ZDFneo, 20.15 Nachtschicht: Reise in den Tod (Deutschland 2012, Regie: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
Während einer Polizeikontrolle verliert ein Schleuser einen Teil seiner aus Afrika kommenden Fracht, eine aus Afrika kommende Hausangestellte beschwert sich bei der Polizei über ihre Arbeitgeber und das bewährte „Nachtschicht“-Team erlebt wieder eine unruhige Nacht, in der alles mit allem zusammen hängt.
Das Lexikon des internationalen Films meint: „Dicht inszenierter und gut gespielter (Fernseh-)Kriminalfilm.“ Besser hätte ich es auch nicht sagen können.
Ach ja: gewohnt gut besetzt.
mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Götz George, Jeanette Hain, Peter Kremer, Hadnet Tesfai, Dominique Siassia, Clemens Schick, Filip Peeters, Christian Redl, Jan-Gregor Kremp
Arte, 20.15 Rosetta (Belgien/Frankreich 1999, Regie: Luc Dardenne, Jean-Pierre Dardenne)
Drehbuch: Luc Dardenne, Jean-Pierre Dardenne
Die junge Rosetta sucht eine Arbeitsstelle. Aber niemand will sie einstellen.
Ein älteres, gewohnt sehenswertes und sozialkritisches Werk der Dardenne-Brüder, deren letzter Film „Zwei Tage, eine Nacht“ überall abgefeiert wurde.
In Cannes erhielt der Film die Goldene Palme und die Hauptdarstellerin wurde als beste Schauspielerin ausgezeichnet.
„Ein Film wie ‚Rosetta‘ rechtfertigt das Überleben des Kinos.“ (Alexander Horwath, Die Zeit, 3. Mai 2001)
In Belgien war der Film so erfolgreich, dass eine politische Maßnahme gegen die Jugendarbeitslosigkeit „Rosetta-Plan“ genannt wurde. Bei uns kam der Film erst 2001 in die Kinos.
Im Anschluss, um 21.45 Uhr, läuft die brandneue, gut einstündige Doku „Es war einmal…Rosetta“ über den Film.
mit Emilie Dequenne, Fabrizio Rongione, Anne Yernaux, Olivier Gourmet Hinweise Arte über „Rosetta“ Rotten Tomatoes über „Rosetta“ Wikipedia über „Rosetta“ (deutsch, englisch) Meine Besprechung von Luc und Jean-Pierre Dardennes „Zwei Tage, eine Nacht“ (Deux Jours, Une Nuit, Belgien/Frankreich/Italien 2014)
ZDFkultur, 22.20 Biester (Frankreich/Deutschland 1995, Regie: Claude Chabrol)
Drehbuch: Claude Chabrol, Caroline Eliacheff
LV: Ruth Rendell: A Judgment in Stone, 1977 (Urteil in Stein)
Die wohlhabenden Lelièvres schätzen Sophie als Hausmädchen. Dabei wissen sie nichts über ihre Perle. Ganz im Gegensatz zur Postbeamtin Jeanne.
Chabrols ruhiger Thriller blickt einmal mehr hinter die Kulissen der Provinz-Bourgeoisie. Der Ausgang seines „marxistischen Thrillers“ (Chabrol über Biester) ist letal. „Der sozialen Hinrichtung der Repräsentanten der Unterschicht folgt die körperliche Hinrichtung der Bourgeoisie. Das ist der totale Krieg zwischen den Klassen. Und Chabrol setzt ihn unverhüllt in Szene.“ (Fischer Film Almanach 1996)
Mit Isabelle Huppert, Sandrine Bonnaire, Jean-Pierre Cassel, Jacqueline Bisset
Wiederholung: Mittwoch, 20. Mai, 02.15 Uhr (Taggenau!)
Vor der TV-Ausstrahlung rührte das ZDF eifrig die Werbetrommel. Denn „The Team“ ist nicht nur, wie viele andere Krimiserien, eine Co-Produktion, sondern sie hat auch drei aus verschiedenen Ländern stammende Ermittler und die Ermittlungen finden in mehreren Ländern statt. Das Budget betrug zehn Millionen Euro, die Dreharbeiten dauerten acht Monate und gedreht wurde in einem halben Dutzend Länder. „The Team“ ist also eine große Produktion. Aber ist es auch eine gute Produktion?
Der achtstündige Krimi, der im TV in vier jeweils zweistündigen Folgen gezeigt wurde und auf DVD als Achtteiler geschnitten ist, beginnt flott. Gleich in den ersten Minuten werden in Berlin, Antwerpen und Kopenhagen Prostituierte ermordet. Aufgrund des Tathergangs (Schuss ins linke Auge, Finger abgetrennt) stellt Europol ein staatenübergreifendes Ermittlerteam zusammen. Denn es wird vermutet, dass es sich um den gleichen Täter handelt. Sein Motiv ist unklar. Ebenso, ob er weitere Morde begeht. In der Vergangenheit hat er allerdings schon mindestens einmal gemordet.
