Weil der am 31. Mai 1930 geborene Clint Eastwood sehr bald einen runden Geburtstag feiert, zeigen alle Sender in den nächsten Tagen viele Clint-Eastwood-Filme; mit einer Konzentration auf sein Spätwerk. Heute beginnen die Bayern um 20.15 Uhr mit „Die Brücken am Fluss“. Um 22.35 Uhr folgt „Im Auftrag des Drachen“ und um 00.30 Uhr „Betrogen“.
BR, 22.35
Im Auftrag des Drachen (USA 1975, Regie: Clint Eastwood)
Drehbuch: Hal Dresner, Warren Murphy (als Warren B. Murphy), Rod Whitaker
LV: Trevanian (Pseudonym von Rod Whitaker): The Eiger Sanction, 1972 (Im Auftrag des Drachen)
Jonathan Hemlock soll im Auftrag einer Geheimorganisation zwei Killer töten. Von einem ist nur bekannt, dass er an einer Besteigung der Eiger-Nordwand teilnimmt. Hemlock schließt sich den Bergsteigern an.
Thriller, bei dem die Landschaftsaufnahmen (Monument Valley, Schweizer Alpen) mehr beeindrucken als die Story. Was auch Clint Eastwood zugibt. Trevanians Debüt mit dem Superspion Hemlock war ein weltweiter Bestseller.
Mit Clint Eastwood, George Kennedy, Heidi Brühl, Reiner Schöne
Neues Cover, neuer Titel, ein Zwei in Eins und schon wird aus den „Gangs of Wasseypur“, die ursprünglich in zwei Teilen erschienen, der „Asian Godfather“. Damals schrieb ich über das Epos: Ursprünglich sollte „Gangs of Wasseypur“ als ein Film gezeigt werden. Aber dreihundert Minuten war dann, sogar für Bollywood-Verhältnisse, etwas lang. Auch weil „Gangs of Wasseypur“ kein Musical (obwohl es genug Musik gibt), sondern ein Gangsterepos ist, das – anscheinend ziemlich nah an der Realität – die Geschichte des Verbrechertums in der nordostindischen Kohle- und Bergbaustadt Wasseypur erzählt. Regisseur Anurag Kashyap konzentriert sich dabei auf die miteinander verfeindeten Verbrecherclans von Shahid Khan und Ramadhir Singh und ihren jahrzehntelangen Kampf von den vierziger Jahren, kurz vor dem Ende der Kolonialzeit, bis in die Gegenwart. Allein schon der zeitliche Umfang, sowohl in Erzählzeit als auch in Filmzeit, weckt Erinnerungen an Francis Ford Coppolas „Der Pate“-Saga oder Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“, aber Anurag Kashyap erzählt konventioneller, indem er chronologisch die Geschichte erzählt und mit viel Musik, vor allem im zweiten Teil, garniert. Der zweite Teil, der nach der Jahrtausendwende, nach der Ermordung von Shahid Khan auf offener Straße beginnt, erzählt, wie sein drogensüchtige Enkel Faizal die Macht übernimmt und der Kampf zwischen den beiden Familien zu einem Krieg eskaliert, Dieser Teil ist poppiger geraten, weil sich optisch und erzählerisch an neuen westlichen Gangsterfilmen orientiert und die Geschichte mit viel Bollywood-Musik unterlegt wird, der indischen Variante von Ethno-Euro-Disco, was für meine Ohren eine ziemlich gruselige Musik ist und weshalb ich auch kein Bollywood-Fan bin. In der zweiten Hälfte fällt auch auf, wie lange Wasseypur von der westlichen Kultur verschont blieb. Bis vor wenigen Jahren schien dort seit den Dreißigern die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Teilung des dreihundert minütigen Films in zwei gleich lange Teile ist sinnvoll, denn jeder Teil erzählt eine durchaus eigenständige, stilistisch klar unterscheidbare Geschichte. Aber seine volle Pracht entfaltet „Gangs of Wasseypur“ nur, wenn man beide Teile sieht, die sich auch gar nicht wie fünf Stunden anfühlen. Für uns Genrejunkies ist das Epos ein feiner Blick in eine fremde Verbrecherwelt. Denn es muss ja nicht immer die italienische Mafia in God’s own Country sein.
Jetzt also in einer Box zu einem günstigen Preis.
Asian Godfather
Polyband
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Hindi (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Trailer, Wendecover
Länge: 308 Minuten (2DVDs)
FSK: ab 18 Jahre
– enthält: Gangs of Wasseypur – Teil 1 (Gangs of Wasseypur, Indien 2012)
Regie: Anurag Kashyap
Drehbuch: Akhilesh Jaiswal, Anurag Kashyap, Sachin K. Ladia, Zeishan Quadri
mit Manoj Bajpayee, Tigmanshu Dhulia, Piyush Mishra, Rhicha Chadda
Länge: 154 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
– Gangs of Wasseypur – Teil 2 (Gangs of Wasseypur, Indien 2012)
Regie: Anurag Kashyap
Drehbuch: Akhilesh Jaiswal, Anurag Kashyap, Sachin K. Ladia, Zeishan Quadri
mit Manoj Bajpayee, Tigmanshu Dhulia, Piyush Mishra, Rhicha Chadda
Länge: 154 Minuten
FSK: ab 18 Jahre
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Eines kann man Ryan Gosling bei seinem Regiedebüt „Lost River“ nicht vorwerfen: dass er den einfachen Weg geht. Stattdessen drehte er einen bildgewältigen surrealen Alptraum irgendwo zwischen David Lynchs „Twin Peaks“ und Nicolas Winding Refns „Only God Forgives“, mit Terrence-Malick-Referenzen, bei dem die Bilder und die Stimmung bedeutungsschwanger die nicht vorhandene Story übertünchen sollen. Wobei Gosling sich in seinem Regiebdebüt auch überhaupt nicht für eine herkömmliche Narration interessiert.
