Neu im Kino/Filmkritik: „Men & Chicken“ & Klamauk

Juli 2, 2015

Trotz einer ähnlich missgestalteten Nase und Hasenscharte sind Gabriel und Elias als Brüder vollkommen unterschiedlich. Während Gabriel frustriert Evolutionspsychologie und Philosophie an der Universität lehrt, masturbiert Elias fast ohne Unterbrechung. Talente sind halt unterschiedlich verteilt. Da ist die Videobotschaft von ihrem gerade verstorbenem Vater, dass er nicht ihr leiblicher Vater war und dass sie nur Halbbrüder sind, für Gabriel eine Erleichterung. Ihr leiblicher Vater, der Forscher Evilio Thanos, soll hochbetagt auf der entlegenen Insel Ork in einem von ihm betriebenem Sanatorium leben.
Die Brüder machen sich auf den Weg zu der 41-Seelen-Gemeinde Ork, die, wenn ihre Einwohnerzahl unter die magische Zahl vierzig sinkt, keine Gemeinde mehr ist. Sie wollen erfahren, wer ihre Mutter ist.
Dort treffen sie ihre drei Brüder, von denen sie bislang nichts wussten, die sie aber sofort an der tierischen Nase und der Hasenscharte als Brüder erkennen. Außerdem sind sie, wie Elias, nicht gerade die Hellsten. Daran ändert auch ihr Spezialwissen nichts. Sie verhalten sich wie Fünfjährige und fast jedes Gespräch endet in einer Prügelei, in der sie sich mit Holzlatten und allen anderen Gegenständen, die gerade zur Hand sind, schlagen.
Trotzdem wollen Elias und Gabriel ihre Brüder besser kennen lernen. Sie quartieren sich bei ihnen in dem verfallenem Sanatorium ein und fragen sich, welches Geheimnis hinter der verschlossenen Kellertür liegt. Und natürlich was das Geheimnis ihrer Erzeugung ist. Beides erahnen wir schnell.
„Men & Chicken“ ist ein schnell redundant werdender Klamauk. Denn dass jedes Gespräch in einer Schlägerei endet, dass sich alle auf verschiedene Art kindisch und tierisch verhalten, dass der gleiche Witz mit minimalen Variationen immer wieder und wieder wiederholt wird, langweilt schnell.
Da helfen die guten Schauspieler nicht weiter. So ist, um nur die beiden uns bekanntesten zu nennen, Mads Mikkelsen als masturbierend-blöd-naiver Elias grandios und zuerst unter der Maske kaum erkennbar. Nikolaj Lie Kaas als nicht minder depperte Bruder ist ebenfalls herrlich in seiner geistigen Beschränktheit. Auch die anderen Schauspieler beweisen einen großen Mut zur Hässlichkeit und zur Blödheit. Das erinnert dann an die ebenfalls infantile Flodder-Familie; wobei hier die ordnende Hand der Flodder-Mutter fehlt. Es ist halt ein Männerhaushalt, mit vielen Hühnern und einigen anderen Haustieren, die teilweise wie fehlgeschlagene Experimente aussehen.
Auch die Ausstattung, gedreht wurde die Co-Produktion mit dem Studio Babelsberg, unter anderem in den Beelitz-Heilstätten in Brandenburg, überzeugt mit ihrer großen Liebe zum ornamentalen Detail.
Aber wer geht schon wegen der Ausstattung in einen Film?

Men and Chicken - Plakat
Men & Chicken (Mænd & høns, Dänemark/Deutschland 2014)
Regie: Anders Thomas Jensen
Drehbuch: Anders Thomas Jensen
mit Mads Mikkelsen, David Dencik, Nikolaj Lie Kaas, Søren Malling, Nicolas Bro, Ole Thestrup, Bodil Jørgensen, Kirsten Lehfeldt, Lisbeth Dahl, Rikke Louise Andersson
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „Men & Chicken“
Moviepilot über „Men & Chicken“
Wikipedia über „Men & Chicken“
Meine Besprechung von Anders Thomas Jensens (Drehbuch) „Zweite Chance“ (Un chance til, Dänemark 2014)


TV-Tipp für den 2. Juli: Vengeance – Killer unter sich

Juli 2, 2015

EinsPlus, 23.00

Vengeance – Killer unter sich (Hongkong/Frankreich 2009, Regie: Johnny To)

Drehbuch: Ka-Fai Wai

In Macao wird die Tochter des französischen Restaurantbesitzers Francis Costello in ihrer Wohnung schwer verletzt. Ihre Familie wird ermordet. Costello beschließt, die Täter zu stellen. Dabei helfen dem ehemaligen Profikiller einige Kollegen, die er zufällig im Hotel trifft.

Mit dem Neo-Noir „Vengeance“ zeigt Hongkong-Regisseur Johnnie To wieder einmal, wofür ihn Filmfans seitdem sie vor über zehn Jahren seinen stilisierten Gangsterfilm „The Mission“ (Unbedingt ansehen!) sahen, lieben: schnörkelloses Genrekino mit stilvoll eingestreuten Zitaten und gerade in ihrer Reduktion grandiosen Actionszenen. Das ist in seiner Stilisierung pures Kino, das näher bei Jean-Pierre Melville als an der Wirklichkeit ist.

mit Johnny Hallyday, Sylvie Testud, Anthony Wong, Simon Yam

Wiederholung: Freitag, 3. Juli, 03.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweis

Meine ausführliche Besprechung von „Vengeance“


Neu im Kino/Filmkritik: „Insidious: Chapter 3“ springt etwas in die Vergangenheit

