TV-Tipp für den 12. Februar: Mississippi Burning – Die Wurzeln des Hasses

Februar 12, 2016

3sat, 22.35
Mississippi Burning – Die Wurzeln des Hasses (USA 1988, Regie: Alan Parker)
Drehbuch: Chris Gerolmo
Südstaaten, 1964: Mitten im Hochsommer verschwinden im ländlichen Jessup County drei Bürgerrechtler spurlos. Ein älterer und ein jüngerer FBI-Agent sollen den Fall aufklären und wenn sie nur auf eine Mauer des Schweigens stoßen würden, wären sie froh.
Packender, auf einem wahren Fall basierender Polizei-Thriller. Zum Filmstart sah der Fischer Film Almanach das anders (wobei damals die Filmkritik auch anders war): „Parker lässt zu, dass ‚Mississippi Burning‘ sich zu einem konventionellen Reißer entwickelt, zu einem Polizeifilm, der mit den fragwürdigen Methoden seiner Protagonisten sympathisiert. Doch damit wird er seinem Thema nicht mehr gerecht. Ein Film der verschenkten Möglichkeiten.“ Dabei wird der erste Teil gelobt.
„Parkers von gewalttätigen Eruptionen durchsetzter FBI-Thriller ist wegen seiner (historisch unhaltbaren) Glorifizierung des FBI und wegen seiner Tendenz, die Rolle der Bürgerrechtler und der Schwarzen zu verfälschen (sie sind mehr oder weniger Randfiguren des Dramas), heftig kritisiert worden.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)
Der Film feierte seine Premiere auf der Berlinale. Der immer überzeugende Gene Hackman erhielt den Silbernen Bären als bester Hauptdarsteller. Und bei den US-Kritikern kam der Film besser an als bei den deutschen Kritikern.
mit Gene Hackman, Willem Dafoe, Frances McDormand, Brad Dourif, R. Lee Ermey, Michael Rooker, Pruitt Taylor Vince, Tobin Bell (damals noch ein kleiner Nebendarsteller in seinem ersten namentlich genanntem Spielfilmauftritt)
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Mississippi Burning“
Wikipedia über „Mississippi Burning“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik mit Bonushinweis: „Deadpool“ Wade Wilson hat jetzt seine große Marvel-Verfilmung

Februar 11, 2016

Der Film war jahrelang, mal mehr, mal weniger, in Planung. Er war ein Traumprojekt von Hauptdarsteller Ryan Reynolds, dessen „Green Lantern“ bei den Fans, der Kritik und dem Publikum nicht besonders gut ankam. In den vergangenen Jahren trat er, nachdem er schon einen kurzen Auftritt als Deadpool in „X-Men Origins: Wolverine“ hatte, in mehreren guten Filmen auf. Zuletzt in dem Spieler-Drama „Dirty Trip – Mississippi Grind“ (Besprechung folgt; DVD erschien bei Ascot Elite), „The Voices“, „Woman in Gold“ und „Self/Less“.
Trotzdem blieb „Deadpool“ sein Traumprojekt und wie das mit Träumen so geht. Meistens bleiben sie besser Träume.
Entsprechend skeptisch hoffnungsvoll sah ich mir den Film an und es ist wirklich ein „Deadpool“-Film, der das Wesen der Comicfigur und der Comics trifft. Was, ironischerweise, ein Vor- und Nachteil ist.
Die Filmgeschichte ist, mit zahlreichen Rückblenden (was in Comics ja ein gern benutztes Stilmittel ist), eine Origin-, Rache- und Liebesgeschichte, die von dem titelgebendem Söldner mit der großen Klappe ständig und in jeder Beziehung respektlos kommentiert wird, was dazu führt, dass die Handlung immer wieder stoppt, weil Deadpool uns im Kinosaal noch schnell irgendetwas erklärt, das mehr oder weniger wichtig für die Handlung ist.
Nachdem der Söldner Wade Wilson (Ryan Reynolds) erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist, verlässt er seine große Liebe Vanessa Carlysle (Morena Baccarin) und nimmt an einem geheimen Programm teil, das ihn heilen soll. Mad-Scientist Ajax (Ed Skrein, hier wesentlich überzeugender als in „The Transporter Refueled“) verantwortet mit sadistischer Lust die schmerzhafte Operation. Danach ist Wilson vom Krebs geheilt, hat übermenschliche Selbstheilkräfte und sieht absolut abstoßend aus. Nur seine große Klappe übersteht die Operation unverändert. Er will, dass Ajax das mit dem Aussehen rückgängig macht und er will sich an ihm für die ihm zugefügten Schmerzen rächen; was eigentlich zwei sich widerstrebende Ziele sind. Und dann, als Zugabe, entführt der Bösewicht auch noch Wilsons Freundin.
Gut, das ist nicht wirklich die stärkste „Deadpool“-Geschichte. Denn gerade die Origin-Story und Liebesgeschichten interessierten „Deadpool“-Fans nie wirklich. Im Gegensatz zu anderen Superhelden hat Deadpool auch keine immer wiedergekäute Origin-Story und was man als Comicleser über Deadpools Vergangenheit weiß, kann auch ein Hirngespinst von Wade Wilson sein. Eine Nachwirkung der Operation, die ihn zu Deadpool machte.
Aber diese beiden Geschichten und auch alles andere wird in Tim Millers Spielfilmdebüt „Deadpool“ angenehm konsequent gegen den Strich gebürstet. Jedes Superheldenklischee, das es gibt, wird durch den Kakao gezogen und mit mindestens drei Sprüchen von Deadpool garniert. Dabei ist sein Humor meist pubertär, immer respektlos und damit auch erfrischend. Vor allem natürlich im bierernsten Superheldengenre, das schon in der Titelsequenz ordentlich parodiert wird und auch dem Hauptdarsteller gleich einige Klatschen gibt. Und so geht es weiter. Wade Wilsons große Liebe ist eine Prostituierte, die ihre Arbeit liebt. Seine Wohnung ist kein Abklatsch von Wayne Manor, sondern eine billige Mietwohnung, in der er Untermieter ist. Seine Gehilfin ist kein distinguierter Batman-Butler Alfred, sondern eine alte, blinde Afroamerikanerin, die auf jeden Cent angewiesen ist. Die Söldner treffen sich in einer quasi frauenfreien Kellerspelunke, die „Sister Margaret’s Home for Wayward Girls“ heißt. Undsoweiterundsofort wird Szene an Szene, Witz an Witz gereiht, während die eh schon nebensächliche Geschichte immer mehr zur absoluten Nebensache wird. „Deadpool“ funktioniert vor allem als Abfolge von Episoden und Szenen, in denen die Beteiligten sich ebenso kräftig wie liebevoll über das Superheldengenre lustig machen.
Dieser Spaß ist in jeder Sekunde spürbar und macht „Deadpool“ zu einem kurzweiligen Jungs-Vergnügen. Bis hin zur Marvel-typischen Szene nach dem Abspann dieses etwas anderen Superheldenfilms mit einem latent unzurechnungsfähigem, von psychischen Problemen und hehren Zielen angenehm unbelasteten Helden, der mindestens in jedem zweiten Satz eine popkulturelle Referenz unterbringt.
P. S.: Der läuft auch im IMAX in 2D. Und das ist gut so.