In der herunterkommenen Ruinenstadt Lost River (gedreht wurde in Detroit), auf der ein Fluch lasten soll, lebt eine Restfamilie, bestehend aus der Mutter Billy (Christina Hendricks) und ihren beiden Söhnen Franky und Bones, in ihrem abbruchreifen Haus und ohne irgendeine ökonomische Perspektive. Ihre Nachbarn haben das Viertel schon lange verlassen.
Bones (Iain De Caestecker) sucht in verlassenen Häusern nach Schrott, den er einem Händler verkaufen kann. Dabei legt er sich mit dem Gang-Leader Bully (Matt Smith) an. Zur gleichen Zeit geht seine Mutter auf ein Angebot ihres Bankmanagers Dave (Ben Mendelsohn) zur Tilgung des Kredits ein. In einem von Miss Kitty Cat (Eva Mendes) geführtem Nachtclub, das seinen Gästen eine spezielle Show bietet (die etwas mit Sex, Blut und Gewalt zu tun hat), könne sie gutes Geld verdienen. Billy nimmt die Arbeit an.
Währenddessen verliebt Bones sich in das Nachbarmädchen Ratte (Saoirse Ronan), deren Großmutter Belladonna (Barbara Steele) dumpf auf den Fernseher und die dort laufenden alten Filme starrt. Weil Bones mit ihr die Stadt verlassen will, begibt er sich auf den Weg zum See, in dem es eine versunkene Stadt gibt.
Bis zum Ende kann man keinen Plot erkennen. Ryan Gosling geht es in seinem dunklem Märchen um ein Gefühl, das Porträt einer verlassenen Gegend und einiger Mythen, die für alles und nichts stehen. Wer will, kann daher „Lost River“ als Allegorie auf den amerikanischen Traum sehen. Oder sich von den Bildern und Stimmungen, wie bei einem Traum, einfach mitreisen lassen. Oder, wie ich, zunehmend gelangweilt und genervt gegen den Schlaf kämpfen.
Denn die einprägsamen Bilder, die Schauspieler, die Idee und was daraus hätte entstehen können, sind so unglaublich vielversprechend. Der Film selbst ist nur noch prätentiös.
Wer möchte kann „Kiss the Cook – So schmeckt das Leben“ von Jon Favreau (Regie, Drehbuch, Hauptrolle) als Metapher auf seine Hollywood-Erfahrungen sehen. Er begann mit kleinen Independent-Filmen, wie „Swingers“ und „Made“, stieg dann mit seinen beiden „Iron Man“-Filmen und dem Science-Fiction-Western „Cowboys & Aliens“ in die Blockbuster-Regie auf und dreht jetzt wieder einen kleinen Film, der von der ersten bis zur letzten Sekunde den Geist des unabhängigen Independent-Kinos atmet.
Favreau erzählt die Geschichte von Carl Casper, der vor zehn Jahren zum Chefkoch eines Nobelrestaurants aufstieg. Aber anstatt seine eigenen Mahlzeiten zu kreieren, muss er den konservativen Kochplan seines Chefs ausführen. Immerhin lieben die Gäste seit Jahrzehnten genau diese Gerichte, die immer auf die gleiche Art zubereitet werden. Also bitte keine Experimente.
Nach einer missgünstigen Kritik eines Restaurantkritikers, der Carl vorwirft, dass er seinen Esprit verloren habe, flippt Carl aus. Der Streit zwischen ihnen führt letztendlich zu seiner Entlassung.
Mit etwas Hilfe von seiner Ex-Frau entschließt Carl sich zu einem Zurück-zu-den-Wurzeln-Programm. In Florida organisiert er sich einen Imbisswagen, bringt ihn, mit seinem elfjährigem Sohn Percy und seinem Sous-Chef Martin, wieder in Schuss. Gemeinsam machen sie sich von Miami aus auf den Weg quer durch die USA zurück nach Los Angeles.
Auf dem Weg durch die Südstaaten wird, auch dank der sozialen Medien, aus der Schnapsidee, mit der Carl seinem Sohn die regionale amerikanische Küche näher bringen will, ein Triumphzug. Denn überall stehen die Leute Schlange, um seine Variationen südamerikanischer und kubanischer Leckerbissen zu essen.
„Kiss the Cook“ ist ein sympathisches Feelgood-Movie, in dem etliche Stars kurze, oft prägnante Auftritte haben und man mit den drei Männern im Imbisswagen „El Jefe“ gerne seine Zeit verbringt. Da verzeiht man auch, dass diese Reise gänzliche konfliktfrei abläuft und das präsentierte Essen nicht sonderlich gesund ist.
Beim Tribeca-Filmfestival erhielt „Kiss the Cook“ den Publikumspreis.
Drehbuch: Roberto Orci, Alex Kurtzman, Damon Lindelof, Mark Fergus, Hawk Ostby (nach einer Geschichte von Mark Fergus, Hawk Ostby und Steve Oedekerk [klingt nach einer sehr langen Entwicklung])
Buch zum Film: Joan D. Vinge: Cowboys & Aliens, 2011
Wilder Westen: Aliens versuchten schon damals, die Erde zu besetzen. Aber dieses Mal legen sie sich mit „James Bond“ und „Indiana Jones“ an. Klarer Fall, wer die besseren Karten hat.
Vergnüglicher, starbesetzter, etwas unterschätzter Western, der gerade in seinen traditionellen Teilen gefällt, und viel besser als die Box-Office-Bombe „Lone Ranger“ ist.
mit Daniel Craig, Harrison Ford, Abigail Spencer, Buck Taylor, Olivia Wilde, Sam Rockwell, Clancy Brown, Paul Dano, Adam Beach, Noah Ringer, Keith Carradine, Walton Goggins
Wie sieht das Leben nach einer Hauptrolle in einer erfolgreichen Serie aus? Schwierig. Sehr schwierig, wie auch „Tracers“ mit Taylor Lautner zeigt. Lautner, für alle die um Young-Adult-Hits einen großen Bogen mache, spielte in den „Twilight“-Filmen mit und jetzt versucht er sich wohl als Action-Star zu etablieren. Dabei ist das Drehbuch von Matt Johnson („Into the Blue“) so dünn ist, dass man nichts über seine schauspielererischen Qualitäten sagen kann. Seine Star-Qualitäten, die uns dazu bringen, den Film nur wegen ihm anzusehen und zu mögen, sind jedenfalls deutlich geringer als die seiner „Twilight“-Co-Stars.
