„Freistatt“ hat ein wichtiges Thema: die Erziehung von Kindern und Jugendlichen in Heimen in den Nachkriegsjahren bis weit in die siebziger Jahre in Westdeutschland. Erst durch die von den 68er angestoßene Diskussion über Erziehungsmethoden und die Frage von Gewalt in der Erziehung wurden die Vorgänge in den Heimen, in die Waisen und schwer erziehbare Kinder geschickt wurden, zu einem in der Gesellschaft diskutierten Thema. Heime wurden aufgelöst. Die Erziehung reformiert.
Aber auch nach einem Runden Tisch Heimerziehung, der 2010 seinen Abschlussbericht vorlegte, und eine Entschädigung versprochen wurde, warten immer noch viele ehemalige Zöglinge auf diese Entschädigung und eine Anerkennung ihres Leids. Denn die Erziehung in den Heimen bestand darin, die Jugendlichen in ein System von Befehl und Gehorsam einzufügen. Sie zu gefügigen Untertanen zu machen. Eine der härtesten Einrichtungen war Freistatt, gelegen im Landkreis Diepholz in Niedersachsen, betrieben von der Diakonie Bethel, geführt als Wirtschaftsbetrieb mit den Zöglingen als kostenlosen Arbeitskräften, die Torf stechen mussten.
Das ist der heute wohl ziemlich unbekannte historische Hintergrund von Marc Brummunds Film „Freistatt“, in dem er die Geschichte von Wolfgang (Louis Hofmann) erzählt. 1968 wird der Vierzehnjährige von seinem Stiefvater Heinz (Uwe Bohm) und seiner Mutter Ingrid (Katharina Lorenz) nach Freistatt geschickt. Dort sollen dem aufsässigem Bengel Manieren beigebracht werden.
Geleitet wird das Heim von Hausvater Brockmann (Alexander Held), der mit öliger Freundlichkeit und harter Hand die Zöglinge zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft machen will. Das geschieht nicht mit Schulunterricht, sondern mit harter Arbeit, Drohungen, Gewalt und Psychofolter.
Aus diesem Thema hätte man viel machen können. Aber Regisseur Marc Brummund und seine Co-Drehbuchautorin Nicole Armbruster haben nur die Faszination und das Erschrecken über die nur etwas über vierzig Jahre zurückliegende, uns heute vollkommen fremd erscheinende Erziehung und danach nichts mehr. Denn anstatt anhand der Geschichte von Wolfgang eine klare Position zu beziehen, liefern sie nur einen Reigen des Schreckens, den wir schon besser gesehen haben; in zahlreichen Gefängnisfilmen, aber auch in Erziehungs- und Schuldramen wie „Der junge Törless“ und „King of Devil’s island“, um zwei gelungenere Filme zu nennen, in denen das Unterdrückungssystem im Rahmen einer packenden Geschichte genau analysiert wird.
In „Freistatt“ präsentiert Brummund die auch aus anderen Filmen bekannten Szenen von Unterdrückung und Freiheitsdrang des Einzelnen, ohne dass sie hier jemals wirklich packen. Dafür ist Wolfgangs Freiheitsdrang und seine Revolte gegen das System zu diffus. Und die Szenen sind zu beliebig angeordnet. Es gibt fast nie eine direkte Verbindung von Ursache und Wirkung, von unbotmäßigem Verhalten und Strafe. Von einer folgerichtigen Eskalation der Strafen im Rahmen der Erziehung. So gibt es gerade am Anfang, wenn Wolfgang nach Freistatt kommt und die dortige, archaische Gesellschaft, die mehr mit einem Gefängnis, das mit Hilfe der Inhaftierten geführt wird, als mit einer Erziehungsanstalt zu tun hat, starke Szenen. Obwohl die einzelnen Charaktere blass und austauschbar bleiben. Später gibt es mehrere Szenen, die wohl als Metapher gedacht waren, aber im Rahmen eines realistischen Dramas abstrus wirken. Zum Beispiel wenn Wolfgang mit einem anderen Zögling in das Moor flüchtet und sie im Kreis laufen, ohne es zu bemerken.
Es gibt auch keine Verknüpfung von der damaligen Erziehung, der sich ändernden Gesellschaft, der Jugendrevolte (die sich in den Großstädten austobte, während das platte Land noch im Tiefschlaf lag) und der Gegenwart (in der wieder über geschlossene Heime für schwer erziehbare Jugendliche gesprochen wird).
„Freistatt“ ist auch ein Reigen, der trotz der genauen Datierung von Ort und Zeit seltsam aus der Zeit gefallen ist. Denn ohne den Hinweis, dass die Geschichte 1968 spielt, könnte sie auch Jahrzehnte früher spielen. Brummund sagt zwar, sie habe die Gleichzeitigkeit zwischen Studetenrevolte und der Fortschreibung eines institutionalisierten Missbrauchs in Heimen und Institutionen fasziniert, aber Faszination allein ergibt keinen guten Film. Sie muss in eine packende Geschichte übersetzt werden.
Das Ende des Films zeigt eindrücklich, dass Brummund nicht wusste, was er erzählen wollte. Ein Film sollte genau dann enden, wenn die Geschichte erzählt ist. Er sollte mit der Botschaft des Films enden. Keine Sekunde früher, aber auch keine Sekunde später. Brummund bietet drei Enden an, von denen nur das erste Ende überzeugt und zum Nachdenken anregt. Es zeigt Wolfgang am Ende seiner aus Sicht der Heimleitung erfolgreichen Erziehung: jetzt darf er am Tisch über die Neuankömmlinge bestimmen, wie einige Monate früher über ihn bestimmt wurde. Er ist ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft. Ein Untertan. Nach diesem Ende kommen dann noch zwei weitere Szenen, die ebenfalls die Geschichte von Wolfgang beenden, aber das vorherige Ende und auch die Filmgeschichte verraten; – wenn sie denn eine eindeutige Position gehabt hätten.