Deadpool - Plakat

Deadpool (Deadpool, USA 2016)
Regie: Tim Miller
Drehbuch: Rhett Reese, Paul Wernick
LV: Charakter von Rob Liefeld und Fabian Nicieza
mit Ryan Reynolds, Morena Baccarin, Ed Skrein, T. J. Miller, Gina Carano, Brianna Hildebrand, Leslie Uggams, Stan Lee (sein Cameo)
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–
Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Deadpool“
Metacritic über „Deadpool“
Rotten Tomatoes über „Deadpool“
Wikipedia über „Deadpool“ (deutsch, englisch)

Aber das ist noch nicht alles. Ergänzend, aber vollkommen unabhängig vom Film, hat Panini „Die Deadpool-Anthologie“ (Untertitel) herausgeben. „Deadpool – Greatest Hits“ enthält elf Geschichten mit dem Söldner mit der großen Klappe, die eine gute, ziemlich kurze und sehr kurzweilige Einführung in die Welt von Deadpool sind. Denn die Bildergeschichten, die eine Bogen spannen von Deadpools erstem Auftritt (1991 in „The New Mutants 98: Der Anfang vom Ende“) bis zur Gegenwart („Deadpool 27: Die Hochzeit von Deadpool“ [wer’s glaubt]) werden ergänzt durch informative Vorbemerkungen, die die Geschichten in jeder Beziehung in die Deadpool-Welt einordnen. Vorbildlich und für Neueinsteiger und Altfans sehr informativ.
Wer es kürzer haben will, kann sich „Das Film-Special“ zulegen, das die ebenfalls in „Deadpool: Greatest Hits“ enthaltene Geschichte „Der große Kinofilm“ enthält. Thriller-Autor Duane Swierczynski schrieb 2010 diese Geschichte, in der Wade Wilson sein Leben gerne als Hollywood-Film sehen möchte. Dafür erzählt er einem Drehbuchautor seine Lebensgeschichte und wir erfahren einiges über Hollywood und auch einiges über die Herkunft von Wade Wilson. Denn das ist für einen Hollywood-Film wichtig.

Deadpool - Greatest Hits
Deadpool: Greatest Hits – Die Deadpool-Anthologie
Panini, 2016
324 Seiten
24,99 Euro
Deadpool - Das Film-Special
Duane Swierczynski (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner): Deadpool: Das Film-Special
(übersetzt von Jürgen Petz)
Panini, 2016
52 Seiten
3,99 Euro
–
Originalausgabe
X-Men Origins: Deadpool: The Major Motion Picture
Marvel, September 2010
–

Hinweise

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe: Kopfsprung (Band 1 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 1 – 6: Headtrip, 2009/2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe (Band 2 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 7: Are you there? It’s me, Deadpool; Deadpool: Marc with a Mouth 8 – 15: Next Stop: Zombieville, 2010)

Meine Besprechung von Daniel Way (Autor)/ Shawn Crystal (Zeichner)/Paco Medina (Zeichner): Deadpool 1 (Deadpool 13/14: Wave of Mutilation; Deadpool 15: Want you to want me, Part 1: The complete idiot’s guide to metaphers, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Jason Pearson (Zeichner): Deadpool: Weiber, Wummen & Wade Wilson! (Sonderband 1) (Deadpool: Wade Wilson’s War, Vol. 1 – 4, 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Whilce Portacio/Philip Bond/Paco Medina/Kyle Baker (Zeichner) „Deadpool Corps (Deadpool Sonderband 2)“(Prelude to Deadpool Corps, Vol. 1 – 5, März 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 2 (Deadpool Sonderband 3)” (Deadpool Corps 1 – 6, Juni 2010 – November 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution (Deadpool Sonderband 4)” (Deadpool Corps 7 – 12: You say you want a Revolution (Part 1 – Part 6), Dezember 2010 – Mai 2011)


P. P. S.: Die beiden „Deadpool“-Drehbuchautoren Rhett Reese und Paul Wernick sitzen bereits am Drehbuch für den zweiten „Deadpool“-Film. Regisseur Tim Miller soll auch wieder dabei sein. Ryan Reynolds sowieso.


Neu im Kino/Filmkritik: Robert De Niro ist „Dirty Grandpa“ – und das ist kein Witz

Februar 11, 2016

Nein!
Nein!
Nein!
Nein!
Nein!
Nein!
Nein!
.
.
.
Nein!
Außer Sie findet es witzig, wenn gut zwei Stunden der Grundschulwitz mit dem Furzkissen erzählt wird und wir uns wieder einmal über ein aufgemaltes männliches Geschlechtsteil amüsieren sollen.
Der Witz war schon beim ersten Mal nicht witzig, kommt aber in jeder pubertären US-Klamauk-Komödie mindestens einmal vor.
Dazu gibt es, auch keine Überraschung, altbacken-verklemmte Witze über Minderheiten, über die die Minderheiten gefälligst lachen sollen und dass das alles so wundervoll politisch unkorrekt und tabubrechend sein soll, glaubt auch niemand. Denn es ist vor allem peinlich und ungefähr so witzig wie Hämorrhoiden.
Dass Robert De Niro freiwillig und im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten die Hauptrolle des nach dem Tod seiner Frau heftig pubertierenden Großvaters auf Spring-Break-Tour übernommen hat, kann nur als der erfolgreiche Versuch gewertet werden, sein Lebenswerk möglichst vollumfänglich zu demolieren.
Was ihm gelungen ist.
„Dirty Grandpa“ ist der traurige Tiefpunkt eines eh schon seit Jahren, bis auf wenige Ausnahmen, nicht beeindruckenden Spätwerkes, das sich darauf konzentriert in schlechten Filmen seinen Gehaltsscheck einzustreichen. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.
Denn selbstverständlich gibt es auch für ältere Schauspieler gute Rollen. Seht euch die letzten Filme von Clint Eastwood, Robert Redford, Dustin Hoffman und Michael Douglas an. Um nur die wirklich bekanntesten Namen zu nennen.

Dirty Grandpa - Plakat

Dirty Grandpa (Dirty Grandpa, USA 2015)
Regie: Dan Mazer
Drehbuch: John M. Phillips
mit Robert De Niro, Zac Efron, Aubrey Plaza, Zoey Deutch, Julianne Hough, Jason Mantzoukas, Adam Pally, Dermot Mulroney, Danny Glover
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (in den USA gab’s immerhin ein R-Rating)
–
Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Dirty Grandpa“
Metacritic über „Dirty Grandpa“
Rotten Tomatoes über „Dirty Grandpa“
Wikipedia über „Dirty Grandpa“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 11. Februar: Hanna K.

Februar 11, 2016

Arte, 22.50
Hanna K. (Frankreich/Israel 1983, Regie: Constantin Costa-Gavras)
Drehbuch: Franco Solinas, Constantin Costa-Gavras
Die israelische Anwältin Hanna Kaufman soll den illegal ins Land gekommenen, unter Terrorverdacht stehenden Palästinenser Selim Bakri verteidigen. Er behauptet allerdings, keinen Anschlag geplant zu haben, sondern er will nur das illegal beschlagnahmte Haus seiner Eltern wieder haben. Hanna fragt sich, ob Selim die Wahrheit sagt.
Die deutsche Premiere erlebte „Hanna K.“ am 12. Oktober 1990 in der ARD und der „Fischer Film Almanach“ schrieb damals: „In der emotionalen Betroffenheit unabhängiger Frauen (…) werden politische und gesellschaftliche Probleme in allen Facetten ihrer Widersprüchlichkeit greifbar. Im Engagement der Protagonistinnen treffen sich die Argumente aller beteiligten Parteien. Ihr Entscheidungskonflikt zwingt auch den Zuschauer zu Identifikation und Stellungnahme.“
Das Lexikon des internationalen Films meint: „Melodram vor dem Hintergrund der oft tabuisierten israelischen Besiedlungspolitik, in dessen Verlauf das Private das Politische überlagert. Eindrücklich und ohne Klischees werden die Probleme einer Frau gezeigt, die versucht, gegen gesellschaftliche Normen und die Widerstände der offiziellen Politik ihren eigenen Weg zu gehen.“
Costa-Gavras zeigte in einem Film erstmals die palästinensische Seite des Konflikts, viele Kritiker warfen ihm sofort eine Anti-israelische Haltung vor, in den USA wurde der Film kaum besprochen und er verschwand dort und in anderen Ländern rasend schnell aus den Kinos. In die deutschen Kinos kam er überhaupt nicht. Da scheint Costa-Gavras einige Jahre zu früh gewesen zu sein.
mit Jill Clayburgh, Jean Yanne, Gabriel Byrne, Mohammed Bakri, David Clennon
Hinweise
Arte über die Costa-Gavras-Filmreihe
Rotten Tomatoes über „Hanna K.“
Wikipedia über „Hanna K.“ (englisch, französisch)


