Neu im Kino/Filmkritik: „Therapie für einen Vampir“, bei Dr. Freud höchstpersönlich

September 11, 2015

Der Vampir fühlt sich unwohl.
Der Vampir geht zum Therapeuten und erzählt ihm, dass er lebensüberdrüssig sei (was ja nach einigen Jahrhunderten vorkommen kann), dass er sich nicht mehr im Spiegel ansehen könne (bekannte Vampirkrankheit) und er Probleme mit seiner Frau habe, was in den besten Familien vorkommt.
Der Therapeut bemerkt nicht, wer sein Patient ist. Auch die ungewöhnlichen Therapiestunden irritieren ihn nicht. Denn die Leute kommen ja zu ihm, weil sie Probleme haben. Da ist der Wunsch nach Treffen nach Sonnenuntergang nicht weiter schlimm.
Der Therapeut ist Dr. Sigmund Freud und „Therapie für einen Vampir“ spielt folgerichtig im Wien der frühen dreißiger Jahre und natürlich ist David Ruehms Film ein herrlicher Wiener Schmäh, bei dem niemand über irgendetwas erstaunt ist, während der Filmfan sich in den Anspielungen suhlen kann. Vor allem nachdem der Vampir, ein Graf, sich in die Freundin von einem Mitarbeiter Sigmund Freuds verliebt. Lucy ist das Ebenbild seiner schon vor Jahrhunderten verstorbenen großen Liebe. Deren Freund ist ein Maler, in den sich die Gräfin auf einem ihrer nächtliche Streifzüge verliebt. Was sie nicht davon abhält, eifersüchtig zu sein.
Neben dem todernst präsentiertem Beziehungsgerangel (das dadurch natürlich noch witziger wird) punktet der Film mit seinen pointierten Einzeilern und Dialogen und seiner Ausstattung. Gedreht wurde im Studio am Wiener Rosenhügel, das auch immer als Studio erkennbar bleibt, weil die Horrorfilme der dreißiger Jahre auch im Studio gedreht wurden. Die Computertricks versuchen das überhaupt nicht zu verschleiern, sondern sie verstärken das wohlige Retro-Gefühl dieser bissfreudigen Liebeskomödie.

Therapie für einen Vampir - Plakat - 4

Therapie für einen Vampir (Der Vampir auf der Couch, Österreich/Schweiz 2014)
Regie: David Ruehm
Drehbuch: David Ruehm
mit Tobias Moretti, Jeanette Hain, Cornelia Ivancan, Dominic Oley, David Bennent, Karl Fischer, Ernie Mangold, Lars Rudolph, Anatole Taubman, Julia Jelinek
Länge: 87 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Therapie für einen Vampir“
Moviepilot über „Therapie für einen Vampir“


TV-Tipp für den 11. September: Redacted

September 11, 2015

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Brian De Palma!


3sat, 00.15
Redacted (USA/Kanada 2007, Regie: Brian De Palma)
Drehbuch: Brian De Palma
Irak, 2006: US-Soldaten vergewaltigen und töten eine 15-jährige Irakerin und ihre Familie. Vor einem Untersuchungsausschuss des Militärs sollen sie erzählen, was geschah.
De Palma zeigt dies in einer Collage aus Videos, Bildern von Überwachungskameras und dem Videotagebuch eines Soldaten – und er reflektiert so in seiner wütenden Anklage auch über die Wahrheit von Bildern.
„Redacted“ erschien bei uns nur auf DVD und erlebt erst heute, zu später Stunde, seine TV-Premiere.
Davor, um 22.35 Uhr, läuft „Dressed to Kill“. Und kommende Woche zeigt 3sat weitere Filme des 75-jährigen Meisters.
mit Kel O’Neill, Ty Jones, Daniel Stewart Sherman, Zahra Zubaidi, Izzy Diaz, Karima Attayeh, Rob Devaney
Hinweise
3sat über seine Brian-De-Palma-Reihe
Moviepilot über „Redacted“
Metacritic über „Redacted“
Rotten Tomatoes über „Redacted“
Wikipedia über „Redacted“ (deutsch, englisch)
Brian De Palma in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „How to change the World“ – das erste Jahrzehnt von Greenpeace

September 10, 2015

Wie man die Welt ändert, das wussten in den frühen Siebzigern auch in Kanda die Hippies nicht. Aber sie waren gegen den geplanten Atomtest der USA in Amchitka, Alaska. Also charterten einige von ihnen einen rostigen Fischkutter, nannten ihn „Greenpeace“, und machten sich im September 1971 auf den Weg nach Alaska. Dass sie damit etwas starteten, was, wie man so schön pathetisch sagt, größer wurde, als sie selbst, ahnten sie nicht. Denn die Fahrt bedeutet auch die Geburtsstunde von Greenpeace und der damals spontan ausgedachte Name und das Logo wurden weltberühmt.
Sie hatten, wie sie bei der Rückkehr ihrer als erfolglos empfundenen Fahrt (sie hatten Amchitka nicht erreicht) erfuhren, nicht nur die Tests verzögert (kurz darauf wurden sie endgültig abgebrochen), sondern ihre Berichte von der Fahrt hatten auch dazu geführt, dass es in Kanada in allen größeren Städten Proteste gegen den US-Atomtest gab und sie zu ihrer Überraschung, bei der Einfahrt in den Hafen, von einer jubelnden Menschenmenge empfangen wurden. In den nächsten Monaten und Jahren, während die Gründer auf den Weltmeeren für Frieden und Umweltschutz protestierten, gründeten sich schnell weitere Unterstützergruppen, was dann auch schnell zu Konflikten mit den basisdemokratischen Prinzipien und den Egos der Gründer führte.
In seiner absolut sehenswerten Dokumentation „How to change the World – The Revolution will not be organized“ erzählt Jerry Rothwell das erste Jahrzehnt der Umweltorganisation und den Selbstzweifeln und Machtkämpfen der Gründer untereinander. Und weil mit Robert ‚Bob‘ Hunter (aus dessen Perspektive der Film geschildert wird) von Anfang an ein Journalist an Bord war und alle mit einer Dokumentation ihrer ersten Fahrt (später wurde gerade diese Betonung öffentlichkeitswirksamer Aktionen und das fotogene Anbringen des „Greenpeace“-Logos zu einem Vorwurf) einverstanden waren, konnte Rothwell auf einem sagenhaftem Fundus historischer Aufnahmen zurückgreifen. In den Greenpeace-Archiven in Amsterdam lagerten 1500 Filmdosen mit 16mm-Filmen, die bislang nicht geöffnet waren. Sie sind ungewöhnlich professionell aufgenommen und sehen daher, was man nicht von allen Dokumentationen mit historsichem Filmmaterial behaupten kann, auch auf der Kinoleinwand gut aus.
Auf ihrer Fahrt nach Amchitka entdeckten die Pazifisten eine verlassene Walfangstation und damit auch das Thema, mit dem Greenpeace über die nächsten Jahre bekannt wurde: dem Kampf gegen den Walfang. Im Golf von Alaska waren sie damals schon ausgerottet. In diesen Jahren wuchs die Organisation, es gab Streit zwischen den Gründern (die in historischen und aktuellen Statements zu Wort kommen) und mit dem Kampf gegen die Robbenjagd hatte Greenpeace Ende der siebziger Jahre, unterstützt von Prominenten, ihr zweites großes Thema gefunden. Diese Jahre, die mit der Gründung von Greenpeace International (und damit einer neuen Struktur der Organisation) endeten, schildert Rothwell mit kritischer Sympathie und er vermittelt viel von der damaligen Aufbruchstimmung und dem kompromisslosem Kampf für eine bessere Wet. Im Zentrum steht eine Gruppe erinnerungswürdiger Typen, die zeigen, dass wenige Menschen einen Unterschied machen können.
Emily Hunter, die Tochter von Bob Hunter, meint, der Film sei die letzte Mind-Bomb (Bewusstseinsbombe) ihres Vaters. Mit ihnen wollte er, durch die Medien, das Bewusstsein der Menschen verändern und revolutionäre Veränderungen anzustoßen.