Taylor Lautner spielt in „Tracers“ Cam, einen netten, bei den falschen Leuten hoch verschuldeten, New Yorker Fahrradkurier. Bei einer seiner Touren stößt er mit Nikki zusammen. Von seiner Seite ist es Liebe auf den ersten Blick. Außerdem ist er von ihren sportlichen Fähigkeiten fasziniert. Sie hüpft scheinbar schwerelos durch die Stadt.
Nach längerem Suchen findet er sie und sie verschafft ihm Zugang zu ihrer Clique: eine Gruppe junger Menschen, die Parkour, also das sportliche Laufen und Springen durch die Stadt ohne auf Hindernisse zu achten, praktizieren. Ihr Anführer ist Miller. Er plant die Überfälle, in denen sie ihre Parkour-Fähigkeiten als Verbrecher ausnutzen.
Cam will mitmachen. Wegen der Liebe. Wegen dem Sport. Wegen des Geldes. Denn der Geldeintreiber der chinesischen Mafia will unbedingt sein Geld zurückhaben. Mit dem üblichen unverschämten Zinsaufschlag.
Die Story ist die übliche Ansammlung von Klischees, die noch nicht einmal eine halbe Gehirnzelle Aufmerksamkeit beansprucht.
Dafür ist die Action äußerst überzeugend geraten. Für den Dreh wurden auch echte Parkourläufer verpflichtet. Bei den Stunts wird selten geschnitten und oft wird das Geschehen – wenn sie scheinbar schwerelos über ihr Trainingsgelände (ein Schiffswrack) oder über Häuserdächer springen – in der Totale gezeigt, die die große Leinwand rechtfertigt.
Der Film als Ganzes ist nur Direct-to-DVD-Standardware.
Wenn wir das „Das Original ist besser“-Gerede links liegen lassen, hat „Poltergeist“, Gil Kenans Remake des gleichnamigen Horrorfilms von Tobe Hooper (mit Steven-Spielberg-Vibe), zwei aktuelle Probleme: „Conjuring – Die Heimsuchung“ und „Der Babadook“ – zwei neue Horrorfilme, in denen in einem Haus die Hölle los ist, und die verdammt gut sind. Dagegen ist „Poltergeist“ nur ein laues Lüftchen, das vorhersehbar das Haunted-House-Horrorfilmgenre bedient. Denn die von Steven Spielberg erfundene Geschichte war schon beim 1982er Film altbekannt.
Die Familie Bowen zieht in ein wunderschönes Vorstadthaus, das direkt neben einer Grünanlage liegt. Schon bei der Besichtigung gibt es seltsame Ereignisse, die in den nächsten Tagen immer größere Dimensionen annehmen, bis – als vorläufiger Höhepunkt – die jüngste Tochter Maddy in eine andere Dimension verschwindet. Ihre beiden Geschwister Griffin und Kendra, Vater Eric (Sam Rockwell) und Mutter Amy (Rosemarie DeWitt, beide unterfordert), ein Team von universitären Forschern und ein professioneller Geisterjäger mit einer TV-Sendung versuchen jetzt das Kind zu retten.
Der Kontakt erfolgt dabei – und das war schon im Original der originelle Moment, der für das bekannte Plakatmotiv sorgte – über den Fernseher.
Der originale „Poltergeist“-Film überzeugte als altmodischer Geisterfilm, der die bekannte Geschichte mit guten Tricks noch einmal schlüssig in zwei Stunden erzählte. Er war die düstere Variante von „E. T.“, dem Film, den Steven Spielberg drehte, während er „Poltergeist“ produzierte und Tobe Hooper den Regiestuhl überließ. Schon während des Drehs gab es Diskussionen darüber, wie sehr Spielberg dann doch die Regie und den Schnitt übernahm. Der Film war ein Hit. In zwei Fortsetzungen durfte der Poltergeist weiter poltern.
Bei dem Remake übernahm Gil Kenan die Regie. Sein Regiedebüt war der Oscar-nominierten Animationsfilm „Monster House“ über ein sehr lebendiges Horrorhaus. „Tanz der Teufel“ Sam Raimi produzierte und selbstverständlich wird jetzt in 3D gepoltert. Es wurde – obwohl es eher nach einer Konvertierung aussieht – sogar in 3D gedreht. Trotzdem wirken die räumlichen Dimensionen auf eine ärgerliche Art immer etwas falsch. Denn, im Gegensatz zu einem Film Noir oder einem expressionistischem Horrorfilm, ist eine eindeutige künstlerische Aussage nie erkennbar. Immerhin gibt es keine Wackelkamera, kein Found-Footage-Gedöns und keine Splatter- und Folterorgien. Vor allem letzteres wäre in einem Geisterhausfilm auch etwas unpassend.
Im Gegensatz zu „Der Babadook“ ist „Poltergeist“ nur eine Geisterbahnfahrt: es gibt die erwartbaren Schocks und Überraschungen, aber die Seele, das Thema, das, was den Film zu mehr als einer Horrorshow machen könnte, fehlt. Die bösen Poltergeister sind einfach nur Tote, die stinkig sind, dass jemand ihre Grabsteine versetzt hat.
Obwohl dieses Mal gleich die ganze San-Andreas-Verwerfung rockt, ist „San Andreas“ ein fast schon kleiner, intimer Film über eine Familienzusammenführung. Denn während die halbe Westküste von gigantischen Erdbebenstößen heimgesucht wird, will Ray Gaines (Dwayne Johnson) nur seine Tochter Blake (Alexandra Daddario) retten.
