LV: Scott Phillips: The Ice Harvest, 2000 (Alles in einer Nacht)
Heiligabend in Wichita, Kansas: Anwalt Charlie Arglist hat mit seinem Kumpel Vic einen Mafiaboss um zwei Millionen Dollar erleichtert. Bevor er Wichita verlassen kann, muss er noch den Weihnachtsabend überleben. Denn anscheinend wollen die Verwandtschaft, Kleingangster, eine Femme Fatale, ein Killer, sein nicht vertrauenswürdiger Mitverbrecher und der titelgebende Eissturm seinen Plan durchkreuzen.
Hochkarätig besetzte schwarze Komödie, die bei uns leider nur auf DVD veröffentlicht wurde.
Scott Phillips‘ Debütroman war für den Edgar und Hammett Preis nominiert. Das Drehbuch war auch für einen Edgar nominiert.
Mit John Cusack, Billy Bob Thornton, Connie Nielsen, Randy Quaid, Oliver Platt, Ned Bellamy
An Silvester treffen sich Julian (Fahri Yardim) und Hannah (Sylvia Hoeks) in ihrer gemeinsamen Wohnung. Sie wollen vor ihrer endgültigen Trennung noch schnell die letzten Details regeln, einige Umzugskisten einpacken, dem Vermieter die Wohnung übergeben und dann zur Hochzeit eines mit ihnen befreundeten Paares fahren; – puh, diese Mittdreißiger haben aber ein volles Programm.
Während sie auf den Vermieter warten, der sie dann auch noch zum Streichen der Wohnung verpflichtet, erinnern sie sich an ihre gemeinsame Zeit: wie sie vor sieben Jahren die Wohnung erhielten, weil sie, obwohl sie sich nicht kannten, behaupteten ein Paar zu sein. Wie sie sich ineinander verlieben, eine Tochter bekommen und ein normales bürgerliches Leben beginnen. Sie beendet erfolgreich ihr Jura-Studium und hat schnell eine gute Stelle. Er ist ein Fotograf, der nach der Geburt ihres Kindes die Erziehung übernimmt. Später will er wieder arbeiten, aber das ist nicht so einfach mit einem Kind und einer durch die Welt reisenden Frau.
Und jetzt streichen sie ihre Wohnung und streiten sich darüber, wer welches Erinnerungsstück behalten darf.
Julian und Hannah sind zwei sehr sympathische, sehr normale Menschen, die sich mit sehr normalen Problemen herumschlagen, in einer austauschbaren Altbau-Wohnung leben, gefälligen Poprock hören und keine Hobbys oder besonderen Interessen haben. Das ist der Vor- und Nachteil in Niels Lauperts „Whatever happens“. Denn man kann sich sofort mit ihnen identifizieren, weil man Julian oder Hannah sein könnte oder mit ihnen befreundet sein könnte.
Diese Alltäglichkeit seiner Charaktere, die anonyme Vertreter der Dreißig-/Vierzigjährigen neuen Bourgeoisie sind, führt dazu, dass sie keine irgendwie erkennbare Individualität haben. Sie sind so austauschbar, dass wir über Julians Arbeit nichts erfahren. Er hat zwar immer wieder einen Fotoapparat in der Hand, aber welche Bilder er beruflich schießt und warum er seine Aufträge nicht mit seinem Familienleben verbinden kann, erfahren wir nicht. Das wäre dann zu spezifisch. Hannah ist die karrierebewusste, um die Welt reisende, niemals erreichbare, penible, aber doch liebenswerte Geschäftsfrau. Da kann einerseits jeder sich und seine liberal-bürgerlich-aufgeklärten Großstadtfreunde wieder erkennen, andererseits fehlt Hannah und Julian das Besondere, das sie zu einzigartigen und erinnerungswürdigen Menschen und nicht zu einer Anhäufung statischer Merkmale machen würde.
Und so verliert sich der Film, trotz schön beobachteter Szenen und sympathischer Schauspieler, schnell im Allgemeinen und unverbindlichen Binsenweisheiten.
Whatever happens (Deutschland 2017)
Regie: Niels Laupert
Drehbuch: Niels Laupert
mit Fahri Yardim, Sylvia Hoeks, David Zimmerschied, Amelie Kiefer, Bastian Hagen, Victoria Mayer, Torben Liebrecht, Alexander Beyer, Eckhard Preuß
Miguel Rivera ist ein musikbegeisterter Junge. Der Zwölfjährige will, wie sein verstorbenes Vorbild Ernesto de la Cruz, der bekannteste Sohn des Dorfes Santa Cecilia, ein Mariachi werden. Dummerweise hasst seine Familie als einzige Familie in Mexiko die Musik und sie ist, seit Generationen, im ganzen Haus verboten. Außerdem soll Miguel den erfolgreichen Familienbetrieb, ein Schuhmachergeschäft, übernehmen.
Am Dia de los Muertos, dem Tag der Toten, dem Fest, an dem in Mexiko den Toten gedacht wird, beschließt Miguel sein Glück als Sänger zu versuchen. Weil er keine Gitarre hat, schleicht er sich in das für Ernesto de la Cruz errichtete Mausoleum. Dort will er sich für seinen großen Auftritt auf dem Dorffestplatz die Gitarre seines Idols ausleihen.
Als er sie ergreift, öffnet sich für ihn ein Tor in die Welt der Toten. Dort will er seinem großen Vorbild, das auch irgendwie mit ihm verwandt ist, begegnen. Aber er weiß nicht, wie er ihn treffen kann, seine Familie sucht ihn und wenn er nicht bei Tagesanbruch über die Blumenbrücke in das Reich der Lebenden zurückkehren kann, muss er für im Reich der Toten bleiben.
„Coco“ ist der neue Pixar-Film und viel mehr muss man eigentlich nicht sagen. Außer vielleicht, dass „Coco“ mit gut zwei Stunden für einen Kinderfilm erstaunlich lang ist (und dann kommen noch der zwanzigminütige Vorfilm „Die Eiskönigin: Olaf taut auf“ und die Werbung dazu) und dass es keine Komödie ist. Die Lacher sind rar – Keine Panik, es gibt genug witzige Szenen – und die angesprochenen Themen sind dieses Mal eher düster und existenziell. Es geht um Tod, Vergessen, Erinnerungen, den Umgang mit den Alten und den Wert der Familie. Aber auch, und hier verrate ich kein großes Geheimnis, um den Umgang mit traumatischen Ereignissen innerhalb einer Familie und Alzheimer. Denn Miguels Großmutter vergisst immer mehr.
