of Wall Street”.
Und William Monahans lieferte danach sein gelungenes Regiedebüt, die Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (mit Colin Farrell, David Thewlis, Ray Winstone, Eddie Marsan und Keira Knightley) ab.
Mit Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Ray Winstone, Vera Farmiga, Alec Baldwin
Wiederholung: Donnerstag, 17. September, 00.20 Uhr (Taggenau! – Dann sicher auch ungekürzt. Denn der Film ist ‚frei ab 16 Jahre‘)
Tod auf dem Nil (Death on the Nile, Großbritannien 1978)
Regie: John Guillermin
Drehbuch: Anthony Shaffer
LV: Agatha Christie: Death on the Nile, 1937 (Der Tod auf dem Nil)
Auf einem Nildampfer wird die Millionenerbin Linnet Ridgeway ermordet. Ihr Mörder ist noch auf dem Schiff. Hercule Poirot wird mit der Hilfe seiner kleinen grauen Zellen den Fall lösen.
„Tod auf dem Nil“ erhielt einen Oscar für die besten Kostüme und läutete eine kleine Renaissance von Christie-Verfilmungen ein. Der Film ist eine weitgehend spannungsfreie, nostalgische, stargarnierte Angelegenheit.
Mit Peter Ustinov, Jane Birkin, Bette Davis, Mia Farrow, Lois Chiles, David Niven, Jon Finch, Angela Lansbury, Olivia Hussey, Maggie Smith, Simon MacCorkindale, George Kennedy, Jack Warden, Sam Wanamaker, Celia Imrie
Ein beliebter Sportlehrer in einem Nobelort in Florida weist die sexuellen Avancen einer reichen Schülerin zurück. Danach behauptet sie, er habe sie vergewaltigt. Die Polizei glaubt ihr nicht, bis eine zweite Schülerin den gleichen Vorwurf erhebt.
Und das ist nur eine der ersten überraschenden Wendungen in diesem kleinen Thriller, bei dem die Stars lustvoll ihr Image ausfüllen, gegen es anspielen und sich (und uns) letztendlich fast ständig belügen. Denn in „Wild Things“ ist, unter der Sonne Floridas, nichts so wie es scheint. Eine schöne „Sommernachtsfantasie“.
Mit Kevin Bacon, Matt Dillon, Neve Campbell, Theresa Russell, Denise Richards, Robert Wagner, Bill Murray
LV: Lauran Paine: The Open Range Man, 1990 (später auch „Open Range“)
Als der tyrannische Rancher Baxter die Herde der beiden seit Ewigkeiten zusammen reitenden Cowboys Spearman und Waite stehlen will, hat er sich mit den falschen angelegt.
Schöner Western, der angenehm altmodisch auf jeglichen modernen Schnickschnack verzichtet und ruhig seine Geschichte erzählt.
mit Robert Duvall, Kevin Costner, Annette Bening, Michael Gambon, Michael Jeter, Diego Luna, James Russo, Kim Coates
Unter Verdacht: Die elegante Lösung(Deutschland 2011)
Regie: Aelrun Goette
Drehbuch: Don Schubert, Aelrun Goette, Martin Muser
Die interne Ermittlerin Dr. Eva Prohacek und ihr Kollege André Langner wollen herausfinden, warum der Polizist Thorsten Brenner starb. Zuletzt schützte er im Mittelmeer auf einem Patrouillenboot die EU-Außengrenze gegen Flüchtlinge. Hat sein Tod etwas damit zu tun?
Gewohnt guter, immer noch aktueller „Unter Verdacht“-Krimi.
mit Senta Berger, Rudolf Krause, Gerd Anthoff, Leonardo Nigro, Emilio De Marchi, Giorgio Lupano
Dick Clement und Ian La Frenais sind zwei alte Hasen im britischen Filmgeschäft. Sie schrieben unter anderem die Drehbücher zu „Commitments“, „Wasser – Der Film“, etlichen Lovejoy-Folgen (in Deutschland nie gezeigt) und zu „Die alles zur Sau machen“ (Villain).