Ray ist Rettungspilot der Feuerwehr von Los Angeles und damit, wie wir in den ersten Filmminuten bei einem Einsatz in einer sehr engen Schlucht sehen, prädestiniert für eine solche Rettungsmission. Trotzdem nimmt er seine Ex-Frau Emma (Carla Gugino) mit. Immerhin ist sie die Mutter von Blake und er hat sie gerade in einer selbstmörderischen Rettungsaktion vom Dach eines Hochhauses gerettet. Danach waren das Hochhaus und die Innenstadt von Los Angeles erdbebenbedingt platt. Sein Berufsethos opfert er der geplanten Familienzusammenführung.
Währenddessen kämpft ihre Tochter in San Francisco ums Überleben. Zum Glück hat ihr Vater ihr alles beigebracht, was man zum Überleben während einer Katastrophe benötigt.
Die Katastrophenfilme der vergangenen Jahrzehnte überzeugten nie mit einer besonders komplexen Geschichte oder glaubwürdig-dreidimensionalen Charakteren. Normalerweise, wie in „Erdbeben“ (USA 1974), das ebenfalls in Los Angeles spielt, ein Kassenhit war und in jeder Beziehung wie ein Vorläufer für „San Andreas“ wirkt, darf ein imposantes Staraufgebot in vorhersehbaren Geschichten voller Klischees grenzdebile Sätze sagen, während sich, die unfreiwilligen Helden und die Feiglinge fein säuberlich auseinanderdividieren und die Tricks überzeugen.
Auch „San Andreas“ wäre als weitere Episode in „Erdbeben“ nicht weiter aufgefallen. Denn Dwayne Johnson ist der einzige Star. Paul Giamatti glänzt in einer Nebenrolle als Erdbebenforscher, der mit seinem Modell die nächsten Erdbebenstöße voraussagen kann. Die anderen Schauspieler sind eher unbekannt.
Die Tricks sind gut, aber inzwischen hat man schon viel zu oft im Computer fotogen zusammenfallende Gebäude gesehen. Im Gegensatz zu früher, ist die Qualität der Tricks zwischen einem billigem und einem teuerem Film und einem Computerspiel nicht mehr so groß wie früher. Vor allem wenn man den teueren Film nicht auf einer großen Leinwand sieht. Auffallend bei den zahlreichen Katastrophenszenen in „San Andreas“ ist der fast vollständige Verzicht auf die Zeitlupe, weshalb man die Zerstörung während der Beben kaum genießen kann. Und das alles geschieht äußerst unblutig. Immerhin sterben in dem Film tausende Menschen oder sie taumeln nach den Erdbebenstößen verletzt durch die Stadt.
Für den Film spricht eine insgesamt schlüssige Geschichte (eigentlich wird nur erzählt, wie Ray und Emma von Los Angeles nach San Francisco in wechselnden Fortbewegungsmitteln fahren und wie Blake in San Francisco zum vereinbarten Treffpunkt gehen will – und natürlich geschicht immer wieder etwas Unvorhergesehenes, das alle Pläne über den Haufen wirft), sympathische Schauspieler (Dwayne Johnson ist einfach immer sympathisch und Paul Giamatti ist immer ein Gewinn. Auch in einer vollkommen undankbaren Rolle.) und die durchaus ansehnlichen Zerstörungsorgien.
Es ist allerdings auch ein Katastrophenfilm, der sich nie bemüht mehr als ein weiterer Katastrophenfilm zu sein. Immerhin passiert ständig etwas, das die Handlung vorantreibt, und die Spannungs- und Kitschmomente sind so übersteigert, dass sie auch schon fast die eigene Parodie mitliefern.
WDR, 23.30 Night Moves (Night Moves, USA 2013)
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Jon Raymond, Kelly Reichardt
Drei junge Öko-Aktivisten wollen einen Staudamm sprengen.
Insgesamt sehenswerter Arthaus-Thriller, der gelungen die gängigen Thrillerkonventionen unterläuft und ein Nicht-Hollywood-Bild von den USA zeichnet. Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Jesse Eisenberg, Dakota Fanning, Peter Sarsgaard, Alia Shawkat, Logan Miller, Kai Lennox, Katherine Waterston, James Le Gros
Mit Hanna Schygulla, Klaus Löwitsch, Ivan Desny, Gottfried John, Gisela Uhlen, Günter Lamprecht, Elisabeth Trissenar, Volker Spengler, Karl-Heinz von Hassel, Michael Ballhaus, Hark Bohm, Günther Kaufmann, Bruce Low, Rainer Werner Fassbinder, Claus Holm
LV: William Hjortsberg: Falling Angel, 1978 (Angel Heart)
Privatdetektiv Harry Angel soll einen verschwundenen Jazzmusiker finden. In New Orleans verschwimmen für ihn immer mehr die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit.
Exzellenter Okkultthriller, der die Handlung des Buches von New York nach New Orleans verlegt.
William Hjortsberg zum Film: „Parker wrote an excellent script and went on to make a memorable film.”
Mit Mickey Rourke, Robert De Niro, Lisa Bonet, Charlotte Rampling, Brownie McGhee, Dann Florek
Nach den ersten Minuten vermutet der gestandene Thriller-Fan, dass „Verjährung“ eine weitere Variation von Friedrich Dürrenmatts „Das Versprechen“ (ursprünglich verfilmt als „Es geschah am hellichten Tag“) wird. Immerhin kündigt Kommissar Cheong-ho seinen Job und er nimmt die Ermittlungsakten mit, um weiter an dem nicht aufgeklärten Entführungsfall zu ermitteln. Damals starb bei der Lösegeldübergabe das entführte Kind. Er hatte damals der Mutter Ha-kyung versprochen, den Täter zu finden. Seitdem sind fünfzehn Jahre vergangen und die Verjährungsfrist, die jede Ermittlung beendet, setzt ein.
Das könnte einen spannenden Kriminalfilm geben.