DVD-Kritik: „Der große Minnesota-Überfall“, Jesse James, Cole Younger und ihre Jungs

Februar 10, 2016

1876: der Wilde Westen ist gar nicht mehr so wild wie zu „The Revenant“-Zeiten und die Wunden des Bürgerkriegs sind ungefähr so verheilt wie in „The Hateful Eight“. Bodenspekulanten und Eisenbahnunternehmen bringen Farmer um ihren Besitz. Einige, wie die James- und Younger-Brüder wehren sich und sie werden zu legendären Verbrechern, über die es unzählige Filme gibt, die es meistens mit den historisch verbürgten Fakten nicht so genau nehmen. Wobei schon damals eifrig Legende und Wahrheit miteinander vermischt wurden.
In seinem dritten Spielfilm – davor drehte Philip Kaufman bereits zwei ziemlich unbekannte Komödien, danach „Die Körperfresser kommen“, „The Wanderers“, „Der Stoff, aus dem die Helden sind“, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ und „Die Wiege der Sonne“, immer nach eigenen Drehbüchern, und er schrieb die Bücher für „Der Texaner“ und „Jäger des verlorenen Schatzes“ (genaugenommen hat er nur einen Story-Credit) – versucht Kaufman den Spagat zwischen Heldenverehrung, Demystifikation und Sozialreportage indem er aus verschiedenen Perspektiven die Vorgeschichte zu dem titelgebendem „großen Minnesota-Überfall“ und dem in einer langen Schießerei endenden, erstaunlich chaotisch durchgeführten Banküberfall am 7. September 1876 auf die First National Bank in Northfield schildert. Weil die Bewohner von Northfield der Bank nicht trauen, müssen die Outlaws sie vor ihrem Überfall mit einem Schwindel überzeugen, ihr Geld dort einzuzahlen und so den geplanten Überfall für die James-und-Younger-Bande zu einem lohnendem Unternehmen zu machen.
Diese Geschichte tritt immer wieder in den Hintergrund, zugunsten von Beschreibungen des damaligen Lebens oder der komödiantischen Beobachtung eines Baseball-Spiels, das von den Einheimischen als „unser Nationalsport“ verkauft wird, während Cole Younger meint, der Nationalsport der Amerikaner sei Schießen und werde es immer bleiben.
Diese Mischung macht Kaufmans betont uneinheitlich inszenierten Film etwas unausgewogen und auch wegen seiner Brüche und erzählerischen Unsicherheiten und Abwege faszinierend. Vor allem das Porträt des damaligen Lebens in Northfield und wie die Vorboten der Industriellen Revolution und des 21. Jahrhunderts dort einziehen und das alte Frontierleben verdrängen, fasziniert. Dieser mit dem Blick eines Soziologen geschilderte Zusammenprall der unterschiedlichen Kulturen, garniert mit etlichen ebenso spitzen wie treffenden Bemerkungen der Charaktere, hebt Kaufmans Film aus dem Einerlei zahlloser Western heraus und macht ihn zu einer kritischen und auch schonungslosen Betrachtung des damaligen Lebens, bei dem die in Legenden, Volksliedern, Erzählungen und Filmen glorifizierten Verbrecher als doch eher einfältige Gesellen nicht besonders gut wegkommen. Es sind eben Dialekt sprechende Hinterwäldler ohne jegliche Bildung, die schon in der Kleinstadt Northfield fremdeln. Der 1923 geborene Cliff Robertson porträtiert Cole Younger als einen Mann, der kein Interesse mehr am Banditenleben hat und der, wie ein kleines Kind von der Moderne fasziniert ist, jede Gelegenheit für eine meist eher wunderliche Ablenkung begrüßt. Sogar einige Sekunden vor dem Banküberfall. Die ihn und seine Bande verfolgenden Pinkerton-Agenten, eine hasserfüllte Kopie der Keystone-Cops, sind da allerdings nicht sympathischer. Und die zivilisierten Bewohner von Northfield zeigen erstmals ihre Talente bei dem neuen amerikanischen Nationalsport. Bei dem in eine blutige Schießerei ausartendem Banküberfall favorisieren sie dann den alten amerikanischen Nationalsport. Das ist in jeder Sekunde viel mehr New-Hollywood-Kino als klassischer Western, in denen Helden noch Helden waren.
„Der große Minnesota Überfall“, der jetzt bei Koch Media in der „Edition Western Legenden“ als deutsche Erstveröffentlichung in restaurierter HD-Qualität erschien, ist wirklich eine Wiederentdeckung wert.

Der große Minnesota-Überfall - DVD-Cover

Der große Minnesota-Überfall (The great Northfield Minnesota Raid, USA 1972)
Regie: Philip Kaufman
Drehbuch: Philip Kaufman
mit Cliff Robertson, Robert Duvall, Luke Askew, R. G. Armstrong, Dana Elcar, Donald Moffat, John Pearce, Matt Clark, Elisha Cook jr.
–
DVD
Koch Media (Edition Western Legenden # 35)
Bild: 1,85:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Booklet, Trailer, Bildergalerie
Länge: 88 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–

Hinweise
Rotten Tomatoes über „Der große Minnesota-Überfall“
TCM über „Der große Minnesota-Überfall“
Wikipedia über „Der große Minnesota-Überfall“


TV-Tipp für den 10. Februar: Das Geständnis

Februar 10, 2016

Arte, 20.15
Das Geständnis (Frankreich/Italien 1969, Regie: Constantin Costa-Gavras)
Drehbuch: Jorge Semprún
LV: Artur London, Lise London: L’Aveu (Ich gestehe – Der Prozess um Rudolf Slansky)
CSSR, fünfziger Jahre: der stellvertretende Außenminister Anton Ludvik wird vom Geheimdienst verhaftet. Obwohl er unschuldig ist, soll er Verbrechen gegen den kommunistischen Staat gestehen.
„Man dient der Sache des Sozialismus nicht, indem man die Prozesse, Intrigen und Irrtümer, die ihn degradieren und entstellen, unter den Tisch fallen lässt. Ich weiß, dass ‚L’Aveu‘ die Gemüter erregen wird. Aber darf man, im Namen der Disziplin und Loyalität einer Partei gegenüber zulassen, dass dem Menschen seine Würde genommen wird?“ (Constantin Costa-Gavras zum Fillmstart)
Grandioser Polit-Thriller von Costa-Gavras, der abseits von seinen realen historischen Bezügen (das Vorbild für Ludvik war Artur London), immer noch aktuell ist.
„Die internationale Filmkritik bezeichnete ‚Das Geständnis‘ als eine allgemein gültige und fast dokumentarisch wirkende Darstellung politischen Terrors und totalitärer Willkür.“ (Horst Schäfer/Wolfgang Schwarzer: Von ‚Che‘ bis ‚Z‘ – Polit-Thriller im Kino, 1991)
mit Yves Montand, Simone Signoret, Gabrielle Ferzetti
Wiederholung: Freitag, 19. Februar, 13.35 Uhr
Hinweise
Arte über die Costa-Gavras-Filmreihe
Rotten Tomatoes über „Das Geständnis“
Wikipedia über „Das Geständnis“ (englisch, französisch)


DVD-Kritik: „Sicario“ schlägt jetzt im Heimkino zu

Februar 9, 2016

Zum Kinostart von „Sicario“ (spanisch für Auftragskiller), einem der besten, vielleicht sogar dem besten Thriller des letzten Jahres, der jetzt bei den ganzen Preisnominierungen etwas unterging, schrieb ich:

Das, wofür Don Winslow zuletzt in „Das Kartell“ über achthundert Seiten und eine sich über ein Jahrzehnt mäandernde Geschichte brauchte, erzählt Denis Villeneuve in seinem hochspannenden Action-Thriller „Sicario“ innerhalb von zwei Stunden anhand einer auf den ersten Blick eher kleinen Episode im mexikanisch-amerikanischen Drogenkrieg.
Kate Macer (Emily Blunt), FBI-Expertin für Geiselbefreiungen, stößt bei einem Einsatz zufällig auf ein Kartellhaus. In den Wänden stapeln sich die Leichen. Eine Sprengfalle tötet mehrere ihrer Kollegen.
Danach erhält sie das Angebot, in dem Team von Matt Graver (Josh Brolin) mitzuarbeiten. Graver versichert ihr, dass sie mit seiner Hilfe gegen die Hintermänner, die für den Tod ihrer Kollegen verantwortlich sind, vorgehen kann. Sie könne das Drogenübel an der Wurzel packen. Macer ist einverstanden – und sie betritt eine Welt, in der die normalen Regeln der Polizeiarbeit nicht mehr gelten.
Ihren ersten Einblick in Gravers Welt erhält sie bei einer Gefangenenüberstellung von Juárez in die benachbarte USA. In dem Autokonvoi ist neben Graver und etlichen schwer bewaffneten Männern, die auf den ersten Blick mehr Erfahrung im Kampf in Kriegsgebieten als mit der regulären Polizeiarbeit haben, auch Alejandro (Benicio Del Toro), ein südamerikanischer Ex-Staatsanwalt mit dunkler Vergangenheit. Genau wie Graver sagt er ihr nur das Nötigste und es ist immer unklar, ob sie ihr die Wahrheit sagen, Wichtiges verschweigen oder sie einfach belügen.
Schockiert beobachtet sie bei der Rückfahrt in die USA, wie einige Drogen-Killer, während sie im Stau vor der Grenze stehen, sie überfallen wollen. Aber Gravers Männer sind schneller. Skrupellos töten sie am helllichten Tag auf offener Straße alle, die sie bedrohen oder ihre Mission gefährden könnten. Danach verlassen sie, entgegen allen Regeln der Polizeiarbeit, die von Macer bislang akribisch befolgt wurden, den Tatort.
Diese Überstellung des mexikanischen Gefangenen ist nur der erste Schritt auf Macers Weg in die Finsternis, in das Land der Wölfe, wie es mal halbpoetisch genannt wird. Denn Graver, der mal sagt, er arbeite für die CIA, und seine Männer kümmern sich, im Gegensatz zu Macer, herzlich wenig um Recht und Gesetz. Bei ihnen zählt nur die Effektivität bei ihrer Jagd nach einem Drogenboss.
Denis Villeneuve, zuletzt „Enemy“, zeigt wieder einmal, dass er keine Lust hat, den gleichen Film zweimal zu drehen. Dieses Mal inszenierte er einen knallharten Thriller, der eine kleine Episode aus dem schon seit Jahrzehnten andauernden, erfolglosen Drogenkrieg erzählt. Die nur auf den ersten Blick geradlinige und einfache Geschichte wird schnell zu einem breiten Panorama des Krieges an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, bei dem alle moralischen Gewissheiten verschwinden und der genau deshalb zum Nachdenken anregt.
Das macht „Sicario“ zum Action-Polit-Thriller für den denkenden Menschen, der sich über die gelungene Verknüpfung von grandiosen, hochspannenden Action-Szenen, auch dank der Kamera von Veteran Roger Deakins und der effektiven Musik von Jóhann Jóhannsson, treffender politischer Analyse, genauem Einblick in eine für uns fremde Welt und dem Aufwerfen vielfältiger moralischer Fragen freut. Denn in dem Film hat jeder gute Gründe für seine Taten. Ob wir am Ende in Macers oder Alejandros Welt leben wollen, müssen wir selbst beantworten. All das sichert „Sicario“ einen Platz in meiner Jahresbestenliste; – wenn ich dazu komme, eine solche zu erstellen.
„Sicario“ kann, auch weil Benicio Del Toro eine ähnliche Rolle spielt (jedenfalls können wir uns mit einigen kleineren gedanklichen Verrenkungen vorstellen, dass der „Traffic“-Polizist Javier Rodríguez heute Alejandro ist), als Fortsetzung von „Traffic – Macht des Kartells“ (USA 2000, Regie: Steven Soderbergh) gesehen werden. So wie Soderberghs Film vor fünfzehn Jahren eine Bestandsaufnahme des Scheiterns des US-amerikanischen „war on drugs“ war, ist „Sicario“ eine aktualisierte Bestandsaufnahme dieses inzwischen grandiosen Scheiterns, die zeigt, wie sehr sich, im Schatten des „wars on terror“, die Lage verschlimmerte und der Drogenkrieg jegliches Maß verlor.
Als Ergänzung zu „Sicario“ empfehle ich die ab 6. Oktober als VoD erhältliche (ansehbare?) und in einigen Kinos laufende Doku „Cartel Land“ von Matthew Heineman. Er porträtiert den Ex-Soldaten Tim ‘Nailer’ Foley, Anführer einer Bürgerwehr gegen mexikanische Einwanderer und Drogenkuriere in Arizona, und Doktor José ‘El Doctor’ Mireles, Anführer der Autodefensas, einer Gruppe Bürger, die sich im mexikanischen Bundesstaat Michoacan gegen die Macht der dortigen Drogenkartelle wehren. Mit einem überraschendem Ergebnis.

Jetzt liegt die DVD und Blu-ray mit fünfzig Minuten informativem Bonusmaterial, das auf vier Featurettes aufgeteilt wurde, vor. Sie behandeln die realen Hintergründen des Films, die Filmgeschichte und die Dreharbeiten (auch dem Schusswechsel an der Grenze im Stau), die drei Hauptfiguren und die Filmmusik mit, neben den Schauspielern und dem Regisseur auch dem Drehbuchautor, dem Komponisten und Betroffenen des Drogenkrieges.
Die zum Filmstart geäußerten Pläne für eine Fortsetzung, die sich dann auf den von Benicio Del Toro gespielten Ex-Staatsanwalt und Killer Alejandro konzentriert, sind inzwischen wohl ad acta gelegt worden. Was ich für eine gute Idee halte. Denn der Thriller „Sicario“ mit seinen grandiosen Actionszenen lebt gerade von dem Konflikt zwischen den verschiedenen Charakteren und der damit verbundenen vielschichtigen Betrachtung des Problems. Da ist eine Fortsetzung, die eben diese Qualität hat, schwierig. Auch weil „Sicario“ eine in sich abgeschlossene Geschichte erzählt. Die gestellten Fragen, vor allem natürlich ob der Zweck die Mittel heiligt, beschäftigen einen noch nach dem Abspann und sie dürften für einige Diskussionen sorgen.

Sicario - DVD-CoverSicario - BluRay-Blechdose

Sicario (Sicario, USA 2015)
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Taylor Sheridan
mit Emily Blunt, Benicio Del Toro, Josh Brolin, Victor Garber, Jon Bernthal, Daniel Kaluuya, Jeffrey Donovan, Raoul Trujillo, Julio Cedillo, Hank Rogerson, Bernardo P. Saracino, Maximiliano Hernández
–
DVD
Studiocanal
Bild: 2,40:1 anamorph
Sprachen/Ton: Deutsch, Englisch (5.1 Dolby Digital)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: In die Finsternis eintreten: Das visuelle Design; Blunt, Brolin, & Benicio: Die Darstellung der Charaktere; Kampfzone: Der Hintergrund von „Sicario“; Takte aus der Wüste: Die Filmmusik
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Amerikanische Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Sicario“
Moviepilot über „Sicario“
Metacritic über „Sicario“
Rotten Tomatoes über „Sicario“
Wikipedia über „Sicario“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Enemy“ (Enemy, Kanada/Spanien 2013)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Sicario“ (Sicario, USA 2015)

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Zum Kinostart gab es die Cannes-Pressekonferenz, zum DVD-Start gibt es die immer informativen DP/30-Gespräche zum Film

mit Regisseur Denis Villeneuve

Kameramann Roger Deakins

Editor Joe Walker

Hauptdarstellerin Emily Blunt

und Hauptdarsteller Benicio Del Toro

–

und als Bonusinterview gibt es eines mit Drehbuchautor Taylor Sheridan

 


TV-Tipp für den 9. Februar: Cop Land

Februar 9, 2016

RTLnitro, 20.15

Cop Land (USA 1997, Regie: James Mangold)

Drehbuch: James Mangold

Freddy Heflin hat als frühes Gnadenbrot eine Stelle als Sheriff in Garrison, New Jersey bekommen. Die Einwohner sind von ihm bewunderte New Yorker Polizisten. Als eines Tages ein Interner Ermittler aus New York ihn um Hilfe bei Ermittlungen gegen korrupte Polizisten bittet, muss Heflin sich zwischen seinem Job und dem polizeilichen Ehrenkodex entscheiden.