Mit ihrem Edgar-nominierten Film „Bank Job“ kehrten sie wieder in die frühe Siebziger und dem von ihnen mit „Villain“ mitbegründeten britischen Gangsterfilm zurück. Dieses Mal lassen sie sich von einem wahren Bankraub inspirieren. Am 11. September 1971 raubten einige Kleingauner aus der Lloyd’s Bank 500.000 Pfund (was heute sechs Millionen Euro wären). Die Zeitungen füllten ihre Spalten mit Sensationsberichten über den „Walkie-Talkie-Einbruch“. Vier Tage lang. Dann untersagte die Regierung aus Gründen der nationalen Sicherheit weitere Berichte, vier Räuber wurden verhaftet, ihren Namen wurden nie bekannt, das Strafmaß ist unbekannt, große Teile der Beute verschwunden und die Akten darüber sind bis 2054 unter Verschluss. Das Team Clement/La Frenais hat jetzt mit „Bank Job“ eine Geschichte erfunden, die die Wahrheit sein könnte.
Und Roger Donaldson hat im Retro-Look einen angenehm altmodischen Ganovenfilm über den großen Coup, gewürzt mit einer Prise Polit-Thriller, gedreht.
Mit Jason Statham, Saffron Burrows, Stephen Campbell Moore, Daniel Mays, James Faulkner, Alki David
Drehbuch: Aaron Kandell, Jordan Kandell, Davd Branson Smith
LV: Tami Oldham Ashcraft, Susea McGearhart: Red Sky In Mourning: A True Story Of Love, Loss And Survival At Sea, 2002 (Self-publishing 1998)
Spontan entschließt die Rucksacktouristin Tami Oldham (Shailene Woodley) sich, zusammen mit ihrer Urlaubsbekanntschaft Richard Sharp (Sam Claflin) ein Segelboot von Tahiti nach San Diego zu bringen. Während der Fahrt geraten sie in einen Hurrikan. Richard wird schwer verletzt. Das Schiff ist nur noch ein im Pazifik treibendes Wrack. Und Tami, die vom Segeln keine Ahnung hat, muss irgendwie zum nächsten rettenden Ufer gelangen. Das ist zweitausend Seemeilen entfernt.
TV-Premiere. Starkes, auf wahren Ereignissen basierendes Survival-Drama, das Baltasar Kormákur klug zwischen den Zeitebenen springend erzählt.
Jetzt feiert der Film an dem Ort seine Premiere, an den er nicht gehört. Jedenfalls nicht in der Erstauswertung. Denn „Mulan“ ist eindeutig für die Kinoleinwand inszeniert. Aber nachdem Disney sich entschlossen hat, seine neueste Real-Action-Verfilmung nicht im Kino anlaufen zu lassen, werde ich zu den wenigen Menschen gehören, die diesen Film, wenige Tage bevor die Coronavirus-Pandemie unser normales Leben beendete, auf einer großen Leinwand sehen konnte. Und, ja, es war eine sehr große Leinwand in einem sehr großen Kinosaal mit viel Beinfreiheit, bequemen Sitzen, einem guten Blick auf die Leinwand und ohne irgendeine den Filmgenuss störende Ablenkung. Und genau da gehört „Mulan“ mit seinen Massenszenen, seinen Kämpfen und Landschaftsaufnahmen hin.
Aber in fast allen Ländern zeigt Disney „Mulan“ jetzt ausschließlich bei seinem neuen Streamingdienst „Disney+“. In Deutschland kostet der Film zusätzlich zu den normalen Abokosten (aktuell 6,99 Euro/Monat), für den VIP-Zugang, 21,99 Euro. Also insgesamt gut dreißig Euro. Das ist viel Geld für einen Film, aber letztendlich vielleicht doch immer noch günstiger als ein Kinobesuch mit Kindern, Lebensabschnittgefährten, besten Freunden des Kindes, der überdimensionierten Mega-Popcorntüte und den ungesunden Zuckergetränken. Nur das Erlebnis ist kein Kino, sondern Fernsehen. Genaugenommen ist es ein Videoabend mit (oder ohne) Freunde.
