LV: Edgar Wallace: The Squeaker, The Squeaker: The sign of the leopard, 1927 (Der Zinker)
Scotland Yard jagt den Zinker. Eine Raubtierhandlung spielt dabei eine wichtige Rolle.
H. G. Petersen verarbeitete in seinem ersten Drehbuch neben dem Wallace-Buch auch ein Treatment von Trygve Larsen, einem Pseudonym von Egon Eis, der bereits bei der ersten deutschen Verfilmung von „Der Zinker“ 1931 am Drehbuch mitarbeitete. Vohrer machte aus dem Drehbuch einen handwerklich passablen Krimi.
„Wie bei den meisten anderen Wallace-Filmen der Rialto setzte der Regisseur auch hier auf ein Reservoir bekannter Schauspieler, legte zahlreiche irreführende Fährten und baute falsche Verdächtige auf, einzig, um die Geschichte zu verschleiern.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)
Die Musik ist von Peter Thomas.
Mit Heinz Drache, Barbara Rütting, Günter Pfitzmann, Eddi Arent, Klaus Kinski, Siegfried Schürenberg
Saving Mr. Banks (Saving Mr. Banks, USA/Großbritannien/Australien 2013)
Regie: John Lee Hancock
Drehbuch: Kelly Marcel, Sue Smith
Walt Disney will das Kinderbuch „Mary Poppins“ verfilmen. Dafür braucht er nur das Einverständnis der Autorin P. L. Travers. Die Engländerin hasst ungefähr alles abgrundtief, was Walt Disney verkörpert und mit ihrem Buch machen will.
Das sehr, sehr gelungene und sehr kurzweilige Making of zu dem Klassiker „Mary Poppins“.
mit Emma Thompson, Tom Hanks, Colin Farrell, Paul Giamatti, Jason Schwartzman, Bradley Whitford, Ruth Wilson, B. J. Novak, Rachel Griffiths, Kathy Baker
Seine Sporen verdiente Robert Lewis (Kevin Whately) sich als Gehilfe von Inspector Endeavor Morse. Als John Thaw („Die Füchse“ [The Sweeney]) genug von seiner Rolle als Morse hatte, aber die Zuschauer immer noch neugierig auf Morde in Oxford waren, bekam Lewis seine eigene TV-Serie. Von 2006 bis 2015 ermittelte er in 33 spielfilmlangen Filmen in Oxford. Zusammen mit Detective Sergeant James Hathaway (Laurence Fox) löste er Mordfälle auf die gemütliche Art, die auch ein nostalgisches Bild von England zeichnen. Oxford ist halt nicht der verkommene, von psychisch kaputten Ermittlern bevölkerte Moloch London, sondern eine uralte Universitätsstadt, in der auch bei einem Mord auf gutes Benehmen geachtet wird. Außerdem gibt es noch Morses ewig gültigen Ratschlag: „There’s always time for one more pint.“
Mit dem Erreichen der Pensionsgrenze quittierte der 1951 geborene Kevin Whately den Dienst in dem Revier, das ihn die meiste Zeit seines Schauspielerlebens mit Arbeit, Mord und Totschlag versorgte. Immerhin lief „Inspector Morse“ von 1987 bis 2000 und „Lewis“ von 2006 bis 2015.
Jetzt, nachdem alle Lewis-Krimis auch im deutschen Fernsehen im ZDF und ZDFneo gezeigt wurde, hat edel: motion die „Lewis“-Krimis in einer Gesamtbox veröffentlicht. Aktuell ist diese als limitierte Sonderedition bei Amazon erhältlich. Ab Oktober soll sie auch im normalen Handel erhältlich sein.
In der Sonderedition sind alle 33 „Lewis“-Fälle auf 20 DVD, eine Bonus-DVD mit jeweils der ersten Episode von „Inspector Morse“ und „Der junge Inspektor Morse“ (ein weiteres Spin-Off von „Inspector Morse“, ebenfalls unter freundlicher Begleitung von Morse-Erfinder Colin Dexter) (diese DVD können wir locker als Werbung abtun), dem Soundtrack zur Serie, das „Making-of der Serie“ und ein umfangreiches Booklet mit Infos zur Serie, den Hauptdarstellern und dem Serienschöpfer Colin Dexter enthalten.
Das alles könnte auch bei späteren Veröffentlichungen der Gesamtbox dabei sein. Die Fan-Extras der Sonderedition – ein Lewis Pint-Glas, ein Untersetzer mit Flaschenöffner, eine Landkarte von Oxford mit den Oxford Pubs als Puzzle, zwei Lewis-Kühlschrankmagnet und ein Lewis-Schlüsselanhänger – eher nicht.
So richtig billig ist die Gesamtbox mit über 150 Euro nicht, aber wozu gibt es Eltern (oder Kinder) und Geburtstage?
Lewis – Der Oxford Krimi: Gesamt Box
edel: motion
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: ?
Bonusmaterial: vorhanden, siehe oben
Länge: 2982 Minuten (+ 241 Minuten Bonusmaterial)
FSK: ab 12 Jahre
–
Bonushinweis
Wie gesagt: „Lewis“ ist das Spin-off von „Inspector Morse“, einer auf der Insel sehr erfolgreichen, auf dem Festland sehr unbekannten TV-Serie, die auf den mehrfach ausgezeichneten Romanen von Colin Dexter (1930 – 2017) basiert. Die erschienen auf Deutsch bei rororo und wenn ich einen Blick auf die Preise werfe, die bei Amazon von verschiedenen Anbietern für die Krimis verlangt werden (z. B. ist „Der letzte Bus nach Woodstock“ für 60 und 86 Euro, plus Versandkosten, im Angebot), ist die jetzt im Unionsverlag startende Neuauflage ein No-Brainer. Denn irgendwo da draußen scheint es eine Nachfrage nach guten Rätselkrimis zu geben.