Und es ist keine gute Idee, einen Film komplett überbelichtet zu präsentieren.
Terminator 2 – Tag der Abrechnung (USA 1991, Regie: James Cameron)
Drehbuch: James Cameron, William Wisher Jr.
Genialer Plan: um John Connor, den zukünftigen Anführer der Widerstandsbewegung gegen die Roboter, zu beseitigen, schicken sie einen T-1000-Roboter in die Vergangenheit (also die Gegenwart) zurück. Er soll Connor töten. Und Connor schickt einen T-800 zurück. Den kennen wir noch aus dem ersten „Terminator“-Film, als er Connors Mutter töten sollte, aber jetzt kämpft er im Team der Guten.
Eine der wenigen gelungenen Fortsetzungen und ein Kassenknüller.
„Actionkino auf der Höhe des im Kino derzeit Möglichen, rasant, packend und innovativ.“ (Fischer Film Almanach 1992)
Debüt von Edward Furlong.
mit Arnold Schwarzenegger, Robert Patrick, Edward Furlong, Linda Hamilton, Earl Boen, S. Epatha Merkerson, Xander Berkeley
Jeder Junge hat einen Teddybären. Aber nur John hat Ted, einen Teddybären, der ihn seit seiner Kindheit begleitet und alles das tut, was Jungs gerne tun: vor der Glotze abhängen, feste und flüssige Drogen zu sich nehmen, vulgär ablästern und Unfug treiben. Dummerweise ist John schon Mitte dreißig und er und Ted denken überhaupt nicht daran, sich irgendwie zu verändern. In Seth MacFarlanes Komödie „Ted“ muss John Bennet (Mark Wahlberg) dann doch erwachsen werden. Das gelang ihm auch leidlich mit Lori (Mila Kunis), die er am Ende des Films heiratete. Mit dem Segen von Ted, der auch ein Herz aus Gold hat.
„Ted“ war, vor allem dank des fluchenden Stofftieres, das sich ganz natürlich zwischen den Menschen bewegte, ein zitatenreicher Kinohit, der im Sommer 2012 weltweit fast 550 Millionen Dollar einspielte, was natürlich nach einer Fortsetzung verlangte.
Und „Ted 2“ gehört zu den gelungenen Fortsetzungen. Vieles wird vom ersten Film übernommen (Ted, die Schauspieler, die Anspielungen, der vulgäre Seth-MacFarlane-Humor). Aber die Macher erzählen eine vollkommen andere Geschichte. Während „Ted“ eine Nummernrevue war, die sich rudimentär um das Erwachsenwerden drehte und viele popkulturelle Anspielungen (vor allem zum Film) hatte, erzählt „Ted 2“ eine richtige Geschichte, der sich die Witze und Zitate (viele, sehr viele) unterordnen.
Während Johns Ehe nicht lange hielt und er immer noch Trübsal bläst (was zu dem Running Gag führt, dass sich jede gutaussehende Frau in ihn verliebt, während er überhaupt kein Interesse hat), hat Ted Tami-Lynn (Jessica Barth), seine Kollegin aus dem Supermarkt, geheiratet. Auch in deren Ehe kriselt es inzwischen und der Ehestreit zwischen Mann und Frau, der hier von Teddy und Frau durchgeführt wird, ist schon die halbe Humor-Miete. MacFarlane unterscheidet nämlich nicht zwischen dem Stofftier und den Menschen, was jeder Szene einen surrealen Touch gibt. Außerdem kann das sehr menschliche Stofftier Dinge sagen, die kein Mensch so unverblümt sagen kann.
Ted, der seine Frau wirklich liebt, schlägt ihr als ultimative Eherettungsmethode vor, dass sie ein Kind haben sollen. Tami-Lynn ist begeistert. Nachdem sich die Suche nach einem Samenspender schwieriger als gedacht gestaltet, beschließen Ted und Tami-Lynn, dass sie ein Kind adoptieren. Dabei erfährt Ted, dass er vor den Augen des Gesetzes kein Mensch, sondern eine Sache ist, die daher nichts tun darf, was ein Mensch tut. Schnell ist er arbeitslos, hat keinen Führerschein mehr und auch sonst nichts mehr.
Zusammen mit John und der Junganwältin Samantha ‚Sam‘ L. Jackson (Amanda Seyfried), frisch von der Uni (schlecht), Cannabis-Raucherin (sehr gut) und gesegnet mit einem grandiosen Namen („Sam L. Jackson“), beginnt Ted um sein Menschsein zu kämpfen.
Dieser Kampf vor Gericht und die damit mehr oder weniger zusammenhängenden Erlebnisse des Trios halten dann den Film zusammen, der deutlich, aber nebenbei, ein wichtiges Thema behandelt. Denn die Frage, was ein Mensch ist und wem die bürgerlichen Priviliegien zustehen, beschäftigt Philosophen und Juristen schon Jahrhunderte. Und wenn Tierschützer Tieren Rechte zugestehen wollen, sollte dann nicht zuerst Ted alle bürgerlichen Rechte bekommen?
Garniert wird „Ted 2“ mit vielen Kurzauftritten bekannter Schauspieler und einem Besuch der Comic-Con in New York.
Ted 2 (Ted 2, USA 2015)
Regie: Seth MacFarlane
Drehbuch: Seth MacFarlane, Alec Sulkin, Wellesley Wild
mit Mark Wahlberg, Amanda Seyfried, Jessica Barth, Sam J. Jones, Morgan Freeman, Giovanni Ribisi, Patrick Warburton, Michael Dorn, Bill Smitrovich, John Slattery, Liam Neeson, Dennis Haysbert, Patrick Stewart (Erzähler), Seth MacFarlane (Ted im Original)
ZDFneo, 20.15 Tod einer Polizistin(Deutschland 2013, Regie: Matti Geschonneck)
Drehbuch: Magnus Vattrodt, Bernd Lange
Polizistenmörder Frank benutzt eine Anhörung zur Flucht aus dem Gefängnis. Während die Berliner Polizei nach ihm fahndet, will er sich an den Menschen rächen, die ihn damals ins Gefängnis brachten. Ganz oben auf seiner Liste ist der legendäre Kommissar Theweleit.