How to Change the World - Plakat - 4

How to Change the World – The Revolution will not be organized (How to change the World, Großbritannien/Kanada 2015)
Regie: Jerry Rothwell
Drehbuch: Jerry Rothwell
mit Bob Hunter, Paul Watson, Patrick Moore, Barry Pepper (Erzähler, im Original)
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „How to change the World“
Moviepilot über „How to change the World“
Metacritic über „How to change the World“
Rotten Tomatoes über „How to change the World“
Wikipedia über „How to change the World“
Deutsche Homepage von Greenpeace


Neu im Kino/Filmkritik: Der neue Terrence-Malick-Film „Knight of Cups“

September 10, 2015

„Knight of Cups“ ist eine Tarotkarte, die bei uns „Ritter der Kelche“ heißt und die eine positive Veränderung bedeutet – aber das habt er, erstens, alle gewusst und, zweitens: Warum sollte ein Film in Deutschland (auch wenn er synchronisiert ist) einen deutschen Titel haben? Die neue CD deiner Lieblingsband erscheint ja auch weltweit unter dem gleichen Titel.
Das gesagt, können wir uns dem neuen Werk von Terrence Malick zuwenden, dessen neuen Film Cineasten dreißig Jahre lang herbeisehnten und der innerhalb weniger Jahre mit drei Filmen seinen Ruf ziemlich ruinierte. „Knight of Cups“ unterscheidet sich kaum von „The Tree of Life“ (2011) und „To the Wonder“ (2012). Wobei mir „Knight of Cups“ etwas besser als die beiden vorherigen Filme gefällt. Wahrscheinlich, weil ich inzwischen weiß, was mich inzwischen bei einem Malick-Film erwartet, weil „Knight of Cups“ etwas konzentrierter als die beiden Vorgänger ist (immerhin steht dieses Mal nur ein Mann im Mittelpunkt und alles dreht sich um ihn) und weil dieses Mal die penetrant christlich erweckte Botschaft fehlt. Eine Geschichte ist, wieder einmal, im pathetischen Rausch der Bilder und dem darüber gelegtem bedeutungsschwangeren Kommentar (im Original von Sir Ben Kingsley meditativ ruhig gesprochen) nicht erkennbar. Es geht um einen Mann, der mit seinem Leben unzufrieden ist und der vor einer Entscheidung steht. Im Presseheft wird diese Storyskizze zwar ausführlicher formuliert, aber es ist nur eine mögliche Interpretation der Bilder. Denn dass Rick (Christian Bale) ein erfolgreicher Comedy-Drehbuchautor ist, ist für den Film reichlich unerheblich. Rick könnte irgendeinen Beruf irgendwo haben. Es würde nichts ändern.
Und dass er versucht, den Sinn seines Lebens zu finden, liest sich zwar gut, aber da Malick überhaupt nicht mehr an einer konventionellen Narration interessiert ist, will er dieser Sinnsuche auch keinen eindeutigen Sinn (über den man dann streiten könnte) geben, sondern er erzählt, offen für alle Interpretationen, locker (aber mit vielen gutaussehenden Frauen, die für Rick mehr oder weniger wichtig sind) in der Chronologie hin und herspringend, ohne irgendeinen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung (so wird Rick in seiner Wohnung überfallen, aber für den folgenden Film ist es egal), von einem Mann, der versucht irgendeinen Sinn in den ihm zustoßenden Ereignissen zu finden, der an seinem Leben zweifelt und der nicht weiß, was er wie ändern soll. Falls er überhaupt etwas ändern will.
Es ist vor allem die essayistische Beschreibung eines Stillstandes, die – so das Presseheft – in einem Aufbruch endet. Ein Aufbruch, der auch einfach nur der nächste Tagestrip in die vor Los Angeles gelegene Wüste sein könnte.
Und so hat „Knight of Cups“ wieder schöne Bilder (Emmanuel Lubezki ist wieder der Kameramann), deren Komposition ausschließlich ästhetischen Prinzipien folgt. Denn sonst ist nicht erklärbar, warum in einem nur in Los Angeles und Las Vegas (es gibt einen Ausflug in die Spielerstadt, der aber keine Auswirkung auf die Narration hat) spielendem Film plötzlich Bilder aus Berlin zu sehen sind. Aber das hat uns bei dem letzten Superheldenfilm auch nicht gestört.
Für den geneigten Zuschauer gibt es einige Denkanstöße, die, wieder einmal, weitgehend, im Ungefähren bleiben. Das kann dann, wie eine Predigt, jeden Zuhörer ansprechen. Oder wegen der Platitüden endlos langweilen.
Mir jedenfalls sagte „Knight of Cups“, wie schon „The Tree of Life“ und „To the Wonder“ nichts. Aber ich gehöre auch nicht mehr zu der Gemeinde der ihren Meister blind verehrenden Gemeinde der Malick-Gläubigen.
Fun Fact: Der US-Kinostart ist voraussichtlich am 4. März 2016. Die Weltpremiere war bereits dieses Jahr auf der Berlinale.

Knight of Cups - Plakat

Knight of Cups (Knight of Cups, USA 2015)
Regie: Terrence Malick
Drehbuch: Terrence Malick
mit Christian Bale, Cate Blanchett, Natalie Portman, Antonio Banderas, Brian Dennehy, Wes Bentley, Isabel Lucas, Teresa Palmer, Joel Kinnaman, Jason Clarke, Ryan O’Neal, Armin Müller-Stahl (etliche Auftritte sind eher Cameos), Ben Kingsley (Erzähler in der Originalfassung)
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Knight of Cups“
Moviepilot über „Knight of Cups“
Metacritic über „Knight of Cups“
Rotten Tomatoes über „Knight of Cups“
Wikipedia über „Knight of Cups“ (deutsch, englisch)
Berlinale über „Knight of Cups“

Meine Besprechung von Terrence Malicks „To the Wonder“ (To the Wonder, USA 2012)

Meine Besprechung von Dominik Kamalzadeh/Michael Peklers “Terrence Malick” (2013)

Terrence Malick in der Kriminalakte

Die Berlinale-Pressekonferenz

Und das Teaser-Plakat, das mir besser gefällt

Knight of Cups - Teaser


Neu im Kino/Filmkritik: „Kill the Messenger“, vor allem wenn’s ein Journalist ist