Damit bringt der Unionsverlag, nach Michael Dibdin (die in Italien spielenden Aurelio-Zen-Romane) und James McClure (die in Südafrika spielenden Kramer-und-Zondi-Krimis), einen weiteren legendären Krimiautor zurück in unsere Buchhandlungen.
Edward mit den Scherenhänden (Edward Scissorhands, USA 1990)
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Tim Burton, Caroline Thompson
Zwischen seinen beiden „Batman“-Filmen drehte Tim Burton, der hier erstmals Carte Blanche hatte, dieses dunkle, romantische Märchen über den einsam in einem Schloss auf einem Hügel lebenden „Edward mit den Scherenhänden“. Als eine Kosmetikvertreterin ihn trifft, ist sie fasziniert von ihm und nimmt ihn mit in die typisch amerikanische Vorstadt. Dort ist Edward wegen einer motorischen Fähigkeiten zuerst sehr beliebt.
Ein schöner trauriger Film voller Humor und Skurrilitäten.
„ein Märchen. Und das erzählt er einem Publikum, das schon alle Märchen kennt, an keins mehr glaubt und sich doch danach sehnt. Und er erzählt es mit allen Emotionen, aller Naivität, aller Grausamkeit und auch aller Komik, die das Publikum erwarten darf.“ (Fischer Film Almanach 1992)
mit Johnny Depp, Winona Ryder, Dianne Wiest, Anthony Michael Hall, Kathy Baker, Vincent Price (seine letzte Rolle in einem Spielfilm), Alan Arkin
Sat.1, 22.55 Sieben (USA 1995, Regie: David Fincher)
Drehbuch: Andrew Kevin Walker
In einer verregneten Großstadt jagen ein junger und ein alter Polizist einen Serienmörder, der sich bei seinen Taten anscheinend von den sieben Todsünden inspirieren lässt.
Einer der in jeder Beziehung prägenden Thriller der neunziger Jahre, der gleichzeitig Genre-Fans und das große Kinopublikum begeisterte – und ein absolutes Killer-Ende hat.
Mit seinem zweiten Spielfilm, nach dem Desaster „Alien 3“, setzte David Fincher seine Filmkarriere auf die richtigen Spuren. Danach kamen „The Game“, „Fight Club“, „Panic Room“, „Zodiac“, „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, „The Social Network“, „Verblendung“ und „Gone Girl“. Da ist kein echter Flop dabei.
mit Brad Pitt, Morgan Freeman, Gwyneth Paltrow, Kevin Spacey, John C. McGinley, Richard Roundtree, R. Lee Emery
Flucht von Alcatraz (Escape from Alcatraz, USA 1979)
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Richard Tuggle
LV: J. Campbell Bruce: Escape from Alcatraz, 1963
Frank Lee Morris plant das Unmögliche: eine Flucht von Alcatraz. Und am 11. Juni 1962 gelingt es ihm; – jedenfalls verschwanden er und seinen beiden Mitflüchtlingen spurlos.
„Flucht von Alcatraz“ ist die fünfte und letzte Zusammenarbeit von Don Siegel und Clint Eastwood. Der auf einem wahren Fall beruhende, beklemmende und realistische Knastthriller wurde auf Alcatraz gedreht.
Danny Glover gab hier in einer Nebenrolle als Häftling sein Filmdebüt.
Mit Clint Eastwood, Patrick McGoohan, Roberts Blossom, Jack Thibeau, Fred Ward, Paul Benjamin, Larry Hankin, Bruce M. Fischer, Frank Ronzio, Danny Glover
Während die Berliner noch über mögliche und nicht mögliche Nachnutzungen des unter Denkmalschutz stehenden, ab Mitte der dreißiger Jahre in seiner heutigen Form gebauten Flughafengebäudes und Nazi-Prestigeprojekts redeten, kam es im Sommer 2015 zu dem allseits bekannten Ansturm von Flüchtlingen und Berlin hatte die aus Verzweiflung geborene Idee, einen Teil der Flüchtlinge in dem leer stehendem Flughafen unterzubringen. In sieben Hangars wurden Wohnzellen für über dreitausend Menschen errichtet. Bis man in der Hauptstadt einen besseren Ort für sie gefunden hat, sollten diese Hallen ihre Wohnung und ihr Lebensmittelpunkt sein. Diese Unterbringung dauerte nicht ein, zwei Nächte, sondern Wochen und oft Monate.
Karim Aïnouz, der in der Nähe des 2008 stillgelegten innerstädtischen Flughafens lebt, entschloss sich schon bei der Ankunft der ersten Flüchtlinge in Tempelhof, einen Film über Deutschlands größte Flüchtlingsunterkunft zu drehen. „Zentralflughafen THF“ ist eine kommentarlose Langzeitbeobachtung. Ein Jahr begleitet er mit seiner Kamera zwei der in dem Flughafen lebende Flüchtlinge. Es sind Ibrahim Al Hussein und Qutaiba Nafea.
Der Syrer Ibrahim Al Hussein wurde 1994 in Manbij (Aleppo) geboren. Vor seinem Abitur verließ er im Oktober 2015 seine Heimat, seine Eltern und seine sieben Geschwister. In Tempelhof lebte er von Januar 2016 bis März 2017.
Der Iraker Qutaiba Nafea wurde 1978 in Ramadi (Provinz Anbar) geboren. Am Baghdad Medical Institute machte er sein Diplom als Physiotherapeut. Anschließend begann er an der Mosul Medical University Medizin und Chirurgie zu studieren. Nachdem sein jüngerer Bruder und sein Mitbewohner in der Nähe von Ramadi getötet wurden, floh er mit seiner Frau aus dem Irak. Im November 2015 kamen sie in Deutschland an. Bis Februar 2016 lebten sie in Tempelhof. Er arbeitet in der Flüchtlingsunterkunft auch als Übersetzer und hilft den Ärzten bei ihrer Arbeit. Während er oft im Bild ist, sieht man seine Frau nicht.