Spannender Krimi mit gut aufgelegten Darstellern und einigen Twists; vor allem nachdem eine junge Polizistin sich noch einmal den alten Fall ansieht.
mit Götz George, Jürgen Vogel, Rosalie Thomass, Uwe Kockisch, Uwe Preiss, Michael Schenk, Therese Hämer Hinweise Filmportal über „Tod einer Polizistin“ Wikipedia über „Tod einer Polizistin“
ARD, 20.15 Hannas Reise (Deutschland/Israel 2013)
Regie: Julia von Heinz
Drehbuch: John Quester, Julia von Heinz (frei nach Motiven von Theresa Bäuerleins Roman „Das war der gute Teil des Tages“)
Das ist jetzt nicht nett von uns, aber wir gönnen Hanna, dieser karrieregeilen BWL-Zicke, die von ihrer Mutter nur eine Bescheinigung über ein Praktikum abholen wollte, das Praktikum in Israel in einer Behinderteneinrichtung. Das wird die Schnepfe hoffentlich erden.
Ansehen lohnt sich, auch wenn die vorhersehbare Geschichte ihre Probleme hat, die ich hier ausführlicher besprochen habe.
mit Karoline Schuch, Doron Amit, Max Mauff, Lore Richter, Trystan Pütter, Lia König, Suzanne von Borsody Wiederholung: Donnerstag, 25. Juni, 00.20 Uhr (Taggenau!)
Ein neuer Tag im Paradies (USA 1998, Regie: Larry Clark)
Drehbuch: Christopher B. Landon, Stephen Chin
LV: Eddie Little: Another Day in Paradise, 1998 (Ein neuer Tag im Paradies)
Empfehlenswertes, unsentimentales, hartes und schon lange nicht mehr gezeigtes Gangster-Roadmovie und Erziehungsgeschichte mit James Woods und Melanie Griffith als Ersatz-Eltern.
Eddie Little (25. August 1955 – 20. Mai 2003) verarbeitete in seinem Debütroman „Another Day in Paradise“ autobiographische Erlebnisse. Er war ein Drogensüchtiger und Krimineller.
Mit James Woods, Melanie Griffith, Vincent Kartheiser, Natasha Gregson Wagner, James Otis, Peter Sarsgaard, Lou Diamond Phillips (Cameo)
Arte, 20.15 Saskatschewan (USA 1954, Regie: Raoul Walsh)
Drehbuch: Gil Doud
Fort Saskatchewan: die Bleichgesichter befürchten, dass die Sioux und die Cree-Indianer sich miteinander verbünden. Also muss etwas getan werden. Aber Sergeant O’Rourke zweifelt und – ach, eigentlich haben wir diese Story schon hundertmal gesehen.
„Ein Film in schönen Farben und mit der hässlichen Moral, dass es als Happy-End ausreicht, wenn man Indianer gegen Indianer hetzt.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
Raoul Walsh über den Film: „Bei diesem Film ging alles schief. (…) Ja, die Story war wirklich uninteressant. Aber die kanadischen Landschaften waren wunderbar. Ich habe versucht, ihre ganze Schönheit einzufangen.“
Extrem selten gezeigter Western
mit Alan Ladd, Shelley Winters, Robert Douglas, Hugh O’Brian, Richard Long
Hinweise Arte über den Film Turner Classic Movies über „Saskatschewan“
Wikipedia über „Saskatschewan“ (deutsch,englisch)
Tatort: So ein Tag… (Deutschland 1982, Regie: Jürgen Roland)
Drehbuch: Uwe Erichsen, Jürgen Roland
Damals waren auch innerhalb des „Tatort“-Formats solche Einzelstücke möglich. Der selten gezeigter „Tatort“ zeigt den ganz normalen Arbeitstag eines Schutzpolizisten in einer großen Stadt. Polizeihauptmeister Rolfs erfährt, dass einige Gangster die Pelzgroßhandlung, in der seine Freundin arbeitet, überfallen wollen.
Allerdings gehört der in Frankfurt spielende Krimi „So ein Tag…“ nicht zu den besten Werken von Jürgen Roland.
Mit Klaus Löwitsch, Michael Schwarzmeier, Harald Dietl, Diana Körner, Günter Ungeheuer
Die Geschichte ist, wie bei Raymond Chandler, der als Inspiration diente, kaum nacherzählbar, labyrinthisch, voller grandioser Szenen und Sätze und wahrscheinlich bar jeder Logik. Im wesentlichen geht es darum, dass der Dude mit seinem ihm bis dahin unbekannten, stinkreichen, herrischen, querschnittgelähmten Namensvetter verwechselt wird und er in eine undurchsichtige Entführungsgeschichte hineingezogen wird.
mit Jeff Bridges, John Goodman, Julianne Moore, Steve Buscemi, David Huddleston, Philip Seymour Hoffman, Tara Reid, Philip Moon, Mark Pellegrino, Peter Stormare, Flea, John Turturro, Sam Elliott, Ben Gazzara
Als Erwachsener ist man von „Trash“ sicher etwas unterfordert. Die Story, eigentlich eine riesige Schnitzeljagd, ist zu einfach. Die Protagonisten, drei Jugendliche, fast noch Kinder, sind zu jung. Die Bösewichter, vor allem ein Polizist, sind zu böse. Aber das Zielpublikum sind Jugendliche, die einen zünftigen Abenteurer-Thriller sehen dürfen, der in einer fremden Welt spielt, die für ein jugendliches Publikum erstaunlich unverklärt und unromantisch gezeigt wird.