Das ist harter Stoff, den die langjährigen Pixar-Mitarbeiter Lee Unkrich und Adrian Molina selbstverständlich kindgerecht aufbereiten und zu einem harmonischen Ende führen. Aber die Themen sind ernst, auch traurig (daran ändert das fröhliche Fest der Toten nichts) und sie konfrontieren uns mit unerfreulichen Erkenntnissen. Erkenntnissen, bei denen gerne gesagt wird, dass sie noch nichts für Kinder seien. Dass sie erst älter werden müssten.
Außerdem erfahren wir einiges über die reichhaltige mexikanische Kultur und hören gute Songs. Teils extra für den Film komponiert, teils traditionelle mexikanische Songs.
Coco – Lebendiger als das Leben (Coco, USA 2017)
Regie: Lee Unkrich, Adrian Molina (Ko-Regie)
Drehbuch: Adrian Molina, Matthew Aldrich (nach einer Geschichte von Lee Unkrich, Jason Katz, Matthew Aldrich und Adrian Molina)
mit (im Original den Stimmen von) Anthony Gonzalez, Gael García Bernal, Benjamin Bratt, Alanna Ubach, Renée Victor, Jaime Camil, Alfonso Arau, Herbert Siguenza, Ana Ofelia Murguía, Edward James Olmos, Cheech Marin
Die drei Tage des Condor (USA 1975, Regie: Sydney Pollack)
Drehbuch: Lorenzo Semple jr., David Rayfield
LV: James Grady: Six days of the Condor, 1974 (Die 6 Tage des Condor)
Joe Turner ist ein Büromensch und Angestellter der CIA. Als er nach einem Einkauf in das Büro zurückkommt sind seine Kollegen tot und er wird gejagt. Von den eigenen Leuten, wie Turner schnell herausfindet. Turner kämpft um sein Leben.
Der spannende Thriller entstand unmittelbar nach der Watergate-Affäre und fing – wie einige andere fast zeitgleich entstandene Filme – die damalige Atmosphäre von Mißtrauen und Paranoia gut ein.
Das Drehbuch erhielt den Edgar-Allan-Poe-Preis.
Mit Robert Redford, Faye Dunaway, Cliff Robertson, Max von Sydow, John Houseman
Der Condor ist zurück in „Die letzten Tage des Condor“ und, nachdem er in seinem Wohnzimmer einen ermordeten Geheimagenten entdeckt, ist er wieder auf der Flucht.
Am 19. September 1991 entdeckt das Ehepaar Simon bei einer Wandertour durch die Ötztaler Alpen im Gletschereis eine gefrorene Leiche. Schnell fanden Gerichtsmediziner heraus, dass die Leiche nicht einige Tage oder Jahre, sondern mindestens viertausend Jahre alt ist. Ötzi, wie der Mann aus dem Eis wegen des Fundorts schnell genannt wurde, war eine Sensation für die Wissenschaft. Denn die Leiche aus der Jungsteinzeit war gut erhalten, mumifiziert und damit ein wundervolles, noch nie dagewesenes und bisher einzigartiges Forschungsobjekt über unsere Frühgeschichte.
Auch Felix Randau war fasziniert von Europas ältester Mumie. Er fragte sich, wie viele andre Menschen, wie Ötzi vor 5300 Jahren gelebt hat und warum er in den Alpen, im heutigen Grenzgebiet zwischen Italien und Österreich, ermordet wurde. Ausgehend von dieser Frage erzählt er in seinem Spielfilm „Der Mann aus dem Eis“ die Geschichte von Kelab, einem Dorfoberhaupt einer kleinen, in den Südtiroler Alpen lebenden Sippe. Als er auf der Jagd ist, wird sein Dorf von Krant und seinen beiden Söhnen Tasar und Gosar überfallen. Die drei Männer ermorden Kelabs Sippe und zerstören die Siedlung.
Kelab will sich an den Mördern rächen.
Randau erzählt in seinem Film eine gradlinige, ziemlich banale Rachegeschichte, deren größtes Problem ihre Behauptung ist, Ötzis Geschichte zu erzählen und er dann munter drauflos fantasiert. Denn obwohl die Forscher immer mehr über Ötzi wissen – über seine Verletzungen, seine Tätowierungen, seine Nahrung, seine Krankheiten, seine Werkzeuge und auch dass er ermordet wurde -, wissen sie sehr wenig. Sie können nur Vermutungen über den Grund für den Mord anstellen. Sie wissen auch, mangels schriftlicher Aufzeichnungen, nichts darüber, wie die Menschen zusammen lebten und wie sie sich verständigten. Hier werden im Film mehr oder weniger glaubhafte Vermutungen, die mehr oder weniger nah am Forschungsstand sind, angestellt.
Trotzdem wirkt Ötzis Welt nie glaubhaft als Reenactment. Die Alpenlandschaft, durch die Kelab streift, sieht aus, wie die Alpenlandschaften, die man mühelos jedes Wochenende besuchen kann. Keine Überhöhungen, keine Geheimnisse oder ein archaisches Gefühl, sondern nur Wiesen und Steine. Die benutzen Waffen und Kleider wirken wie gerade aus der Kostümkammer entnommen und nicht als ob sie in mühevoller Handarbeit hergestellt und lange benutzt wurden. Alles, und ich meine wirklich alles, wirkt wie aus dem Fundus für einen x-beliebigen Fantasy-Film zusammengestellt.
Verglichen mit Alejandro G. Iñárritus Rachewestern „The Revenant“, der einem als Referenz immer wieder einfällt, fällt das Scheitern von „Der Mann aus dem Eis“ noch deutlicher auf. Alles was in „The Revenant“ stimmt und ihn zu einem in jeder Beziehung überwältigendem Kinoerlebnis machte, fehlt in „Der Mann aus dem Eis“.
„Der Mann aus dem Eis“ erinnert dagegen, auch weil der Film fast vollständig auf Dialoge verzichtet, an einen Stummfilm, der sich wenig um historische Genauigkeit bemüht.
Zum Filmstart erschien bei Reclam ein reichhaltig bebildertes „Buch zum Film“. Das von Albert Zink herausgegebene Buch enthält Interviews mit Hauptdarsteller Jürgen Vogel und Regisseur Felix Randau, Randaus Drehbuch und, in der zweiten Hälfte, eine von Zink geschriebene faktenreiche Bestandsaufnahme der Forschung zu dem Mann aus dem Eis. Zink ist der Leiter des Instituts für Mumienforschung der EURAC Research in Bozen und das merkt man. Denn dieser Teil ist im akademischen Tonfall eines Wissenschaftlers geschrieben, der die aus der Forschung bekannten Fakten präsentiert. Ein Journalist hätte daraus einen Wissenschaftskrimi gemacht.