Diese beiden Männer stehen im Zentrum von „Zentralflughafen THF“, der chronologisch ihr Leben in dem Flughafen zeigt und nie den Flughafen verlässt. Alles spielt sich innerhalb von zwölf Monaten in dem Flughafengebäude und dem davor liegendem Flugfeld, das seit der Schließung des Flugbetriebs von den Berlinern als riesiger Freizeitpark in Besitz genommen wurde, ab. Mit seinen gut komponierten, schönen Bildern von Kameramann Juan Sarmiento G., dem ruhigen Erzähltempo und seiner mitfühlenden Haltung zeigt Aïnouz‘ Dokumentarfilm gut, wie das Leben im Transit ist. Kaum ein Tag unterscheidet sich von dem anderen. Das gesamte Leben ist auf Pause gestellt. Für eine unbestimmte Zeit wird gewartet und gehofft.
Mit seiner Konzentration auf die Bewohner der Unterkunft und ihren Alltag zeigt Aïnouz auch die Gesichter hinter den Zahlen. Sie sind nicht mehr anonyme Masse, sondern Menschen.
Das macht seinen Film unbedingt sehenswert. Es ist aber auch ein Dokumentarfilm, der sich auf das reine Beobachten und die bei Gesprächen aufgefangenen Originaltöne verlässt. Was da nicht gesagt wird oder gezeigt werden kann, existiert nicht. Es gibt nur die Perspektive der Porträtierten. Die Betreiber der Einrichtung, freiwillige Helfer, Sozialarbeiter, Anwälte, Beamte, Politiker oder Wissenschaftler werden nicht befragt. Man erfährt nichts über die Konflikte, die es um die Unterbringung der Flüchtlinge in Berlin gab und auch wenig über die Probleme des Zusammenlebens in einer riesigen Unterkunft. Das liegt nicht an der Konzentration auf die beiden Protagonisten, sondern an dem gewählten Stil, der schon jetzt dazu führt, dass man schon jetzt viele Dinge gerne genauer erklärt bekäme. In einigen Jahren wird dieser Wunsch nach Hintergrundinformationen und Erklärungen noch stärker sein.
Seit 2017 ist die Notunterkunft in den Hangars geschlossen. Am Randbereich des Flughafens gibt es ein Containerdorf. Diese Zwischennutzung soll spätestens 2020 enden.
LV: Arthur La Bern: Goodbye Piccadilly, Farewell Leicester Square, 1966 (Frenzy)
Ein Frauenmörder versetzt ganz London in Panik. Die Polizei tappt im Dunkeln. Und ein Unschuldiger kennt den richtigen Täter: seinen besten Freund.
Oder in Hitchcocks Worten: „Frenzy ist die Geschichte eines Mannes, der impotent ist und sich deshalb durch Mord ausdrückt.“
Hitchcocks vorletzter Film, seine Rückkehr nach London und seine Rückkehr in die Kritikerherzen, nachdem er seit „Die Vögel“ (1963) nichts wirklich weltbewegendes präsentierte. Zum Beispiel: „wunderbar komisches Drehbuch“ (New York Times), „Der strahlende Beweis, dass jeder, der einen spannenden Film macht, immer noch ein Lehrling dieses Meisters ist“ (Time Magazine), „Frenzy ist das reine Hitchcock-Festival“ (Harris/Lasky) – Ich konnte diese Euphorie nie teilen. Denn alle Beziehungen sind steril oder enden mit Mord. „Frenzy ist bis zum letzten Bild eine hermetische und kalt negative Vision des menschlichen Daseins.“ (Donald Spoto)
Deanna ist Melissa McCarthy und Melissa McCarthy spielt diese Mutter einer College-Schülerin, die nach über zwanzig Jahren von ihrem Mann verlassen wurde, genau so, wie man sie aus ihren zahlreichen anderen Komödien kennt: laut, schamlos und ohne Hemmungen. Ständig plappernd und mit einer Kleiderauswahl, die in ihrer Trutschigkeit schon vor einem halben Jahrhundert unter ‚geschmacklos‘ lief. Vor allem wenn man sie mit Kinderpullovern und Oma-Frisuren kombiniert wird.
Nachdem Deanna von ihrem Mann verlassen wurde, entschließt sie sich, ihr Studium zu beenden. Das hatte sie kurz vor ihrem Abschluss für ihren Mann und ihr Kind abgebrochen. Die letzten Uni-Scheine will sie mit allem machen, was zu einem Studium dazugehört, wie dem Einzug in ein Zwei-Bett-Zimmer in einem Verbindungshaus (Oder müssen in den USA Studierende auf dem Campus in nach Geschlechtern getrennten Häusern leben?).
Diese Prämisse ist für Melissa McCarthy (auch Drehbuch und Produktion) und ihren Mann Ben Falcone (wieder Regie, Drehbuch, Produktion und ein Cameo als Uber-Fahrer) die Ausgangslage für einige Slapstick-Einlagen, die üblichen Uni-Witze, etwas Sex-Klamauk, einige mütterliche Ratschläge und elterliche Peinlichkeiten. Zum Beispiel wenn Deanna den Mitbewohnerinnen ihrer Tochter ein Jugenderlebnis ihrer Tochter erzählt, das für sie extrem peinlich ist.
Diese Szene ist auch eine der wenigen Szenen in „How to party with Mom“, die auf jeder Ebene das Potential der Geschichte andeuten. Es hätte ein Film über verlorene Träume, zweite Chancen, Mutter-Tochter-Beziehungen und wie sich der Blick auf Dinge mit zunehmendem Alter verändert, sein können. Es hätte auch ein Film sein können, der zeigt, wie sich die USA in den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren veränderte. Aber nichts davon wurde auch nur versucht.