Raphael und Gardo suchen auf einer Müllkippe in Rio de Janeiro nach Abfall, den sie zu Geld machen können. Als sie einen Geldbeutel mit einigen Geldscheinen finden, fühlen sie sich wie die Gewinner eines Jackpots. Als kurz darauf die Polizei auftaucht und eine unglaublich hohe Summe für den Geldbeutel bietet, wissen sie, dass sie etwas viel wertvolleres gefunden haben. Sie behalten den Geldbeutel, der auch ein Blatt mit einem Code enthält.
Gemeinsam mit Rato überlegen sie, wie sie ihren Fund versilbern können.
Schnell ist ihnen der skrupellose Polizist Frederico, der den gesamten Polizeiapparat benutzt, um sie zu jagen, auf der Fährte.
Denn der von der Polizei ermordete Besitzer des Geldbeutels war ein Mann, der brisante Informationen hatte. Der Code führt, entschlüsselt, zu dem Versteck der politisch brisanten Informationen und viel Geld.
Aus dieser einfachen und bewährten Prämisse entwickelt sich eine flotte actionhaltige Hatz, in der die jugendlichen Darsteller, allesamt Laien ohne Schauspielerfahrung, im Mittelpunkt stehen. Die bekannten und erwachsenen Schauspieler, wie Martin Sheen und Rooney Mara, als ein Priester und seine Assistentin, denen die drei Jungs vertrauen, sind nur Nebencharaktere, die die internationale Verkäuflichkeit dieser Geschichte garantieren, die nicht nur wegen ihres Handlungsortes deutlich von „City of God“ (das sich an ein erwachsenes Publikum richtet) beeinflusst ist. Auch mehrere Menschen, die bei „City of God“ und den Folgewerken dabei waren, sind in „Trash“ involviert. Sie wurden engagiert, um der Geschichte ein möglichst authentisches Flair zu geben. Das gelang ihnen.
Die Regie übernahm Stephen Daldry, der bereits „Billy Elliot“ und „The Hours“ inszenierte. Das Drehbuch ist von Richard Curtis, der die Bücher für „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, „Notting Hill“, „Gefährten“ und „Alles eine Frage der Zeit“ (auch Regie) schrieb. Beide sind sicher nicht als die großen klassenkämpferischen Filmemacher oder Actionfilmer (obwohl es genug Aktion gibt) bekannt, aber ihre Namen bürgen für gute Unterhaltung, die ihr Publikum ernst nimmt; was auch auf „Trash“ zutrifft.
Curtis inszenierte den sehenswerten Jugendfilm als Dan-Brown-artige Jagd durch die Hinterhöfe, Slums, Müllhalden, Friedhöfe und Straßen von Rio als Hohelied auf die Freundschaft von Raphael, Gardo und Rato, deren Optimismus und Lebensfreude mitreisen. Trotz ihrer Armut geben sie nicht auf.
Christoph Hochhäusler ist kein Dummer. Seine bisherigen Filme, wie „Falscher Bekenner“ und „Unter dir die Stadt“, kamen bei der Kritik ziemlich gut an, er setzt sich auch theoretisch mit dem Film auseinander und er ist einer der Herausgeber der Filmzeitschrift „Revolver“.
Mit seinem neuen Spielfilm „Die Lügen der Sieger“ will er offensichtlich den aktuellen Zustand der Berliner Republik, das Geflecht von Politik, Lobbyismus, Wirtschaftsinteressen, Beratungsfirmen und Journalismus vermessen. Das steht natürlich in der Tradition klassischer Polit-Thriller wie „Die Unbestechlichen“ (über die Watergate-Affäre) und neuerer Polit-Thriller, wie „State of Play“ (die britische TV-Serie und das Hollywood-Spielfilm-Remake).
Aber auch wenn man diese Tradition ignoriert (okay, das fällt schwer. Das ist so, als ob man bei Eric Clapton und den Rolling Stones den Blues-Einfluss ignorieren würde.), ist „Die Lügen der Sieger“ ein, höflich formuliert, sehr enttäuschender Film. Gerade weil er so viel besser als viele andere deutsche Filme, vor allem die unzähligen, banalen Komödien, sein könnte. Und vielleicht bin ich deswegen auch etwas zu ungnädig.
Fabian Groys, hochgelobter Einzelgänger-Journalist in der Hauptstadtredaktion eines Nachrichtenmagazins (jaja, sieht aus und riecht wie „Der Spiegel“), recherchiert eine große Story über den schändlichen Umgang der Bundeswehr mit kriegsversehrten Veteranen. Er vermutet, dass die Regierung für die Behandlung ihrer Leiden nicht aufkommen will. Als er die Praktikantin Nadja Koltes zugeteilt bekommt, wimmelt er sie mit den Recherchen für eine Boulevard-Geschichte ab: in Gelsenkirchen sprang ein Mann in einen Löwenkäfig.
Selbstverständlich – auch wenn es einige Zeit dauert, bis die Zusammenhänge erahnbar werden – hängen diese beiden Geschichten miteinander zusammen.
Und dann geht es noch um eine Gesetzesinitiative, die verhindert werden soll, eine Recyclingfirma, die ihre Angestellten vergiftet, und, weil auch das mit den anderen Geschichten zusammenhängt, um den Einfluss einer im Hintergrund bleibenden Organisation, die man sich am Besten als eine All-inclusive-Lobby-und-Problembeseitigungsfirma vorstellt. Ach, und es geht auch, ganz allgemein um den Einfluss von Lobbyvereinen – und, letztendlich, um alles und um nichts.