Juli 1, 2015

Nachdem im vorherigen „Insidious“-Film die Geister, die die Familie Lambert heimsuchten, endgültig gebannt waren und das Spiel zwischen Real- und Geisterwelt, Gegenwart, Vergangenheit und verschiedenen Visionen unnötig komplex wurde, haben die Macher sich bei dem dritten Film ihrer „Insidious“-Reihe für einen wohltuenden Schritt zurück entschieden. Zuerst einmal spielt die Geschichte von „Insidious: Chapter 3“ vor „Insidious“ und „Insidious: Chapter 2“. Mit diesem Schritt zurück in die Vergangenheit kurz vor der Heimsuchung der Lamberts und damit auch vor der Erkundung von der Gegenwelt The Further (das Ewigreich) kann auch eine einfachere Geschichte erzählt werden, die nur zwischen Real- und Geisterwelt (ein düsterer, dunkler Ort) spielt. Und die schon aus den vorherigen Filmen bekannten und beliebten Geisterjäger übernehmen die zentrale Rolle, weshalb „Insidious“, wenn die Macher genug abwechslungsreiche Geschichten finden, eine durchaus langlebige Reihe mit Geisterjägern und wechselnden von Dämonen und Geistern besessenen Menschen werden kann.
Die aus den vorherigen Filmen bekannte und im zweiten „Insidious“-Film verstorbene Elise Rainier (Lin Shaye) ist, weil „Insidious: Chapter 3“ vor den ersten beiden Filmen spielt, noch am Leben. Sie hat, nach dem Tod ihres über alles geliebten Mannes, ihre Arbeit als Medium aufgegeben. Sie lebt allein und zurückgezogen in ihrem dunklen Haus und verbringt die Tage bevorzugt im bequemen Bademantel. Auch Quinn Brenner (Stefanie Scott) will sie zunächst nicht helfen. Der Teenager hat vor kurzem ihre Mutter verloren. Aber sie glaubt, dass ihre Mutter den Kontakt zu ihr sucht.
Elise macht dann doch eine Spontan-Seance, bei der sie auf einen äußerst bösen Geist trifft. Sie bricht die Seance schockiert ab und beschwört Quinn, nicht mehr nach ihrer Mutter zu suchen. Denn wenn man einen Geist rufe, hörten das auch alle anderen und Quinn habe einen besonders bösen Geist geweckt.
Natürlich hält sich Quinn nicht an den gut gemeinten und zu spät kommenden Ratschlag. Nach einem Autounfall (zehn Punkte für die brachiale Inszenierung) liegt sie mit zwei gebrochenen Beinen im Bett. Für den Geist ist das natürlich ein ideales Jagdrevier – und wir erleben eine lustvolle Reise durch die Standardsituationen des Horrorfilms, inclusive einem Blick unter das Bett und den wiederholten Besuchen von dunklen Zimmern.
Neben der Geschichte von Quinn erzählt „Insidious: Chapter 3“ auch die Geschichte von Elise Rainier, die sich entschließt, wieder als Geisterjägerin zu arbeiten und sie lernt zwei junge Geisterjäger kennen.
„Insidious: Chapter 3“ versteht sich als ein weiteres Kapitel der Saga, das es deshalb nicht nötig hat, mit großen Effekten um sein Publikum zu werben. Es begnügt sich mit einer altbekannten Geschichte, die etwas variiert wird und gut unabhängig von den ersten beiden „Insidious“-Filmen, die eigentlich eine große Geschichte erzählten, gesehen werden kann.
Leigh Whannell, der Autor von „Saw“ und den ersten beiden „Insidious“-Filmen (die von James Wan inszeniert wurden), inszenierte sein Regiedebüt angenehm altmodisch. So unterhielt er sich vor dem Dreh mit „The Exorzist“-Regisseur William Friedkin und er sah sich vor dem Dreh den Schauspielern, um sie in die richtige Stimmung zu bringen, Stanley Kubricks „The Shining“ an; beide Filme sind gute Vorbilder. Dank des Verzichts auf Found-Footage-Gedöns ist er stilistisch geschlossener als der vorherige „Insidious“-Film und die Musik (wieder von Joseph Bishara) ist zurückhaltender ausgefallen.
Whannell verließ sich bei „Insidious: Chapter 3“ auf das Bewährte – und das ist gut so.

Insidious 3 - Plakat

Insidious: Chapter 3 – Jede Geschichte hat einen Anfang (Insidious: Chapter 3, USA 2015)
Regie: Leigh Whannell
Drehbuch: Leigh Whannell
mit Lin Shaye, Stefanie Scott, Dermout Mulroney, Angus Sampson, Leigh Whannel, Ele Keats, Tate Berney, Steve Coulter, Michael Reid MacKay
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Insidious: Chapter 3“
Moviepilot über „Insidious: Chapter 3“
Metacritic über „Insidious: Chapter 3“
Rotten Tomatoes über „Insidious: Chapter 3“
Wikipedia über „Insidious: Chapter 3“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von James Wans „Insidious: Chapter 2“ (Insidious: Chapter 2, USA 2013)

Und dann gibt es noch ein Onlineplakat

Insidious 3 - Onlineplakat


TV-Tipp für den 1. Juli: Don Mariano weiß von nichts

Juli 1, 2015

HR, 23.15

Don Mariano weiß von nichts (Italien/Frankreich 1967, Regie: Damiano Damiani)

Drehbuch: Ugo Pirro, Damiano Damiani

LV: Leonardo Sciascia: Il giorno della civetta, 1961 (Der Tag der Eule)

In Sizilien wird ein Bauunternehmer ermordet. Hauptmann Bellodi will den Fall aufklären und legt sich mit den Mächtigen der Insel an.

„Der Tag der Eule“ ist der erste der sizilianischen Romane von Sciascia, in denen er gegen die Mafia und deren Verflechtungen mit der Politik anschrieb. Seine Bücher waren die Vorlage für einige der besten italienischen Polit-Thriller.

Damianis Verfilmung ist einer der frühen, stilbildenden Polit-Thriller in der Tradition von Costa-Gavras, Petri und Rosi. Damiani begründete unter anderem mit diesem Film seinen Ruhm.

„Sciascias extrem knappem Erzählstil entspricht in den Filmen eine vergleichsweise hastige Montage, die ein wenig von jener unerbittlichen Zwangsläufigkeit an sich hat, die sich in rasch und ohne Schnörkel inszenierten Szenenwechsel präsentiert. Sicher, die zynisch-spitzfindigen Dialoge Sciascias sind, verkürzt, doch die Filme gewinnen (…) gegenüber den Romanen an Anschaulichkeit.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm)

Mit Franco Nero, Claudia Cardinale, Lee J. Cobb, Serge Reggiani

Auch bekannt als „Der Tag der Eule“

Hinweise

Wikipedia über Leonardo Sciascia (deutsch, englisch, italienisch)

Krimi-Couch über Leonardo Sciascia

Italienwelten über Leonardo Sciascia

Amici di Leonardo Sciascia

Mein Nachruf auf Damiano Damiani (23. Juli 1922 – 7. März 2013)


TV-Tipp für den 30. Juni: Der große Diktator

Juni 30, 2015

ZDFkultur, 20.15

Der große Diktator (USA 1940, Regie: Charlie Chaplin)

Drehbuch: Charlie Chaplin

Grandiose Satire über Adolf Hitler: ein jüdischer Friseur und der Diktator Hynkel sehen sich zum Verwechseln ähnlich.