Gutes Schauspielerkino mit einem kräftigen Touch 70-Jahre-Kino und einem genießbaren Stallone, der in diesem Cop-Movie versuchte von seinem Rambo/Rocky-Image wegzukommen. Inzwischen ist er wieder bei „Rocky“ und „Rambo“ angekommen, drehte mit einer Action-All-Star-Besetzung „The Expendables“ (über Söldner, die tun, was Söldner tun), zwei Fortsetzungen und, als neuesten Film, “Creed”. Einen weiteren, 132 Minuten langen Rocky-Film, der verdammt gut ist.

Mit Sylvester Stallone, Robert De Niro, Harvey Keitel, Ray Liotta, Peter Berg, Michael Rapaport, Annabella Sciorra, Robert Patrick, Noah Emmerich

Wiederholung: Mittwoch, 10. Februar, 00.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Cop Land“ (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über „Cop Land“

Meine Besprechung von James Mangolds “Wolverine – Weg des Kriegers” (The Wolverine, USA 2013)


TV-Tipp für den 8. Februar: Sondertribunal – Jeder kämpft für sich allein

Februar 8, 2016

Arte, 20.15
Sondertribunal – Jeder kämpft für sich allein (Section spéciale, Frankreich/Italien/Deutschland 1975)
Regie: Constantin Costa-Gavras
Drehbuch: Constantin Costa-Gavras, Jorge Semprún
LV: Hervé Villeré
August 1941: ein junger Kommunist erschießt in Paris in der Metro einen deutschen Marinesoldaten. Um die rachedurstigen Deutschen zu besänftigen, will die Vichy-Regierung als Bauernopfer sechs wegen kleinerer Delikte inhaftierte Kommunisten und Juden in dem titelgebendem Sondertribunal zum Tod verurteilen.
Präzise, auf einem wahren Fall basierende Analyse wie das Vichy-Regime versucht mit Hilfe der Justiz Unrecht in „Recht“ zu verwandeln. Das war keine Sternstunde der Grande Nation.
Der Film war für den Golden Globe als bester ausländischer Film nominiert und Constantin Costa-Gavras wurde in Cannes als bester Regisseur ausgezeichnet.
Endlich wird „Sondertribunal – Jeder kämpft für sich allein“ wieder einmal im TV gezeigt. Denn nach der Deutschlandpremiere am 30 Mai 1976 gab es seit Ewigkeiten (Zehn Jahre? Fünfzehn Jahre?) keine Wiederholungen des Films, der inzwischen zu Costa-Gavras unbekanntesten Werken zählt.
mit Louis Seigner, Roland Bertin, Michael Lonsdale, Ivo Garrani, François Maistre, Jacques Spiesser, Henri Serre, Heinz Bennent
Hinweise
Arte über die Costa-Gavras-Filmreihe
Rotten Tomatoes über „Sondertribunal“
Wikipedia über „Sondertribunal“ (englisch, französisch)


TV-Tipp für den 7. Februar: Der Stellvertreter

Februar 7, 2016

Arte, 20.15 (VPS 20.40)
Der Stellvertreter (Frankreich/Deutschland 2002, Regie: Constantin Costa-Gavras)
Drehbuch: Constantin Costa-Gavras, Jean-Claude Grumberg
LV: Rolf Hochhuth: Der Stellvertreter, 1963 (Theaterstück)
Als der gläubige Christ und SS-Mann Kurt Gerstein erfährt, wozu in den KZs Zyklon B verwendet wird, ist er entsetzt und wendet sich hilfesuchend an die katholische Kirche.
Costa-Gavras Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Rolf Hochhuth über die Rolle des Vatikans während des Zweiten Weltkriegs kam bei der damaligen deutschen Kritik nicht so gut an. Vor allem das Theaterhafte wurde bemängelt.
In Frankreich erhielt er, unter anderem einen César für das beste Drehbuch und er war als bester Film nominiert.
Heute startet Arte eine kleine, fünfteilige Constantin-Costa-Gavras-Reihe, der mit „Sondertribunal – Jeder kämpft für sich alleine“ (am 8. Februar), „Das Geständnis“ (am 10. Februar), „Hanna K.“ (am 11. Februar) und „Z – Anatomie eines politischen Mordes“ (am 15. Februar) ein guter Querschnitt durch sein Werk gelingt und es werden auch selten gezeigte Filme zu einer normalen Uhrzeit gezeigt.
mit Ulrich Tukur, Mathieu Kassovitz, Ulrich Mühe, Michel Duchaussoy
Wiederholung: Mittwoch, 17. Februar, 00.15 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Arte über seine Costa-Gavras-Filmreihe
Rotten Tomatoes über „Der Stellvertreter“
Wikipedia über „Der Stellvertreter“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 6. Februar: Fair Game – Nichts ist gefährlicher als die Wahrheit

Februar 6, 2016

ARD, 00.05/03.15

Fair Game (Fair Game, USA 2010)

Regie: Doug Liman

Drehbuch: Jez Butterworth, John Henry Butterworth

LV: Joseph Wilson: The Politics of Truth: : A Diplomat’s Memoir – Inside the Lies That Led to War and Betrayed My Wife’s CIA Identity; Valerie Plame: Fair Game: My Life as a Spy, My Betrayal by the White House, 2007

Valerie Plame war CIA-Agentin. Ihr Mann, der Exbotschafter und Bill-Clinton-Berater Joseph Wilson, wurde von George W. Bush beauftragt, in Niger die Beweise für den Irak-Krieg zu liefern. Er fand keine. Die Regierung behauptete das Gegenteil. Wilson ging an die Öffentlichkeit – und die Regierung Bush startete eine Schmutzkampagne gegen Wilson und seine Frau, die dabei als CIA-Agentin enttarnt wurde.

Ein weiterer Polit-Thriller, der mit der Regierung Bush und dem „war on terror“ abrechnet. Doch während der unterschätzte „Green Zone“ (inszeniert von Paul Greengrass, der zwei „Bourne“-Film inszenierte), basierend auf einem Sachbuch, eine Geschichte erfand, nahm „Bourne“-Regisseur Liman als Grundlage für seinen international abgefeierten Film eine Interpretation der wahren Ereignisse, die auch „Plamegate“ (nach „Watergate“) genannt wurde . Die deutschen Kritiker sind dagegen negativer.