Harald Bjørn (Lars Mikkelsen), Hauptkommissar im Morddezernat Kopenhagen, Jackie Mueller (Jasmin Gerat), Hauptkommissarin im BKA Berlin, und Alicia Verbeek (Veerle Baetens), Kommissarin im Morddezernat in Antwerpen, sollen ihn überführen.
Auch die Ermittlungen laufen zügig an. Schnell haben sie einen Verdächtigen: Jean Louis Poquelin (Carlos Leal), der dann doch nicht der Täter ist. Er schreibt an einem Enthüllungsbuch über Marius Loukauskis (Nicholas Ofczarek), ein Verbrecher, der überall seine Finger drin hat.
Als Loukauskis von den Morden erfährt, fragt er sich, wer ihn anschwärzen will. Das ist am Ende der zweiten Episode (von acht). Ungefähr in diesem Moment haben die Autoren ihr Figurenensemble aufgefächert und wir dürfen ab jetzt mehreren parallel verlaufenden Handlungen (wobei ich immer wieder den Eindruck hatte, dass eine Gleichzeitigkeit suggeriert wurde, die nicht stimmte) folgen, die immer mehr in private Subplots abgleiten. Bjørn wird Vater. Verbeek kümmert sich um ihre Mutter, eine Alkoholikerin, und ihre Schwester, eine Prostituierte. Mueller um ihre beiden Kinder und ihren fremdgehenden Ehemann, über den wir – zum Glück – nichts Wesentliches erfahren. Eine ständig alkoholisierte Jazzsängerin, deren beste Tage schon lange vorüber sind und die eine Beziehung zu Loukauskis hat, torkelt immer wieder durch den Film, während die Ermittler viel telefonieren (der Einsatz der modernen Kommunikationsmittel ist angenehm unaufgeregt, wird aber auch zunehmend penetrant) und zwischen Berlin, Antwerpen, Kopenhagen und den Alpen hin und her pendeln, während der Fall sich über mehrere Episoden höchstens im Schneckentempo voranbewegt bis zum plötzlichen Ende, bei dem man fast übersieht, wer der Täter ist und sich zusammenpuzzeln muss, wie das jetzt alles zusammen hängt und was genau das Motiv war.
Trotz der bombastischen Werbung reiht „The Team“ sich unaufgeregt in die typisch skandinavischen Krimis ein: einige gruselige Morde, etwas Sozialkritik (hier gegen Menschenhändler, Zwangsprostitution und Ausbeutung), viele zeitraubende Privatgeschichten und eine lieblose Lösung, über die man nicht genauer nachdenken sollte. Bei „The Team“ gibt es außerdem etliche groß eingeführte Charaktere und Subplots, die plötzlich fallengelassen werden. Nein, wirklich begeistern kann das „Team“ nicht.
Auf der DVD ist die Originalfassung und die deutsche Fassung enthalten. Für die deutsche Fassung wurde alles konsequent eingedeutsch. Damit wurde die Serie gerade um ihren besonderen Aspekt beraubt. Deshalb sollte man die Originalfassung ansehen. In ihr reden die Ermittler, wie in der Realität, untereinander englisch und, wenn sie mit Kollegen, ihren Partnern und Verdächtigen reden, in ihrer Landessprache.
Als Bonusmaterial gibt es ein fünfzehnminütiges „Making of“ und Kurzbiographien der drei Ermittler und des Bösewichts, die man sich in sechs Minuten ansehen kann. Das Bonusmaterial ist, nett, begrenzt informativ (das Booklet ist informativer) und gänzlich spoilerfrei.
The Team (The Team, Dänemark/Deutschland/Österreich/Schweiz/Belgien 2015)
Regie: Katherine Windfeld, Kasper Gaardsøe
Drehbuch: Mai Brostrøm, Peter Thorsboe
mit Lars Mikkelsen, Jasmin Gerat, Veerle Baetens, Carlos Leal, Miriam Stein, Hilde Van Mieghem, Alexandra Rapaport, Andreas Pietschmann, Leo Gregory, Marc Benjamin, Filip Peeters, Sunnyi Melles, André Hennicke, Peter Benedict, Nadeshda Brennick
– DVD
Edel
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, mehrsprachige Originalfassung (Dänisch, Deutsch, Englisch, Flämisch, Französisch, Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Kurzclips über die Hauptfiguren, 16-seitiges Booklet
Länge: 486 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre
– Hinweise ZDF über „The Team“ Moviepilot über „The Team“ Wikipedia über „The Team“
Minnesota, im Winter: Autoverkäufer Jerry Lundegaard will an die Kohle von seinem Schwiegervater gelangen. Er lässt seine Frau von zwei strohdumm-gewalttätigen Verbrechern kidnappen. Selbstverständlich geht alles, was schief gehen kann, schief und die hochschwangere Polizeichefin Marge Gunderson darf Leichen einsammeln.