Die Geschichte von Mulan ist bekannt. In China ist Mulan eine bekannte Figur, die erstmals in einem Volksgedicht verewigt wurde. Seitdem wurde und wird Mulans Geschichte in verschiedenen Medien immer wieder neu interpretiert. Im Westen ist Mulans Geschichte vor allem aus dem 1998er Disney-Trickfilm „Mulan“ bekannt. Der Film war ein Kritiker- und Publikumserfolg. Jetzt erhielt er die Neubearbeitung, die viele andere Disney-Filme in den letzten Jahren erhielten und die aus finanzieller Sicht durchgehend überzeugte. Aus künstlerischer Sicht nicht unbedingt.
Für die Neuverfilmung als Realfilm engagierte Disney Niki Caro, die Regisseurin von „Whale Rider“ und „Die Frau des Zoodirektors“, die aus Mulans Geschichte eine farbenprächtige Abenteuergeschichte machte.
Als China aus dem Norden von einer mächtigen, scheinbar unbesiegbaren Armee bedroht wird, erlässt der Kaiser (lange vor den Tributen von Panem) ein Dekret nach dem aus jeder Familie ein Mann eingezogen werden soll.
In der glücklich in einem fotogenen Dorf lebenden Familie Hua wäre das Mulans Vater. Er ist ein aus früheren Kriegen geschätzter und geehrter Kämpfer, der jetzt als Bauer lebt und an körperlichen Gebrechen leidet. Der alte Mann würde den Kampf gegen die Invasoren nicht überleben.
Also verkleidet die abenteuerlustige, sportliche und unbekümmerte Mulan sich als Mann und tritt in die kaiserliche Armee ein. Schon in der Ausbildung überzeugt sie durch ihre überragenden Leistungen. Als sie gegen die schwarzgekleideten Invasoren, die dank übernatürliche Hilfe fast unbesiegbar sind, in den Kampf ziehen, erweist Mulan sich schnell als der tapferste und tödlichste Krieger in der gesamten Armee. Denn immer noch wissen Mulans Kampfgefährten nicht, dass Mulan eine Frau ist.
Gedreht wurde „Mulan“ in Neuseeland und China. Regisseurin Caro setzte die prächtigen Landschaften leinwandfüllend in Szene. Die oft scheinbar schwerelosen Kampfszenen wirken auf der großen Leinwand ebenfalls besser. Auch wenn wir sie aus asiatischen Filmen noch müheloser der Schwerkraft trotzend kennen. Und für die vielen Massenszenen wurden schon mal hunderte Statisten engagiert. Dummerweise sind diese Massenszenen Kriegsszenen, in denen Soldaten im Lager trainiert werden und sich verfeindete Armeen unblutig abschlachten.
Und genau hier kommen wir zu den Dingen, die „Mulan“ dann zu einem sehr problematischen und auf ideologischer Ebene reaktionärem Film werden lassen. „Mulan“ erzählt die Geschichte einer Frau, die ihre Träume verwirklicht und am Ende von allen für ihre Leistungen anerkannt wird. Allerdings wird Mulan nur anerkannt, weil sie ihren männlichen Kollegen in jedem Punkt hoffnungslos überlegen ist. Sie wird anerkannt, weil ihre Leistungen besser sind als die der anderen. Sie geht also nicht ihren eigenen Weg, sondern sie erfüllt die Anforderungen, die an Männer gestellt werden besser als die Männer. Das hat mit Emanzipation wenig zu tun.
Noch problematischer wird es durch das Arbeitsfeld, in dem Mulan anerkannt wird. Es geht nicht um sportliche oder intellektuelle Leistungen, sondern es ist das Handwerk des Kriegers. Die Leistung eines Kriegers bemisst sich daran, wie viele Menschen er ermordet. Mulan ist darin sehr gut.
Disney ließ die Schlachten so unblutig inszenieren, dass eine kindgerechte Kinofreigabe niemals gefährdet ist. Trotzdem sind es Massaker, in denen in einem Blutrausch tausende junge Menschen massakriert werden. In einem realistischen Kriegsfilm würden die Soldaten in dem Moment durch einen Matsch aus Blut, Gedärmen, abgeschlagenen Armen, Beinen und Köpfen waten und schreiende und wimmernde junge Männer hören, die gerade auf dem Feld der Ehre verrecken.