Dabei gäbe jedes dieser Themen genug Stoff für einen abendfüllenden Spielfilm. Aber anstatt mit einer klaren Analyse gegen einen Missstand vorzugehen, verzettelt Hochhäusler sich und liefert eine unglaubwürdig an der Wirklichkeit vorschrammende Kolportage ab, die viel zu oft in einer nicht produktiven, sondern nur frustierenden Verwirrung endet, wie diese Szene vom Filmanfang zeigt: wir sehen einen älteren Mann (so um die Fünfzig) der offensichtlich für ein Gespräch präpariert wird. Wir wissen nicht, wer er ist. Wir wissen nicht, um was es in dem wichtigen Gespräch gehen soll. Wir wissen nicht, wer ihn trainiert – und bei seinen Coaches ist auch unklar, ob sie eine dafür engagierte Firma sind und wer welche Position inne hat. So glauben wir zunächst, entsprechend der traditionellen Rollenverteilung, dass der ältere Coach der Chef ist und die etwa gleichaltrige Frau seine Untergebene. Viel später erfahren wir, dass es umgekehrt ist.
Fast keine Frage wird in dieser geheimnisvollen Szene aufgelöst, was jetzt nicht unbedingt ein Problem wäre. Geheimnisvolle Andeutungen steigern ja bekanntlich die Spannung.
Aber weil diese Szene uns mit für die Geschichte wichtigen Charakteren bekannt machen soll (alle drei werden später wichtig), hätten die Filmemacher uns in diesen Momenten ganz klar einige Informationen liefern müssen. Nämlich wer die Charaktere sind, was sie wollen, warum wir uns mit ihnen identifizieren sollen und wer von ihnen für die weitere Geschichte wichtig ist. Aber am Ende dieser Szene wissen wir noch nicht einmal wer der Trainierte ist. Ein Lobbyist? Ein Unternehmer? Ein Politiker? Ein Schauspieler? Wir wissen auch nicht, wofür er trainiert wird.
Diese Szene ist symptomatisch für den gesamten Film: er verkompliziert alles bis zum Gehtnichtmehr. Der Skandal, den der Journalist aufklären will, wird unter einem Berg von weiteren Themen begraben, die alle wichtig sind. Aber es fehlt ein erzählerischer Fokus und damit eine sinnvolle Struktur von Plots und Subplots. Dabei ist gerade in einem Polit-Thriller die Klarheit des Denkens wichtig. Immerhin will er über Missstände aufklären, für Empörung sorgen und zum Handeln auffordern. Nichts davon gelingt „Die Lügen der Sieger“. Eher schon befördert er ein konservativ-reaktionäres Gefühl, das sagt, dass alles hoffnungslos mit allem verflochten ist, alles furchtbar undurchschaubar ist und man sowieso nichts gegen die da Oben machen kann.
Und dabei habe ich noch nichts über den Protagonisten Fabian Groys gesagt, der sich natürlich in seine junge Praktikantin (die er zunächst nicht will, weil er immer allein arbeitet) verliebt, einen Halbstarken-Porsche fährt, alleinstehend, spielsüchtig und zuckerkrank ist. Trotzdem ist er kein komplexer Charakter, sondern eine reine Reißbrett-Figur, bei der seine pompös eingeführte Spielsucht und seine ebenso pompös eingeführte Krankheit für die Haupthandlung vollkommen unwichtig sind. Am Ende, nachdem die Haupthandlung abgeschlossen ist, gibt es dann einen Anschlag auf Groys‘ Leben, der nicht die Skrupellosigkeit der Bösewichter, sondern die Unplausibilität des Drehbuchs demonstriert. Das Hollywood-Äquivalent dazu wäre – ich will ja nichts verraten – der James-Bond-Bösewicht, der erst nachdem er von Bond besiegt wurde, einen von Anfang an zum Scheitern verurteilten Angriff auf Bonds Leben startet.
Dabei hätte man aus Groys‘ Spielsucht und seiner Krankheit wirklich etwas machen können. Immerhin könnten die Bösewichter beides benutzten, um seine Recherchen schwieriger zu gestalten und sie hätten versuchen können, ihn mit seiner Spielsucht und seiner Krankheit zu erpressen.
Im Vorhof der Hölle (USA 1990, Regie: Phil Joanou)
Drehbuch: Dennis McIntyre
Terry Noonan kehrt zurück in sein altes Viertel Hell’s Kitchen und trifft sich auch gleich wieder mit seinen alten Gangsterkumpels. Was diese nicht wissen: inzwischen ist Terry bei der Polizei.
Klasse Neo-Noir-Krimi, der damals etwas unterging und, optisch und schauspielerisch brillant, in bekannten Gewässern fischt.
Mit Sean Penn, Gary Oldman, Robin Wright, John Turturro, Burgess Meredith, John C. Reilly
Catch me if you can (USA 2002, Regie: Steven Spielberg)
Drehbuch: Jeff Nathanson
LV: Frank Abagnale (mit Stan Redding): Catch me if you can: The Amazing True Story of the Youngest and Most Daring Con Man in the History of Fun and Profit, 1980 (Mein Leben auf der Flucht, Catch me if you can)
Spielberg erzählt kurzweilig die wahre Geschichte des Hochstaplers Frank Abagnale. Der Film „ist eine swingende, schwerelose Krimikomödie, die durch Tempo, Charme und Verspieltheit überzeugt.“ (Berliner Zeitung, 30. Januar 2003)
Mit Leonardo DiCaprio, Tom Hanks, Christopher Walken, Martin Sheen, Nathalie Baye, James Brolin, Jennifer Garner
Themenabend: Die Schattenmacht
Gut, der eigentliche Themenabend ist nicht sooo lang, aber dann zeigt Arte noch einige Filme, die den Abend zu einem Mega-Themenabend machten:
Arte, 20.15 (VPS 21.10) Operation Weiße Weste (Deutschland 2015) (über die Mafia in Europa)
Arte, 21.10 (VPS 20.15) Im Visier der Kartelle: Drogenkrieg in Westafrika (Deutschland 2015)
Arte, 22.00 Gesprächsrunde (megakurze Diskussion zum Themenabend)
Arte, 22.10 Drogen: Amerikans längster Krieg (USA 2012) (Eugene Jarecki über den Kampf der USA gegen Drogen und die Drogenkriminalität)
Arte, 00.00 So kommst Du ins Weiße Haus! – Eine Gebrachsanweisung (Frankreich 2012) (Revue über hundert Jahre US-amerikanischer Präsidentschaftsgeschichte)
Arte, 01.00 Kolumbiens Trauma – Verschwunden im Justizpalast(Kolumbien 2011) (über einen Militäreinsatz in Bogota 1985)
Arte, 02.20
Die Doku „Schlaganfall – Jede Minute zählt“ behandelt jetzt wirklich ein anderes Thema.