September 10, 2015

Was geschieht, wenn ein Journalist die größte Enthüllungsgeschichte seines Lebens und seiner Tageszeitung während des größten Umbruchs der Zeitungsgeschichte schreibt? Das fragte sich Gary Webb nicht, als er zufällig, bei einer Gerichtsverhandlung gegen einen Drogenhändler, die Verbindung zwischen aus Südamerika kommendem Crack in South Central Los Angeles und der Mitwisserschaft der CIA entdeckte. Das fragte er sich auch nicht, als er seine Story auch in Washington, D. C., und Nicaragua recherchierte. Denn vor zwanzig Jahren hatten nur wenige Menschen einen Internetanschluss. Und als er im August 1996 in der San Jose Mercury News, bei der er angestellt war, seine Recherchen in einer dreiteiligen Artikelserie veröffentlichte, war die Online-Publikation ein netter Zusatznutzen, um den Lesern weiterführende Informationen und Dokumente zu präsentieren. Im Film wird das nicht erwähnt. Denn wenn sie es getan hätten, hätten sie in der zweiten Hälfte andere Schwerpunkte setzen müssen.
Damals verschaffte die Online-Publikation (was damals noch ungewöhnlich war) dem Lokalblatt und der Reportage eine weit eine über die normalen Leser der Tageszeitung hinausgehende Leserschaft und Aufmerksamkeit. Dabei war einges von Webbs Recherchen schon vorher (unter anderem durch die Iran-Contra-Affäre) bekannt, aber jetzt wurden die ihm veröffentlichten Fakten über die Finanzierung der nicaraguanischen Contra-Rebellen durch den Schmuggel von Drogen in die USA (während die USA gleichzeitig einen „war on drugs“ führte) zu einem Skandal. Die Bewohner von South Central waren empört, dass die Regierung (vor allem die CIA), mindestens Mitwisser, vielleicht sogar Mithelfer, bei der Crack-Epidemie, dem steigenden Verbrechen und der desolaten Lage ihres Viertels war. Auch in anderen Großstädten sah es oft nicht besser aus.
Damals wusste niemand, dass Webb seine Enthüllungsgeschichte am Vorabend des US-Zeitungssterbens und des Aufstiegs des Internets zu einem Massenmedium schrieb. Dieser historisch wichtige Umbruch wird im in zwei Teile zerfallenden Film „Kill the Messenger“ zwar nicht weiter angesprochen, aber er verleiht ihm einen beunruhigenden Subtext. Jedenfalls wenn man „guten Journalismus“ nur mit „Zeitungsjournalismus“ verbindet.
Michael Cuesta („Dexter“, „Homeland“) erzählt, nach einem Drehbuch von „New York Times Magazine“-Journalist Peter Landesman, in seinem Film Gary Webbs Geschichte. In der ersten Hälfte, wenn wir Webbs Recherchen verfolgen, steht der Film fest in der Tradition der Thriller, die investigative Journalisten und ihre Arbeit feiern und die sogar Präsidenten, siehe „Die Unbestechlichen“, zu Fall bringen können. Das ist spannend und, auch wenn die Tatsachen heute allgemein anerkannt sind, schockierend.
In der zweiten Hälfte erzählt er, was nach der Enthüllung geschah: wie Webb seine Recherchen verteidigt, er von seinen Vorgesetzten nicht gegen Angriffe verteidigt wird und er sich, auch aufgrund seiner Persönlichkeit, zunehmend isoliert. Dieser Teil ist dann weniger spannend, teilweise schrecklich misslungen, aber thematisch interessanter. Denn er zeigt, wie sehr das Bild des edlen, wahrheitssuchenden, von seiner ebenso edlen, nur der Wahrheit verpflichtenden Redaktion, die ihn bis zum Tod und darüber hinaus beschützt und gegen alle Angriffe verteidigt, eine gut gepflegte Chimäre ist. Jedenfalls für viele Redaktionen. Und, weil die Geschichte gerade an der Schwelle zum Internetzeitalter spielt, zeigt der Film unterschwellig auch, wie sich, ohne dass die Beteiligten es wissen, ein seit Jahrzehnten gepflegtes Modell von Zeitung, von Lokaljournalismus und von Tageszeitung in den USA gerade verabschiedet. In Deutschland ist die Situation nicht vergleichbar, weil hier Tageszeitungen vor allem Abo-Zeitungen sind und daher die Einnahmesituation vollkommen anders aussieht.
Allerdings ist die zweite Hälfte auch weniger gelungen als die erste. Er zerfasert etwas zwischen der Rufmordkampagne durch die Regierung und die Hauptstadtjournalisten, die dem Nobody von dem Provinzblatt nicht die sensationelle Story gönnen, Webbs Kämpfe in der Redaktion und seinem Privatleben. Der Film versucht uns jetzt mehr für den Journalisten und seine beruflichen und privaten Probleme zu interessieren, während davor die Story im Mittelpunkt stand. Jetzt wird der Bote zur Story – und der Film verliert seine Geschichte. Dabei spricht er viele Punkte an, ohne wenigstens einen konsequent in den Mittelpunkt zu rücken. Er geht auch nicht darauf ein, wie sehr Webbs Persönlichkeit seinen Fall vom geachteten Journalisten zum Outsider begünstigte. Webb beging, was auch nicht vom Drehbuchautor angezweifelt wird, am 10. Dezember 2004 Suizid. Aber der Film endet schon Jahre früher mit einer die Tugenden des Journalismus hochhaltenden Rede, die gleichzeitig ein Abgesang auf sie ist.
So ist „Kill the Messenger“ nicht so gut, wie er hätte sein können. Aber er spricht interessante und wichtige Fragen über die Rolle des Journalismus in einer freien Gesellschaft, das Verhalten von Journalisten untereinander, dem Verhalten von Vorgesetzten gegenüber ihren Angestellten und zum Wandel der Medien durch das Internet an. Er drückt sich allerdings um Antworten herum.

Kill the Messenger - Plakat

Kill the Messenger (Kill the Messenger, USA 2014)
Regie: Michael Cuesta
Drehbuch: Peter Landesman
LV: Gary Webb: Dark Alliance – The CIA, the Contras and the Crack Cocaine Explosion, 1998; Nick Schou: Kill the Messenger – How the CIA’s Crack-Cocaine Controversy destroyed Journalist Gary Webb, 2006
mit Jeremy Renner, Rosemarie DeWitt, Tim Blake Nelson, Barry Pepper, Oliver Platt, Andy Garcia, Michael Sheen, Paz Vega, Michael Kenneth Williams, Mary Elizabeth Winstead, Ray Liotta, Robert Patrick
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „Kill the Messenger“
Moviepilot über „Kill the Messenger“
Metacritic über „Kill the Messenger“
Rotten Tomatoes über „Kill the Messenger“
Wikipedia über „Kill the Messenger“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Kill the Messenger“


TV-Tipp für den 10. September: Heimat – Eine deutsche Chronik: Die Liebe der Soldaten/Der Amerikaner

September 10, 2015

Arte, 22.10
Heimat – Eine deutsche Chronik: Die Liebe der Soldaten/Der Amerikaner (Deutschland 1984)
Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz, Peter Steinbach
Toll, dass „Heimat“, das Werk, mit dem Edgar Reitz seinen Durchbruch hatte, das damals wirklich ein TV-Ereignis war und das eindrucksvoll zeigt, was im Fernsehen möglich war, bevor es diese langen „Fernsehen ist der neue Roman“-Elogen gab, wieder im Fernsehen läuft.
Schade, dass Arte das Opus in einer von Reitz selbst von 924 Minuten auf 888 Minuten gekürzten Fassung in Doppelfolgen zeigt. D. h. heute endet der „Heimat“-Marathon um 00.50 Uhr.
In „Heimat“ erzählt Reitz anhand der in dem fiktiven Hunsrückdorf Schabbach lebenden Maria Simon (1900 – 1982) die wechselvolle Geschichte Deutschlands vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zu Marias Tod aus der Perspektive der kleinen Leute, die nicht in einer Metropole leben.
In „Die Liebe der Soldaten“ und „Der Amerikaner“ um die Zeit von 1944 bis 1947. „Der Amerikaner“ ist dabei niemand anderes als Paul Simon, der aus den USA wieder zurückkehrt und amerikanisches Lebensgefühl ins Dorf bringt.
Großes Kino! Auch in der Mediathek.
Mit Marita Breuer, Gertrud Bredel, Willi Burger, Michael Lesch, Rüdiger Weigang, Karin Rasenack, Jörg Hube, Dieter Schaad

Hinweise

Arte über “Heimat – Eine deutsche Chronik”

Wikipedia über “Heimat – Eine deutsche Chronik”

Homepage von Edgar Reitz

Kriminalakte über „Die andere Heimat“

Meine Besprechung von Edgar Reitz’ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (mit weiteren Clips)

Meine Besprechung von Edgar Reitz’ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (DVD-Kritik)


TV-Tipp für den 9. September: Nachtschicht: Das tote Mädchen

September 8, 2015

ZDFneo, 20.15

Nachtschicht: Das tote Mädchen (Deutschland 2010, Regie: Lars Becker)

Drehbuch: Lars Becker

Ein russisches Callgirl wird ermordet und in der Elbe versenkt. Das Nachtschicht-Team sucht den Mörder und landet schnell bei einem Privatbankier, der behauptet die Tote nicht zu kennen.