„Oh, jeez“, was für ein herrlich doppelbödiger, schwarzhumoriger Kriminalfilm. „Fargo“ gehört unbestritten zu den besten Werken der Coen-Brüder.
Im Anschluss, um 21.45 Uhr, läuft „Barton Fink“ (USA 1991), ebenfalls von den Coen-Brüdern. Ebenfalls sehenswert.
Mit Frances McDormand, William H. Macy, Steve Buscemi, Peter Stormare, Bruce Campbell (ungenannt)
Wiederholung: Mittwoch, 20. Mai, 01.10 Uhr (Taggenau!)
Der Marathon-Mann (USA 1976, Regie: John Schlesinger)
Drehbuch: William Goldman
LV: William Goldman: Marathon Man, 1974 (Der Marathonmann)
Ein Student kommt, durch seinen ermordeten Bruder, einer Nazi-Organisation auf die Spur.
Spannender Thriller mit hochkarätiger Besetzung und einer – immer noch – schrecklichen Zahnarzt-Szene. Ursprünglich sollte sie länger sein, aber Testvorführungen ergaben, dass das zuviel Grauen war.
William Goldmans Drehbuch war für einen Edgar und WGA-Award (für „Die Unbestechlichen“ erhielt er den Preis der Writers Guild of America) nominiert.
Mit Dustin Hoffman, Laurence Olivier, Roy Scheider, Marthe Keller, William Devane, Fritz Weaver
Misfits – Nicht gesellschaftsfähig (USA 1961, Regie: John Huston)
Drehbuch: Arthur Miller
Eine frisch geschiedene Frau schließt sich drei Cowboys an. Gemeinsam gehen sie auf Mustangjagd.
Ein Klassiker. Nicht nur, weil „Misfits“ der letzte Film von Marilyn Monroe und Clark Gable ist, sondern auch weil Arthur Miller in seinem ersten Spielfilmdrehbuch eine schonungslose Bestandsaufnahme des nicht mehr existierenden amerikanischen Traums vom Freien Leben im Wilden Westen liefert. Denn Millers zeitgenössischen Cowboys sind von der Gesellschaft verachtete Außenseiter. Unter der Regie von John Huston spielen die Schauspieler ausgezeichnet und die Jagdszenen sind superb fotografiert.
„Nach einer langen Dürreperiode, was wirklich amerikanische Filme betrifft, gibt es jetzt Grund zur Freude, denn The Misfits ist so durch und durch amerikanisch, dass niemand außer einem Amerikaner ihn gemacht haben könnte.“ (Paul V. Beckley, New York Herald Tribune)
Mit Marilyn Monroe, Clark Gable, Montgomery Clift, Eli Wallach, Thelma Ritter
Am Ende von „Mad Max: Fury Road“ fühlt man sich wie bei dem Konzert von einer Kultband, die sich nach dreißig Jahren wieder vereinigt, und, als sei kein Tag vergangen, ihre alten Hits spielt. Nur in einer viel größeren Halle und aufgepeppt durch eine Bläsersektion und einen Frauenchor. Beides vermisste man früher nicht, als die Band rohen Punkrock oder, was bei „Mad Max“ passender ist, trashigen Heavy Metal spielte und die Musiker das Bildungsbürgertum mit ihrem schlechten Benehmen, den hässlichen Kleidern und der schonungslosen Gewaltverherrlichung schockierte.
Auch in dem neuen „Mad Max“-Film sind alle Elemente, die man aus den früheren „Mad Max“-Filmen kennt, frisch poliert und entstaubt, vorhanden. Und doch stimmt nichts. Das beginnt schon mit den Bildern. Sie sind alle eine Spur zu brillant. Genau wie bei einer CD, der das wohlige Rauschen einer LP oder, noch schlimmer, einer Musikkassette fehlt. Die Schauspieler sehen zu gut aus. Zu sehr nach Hollywood, zu wenig nach Nachbarschaft und jahrelangem Überleben in einer postapokalyptischen Welt. Auch die Autos haben keine Beulen und keine Schrammen. Jedenfalls keine, die durch das Leben auf dem Schrottplatz und in der Wüste entstehen. Und es endet bei der zusammenhanglosen Story, die nur noch eine weitgehend beliebige Aneinanderreihung von durchaus beeindruckenden, angenehm nachvollziehbaren und weitgehend handgemachten Actionszenen ist.