Ach ja: alle weiteren Infos hier.
Chiara ist die Geliebte des international gesuchten Geldwäschers Anthony Zimmer. Um die sie verfolgenden Polizisten abzulenken, flirtet sie im Zug nach Nizza mit dem biederen Übersetzer Francois. Der wird von den Verfolgern für Anthony Zimmer gehalten.
Locker-flockiger und extrem kurzweiliger Thriller, der ein vergessenswertes Hollywood-Remake „The Tourist“ (von Florian Henckel von Donnersmarck mit Angelina Jolie und Johnny Depp) erhielt.
Salles Werk war als bestes Debüt für einen César nominiert.
mit Yvan Attal, Sophie Marceau, Sami Frey, Daniel Olbrychski
Lord of War – Händler des Todes (USA 2005, Regie: Andrew Niccol)
Drehbuch: Andrew Niccol
There are over 550 million firearms in worldwide circulation. That’s one firearm for every twelve people on the planet. The only question is: How do we arm the other 11? (Yuri Orlov)
Einer der wenigen ansehbaren Nicolas-Cage-Filme, die der Schauspieler in diesem Jahrzehnt drehte. Dafür sammelte er in den vergangenen Jahren Razzie-Nominierungen.
In der knalligen Satire „Lord of War – Händler des Todes“ spielt er Yuri Orlov, einen Waffenhändler, der ungefähr jeden Potentaten der Nach-Kalter-Kriegs-Welt mit Waffen beliefert. Der Film erzählt in kurzen Episoden die Geschichte seines märchenhaften Aufstiegs von den Hinterhöfen Little Odessas in die Hinterhöfe der Weltpolitik. Denn mit dem illegalen Waffenhandel kann viel Geld verdient werden.
That was intentional, just to be a little subversive and make almost like a ‘how-to’ film – how to be an arms dealer – and I thought that would be a more interesting way into it than a typical story structure. (Andrew Niccol)
Dick Clement und Ian La Frenais sind zwei alte Hasen im britischen Filmgeschäft. Sie schrieben unter anderem die Drehbücher zu „Commitments“, „Wasser – Der Film“, etlichen Lovejoy-Folgen (in Deutschland nie gezeigt) und zu „Die alles zur Sau machen“ (Villain).
Mit ihrem Edgar-nominierten Film „Bank Job“ kehrten sie wieder in die frühe Siebziger und dem von ihnen mit „Villain“ mitbegründeten britischen Gangsterfilm zurück. Dieses Mal lassen sie sich von einem wahren Bankraub inspirieren. Am 11. September 1971 raubten einige Kleingauner aus der Lloyd’s Bank 500.000 Pfund (was heute sechs Millionen Euro wären). Die Zeitungen füllten ihre Spalten mit Sensationsberichten über den „Walkie-Talkie-Einbruch“. Vier Tage lang. Dann untersagte die Regierung aus Gründen der nationalen Sicherheit weitere Berichte, vier Räuber wurden verhaftet, ihren Namen wurden nie bekannt, das Strafmaß ist unbekannt, große Teile der Beute verschwunden und die Akten darüber sind bis 2054 unter Verschluss. Das Team Clement/La Frenais hat jetzt mit „Bank Job“ eine Geschichte erfunden, die die Wahrheit sein könnte.
Und Roger Donaldson hat im Retro-Look einen angenehm altmodischen Ganovenfilm über den großen Coup, gewürzt mit einer Prise Polit-Thriller, gedreht.
Mit Jason Statham, Saffron Burrows, Stephen Campbell Moore, Daniel Mays, James Faulkner, Alki David
In der Dokumentation „Beyond Punishment“ heißt es Restorative Justice, bei uns wird von Täter-Opfer-Ausgleich und Wiedergutmachung gesprochen und sie trifft einen Teil der in der Dokumentation angesprochenen drei Fälle. Nur in einem Fall könnten sich Täter und Opfer begegnen. Wobei hier die Opfer des Verbrechens die Hinterbliebenen sind. Denn Hubertus Siegert („Berlin Babylon“) zeigt an drei unterschiedlichen Mordfällen in drei Ländern, wie die Hinterbliebenen und die Täter, so sie bekannt sind, zu einer neuen Sicht auf die Tat kommen und damit die seelischen Folgen verarbeiten können.
Im Presseheft steht dazu: „Geleitet von der Frage, ob der Schmerz über den Verlust tatsächlich geringer wird, wenn man nicht auf Vergeltung und Strafe hofft, wird Neuland betreten. Das Konzept der Restorative Justice geht davon aus, dass es hilfreich sei die andere Seite zu verstehen, also zu erfahren, was den anderen bewogen hat, die Tat zu begehen. Oft wird angenommen, dass eine tatsächliche Begegnung zwischen den beteiligten Menschen machbar und hilfreich sei.“
Diese direkte Begegnung gibt es im Green Bay Hochsicherheitsgefängnis in Wisconsin, wo der Film beginnt, nicht. Dort gibt es seit 1997 ein ehrenamtlich durchgeführtes psychosoziales Programm, in dem Häftlinge sich mit ihren Gewalttaten, wie Mord, Vergewaltigung und Körperverletzung, und den Folgen für die Betroffenen und Hinterbliebenen auseinandersetzen müssen. Ein Teil des Programms ist ein Gesprächskreis, in dem Täter und Opfer von ihren Erfahrungen erzählen. Weil es sich bei den Tätern und Opfern um verschiedene Fälle handelt, ist hier auch kein Täter-Opfer-Ausgleich möglich ist. Aber es kann Verständnis für die andere Seite geweckt werden. Also dass der andere als Mensch wahrgenommen wird.