Nix neues von der “Nachtschicht”: Dutzende bekannter Gesichter, die endlich (?) mal wieder (?) zeigen, was sie können, gutes Buch, gute Regie, gute Unterhaltung.

mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Pierre Semmler, Dietmar Bär, Kai Wiesinger, Jürgen Prochnow, Lisa Maia Potthoff

Hinweise

Wikipedia über „Nachtschicht“

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 8. September: No Direction Home: Bob Dylan

September 8, 2015

BR, 22.55
No Direction Home: Bob Dylan (Großbritannien/USA 2005, Regie: Martin Scorsese)
Gut 210-minütige Doku über Bob Dylans frühe Jahre von seine Anfängen in Minnesota, der Greenwich-Village-Folk-Szene und seinem Verrat an der Folk-Szene, als er die akustische Gitarre gegen die E-Gitarre tauschte. Der Film endet 1966 mit Dylans Motorradunfall, nach dem er mehrere Jahre nicht mehr tourte.
Martin Scorsese gelang mit Konzertmitschnitten, historischen Aufnahmen und vielen aktuellen Interviews, die teilweise schon Jahre, bevor Scorsese sich an den Schnitt machte, geführt wurden, ein ebenso kurzweiliger wie informativer Film, der trotz der vielen Informationen nicht alles erklärt. Eigentlich bleibt sogar erstaunlich viel offen in dem von Sympathie getragenem Werk.
mit Bob Dylan, Joan Baez, Dave Van Ronk, Allen Ginsberg, Suze Rotolo
Hinweise
Rotten Tomatoes über „No Direction Home: Bob Dylan“
Wikipedia über „No Direction Home: Bob Dylan“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 7. September: Die Möbius-Affäre

September 7, 2015

Servus TV, 23.55
Die Möbius-Affäre (Möbius, Frankreich 2013)
Regie: Éric Rochant
Drehbuch: Éric Rochant
Der russische Top-Spion Grégory Lioubov soll in Monaco einem Oligarchen das Handwerk legen. Er hofft, über eine eine amerikanische Finanzexpertin an die benötigten Informationen zu kommen. Dummerweise wird sie auch vom US-Geheimdienst erpresst – und schon sind wir in einem Agententhriller, in dem jeder jeden betrügt, aber die Gewissheiten des Kalten Krieges vorbei sind.
„Die Möbius-Affäre“ ist ein altmodischer, elegant erzählter Spionagethriller, der, wie ein Finanzderivat, etwas zu sehr im luftleeren Raum hängt. Warum sage ich in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Jean Dujardin, Cécile de France, Tim Roth, Émilie Dequenne, Wendell Pierce, Aleksey Gorbunov

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die Möbius-Affäre“

Rotten Tomatoes über “Die Möbius-Affäre”

Wikipedia über „Die Möbius-Affäre“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Éric Rochants „Die Möbius-Affäre“ (Möbius, Frankreich 2013)


TV-Tipp für den 6. September: Die Schweizermacher

September 6, 2015

3sat, 21.35
Die Schweizermacher (Schweiz 1978, Regie: Rolf Lyssy)
Drehbuch: Rolf Lyssy, Christa Maerker
Schweizer sein ist einfach. Schweizer werden ist schwer. Auch weil die beiden Beamten Max Bodmer (Walo Lüönd) und Moritz Fischer (Emil Steinberger) penibel darüber wachen, wer Schweizer wird und wer nicht. Und es muss schon mit dem Teufel zugehen, wenn sie bei ihren Besuchen und Nachstellungen keine Grund für eine Ablehnung finden.
Bitterböse Satire, die damals in der Schweiz ein Kinoerfolg war und der immer noch, mit großem Abstand, der erfolgreichste Schweizer Film aller Zeiten ist. In Deutschland wurde er zum Kinostart von 800.000 Menschen gesehen und heute ist er bei uns wohl ziemlich vergessen. Zu Unrecht!
„Lyssys Film ist gemächlich angelegt, kommt mit zwei Klasse-Komödianten in den Hauptrollen zunächst recht zahm und freundlich daher und entfaltet auf manchmal geradezu hinterhältig-bissige Weise seine Boshaftigkeit erst peu à peu. Dass dabei die sich den Fremdenpolizisten anbiedernden, einbürgerungswilligen Ausländer auch Demütigungen, Unverschämtheiten und Einschüchterungen mit erstaunlicher Geduld hinnehmen, zeigt, wie genau die Satire an der Wirklichkeit orientiert ist.
Eigentlich ist dieser komödiantische Film gar nicht komisch.“ (Fischer Film Almanach 1980)
Und natürlich ist das in Deutschland ganz anders. Ehrlich!
Mit Emil Steinberger, Walo Lüönd, Beatrice Kessler, Wolfgang Stendar, Hilde Ziegler, Bill Ramsey
Wiederholung: Montag, 7. September, 03.50 Uhr (Taggenau!)
Hinweis
Wikipedia über „Die Schweizermacher“


TV-Tipp für den 5. September: Eine Leiche zum Dessert

September 5, 2015

Servus TV, 20.15

Eine Leiche zum Dessert (USA 1976, Regie: Robert Moore)

Drehbuch: Neil Simon

Ein Millionär lädt die berühmtesten Detektive der Welt ein. Er behauptet, sie könnten einen Mord nicht aufklären, der um Mitternacht stattfinden wird. Die Detektive sehen das anders.

Neil Simon zieht in seiner Krimikomödie die Images der bekanntesten, literarischen Detektive der Welt (hier: Miss Marple, Hercule Poirot, Sam Spade, Nick Charles aka Der dünne Mann mit Gattin Nora, Charlie Chan) und die Prinzipien des Whodunits durch den Kakao. Ein köstlicher Spaß – nicht nur für Genre-Fans.