Früher war Mad Max (gespielt von Mel Gibson in der Rolle, die ihn zum Weltstar machte) ein Einzelgänger, der nur an sich dachte. Im ersten „Mad Max“-Film „Mad Max“ (1978) verlor er zwar seine Familie und er jagte die Täter, aber stilbildend für alle postapokalyptischen 80er-Jahre-Science-Fiction-Filme war der zweite „Mad Max“-Film „Mad Max II – Der Vollstrecker“ (1981), der in einer Wüstenwelt spielt, in der jeder ums Überleben kämpft, Benzin Gold ist und jeder gegen jeden kämpft. Für eine Tankfüllung will Mad Max einigen Zivilisten gegen eine Gruppe Belagerer helfen. Es gibt eine wahnsinnige Schlacht mit vielen Toten und geschrotteten Autos. Der dritte „Mad Max“-Film „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“ (1985) erzählt die gleiche Geschichte noch einmal, mit einem größeren Budget (was halt noch mehr Action und noch mehr Freakshow bedeutet), Tina Turner als Bösewicht, ihrem Hit „We don’t need another hero“ (Kennt den noch jemand?) und einer Schar Kinder; was bei den Fans nicht besonders gut ankam.
In „Mad Max: Fury Road“ bleibt George Miller bei dem erprobten Rezept. Außer dass er die Kinder durch eine Handvoll spärlich bekleidete, verdammt gut aussehende, makellos geschminkte Frauen, die „Fünf Frauen“, ersetzte. Imperator Furiosa (Charlize Theron) will sie vor Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne), einer nur optisch beeindruckenden Mischung aus Diktator und Sektenführer, retten.
Mit ihnen flüchtet Furiosa in ihrem LKW aus der Zitadelle in die Wüste. Ihr Ziel: die grüne Oase, in der sie aufwuchs. Max Rockatansky (Tom Hardy), der in der Zitadelle gefangen war und jetzt auf eines der Verfolger-Autos geschnallt wurde, kann sich irgendwann befreien und gemeinsam flüchten sie vor ihren Verfolgern, was George Miller die Gelegenheit gibt, in der Wüste ganz viele Autounfälle mit anschließenden Explosionen (die oft verdammt künstlich aussehen) zu inszenieren. Das sieht dann schon spektakulär aus, langweilt aber schnell als fast zweistündige immergleiche Minimalvariation von Krach-Rumms-Bumms. Diese Action mit den austauschbaren Verfolgern verläuft auch überraschend unblutig.
Dazwischen wird Max immer wieder von Erinnerungen an seine Familie und Alpträumen gequält. Diese Flashbacks, die unserem Helden eine Vergangenheit geben sollen, sind vollkommen überflüssig und werden schon im Film zum ärgerlichen Klischee. Gleichzeitig führt diese vulgärpsychologische Vertiefung den Charakter in das Dilemma, dass er gleichzeitig ein skrupelloser, nur an seinem Überleben interessierter Tatmensch und eine gequälte, zur Tatenlosigkeit verdammte Seele sein soll. Außerdem wird aus dem nur an sich interessiertem Charakter, einem Einzelgänger, Überlebenskünstler, und Zyniker, dem archetypischen Fremden ohne Namen, im dritten Akt von „Mad Max: Fury Road“ plötzlich ein Altruist, der ohne einen ersichtlichen Grund, in bester „Mein großer Freund Shane“-Tradition, den Frauen, die ganz gut ohne ihn zurecht kommen, hilft. Für Gottes Lohn und ohne sein Auto.
Spätestens in diesem Moment und bei dem ziemlich schwachen Ende wird überdeutlich, dass die Macher den Film ohne ein Drehbuch, aber mit einem Skizzenbuch voller Actionszenen begannen. Mehrere plötzlich abbrechende Actionszenen und zahlreiche unmotivierte Schwarzblenden verstärken den Eindruck, dass „Mad Max: Fury Road“ einfach nur eine unglaubliche Menge Autocrashs aneinanderreiht, während eine Armada austauschbarer Pappkameraden, die aus einem Heavy-Metal-Freakshow entsprungen sind, ab und an durch das Bild fährt.
Zwei Stunden dauert diese sich fast ohne Pausen auf Action konzentrierende Enttäuschung, die auch nie eine Verbindung zur Gegenwart aufbaut. Denn natürlich knüpften die „Mad Max“-Filme und seine zahlreichen Kopien, die in den Achtzigern die Kinos überschwemmten, an eine in der Gesellschaft vorhandene Weltuntergangsstimmung zwischen Atomkrieg, Ölkrise und Waldsterben an.
Damit wird die Gewaltverherrlichung und der Zynismus der früheren „Mad Max“-Filme in „Mad Max: Fury Road“ zu einem Puppentheater. Eine Vaudeville-Freakshow. In der all die Bewegung nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass dem Film die Seele, ein emotionales Zentrum, und ein erinnerungswürdiger Bösewicht, ein echter Antagonist für Max und Imperator Furiosa, fehlt. Mit diesen beiden Zutaten hätte „Mad Max: Fury Road“ ein grandioser Actionfilm werden können. So ist es nur eine zweistündige Leistungsschau der Stuntmänner, der Kameraleute und der CGI-Leute.