Wer den Film noch nicht gesehen hat,…

Mit Charlie Chaplin, Paulette Goddard, Jack Oakie

Wiederholung: Mittwoch, 1. Juli, 00.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Charlie-Chaplin-Seite

Charlie Chaplin Archive

Wikipedia über Charlie Chaplin (deutsch, englisch)

 


DVD-Kritik: „Out of the Dark“ kommt der Horror

Juni 29, 2015

Als gestandene Horrorfilmfans wissen wir, dass es keine gute Idee ist, in ein Haus einzuziehen, in dem es schon ein, ähem, unheimliches Ereignis gab. Vor zwanzig Jahren starb in einer regnerischen Nacht ein Mann, der von vermummten Wesen verfolgt und in den Tod getrieben wurde. Ob es sich dabei um Geister oder Kinder handelte, ist unklar.
Jetzt ziehen die Harrimans in dieses malerisch im Dschungel liegende Anwesen. Sarah soll in der kolumbianischen Stadt Santa Clara die prosperierende Papierfabrik von ihrem Vater übernehmen. Ihr Mann Paul, ein Illustrator von Kinderbüchern, und ihre Tochter Hannah begleiten sie. Sie freuen sich auf einen Neuanfang.
Aber schon bald geschehen in dem Haus unheimliche Dinge. Gegenstände bewegen sich. Hannah sieht in einem Lastenaufzug Schreckliches. Wesen, die wie vermummte Kinder aussehen, scheinen sich an ihnen rächen zu wollen.
Kurz darauf erkrankt Hannah schwer und ihre Eltern versuchen, auf getrennten Wegen, herauszubekommen woran Hannah erkrankt ist und was dagegen getan werden kann.
„Out of the Dark“ ist okayes Genrefutter, das nichts wirklich falsch macht, aber auch nie wirklich überrascht und sich gegen Ende von einem normalen Geisterhausfilm (in dem Geister entweder einfach böse sind oder sich für ein vor Jahrhunderten erlittenes Unrecht rächen wollen) zu einem Thriller mit Öko-Touch wird. Damit zeigt das Drehbuch von Javier Gullón („Enemy“) und den Brüdern David und Àlex Pastor („Carriers“, demnächst „Self/Less“ [Kritik des SF-Thrillers zum Filmstart am 20. August]) Ambitionen, die über einen üblichen Geisterhausfilm hinausgehen. Allerdings werden diese Themen, wie die Ausbeutung von Entwicklungsländern, Kapitalismus und Umweltzerstörung, nicht vertieft und auch die wirklichen Motive der Geister bleiben eher im Dunkeln.
Regisseur Lluis Quitez hat, nach einigen Kurzfilmen, in seinem Spielfilmdebüt, ein Auge für die Landschaft und immer wieder schafft er, was bei einem Geisterhausfilm ja auch einfacher ist, mit minimalen Effekten eine unheimliche Atmosphäre. Oft liefert er auch nur die bekannten Jump-Scare-Schockmomente, die zu diesen Filme gehören wie Taschentücher zu einem Nicholas-Sparks-Film.
Als Bonusmaterial gibt es ein informatives 13-minütiges „Making of“.

Out of the Dark - DVD-Cover - 4

Out of the Dark (Out of the Dark, USA/Kolumbien/Spanien 2014)
Regie: Lluís Quílez
Drehbuch: Javier Gullón, David Pastor, Àlex Pastor
mit Julia Stiles, Scott Speedman, Stephen Rea, Pixie Davies, Alejandro Furth

DVD
Entertainment One
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of
Länge: 90 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Moviepilot über „Out of the Dark“
Metacritic über „Out of the Dark“
Rotten Tomatoes über „Out of the Dark“
Wikipedia über „Out of the Dark“


TV-Tipp für den 29. Juni: Der Hauptmann von Köpenick

Juni 29, 2015

Arte, 20.15

Der Hauptmann von Köpenick (Deutschland 1956, Regie: Helmut Käutner)

Drehbuch: Carl Zuckmayer, Helmut Käutner

LV: Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von Köpenick, 1931 (Theaterstück)

Schuster Wilhelm Voigt will nach dem Verbüßen seiner Zuchthausstrafe wieder arbeiten. Eine Arbeit gibt es aber nur mit einem Pass und einen Pass erhält nur, wer eine Arbeit hat. Also entschließt der Schuster sich, sich als falscher Hauptmann einen Pass zu besorgen.

Klassiker des deutschen Tonfilms, der damals ein Publikumserfolg war (über zehn Millionen Besucher in fünf Monaten), auch für den Auslands-Oscar nominiert war, die deutschen Filmpreise abräumte und zu den bekanntesten und beliebtesten Heinz-Rühmann-Filmen gehört.

Zuckmayers Stück gehört zur Schullektüre und ist heute immer noch aktuell.

mit Heinz Rühmann, Hannelore Schroth, Martin Held, Erich Schellow, Walter Giller, Wolfgang Neuss

Wiederholung: Dienstag, 30. Juni, 13.45 Uhr

Hinweise

Filmportal über „Der Hauptmann von Köpenick“

Wikipedia über „Der Hauptmann von Köpenick“


Neu im Kino/Filmkritik: Colin Firth trifft Nicole Kidman, „Die Liebe seines Lebens“