Aber Regisseur und Drehbuchautor Chung Keun-Sup macht nach diesem Auftakt noch einige Schlenker, die die Geschichte in neue und überraschende Bahnen lenkt. Es beginnt mit neuen Ermittlungen, weil jemand an dem der Öffentlichkeit unbekanntem Tatort eine Blume hinterlegte. Das ist die erste vielversprechende Spur, die Cheong-ho seit Ewigkeiten hat. Außerdem gibt es eine zweite Entführung, die an die damalige Entführung erinnert. Cheong-ho wird zu den Ermittlungen hinzugezogen. Außerdem ermittelt die immer noch um ihr Kind trauernde Mutter auf eigene Faust.
Gegen Ende driftet die Geschichte in „Oldboy“-Gefilde. Und wenn sich in den letzten Minuten alle Puzzlestücke zusammenfügen, zieht man anerkennend seinen Hut vor Chung Keun-Sup, der virtuos mit den Erwartungen des Zuschauers spielte.
Nur die zur Auflockerung eingestreuten Comedy-Elemente stören.
Verjährung (Mong-tajoo, Südkorea 2013)
Regie: Chung Keun-Sup (DVD-Cover, gebräuchlicher sind Geun-seop Jeong oder umgekehrt Jeong Geun-Seop)
Drehbuch: Chung Keun-Sup
mit Uhm Jung-Hwa, Kim Sang-Kyung, Song Young-Chang, Cho Hee-Bong
– DVD
Edel
Bild: 1,85:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Koreanisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Trailer
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
– Hinweise Moviepilot über „Verjährung“ Rotten Tomatoes über „Verjährung“ Wikipedia über „Verjährung“
LV: Philip K. Dick: Adjustment Team, 1954 (Kurzgeschichte)
Politiker David Norris verliebt sich in die Tänzerin Elise. Da tauchen einige seltsame Männer bei ihm auf, die behaupten, von einem Planungsbüro zu kommen und Norris’ Leben nachzujustieren. Denn nach dem Plan gibt es zwischen David und Elise keine Liebesgeschichte.
Bei Kritik und Publikum ziemlich gut angekommenes Spielfilmdebüt von George Nolfi, dem Drehbuchautor von „Das Bourne Ultimatum“, „The Sentinel – Wem kannst du trauen?“ und „Ocean’s Twelve“, über die Frage, ob wir unser Schicksal selbst in der Hand haben.
„Der Plan“ reiht sich mit seiner guten Story, den guten Schauspielern, der gelungenen Inszenierung und den gelungenen Tricks (es gibt wenige Tricks und die fügen sich organisch in die Geschichte ein) in die Reihe der gelungenen Philip-K.-Dick-Verfilmungen ein.
mit Matt Damon, Emily Blunt, Anthony Mackie, John Slattery, Michael Kelly, Terence Stamp
Wiederholung: Mittwoch, 27. Mai, 01.05 Uhr (Taggenau!)
1982: Eyad wächst in einem arabischen Dorf in Israel auf. Seine Familie ist lebhaft. Niemand hat viel, aber insgesamt Ist das Klima in der Gemeinde gut. Wenn nicht die Israelis wären, die einen ständig unterdrückten.
Sechs Jahre später erhält der intelligente Junge als bislang erster Palästinenser ein Stipendium an einem jüdischen Elite-Internat in Jerusalem. Er nimmt, begleitet von den besten Wünschen und der Unterstützung seiner Eltern, das Stipendium an und taucht, ganz auf sich allein gestellt, in das ihm fremde universitäre und jüdische Leben in der Großstadt ein. Er verliebt sich in seine Klassenkameradin Naomi. Ihre jüdischen Eltern dürfen nichts von ihrer Beziehung erfahren. Und er kümmert sich, im Rahmen des Sozialprojekts der Schule, um den gleichaltrigen jüdischen Yonatan, der an einer unheilbaren Muskellähmung erkrankt ist. Nach anfänglichen Problemen befreunden sie sich. Eyad wird praktisch zu einem Teil der Familie.
Drei Jahre später steht er vor einer schwierigen Entscheidung zwischen seinen muslimischen Wurzeln und einer Zukunft in Israel.
Eran Riklis‘ neuer Film „Mein Herz tanzt“ beginnt wie eine schrullige Komödie aus dem israelisch-palästinensischem Grenzland mit all ihren Absurditäten und wird zunehmend ernster. Das könnte funktionieren, wenn Riklis darauf vorbereiten würde, die Geschichte nicht zunehmend zwischen ihren Plots zerflettern würde (was man wohlwollend als ein tanzen zwischen Kulturen und Ansprüchen interpretieren könnte) und das Ende nicht so absurd wäre. Es ist „überraschend“ (was ja jeder Schreibratgeber fordert) im negativen Sinn. Nichts bereitet einen während des Films darauf vor. Es ist aus der Luft gegriffen, eigentlich gegen den Charakter von Eyad und man fragt sich, ob Riklis das wirklich als eine Antwort auf die Identitätskonflikte junger Menschen geben möchte.
Diese Uneinheitlichkeit im Erzählton und auch der Erzählhaltung führt dazu, dass man glaubt, drei verschiedene Filme zu sehen und die Dramaturgie zunehmend episodisch wird. Die Geschichte zerfasert, was durch die Zeitsprünge (Juni 1988, November 1990 und April 1991) noch verstärkt wird und es wird immer unklarer, an welchem Punkt Riklis die Filmgeschichte beenden will. Wenn es in der Liebesgeschichte eine entscheidende Wendung gibt? Wenn sein Freund stirbt? Wenn er sein Studium abschließt und ein neues Kapitel seines Lebens aufschlägt? Oder wenn er sein Studium abbricht, um, wie sein Vater, Terrorist zu werden? Nun, ein Terrorist wird Eyad nicht.
Diese während des Films verstärkende Unklarheit über das angepeilte Ende (also das Ziel der Reise) führt auch dazu, dass man das Interesse an der Filmgeschichte verliert.