Andreas ist Polizist, glücklich verheiratet und ebenso glücklicher Vater. Wenn sein Sohn nachts schreit, kümmert er oder seine Frau Anne sich abwechselnd um ihn. Sie sind vorbildliche Eltern, die in einem ebenso vorbildichem Haus am See leben. Auch auf der Arbeit ist Andreas der ruhige, besonnene Polizist mit dem funktionierendem moralischen Kompass, der wild ausschlägt, als er, wieder einmal, auf Tristan trifft.
Tristan ist das Gegenteil von ihm: ein kleiner Drogenhändler mit vielen Vorstrafen, gewalttätig, dumm wie Brot und jetzt liiert mit der Junkiebraut Sanne, die in einer vermüllten Mietwohnung hausen. Aber wirklich schockiert ist Andreas, als sie in dieser Wohnung ein Baby entdecken. Andreas will es in staatliche Obhut geben, aber weil das Baby kerngesund ist, darf es bei seiner Mutter bleiben.
Außerdem kümmert sich Andreas um seinen Kollegen Simon, der nach einer Scheidung zwischen Suff und Strip-Club herumpöbelt und der seine Dienstmarke als Entschuldigung für schlechtes Verhalten benutzt.
Eines Nachts entdeckt Andreas, dass ihr Kind tot ist. Um Anne nicht zu verlieren, vertauscht er sein totes Kind mit Tristans lebendigem Kind und er versucht Anne davon zu überzeugen, dass ihr Kind noch lebt. Gleichzeitig versucht er Tristan hinter Gitter zu bringen. Dummerweise lieben Tristan und Sanne ihr Kind abgöttisch.
Das könnte jetzt der Auftakt für eine schwarzhumorige Komödie im Stil von „Arizona Junior“ von den Coen-Brüdern sein. Aber in „Zweite Chance“ gibt es nichts zu Lachen und auch nichts ist ironisch gemeint.
Es könnte auch der Auftakt für einen veritablen Kriminalfilm sein. Immerhin haben wir ein totes Baby, mehrere Verbrechen, Verbrecher und Polizisten, polizeiliche Ermittlungen und einen Polizist, der alles tut, um die zu ihm führenden Spuren zu verschwischen. Aber die Ausgangslage von „Zweite Chance“ ist viel zu konstruiert und die sich daraus entwickelnde Geschichte so krude, dass kein Krimi-Autor sich trauen würde, ernsthaft eine solche Kolportage anzubieten.
Aber als Drama über Vater- und Mutterschaft funktioniert der gut besetzte Film. Susanne Bier erzählt diese Geschichte voller Unwahrscheinlichkeiten über tote und lebendige Babys, die mehrmals vertauscht werden und einem alles toppendem Ende, nämlich so konzentriert, dass man mit den Charakteren und ihren Konflikten mitfiebert.
„Zweite Chance“ hat nämlich einen klar konturierten Konflikt. Die damit verbundenen moralischen Fragen sind auch ebenso klar erkennbar. Das Drama ist damit nah bei einem Philosophieseminar, das ernsthaft ein hypothetisches und extrem zugespitztes Problem diskutiert und sogar überraschend unterhaltsam ausfällt. Nur sollte man das Problem von „Zweite Chance“ nicht mit der Wirklichkeit verwechseln (Wer ist schon Polizist und hat gerade ein Ersatzbaby zur Hand?) – und auch nicht nachahmen.
LV: Elmore Leonard: Out of sight, 1996 (Zuckerschnute, Out of sight)
Auf der Flucht verbringt Jack Foley im Kofferraum einige Zeit mit Debputy U. S. Marshal Karen Sisco. Zwischen ihnen funkt es gewaltig. Als Jack in Detroit seinen letzten Coup plant, erscheint auch Karen auf der Bildfläche.
Hochgelobte und uneingeschränkt empfehlenswerte Leonard-Verfilmung mit George Clooney, Jennifer Lopez, Ving Rhames, Don Cheadle, Dennis Farina, Luis Guzman
Von Elmore Leonards Homepage: “Out of Sight, like Get Shorty, was a totally happy film experience for Elmore. The Get Shorty production team and writer: Danny DeVitos Jersey Films and screenwriter Scott Frank, once again collaborated on an Elmore Leonard project. Jersey signed Steven Soderbergh to direct and he cast George Clooney and Jennifer Lopez in the lead roles. (…) Clooney and Lopez added considerable sizzle to Out of Sight. Steve Zahn is hilarious as a stoner car thief; Ving Rhames, Don Cheadle and Isaiah Washington are all deadly and cool. Albert Brooks was a pleasant surprise. He makes the most out of the Ripley character. It was Scott Frank who took Ripley, off-stage in the book, and made him a key character. After Scott finished his screenplay, Elmore disagreed with the Ripley move and the ´happy´ movie ending, but admitted he was right after seeing the finished film. Out of Sight has a great look thanks to Steven Soderberghís masterful direction and Scott Frank’s savvy script. The film was a critical success but a box office so-so because of an unfortunate summer release date.”