Zu den Teilnehmer des Gesprächskreis gehören Leola und ihre Tochter Lisa, die vor elf Jahren bei einer alltäglichen Auseinandersetzung in der Bronx ihren sechzehnjährigen Sohn und Bruder verloren. Er wurde vor ihrer Wohnung in einem Supermarkt erschossen. Der Täter wurde zu vierzig Jahren Haft verurteilt.
Der zweite Fall führt nach Norwegen. Dort ermordete Stiva seine sechzehnjährige Freundin. Ihr Vater Erik fragt sich, wie er damit umgehen soll, wenn er Stiva, der nur eine kurze Haftstrafe verbüßen muss, vielleicht in wenigen Jahren auf der Straße begegnet.
Der dritte Fall fällt aus dem bisherigen Rahmen. Denn es geht um einen politisch motivierten Mord, bei dem die Täter immer noch unbekannt ist. Patrick von Braunmühl, Sohn des 1986 von der RAF getöteten Beamten Gero von Braunmühl, möchte verstehen, warum die RAF seinen Vater ermordete. Sein Gesprächspartner ist das RAF-Gründungsmitglied Manfred Grashof, der bereits 1972 verhaftet und 1988 begnadigt wurde. Damals war er schon aus der RAF ausgestiegen, weshalb er auch nichts über die damalige Denkweise der RAF sagen kann.
„Beyond Punishment“ illustriert mit diesen Fällen ein Konzept, das in der Öffentlichkeit kaum diskutiert wird. Es würde den derzeitigen Verfahren eine weitere Dimension hinzufügen und die starren Grenzen des Strafrechts mit seinen formalen Erfordernissen überwinden. Die Grenzen des Konzepts spricht Siegert höchstens nebenbei an. So hat das in den USA praktizierte Stellvertreter-Konzept den Nachteil, dass sich nicht wirklich die Betroffenen der Tat gegenübersitzen. Daher kann es zu keiner Form der Vergebung kommen. Es kann höchstens Verständnis für andere Positionen geweckt werden; was angesichts des auch von Lisa und Leola geäußerten Straf- und Vergeltungsbedürfnisses schon ein erster Schritt wäre. Es wäre eine Abkehr von alttestamentarischen Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Gerechtigkeitsvorstellungen.
Außerdem lehnt der Täter in diesem Fall das Gespräch ab, weil er behauptet unschuldig zu sein und er den Hinterbliebenen daher nicht das geben könne, was sie gerne hätten. Doch auch wenn er zustimmen würde, käme es zu keinem Gespräch, weil die US-Justiz ein solches Treffen ablehnt. Nur Siegert durfte mit ihm sprechen.
Bei dem deutschen Fall sitzen sich letztendlich zwei Stellvertreter gegenüber, was etwas von einer TV-Talkrunde hat. Außerdem, und das ist ein Problem unseres Strafrechts, würden die Täter, wenn sie ihre Tat gestehen, gleichzeitig ein Gerichtsverfahren mit anschließender Haftstrafe gegen sich in Gang setzen. Denn Mord verjährt nicht.
In dem norwegischen Fall wäre so eine Vergebung möglich. Aber Erik, der Vater, lehnt am Ende das Gespräch mit dem sich inzwischen wieder in Freiheit befindendem Täter ab, weil er durch die Arbeit an der Dokumentation für sich mit dem Tod seiner Tochter abschließen konnte.
Diese Abschlüsse der drei Fälle zeigen auch schon eine Grenze der Restorative Justice auf: die Betroffenen müssen freiwillig miteinander reden. Das wird nicht in jedem Fall möglich sein. Und ist, vor allem wenn es um sexuelle und häusliche Gewalt geht, auch nicht in jedem Fall erwünscht.
„Beyond Punishment“ zeigt in einem ruhig-distanzierten, sensationslüsterne Zuspitzungen vermeidenden Stil wie Hinterbliebene und Täter mit den Folgen ihrer Tat, die hier in zwei Fällen eine Affekttat war, umgehen und auch wie sie versuchen, mit dieser Tat zu leben. Der Film, der sich auf die Täter und wenige direkte Hinterbliebene, insgesamt sieben Personen, konzentriert, liefert keine fertigen Antworten, sondern er regt anhand einiger Schicksale zum Nachdenken an. Auch über verschiedene Rechtssysteme, staatliche Gerichsverfahren, ihre Grenzen und was es vielleicht noch zusätzlich geben muss. Und er zeigt, wie wichtig es ist, miteinander darüber zu reden. Auch wenn dieses ‚miteinander‘ nicht unbedingt Täter und Hinterbliebene und nicht unbedingt zur gleichen Zeit im gleichen Raum bedeutet.
Dalton Russell überfällt eine Wall-Street-Bank. Schnell wird sie von der Polizei umzingelt und Detective Keith Frazier beginnt mit den Verhandlungen. Spätestens als Madaline White als Unterhändlerin des Bankgründers auftaucht und sich in die Verhandlungen einmischt, weiß er, dass er es nicht mit einem normalen Banküberfall zu tun hat.