Ein sprachgewaltiger Autor – „Mein Herz tanz“ basiert auf einem halb-autobiographischem Roman – kann mit seiner Sprache über diese episodenhafte Struktur hinwegtäuschen. In einem Film, der einer anderen Dramaturgie gehorcht, ist das allerdings zu wenig.
Das ist schade, weil „Mein Herz tanzt“, nach dem fast schon burlesken ersten Teil, feinfühlig von den Ängsten, Nöten und Hoffnungen eines Studenten in einer fremden Stadt und einer ihm feindlich gesonnenen Gesellschaft, in der er versucht seinen Weg zwischen den Kulturen zu finden, erzählt.
HR, 21.40 Tatort: Schattenboxen (Deutschland 1981, Regie: Fritz Umgelter)
Drehbuch: Hans Kelch (nach der Kurzgeschichte „Ein Mord zur rechten Zeit“ von -ky, erschienen in „Mitunter mörderisch“, 1976)
Erster von zwei Auftritten von Lutz Moik als Hauptkommissar Bergmann: ein Fabrikant wird entführt. Kommissar Bergmann glaubt, dass ein Boxtrainer und sein Schützling etwas mit der Entführung zu tun haben. Und er fragt sich, warum es, trotz einer hohen Lösegeldforderung, kein Lebenszeichen von dem Entführtem gibt.
Ein alter „Tatort“, der allein schon wegen seinem Alter sehenswert ist. Außerdem laufen diese alten „Tatorte“ fast nie im Fernsehen.
mit Lutz Moik, Ingmar Zeisberg, Günter Strack, Günter Lamprecht, Matthias Dittmer, Karl Michael Vogler, Richy Müller Hinweise Das Erste über „Tatort: Schattenboxen“ Wikipedia über „Tatort: Schattenboxen“ Tatort-Fundus über Kommissar Bergmann
Sting sang vor Ewigkeiten über einen „Englishman in New York“. Mark Reeder ist ein Englishman in Berlin und er findet Sting wahrscheinlich wahnsinnig blöd. Immerhin stöberte Reeder in seiner Heimat Manchester (kein schöner Ort, aber die Heimatstadt von „Joy Division“) durch die Fächer seines Plattenladens und er war fasziniert von den tollen elektronischen Klängen, die aus Deutschland kamen. Kraftwerk, Tangerine Dream undsoweiter. Also machte er sich Ende der Siebziger, als Zwanzigjähriger, ohne Geld, ohne ein Wort Deutsch zu können (bis auf die wenigen Worte, die man aus den Filmen kannte und mit denen man die Eltern, die noch den Krieg erlebt hatten, mühelos provozieren konnte), mit einem Spleen für Uniformen (natürlich deutsche Uniformen) auf den Weg in die Stadt seiner Träume: Berlin, das ihn mit seiner lieblos gepflegten Ruinenlandschaft an seine Heimatstadt erinnerte.
Dort wuselte er in der Kunst- und Musikszene herum, traf einige der von ihm verehrten Musiker (bei anderen endete das Abenteuer an der Haustür) und auch andere, damals noch unbekannte Musiker, wie Nena, Die Toten Hosen, Blixa Bargeld und Nick Cave (der in dem Film durch seine, ähem, Wohnung führt), lebte in besetzten Häusern, hatte Zoff mit der Polizei, trat in Filmen auf (seine Kleidung half), organisierte Konzerte und alles war, wie Mark Reeder in „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ erzählt, ein einziger Rausch. Immerhin war West-Berlin in den Achtzigern ein Kreativzentrum der Subkultur und er war mittendrin. Jedenfalls soweit er sich noch daran erinnern kann, denn, wie am Anfang des Films ganz bescheiden bemerkt wird: wer sich an die Achtziger erinnern könne, habe sie nicht erlebt. Nach der Euphorie der frühen Achtziger mit Depri-Klängen, Endzeit-Musik und experimentellen Avantgarde-Klängen und einem bekennendem Dilletantismus, war irgendwann die Party vorbei. Es kam der Kater. Ende der Achtziger entdeckte er Westbam. Von diesen neuen elektronischen Klängen war er wieder fasziniert und er gründete 1990 das Trance-Label MFS. Aber das ist eine andere Geschichte.
In „B-Movie“ erzählt Reeder seine Geschichte. In der deutschen Fassung sogar mit einem wunderschönen Akzent, der seiner distanziert-ironischen, sich selbst nie zu ernst nehmenden Schilderung von den wilden achtziger Jahren in West-Berlin eine zusätzlich sehr britische Note verpasst, wenn er erzählt, wie er als seltsamer Engländer mit einem Uniformfetisch freundlich von den Berlinern aufgenommen wurde, die frühen Achtziger eine einzige Party in einem von der restlichen Welt abgeschlossenem Irrenhaus waren, garniert mit Ausflügen nach Ost-Berlin, das er „Disneyland für Depressive“ nennt.
Denn trotz aller Selbstinszenierung (man hat das Gefühl, dass Reeder keine zwei Schritte ohne seine Kamera ging) wirkt er immer sympathisch redselig und bescheiden. Das liegt auch daran, dass er ein großes Panorama der damaligen Szene ausbreitet und er und die Filmemacher Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck (die ebenfalls aus der Subkulturszene kommen) und Heiko Lange tief in den Archiven wühlten und eine erstaunliche Menge an zeitgenössischem Filmmaterial ausgruben, das es ihnen ermöglichte, vollkommen auf aktuelle Interviews zu verzichten. „B-Movie“ ist die Rückschau von Reeder, die eher zufällig entstand. In einem Interview in der „Berliner Zeitung“ vom 21. März 2015 (nicht online) sagt er: „Jörg [Hoppe] gefiel eines meiner Remix-Alben und so fragte er mich, ob ich bei diesem Projekt das Sounddesign machen wollte. Ich fand das interessant und meinte, ich hätte da ein paar Filme bei mir zu Hause. Das könnte er sich ja überspielen. Er wusste überhaupt nichts von meinem früheren Leben. Gleichzeitig suchten sie nach einem roten Faden, der die Filmsequenzen verbindet. Der Film ist also ganz den Regisseuren zu verdanken, sowie allen, die uns ihre Super-8- oder VHS-Filme gegeben haben. Ich als außenstehender Dritter konnte allerdings aus einer ganz anderen Perspektive erzählen, um die Stadt zu dieer Zeit zu zeigen, mit einem ganz anderen Humor.“
So entstand eine feine, kurzweilige, witzige, lehrreiche Dokumentation, die eine gute Ergänzung zu Oscar Roehlers „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ ist und etwas Lust auf das Wiederhören der alten Platten macht. Denn der Endzeit-Lärm der „Einstürzenden Neubauten“ (um nur die bekannteste Berlin-Band zu nennen) ist nicht gerade lauschige Musik für das Feierabendbier.