Verkörpert werden die Meisterdetektive und Tatverdächtige u. a. von Truman Capote, Peter Falk, Alec Guiness, David Niven, Peter Sellers

Wiederholung: Sonntag, 6. September, 01.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Thrilling Detective über „Murder by Death“ (Eine Leiche zum Dessert)

Turner Classic Movies über “Murder by Death”

Wikipedia über Neil Simon

Rotten Tomatoes über “Eine Leiche zum Dessert”


Neu im Kino/Filmkritik: „Ricki – wie Familie so ist“ und wie das Leben so spielt

September 4, 2015

Der deutsche Titel von dem neuen Film, in dem Mery Streep singt (das tut sie in letzter Zeit ja gerne), ist „Ricki – wie Familie so ist“ und er lässt einen dieser netten Filme erwarten, in der eine Familie sich etwas fetzt und etwas herzt und man am Ende, wenn sich die Familie versöhnt, den Kinosaal mit einem feuchten Taschentuch verlässt. Der US-Titel ist „Ricki and the Flash“ und das ist der Name von Rickis Band.
Denn Ricki Rendazzo (Meryl Streep) ist Rocksängerin. So eine richtig scharfe Rockröhre, die mit ihrer Band jeden Abend das heiße Rock’n’Roll-Leben zelebriert. Dass das in einer kleinen, schummerigen Bar in Los Angeles vor einem überschaubarem Publikum geschieht; – na gut, ein „American Girl“ kann halt nicht alles haben. Auch wenn sie, „Wooly Bully“, „Let’s Work together“ mit ihrer Band „Keep playing that Rock and Roll“ macht, „I still haven’t found what I’m looking for“ schmachtet und schließlich ihren Kindern am Filmende versichert „My Love will not let you down“ (Ihr habt Rickis Songs erkannt?). Aber bis dahin geht es durch drei höchstens lose miteinander verknüpfte Kapitel, die mehr Situationsbeschreibungen und Collagen als ausformulierte Geschichten sind.
Ricki erhält von ihrem Ex-Mann Pete (Kevin Kline), ein äußerst wohlhabender Geschäftsmann, der ihre drei Kinder großzog und inzwischen wieder glücklich verheiratet ist, einen Anruf. Ihre Tochter Julie (Mamie Gummer) will sich nach einer gescheiterten Beziehung umbringen. Ricki, die ihre Kinder seit Jahren nicht gesehen hat, fliegt von L. A. nach Indianapolis, Indiana, und versucht ihre Tochter aus ihrer Depression zu befreien, während Petes Frau und Vorbildmutter Maureen (Audra McDonald) gerade ihren todkranken Vater in einer anderen Stadt pflegen muss.
Diese eher humoristische Episode mit Familienzusammenführung und Rock’n’Roll-freigeistigen Lebensweisheiten (auch wenn Ricki einige sehr konservative Ansichten hat) endet mit der Rückkehr von Maureen.
Dann gibt es eine längere Episode, die Ricki und ihre Band und ihr Leben, vor allem die sich stärker entwickelnde Beziehung zu ihrem Gitarristen Greg (Rick Springfield) beschreibt. Jetzt sind ihre Kinder wieder Teil einer vollkommen anderen Welt. Aber in dem entsprechend humorfreiem Liebesdrama gibt es einige weitere live von Ricki and the Flash gespielte Songs.
Und dann geht es wieder, holterdipolter, zurück ans andere Ende der USA. Denn ihr Sohn heiratet und Ricki, die bis jetzt alle Hochzeiten ihrer Kinder (zu denen sie nicht eingeladen war) und auch alle anderen Familientreffen (zu denen sie ebenfalls chronisch nicht eingeladen wurde) verpasste, will dieses Mal als die Mutter des Bräutigams dabei sein, was immerhin zu einigen schön irritierten Blicken der Ostküsten-High-Society führt. Denn so richtig standesgemäß kann sich die Rockerbraut Ricki nicht anziehen.
Das ist von „Das Schweigen der Lämmer“-Regisseur Jonathan Demme immer wieder schön beobachtet und die meisten Szenen entwickeln sich auch immer etwas anders als erwartet. So wie ein Musiker einem bekannten Song eine kleine persönliche Note beifügt. Ein Ohr für Musik hat er auch, was wir seit dem „Talking Heads“-Konzertfilm „Stop Making Sense“ und diversen Filmen mit und über Neil Young wissen. Entsprechend gelungen sind, auch dank Rickis guter Band, die live eingespielten, gut abgehangenen Rockklassiker. Aber „Ricki – wie Familie so ist“ ist auch ein Film, der ohne Anfang und Ende, einfach so mit einigen banalen Lebensweisheiten bis zum sentimental-verlogenen Ende vor sich hin plätschert. Denn nach der ersten und längsten Episode, in der Ricki versucht, eine Mutter zu sein, geht es weiter als ob es kein Spielfilm, sondern mehrere Episoden einer sympathischen, aber auch etwas belanglosen Serie wären.

Ricki - wie Familie so ist - Plakat

Ricki – wie Familie so ist (Ricki and the Flash, USA 2015)
Regie: Jonathan Demme
Drehbuch: Diablo Cody
mit Meryl Streep, Kevin Kline, Mamie Gummer, Audra McDonald, Sebastian Stan, Rick Springfield, Bernie Worrell, Rick Rosas, Joe Vitale (die vier Jungs sind „The Flash“ und über diese Backing-Band kann nicht gemeckert werden)
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Ricki – wie Familie so ist“
Moviepilot über „Ricki – wie Familie so ist“
Metacritic über „Ricki – wie Familie so ist“
Rotten Tomatoes über „Ricki – wie Familie so ist“
Wikipedia über „Ricki – wie Familie so ist“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 4. September: Papillon

September 4, 2015

3sat, 22.35

Papillon (USA 1973, Regie: Franklin J. Schaffner)

Drehbuch: Dalton Trumbo, Lorenzo Semple jr.

LV: Henri Charrière: Papillon, 1969 (Papillon)

Henri Charrière, genannt Papillon, wird 1931 zu lebenslanger Strafarbeit in der Strafkolonie Bagno auf der Teufelsinsel Cayenne in Französisch-Guayana verurteilt. Er soll einen Zuhälter ermordet haben. Kaum angekommen, denkt Papillon nur an eine scheinbar unmögliche Flucht.

Tolle Verfilmung der beeindruckenden und höchst erfolgreichen Autobiographie von Charrière. Das Nachfolgewerk „Banco“ war dann mehr episodisch.

Mit Steve McQueen, Dustin Hoffman, Dalton Trumbo (Nebenrolle)

Hinweise

Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über “Papillon”

Wikipedia über “Papillon” (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Werner Herzog und die „Königin der Wüste“