Der Mann aus dem Eis (Deutschland/Italien/Österreich 2017)
Regie: Felix Randau
Drehbuch: Felix Randau
mit Jürgen Vogel, André M. Hennicke, Susanne Wuest, Violetta Schurawlow, Sabin Tambrea, Martin Augustin Schneider, Axel Stein, Franco Nero
Joel Schumachers SF-Horrorfilm „Flatliners“ von 1990 habe ich vor Ewigkeiten gesehen und ich fand ihn nicht so toll. Die Optik überzeugte. Alles andere war erschreckend unlogisch.
Das sage ich, damit niemand von mir den mit tiefer Inbrust vorgetragenen Satz „Das Original ist viel besser!“ oder einen tiefschürenden Vergleich von Original und, hm, Remake erwartet. Denn es ist – und jede Version wurde mal kolportiert – auf den ersten Blick unklar, ob es sich bei Niels Arden Oplevs Film um ein mehr oder weniger freies Remake, eine Neuinterpretation, einen Reboot oder eine Weitererzählung des nun auch schon fast dreißig Jahre alten Films handelt. Immerhin ist Kiefer Sutherland als Mediziner in einer kleinen Rolle dabei. Aber er hat einen anderen Rollennamen; – wobei Rotten Tomatoes ihn noch als „Nelson“ listet. So hieß er in der 1990er „Flatliners“-Version. Und in einem Interview erzählt Oplev von einer geschnittenen Szene, die man so interpretieren könnte, dass Nelson jetzt unter einem anderen Namen praktiziert.
Das ist letztendlich eine Kleinigkeit, die aber schon das Problem das Films andeutet: er hat keine Ahnung, was er als eigenständiger Film erzählen will und in welchem Verhältnis er zum Original steht. Am Ende ist „Flatliners“ ein Remake, in dem zufällig ein Schauspieler mitspielt, der auch im ersten Film dabei war.
In der aktuellen Version spielt Sutherland mit einer gruseligen Frisur, geschmacklos grau gefärbten Haaren und einem Stock (Uh, Dr. House?) Dr. Barry Wolfson, den äußerst anspruchsvollen Klinikleiter und Ausbilder künftiger Ärzte am ehrwürdigen Trinity Emmanuel Medical Center. Er verlangt von ihnen Höchstleistungen und bahnbrechende Forschungen.
Diese Aufforderung braucht Courtney (Ellen Page) nicht. Nachdem vor neun Jahren bei einem von ihr verschuldeten Autounfall ihre jüngere Schwester starb, ist sie vom Leben nach dem Tod besessen. Mit Nahtod-Erfahrungen könnte man, so denkt sie sich, vielleicht herausfinden, was nach dem Tod passiert.
Im Keller des Krankenhauses hat sie einen für den Fall einer Katastrophen vollständig hergerichteten Operationssaal entdeckt. Sie überzeugt ihre Mitkommilitonen Marlo (Nina Dobrev), Sophia (Kiersey Clemons), Jamie (James Norton) und Ray (Diego Luna, mit einem kaum verständlichen Akzent), ihr bei dem Experiment zu helfen. Sie lässt sich eine Minute in den Todeszustand versetzen und dann wieder ins Leben zurückholen. Während ihres Todes sieht sie die Stadt aus bislang unbekannten Perspektiven. Nach ihrem Tod ist sie superintelligent. So liefert sie bei einer Teambesprechung die richtigen Diagnosen noch bevor Dr. Wolfson seine Fragen stellen kann.
Selbstverständlich wollen ihre Freunde danach auch für eine kurze Zeit in den Todeszustand versetzt werden und so ihre Noten ultimativ verbessern.
Ebenso selbstverständlich hat das Experiment für jeden von ihnen seinen Preis. Nach der Todeserfahrung haben sie Visionen, die ihnen schlaflose Nächte bereiten. Falls es nicht nur Wahnvorstellungen sind.
Das für den Film versammelte Talent ist beeindruckend. Drehbuchautor Ben Ripley schrieb die Bücher für „Source Code“, „Der Chor – Stimmen des Herzens“ und, nun ja, „Species 3“ und „Species IV – Das Erwachen“. Niels Arden Oplev ist für „Der Traum“ (Gläserner Bär auf der Berlinale), sein Hollywood-Debüt „Dead Man Down“ und, vor allem, für seine Stieg-Larsson-Verfilmung „Verblendung“ bekannt.
Vor der Kamera stehen Ellen Page („Juno“, „Inception“), Diego Luna („Star Wars: Rogue One“), Nina Dobrev („xXx: Die Rückkehr des Xander Cage“, „The Vampire Diaries“), James Norton („Northmen: A Viking Saga“, „Happy Valley – In einer kleinen Stadt“) und Kiersey Clemons („Dope“) als die fünf forschungsbegeisterten Medizinstudenten. Auch nicht jeder von ihnen allgemein bekannt ist, war in jedem Fall ein neues Brat Pack, eine Versammlung künftiger Filmstars, geplant.
Insgesamt spricht alles für einen guten Film.
Aber irgendwo ging alles so gründlich schief, dass man sich am Ansehen von „Flatliners“ nicht fragt, an welchem Punkt alles schiefging, sondern warum absolut nichts funktioniert. Egal wie das Drehbuch vor dem Drehstart aussah, das Endprodukt ist ein erzählerisches Desaster. Für keinen der fünf Flatliners (wobei Ray dankend auf die Erfahrung verzichtet und nur Wiederbelebungen durchführt) empfinden wir auch nur den Hauch von Sympathie. Sie, ihre Probleme und Sehnsüchte, sind uns egal. Wenn sie in Gefahr sind, haben wir nicht Angst um sie, sondern fragen uns, warum sie sich so idiotisch verhalten. Und wenn ungefähr am Ende des zweiten Aktes (soweit man hier von Akten sprechen kann) Courtney, die bis dahin die Protagonistin war, stirbt, wird ihr Tod schulterzuckend akzeptiert.
Normalerweise wäre, vor allem zu diesem späten Zeitpunkt, ihr Tod ein Problem, das den Film beendet. Genauso wie bei einer TV-Serie der Tod (oder das Ausscheiden) eines wichtigen Charakters auch oft das Ende der Serie bedeutet. Auch wenn noch ein, zwei Staffeln gedreht werden. Mit dem Tod des Sympathieträgers ist auch die Geschichte vorbei.
Ad hoc fällt mir nur ein Beispiel ein, in dem während der Geschichte erfolgreich die Sympathie des Publikums von einem Protagonisten auf einen anderen umgelenkt werden konnte. Es ist Alfred Hitchcocks „Psycho“. Nach dem Tod der Protagonistin in der Dusche werden die Sympathien des Zuschauers von Marion Crane auf Norman Bates umgelenkt.