Es wurde stattdessen ein Starvehikel, das weit unter seinen Möglichkeiten bleibt und der immer, reichlich lustlos und ohne irgendwelche Ambitionen, die offensichtlichen Gags abgreift, während Melissa McCarthy Melissa McCarthy ist. So wirkt „How to party with Mom“ wie eine Geldkuh, die pflichtschuldig noch einmal gemolken wird, indem den Fans das gegeben wird, was sie erwarten.
How to party with Mom (Life of the Party, USA 2018
Regie: Ben Falcone
Drehbuch: Melissa McCarthy, Ben Falcone
mit Melissa McCarthy, Gillian Jacobs, Maya Rudolph, Julie Bowen, Matt Walsh, Molly Gordon, Jessie Ennis, Adria Arjona, Debby Ryan, Chris Parnell, Damon Jones, Stephen Root, Jacki Weaver, Ben Falcone
Inzwischen wissen wir, was die Purge ist und wie sie endete. Aber wie begann sie? „The First Purge“ erzählt diese Geschichte. Nach einer katastrophalen Regierung, die zum Abstieg der Republikaner und der Demokraten und dem Aufstieg der New Founding Fathers of America (NFFA) führte, soll die USA als eine neue Nation wiedergeboren werden. Ein wichtiger Teil dieser Wiedergeburt ist die Purge, die Säuberung. In einer Nacht im Jahr dürfen die Menschen alle Verbrechen begehen, die sie wollen, ohne dafür bestraft zu werden. Diese einmalige Triebabfuhr soll, wie ein reinigendes Gewitter, die Menschen für das nächste Jahr von ihren Aggressionen befreien. Unglaublich, aber wahr: das Experiment gelingt so gut, dass daraus jährliche Festspiele wurden, an denen die Amerikaner sich vor allem gegenseitig ermordeten.
Das war am Anfang, als die Wissenschaftlerin Dr. Update zum ersten Mal ihre Theorie ausprobieren darf, nicht sicher.
Wegen seiner Insellage und Bevölkerungsstruktur (arm und schwarz) wird der New Yorker Bezirk Staten Island gewählt. Die Bewohner erhalten, wenn sie während der Nacht auf der Insel bleiben, 5000 Dollar. Und – was, zugegeben, das Forschungsdesign komplett zerstört – jeder Teilnehmende erhält mehr Geld, wenn er Verbrechen begeht. Wobei besonders schwere Verbrechen, wie Mord, besonders gut bezahlt werden. Nachgewiesen wird das durch Aufnahmen, die der Versuchsteilnehmer selbst erstellt.
Aber die Bewohner des Viertels wollen nicht Straftaten begehend, durch die Stadt ziehen. Sie ziehen sich zum gemeinsamen Gottesdienst in eine Kirche zurück oder feiern auf der Straße. Also stacheln die NFFAler durch das Veröffentlichen der Aufnahmen der wenigen Morde und durch weiße Söldner, die schon vorher auf Abruf bereitstanden, die Situation an. Die Söldner beginnen die afroamerikanischen Bewohner niederzumetzeln. Denn die Purge ist auch ein sozialdarwinistisches Programm, bei dem möglichst viele Menschen sterben sollen, die für die Gesellschaft nur ein Ballast sind. Aus Sicht der NFFA, die die besten Elemente der NRA, der Tea-Party, christlicher Spinner und White-Supremacy-Anhängern (vulgo Nazis und Ku-Klux-Klan) vereint, sind das alle anderen Rassen, Minderheiten und arme Menschen.
Während Dr. Update noch an die hehren Absichten der NFFA glaubt, manipuliert diese schon schon die erste Purge hemmungs- und skrupellos für ihre eigenen Belange. Sie wollen möglichst viele der Inselbewohner ermorden lassen. Nachdem deren Söldner die friedlichen Teilnehmer eines Gottesdienstes niedergemetzelt haben, beginnen die Bewohner des Viertels sich zu wehren. Das sind vor allem Nya, die als Aktivistin gegen die Purge kämpft, ihr jüngerer Bruder Isaiah, der droht ins verbrecherische Milieu abzugleiten, und Dimitri, der lokale Druglord und Ex-Freund von Nya. Dimitri ist dabei der gute Geist des Viertels und am Ende tritt er allein gegen eine Übermacht Weißer, die alle Bewohner eines Hochhauskomplexes umbringen wollen, an.
Politisch subtil war keiner der bisherigen von James DeMonaco geschriebenen und inszenierten „Purge“Filme „The Purge: Die Säuberung“ (The Purge, USA 2013), „The Purge: Anarchy“ (The Purge: Anarchy, USA 2014) und „The Purge: Election Year“ (The Purge: Election Year, USA/Frankreich 2016). Aber als gradlinige B-Actionfilme mit einer flammenden Anklage gegen ultrakonservative Ansichten und deren skrupellosen Machtmissbrauch machen sie Spaß. Wie ein Punksong.
Für „The First Purge“ schrieb James DeMonaco nur das Drehbuch. Die Regie übernahm Gerard McMurray, der als Afroamerikaner, stärker als in den vorherigen Filmen die schwarze Perspektive in den Thriller brachte. Denn bei all den satirischen Zuspitzungen ist die Realität für People of Color in den heutigen USA, wo immer wieder Schwarze von Polizisten erschossen werden und KKK-Mitglieder ungestört mit Fackeln durch Charlottesville ziehen, immer erkennbar. Da muss dann nicht mehr explizit auf Donald Trump hingewiesen werden.
Der Erfolg von Filmen wie „Black Panther“, „Creed“ und „Get Out“ bei der Kritik und an der Kinokasse und das, wie bei den anderen „Purge“-Filmen, überschaubare Budget halfen sicher auch, sich auf diese Perspektive zu konzentrieren und die Rollen so zu besetzen, wie sie jetzt besetzt sind.