September 3, 2015

Auf dem Papier sieht „Königin der Wüste“ mehr als vielversprechend aus. Die Besetzung mit Nicole Kidman, James Franco und Robert Pattinson ist gut. Das Thema – ein Biopic über Gertrude Bell, eine Frau, die vor hundert Jahren allein durch die Wüste reiste und gute Kontakte zu den Beduinen und ihren Stammesführern hatte – ebenso. Und dass Werner Herzog, der inzwischen in den USA kultisch verehrte globetrottende deutsche Regisseur, dessen Filme mit Klaus Kinski (wie „Aguirre, der Zorn Gottes“ oder „Fitzcarraldo“) schon jetzt Klassiker sind, Regie führt, steigert die Erwartung. Auch das Drehbuch ist, wie gewohnt, von ihm. „Königin der Wüste“ kann nur ein außergewöhnlicher Film werden.
Und dann quält man sich durch eine vollkommen austauschbare Wüstenschmonzette, an der nichts, aber auch absolut nichts interessant ist. Auch wenn nicht Werner Herzog, von dem man mehr als pure Konfektion erwartet (und der bislang jedem seiner Filme seinen persönlichen Stempel aufdrückte), sondern irgendein austauschbarer Gebrauchsregisseur, der weiß, wo er die Kamera hinstellen muss, um ein schönes Bild zu bekommen (als ob es in einem Herzog-Film jemals um ein konventionell-schönes Bild gegangen wäre) und die Stars ordentlich ausgeleuchtet sind, den Film inszeniert hätte. Den Hauptdarstellern – Nicole Kidman, die immer aussieht als käme sie gerade aus dem Schminkstudio und deren makellosem Gesicht Alter, Sonne und Trockenheit über die Jahrzehnte nichts anhaben können, James Franco, Robert Pattinson und Damian Lewis als ihre ebenso gutaussehenden Liebhaber – kann man das Desaster nicht anlasten. Sie mühen sich redlich. Aber es hilft nichts, wenn das Drehbuch nur darauf angelegt ist, aus einer spannende Figur eine vollkommen langweilige Person zu machen. Dabei hätte man so viel über Gertrude Bell (1868 – 1926) erzählen können. Sie kam aus einer vermögenden Industriellenfamilie, studierte in Oxford (als das für Frauen ein No Go war), bereiste ab 1893 allein die Welt (als das für Frauen ein No Go war), war im Nahen Osten bei den Beduinen anerkannt (als das unmöglich erschien), wurde dadurch 1915 zu einer Beraterin im Arab British Burea, die mehr Ahnung von den Strukturen des Nahen Ostens hatte als die Männer vom Geheimdienst und vom Militär und die bei der Aufteilung des arabischen Reiches eine Schlüsselposition hatte. Sie war gebildet, neugierig und abenteuerlustig – und es erstaunt, wie man aus so einem Leben einen so langweiligen Film machen kann, bei dem man zunehmend das Interesse an Gertrude Bell verliert, während Herzog wie ein fliebenbeinzählender Chronist von ihrer ersten Begegnung mit der fremden Welt des Orients bis zu ihrer Beratertätigkeit während des Ersten Weltkriegs strikt chronologisch dem Lauf der Jahre, die zu Jahrzehnten werden, erzählt was halt so nacheinander auf ihren Reisen durch die Wüste geschah.
Am Ende bleibt nur die Frage, was Werner Herzog bei der „Königin der Wüste“ geritten hat? Wollte er wirklich seinen austauschbaren Hollywood-Orientfilm abliefern, der weniger Seele als eine Auftragsproduktion verströmt und der nur als Bewerbungsfilm für den nächsten Inga-Lindström-Film taugt? Sogar Jean-Jacques Annauds Orient-Kitsch „Black Gold“ war besser.

Königin der Wüste - Plakat

Königin der Wüste (Queen of the Desert, USA/Marokko 2015)
Regie: Werner Herzog
Drehbuch: Werner Herzog
mit Nicole Kidman, James Franco, Robert Pattinson, Damian Lewis, Jay Abdo, Holly Earl, David Calder, Jenny Agutter, Mark Lewis Jones
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Königin der Wüste“

Moviepilot über „Königin der Wüste“

Metacritic über „Königin der Wüste“

Rotten Tomatoes über „Königin der Wüste“

Wikipedia über „Königin der Wüste“ (deutsch, englisch)

Werner Herzog in der Kriminalakte

Ein englisches Gespräch mit Werner Herzog vom 14. September 2010

Bei BBC Hardtalk am 20. Januar 2015

Ein neueres, deutsches Gespräch mit ihm

 


Neu im Kino/Filmkritik: „The Transporter Refueled“ – neuer Fahrer, sonst alles gleich

September 3, 2015

Beginnen wir mit den guten Punkten: Camille Delamarres zweiter Spielfilm „The Transporter Refueled“ ist besser als sein Debüt „Brick Mansions“, was jetzt nicht unbedingt eine Kunst ist. Die Actionszenen, hauptsächlich Nahkämpfe mit bloßen Händen und herumliegenden Gegenständen und Autoverfolgungsjagden, sind konventioneller gefilmt als man es zuletzt aus den Luc-Besson-Produktionen, wie „Taken 3“ und „The Gunman“, kannte. Man kann ihnen besser folgen und bei den Autocrashs sieht man wirklich, wie die Autos (Polizeiautos scheinen besonders gerne Unfälle zu bauen) schrottplatzreif demoliert werden. Der Film ist auch, wegen des Humors, angenehm kurzweilig geraten. Wirklich niemand der Beteiligten scheint die Geschichte sonderlich ernst genommen zu haben.
Aber, wieder einmal, ist das aus der Luc-Besson-Fabrik kommende Drehbuch erschreckend schlampig zusammengestoppelt. Im wesentlichen geht es um eine Gruppe gutaussehender Ex-Prostituierter, die sich an einem osteuropäischem Gangsterboss und Zuhälter und seinen Vertrauten rächen wollen. Für einige ihrer Aktionen brauchen sie einen Fahrer und da engagieren sie Frank Martin (Ed Skrein in der Rolle, mit der Jason Statham bekannt wurde), der für seine Pünktlichkeit, seine gepflegte Kleidung und seine Regeln bekannt ist. Deshalb macht er auch gleich bei seinem ersten Auftrag für die schöne Auftraggeberin Stress. Denn die beiden Pakete, die er abholen soll (und, so eine seiner Regeln, deren Aussehen und Inhalt ihm egal sind), sind keine Koffer, sondern zwei schöne Blondinen, die Zwillingsschwestern seiner Auftraggeberin sein könnten. Und die will er zunächst nicht transportieren. Er tut es dann doch und er hilft ihnen, etwas später und gegen jede seiner Regeln, sogar im Kampf gegen den Bösewicht. Dass sie seinen Vater (Ray Stevenson) entführt haben, ist zwar eine nette Drehbuchidee, die man schnell fallen lässt. Denn der Vater, ein Schwerenöter vor dem Herrn und Ex-Geheimagent (mit Einsätzen an allen Brennpunkten der vergangenen Jahrzehnte), genießt die Gesellschaft der Damen zu sehr, um auch nur eine Sekunde seine Geiselnahme glaubhaft erscheinen zu lassen.
Diese Geschichte dient natürlich nur dazu, die Damen und Südfrankreich fotogen ins Bild zu setzen und einen roten Faden für die Actionszenen zu liefern. Aber auch hier zeigt sich immer wieder, dass die Macher nicht eine Sekunde über die innere Logik der Geschichte und ihrer Figuren nachgedacht haben.
So gibt es eine große Actionszene, die damit beginnt, dass unser Held sich in einem Hinterzimmer mit einigen übergewichtigen Hausmeistern kloppt. Plötzlich geht der Kampf in einem Gang mit Aktenschränken weiter. Martin benutzt die Schubladen, um seine Gegner zu besiegen. Dann sind wir plötzlich wieder in dem Hinterzimmer und Martin kloppt sich immer noch oder schon wieder mit den Hausmeistern. Warum er wieder in dem Zimmer ist und warum er so lange braucht, um sie zu besiegen: keine Ahnung. Aber es kommt noch besser. Kurz darauf besteigt Martin in einer Garage sein Auto. Seine Mitpassagiere, drei gutaussehende Frauen, sitzen schon ungeduldig wartend drin. Da tauchen etliche schlechtgelaunte Türsteher-Typen auf, die ihre Flucht verhindern wollen. Martin lässt sein Auto langsam auf die Ausfahrt zurollen, steigt aus und schlägt die durchtrainierten Handlanger mit ein, zwei schnellen Schlägen zu Boden, während auch der gutwilligste Zuschauer sich fragt, warum er das nicht auch einige Minuten früher, bei den wesentlichen untrainierteren Männern gemacht hat.
Ein weiteres großes Problem des Films ist, dass die Macher mit „The Transporter Refueled“ an die drei Jason-Statham-“Transporter“-Spielfilme, die auch die Vorlage für eine kurzlebige TV-Serie (mit Chris Vance als Transporter) waren, anknüpfen wollen. So gibt es etliche Szenen (zum Beispiel: der Transporter verkloppt in einer Tiefgarage eine Gruppe Bösewichter, die um sein Auto herumlungern), die Figur und sein Regelwerk (das hier penetrant zitiert wird), die direkt aus „The Transporter“ übenommen wurden und die in „The Transporter Refueled“ vor allem stören. Sie hätten besser einen neuen Charakter – einen Ex-Soldaten, der jetzt an der Côte d’Azur lebt und halbseidene Geschäfte macht – erfunden und ihn in ein neues Abenteuer geschickt. Ein Abenteuer, bei dem das Drehbuch vorher einem Plausibiltätstest unterzogen wird und bei dem man die Jahreszahlen angepasst hätte. Denn es gibt keinen Grund, warum die Filmgeschichte nicht in der Gegenwart, sondern 2010 spielt.