Jedenfalls ist es schön, dass der Polit-Thriller der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine so gelungene Renaissance erlebt.

mit Sean Penn, Naomi Watts, Sam Shepard, Noah Emmerich, Michael Kelly, Bruce McGill

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Fair Game“

Rotten Tomatoes über “Fair Game”

Wikipedia über „Fair Game“

The Blurb: “Fair Game – The Story behind the Film”

I am rogue: Interview mit Doug Liman über “Fair Game” (4. November 2010)

Meine Besprechung von Doug Limans “Edge of Tomorrow” (Edge of Tomorrow, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Forest“ begrüßt Selbstmörderinnen, potentielle und reale

Februar 5, 2016

Es ist eine Binsenweisheit, dass Horrorfilme gut als Zeitdiagnose funktionieren, weil in ihnen unterschwellige Stimmungen, physische und psychische Befindlichkeiten angesprochen werden können, ohne es offen verhandeln zu müssen. So war die Welle von Torture-Porn-Filmen, wie „Hostel“ und „Saw“, auch erklärbar als Auswirkung von 9/11. Der „war on terror“ bestimmte die globale Politik. Über Folter als legitime Verhörmethode wurde diskutiert.
Inzwischen ist die Bedrohung diffuser geworden. Terroristische Anschläge werden von Einheimischen verübt. Die Sicherheitsbehörden sprechen seit Jahren von einer hohen abstrakten Gefährdungslage. Veranstaltungen werden abgesagt. Ob die Absage gerechtfertigt war, bleibt unklar. Menschen als Terrorverdächtige öffentlichkeitswirksam verhaftet und etwas später wieder freigelassen. Die Beobachtung des Einzelnen nimmt ständig zu. Auch wenn er nicht aktuell beobachtet wird, kann er potentiell jederzeit überwacht werden. Videokameras sind ein fester Bestandteil des öffentlichen Raums. Geheimdienste, Polizei und Firmen können jederzeit, auch ohne dass man irgendein Verbrechen begangen haben soll, auf persönliche Daten zugreifen. Als Einzelner kann man sich nicht dagegen wehren.
Parallel dazu sind seit einigen Jahren, auch als Gegenentwurf zum blutig-hysterischen, Gewalt auskostendem Torture-Porn-Film, Geisterfilme äußerst beliebt. Und „The Forest“ ist das jüngste Beispiel.
Sara erfährt, dass ihre Zwillingsschwester vor einigen Tage in Japan im Aokigahara-Wald verschwunden ist. Der malerische Wald ist auch als „Wald der Selbstmörder“ bekannt. Man soll, was in diesem Fall wortwörtlich zu verstehen ist, nicht den Weg und vor Einbruch der Nacht den Wald verlassen. Sonst sinken, wegen der Geister der Verstorbenen, die Überlebenschancen dramatisch.
Natürlich geht Sara, mit einem Führer und einem Journalisten, in den Wald, selbstverständlich verlässt sie den Weg (was letztendlich nicht so schlimm ist) und natürlich bleibt sie, geplagt von einem Kindheitstrauma, über Nacht und unheimliche Dinge zwischen Wahn und Wirklichkeit geschehen, die den Genrefan nicht sonderlich überraschen, während Sara und Aiden plaudernd, Trauma und schlimme Erlebnisse aufarbeitend, durch den Wald schlendern und sie, mit fortschreitender Laufzeit, immer mehr an den lauteren Absichten des Reisejournalisten zweifelt.
Insgesamt ist der Wald durch den Sara und ihr Freund stolpern, nicht furchterregender als der nahe gelegene Wald vor unserer Haustür, Regisseur Jason Zada gelingen in seinem Spielfilmdebüt eigentlich keine Bilder, in denen der Wald zur Bedrohung wird. Im Gegensatz zu dem sehr aktiven Wald in Sam Raimis einflussreichem „The Evil Dead“/“Tanz der Teufel“, in dem der Wald es gleich mit einer Gruppe Jugendlicher aufnahm. In „The Forest“ ist es nur eine Person; was aufgrund des schwachen, unentschlossen zwischen psychologischem Drama und Horrorfilm schwankenden Drehbuchs und der langsamen Erzählung, ein großer Nachteil ist. So vergeht eine halbe Stunde, bis Sara erstmals den Wald betritt. Und dann muss das Zelt der Schwester gefunden werden.
Als Einzelfilm ist „The Forest“ deshalb ziemlich uninteressant und er wird niemals für den Wald, was „Der weiße Hai“ für das Schwimmen im Meer war. Auch wenn Produzent David Goyer („Blade“) das, laut Presseheft, hofft.
Als Teil eines Phänomens, einer Diagnose des psychischen Zustands westlicher Gesellschaften, und damit in Verbindung mit anderen, in den letzten Jahren entstandenen Horrorfilmen ist „The Forest“ interessant im Rahmen einer theoretischen Betrachtung, die den Film nicht braucht.
P. S.: Den Aokigahara-Wald gibt es wirklich. Er liegt in Japan am Fuß des Fuji und er ist wirklich ein Wald der Selbstmörder.
Die Waldaufnahmen für „The Forest“ wurden im serbischen Nationalpark Tara, der vier Autostunden von Belgrad entfernt ist.

The Forest - Plakat

The Forest (The Forest, USA 2016)
Regie: Jason Zada
Drehbuch: Ben Ketai, Sarah Cornwell, Nick Antosca
mit Natalie Dormer, Taylor Kinney, Yukiyoshi Ozawa, Eoin Macken, Rina Takasaki, Yûho Yamashita
Länge: 94 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–
Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „The Forest“
Metacritic über „The Forest“
Rotten Tomatoes über „The Forest“
Wikipedia über „The Forest“


TV-Tipp für den 5. Februar: Cowboys & Aliens

Februar 5, 2016

Pro 7, 20.15

Cowboys & Aliens (USA 2011, Regie: Jon Favreau)

Drehbuch: Roberto Orci, Alex Kurtzman, Damon Lindelof, Mark Fergus, Hawk Ostby (nach einer Geschichte von Mark Fergus, Hawk Ostby und Steve Oedekerk [klingt nach einer sehr langen Entwicklung])

LV: Scott Mitchell Rosenberg: Cowboys & Aliens, 2006 (Cowboys & Aliens)

Buch zum Film: Joan D. Vinge: Cowboys & Aliens, 2011

Wilder Westen: Aliens versuchten schon damals, die Erde zu besetzen. Aber dieses Mal legen sie sich mit „James Bond“ und „Indiana Jones“ an. Klarer Fall, wer die besseren Karten hat.

Vergnüglicher, starbesetzter, etwas unterschätzter Western, der gerade in seinen traditionellen Teilen gefällt, und viel besser als die Box-Office-Bombe „Lone Ranger“ ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films und der Vorlage.

mit Daniel Craig, Harrison Ford, Abigail Spencer, Buck Taylor, Olivia Wilde, Sam Rockwell, Clancy Brown, Paul Dano, Adam Beach, Noah Ringer, Keith Carradine, Walton Goggins

Wiederholung: Samstag, 6. Februar, 23.25 Uhr

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

You Tube: der Kanal zum Film und der Kanal mit den Interviews (Jon Favreau unterhält sich mit den Beteiligten)

Film-Zeit über „Cowboys & Aliens“

Metacritic über “Cowboys & Aliens”

Rotten Tomatoes über “Cowboys & Aliens”

Wikipedia über “Cowboys & Aliens” (deutsch, englisch) und über die Vorlage (deutsch, englisch)

Go into the Story: Interview mit den Drehbuchautoren Roberto Orci und Alex Kurtzman über “Cowboys & Aliens”

Platinum Studios: Homepage zum Comic

Meine Besprechung von Jon Favreaus „Cowboys & Aliens“ (Cowboys & Aliens, USA 2011)

Meine Besprechung von Jon Favreaus „Kiss the Cook – So schmeckt das Leben“ (Chef, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Robinson Crusoe“, werkfern interpretiert in 3D