Seit dem Kinostart im November 2014 erhielt Laura Poitras Dokumentarfilm „Citizenfour“ wichtige Preise, wie den Oscar, BAFTA.- DGA- und Independent Spirit Award als bester Dokumentarfilm. Um nur einige der verdienten Auszeichnungen für diesen wichtigen Film zu nennen, der jetzt mit einer guten Stunde Bonusmaterial als DVD und Blu-ray erschienen ist. Doch dazu später mehr. Zum Kinostart schrieb ich (aber bereinigt um ein überflüssiges „aber“):
Wenn ich „Citizenfour“, die Dokumentation von Laura Poitras über Edward Snowden, politisch beurteile, kann ich sie nicht genug loben. Poitras hat in den vergangenen Jahren die bei uns unbekannte Dokumentationen „My Country, my Country“ und „The Oath“ über den US-amerikanischen „war on terror“ gedreht, der auch ein höchst erfolgreicher Vernichtungsfeldzug gegen Bürgerrechte war. Eigentlich war er in diesem Bereich erfolgreicher als im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus. Auch wenn Osama Bin Laden tot ist, viele seiner engsten Verbündeten ebenfalls tot oder inhaftiert sind und Al Kaida als terroristische Bedrohung wohl keine große Rolle mehr spielt. Dafür gibt es zahlreiche Nachfolger. Zur gleichen Zeit bekamen die Sicherheitsbehörden neue Befugnisse und die NSA begann die gesamte elektronische Kommunikation zu überwachen und zu speichern. Edward Snowden, ein NSA-Mitarbeiter, wollte, dass die Öffentlichkeit davon erfährt. Er nahm als „Citizenfour“ Kontakt zu einigen Journalisten auf, die er aufgrund ihrer Arbeit für vertrauenswürdig erachtete. Laura Poitras gehörte dazu. Glenn Greenwald, ein Jurist und „The Guardian“-Kolumnist, ebenso. Am 3. Juni 2013 trafen Poitras und Greenwald zum ersten Mal Edward Snowden. In einem Hotelzimmer in Hongkong erzählte Snowden ihnen an acht Tagen, was er wusste und erklärte Dateien, die er kopiert hatte. Unmittelbar danach veröffentlichte Poitras ein kurzes Interview mit Snowden. Jetzt legt sie mit der Dokumentation „Citizenfour“, die sich um diese Tage in Hongkong im Juni 2013 dreht, nach. Greenwald veröffentlichte noch in Hongkong die erste Geschichte, die auf dem Material von Edward Snowden basierte. Die Identität von Snowden wurde, vor allem auf seinen Wunsch, enthüllt. Anschließend wollte er in einem sicheren Land in Südamerika untertauchen. Er wollte, dass die Enthüllungen und nicht seine Person im Mittelpunkt der Debatte stehen. Weil die US-amerikanische Regierung seinen Pass für ungültig erklärte, strandete er auf dem Moskauer Flugplatz. Seit dem 12. Juli 2013 hat er in Russland Asyl. In ihrem Dokumentarfilm erzählt Poitras diese Geschichte, die mit der Information endet, dass es einen zweiten Whistleblower im Geheimdienst gibt. Im Zentrum des Films steht dabei die Tage in dem Hotelzimmer, die Poitras (die sich als Regisseurin vollkommen zurückhält), Greenwald und sein „The Guardian“-Kollege Ewen MacAskill mit Snowden verbrachten. Es zeigt auch einen Wendepunkt in unserem Wissen über die Überwachung und die Verletzung der Grundrechte durch westliche Geheimdienste. Optisch ist das allerdings nicht besonders aufregend. Wir sehen drei Männer und eine Frau, die sich in einem Hotelzimmer miteinander unterhalten. Die Informationen über die Überwachungsapparate der NSA, des britischen Geheimdienstes GCHQ und ihrer Verbündeten sind inzwischen bekannt, auch wenn man einiges, wie dass die gesamte Kommunikation für Drohneneinsätze über Ramstein läuft, fast schon wieder vergessen hat. Angereichert wird diese lange Woche im Hotelzimmer durch einige Interviews, Befragungen und Vorträge von Geheimdienstkritikern und Bürgerrechtlern, wie Jacob Appelbaum und William Binney, der im Oktober 2001 die NSA verließ, weil er Bedenken gegen die Ausspionierung von US-Bürgern hatte. Das ist alles sehr konventionell gefilmt und auch nicht besonders informativ. Jedenfalls als aufklärerische Dokumentation über gesellschaftliche und politische Strukturen. „Citizenfour“ ist weit entfernt von der analytischen Schärfe und intellektuellen Tiefe einer Dokumentation von Alex Gibney (Taxi to the dark side, We steal secrets) oder Adam Curtis (The power of nightmares, The trap). Laura Poitras konzentriert sich auf Snowden, der hier als Mensch fassbar wird. Sie zeigt ihn in den letzten Tagen seines Lebens als Jedermann, der ruhig erklärt, warum er die Geheimnisse der NSA veröffentlichen will. In diesen Momenten wird für Menschen, die nur die Schlagzeilen lesen, einiges in die richtige Perspektive gerückt.