In „Flatliners“ ist Courtneys Tod kein Problem, weil man sich nicht mit ihr, ihren Leiden und Zielen identifiziert. Sie ist, wie alle Flatliners, eine reine Drehbuchkonstruktion, deren Handlungen nicht aus ihrem Charakter, ihren Wünschen und Zielen, sondern dem Willen des Autors folgen. Deshalb ist die Antwort auf jede ihrer Handlungen ein lautes „weil ich es so will“ des Autors. Courtneys Mitstudenten sind ebenfalls rechte Hohlköpfe, die zur Hälfte reiche Kinder sind, die nur an sich denken und nur deshalb Arzt werden wollen, weil sie dort viel Geld verdienen können. Die anderen beiden – Sophia und Ray – sind auch nicht wirklich sympathischer oder glaubwürdiger, weil wir über sie nichts erfahren, was zum Verständnis ihres Charakters wichtig wäre. Am Ende wissen wir über diese Bande von Ehrgeizlingen nicht mehr als am Anfang.
Das liegt auch daran, dass in der Filmgeschichte einfach nur Szenen hintereinanderklatscht werden, ohne auf ein Ende hinzuarbeiten. Oder anders gesagt: hätten die Macher von Anfang an dieses Ende haben wollen, hätten sie ihre gesamte Geschichte anders strukturieren müssen.
„Flatliners“ wirkt, als habe man während des Drehs das eine Drehbuch weggeworfen und schnell aus schon gedrehten Szenen und neuen Szenen, die irgendwie das Ende erklären sollen, irgendetwas zusammengestrickt, das vorne und hinten nicht stimmt.
Flatliners (Flatliners, USA 2017)
Regie: Niels Arden Oplev
Drehbuch: Ben Ripley (nach einer Geschichte von Peter Filardi)
mit Ellen Page, Diego Luna, Nina Dobrev, James Norton, Kiersey Clemons, Kiefer Sutherland
Berlin: Auf einer Vortragsreise hat der US-Wissenschaftler Martin Harris einen Autounfall. Als er danach mit seiner Frau reden will, behauptet sie, dass sie ihn nicht kennt und irgendwelche Dunkelmänner wollen ihn umbringen. Harris will die Wahrheit herausfinden.
Für die Verfilmung wurde die Handlung von Didier van Cauwelaerts spannendem Pulp-Thriller, dank der hiesigen Filmförderung, von Paris nach Berlin verlegt; die Prämisse, einige Charaktere und die Erklärung für Martin Harris’ Amnesie wurden übernommen. Allerdings ist das Ende im Film wesentlich explosiver und der gesamte Film mit zahlreichen Morden, Schlägereien und Verfolgungsjagden zu Fuß und im Auto viel actionlastiger. Das ist zwar nicht besonders logisch und glaubwürdig (eigentlich sogar noch unglaubwürdiger als der Roman), aber ziemlich unterhaltsam. Und die Berlin-Bilder, inclusive einem Zusammenstoß mit einer Tram und einer Explosion im Hotel Adlon, erfreuen natürlich das lokalpatriotische Herz.
mit Liam Neeson, Diane Kruger, January Jones, Aidan Quinn, Bruno Ganz, Sebastian Koch, Frank Langella, Stipe Erceg
Daher muss über die Geschichte wohl wenig gesagt werden: Schon als Kinder kämpften die sieben Freunde gegen den Clown Pennywise, der alle dreißig Jahre aus der Kanalisation von Derry, Maine, auftaucht, und die Kinder des Ortes töten will. Jetzt müssen wie wieder gegen ihn kämpfen. Können sie ihn jetzt endgültig besiegen?
Tommy Lee Wallaces TV-Verfilmung hat heute vor allem wegen dem von Tim Curry gespieltem Clown Pennywise Kultstatus.
„Unter den zahlreichen King-Verfilmungen ist die aufwendige, dreistündige TV-Produktion ‚Es‘ eine der gelungensten. Nicht so sehr Blut und Leichen sind ihre Mittel, sondern das raffinierte Spiel mit den Erwartungen und Ängsten der Zuschauer. (stern-tv-magazin)“ (Fischer Film Almanach 1992)
mit Tim Curry, Harry Anderson, Dennis Christopher, Richard Masur, Annette O’Toole, Tim Reid, John Ritter, Richard Thomas, Seth Green
Wiederholung: Donnerstag, 30. November, 22.30 Uhr (wieder beide Teile)
in der ungekürzten Übersetzung und daher bestens geeignet für lange Flüge, lange Winterabende ohne die doofe Verwandtschaft, ausgedehnte Strandurlaube ohne die Liebsten und Zugfahrten mit den üblichen, niemals angekündigten, mental fest eingeplanten Verspätungen.
Zum Filmstart spendiert der Verlag ein neues Titelbild.
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Stephen King: Es
(übersetzt von Alexandra von Reinhardt und Joachim Körber, bearbeitet und teilweise neu übersetzt von Anja Heppelmann)
Heyne, 2017 (Movie Tie-In)
1536 Seiten
14,99 Euro
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Erstausgabe der ungekürzten Übersetzung: 2011
Ältere Ausgaben enthalten eine gekürzte Übersetzung.
„Il Divo“, „Cheyenne“, „La grande Bellezza“ und „Ewige Jugend“ – vier von der Kritik hochgelobte Filme, die auch bei uns im Kino liefen und Paolo Sorrentino weltbekannt machten. So erhielt „Ewige Jugend“ den Europäischen Filmpreis in den Kategorien Bester Film, Regie und Schauspieler (Michael Caine). „La grande Bellezza“ erhielt den Oscar als bester fremdsprachiger Film. „Cheyenne“ erhielt in Cannes den Preis der ökumenischen Jury. Und „Il Divo“ erhielt in Cannes den Preis der Jury. Um nur einige der zahlreichen Preise zu nennen, die diese vier Filme erhielten, die jetzt als „Paolo Sorrentino – Director’s Collection“ erschienenen.
Bei den Filmen fällt auf, wie sehr sie sich, trotz vollkommen verschiedener Geschichten und Genres, ähneln. Alle vier Filme sind geprägt von einem zutiefst melancholischen Blick auf das Leben. Alle Protagonisten verkörpern eine große Ennui, die sich auch durch den gesamten Film zieht. Sie haben schon alles gesehen. Sie wollen nichts mehr erreichen. Sie sind von ihrem Leben und den Menschen gelangweilt. Sie sind milde desinteressiert am Leben. Immer wieder flanieren sie ziellos durch die Stadt. Sie sind, auch wenn sie noch jung sind, alte Männer, die in einer Welt leben, die nur noch für Abgesänge taugt.