Das ist nämlich der nächste hochproblematische Punkt an „Mulan“: wieder einmal wird die Armee zur Schule des Mannes, oder in diesem Fall zur Schule des Menschen, erhoben und das Morden (und Sterben) auf dem Schlachtfeld für das Vaterland ist dann die höchste Ehre.
„Mulan“ transportiert hier eine sehr konservative, reaktionäre Ideologie. Dass das in diesem Fall anhand eines chinesischen Nationalmythos erzählt wird, macht die Sache nicht besser. Nur exotischer.
Mulan (Mulan, USA 2020)
Regie: Niki Caro
Drehbuch: Rick Jaffa, Amanda Silver, Lauren Hynek, Elizabeth Martin (basierend auf dem Gedicht „Hua Mulan”)
mit Yifei Liu, Donnie Yen, Tzi Ma, Jason Scott Lee, Yoson An, Ron Yuan, Rosalind Chao, Nelson Lee, Cheng Pei-Pei, Gong Li, Jet Li
Nur ein kleiner Gefallen (A simple Favor, USA 2018)
Regie: Paul Feig
Drehbuch: Jessica Sharzer
LV: Darcey Bell: A simple Favor, 2017 (Nur ein kleiner Gefallen – A simple Favor)
Die mondäne, so überhaupt nicht in die Vorstadt passende Emily bittet Stephanie, für einige Stunden auf ihren Sohn aufzupassen. Die mustergültige Vorstadtmom Stephanie tut es: Als Emily ihren Sohn nicht abholt, sondern spurlos verschwindet, beginnt sie sie zu suchen und entdeckt so einige Geheimnisse.
TV-Premiere. Äußerst gelungener Drahtseilakt zwischen harmloser Krimikomödie und fiesem Neo-Noir, der gerade weil er so unvereinbare Stile miteinander kombiniert, bis zum Schluss spannend bleibt. Paul Feig inszenierte hier einen Krimi, der auch Alfred Hitchcock ohne den Schatten eines Zweifels gefallen hätte.
Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il west, Italien/USA 1968)
Regie: Sergio Leone
Drehbuch: Sergio Leone, Sergio Donati (nach einer Geschichte von Dario Argento, Bernardo Bertulucci und Sergio Leone)
Die Story – Killer Frank will für die Eisenbahn an das Land der Exhure Jill gelangen, während ‚Mundharmonika‘ ihm einen Strich durch die Rechnung macht – ist eher Nebensache gegenüber den von Ennio Morricone untermalten Bildern von Tonino Delli Colli.
Ein Western-Klassiker, der eigentlich auf die große Leinwand gehört.
mit Charles Bronson, Henry Fonda, Claudia Cardinale, Jason Robards, Frank Wolff, Gabriele Ferzetti, Keenan Wynn, Lionel Stander, Jack Elam, Woody Strode
Ein ermordeter Binnenschiffer treibt im Hafenbecken von Duisburg-Ruhrort. Die Kommissare Schimanski und Thanner suchen seinen Mörder.
Der erste Auftritt von Götz George als Horst Schimanski. Damals ein Skandal (Seine Manieren! Seine Sprache! Sein Umgang mit den Dienstvorschriften!), heute ein „Tatort“-Klassiker. Schimanski war schnell der beliebteste „Tatort“-Kommissar, der auch zweimal im Kino ermitteln durfte.
mit Götz George, Eberhard Feik, Ulrich Matschoss, Michael Lech, Michael Rastl, Brigitte Janner, Max Volkert Martens, Barbara Focke
Auf dem Plakat steht Daniel mit ausbreiteten Armen und einem Rockstar-Kreischen, das ihn sofort zum Leadsänger einer Rockband qualifiziert. Wenn da nicht die tiefkatholische Priesterkluft wäre.
Diese Irritation macht neugierig und sie verrät auch schon viel über den Film, der Gegensätze aufeinanderprallen lässt und die Frage stellt, wie ein Pfarrer sein muss.
Denn Daniel ist kein Heiliger und auch kein verhinderter Rockstar, sondern ein Verbrecher mit einem Hang zum unchristlichen Leben. Im Jugendgefängnis hilft er dann als Messdiener bei den Gottesdiensten. Schon vor dem Beginn der Filmgeschichte erfolgte dabei bei ihm eine Bekehrung. Er würde, nach der Verbüßung seiner Strafe, gerne Priester werden. Aber davor stehen zwei Hürden. Die eine, seine mangelhafte schulische Bildung, könnte er überwinden. Die andere nicht. Denn Vorbestrafte werden nicht zum Priesterseminar und dem darauf folgendem Priesteramt zugelassen.