Juni 28, 2015

Natürlich ist ein Film mit Colin Firth und Nicole Kidman nicht ganz schlecht und natürlich ist die Lebensgeschichte von Eric Lomax (1919 – 2012), die mit den beiden Stars verfilmt wurde, durchaus beeindruckend. In England, nachdem Lomax vor zwanzig Jahren seine Autobiographie veröffentlichte und zu einer Berühmtheit wurde, ist sie auch allgemein bekannt. Lomax war im Zweiten Weltkrieg in Asien Kriegsgefangener und, nachdem er seine Frau kennen lernte, begann er sich Jahrzehnte später seinen Kriegserlebnissen zu stellen. Und dennoch wirkt „Die Liebe seines Lebens“, was auch ein einigen Freiheiten liegt, die die Macher sich im dritten Akt nahmen, wie ein psychologisch nicht stimmig ausgedachtes Gedankenkonstrukt.
Das beginnt schon mit der ersten Begegnung des späteren Paares. Während einer Bahnfahrt lernt Patti (Nicole Kidman als das schönste Mauerblümchen Englands, über deren Vergangenheit wir absolut nichts erfahren) 1980 Eric Lomax (Colin Firth) kennen. Er ist ein sympathischer Zausel, der die Fahrpläne in- und auswendig kennt, weshalb er ihr gleich einige Tipps für Zugverbindungen und Sehenswürdigkeiten geben kann. Sie verlieben sich, sie heiraten und Patti entdeckt, dass Eric doch keine so gute Partie ist. Er hat einen Ordnungsfimmel. Sie darf bei ihm wohnen, aber sie darf – was ihr vorher überhaupt nicht aufgefallen ist – nichts verändern. Er hat, weil er seine Rechnungen nicht bezahlt, finanzielle Probleme und er hat – auch das bemerkt sie erst in der Hochzeitsnacht – Alpträume, über die er nicht reden will.
Nur langsam erfährt Patti, dass ihr Mann immer noch von einen Kriegserlebnissen verfolgt wird. Er (in den Rückblenden von Jeremy Irvine gespielt) geriet 1942 mit seinen Kameraden nach dem Fall von Singapur in japanische Kriegsgefangenschaft. Dank eines mathematischen Verständnisses findet er anhand weniger Zeichen, die alle etwas mit Zügen zu tun haben, heraus, wohin sie mit dem Zug befördert werden. Sie sollen in Thailand durch unwegsames Dschungelände eine Eisenbahnstrecke bauen. Als Gefangene sind sie billiges Arbeitsmaterial. Wenn sie nicht während des Baus sterben, sterben sie durch die Folter. Lomax wird, nachdem ein von ihm im Geheimen gebautes Radio entdeckt wird, von dem japanischen Offizier und Übersetzer Takashi Nagase gefoltert.
Als Patti herasfindet, dass Nagase immer noch lebt und in Thailand in einem Museum über den Eisenbahnbau arbeitet, macht Lomax sich auf den Weg.
Die erste Begegnung zwischen Lomax und seinem damaligem Folterer gehört dann zu den unglaubwürdigsten Szenen des ganzen Films. Denn der introvertierte Lomax wird innerhalb einer Sekunde zu einem foltergeneigtem Racheengel, der Takashi Nagase töten will. Auch wenn Firth diese Szene im schönstens „Kingsman“-Stil spielt, passt sie einfach nicht zu seinem Charakter.
Jonathan Tepliztkys „Die Liebe seines Lebens“ will mit seiner Rückblendenstrutkur, gleichzeitig ein Kriegsdrama über tapfere Engländer in der Gefangenschaft im Dschungel und ein psychologischer Liebesfilm über ein mittelaltes Paar, bei dem der Ehemann seelische Probleme hat, sein. Aber keine Geschichte packt wirklich.
Dabei hätte man die Probleme wahrscheinlich mit einigen zusätzlichen Szenen und erklärenden Sätzen beheben können.
Ein anderes Problem ist der irreführende deutsche Titel von „The Railway Man“. Denn es geht weniger um die Beziehung von Eric Lomax zu seiner Frau, sondern um seine Kriegserlebnisse (die Rückblenden machen ungefähr die Hälfte des Films aus) und wie er sie verarbeitet.

Die Liebe seines Lebens - Plakat

Die Liebe seines Lebens (The Railway Man, Australien/Großbritannien 2013)
Regie: Jonathan Teplitzky
Drehbuch: Andy Paterson, Frank Cottrell Boyce
LV: Eric Lomax: The Railway Man, 1995
mit Colin Firth, Nicole Kidman, Jeremy Irvine, Stellan Skarsgård, Hiroyuki Sanada, Sam Reid, Tanroh Ishida
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Liebe seines Lebens“
Moviepilot über „Die Liebe seines Lebens“
Metacritic über „Die Liebe seines Lebens“
Rotten Tomatoes über „Die Liebe seines Lebens“
Wikipedia über „Die Liebe seines Lebens“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Die Liebe seines Lebens“


TV-Tipp für den 28. Juni: Polizeiruf 110: Kreise

Juni 27, 2015

ARD, 20.15
Polizeiruf 110: Kreise (Deutschland 2015, Regie: Christian Petzold)
Drehbuch: Christian Petzold
Kommissar Hanns von Meuffels soll den Mord an der Eigentümerin einer Möbel-Manufaktur aufklären. Die Firma sollte von einem Investor übernommen werden und mit dem Eigentümerwechsel sollten 72 Arbeitsplätze wegfallen. Der Hauptverdächtige ist ihr Ex-Mann, dem die Polizei nichts nachweisen kann.
Christian Petzold, der in den vergangenen Jahren hauptsächlich für das Kino arbeitete und dessen TV-Filme immer wie Kinofilme aussahen, inszeniert seinen ersten „Polizeiruf 110“. Das verspricht einen ebenso ungewöhnlichen, wie gelungenen Krimi.
Ach ja: Petzolds Inspiration für „Kreise“ war Claude Gorettas „Ganz so schlimm ist er auch nicht“ mit einem noch jungen und schlanken Gérard Depardieu in der Hauptrolle.
mit Matthias Brandt, Barbara Auer, Justus von Dohnányi, Luise Heyer, Daniel Sträßer, Jan Messutat
Wiederholungen
Eins Festival, Sonntag, 28. Juni, 21.45 Uhr und 23.45 Uhr
ARD, Dienstag, 30. Juni, 00.35 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
ARD über den „Polizeiruf 110: Kreise“
Wikipedia über „Polizeiruf 110“

Meine Besprechung von Christian Petzolds „Phoenix“ (Deutschland 2014)

Christian Petzold in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Underdog“, der etwas andere Tierfilm