Inzwischen ist „Citizenfour“ ein historisches Dokument, in dem ein wichtiger Moment für die Geschichte dokumentiert wird. Ein Einzelner versucht, die Geschichte zu ändern. Aus heutiger Perspektive sogar überraschend erfolgreich. Denn seitdem diskutieren wir über die globale Überwachung und alles, was in der Prä-Snowden-Zeit eine mehr oder weniger gut begründete Vermutung war, ist jetzt gesichertes, unumstrittenes und allgemein bekanntes Wissen. Und täglich werden neue Fakten, die davor noch von den Regierungen geleugnet wurden, bekannt.
Der Film wird um eine Stunde informatives Bonusmaterial ergänzt. Es gibt drei geschnittene Szenen. In den ersten beiden Szenen (insgesamt zehn Minuten) erzählt Edward Snowden, wie die CIA einen Angestellten einer Schweizer Privatbank anwirbt und er gibt einen weiteren Einblick in sein Denken. Das sind zwei interessante Szenen, die allerdings nicht in den Film gepasst hätten. Die dritte Szene, in der Glenn Greenwald drei Wochen nach dem Interview mit Snowden, in seiner Wohnung in Rio de Janeiro, am Computer arbeitet, ist dagegen ziemlich überflüssig und wirkt auch, abgesehen von den entspannt herumlungernden Hunden, gestellt.
Das knapp halbstündige Publikumsgespräch auf dem New York Film Festival (NYFF), nach der Weltpremiere des Films am 10. Oktober 2014, mit Laura Poitras ist informativ und untertitelt. Eine nicht untertitelte Fassung habe ich zum Kinostart verlinkt.
Und es gibt ein achtzehnminütiges Gespräch mit den in Berlin ansässigen Produzenten Mathilde Bonnefoy (die auch für den Schnitt verantwortlich ist) und Dirk Wilutzky, die weitere Hintergründe über die Entstehung des Films verraten.
Der Mann, der vom Himmel fiel (Großbritannien 1976, Regie: Nicolas Roeg)
Drehbuch: Paul Mayersberg
LV: Walter Tevis: The Man who fell to Earth, 1963 (Spion aus dem All; Der Mann, der vom Himmel fiel)
Ein Außerirdischer möchte auf der Erde eine neue Heimat für seine Familie und seine Spezies finden. Aber er verfällt dem menschlichem Lebensstil und Forscher sehen in ihm nur ein Forschungsobjekt.
„Der von Bowie verkörperte außergewöhnliche Charakter, Mayersbergs fragmenthaftes Drehbuch und Roegs mosaikhafte Regie kreieren einen extravaganten Film, dessen Handlungswindungen nur noch dazu beitragen, die verhängnisvolle Verwandlung von Bowie vom Außerirdischen in einen Menschen zu unterstreichen. (…) Ein stilsicherer Film voller hervorragender und komplexer Bilder, in dem Roeg Bowies Abstieg zum Menschen darstellt,der man sich nicht entziehen kann.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science-Fiction-Filmenzyklopädie)
Ein herrlich abgedrehter Kultfilm, der für den Hugo nominiert war und bei der damaligen deutschsprachigen Kritik nicht gut ankam: „mangelnden Tiefsinn durch Verhackstückerei von Handlungs- und Bildelementen vortäuscht“ (Ronald M. Hann/Volker Jansen: Lexikon des Science-Fiction-Films), „sinnentleerte Reizüberflutung“ (Filmbeobachter), „ein Werbefilm, der wie sein eigener, überlang-marktschreierischer Trailer aussieht“ (Medium).
Noir-Krimiautor James Sallis nannte die Vorlage „among the finest science fiction novels“.
mit David Bowie, Rip Torn, Candy Clark, Buck Henry, Bernie Casey, Linda Hutton
Wiederholung: Mittwoch, 13. Mai, 01.50 Uhr (Taggenau!)
Arte, 20.15 Die Lady von Shanghai (USA 1948, Regie: Orson Welles)
Drehbuch: Orson Welles
LV: Sherwood King: If I die before I wake, 1938
Michael O’Hara heuert als Matrose und Mädchen für alles auf der Jacht der Bannisters an. Schnell erliebt er sich in Elsa Bannister und wird von ihr in ein Mordkomplott hineingezogen.