Mit „Il Divo“ wurde der 1970 in Neapel geborene Paolo Sorrentino international bekannt. In diesem satirischen Mix aus Polit-Thriller und Biopic porträtiert er den „Democrazia Cristiana“-Politiker Giulio Andreotti (1919 – 2013). Er war zwischen 1947 und 1992 an 33 Regierungen beteiligt, davon sieben Mal als Ministerpräsident. 1992 wurde er zum Senator auf Lebenszeit ernannt. Er wurde immer wieder beschuldigt, Verbindungen zur Mafia zu haben.
In dem vor allem in den frühen Neunziger spielenden Film ist Andreotti bereits ein alter Mann, der keine Miene verzieht und der sich durch ein Panoptikum ebenso versteinerter Gestalten bewegt. Formal knüpft „Il Divo“ sehr gekonnt an die Tradition des italienischen Polit-Thrillers an. Vor allem den Filmen von Francesco Rosi. Beide scheuen sich nicht, den Zuschauer in jeder Beziehungen zu fordern und das italienische politische System bis in seine feinsten Verästelungen zu analysieren.
„Cheyenne – This must be the Place“ ist Sorrentinos Ausflug in die USA. Im Mittelpunkt steht der sich im finanziell gut gepolsterten Ruhestand befindende Gothic-Sänger Cheyenne, den anscheinend nichts aus seiner Lethargie reißen kann. Und das will schon etwas heißen bei einem Musikstil, in dem schon pubertierende Musiker eine Weltmüdigkeit und Todessehnsucht verkörpern, die auch Hundertjährige kaum erreichen. Durch die Nachricht vom nahenden Tod seines Vaters, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, wird er aus seiner Lethargie gerissen. Er reist zurück in die USA und beginnt nach der Beerdigung seines Vaters einen Roadtrip durch das Land. Er sucht den Mann, der seinen Vater im KZ folterte.
Mit „La grande Bellezza“ kehrt Sorrentino zurück nach Rom. Er porträtiert den von seinem Leben zu Tode gelangweilten Klatschkolumnisten Jep Gambardella, der seinen 65. Geburtstag feiert und sich fragt, was er aus seinem Leben gemacht hat.
In der Box erscheint der Film auf DVD (bzw. Blu-ray) in der nur hier erhältlichen dreißig Minuten längeren166-minütigen „Extended Version“ mit „neuen Szenen, Figuren, Orten und neuem Schnitt“ (Covertext). Sorrentino meint zur neuen Fassung: „Bei meiner ersten Fassung war es noch notwendig, Kompromisse einzugehen und einige Szenen zu opfern. Diese erweiterte Version liefert den Film nun aber in seiner ursprünglichen Gesamtheit, so dass alle Figuren voll zur Geltung kommen.“
Vor allem badet diese Version noch länger in Jep Gambardellas Ennui, den anscheinend nichts mehr begeistern kann, weil er schon alles gesehen hat und das rauschhafte Leben der High Society nur eine Flucht vor der eigenen Bedeutungslosigkeit ist. Die meisten Änderungen sind – wenn ich mich noch richtig an die fabelhafte Kinoversion erinnere – Verlängerungen von Szenen und eine nächtliche Begegnung von Gambardella mit Fanny Ardant, die sich selbst spielt. Das ist schön anzusehen und überzeugt auch in der längeren Fassung, aber im Gegensatz zu Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now Redux“ sind die Veränderungen nicht so gravierend und auffällig, dass man ad hoc, eindeutig eine Fassung gegenüber der anderen bevorzugt.
Diese überbordende Liebeserklärung an Rom und Federico Fellinis Werk dürfte Sorrentinos populärster Film sein.
In seinem letzten, mal wieder top besetztem Spielfilm „Ewige Jugend“ sind die Protagonisten, deren besten Jahre schon einige Jahrzehnte zurückliegen, nicht mehr vom Leben gelangweilt. Sie verbringen den Sommer in der Schweiz in einem edlen Wellness-Tempel. Sie genießen die Ereignislosigkeit. Wobei gerade der Komponist Fred Ballinger und sein Freund, der Drehbuchautor Mick Boyle wehmütig auf ihre früheren Jahre zurückblicken und milde desinteressiert die anderen Hotelgäste beobachten und sich auch manchmal mit ihnen unterhalten. Ab und an wird Ballinger, – weil es doch nicht vollkommen ohne Story geht -, von einem Gesandten der Queen gefragt wird, ob er sein bekanntestes Stück für eine Feier dirigieren möchte. Ballinger lehnt diese Unterbrechung seines Ruhestandes zunächst ab.
In „Ewige Jugend“ gibt es noch nicht einmal die Scheinaktivitäten von Sorrentinos früheren Filmen. Handlungstechnisch passiert nichts. Visuell passiert nichts. Das hat, gerade wegen der Altersweisheit der Charaktere, durchaus seinen Reiz. Wenn man für gepflegte Langeweile und Schönheit empfänglich ist.
Die jetzt von DCM veröffentlichte 4-DVD/Blue-ray-Box enthält die Filme von Sorrentino, die bei uns im Kino liefen. Seine vor „Il Divo“ inszenierten Filme wurden bislang offiziell in Deutschland noch nicht gezeigt. Insgesamt ist die Box eine gelungene Werkschau und ein tolles Weihnachtsgeschenk für Filmfans.
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Hinweis für Berliner und Berlin-Besucher: Im Rahmen einer „Hommage an Toni Servillo“ wird der Director’s Cut von „La grande Bellezza – Die große Schönheit“ am Mittwoch, den 20. Dezember, um 20.00 Uhr im Lichtblick Kino, am Freitag, den 22. Dezember, um 17.30 Uhr im Bundesplatz Kino und am Sonntag, den 24. Dezember, um 16.00 Uhr im Il Kino als OmU gezeigt.
Paolo Sorrentino – Director’s Collection
DCM
Bild: 2,35:1 (16:9 anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interviews mit Paolo Sorrentino, Interviews mit Cast & Crew, Making-of, Trailer
Länge: 513 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre
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Blu-ray identisch)
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enthält
Il Divo – Der Göttliche (Il Divo, Italien/Frankreich 2008)
Regie: Paolo Sorrentino
Drehbuch: Paolo Sorrentino
mit Toni Servillo, Anna Bonaiuto, Piera Degli Espositi, Paolo Graziosi, Giulio Bosetti, Flavio Bucci
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Cheyenne – This must be the Place (This must be the Place, Italien/Frankreich/Irland 2011)
Regie: Paolo Sorrentino
Drehbuch: Umberto Contarello, Paolo Sorrentino
mit Sean Penn, Frances McDormand, Judd Hirsch, Eve Hewson, Harry Dean Stanton, David Byrne, Kerry Condon, Joyce van Patten, Heinz Lieven
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La grande Bellezza – Die große Schönheit (La grande Bellezza, Italien/Frankreich 2013)
Regie: Paolo Sorrentino
Drehbuch: Paolo Sorrentino, Umberto Contarello
mit Toni Servillo, Carlo Verdone, Sabrina Ferilli, Carlo Buccirosso, Iaia Forte, Pamela Villoresi, Fanny Ardant
The Sentinel – Wem kannst du trauen? (USA 2006, Regie: Clark Johnson)
Drehbuch: George Nolfi
LV: Gerald Petievich: The Sentinel, 2003
Aus den Reihen des Secret Service soll ein Attentat auf den Präsidenten geplant werden. Die Ermittlungen führen David Breckinridge zu seinem ehemaligem Freund Pete Garrison. Doch bevor er ihn verhaften kann, flüchtet Garrison. Garrison will auf eigene Faust den Verräter finden; falls er nicht vorher von Breckinridge erwischt wird.