„The First Purge“ ist ein B-Actionfilm mit vielen vertrauten Elementen, einer flammenden Klage gegen Machtmissbrauch und ein waschechte Blaxploitation-Film mit viel hemmungslos zelebrierter Black Power. Schon an der Hauptfarbe erkennt man die Bösewichter.
The First Purge (The First Purge, USA 2018)
Regie: Gerard McMurray
Drehbuch: James DeMonaco
mit Y’lan Noel, Lex Scott Davis, Joivan Wade, Steve Harris, Marisa Tomei
Drehbuch: Karl Gajdusek, Michael deBruyn (basierend auf der Graphic-Novel-Originalstory von Joseph Kosinski)
Nach dem Krieg gegen die Aliens verließen die Menschen die Erde. Nur einige Männer, wie Jack, sind als Reparaturtrupp für Alien-jagende Drohnen zurückgeblieben. Da stürzt ein Raumschiff mit einer Frau an Bord ab – und Jacks Leben gerät aus dem Ruder.
Optisch überzeugender SF-Film, bei dem man sein Gehirn nicht komplett abschalten sollte.
mit Salma Hayek, Vincent Cassel, John C. Reilly, Toby Jones, Shirley Henderson, Hayley Carmichachel, Stacy Martin, Bebe Cave, Christian Lees, Jonah Lees, Alba Rohrwacher, Massimo Ceccherini, Guillaume Delaunay
Kein Sterbenswort (Ne le dis à personne, Frankreich 2006)
Regie: Guillaume Canet
Drehbuch: Guillaume Canet, Philippe Lefebvre
LV: Harlan Coben: Tell no one, 2001 (Kein Sterbenswort)
Acht Jahre nach dem Tod seiner Frau erhält der Arzt Alexandre Beck eine Nachricht von ihr. Er will herausfinden, ob sie noch lebt. Dabei gerät er in eine Intrige und unter Mordverdacht.
Spannender, wendungsreicher Thriller, der überall abgefeiert wurde und die deutsche Premiere auf DVD erlebte.
Das Drehbuch war für den Edgar nominiert. Der Film war für neun Césars nominiert und erhielt vier. Unter anderem für die beste Regie und beste Hauptrolle.
mit Francois Cluzet, Kristin Scott Thomas, André Dussolier, Nathalie Baye, Jean Rochefort, Harlan Coben (Cameo als Mann auf dem Bahnhof)
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Bonushinweis
Harlan Coben ist ja ein emsiger Autor, der jedes Jahr einen Thriller veröffentlicht, und seine älteren Myron-Bolitar-Romane müssen auch übersetzt werden. Denn der Goldmann-Verlag begann (nachdem die ersten beiden Bolitar-Romane sich nicht so toll verkauften und dann keine weiteren Romane übersetzt wurden) mit Cobens Einzelromanen, die sich gut verkauften, und flocht, mit Pausen, seine älteren Romane ein. Mit „Seine dunkelste Stunde“ (Darkest Fear, 2000) liegt jetzt die spannende, witzige und mit dem Edgar-, Shamus- und Anthony-Preis ausgezeichnete Bolitar-Serie vollständig auf Deutsch vor. Myron Bolitar ist ein Sportagent, der immer wieder auch als Privatdetektiv arbeitet. Meistens weil seine Schützlinge in Schwierigkeiten geraten.
In „Seine dunkelste Stunde“ taucht Bolitars große Liebe wieder auf. Sie bittet ihn, ihr bei der Suche nach einem Knochenmarkspender für ihren Sohn zu helfen. Die Suche wird schnell sehr gefährlich.
Nach dem siebten Bolitar-Roman „Seine dunkelste Stunde“ legte Coben eine sechsjährige Bolitar-Pause ein, die er 2006 mit „Ein verhängnisvolles Versprechen“ (Promise Me) beendete. Seitdem schiebt er zwischen seine Einzelromane immer wieder eine Bolitar-Geschichte.
Vor einigen Tagen erschien sein neuester Einzelroman „In deinem Namen“ (Don’t let go, 2017), der bei mir noch nicht eingetroffen ist, auf Deutsch.
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Harlan Coben: Seine dunkelste Stunde
(übersetzt von Gunnar Kwisinski und Friedo Leschke)
Keine Ahnung, wie es dazu gekommen ist: Tele 5 zeigt heute vier (!) Filme von Klaus Lemke, zwei davon erstmals im TV und keiner dürfte in eine endlose Wiederholungsschleife geraten.
Um 20.15 Uhr geht es mit „Das Flittchen und der Totengräber“ (Deutschland 1995) los. Elf Jahre nach ihrer Trennung treffen sich das Flittchen (Cleo Kretschmer) und der Totengräber (Wolfgang Fierek) in Las Vegas wieder.
In der TV-Premiere „Making Judith!“ erzählt er mit sich Hauptrolle, wie er herausfinden will, ob Judith die Hauptdarstellerin oder Produzentin seines nächsten Films werden soll. Und wir sehen, wie ein Klaus-Lemke-Film entsteht.
Anschließend, um 23.50 Uhr, läuft „Die Ratte“ (Deutschland 1993). Da stromern zwei Kleinganoven (u. a. Thomas Kretschmann) durch St. Pauli.
Danach, um 01.35 Uhr, läuft – erstmals im TV! – „Negresco – Eine tödliche Affäre“ (Deutschland 1968), ein Frühwerk des Enfant Terrible. Ein Fotograf will unbedingt eine gutaussehende Millionärsgattin (Ira von Fürstenberg) treffen.
Lemke inszenierte „48 Stunden bis Acapulco“ (1967), „Rocker“ (1972) und „Amore“ (1978).