Februar 4, 2016

Die Geschichte von Robinson Crusoe dürfte allgemein bekannt sein. Immerhin ist Daniel Defoes Roman oft genug wieder veröffentlicht und verfilmt worden. Auch als auf dem Mars spielendes Science-Fiction-Abenteuer, das bei uns „Notlandung im Weltraum“, im Original „Robinson Crusoe on Mars“ heißt.
Jetzt erzählen Vincent Kesteloot und das belgische Studio nWave („Das magische Haus“, „Sammys Abenteuer“ und zahlreiche IMAX-Filme) die Geschichte als Animationsfilm und aus der Sicht eines Papageien. Warum auch nicht? Immerhin ist ihre „Robinson Crusoe“-Version ein Kinderfilm und eine altbekannte Geschichte kann neu interpretiert werden. Wobei, und das ist ein Problem des Films, die Filmgeschichte nichts mehr mit Defoes Geschichte zu tun hat. Außer, dass ein Mann auf einer einsamen Insel strandet. Der Rest ist dann freie Erfindung der Macher.
Auf der Insel befreunden sich, nach anfänglichem Misstrauen, die einheimischen Tiere und der Schiffbrüchige. Sie kämpfen gegen zwei biestige Schiffskatzen, die ebenfalls die Katastrophe überlebten, und gegen Piraten, die auf der Insel ein Feuer bemerken und deshalb die Insel ansteuern. Diese Geschichte, und das ist das große Problem des Films, ist nur die Ausgangssituation für nicht enden wollende und schnell ermüdende Slapstick-Actionszenen, die von etwas Klamauk (in der betont norddeutschen Synchronisation besonders klamaukig) unterbrochen werden. Das unterhält über die Filmlänge höchstens sehr kleine Kinder, denen, solange die Pixel sich bewegen, so etwas wie Charakterentwicklung, Plot, Thema und Subtext egal sind
So unbefriedigend „Robinson Crusoe“ auf der erzählerischen Ebene ist, so gelungen sind die Animationen in 3D. Da stimmt jedes Detail. Das Schiff, die Insellandschaften, sich bewegende Blätter und das Wasser, egal, ob es sich um einen Ozean oder eine Pfütze handelt, sind absolut realistisch. Auch die Figuren und ihre Bewegungen sind, innerhalb des Slapstick-Universums, absolut realistisch. Das hat in den 3D-Animationen eine atemberaubende Qualität, die locker mit den Spezialeffekten von Hollywood-Blockbustern mithalten kann.
Nur: wer will sich im Kino eine neunzigminütige Produktwerbung ansehen?

STUDIOCANAL LOGO

Robinson Crusoe (Robinson Crusoe, Belgien/Frankreich 2015)
Regie: Vincent Kesteloot
Drehbuch: Lee Christoper, Domonic Paris, Graham Welldon (nach einer Idee von Chris Hubbell, Sam Graham, Domonic Paris und Ben Stassen)
mit (in der deutschen Fassung den Stimmen von) Matthias Schweighöfer, Kaya Yanar, Cindy aus Marzahn, Dieter Hallervorden, Aylin Tezel
Länge: 90 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
–
Hinweise
Homepage zum Film
Moviepilot über „Robinson Crusoe“
Wikipedia über „Robinson Crusoe“


Neu im Kino/Filmkritik: R. L. Stine verursacht „Gänsehaut“ und die Monster toben

Februar 4, 2016

Als Autor der „Gänsehaut“/“Goosebumps“-Bücher ist R. L. Stine seit über zwanzig Jahren bekannt und beliebt. Die Kinderbücher wurden in 32 Sprachen übersetzt und die Auflage soll bei 400 Millionen liegen, was etwas schwer beweisbar ist, aber in jedem Fall verrät, dass sie verdammt erfolgreich sind. Trotzdem sind, im Gegensatz zu den Werken von Stephen King, fast keine von R. L. Stines Geschichten verfilmt worden.
Das, und dass King immer als viel besserer Autor gelobt wird, mag R. L. Stines abgrundtiefen Hass auf den König des Horrors erklären. Jedenfalls sollte man, wie wir in „Gänsehaut“ erfahren, den humorlosen Misanthropen R. L. Stine (Jack Black) nicht auf Stephen King ansprechen. Stine lebt unter falschem Namen mit seiner pubertierenden Tochter Hannah (Odeya Rush) in der typischen All-American-Kleinstadt Madison in Delaware. Als der Teenager Zach Cooper (Dylan Minette) ins Nachbarhaus einzieht, geraten die Dinge etwas außer Kontrolle. Denn Zach hält ihn zuerst nur für einen besonders unfreundlichen Menschen, der auch seine Tochter schlägt. Die herbeigerufene Polizei findet nichts und Zach steht als Lügner da.
Also bricht Zach mit seinem neuen Schulfreund Champ (Ryan Lee), ein Außenseiter in der Schule und Feigling vor dem Herrn, in der Nacht in das Nachbarhaus ein, um seine neue Freundin Hannah aus den Klauen ihres harmlos wirkenden Vaters zu retten. In der Bibliothek erkennt Champ anhand der Buchmanuskripte, dass sie im Haus von R. L. Stine sind. Die beiden Jungs fragen sich, warum die Bücher verschlossen sind. Als sie von Hannah erwischt werden, öffnen sie zufällig ein Buch, was ein schwerer Fehler ist. Denn Stine hat in seinen „Gänsehaut“-Büchern die Geister und Monster hineingeschrieben und sie so gefangen genommen. Jetzt brechen sie unter der Führung von Slappy, the Dummy, Stines Alter Ego, aus. Sie wollen sich an Stine rächen und die Stadt verwüsten.
Es sind, für die Fans der Bücher:
The Ghouls aus Attack of the Graveyard Ghouls
Snake Lady aus Escape from the Carnival of Horrors
Bog Monster aus You Can’t Scare Me!
Egyptian Princess aus Return of the Mummy
Cronby the cave troll aus Deep in the Jungle of Doom
The Evil Clown aus When the Ghost Dog Howls
Vampires aus Vampire Breath
The Witch Doctor aus Deep in the Jungle of Doom
Madam Doom aus Help! We Have Strange Powers!
The Executioner aus A Night in Terror Tower
The Pirate aus Creep from the Deep
The Creeps aus Calling All Creeps
The Haunted Mask aus The Girl with the Haunted Mask
Scarecrows aus The Scarecrow Walks at Midnight
Jack O’Lantern aus Attack of the Jack O’Lanterns
The Mummy aus Return of the Mummy
The Abominable Snowman of Pasadena
The Werewolf aus Werewolf of Fever Swamp
The Gnomes aus Revenge of the Gnomes
The Blob aus The Blob That Ate Everyone
Toy Robots aus Toy-Terror: Batteries Included
Bug-Eyed Aliens aus Invasion of the Body Squeezers
Vampire Poodle aus Please Don’t Feed the Vampire!
The Praying Mantis aus A Shocker on Shock Street
Zugegeben, der echte R. L. Stine soll viel netter als der Film-“R. L. Stine“ sein, aber um hundertprozentige Faktentreue geht es in dieser Horrorkomödie nicht. Es ist ein Spaß, der für die Fans der „Gänsehaut“-Bücher, die sich an ein junges Lesepublikum richten, viele vertraute Charaktere und die Atmosphäre des wohligen, aber sicheren Gruselns hat. Stine nennt sie „safe scares“. Sie sollen, wie eine Fahrt auf einer Geisterbahn, nur eine Gänsehaut verursachen.
In Rob Lettermans Film, der nicht auf einem „Gänsehaut“-Buch basiert, sondern viele aus den Büchern bekannte Monster und R. L. Stine in einer neuen und vollkommen frei erfundenen Geschichte versammelt, ist dann auch alles drin, was man als Horror- und Science-Fiction-Fan aus tausenden anderer Filme, in denen Monster Kleinstädte verwüsten, kennt. Hier allerdings in einer jugendfreien Version, die sich, wie Stines Bücher, an Kinder richten. Und gerade diesem jungen Publikum dürfte „Gänsehaut“ als insgesamt harmloser, aber humorvoll erzählter Gruselspaß gefallen. Sie können danach all die Monster- und Horrorfilme noch entdecken, die Stine inspirierten, und die ältere Semester, weil sie diese Monsterfilme schon vor Jahren gesehen haben, schon kennen. Für sie ist „Gänsehaut“ dann zu sehr ein Déjà-Vu-Erlebnis, das eben den schwarzen Humor und die satirischen Spitzen eines Tim Burton, der vor zwanzig Jahren sogar in eine geplante „Goosebumps“-Verfilmung als Produzent involviert war, vermissen lässt.
Immerhin schrieb Tim-Burton-Hauskomponist Danny Elfman einen voluminösen Orchester-Soundtrack, der ohne die Filmbilder sogar besser funktioniert. Denn was im Film arg bekannt nach einem Elfman-Pastiche klingt, lässt ohne die etwas zu glatten Filmbilder und wenn das Orchester schön zackig aufspielt, eine richtig wohlige Tim-Burton-Gruselatmosphäre mit eben dieser gut abgehangenen Mischung aus bekannten Horrorfilmversatzstücken und bizarrem Humor entstehen.