„‘Inside Man’ ist ein typischer Spike-Lee-Film, insofern er in jeder Sekunde ein bisschen mehr ist al ein reiner Genrefilm. Er macht böse Witze ebenso über den kulturellen Reichtum New Yorks wie über Post-9/11-Paranoia und War-on-Terror-Vorurteile. Er analysiert die Mechanik der Macht, verbindet sie mit gesellschaftlicher Hierarchie und bricht sie an der Politik der Hautfarben.“ (Alexandra Seitz: Inside Man, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)
Ein feiner Thriller
Für die Langplaner: am Sonntag, den 20. Juni, zeigt Arte um 22.55 Uhr Spike Lees Doku „Bad 25“ (USA 2012) über die Entstehung von Michael Jacksons Hit-Album „Bad“. Gezeigt wird eine einstündige Fassung; die Originalfassung dauert über zwei Stunden.
mit Denzel Washington, Clive Owen, Jodie Foster, Willem Dafoe, Chiwetel Ejiofor, Christopher Plummer
Zum Film gehört der Schnitt. Mit Schnitten werden Geschichten erzählt. Sie akzentuieren das Geschehen, sie stellen Zusammenhänge her, sie vermitteln Informationen. Und genau deshalb sind Filmemacher immer wieder von der Idee fasziniert, einen Film ohne einen einzigen Schnitt herzustellen. Solange das technisch unmöglich war, wurde mit Tricks gearbeitet. Das bekannteste Bespiel dürfte Alfred Hitchcocks „Rope – Cocktail für eine Leiche“ (USA 1948) sein. Ein verfilmtes Theaterstück, das schon deshalb die Einheit von Raum und Zeit hatte.
Fast unbekannt ist Josh Beckers „Running Time – Der fast perfekte Überfall“ (USA 1997), ein siebzigminütigr SW-Gangsterfilm mit Bruce Campbell, der zu einem großen Teil auf den Straßen von Los Angeles spielt und die Geschichte eines schief gehenden Überfalls erzählt. Eine sehr gelungene, fast unbekannte Fingerübung; wobei auch hier, wie bei „Rope“, etwas geschummelt wurde.
Ein jüngeres Beispiel ist Aleksandr Sokurovs „Russian Ark – Eine einzigartige Zeitreise durch die Eremitage“ (Russland/Deutschland 2002). In einer einzigen Kamerafahrt durch die Räume der Eremitage werden drei Jahrhunderte russischer Geschichte lebendig. Der Film war, wegen der 2000 beteiligten Schauspieler, eine logistische Herausforderung.
Vor einem halben Jahr kam Alejandro González Iñárritus „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ (USA 2014) in unsere Kinos. Ein mitreisender Film, der ohne einen erkennbaren Schnitt von den hektischen Stunden und den Ängsten des Regisseurs vor der Premiere eines Theaterstücks erzählt.
Und jetzt „Victoria“, ein einhundertvierzig-minütiger Brocken von einem Film, der die Geschichte eines schief gehenden Überfalls erzählt, der in Berlin spielt und der ohne einen einzigen Schnitt gedreht wurde, was vor allem für den Kameramann Sturla Brandth Grøvlen, der bei der ganzen Lauferei auch immer die Kamera schleppen musste, auch eine physische Herausforderung war.
Dabei beginnt die Nacht eigentlich ganz ruhig. Victoria (Laia Costa) aus Madrid tanzt selbstvergessen in einer Disco und will sich gerade auf den Heimweg machen, als sie Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) trifft und spontan beschließt, mit den vier Berliner Jungs noch etwas abzuhängen. Die Jungs blödeln, zeigen ihr ihre Welt, reden über Gott und die Welt und dass sie noch etwas vor haben.
Durch ein, zwei dumme Zufälle soll Victoria ihnen dann bei einem Banküberfall helfen.
Sebastian Schipper („Absolute Giganten“) erzählt hier in einer kurzen Zeitspanne einen großen emotionalen Bogen von jugendlicher Unbeschwertheit bis hin zu tiefster Verzweiflung und er scheut dabei niemals die großen Gefühle.
Mit 140 Minuten ist „Victoria“ allerdings auch zu lang geraten, was auch daran liegt, dass das Vorspiel ziemlich lange dauert, schon die Länge eines Spielfilms hat und als Nouvelle-Vague-artige Beobachtung einiger kleinkrimineller Jugendlicher der bessere Teil des Films ist. Hier lässt Schipper sich und den Schauspielern Zeit. Sie streunen angenehm ziellos durch die letzten Nachtstunden. Es sind die Stunden, in denen man noch nicht nach Hause gehen will. Auch wenn man es sollte.
Die Verbrechergeschichte wird erst spät wichtig und vor allem nach dem Banküberfall (den wir nicht sehen) werden einfach die bekannten Situationen aus einem Gangsterfilm abgespult. Es gibt Streit um die Beute, die Polizei verfolgt sie, es fallen Schüsse, Menschen sterben, andere Menschen werden verletzt, Wohngebäude werden abgeriegelt, eine Flucht funktioniert und am Ende sind fast alle Hauptdarsteller tot. Das hat dann nicht mehr die spielerische Leichtigkeit des ersten und längeren Teils, sondern ist das pflichtschuldige Abhaken aller Gangsterfilmklischees.
Nachvollziehbar, aber für uns deutsche Kinozuschauer problematisch, ist Schippers Entscheidung, die Geschichte fast ausschließlich auf Englisch zu erzählen. Das begünstigt sicher die internationale Verkäuflichkeit von „Victoria“, aber die deutschen Kinozuschauer müssen sich einen „Original mit Untertitel“-Film, mit wenigen, wie Fremdkörper wirkenden deutschen Sätzen ansehen und wir Berliner müssen glauben, dass eine Gruppe kleinkrimineller Jugendlicher, die wahrscheinlich kaum die Hauptschule geschafft hat, besser Englisch als ein Simultandolmetscher spricht.
Obwohl „Victoria“ eine deutsche Geschichte, eine Berliner Geschichte mit viel Berliner Flair, erzählt, fühlt man sich beim Ansehen des Films fremd im eigenen Land. Trotzdem ist der Film nicht nur als formales Experiment, sondern als emotional packendes Kino sehenswert. Erfrischend undeutsch, aber auch etwas maßlos in seiner Laufzeit.