Juni 27, 2015

Als „Underdog“ 2014 in Cannes lief, waren die Juroren so begeistert, dass sie spontan die Hunde-Palme auslobten. Denn die Leistung der insgesamt 250 Hunde ist beeindruckend, vor allem in den Massenszenen, die durch das koordinierte Vorgehen der Hunde noch erschreckender wirken und etwas an das Vorgehen der Affen in den verschiedenen „Planet der Affen“-Filme erinnern. Aber dort sind es Menschen in Affenmasken oder Menschen im Motion-Capture-Verfahren und damit ein Fest für die Maskenbildner und Tricktechniker. In „Underdog“ durften sich Tiertrainer und Tiere austoben – und wir fühlen mit den Tieren.
Im Mittelpunkt steht Hagen, ein Mischlingshund. Um den vielen Hunden Herr zu werden, hatte die ungarische Regierung ein Gesetz beschlossen, nach dem Mischlinge mit einer hohen Steuer belegt werden. Für reinrassige Hunde muss dagegen keine Steuer entrichtet werden. Die Folge: viele Besitzer setzen ihre Hunde aus. Denn niemand will einen Bastard haben. Aber die dreizehnjänrige Lili liebt ihren Hund abgöttisch.
Nach einigem Ärger mit den Nachbarn und der Obrigkeit setzt ihr Vater Hagen mitten in der Stadt aus. Lili, die den Sommer bei ihrem Vater verbringen soll, beginnt Hagen auf eigene Faust zu suchen.
Zur gleichen Zeit verfolgen wir Hagen, der bislang behütet bei Lili und ihrer Mutter lebte. Jetzt muss er sich allein in Budapest durchschlagen. Er sucht Essen. Er weiß nicht, wem er vertrauen kann. Er freundet sich mit anderen Hunden an, die eine eigene Gesellschaft gegründet haben. Sie werden von Hundejägern verfolgt, die für jeden gefangenen herrenlosen Hund eine Prämie kassieren. Sie werden für Hundekämpfe abgerichtet und in Tierheimen gequält und getötet. Denn ein Mischling ist kein vollwertiger Hund.
Während die Ungarn in Kornel Mundruczos Film „Underdog“, der die Realität zuspitzt, leicht eine Parabel auf ihre Gesellschaft und ihr Verhalten gegenüber Minderheiten, wie Roma, Juden und Ausländern, sehen, sehen wir einen spannenden, leicht dystopischen Tierthriller, der mit einer eindrucksvollen Leistung der Tiertrainer aufwarten kann. Das gilt vor allem für die Massenszenen, wenn die gefangenen Mischlinge koordiniert ausbrechen und durch die leeren Straßen Budapests laufen, oder sie vor ihren Häschern fliehen, aber auch für die Szenen mit weniger Hunden. Dagegen ist ein CGI-bearbeiteter Affenaufstand eine langweilige Angelegenheit.

Underdog - Plakat

Underdog (Fehér isten, Ungarn 2014)
Regie: Kornel Mundruczo
Buch: Kata Weber, Kornel Mundruczo, Viktoria Petranyi
mit Zsófia Psotta, Sándor Zsótér, Lili Horváth, Szabolcs Thuróczy, Lili Monori
Länge: 121 Min
FSK: 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Underdog“
Moviepilot über „Underdog“
Metacritic über „Underdog“
Rotten Tomatoes über „Underdog“
Wikipedia über „Underdog“


Neu im Kino/Filmkritik: „Freistatt“ – vorbildliche Erziehung vor fünfundvierzig Jahren

Juni 26, 2015

„Freistatt“ hat ein wichtiges Thema: die Erziehung von Kindern und Jugendlichen in Heimen in den Nachkriegsjahren bis weit in die siebziger Jahre in Westdeutschland. Erst durch die von den 68er angestoßene Diskussion über Erziehungsmethoden und die Frage von Gewalt in der Erziehung wurden die Vorgänge in den Heimen, in die Waisen und schwer erziehbare Kinder geschickt wurden, zu einem in der Gesellschaft diskutierten Thema. Heime wurden aufgelöst. Die Erziehung reformiert.
Aber auch nach einem Runden Tisch Heimerziehung, der 2010 seinen Abschlussbericht vorlegte, und eine Entschädigung versprochen wurde, warten immer noch viele ehemalige Zöglinge auf diese Entschädigung und eine Anerkennung ihres Leids. Denn die Erziehung in den Heimen bestand darin, die Jugendlichen in ein System von Befehl und Gehorsam einzufügen. Sie zu gefügigen Untertanen zu machen. Eine der härtesten Einrichtungen war Freistatt, gelegen im Landkreis Diepholz in Niedersachsen, betrieben von der Diakonie Bethel, geführt als Wirtschaftsbetrieb mit den Zöglingen als kostenlosen Arbeitskräften, die Torf stechen mussten.
Das ist der heute wohl ziemlich unbekannte historische Hintergrund von Marc Brummunds Film „Freistatt“, in dem er die Geschichte von Wolfgang (Louis Hofmann) erzählt. 1968 wird der Vierzehnjährige von seinem Stiefvater Heinz (Uwe Bohm) und seiner Mutter Ingrid (Katharina Lorenz) nach Freistatt geschickt. Dort sollen dem aufsässigem Bengel Manieren beigebracht werden.
Geleitet wird das Heim von Hausvater Brockmann (Alexander Held), der mit öliger Freundlichkeit und harter Hand die Zöglinge zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft machen will. Das geschieht nicht mit Schulunterricht, sondern mit harter Arbeit, Drohungen, Gewalt und Psychofolter.
Aus diesem Thema hätte man viel machen können. Aber Regisseur Marc Brummund und seine Co-Drehbuchautorin Nicole Armbruster haben nur die Faszination und das Erschrecken über die nur etwas über vierzig Jahre zurückliegende, uns heute vollkommen fremd erscheinende Erziehung und danach nichts mehr. Denn anstatt anhand der Geschichte von Wolfgang eine klare Position zu beziehen, liefern sie nur einen Reigen des Schreckens, den wir schon besser gesehen haben; in zahlreichen Gefängnisfilmen, aber auch in Erziehungs- und Schuldramen wie „Der junge Törless“ und „King of Devil’s island“, um zwei gelungenere Filme zu nennen, in denen das Unterdrückungssystem im Rahmen einer packenden Geschichte genau analysiert wird.
In „Freistatt“ präsentiert Brummund die auch aus anderen Filmen bekannten Szenen von Unterdrückung und Freiheitsdrang des Einzelnen, ohne dass sie hier jemals wirklich packen. Dafür ist Wolfgangs Freiheitsdrang und seine Revolte gegen das System zu diffus. Und die Szenen sind zu beliebig angeordnet. Es gibt fast nie eine direkte Verbindung von Ursache und Wirkung, von unbotmäßigem Verhalten und Strafe. Von einer folgerichtigen Eskalation der Strafen im Rahmen der Erziehung. So gibt es gerade am Anfang, wenn Wolfgang nach Freistatt kommt und die dortige, archaische Gesellschaft, die mehr mit einem Gefängnis, das mit Hilfe der Inhaftierten geführt wird, als mit einer Erziehungsanstalt zu tun hat, starke Szenen. Obwohl die einzelnen Charaktere blass und austauschbar bleiben. Später gibt es mehrere Szenen, die wohl als Metapher gedacht waren, aber im Rahmen eines realistischen Dramas abstrus wirken. Zum Beispiel wenn Wolfgang mit einem anderen Zögling in das Moor flüchtet und sie im Kreis laufen, ohne es zu bemerken.
Es gibt auch keine Verknüpfung von der damaligen Erziehung, der sich ändernden Gesellschaft, der Jugendrevolte (die sich in den Großstädten austobte, während das platte Land noch im Tiefschlaf lag) und der Gegenwart (in der wieder über geschlossene Heime für schwer erziehbare Jugendliche gesprochen wird).
„Freistatt“ ist auch ein Reigen, der trotz der genauen Datierung von Ort und Zeit seltsam aus der Zeit gefallen ist. Denn ohne den Hinweis, dass die Geschichte 1968 spielt, könnte sie auch Jahrzehnte früher spielen. Brummund sagt zwar, sie habe die Gleichzeitigkeit zwischen Studetenrevolte und der Fortschreibung eines institutionalisierten Missbrauchs in Heimen und Institutionen fasziniert, aber Faszination allein ergibt keinen guten Film. Sie muss in eine packende Geschichte übersetzt werden.
Das Ende des Films zeigt eindrücklich, dass Brummund nicht wusste, was er erzählen wollte. Ein Film sollte genau dann enden, wenn die Geschichte erzählt ist. Er sollte mit der Botschaft des Films enden. Keine Sekunde früher, aber auch keine Sekunde später. Brummund bietet drei Enden an, von denen nur das erste Ende überzeugt und zum Nachdenken anregt. Es zeigt Wolfgang am Ende seiner aus Sicht der Heimleitung erfolgreichen Erziehung: jetzt darf er am Tisch über die Neuankömmlinge bestimmen, wie einige Monate früher über ihn bestimmt wurde. Er ist ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft. Ein Untertan. Nach diesem Ende kommen dann noch zwei weitere Szenen, die ebenfalls die Geschichte von Wolfgang beenden, aber das vorherige Ende und auch die Filmgeschichte verraten; – wenn sie denn eine eindeutige Position gehabt hätten.
Und es ist keine gute Idee, einen Film komplett überbelichtet zu präsentieren.