Gänsehaut - Plakat

Gänsehaut (Goosebumps, USA 2015)
Regie: Rob Letterman
Drehbuch: Darren Lemke (nach einer Geschichte von Scott Alexander und Larry Karaszewski)
LV: Charaktere von R. L. Stine
Buch zum Film: R. L. Stine: Goosebumps The Movie: The Movie Novel, 2015 (Gänsehaut – Das Buch zum Film)
mit Jack Black, Dylan Minnette, Odeya Rush, Amy Ryan, Ryan Lee, Jillian Bell, R. L. Stine (Cameo)
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (aber auch schon für etwas jüngere Kinder geeignet)
–
Der Soundtrack

Goosebumps - Soundtrack - 4

Danny Elfman: Goosebumps – Original Motion Picture Soundtrack
Sony Classical
64 Minuten
–
Der Roman zum Film
angekündigt für den 10. Februar 2016

Gaensehaut - Das Buch zum Film von RL Stine

R. L. Stine: Gänsehaut – Das Buch zum Film
(übersetzt von Christoph Jehlicka)
cbj 2016
160 Seiten
9,99 Euro
empfohlen ab 10 Jahre (also, eigentlich wie der Film)
–
Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Gänsehaut“
Metacritic über „Gänsehaut“
Rotten Tomatoes über „Gänsehaut“
Wikipedia über „Gänsehaut“ (deutsch, englisch) und R. L. Stine (deutsch, englisch)
Homepage von R. L. Stine
–
Und ein Interview mit dem echten R. L. Stine

–

Nachtrag (17. Februar 2016): Meine Besprechung R. L. Stines Filmroman.


TV-Tipp für den 4. Februar: Wir waren Könige

Februar 4, 2016

Arte, 22.40
Wir waren Könige (Deutschland 2014, Regie: Philipp Leinemann)
Drehbuch: Philipp Leinemann
Irgendwo in Deutschland: Nach einem fehlgeschlagenem Einsatz läuft ein Sondereinsatzkommando Amok und gerät zwischen zwei verfeindete Jugendgangs.
Ein deutscher Polizeithriller. Schön düstere Bilder, gut besetzt und es gab auch, so meine Erinnerung, etliche gute Kritiken, wie im epd Film: „Endlich einmal ein gelungener deutscher Polizeifilm.“
Ganz anders das Lexikon des deutschen und internationalen Films: „Ein zwar hochkarätig besetzter, aber lauter und holzschnittartiger Polizeifilm, der vorrangig auf Macho-Gehabe und Testosteron setzt, worüber alle Zwischentöne verloren gehen.“
mit Ronald Zehrfeld, Mišel Matičević, Hendrik Duryn, Thomas Thieme, Godehard Giese, Frederick Lau, Simon Werner, Torben Liebrecht, Jorres Risse, Felix Goeser
Hinweise
Filmportal über „Wir waren Könige“
Moviepilot über „War waren Könige“
Wikipedia über „Wir waren Könige“


TV-Tipp für den 3. Februar: Supermensch – Wer ist Shep Gordon?

Februar 3, 2016

Eins Festival, 20.15
Supermensch – Wer ist Shep Gordon? (USA 2014, Regie: Mike Myers, Beth Aala)
Drehbuch: Mike Myers, Beth Aala
Doku über den titelgebenden Shep Gordon, der in den späten Sechzigern nach Los Angeles kam, kurz darauf Manager von Alice Cooper wurde und als Manager, Filmproduzent (unter anderem mehrere Filme von John Carpenter) und Restaurantbesitzer äußerst umtriebig und beliebt ist. Und immer im Hintergrund blieb. Bis zu diesem Film.
Mit Shep Gordon, Alice Cooper, Anne Murray, Bob Ezrin, Mike Myers, Patricia Barson, Michael Douglas, Sylvester Stallone, Tom Arnold, Willie Nelson, Fab 5 Freddy, Steven Tyler, Sammy Hagar, Nancy Meola, Mick Fleetwood
Wiederholung: Donnerstag, 4. Februar, 01.20 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Supermensch“
Wikipedia über „Supermensch“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 2. Februar: Fassbinder

Februar 2, 2016

BR, 22.45
Fassbinder (Deutschland 2015)
Regie: Annekatrin Hendel
Drehbuch: Annekatrin Hendel (nach einer Idee von Juliane Maria Lorenz)
Insgesamt sehenswerte Doku über Rainer Werner Fassbinder, die vor allem als Einführung in sein Werk taugt und sich zu sehr seinem Privatleben widmet.
Mehr dazu in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Margit Carstensen, Irm Hermann, Juliane Lorenz, Hanna Schygulla, Harry Baer, Hark Bohm, Hubert Gilli, Wolf Gremm, Günter Rohrbach, Fritz Müller-Scherz, Volker Schlöndorff, Thomas Schühly, Rainer Werner Fassbinder (Archivaufnahmen)

–

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Fassbinder“
Film-Zeit über „Fassbinder“
Moviepilot über „Fassbinder“
Wikipedia über „Fassbinder“ und Rainer Werner Fassbinder
Homepage der Rainer-Werner-Fassbinder-Foundation
Rainer Werner Fassbinder in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 1. Februar: Leben und Sterben in L. A.

Februar 1, 2016

Servus TV, 23.25

Leben und Sterben in L. A. (USA 1985, Regie: William Friedkin)

Drehbuch: William Friedkin, Gerald Petievich

LV: Gerald Petievich: To live and die in L. A., 1984 (Leben und Sterben in L. A.)

Zwei Polizisten jagen einen Geldfälscher. Dabei sind sie in der Wahl ihrer Mittel nicht gerade zimperlich.

Nihilistischer Polizei- und Gangster-Thriller mit rasanten Action-Szenen. Unterschätzt!

Mit William L. Petersen, Willem Dafoe, John Pankow, John Turturro, Dean Stockwell, Gerald Petievich (in einer Minirolle als „Special Agent“)

Wiederholung: Dienstag, 2. Februar, 02.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage von Gerald Petievich

Wikipedia über „Leben und Sterben in L. A.“ (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „To Live and Die in L. A.“

Combustible Celluloid: Ein kurzes Interview mit William Friedkin über „To Live and Die in L. A.“  (21. November 2003)

MovieWeb: Ein Gespräch mit William Friedkin anläßlich der Blu-Ray-Veröffentlichung von „To Live and Die in L. A.“ (19. Februar 2010)

Yahoo/Associated Content: William Friedkin, William L. Petersen und Darlanne Fluegel über „To Live and Die in L. A.“ (31. Januar 2011)


TV-Tipp für den 31. Januar: Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123

Januar 31, 2016

Tele 5, 20.15

Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 (USA 1974, Regie: Joseph Sargent)

Drehbuch: Peter Stone

LV: John Godey: The taking of Pelham One Two Three, 1973 (Abfahrt Pelhalm 1 Uhr 23)

Immer noch hochspannender Thriller über die Entführung einer New Yorker U-Bahn.

Das okaye, aber blasse Remake kann man sich schenken. Den Roman sollte man lesen.

Mit Walter Matthau, Robert Shaw, Martin Balsam, Hector Elizondo, Earl Hindman, James Broderick, Dick O’Neill, Lee Wallace

Wiederholung: 1. Februar, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123”

Wikipedia über “Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123” (deutsch, englisch)

Kriminalakte über das Remake

Meine Besprechung von John Godeys “Abfahrt Pelham 1 Uhr 23” (The taking of Pelham One Two Three, 1973)