„Lemke grenzte sich mit seinem energischen Stil deutlich von der ersten Erneuerer-Generation des „Oberhauser Manifests“ ab, deren Werke er bereits wieder als „Väter-Filme“ empfand. Tendenzen wie die Literaturverfilmungen Schlöndorffs waren ihm zuwider, ebenso bemühtes soziales Engagement. Doch trotz seiner cinephilen Neigung zur Pose und zum Genre, der die Münchner ohnehin von anderen Vertretern des Neuen Deutschen Films unterschied, hatte er sein ganz eigenes Interesse an roher „Wirklichkeit“. Neben dem bewussten Verzicht auf ausgearbeitete Drehbücher und perfekte Inszenierung wurde die Arbeit mit Laiendarstellern zu seinem Markenzeichen – zugespitzt in Lemkes Aussage, er interessiere sich nicht für Schauspieler, sondern für „richtige Menschen“ und ihre Geschichten, die er in seinem direkten Umfeld und „auf der Straße“ finde.“ (Filmportal)
mit Judith Paus, Polina Lapkovskaja, Klaus Lemke, Sina Bianca Hentschel, Raffael Betzler, Miriam Schmidt
Über den Dächern von Nizza (To catch a Thief, USA 1955)
Regie.: Alfred Hitchcock
Drehbuch: John Michael Hayes
LV: David Dodge: To catch a thief, 1952
John Robie hat sich zur Ruhe gesetzt. Als ein anderer Einbrecher Robies Stil nachahmt, will er im wohlverstandenen Eigeninteresse den Nachahmer fangen.
Lockere Krimikomödie von Hitchcock, die zur Blaupause für künftige kultivierte Thriller-Romanzen werden sollte. Hitchcock war besonders an dem Aspekt der fetischistischen Liebe (To catch a thief) interessiert und pfiff – wie so oft – auf die Logik.
Mit Cary Grant, Grace Kelly (die danach den Fürst von Monaco heiratete), Charles Vanel, Jessie Royce Landis, Brigitte Auber, René Blancard
Drehbuch: Andrew Kevin Walker (nach einer Filmgeschichte von Kevin Yagher und Andrew Kevin Walker)
LV (Inspiration): Washington Irving: The Legend of Sleepy Hollow, 1820 (Die Sage von der schläfrigen Schlucht)
1799 soll Constable Ichabod Crane, ein Rationalist vor dem Herrn, in einem kleinen Dorf in der Nähe von New York mehrere Morde aufklären. Die Einheimischen behaupten, die Morde wurden von einem kopflosen Reiter begangen.
Schöner Horrorfilm von Tim Burton.
Hier zwei zeitgenössische Kritiken:
„Die perfekte Mischung aus haarsträubendem Grauen und schwarzem Humor, eine bis ins Detail perfektionistische Umsetzung und eine sichere Hand bei der Führung eines herausragenden Darstellerensembles machen aus ‚Sleepy Hollow‘ eine der ausgereiftesten Regiearbeiten Tim Burtons.“ (Steffen Heinke, Filmecho-Filmwoche)
„ein freudianisches Disneyland erschüttert vom Grand Guignol“ (Mariam Lau, Die Welt)
Die Musik ist von Danny Elfman; Kameramann war Emmanuel Lubezki.
mit Johnny Depp, Christina Ricci, Miranda Richardson, Michael Gambon, Casper Van Diem, Jeffrey Jones, Christopher Lee
Drehbuch: James Whittaker, Howard Sackler, Frank P. Rosenberg
LV: David Lavallee: Event 100, 1971
60 Meilen vor Cape Cod havariert ein Atom-U-Boot. Wasser dringt ein und das U-Boot droht in einen Unterwasser-Canyon abzurutschen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.
Ein starbesetzter Unterwasserkatastrophenfilm, der mir als Teenager gut gefiel und den ich mir mal wieder ansehen könnte.
Obwohl die Kritiken eher mau sind: „Ohne Interesse für die psychologische Situation der eingeschlossenen Menschen vordergründig inszenierter Katastrophen-Film, der nicht mehr als die schulbuchmäßige Demonstration eines aufwendigen Rettungssystems der Marine bietet.“ (Lexikon des internationalen Films)
„Ein an Langeweile grenzender, vorhersehbarer und fürchterlich konstruierter Katastrophenfilm (…) wurde für die Universal zu einem saftigen Verlustgeschäft.“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon)
Jerry Fielding schrieb die Musik.
mit Charlton Heston, Stacy Keach, David Carradine, Ned Beatty, Ronny Coc, Stephen McHatti, Michael O’Keefe, Christopher Reeve
„Renegades – Mission of Honor“ ist der mehr oder weniger neue Film aus Luc Bessons Filmfabrik und, wie man es von ihm gewohnt ist, hat er am Drehbuch mitgeschrieben. Die Regie übernahm dieses Mal „Storm Hunters“- und „Final Destination 5“-Regisseur Steven Quale. Die Geschichte ist, wie man es von Besson gewohnt ist, eine sattsam bekannte Geschichte, die er mit viel Action und Humor einfach noch einmal präsentiert und sich dabei nicht sonderlich um Originalität und Plausibilität bemüht. Denn sonst müsste man in diesem Fall überlegen, warum die Nazis 1944 einen Goldschatz und wertvolle Gemälde aus Deutschland nach Jugoslawien befördern. Die Fahrt der Deutschen endet in einem Dorf in der Nähe von Sarajewo. Dort wird der Staudamm gesprengt und das Dorf befindet sich fortan auf dem Grund eines Sees. Die Goldbarren ebenso.
1995 werden fünf Navy Seals nach einem in Sarajewo etwas aus dem Ruder gelaufenem Einsatz vom Dienst suspendiert. Anstatt ihren Auftrag still und heimlich zu erledigen, verballerten sie etliche Magazine und zerstörten mit einem geklauten Panzer, den sie auch als U-Boot benutzten, die kriegsversehrte Stadt weiter.