Unterschätzter Thriller
Mit Michael Douglas, Kiefer Sutherland, Eva Longoria, Kim Basinger, Martin Donovan, David Rasche, Gloria Reuben, Clark Johnson
Der zweite Atem (Frankreich 1966, Regie: Jean-Pierre Melville)
Drehbuch: Jean-Pierre Melville
LV: José Giovanni: Un règlement de comptes, 1958 (später “Le deuxième souffle”, deutsch “Der zweite Atem”)
Der gerade aus dem Knast ausgebrochene Gu beteiligt sich an einem ausgeklügelten Raub. Aber danach laufen die Dinge, vor allem wegen falsch verstandener Ehrbegriffe, aus dem Ruder.
Ein weiteres Meisterwerk von Jean-Pierre Melville.
“Der beste Gangsterfilm der letzten Jahre entstand nicht in Hollywood, sondern in den Straßen von Paris.” (Sigrid Schmitt, Süddeutsche Zeitung)
“Le deuxième souffle ist Melvilles La règle du jeu. Hatte Renoir in seiner Satire eine Gesellschaft, die nur nach bestimmten Spielregeln funktionieren kann, als hohl entlarvt, weil sie sich auch dann noch an diese Regeln klammert, wenn sie sinnlos geworden sind, so führt Melville in seinem nach einem Roman von José Giovanni entstandenen Film diese Konventionen zu ihrer letzten Konsequenz. Der Mikrokosmos der Gangster, wie Renoirs Adlige und Diener Signifikat für die Gesamtgesellschaft, ist determiniert von Regeln, die notwendig zu Untergang und Tod führen.” (Hans Gerhold in Peter W. Jansen/Wolfram Schütte, Hrsg.: Jean-Pierre Melville)
Damals war es eine beliebte Übung der deutschen Verleiher, bei Melville-Filmen beherzt zur Schere zu greifen. Auch “Der zweite Atem” blieb davon nicht verschont. Über eine halbe Stunde wurde für den deutschen Kinostart 1968 aus dem Film entfernt. Arte zeigt natürlich die ungekürzte Version – und danach, um 22.40 Uhr zeigt der Sender Melvilles Glaubensdrama „Eva und der Priester“ (mit Jean-Paul Belmondo und Emmanuelle Riva).
mit Lino Ventura, Paul Meurisse, Raymond Pellegrin, Christine Fabrega, Michel Constantin, Marcel Bozzufi
Vier im roten Kreis (Frankreich 1970, Regie: Jean-Pierre Melville)
Drehbuch: Jean-Pierre Melville
Nach einer Haftstrafe plant Einbrecher Corey (Alain Delon) gleich seinen nächsten Coup. Den Einbruch in ein gut gesichertes Juweliergeschäft. Mit zwei Kumpanen (Gian Maria Volonté, Yves Montand) will er das Ding durchziehen. Ein Kommissar (André Bourvil) jagt sie.
Mehr Story braucht Jean-Pierre Melville in seinem vorletzten Film „Vier im roten Kreis“ nicht, um ein weiteres Meisterwerk zu inszenieren. Der Gangsterfilm ist nur deshalb bei der breiten Masse unbekannter, weil Melvilles „Der eiskalte Engel“ und sein letzter Film „Der Chef“ (beide ebenfalls mit Alain Delon) bekannter sind. Denn „Vier im roten Kreis“ hat alles, was Melville-Fans lieben und auf der großen Leinwand wirkt der Film noch besser.
Legendär und in die Kinogeschichte eingegangen ist der Einbruch in das Juweliergeschäft: eine gute halbe Stunde verfolgen wir atemlos den Einbruch, bei dem keiner der Einbrecher ein Wort sagt. Großes Kino.
Am Montag, den 27. November, zeigt Arte zwei weitere Melville-Meisterwerke: um 20.15 Uhr „Der zweite Atem“ und um 22.40 Uhr „Eva und der Priester“.
mit Alain Delon, André Bourvil, Yves Montand, Gian Maria Volontè, Francois Périer, Paul Crauchet
Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski
LV: Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen – Requiem auf den Kriminalroman, 1957
Kamera: Chris Menges
Musik: Hans Zimmer
Ein Polizist sucht nach seiner Pensionierung – zunehmend wahnhaft – einen Kindermörder. Als Beute für den Mörder wählt er ein Kind aus.
Grandiose, ruhige Studie über Alter und Einsamkeit. Penn hielt sich bei seiner Version an Dürrenmatts Buch „Das Versprechen“. Dürrenmatt schrieb es, nachdem er mit dem optimistischen Ende von „Es geschah am hellichten Tag“ (Deutschland 1958) unzufrieden war. Sogar die notorisch schwer zu begeisternde Ponkie schrieb: „Das Vorhersehbare eines Krimiklassikers – und die Brutal-Details eines grausamen Thrillers: ein respektables, aber nicht zwingend nötiges Remake.“ (AZ, 11. 10. 2001)
Mit Jack Nicholson, Patricia Clarkson, Benicio Del Toro, Mickey Rourke, Helen Mirren, Robin Wright Penn, Vanessa Redgrave, Sam Sheppard, Tom Noonan, Harry Dean Stanton, Aaron Eckhart
LV: Dennis Lehane: Animal Rescue, 2009 (erschienen in Dennis Lehane, Hrsg.: Boston Noir, Kurzgeschichte)
Bob ist etwas langsam und arbeitet als allseits beliebter Barkeeper in der Bar von seinem Vetter Marv, die von der Mafia auch als Ablageort für Bargeld benutzt wird. Als einige Gangster die Bar überfallen und das Geld stehlen, beginnen die Mafia und die Polizei die Diebe zu suchen. Zur gleichen Zeit lernt Bob Nadia kennen.