Freistatt - Plakat - 4

Freistatt (Deutschland 2014)
Regie: Marc Brummund
Drehbuch: Marc Brummund, Nicole Armbruster
mit Louis Hofmann, Alexander Held, Max Riemelt, Katharina Lorenz, Stephan Grossmann, Uwe Bohm
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Freistatt“
Film-Zeit über „Freistatt“
Moviepilot über „Freistatt“
Wikipedia über „Freistatt“ und Freistatt


TV-Tipp für den 26. Juni: Terminator 2 – Tag der Abrechnung

Juni 26, 2015

Als Vorbereitung für „Terminator: Genisys“, der am 9. Juli anläuft

sehen wir noch einmal

RTL II, 20.15

Terminator 2 – Tag der Abrechnung (USA 1991, Regie: James Cameron)

Drehbuch: James Cameron, William Wisher Jr.

Genialer Plan: um John Connor, den zukünftigen Anführer der Widerstandsbewegung gegen die Roboter, zu beseitigen, schicken sie einen T-1000-Roboter in die Vergangenheit (also die Gegenwart) zurück. Er soll Connor töten. Und Connor schickt einen T-800 zurück. Den kennen wir noch aus dem ersten „Terminator“-Film, als er Connors Mutter töten sollte, aber jetzt kämpft er im Team der Guten.

Eine der wenigen gelungenen Fortsetzungen und ein Kassenknüller.

„Actionkino auf der Höhe des im Kino derzeit Möglichen, rasant, packend und innovativ.“ (Fischer Film Almanach 1992)

Debüt von Edward Furlong.

mit Arnold Schwarzenegger, Robert Patrick, Edward Furlong, Linda Hamilton, Earl Boen, S. Epatha Merkerson, Xander Berkeley

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“

Wikipedia über „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Ted 2“ – der Teddy will als Mensch anerkannt werden

Juni 25, 2015

Ted 2 - Teaser

Jeder Junge hat einen Teddybären. Aber nur John hat Ted, einen Teddybären, der ihn seit seiner Kindheit begleitet und alles das tut, was Jungs gerne tun: vor der Glotze abhängen, feste und flüssige Drogen zu sich nehmen, vulgär ablästern und Unfug treiben. Dummerweise ist John schon Mitte dreißig und er und Ted denken überhaupt nicht daran, sich irgendwie zu verändern. In Seth MacFarlanes Komödie „Ted“ muss John Bennet (Mark Wahlberg) dann doch erwachsen werden. Das gelang ihm auch leidlich mit Lori (Mila Kunis), die er am Ende des Films heiratete. Mit dem Segen von Ted, der auch ein Herz aus Gold hat.
„Ted“ war, vor allem dank des fluchenden Stofftieres, das sich ganz natürlich zwischen den Menschen bewegte, ein zitatenreicher Kinohit, der im Sommer 2012 weltweit fast 550 Millionen Dollar einspielte, was natürlich nach einer Fortsetzung verlangte.
Und „Ted 2“ gehört zu den gelungenen Fortsetzungen. Vieles wird vom ersten Film übernommen (Ted, die Schauspieler, die Anspielungen, der vulgäre Seth-MacFarlane-Humor). Aber die Macher erzählen eine vollkommen andere Geschichte. Während „Ted“ eine Nummernrevue war, die sich rudimentär um das Erwachsenwerden drehte und viele popkulturelle Anspielungen (vor allem zum Film) hatte, erzählt „Ted 2“ eine richtige Geschichte, der sich die Witze und Zitate (viele, sehr viele) unterordnen.
Während Johns Ehe nicht lange hielt und er immer noch Trübsal bläst (was zu dem Running Gag führt, dass sich jede gutaussehende Frau in ihn verliebt, während er überhaupt kein Interesse hat), hat Ted Tami-Lynn (Jessica Barth), seine Kollegin aus dem Supermarkt, geheiratet. Auch in deren Ehe kriselt es inzwischen und der Ehestreit zwischen Mann und Frau, der hier von Teddy und Frau durchgeführt wird, ist schon die halbe Humor-Miete. MacFarlane unterscheidet nämlich nicht zwischen dem Stofftier und den Menschen, was jeder Szene einen surrealen Touch gibt. Außerdem kann das sehr menschliche Stofftier Dinge sagen, die kein Mensch so unverblümt sagen kann.
Ted, der seine Frau wirklich liebt, schlägt ihr als ultimative Eherettungsmethode vor, dass sie ein Kind haben sollen. Tami-Lynn ist begeistert. Nachdem sich die Suche nach einem Samenspender schwieriger als gedacht gestaltet, beschließen Ted und Tami-Lynn, dass sie ein Kind adoptieren. Dabei erfährt Ted, dass er vor den Augen des Gesetzes kein Mensch, sondern eine Sache ist, die daher nichts tun darf, was ein Mensch tut. Schnell ist er arbeitslos, hat keinen Führerschein mehr und auch sonst nichts mehr.
Zusammen mit John und der Junganwältin Samantha ‚Sam‘ L. Jackson (Amanda Seyfried), frisch von der Uni (schlecht), Cannabis-Raucherin (sehr gut) und gesegnet mit einem grandiosen Namen („Sam L. Jackson“), beginnt Ted um sein Menschsein zu kämpfen.
Dieser Kampf vor Gericht und die damit mehr oder weniger zusammenhängenden Erlebnisse des Trios halten dann den Film zusammen, der deutlich, aber nebenbei, ein wichtiges Thema behandelt. Denn die Frage, was ein Mensch ist und wem die bürgerlichen Priviliegien zustehen, beschäftigt Philosophen und Juristen schon Jahrhunderte. Und wenn Tierschützer Tieren Rechte zugestehen wollen, sollte dann nicht zuerst Ted alle bürgerlichen Rechte bekommen?
Garniert wird „Ted 2“ mit vielen Kurzauftritten bekannter Schauspieler und einem Besuch der Comic-Con in New York.