P. S.: Läuft auch einige Tage im CineStar IMAX im Sony Center (Potsdamer Straße 4, 10785 Berlin) und im Filmpalast am ZKM IMAX in Karlsruhe (Brauerstraße 40, 76135 Karlsruhe) in der deutschen und der englischen Fassung auf der supergroßen IMAX-Leinwand, die dem Film mehr Größe verleiht.

The Transporter Refueled - Plakat

The Transporter Refueled (The Transporter Refueled, Frankreich 2015)
Regie: Camille Delamarre
Drehbuch: Bill Collage, Adam Cooper, Luc Besson
mit Ed Skrein, Loan Chabanol, Ray Stevenson, Anatole Taubman, Lenn Kudrjawizki, Tatiana Pajkovic, Radivoje Bukvic
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „The Transporter Refueled“
Moviepilot über „The Transporter Refueled“
Metacritic über „The Transporter Refueled“
Rotten Tomatoes über „The Transporter Refueled“
Wikipedia über „The Transporter Refueled“

Meine Besprechung von Camille Delamarres „Brick Mansions“ (Brick Mansions, Frankreich/Kanada 2014)


TV-Tipp für den 3. September: Spiel auf Zeit

September 3, 2015

Kabel 1, 20.15
Spiel auf Zeit (USA 1998, Regie: Brian De Palma)
Drehbuch: David Koepp (nach einer Geschichte von Brian De Palma und David Koepp)
Während eines Boxkampfs in einem Casino in Atlantic City wird der Verteidigungsminister erschossen. Kurz darauf stirbt der Attentäter. Rampensau-Cop Rick Santoro (Nicolas Cage) reißt die Ermittlungen an sich und als er sich die Videoaufzeichnungen der Kampfarena ansieht, entdeckt er Unstimmigkeiten.
Der Anfang, eine gut viertelstündige Plansequenz Szene mit Nicolas Cage und dem Tatort im Mittelpunkt, ist grandios und atemberaubend. Danach dekonstruiert De Palma in einem atemberaubendem Tempo diese Sequenz bis kein Bild mehr auf dem anderen bleibt.
„Inhaltlich an klassischen Verschwörungsfilmen orientiert, ist der Parforcerittt vor allem eine gekonnte Studie, wie man mit Film manipulieren und die Wahrnehmung beeinflussen kann.“ (Fischer Film Almanach 1999)
Damals freute man sich noch auf den neuen Film mit Nicolas Cage und den neuen Film von Brian De Palma.
mit Nicolas Cage, Gary Sinise, John Heard, Carla Gugino, Stan Shaw, Kevin Dunn, Lou Logan, Michael Rispoli, Joel Fabiani, Luis Guzmán
Wiederholung: Freitag, 4. September, 00.40 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Spiel auf Zeit“
Wikipedia über „Spiel auf Zeit“ (deutsch, englisch)
Brian De Palma in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 2. September: Reykjavik – Rotterdam: Tödliche Lieferung

September 2, 2015

EinsPlus, 22.15

Reykjavik – Rotterdam: Tödliche Lieferung (Island 2008, Regie: Óskar Jónasson)

Drehbuch: Arnaldur Indridason, Óskar Jónasson

Der Schmuggler und Familienvater Kristófer, auf Bewährung draußen, will, obwohl er finanziell kaum über die Runden kommt, ehrlich bleiben. Aber für seine Familie lässt er sich auf eine letzte Schmuggeltour ein.

„Isländischer Kriminalfilm, der trockenen Humor mit rasanten Actionszenen verbindet.“ (Lexikon des internationalen Films)

Für das gelungene US-Remake „Contraband“ übernahm Hauptdarsteller Baltasar Kormákur die Regie und Mark Wahlberg die Hauptrolle.

Heute hat mein eine der seltenen Gelegenheiten, sich das Original anzusehen – und man kann überrascht feststellen, dass einige der unglaublichsten Szenen schon im deutlich vom US-Gangsterthriller beeinflussten Original, das einen kräftigen Schluck aus der Kaurismäki-Pulle genommen hat, drin waren.

„Reykjavik – Rotterdam: Tödliche Lieferung“ wirkt wie die Skizze für „Contraband“.

mit Baltasar Kormákur, Ingvar Eggert Sigurdsson, Kilja Nótt Thórarinsdóttir

Wiederholung: Donnerstag, 3. September, 03.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Schwedenkrimi über Arnaldur Indridason

Meine Besprechung des Remakes „Contraband“


TV-Tipp für den 1. September: Mr. Brooks – Der Mörder in dir

September 1, 2015

Tele 5, 23.05

Mr. Brooks – Der Mörder in dir (USA 2007, Regie: Bruce A. Evans)

Drehbuch: Bruce A. Evans, Raynold Gideon

Mr. Brooks ist ein geachteter Unternehmer mit einem dunklen Geheimnis: er ist auch ein Serienkiller. Als er bei seiner letzten Tat von Mr. Smith beobachtet wird, erpresst dieser ihn. Er wird schweigen, wenn Mr. Brooks ihn in die Kunst des perfekten Mords einweiht. Und dann ist da noch eine hartnäckige Polizistin.

Köstlich-schwarzhumoriger Krimi, der etwas unter seinen vielen Subplots leidet, aber das Zusammenspiel von Kevin Costner (als Mr. Brooks) und William Hurt (als sein mordgieriges Alter Ego) macht das mehr als wett.

„Raffiniert konstruierter Neo-Noir-Thriller“ (Lexikon des internationalen Films)

Davor, um 20.15 Uhr, und danach, um 01.25 Uhr läuft „Perfect World“ von und mit Clint Eastwood und Kevin Costner als Verbrecher auf der Flucht.

mit Kevin Costner, Demi Moore, Dane Cook, William Hurt, Marg Helgenberger, Danielle Panabaker, Ruben Santiago-Hudson, Lindsay Crouse, Reiko Aylesworth

Wiederholung: Donnerstag, 3. September, 01.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Drehbuch „Mr. Brooks“ von Bruce A. Evans und Raynold Gideon

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Mr. Brooks“

Rotten Tomatoes über „Mr. Brooks“

Wikipedia über „Mr. Brooks“ (deutsch, englisch)

„Mr. Brooks“ in der Kriminalakte (zum Kinostart)


DVD-Kritik: Wunderschön, „Die Wolken von Sils Maria“

August 31, 2015

Zum Kinostart kurz vor Weihnachten schrieb ich schamlos begeistert über Olivier Assayas‘ neuen Film „Die Wolken von Sils Maria“:

Der Film erzählt von einer Schauspielerin, die eine Theaterrolle annimmt, die Rolle einstudiert und schließlich die Premiere feiert.
Das klingt jetzt nicht furchtbar spannend, aber „Die Wolken von Sils Maria“ ist von Olivier Assayas inszeniert, der zuletzt mit „Carlos – Der Schakal“ und „Die wilde Zeit“ überzeugte, und mit Juliette Binoche und Kristen Stewart in den Hauptrollen und Chloë Grace Moretz in einer wichtigen Nebenrolle ist der Film auch namhaft besetzt. Und Assayas nutzt den Plot zu einer vielschichtigen Betrachtung über das Wesen des Künstlers, die verschwimmenden Grenzen zwischen Wirklichkeit und Rolle und die Unterschiede zwischen Hoch- und Trivialkultur, garniert mit Ausschnitten aus Arnold Fancks Stummfilmfragment „Das Wolkenphänomen von Maloja“ und dieser Malojaschlange, einem Wolkenphänomen, bei dem Wolken sich tagsüber in das Tal bewegen. Dabei ist sein Film zwar anspruchsvoll, intellektuell herausfordernd und kompromisslos. Er verfolgt seine Vision und nimmt dabei keine Rücksicht auf seine Zuschauer. Aber gleichzeitig ist er ungeheuer verspielt, kurzweilig, voller schöner Betrachtungen, eklektisch und niemals zerfassernd, sondern auch lustvoll Umwege nehmend, wie man bei einem Spaziergang auch mal einen kleinen Abstecher macht, ehe man wieder auf den Weg zurückkehrt und immer etwas interessantes entdeckte. Und wenn es nur die Aussicht in ein Bergtal ist.
Im Mittelpunkt stehen die Textproben der von Juliette Binoche gespielten Maria Enders. Sie hatte vor zwanzig Jahren, im Theater, ihren Durchbruch als verführerische junge Sigrid, die ihre Vorgesetzte Helena in Gefühlswirren stürzt und in den Selbstmord treibt.
Wilhelm Melchior, der Autor des Stückes, wurde während der Proben und danach in jeder Hinsicht ihr Mentor.
Kurz vor einer Ehrung für sein Lebenswerk, bei der sie eine Rede halten sollte, erfährt sie, dass er gestorben ist. Gleichzeitig wird ihr die Hauptrolle in einer Neuinszenierung des Stückes angeboten. Der junge, von der Kritik abgefeierte Regisseur will sie unbedingt haben. Aber jetzt soll sie nicht Sigrid, mit der sie sich identifizierte, sondern Helena, ihre Antagonistin, die Böse, spielen.
Zögernd nimmt sie die Rolle an, quartiert sich in der Berghütte von Melchior in Sils Maria ein und beginnt mit ihrer persönlichen Assistentin Valentine (Kristen Stewart) die Rolle zu proben. Dabei übernimmt Valentine die Rolle der Jüngeren – und bei den Proben ist oft nicht erkennbar, wann der Text des Stückes übergeht in persönliche Bekenntnisse und wann persönliche Bekenntnisse von dem Stück überlagert werden.
Später lernt Enders auch Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) kennen, die Sigrid spielen soll. Sie ist ein junger Hollywoodstar, die mit einer Rolle in einem Superheldenfilm berühmt wurde, jetzt souverän mit ihren Skandalen auf der Klaviatur der Facebook- und Twitter-Öffentlichkeit spielt und mit einer prestigeträchtigen Theaterrolle den nächsten Schritt in ihrer Karriere machen würde.
Dieses Spiel zwischen Rolle und Schauspielerpersönlichkeit gewinnt durch die Besetzung natürlich zusätzliche Facetten und wird dadurch ein schönes Spiel zwischen den verschiedenen Ebenen, zwischen Selbsterkenntnissen, Einblicken in die Welt der Schauspielerinnen und schönen Lügen, die wahrer als das wahre Leben sind. Immerhin trifft hier ein europäischer Altstar auf zwei Hollywood-Jungstars, die auch in Superheldenfilmen mitspielen – und wenn es keine Theaterrolle gibt, ist natürlich eine Rolle in einem europäischen Kunstfilm auch nicht zu verachten.
Ein Punkt störte mich allerdings bei „Die Wolken von Sils Maria“. Olivier Assayas verjüngte Juliette Binoche um mindestens zehn Jahre. Denn als sie, im Film, vor zwanzig Jahren ihren Durchbruch hatte, war sie eine Achtzehnjährige; was sie im Film zu einer knapp Vierzigjährigen machen würde, während ich mich immer wieder fragte, warum sie keine Fünfzigjährige spielen darf. Das hätte ihren inneren Konflikt noch glaubwürdiger gemacht.
Das ändert aber nichts daran, dass „Die Wolken von Sils Maria“ die europäische Version des ebenfalls grandiosen „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“, der am 29. Januar bei uns anläuft, ist. Man sollte sich unbedingt beide Filme ansehen. Vielleicht sogar hintereinander und dann vergleichen.

Seitdem hat „Birdman“ den Oscar als bester Film bekommen und Kristin Stewart trat neben Julianne Moore (die für ihre Rolle den Oscar erhielt) in dem Alzheimer-Drama „Still Alice“ auf.
Stewart und Juliette Binoche erhielten für ihr Spiel in „Die Wolken von Sils Maria“ jeweils einen César. Ein dritter César ging an Oliver Assayas‘ Drehbuch.
Stewart soll auch in Assayas‘ nächstem Film „Personal Chopper“ auftreten, der nächstes Jahr in die Kinos kommen soll.
Das Bonusmaterial besteht nur aus einem zwölfminütigem Interview mit Olivier Assayas, das aber gewohnt informativ ausgefallen ist.

Die Wolken von Sils Maria - DVD-Cover

Die Wolken von Sils Maria (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014)
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas
mit Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz, Lars Eidinger, Hanns Zischler, Angela Winkler, Nora von Waldstätten, Aljoscha Stadelmann

DVD
NFP marketing & distribution/EuroVideo
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Originalfassung (Englisch mit Passagen in Deutsch und Französisch)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interview mit Olivier Assayas, Trailer, Hörfilmfassung
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Wolken von Sils Maria“
Moviepilot über „Die Wolken von Sils Maria“
Metacritic über „Die Wolken von Sils Maria“
Rotten Tomatoes über „Die Wolken von Sils Maria“
Allociné über „Die Wolken von Sils Maria“
Wikipedia über „Die Wolken von Sils Maria“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Kinofassung)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Director’s Cut – bzw. die dreiteilige TV-Fassung)

Meine Besprechung von Olvier Assayas’ “Die wilde Zeit” (Après Mai, Frankreich 2012) (und der DVD)

Meine Besprechung von Olivier Assayas‘ „Die Wolken von Sils Maria“ (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014) (mit Pressekonferenzen)


TV-Tipp für den 31. August: Schwaches Alibi

August 31, 2015

Arte, 20.15
Schwaches Alibi (USA 1954, Regie: Jerry Hopper)
Drehbuch: Lawrence Roman
LV: J. Robert Bren/Gladys Atwater: Cry Copper
Polizeichef Joe Conroy glaubt, dass ein braver Familienvater und Bäcker, nachdem die Polizei ihn unsanft behandelte, zum Polizistenmörder wurde. Conroy hat zwar keine Beweise, aber dennoch verfolgt er ihn. Auch nachdem er entlassen wurde.
Selten gezeigter Noir
mit Sterling Hayden, Gloria Grahame, Gene Barry, Marcia Henderson, Casey Adams, Billy Chapin, Chuck Connors
Wiederholung: Freitag, 4. September, 14.00 Uhr
Hinweise
TCM über „Schwaches Alibi“
Wikipedia über „Schwaches Alibi“
Noir of the Week über „Schwaches Alibi“
FilmNoir.net über „Schwaches Alibi“
The Film Noir File über „Schwaches Alibi“