B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989(Deutschland 2015)
Regie: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Drehbuch: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
mit Mark Reeder, Gudrun Gut, Westbam, Blixa Bargeld, Nick Cave, Joy Division, Zazie de Paris, Nena, Die Toten Hosen, Der Wahre Heino, Einstürzende Neubauten, Die Ärzte, Malaria!, Ideal, Jörg Buttgereit
Länge: 92 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
– Hinweise Homepage zum Film Filmportal über „B-Movie“ Film-Zeit über „B-Movie“ Moviepilot über „B-Movie“
Wikipedia über Mark Reeder (deutsch, englisch)
Der Mordfall war im November 2007 ein gefundenes Fressen für die Medien: ein Mord unter Studenten in der italienischen Stadt Perugia. Das Opfer Meredith Kercher sah gut aus und war aus England. Die mutmaßliche Täterin, die Studentin Amanda Knox, der „Engel mit den Eisaugen“, sieht ebenfalls gut aus und ist aus den USA. Ein mit ihr befreundeter italienischer Student wurde als Mittäter angeklagt und Gerüchte über satanische Riten vervollständigten das Bild. Die Ermittlungen der Polizei waren so schlampig, dass, befeuert von den Sozialen Medien (also dem Internet), gleich die Verschwörungstheorien ins Kraut schossen.
Die Journalisten waren entzückt und berichteten über Monate ihren Heimatredaktionen über die Ermittlungen und den durch mehrere Instanzen gehenden Prozess. True-Crime-Autoren schrieben Bücher, von denen nur die wenigsten ins Deutsche übersetzt wurden. Eines der wenigen ist, bei Knaur, „Der Engel mit den Eisaugen“ (The Witch of Perugia, 2013) von Douglas Preston und Mario Spezi.
Hollywood hätte sich die Geschichte nicht besser ausdenken können.
Auch Michael Winterbottoms „Die Augen des Engels“ erzählt nur leicht fiktionalisiert die Geschichte des Mordfalls Kercher und des Presserummels anhand den Recherchen von Thomas Lang (Daniel Brühl), der einen Spielfilm über den Fall drehen will. Auch wenn Winterbottom es in Abrede stellt, kann man nicht anders, als in Lang das filmische Alter Ego von Michael Winterbottom zu sehen, der im Film die Reise unternimmt, die Winterbottom bei den Recherchen für den Film unternommen hat.
Die US-Journalistin Simone Ford (Kate Beckinsale) (deren reales Vorbild Barbie Latza Nadeau dem Filmteam helfend zur Seite stand) erklärt ihm in Siena die Hintergründe des Mordfalles, führt ihn an die wichtigen Orte und vermittelt ihm einige Gesprächspartner. Die Amerikanerin Jessica Fuller soll mit ihrem Freund ihre Mitbewohnerin ermordet haben. Ford führt ihn an die wichtigen Orte, verschafft ihm Kontakte und besucht mit ihm auch Gerichtsverhandlungen. Außerdem lernt Lang eine junge Studentin kennen, die ihn in die studentische Gemeinde einführt.
Diese Konstruktion in der neben dem Mordfall auch die journalistische und die fiktionale Bearbeitung eines Skandalmordfalles angesprochen werden, übt natürlich einen gewissen Reiz aus, der sich im Film dann nur bedingt entfaltet. Denn der Protagonist ist ein Beobachter, der einfach noch einmal die bekannten Fakten zusammenträgt (vor allem indem Journalisten sie ihm erzählen), fernab von seiner Heimat eine kleine Sinnkrise hat (er hat seit Jahren keinen Film mehr gedreht und lebt getrennt von seiner Frau und seiner Tochter) und, immerhin soll es ja irgendwann auch etwas Thriller-Spannung geben, glaubt, dass er in Lebensgefahr schwebt, weil ein geheimnisvoller Blogger (Valerio Mastandrea), der behauptet, die wahren Hintergründe zu kennen, ihn umbringen will. Die Auslandskorrespondenten, die in Siena den Mord beobachten, sind ein kleines hübsches Biotop, das lange nicht so interessant wie das Biotop der Kriegsreporter ist, und das auch eher eine dekorative Rolle hat. Das gleiche gilt für das studentische Milieu, das Lang ebenfalls als Außenstehender betrachtet.
Michael Winterbottom spricht in seinem Film viel an, ohne sich jemals wirklich für eine Geschichte zu entscheiden. Eigentlich kann man „Die Augen des Engels“ sogar besser darüber beschreiben, was er nicht ist. Am Ende überwiegt daher der Eindruck ein vor fotogener Kulisse gut gespieltes, niemals wirklich packendes Drama, das einmal als TV-Film-der-Woche geplant war, gesehen zu haben. „Die Augen des Engels“ ist nicht wirklich schlecht. Es ist aber auch kein Film, den man begeistert weiterempfiehlt.
Nach mehreren Gerichtsverhandlungen wurden am 27. März 2015 vom obersten Gerichtshof Italiens Amanda Knox und Raffaele Sollecito endgültig freigesprochen. Wer Meredith Kercher ermordete ist immer noch unklar.