Während ihrer freien Tage erzählt ihnen die Einheimische Lara von dem Schatz, der seit einem halben Jahrhundert auf dem Boden des Sees liegt und der beim Wiederaufbau des Landes eine entscheidende Rolle spielen könnte.
Die Navy-Seals Matt, Stanton, Ben, Jackson und Duffy wollen ihr helfen und anschließend die Beute fifty-fifty teilen.
Das ist ein Unterschied zu den bekannten Vorbildern von „Renegades – Mission of Honor“. In „Stoßtrupp Gold“ (Kelly’s Heroes, USA 1970) und „Die Glorreichen“ (Les Morfalous, Frankreich/Tunesien 1983) wollten die Soldaten die Goldbarren für sich. Ein weiterer Unterschied ist, dass diese prominent besetzten Filme vom Anfang bis zum Ende Action und Humor haben. „Renegades – Mission of Honor“ hat Action nur am Anfang und danach in homöopathischen Dosen. Humor ist ebenfalls dünn gesät. Da helfen auch nicht die wenigen, kurzen Auftritte von J. K. Simmons als cholerischen Vorgesetzten mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Er poltert zunächst pflichtgemäß und lobt seine Jungs anschließend. Immerhin stimmt das Ergebnis des Einsatzes.
„Renegades – Mission of Honor“ ist nicht das versprochene wirklichkeitsferne Actionfeuerwerk, sondern ein ziemlicher Langweiler, der nie auch nur versucht, sein Potential auszuschöpfen.
Da war „Das A-Team“ unterhaltsamer.
Gedreht wurde „Renegades – Mission of Honor“ bereits im Frühjahr 2015 im Studio Babelsberg, Belgien, Malta und Kroatien und danach mehrmals angekündigt. Letztendlich hatte der Film am 31. August 2017 in Taiwan seine Premiere. In Frankreich soll er am 29. August starten.
Renegades – Mission of Honor (Renegades, Frankreich/Deutschland 2017)
Regie: Steven Quale
Drehbuch: Richard Wenk, Luc Besson
mit J. K. Simmons, Sullivan Stapleton, Clemens Schick, Sylvia Hoeks, Charlie Bewley, Joshua Henry, Diarmaid Murtagh, Dimitri Leonidas, Ewen Bremner
Mein Dad war der gut aussehende Quarterback, der die scharfe Jahrgangsbeste geheiratet hat. Und nein, die Highschool war nicht der Höhepunkt ihres Lebens.
Ich habe eine Schwester, die ich sogar mag. Ich sage ihr das natürlich nicht. Und letztes Jahr, nach 200 Folgen von einer Kochshow, hat sie beschlossen, dass sie Köchin werden will. Das heißt, wir sind jetzt alle ihre Testpersonen.
Und dann sind da meine Freunde.
Zwei von ihnen kenne ich praktisch seit Anbeginn der Zeit. Oder wenigstens seit dem Kindergarten.
Eine kenne ich erst seit ein paar Monaten, aber ich habe das Gefühl, ich kenne sie schon ewig.
Wir machen alles, was Freunde so tun. Wir trinken viel Iced Coffee, sehen uns schlechte Neunzigerjahre-Filme an und träumen im Waffle House vom College und stopfen uns mit Kohlenhydraten voll.
Und wir stehen immer zueinander.
Also, wie gesagt, ich bin genau wie du. Ich habe ein völlig normales Leben.
Nur dass ich ein riesiges Geheimnis habe.
(Simons erste Worte in „Love, Simon“, Voice Over)
Ich gehöre nicht zum Zielpublikum von „Love, Simon“ und ich würde meinen erwachsenen Freunden zum Thema andere Bücher und Filme empfehlen, wie „Call me by your Name“.
Aber mit diesem Buch und Film würde das Zielpublikum von „Love, Simon“ wahrscheinlich wenig anfangen können. Denn „Love, Simon“ ist ein Coming-of-Age-Film für Schüler. Der Film erzählt eine typische, an einer US-Highschool spielende Coming-of-Age-Geschichte. Mit einem kleinen Unterschied, der aus dem Film dann etwas Besonderes macht. Der titelgebende Simon ist schwul. Und das ist innerhalb des Genres ein großer Schritt hin zur Realität. Denn Simon ist der gut aussehende Protagonist und er hat mit seiner Homosexualität keine Probleme. Auch wenn er sich, wegen der offensichtlichen, damit verbundenen Probleme, noch nicht öffentlich zu seine sexuellen Orientierung bekannt hat. Im Film gibt es eine schöne Szene viel über unseren Umgang mit Sexualität verrät. Simon fragt sich, warum nicht jeder sich outen müsste und wie es wäre, wenn die Eltern beim Bekenntnis zur Heterosexualität peinlich berührt, entsetzt und schockiert wären.
Simon sucht noch, wie man es aus unzähligen Highschool-Filmen, Romantic Comedies und Schnulzen kennt, die richtige Person für das erste Mal, die die große Liebe und die Frau (den Mann? den Partner?) fürs Leben. Und bis es zum ersten Kuss kommt, muss unser Held einige Abenteuer bestehen.
Greg Berlanti erzählt in seinem, auf Becky Albertallis Jugendbuch-Bestseller basierendem Film diese Geschichte. Mit schönen Menschen in einer schönen Gegend in schönen Bildern, die auch in einer Nicholas-Sparks-Schnulze nicht negativ auffallen würden.
Eines Abends entdeckt Simon im Internet einen Text von „Blue“, der wie er Schüler an der Creekwood High in Shady Creek, einem Vorort von Atlanta, Georgia ist und der ebenfalls schwul ist. Simon legt sich das Pseudonym „Jacques“ zu und sie beginnen sich emsig online auszutauschen. Ohne ihre wahre Identität zu kennen. Simon, ein wahrer Frauenschwarm, fragt sich, wer von den Jungs an der Schule Blue ist.