Nach der Entlassung aus der archaischen Strafanstalt soll er sich am anderen Ende Polens bei dem Besitzer eines Sägewerks melden. Der Unternehmer ist dafür bekannt, ehemaligen Gefangenen eine zweite Chance zu geben. Als Daniel vor dem abseits gelegenem Sägewerk steht, ist er unschlüssig.
Er geht zum nahe gelegenem Dorf in die Kirche. Dort sagt er gegenüber einer Besucherin, er sei Priester und zeigt ihr seine Soutane. Diese kleine Angeberei führt dazu, dass er im Haus des Dorfpfarrers aufgenommen wird. Weil dieser für einige Tage weg muss, vertraut er Daniel das Amt und seine Gläubigen an.
Daniel klärt den Irrtum nicht auf. Am nächsten Tag steht er in der Kirche vor den Gläubigen, die seiner Predigt lauschen wollen. Und mit seine unorthodoxen Predigten und Taten beginnt er das Leben seiner Gemeindemitglieder zu beeinflussen.
Dieses Jahr war Jan Komosas „Corpus Christi“ Polens Kandidat für den prestigeträchtigen Auslandsoscar. Gegen den überragenden Gewinner und großen Abräumer der Oscar-Nacht, Bong Joon Hos „Parasite“, hatte er dann keine Chance. Beim Polnischen Filmpreis sah das ganz anders aus. Dort erhielt das Drama alle wichtigen Preise, wozu die Preise für bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Kamera, beste Haupt- und Nebendarsteller (beide Geschlechter) und der Publikumspreis gehörten. Insgesamt erhielt er elf von fünfzehn möglichen Auszeichnungen. Mit über 1,5 Millionen Zuschauern war er letztes Jahr in Polen ein Kinohit. In den Jahrescharts steht er auf dem achten Platz. Direkt hinter „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“.
Und es fand sich ein deutscher Verleih, der den Film jetzt in unsere Kinos bringt. Damit gehört „Corpus Christi“ zu den wenigen Filmen aus unserem Nachbarland, der bei uns im Kino läuft.
„Corpus Christi“ ist sperrige Kost, die so gar nichts mit den üblichen Blockbuster und Arthaus-Hits zu tun hat. Komosa zeigt eine düstere Welt, in der sich Daniel immer mehr in Schuldgefühle und Schuld verstrickt. Er stochert im großen Trauma des Dorfes – ein nächtlicher Autounfall, bei dem sieben Mitglieder der Dorfgemeinschaft, sechs davon Jugendliche, starben – herum. Er will herausfinden, was damals geschah und er will diese Wunde in der Seele des Dorfes schließen. Mit seinen die Konventionen eines streng reglementierten Gottesdienst sprengenden Predigten und Taten irritiert er die Gläubigen. Es ist eine Irritation, die sie ihr Leben und ihren Glauben neu betrachten lassen.
Er bringt frischen Wind in ein Dorf, das wie ein deutsches Dorf aus den fünfziger Jahren aussieht. Die Dorfgemeinschaft, vor der Daniel predigt, vervollständigt das Bild. Sie erinnert an damalige Gemeinschaften, in denen Autoritäten und die Kirche nicht hinterfragt wurden. Die richtige Kleidung ist der Ausweis für die Kompetenz. Es ist damit auch eine engstirnige Dorfgemeinschaft, in der das Wort des Patriarchen, von dem alle abhängig sind, und der Kirche Gesetz sind. Das ist dann, wenn die Dörfler die Witwe des Verursachers des tödlichen Unfalls zur Aussätzigen erklären und Daniel mit den trauernden Hinterbliebenen der Opfer des Unfalls eine Urschreitherapie ausprobiert, nicht allzu weit von den „Jagdszenen aus Niederbayern“ entfernt.
Komasa zeigt diese uns so seltsam vertraut erscheinende Welt mit einer ruhig beobachtenden Kamera, die oft Aktion und Reaktion in einem Bild zeigt und einfache Antworten vermeidet.