Der Anfang von Brad Birds neuem Film „A world beyond“ (er war zuerst als „Projekt: Neuland“ angekündigt) ist eine schöne Einführung in verschiedene Weltsichten und auch ein kleiner Ulk auf Kosten des Produzenten: George Clooney wendet sich direkt an uns und sagt, dass man die nun folgende Geschichte in die richtige Perspektive setzen müsse. Nämlich die Negative, mit Kriegen und von Menschen verursachte Umweltzerstörung und Katastrophen, die die Welt zerstören. Eine Stimme unterbricht ihn und fordert eine postivere Perspektive. Für Kinder ist diese Szene sicher nur ein gelungener Witz, für Filmkundige eine liebevolle Auseinandersetzung mit der immer positiven Disney-Welt und der ganz anderen Realität, die natürlich im weiteren Film nur noch eine Nebenrolle spielt. Immerhin ist der retrofuturistische Science-Fiction-Abenteuerfilm „A world beyond“ ein Disney-Film, der sich in erster Linie an das typische Disney-Publikum, also Kinder, richtet, ohne dass Erwachsene schreiend den Saal verlassen müssen. Für die gibt es genug Subtexte, Anspielungen und filmische Zitate, um sie kurzweilig zu unterhalten, während die Geschichte auf der logischen Ebene wenig bis keinen Sinn ergibt. Dafür stimmt die emotionale Reise, auf die uns Regisseur und Drehbuchautor Brad Bird (Ratatouille, Mission: Impossible – Phantom Protokoll) und Mit-Drehbuchautor Damon Lindelof (Lost, World War Z) mitnehmen umso mehr.
Casey Newton (Britt Robertson) ist als Teenager ein echter Wildfang, die sich, wenn sie nicht gerade um ihren jüngeren Bruder kümmert, die Abrissbagger an einer Raketenabschussrampe in Cape Canaveral sabotiert (sie will den Abriss und die damit drohende Arbeitslosigkeit ihres Vaters verhindern). Sie ist superschlau, von der Technik begeistert und gnadenlos fortschrittsgläubig. Die Optimistin glaubt, dass mit Erfindungen eine bessere Welt möglich ist. Sie ist die große Schwester, die wir als Zehnjährige gerne gehabt hätten.
Als sie nach einem ihrer nächtlichen Streifzüge inhaftiert wird, erhält sie bei ihrer Entlassung einen Button mit einem „T“, der sie, als sie ihn anfasst, in eine andere Welt versetzt. Es ist das Tomorrowland, dessen Silhoutte dem bekannten Disney-Logo ähnelt und in Disneyworld gab es bereits 1955 den ersten „Tomorrowland“-Themenpark, der den naiven, an seine technische Machbarkeit glaubenden Fortschrittsglauben der fünfziger Jahre huldigte und der sich auch bruchlos im Film wiederfindet.
Als forschungsbegeisterte Jugendliche will Casey natürlich mehr über diese fantastische, saubere und perfekte Zukunftswelt erfahren und sie begibt sich auf eine gefahrvolle Reise, auf der sie auch Frank Walker (George Clooney) begegnet. Vor Jahrzehnten war er, wie sie, ein an eine wundervolle Zukunft voller wundervoller technischer Spielereien und Gadgets glaubender Jugendlicher. Für die Weltausstellung 1964 hat der damals Zehnjährige einen Raketen-Rucksack erfunden, der noch nicht perfekt funktionierte. Anstatt nach oben bewegte er sich seitwärts. Damals gab die gleichaltrige Athena (Raffey Cassidy) ihm ebenfalls einen „T“-Button und er konnte das Tomorrowland, ein Ort, in dem die besten Erfinder der Welt abgeschieden von der normalen Welt, an Erfindungen, die die Welt zu einem besseren Ort machen sollen, arbeiten.
Doch dieser Traum wurde irgendwann zu einem Alptraum, der auch unsere Welt bedroht.
Als letzte Chance für eine Rettung beider Welten hat die immer noch jugendliche Athena Casey den letzten „T“-Button gegeben.
Aber bis wir erfahren, wer Tomorrowland und die Welt zerstören will und Casey und Frank auf den erstaunlich blassen Bösewicht treffen, muss sie in der Gegenwart (im SF-Andenkenladen „Blast from the Past“ und mit vielen menschenähnlichen Robotern) und in der Vergangenheit (die etwas mit dem Eiffelturm zu tun hat) viele Abenteuer erleben, die alle in sich vergnüglich sind, aber, genau wie ein Kindergeburtstag, nicht viel Sinn ergeben. Außer natürlich, dass man eine gute Zeit hat.
A world beyond(Tomorrowland, USA 2015)
Regie: Brad Bird
Drehbuch: Brad Bird, Damon Lindelof (nach einer Geschichte von Damon Lindelof, Brad Bird und Jeff Jensen)
mit George Clooney, Britt Robertson, Hugh Laurie, Raffey Cassidy, Tim McGraw, Keegan-Michael Key, Kathryn Hahn, Thomas Robinson, Judy Greer
Der Staatsfeind Nr. 1 (USA 1998, Regie: Tony Scott)
Drehbuch: David Marconi
Anwalt Robert Clayton Dean gelangt unwissentlich in den Besitz eines Videos, das den Mord an einem Politiker zeigt. Der Täter, ein hochrangiger Abgeordneter, setzt den ganzen Geheimdienst-Überwachungsapparat ein, um den Zeugen zu beseitigen. Und los geht die Hatz durch die USA.
Spannender, etwas lang geratener Thriller von Produzent Jerry Bruckheimer, der heute aktueller als damals ist. Denn wer geht heute noch ohne Handy vor die Haustür?
mit Will Smith, Gene Hackman, Jon Voight, Lisa Bonet, Regina King, Stuart Wilson, Tom Sizemore, Loren Dean, Barry Pepper, Jack Busey, Scott Caan, Gabriel Byrne