Langsam erzählter, in Brooklyn spielender Gangsterfilm, der sich mit seiner hochkarätigen Besetzung förmlich in der Atmosphäre suhlt.
mit James Gandolfini, Tom Hardy, Noomi Rapace, Matthias Schoenaerts, John Ortiz, Elizabeth Rodriguez, Michael Aronov, Morgan Spector, Michael Esper, Ross Bickell, James Frecheville, Tobias Segal, Patricia Squire, Ann Dowd
Emotionale Wucht hat Kathryn Bigelows neuer Film „Detroit“ unbestritten. Sie zeichnet, wieder mit Drehbuchautor Mark Boal, die mehrtägigen Rassenunruhen in Detroit im Juli 1967 nach, bei denen 43 Menschen starben. 33 von ihnen waren Afroamerikaner. 24 von ihnen wurden von Polizisten und National Guardsmen erschossen.
Im Mittelpunkt des 144-minütigen Films stehen die fast in Echtzeit geschilderten Ereignisse im Algier Motel in der Nacht vom 25. zum 26. Juli. Wir sind mit den Akteuren in einem Hotelflur und ein, zwei Zimmern eingesperrt. Die Anspannung und Angst sind spürbar. Auch weil die weißen Polizisten gnadenlos ihre Macht gegenüber den afroamerikanischen Verdächtigen und den zwei weißen jungen Frauen ausnutzen und auch einige von ihnen töten.
Allerdings begeht Bigelow in „Detroit“ die gleichen Fehler wie in „Zero Dark Thirty“. Sie verwendete auch die gleiche Struktur. Wieder verhindert die rein deskriptisch-dokumentarische Bearbeitung des Themas eine Analyse. Wieder kann es, gewollt oder ungewollt, leicht zu Fehlschlüssen kommen. In „Zero Dark Thirty“ war das die Legitimierung von Folter. In „Detroit“ ist das die Konzentration auf einen Polizisten als Täter und das Fehlen der Vorgeschichte der Rassenunruhen. Der Film beginnt mit einer Polizeirazzia in einem illegalen Club, bei dem weißen Polizisten sich im Rahmen der Gesetze bewegen. Diese Razzia war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Gründe für die Unruhen waren allerdings der Mangel an bezahlbarem Wohnraum für Afroamerikaner als Folge von Stadterneuerungsprojekten und die vorherrschende, rassistisch motivierte Polizeigewalt. Die Polizei bestand fast ausschließlich aus weißen Männern.
Im Film ist die Razzia die Begründung für die durchgehend von Afroamerikanern ausgehende Gewalt und Plünderungen. Dagegen versuchen die Weißen, Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten. Dieses Setting führt dazu, dass die gesamte Vorgeschichte, die damalige Stimmung, der strukturelle Rassismus und die Machtverhältnisse ausgeblendet werden.
Auch bei den Ereignissen im Algier Motel bleibt diese Zuordnung von Täter und Opfer vorhanden. So ist Philip Krauss zwar ein paranoider Rassist, der seine Macht auskostet und die anderen Polizisten zu Mittätern macht. Er hat auch vorher einen Afroamerikaner durch einen Schuss in den Rücken schwer verletzt. Aber der Afroamerikaner war ein Plünderer und er flüchtete. Krauss hat auch Angst vor den Afroamerikanern und er ist eindeutig überfordert. Als er und seine Kollegen in das Motel stürmen, reagierten sie auf Schüsse aus dem Hotel auf sie (mit einer Startpistole für Wettkämpfe). Sie wollen einen Scharfschützen (den es nicht gibt) verhaften. Sie reagieren über. Sie nutzen auch ihre Macht aus und genießen es. Aber durch die im Film gezeigte Vorgeschichte erscheinen die Opfer dann als Täter und die Täter als die Opfer der Umstände.
Immer wieder leisten Bigelow und Boal in ihrem Film durch die Auswahl und Anordnung der akribisch recherchierten Fakten der Rationalisierung Vorschub, dass die Gewalt grundlos von den Afroamerikanern ausging und die weißen Polizisten nur das Richtige tun wollten. Sie ignorieren den Kontext. Über die Hintergründe der tagelangen Gewaltexplosion, die gesellschaftliche Situation und Strukturen erfährt man nichts. Entsprechend eruptiv und aus dem Nichts erfolgen die Gewalttätigkeiten.
So ist „Detroit“ brillant inszeniert als Terrorkino, aber analytisch so oberflächlich, dass es einfach ärgerlich ist.
Detroit (Detroit, USA 2017)
Regie: Kathryn Bigelow
Drehbuch: Mark Boal
mit John Boyega, Anthony Mackie, Will Poulter, Algee Smith, Samira Wiley, John Krasinski, Hannah Murray, Jacob Latimore, Jason Mitchell
„Manifesto“ funktioniert als Leistungsschau von Cate Blanchett prächtig. Als Film höchstens mittelmäßig. Das liegt daran, dass Film- und Videokünstler Julian Rosefeldt für „Manifesto“ Blanchett zwölf verschiedene Rollen spielen und dabei Ausschnitte aus unzähligen Manifesten vortragen lässt. Erst im Abspann erfährt man, welche Texte in welchen Filmsegmenten vorgetragen wurden. Bis dahin sind sie nur mehr oder weniger passende Textbausteine unbekannter Herkunft, die mehr oder weniger stark im Widerspruch zu der Filmszene sind. Das ist, wenn Worte, Bilder und Situationen zu sehr auseinanderklaffen, absurd und amüsant. Wenn, zum Beispiel, eine Lehrerin sichtlich überforderten Grundschülern mit ernster Stimme sagt: „Nichts ist originär. Klaut von allem, was euch inspiriert oder eure Fantasie anregt.“ Aber oft ist es nur ein intellektuelles Schattenspiel, das dem Zuschauer alle Informationen zu einem tieferen Verständnis vorenthält.
So trägt ein Obdachloser (Blanchett) Manifeste des Situanismus vor, eine Börsenmaklerin (wieder Blanchett) des Futurismus, eine Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage (wieder Blanchett) der Architektur, eine Geschäftsführerin bei einem privaten Empfang (wieder – na, so langsam dürft ihr es begriffen haben) des Vortizismus, Blauer Reiter und Abstrakten Expressionismus, eine tätowierte Punkerin des Estridentismus und Kreationismus, eine Wissenschaftlerin des Suprematismus und Konstruktivismus, eine Trauerrednerin des Dadaismus, eine Puppenspielerin des Surrealismus und Spatialismus, eine konservative Mutter mit Familie der Pop Art, eine Choreographin des Fluxus, Merz und Performance, eine Nachrichtensprecherin und Reporterin der Konzeptkunst und des Minimalismus, und eine Lehrerin der Filmkunst. Dabei nimmt sich Rosefeldt aus den einzelnen Manifesten die Sätze, die ihm gefallen und er montiert sie zu einem neuen Metatext, der dann interessant ist, wenn man die Texte, ihre philosophischen und historischen Hintergründe kennt und so auch bemerkt, wo sie überraschende Gemeinsamkeiten oder unüberbrückbare Unterschiede in ihrem Theoriegebäude und ihrer Weltanschauung haben; – falls man die Theoriegebäude überhaupt kennt.