Corpus Christi (Boże Ciało, Polen 2019)
Regie: Jan Komasa
Drehbuch: Mateusz Pacewicz
mit Bartosz Bielena, Eliza Rycembel, Aleksandra Konieczna, Tomasz Zietek, Leszek Lichota, Lukasz Simlat
Aus der Mitte entspringt ein Fluss (A River runs through it, USA 1992)
Regie: Robert Redford
Drehbuch: Richard Friedenberg
LV: Norman MacLean: A River runs through it, 1976 (Aus der Mitte entspringt ein Fluss)
In poetischen Bildern (Philippe Rousselot erhielt dafür einen Oscar) erzählt Robert Redford in seiner dritten Regiearbeit die Geschichte zweier ungleicher Brüder, die in Montana vor ungefähr hundert Jahren aufwachsen und von ihrem Vater, einem presbyterianischen Pfarrer, zu passionierten Fliegenfischen erzogen werden. Dabei steht das Fliegenfischen für eine bestimmte Geisteshaltung.
„Ein Plädoyer für eine natürliche Ordnung und eine Abkehr von materieller Raffgier. Ein schöner Gegenentwurf zur inhaltsleeren Konsumware Hollywoods.“ (Fischer Film Almanach 1994). Inszeniert von einem Hollywood-Star, mit einem Hollywood-Star am Anfang seiner Karriere in der Hauptrolle.
mit Brad Pitt, Craig Sheffer, Tom Skerritt, Brenda Blethyn, Emily Lloyd
Election Game – Amerikas Wahlsystem in der Krise (Deutschland/USA 2020)
Regie: Jan Schäfer
Drehbuch: Jan Schäfer
In der 45-minütigen Doku geht es um Probleme innerhalb des US-Wahlrechts und Wahlsystems, das vor allem von den Republikanern schamlos zu ihren Gunsten manipuliert wird.
Die Doku ist Teil eines sehr sehenswerten, informativen und langen USA-Abends mit brandneuen und etwas älteren Dokus über die nicht mehr so vereinigten Staaten unter Präsident Trump.
Davor läuft um 18.45 Uhr „Liebe und Sex in den USA – Profit, Prüderie und Polyamorie“ (USA 2019), um 19.30 Uhr „Amerikas neue Gurus – Auf der Suche nach Erleuchtung“ (ebenfalls eine TV-Premiere); danach, um 21.00 Uhr „Trumps schmutziger Deal – Der Präsident und die Ukraine-Affäre“ (Frankreich 2020, noch eine TV-Premiere), um 21.55 Uhr „Macht und Machenschaften USA – Gekaufte Politik“ (Deutschland/USA 2020), um 22.40 Uhr „Bibeltreue Supermacht – Evangelikale in den USA“ (Frankreich 2019), um 23.25 Uhr „Citizen Trump – Eine amerikanische Karriere“ (Frankreich 2019), um 00.10 Uhr „Die Trumps – Aus der Pfalz ins Weiße Haus“ (GB 2017) und, nach einer kurzen „heute journal“-Verschnaufpause, um 01.20 Uhr die spielfilmlange, sehr gelungene Doku „Sex, Trump & Fox News – Aufstieg und Fall des Roger Ailes“.
Als „Die Truman-Show“ im Kino lief, war es Science-Fiction. Aber das war auch, bevor es die TV-Show „Big Brother“ gab und danach erschien „Die Truman Show“ nicht mehr soo abwegig. Denn der titelgebende Truman Burbank wird ständig von Kameras überwacht. Sein Leben ist eine Reality Show mit einem Millionenpublikum. Dummerweise hat Truman davon keine Ahnung. Als eines Tages ein Scheinwerfer vom Himmel fällt, beginnt der Dreißigjährige Fragen zu stellen.
Die grandiose Mediensatire gewann unter anderem einen Hugo.
„ein modernes Märchen mit existentieller Tiefenschärfe (…) ein Filmereignis“ (Fischer Film Almanach 1999)
Die Musik ist von Philip Glass.
mit Jim Carrey, Laura Linney, Noah Emmerich, Natascha McElhone, Peter Krause, Paul Giamatti