Ted 2 - Plakat

Ted 2 (Ted 2, USA 2015)
Regie: Seth MacFarlane
Drehbuch: Seth MacFarlane, Alec Sulkin, Wellesley Wild
mit Mark Wahlberg, Amanda Seyfried, Jessica Barth, Sam J. Jones, Morgan Freeman, Giovanni Ribisi, Patrick Warburton, Michael Dorn, Bill Smitrovich, John Slattery, Liam Neeson, Dennis Haysbert, Patrick Stewart (Erzähler), Seth MacFarlane (Ted im Original)

Länge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Ted 2“
Moviepilot über „Ted 2“
Metacritic über „Ted 2“
Rotten Tomatoes über „Ted 2“
Wikipedia über „Ted 2“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Seth MacFarlanes „A Million Ways to die in the West“ (A Million Ways to die in the West, USA 2014)


TV-Tipp für den 25. Juni: Tod einer Polizistin

Juni 24, 2015

ZDFneo, 20.15
Tod einer Polizistin (Deutschland 2013, Regie: Matti Geschonneck)
Drehbuch: Magnus Vattrodt, Bernd Lange
Polizistenmörder Frank benutzt eine Anhörung zur Flucht aus dem Gefängnis. Während die Berliner Polizei nach ihm fahndet, will er sich an den Menschen rächen, die ihn damals ins Gefängnis brachten. Ganz oben auf seiner Liste ist der legendäre Kommissar Theweleit.
Spannender Krimi mit gut aufgelegten Darstellern und einigen Twists; vor allem nachdem eine junge Polizistin sich noch einmal den alten Fall ansieht.
mit Götz George, Jürgen Vogel, Rosalie Thomass, Uwe Kockisch, Uwe Preiss, Michael Schenk, Therese Hämer
Hinweise
Filmportal über „Tod einer Polizistin“
Wikipedia über „Tod einer Polizistin“


TV-Tipp für den 24. Juni: Hannas Reise

Juni 24, 2015

ARD, 20.15
Hannas Reise (Deutschland/Israel 2013)
Regie: Julia von Heinz
Drehbuch: John Quester, Julia von Heinz (frei nach Motiven von Theresa Bäuerleins Roman „Das war der gute Teil des Tages“)
Das ist jetzt nicht nett von uns, aber wir gönnen Hanna, dieser karrieregeilen BWL-Zicke, die von ihrer Mutter nur eine Bescheinigung über ein Praktikum abholen wollte, das Praktikum in Israel in einer Behinderteneinrichtung. Das wird die Schnepfe hoffentlich erden.
Ansehen lohnt sich, auch wenn die vorhersehbare Geschichte ihre Probleme hat, die ich hier ausführlicher besprochen habe.
mit Karoline Schuch, Doron Amit, Max Mauff, Lore Richter, Trystan Pütter, Lia König, Suzanne von Borsody
Wiederholung: Donnerstag, 25. Juni, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hannas Reise“

Moviepilot über „Hannas Reise“

Meine Besprechung von Julia von Heinz‘ „Hannas Reise“ (Deutschland/Israel 2013)


TV-Tipp für den 23. Juni: Ein neuer Tag im Paradies

Juni 23, 2015

ZDFkultur, 21.50

Ein neuer Tag im Paradies (USA 1998, Regie: Larry Clark)

Drehbuch: Christopher B. Landon, Stephen Chin

LV: Eddie Little: Another Day in Paradise, 1998 (Ein neuer Tag im Paradies)

Empfehlenswertes, unsentimentales, hartes und schon lange nicht mehr gezeigtes Gangster-Roadmovie und Erziehungsgeschichte mit James Woods und Melanie Griffith als Ersatz-Eltern.

Eddie Little (25. August 1955 – 20. Mai 2003) verarbeitete in seinem Debütroman „Another Day in Paradise“ autobiographische Erlebnisse. Er war ein Drogensüchtiger und Krimineller.

Mit James Woods, Melanie Griffith, Vincent Kartheiser, Natasha Gregson Wagner, James Otis, Peter Sarsgaard, Lou Diamond Phillips (Cameo)

Wiederholung: Mittwoch, 24. Juni, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Ein neuer Tag im Paradies”

Wikipedia über “Ein neuer Tag im Paradies”

L. A. Weekly (Johnny Angel): Paradise Lost (über den Film, Little und Clark; 24. Dezember 1998)

Los Angeles Times (Mary Rourke): Nachruf auf Eddie Little (23. Mai 2003)


TV-Tipp für den 22. Juni: Saskatchewan

Juni 22, 2015

Arte, 20.15
Saskatschewan (USA 1954, Regie: Raoul Walsh)
Drehbuch: Gil Doud
Fort Saskatchewan: die Bleichgesichter befürchten, dass die Sioux und die Cree-Indianer sich miteinander verbünden. Also muss etwas getan werden. Aber Sergeant O’Rourke zweifelt und – ach, eigentlich haben wir diese Story schon hundertmal gesehen.
„Ein Film in schönen Farben und mit der hässlichen Moral, dass es als Happy-End ausreicht, wenn man Indianer gegen Indianer hetzt.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
Raoul Walsh über den Film: „Bei diesem Film ging alles schief. (…) Ja, die Story war wirklich uninteressant. Aber die kanadischen Landschaften waren wunderbar. Ich habe versucht, ihre ganze Schönheit einzufangen.“
Extrem selten gezeigter Western
mit Alan Ladd, Shelley Winters, Robert Douglas, Hugh O’Brian, Richard Long
Hinweise
Arte über den Film
Turner Classic Movies über „Saskatschewan“
Wikipedia über „Saskatschewan“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Raoul Walshs „Der große Treck“ (The big Trail, USA 1930)

Meine Besprechung von Raoul Walshs “Drei Rivalen” (The Tall Men, USA 1955)

Raoul Walsh in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 20. Juni: Tatort: So ein Tag…

Juni 19, 2015

HR, 21.40

Tatort: So ein Tag… (Deutschland 1982, Regie: Jürgen Roland)

Drehbuch: Uwe Erichsen, Jürgen Roland

Damals waren auch innerhalb des „Tatort“-Formats solche Einzelstücke möglich. Der selten gezeigter „Tatort“ zeigt den ganz normalen Arbeitstag eines Schutzpolizisten in einer großen Stadt. Polizeihauptmeister Rolfs erfährt, dass einige Gangster die Pelzgroßhandlung, in der seine Freundin arbeitet, überfallen wollen.