Sein Leben wird noch komplizierter, als er sich nach einer auf dem Schulcomputer geschriebenen Nachricht an Blue nicht abmeldet. Sein Schulfreund und Klassenclown aus Verzweiflung Martin entdeckt Simons Geheimnis. Weil Martin in Simons Freundin Abby verliebt ist und sie nichts von ihm wissen will, erpresst er Simon. Er soll ihn mit ihr verkuppeln.
Von der Story her ist „Love, Simon“ ein typischer, kitschiger Coming-of-Age-Film über die erste Liebe, garniert mit einigen typischen Schulproblemen, verständnisvollen Eltern und Lehrern und gut aussehenden, höflichen Teenagern. Und etwas Humor der netten Art.
Aber dieses Mal spielt die sattsam bekannte Geschichte über die Suche nach der großen Liebe sich nicht zwischen einem Jungen und einem Mädchen ab. Es geht auch nicht um einen schüchternen Jungen, der sich in die Klassenschönheit (und, ja, das kann verraten werden, Blue ist ein gut aussehender Junge) verliebt, sondern es geht um einen Jungen, der einen anderen Jungen sucht, in den er aufgrund seiner E-Mails verliebt ist und dessen Identität er nicht kennt.
Damit erzählt „Love, Simon“, soweit ich den Überblick habe, zum ersten Mal, in einer Mainstream-Highschool-Komödie eine schwule Coming-of-Age-Geschichte. Und in diesem Genre gehört Berlantis Film zu den gelungenen Vertretern. Wegen Simons im Film bis zu seinem Zwangsouting gegenüber seinem Umfeld lange verschwiegener Homosexualität, haben viele Dialoge eine doppelte Bedeutung. So ist auch das Musical „Cabaret“, das Simon und seine Freunde für eine Schulaufführung proben, bewusst ausgewählt.
Besonders subtil ist das nicht. Aber „Love, Simon“ ist auch nicht der Film für den Cineasten, der endlich einmal eine schwule Liebesgeschichte sehen will, sondern für Jugendliche, die endlich einmal eine schwule Liebesgeschichte sehen sollen – und die ihnen bei der Akzeptanz ihrer Sexualität und ihrem Outing helfen kann. Denn Simon ist ein ganz normaler Junge. Es ist auch ein Aufruf zur Toleranz. Verpackt in eine konventionellen Geschichte mit einem Protagonisten, den niemand von der Bettkante stoßen würde. Wie man so sagt.
Und so ist der Film für die Menschheit noch nicht einmal ein kleiner Schritt (ich sage nur „Call me by your Name“), aber ein großer für das Mainstream-Coming-of-Age-Genre.
Der mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnete Roman ist allerdings deutlich schwächer als die Verfilmung. Das Buch liest sich mit seinen dürftigen Beschreibungen wie ein Roman zum Film, der einfach nur das Drehbuch nacherzählt und dabei auf jegliche literarische Schnörkel und vertiefende, die Erzählgeschwindigkeit hemmende Beschreibungen verzichtet.
Im Gegensatz zum Film beginnt Albertalli mit der Erpressung von Martin. Damit setzt sie eine vollkommen andere Spannungskurve als der Film, in dem Simon am Anfang auf der schulischen Klatschseite creeksecrets auf den Text seines Seelenverwandten stößt. Im Film geht es daher von der ersten Minute an um die Frage, wie Simon mit seiner Sexualität und seinen Gefühlen umgeht. Im Buch muss er sich dagegen zuerst einmal um eine Erpressung kümmern. Und während der Film ständig, bei jedem Blick, jedem Satz, jedem Gespräch um die Frage kreist, welcher Mitschüler Blue ist, wird dieser Spannungsmoment von Albertalli fast gänzlich ignoriert. Deshalb sind alle Dialoge im Film wesentlich doppeldeutiger als im Buch. So gibt es im Film eine Szene, in der Simon und seine Freundin (früher hätte man sie Sandkastenliebe genannt) darüber reden, wen sie lieben und dabei, ohne dass sie es bemerken, aneinander vorbeireden. So proben die Schüler im Buch das Theaterstück „Oliver!“, basierend auf Charles Dickens‘ „Oliver Twist“. Im Film proben sie für die Schulaufführung das im Berlin in den frühen dreißiger Jahren spielende Musical „Cabaret“, das dann, auf mehreren Ebenen, Simons Geschichte spiegelt.
Love, Simon (Love, Simon, USA 2018)
Regie: Greg Berlanti
Drehbuch: Isaac Aptaker, Elizabeth Berger
LV: Becky Albertalli: Simon vs. the Homo Sapiens Agenda, 2015 (Nur drei Worte; Love, Simon)
mit Nick Robinson, Katherine Langford, Alexandra Shipp, Jorge Lendeborg Jr., Logan Miller, Miles Heizer, Kerynan Lonsdale, Josh Duhamel, Jennifer Garner, Tony Hale, Natasha Rothwell
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
(Trivia: In den USA: Rated PG-13 for thematic elements, sexual references, language and teen partying)
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Die Vorlage
Zum Filmstart erschien eine Filmausgabe, die ihren Namen wirklich verdient. Denn der Verlag spendierte nicht nur ein neues Cover, sondern auch einen 8-seitigen Bildteil, einen Ausschnitt aus dem Drehbuch und ein sehr kritikloses Gespräch zwischen Becky Albertalli, Simon-Darsteller Nick Robinson und Regisseur Greg Berlanti.
The Zero Theorem – Das Leben passiert jedem (The Zero Theorem, Großbritannien/Rumänien 2013)
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Pat Rushin
Qohen Leth soll das Zero Theorem, die Formel für den Sinn des Lebens knacken, und er wartet auf einen wichtigen Anruf.
Optisch brillante, inhaltlich leere Dystopie von Terry Gilliam, die in der Tradition seiner Meisterwerke „Brazil“ und „12 Monkeys“ steht, ohne deren Qualität zu erreichen.