In der hier gewählten Version eines Spielfilms funktioniert das eher nicht. In einer Ausstellung als Filminstallation (und das war „Manifesto“ in seiner ersten Präsentationsform) funktioniert so etwas besser; wenn man die einzelnen Filmsegmente als Startpunkt für eine tiefere Beschäftigung mit den Autoren und ihren Theoriegebäuden sieht. In einer Ausstellung sind diese Informationen normalerweise vorhanden. Im Kino nicht.
So ist „Manifesto“ eine Versuchsanordnung, die zeigt, wie wandlungsfähig Cate Blanchett ist. Auch wenn man weiß, dass sie alle Rollen spielt, muss man manchmal zwei-, dreimal hinsehen, um sie zu erkennen.
Gedreht wurde der Film an elf Drehtagen in Berlin und der näheren Umgebung.
Aus dem benachbarten Frankreich kommt die „Operation Duval – Das Geheimprotokoll“. François Cluzet spielt den Unternehmensberater Duval, der nach einem überstandenen Burn-Out wieder Arbeit sucht. Nur eine mysteriöse Firma bietet ihm einen Job an. In einem leeren Apartment soll er, ohne auf den Inhalt zu achten, Telefongespräche transkribieren. Dabei muss er viele Regeln zu seinen Arbeitszeiten und seinem Verhalten in der Wohnung (kein Lärm, nicht rauchen, nicht am Fenster stehen) exakt einhalten. Eines Tages hört er auf einem der Tonbänder einen Mord. Ein sich nicht an die Regeln haltender Kollege taucht auf und Duval beginnt Fragen zu stellen. Über seinen Arbeitgeber. Über den Inhalt der Tonbänder.
In „Operation Duval“ erzählt Thomas Kruithof in seinem Spielfilmdebüt eine klassische Verschwörungsgeschichte. Denn selbstverständlich ist der allein lebende Duval der perfekte Kandidat für diesen Job und ebenso selbstverständlich stolpert er durch seine Neugierde in ein politisches Komplott, das er nie vollständig überblickt.
Kruithofs Film ist ein hübscher kleiner Noir, bei dem man, schon nachdem Duval das erste Tonband abgehört hat, keinen Cent auf sein Überleben wetten möchte. Dabei sind die ersten Tonbänder scheinbar vollkommen harmlos.
Operation Duval – Das Geheimprotokoll (La Mecanique de l’ombre, Frankreich 2016)
Regie: Thomas Kruithof
Drehbuch: Thomas Kruithof
mit François Cluzet, Alba Rohrwacher, Denis Podalydes, Sami Bouajila, Simon Abkarian
1973 fordert Bobby Riggs Billy Jean King heraus. Der 55-jährige Riggs, ein Wimbledon- und US-Open-Gewinner, behauptet, die beste Tennisspielerin der Welt in einem Match schlagen zu können. King, die sich schon lange für gleiche Bezahlung aller Tennisspieler einsetzt und die aus Protest gegen die ungleiche Bezahlung eine eigene Frauenliga gründete, nimmt nach langem Zögern die Herausforderung an.
„Battle of the Sexes“, von den „Little Miss Sunshine“-Regisseuren Valerie Faris und Jonathan Dayton inszeniert, lässt die frühen siebziger Jahre wieder stilecht auferstehen und gewinnt dem Duell der Geschlechter viele humoristische Facetten ab. Vor allem weil Riggs ein Showman ist, der immer ein riesiges Spektakel inszeniert.
Allerdings interessieren Faris und Dayton sich mehr für die Liebesgeschichte zwischen King und der jungen Friseurin Marilyn Barnett, die sie auf ihrer Frauentennistour durch die USA kennen lernt und mitnimmt. Schließlich, da sind sich die Frauen der Virginia-Slims-Tournee (zur Förderung des Damentennis) einig, geht nichts über einen guten Haarschnitt.
Billy Jean King gewann in Wimbledon zwanzig Titel. Sie steht auf dem siebten Platz der Rekord-Grand-Slam-Siegerinnen im Damen-Einzel. 2009 erhielt sie von US-Präsident Barack Obama die Presidential Medal of Freedom für ihr Engagement für die Rechte der LGBT-Gemeinschaft.
Battle of the Sexes – Gegen jede Regel(Battle of the Sexes, USA 2017)
Regie: Valerie Faris, Jonathan Dayton
Drehbuch: Simon Beaufoy
mit Emma Stone, Steve Carell, Chris Evans, Sarah Silverman, Bill Pullman, Andrea Riseborough, Alan Cumming, Elisabeth Shue
Katja Sekercis Mann und ihr gemeinsamer Sohn sterben bei einem Nagelbombenattentat in Sekercis Ladengeschäft. Schnell werden die beiden Täter, ein junges Neonazi-Paar, erwischt. Als die, immerhin ist Hark Bohm Co-Autor, erstaunlich grotesk verlaufende Gerichtsverhandlungen anderes endet, als Katja es erwartete, entschließt sie sich zur Rache.
Die Inspiration für Fatih Akins neuen Film „Aus dem Nichts“ waren die Taten des NSU-Trios. Er nennt seinen Film, der sich auf die für diese Rolle beim Filmfestival in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnete Diane Kruger in ihrem ersten deutschsprachigen Film konzentriert, eine Rachefantasie. Dummerweise ist es keine Rachefantasie wie Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“, in der die Opfer sich, auch fernab jeglicher historischen Wirklichkeit, selbst ermächtigen, Richter und Henker zu sein. Dann kann ein Film eine Katharsis sein. Akin, dessen Filme ja eigentlich immer kraftvolle, nie mit Emotionen geizende Statements sind, scheint der perfekte Regisseur für eine Rachefantasie der Opfer des Neonazi-Terrors zu sein. Aber am Ende fehlt „Aus dem Nichts“ die ungebremste emotionale Wucht und Subjektivität, die nötig wäre, um über die Merkwürdigkeiten und Unwahrscheinlichkeiten des Drehbuchs hinwegzusehen.
Aus dem Nichts (Deutschland 2017)
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, Hark Bohm (Co-Autor)
mit Diane Kruger, Denis Moschitto, Johannes Krisch, Samia Chancrin, Numan Acar, Ulrich Tukur
mit Gina Carano, Michael Fassbender, Ewan McGregor, Bill Paxton, Channing Tatum, Antonio Banderas, Michael Douglas, Michael Angarano, Mathieu Kassovitz, Anthony Wong