Allerdings gehört der in Frankfurt spielende Krimi „So ein Tag…“ nicht zu den besten Werken von Jürgen Roland.

Mit Klaus Löwitsch, Michael Schwarzmeier, Harald Dietl, Diana Körner, Günter Ungeheuer

Hinweis

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Uwe Erichsen

Jürgen Roland in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 19. Juni: The Big Lebowski

Juni 18, 2015

ZDFneo, 20.15

The Big Lebowski (USA 1998, Regie: Joel Coen)

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen

Ein echter Kultfilm.

Die Geschichte ist, wie bei Raymond Chandler, der als Inspiration diente, kaum nacherzählbar, labyrinthisch, voller grandioser Szenen und Sätze und wahrscheinlich bar jeder Logik. Im wesentlichen geht es darum, dass der Dude mit seinem ihm bis dahin unbekannten, stinkreichen, herrischen, querschnittgelähmten Namensvetter verwechselt wird und er in eine undurchsichtige Entführungsgeschichte hineingezogen wird.

mit Jeff Bridges, John Goodman, Julianne Moore, Steve Buscemi, David Huddleston, Philip Seymour Hoffman, Tara Reid, Philip Moon, Mark Pellegrino, Peter Stormare, Flea, John Turturro, Sam Elliott, Ben Gazzara

Hinweise

Homepage des Lebowski Fest

Drehbuch „The Big Lebowski“ von Joel & Ethan Coen

Wikipedia über „The Big Lebowski“ (deutsch, englisch)

„You know, for kids!“  – The Movies of the Coen Brothers (eine sehr umfangreiche Seite über die Coen-Brüder)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Trash“ ist nicht Trash

Juni 18, 2015

Als Erwachsener ist man von „Trash“ sicher etwas unterfordert. Die Story, eigentlich eine riesige Schnitzeljagd, ist zu einfach. Die Protagonisten, drei Jugendliche, fast noch Kinder, sind zu jung. Die Bösewichter, vor allem ein Polizist, sind zu böse. Aber das Zielpublikum sind Jugendliche, die einen zünftigen Abenteurer-Thriller sehen dürfen, der in einer fremden Welt spielt, die für ein jugendliches Publikum erstaunlich unverklärt und unromantisch gezeigt wird.
Raphael und Gardo suchen auf einer Müllkippe in Rio de Janeiro nach Abfall, den sie zu Geld machen können. Als sie einen Geldbeutel mit einigen Geldscheinen finden, fühlen sie sich wie die Gewinner eines Jackpots. Als kurz darauf die Polizei auftaucht und eine unglaublich hohe Summe für den Geldbeutel bietet, wissen sie, dass sie etwas viel wertvolleres gefunden haben. Sie behalten den Geldbeutel, der auch ein Blatt mit einem Code enthält.
Gemeinsam mit Rato überlegen sie, wie sie ihren Fund versilbern können.
Schnell ist ihnen der skrupellose Polizist Frederico, der den gesamten Polizeiapparat benutzt, um sie zu jagen, auf der Fährte.
Denn der von der Polizei ermordete Besitzer des Geldbeutels war ein Mann, der brisante Informationen hatte. Der Code führt, entschlüsselt, zu dem Versteck der politisch brisanten Informationen und viel Geld.
Aus dieser einfachen und bewährten Prämisse entwickelt sich eine flotte actionhaltige Hatz, in der die jugendlichen Darsteller, allesamt Laien ohne Schauspielerfahrung, im Mittelpunkt stehen. Die bekannten und erwachsenen Schauspieler, wie Martin Sheen und Rooney Mara, als ein Priester und seine Assistentin, denen die drei Jungs vertrauen, sind nur Nebencharaktere, die die internationale Verkäuflichkeit dieser Geschichte garantieren, die nicht nur wegen ihres Handlungsortes deutlich von „City of God“ (das sich an ein erwachsenes Publikum richtet) beeinflusst ist. Auch mehrere Menschen, die bei „City of God“ und den Folgewerken dabei waren, sind in „Trash“ involviert. Sie wurden engagiert, um der Geschichte ein möglichst authentisches Flair zu geben. Das gelang ihnen.
Die Regie übernahm Stephen Daldry, der bereits „Billy Elliot“ und „The Hours“ inszenierte. Das Drehbuch ist von Richard Curtis, der die Bücher für „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, „Notting Hill“, „Gefährten“ und „Alles eine Frage der Zeit“ (auch Regie) schrieb. Beide sind sicher nicht als die großen klassenkämpferischen Filmemacher oder Actionfilmer (obwohl es genug Aktion gibt) bekannt, aber ihre Namen bürgen für gute Unterhaltung, die ihr Publikum ernst nimmt; was auch auf „Trash“ zutrifft.
Curtis inszenierte den sehenswerten Jugendfilm als Dan-Brown-artige Jagd durch die Hinterhöfe, Slums, Müllhalden, Friedhöfe und Straßen von Rio als Hohelied auf die Freundschaft von Raphael, Gardo und Rato, deren Optimismus und Lebensfreude mitreisen. Trotz ihrer Armut geben sie nicht auf.

Trash - Plakat

Trash (Trash, Großbritannien 2014)
Regie: Stephen Daldry, Christian Duurvoort (Brasilien)
Drehbuch: Richard Curtis, Felipe Braga (zusätzliches Material)
LV: Andy Mulligan: Trash, 2010 (Trash)
mit Rickson Tevez, Eduardo Luis, Gabriels Weinstein, Martin Sheen, Rooney Mara, Wagner Moura, Selton Mello
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „Trash“
Moviepilot über „Trash“
Metacritic über „Trash“
Rotten Tomatoes über „Trash“
Wikipedia über „Trash“ (deutsch, englisch)
Homepage von Andy Mulligan