Heute zählt „Die Lady von Shanghai“ zu den zeitlosen Noir-Klassiker. Die grandiose Schlusssequenz im Spiegelkabinett gehört zu den Glanzstücken der Filmgeschichte: die Kontrahenten stehen sich gegenüber, ihr Bild wird in unzähligen Spiegeln gespiegelt und erst als bei der Schießerei die Spiegel zerschossen werden, können wir langsam erkennen, wer ein Mensch und was sein Abbild ist.
Aber während der Produktion sah es ganz anders aus: Orson Welles machte aus einem einfachen Krimi ein verschachteltes Vexierspiel, schrieb ständig Szenen um, das Studio mischte sich ein, es gab Probleme mit dem Geld und Insekten betrachteten die Filmcrew als Jagdrevier. Und, als sei das alles nicht genug, machte Welles aus dem Sexsymbol und Columbia-Star Hayworth eine kalte und berechnende Mörderin. Alle Zeichen waren für einen Flop gesetzt und das Studio schloss den Film, nachdem auch mit Umschneiden nichts mehr zu retten war, erst einmal in seinen Giftschrank.
Mit Orson Welles, Rita Hayworth, Everett Sloane Wiederholung: Freitag, 15. Mai, 02.15 Uhr (Taggenau!) Hinweise
Wikipedia über „Die Lady von Shanghai“ (deutsch, englisch)
Thief – Der Einzelgänger (USA 1981, Regie: Michael Mann)
Drehbuch: Michael Mann
LV: Frank Hohimer: The home invaders: Confessions of a Cat Burglar, 1975
Musik: Tangerine Dream
Ganove Frank will mit dem letzten, großen Coup seine Verbrecherlaufbahn beenden. Dafür lässt sich Frank auch mit einem Gangstersyndikat ein. Und das hätte er nicht tun sollen.
Das Kino-Debüt des „Miami Vice“-Machers ist ein perfekt durchgestylter Gangsterthriller.
„Anstelle des Einbruchs rückt die melodramatische Komponente des Plots in den Mittelpunkt, was ‚Thief’ gemeinsam mit der von Mann kultivierten Neon-Ästhetik zu einem prägenden Vertreter des Noir der frühen 1980er Jahre macht.“ (Andreas Rauscher in „Filmgenres: Film noir“, 2008)
Mit James Caan, Tuesday Weld, Willie Nelson, James Belushi, Dennis Farina, Chuck Adamson, William Petersen
Auch bekannt als “Der Einzelgänger”
Wiederholung: Sonntag, 10. Mai, 02.00 Uhr (Taggenau!)
Ob Martin Armstrong ein Genie, ein Blender oder ein Betrüger ist, weiß man am Ende von Marcus Vetters Dokumentation „The Forecaster“ immer noch nicht. Aber in jedem Fall ist sie ein interessantes, aber auch distanzloses Porträt eines Autodidakten, der schon immer von Zahlen fasziniert war, keinen Collegeabschluss hat, freiberuflicher Anlagenberater und Chef mehrere Firmen (wie Princeton Economics International) wurde, ein ökonomisches Modell entwickelte, nach dem er, nach eigenen Angaben, mehrere Böresencrashs vorhersah (der nächste kommt, so sagt er, in wenigen Monaten) und der 1999 mit einer eher abstrusen Anklage wegen eines von ihm betriebenen Schneeballsystems inhaftiert wurde. Er soll, zusammen mit der Bank Republic New York, japanische Anleger betrogen haben. In Wirklichkeit, so Armstrong, wollte die US-Regierung den Quellcode von seinem Modell haben. Er weigerte sich, ihn herauszugeben. Nach sieben Jahren Ordnungshaft (eigentlich sind 18 Monate das Maximum) bekannte er sich, damit es zu einem Gerichtsverfahren kommen konnte, schuldig im Sinne der Anklage, die eigentlich nach einem bereits 2002 erfolgtem zivilrechtlichem Vergleich zwischen der Bank und den Anlegern hinfällig war. 2007 wurde er zu fünf Jahren Gefängnis, der Höchststrafe, verurteilt.
Außerdem behauptet er, er habe 1999 einen Plan entdeckt, mit dem eine von dem Bankier Edmond Safra, dem Republic New York gehörte, angeleitete Gruppe Russland übernehmen wollte. Im Dezember 1999 starb Safra bei einem Wohnungsbrand in Monaco. Verurteilt wurde 2002 Safras Krankenpfleger, der den Brand legte, um dann Safra zu retten. Armstrong glaubt allerdings an eine groß angelegte Verschwörung und dass er als Mitwisser still gestellt werden sollte.
Das ist natürlich faszinierender Stoff für einen Verschwörungsthriller und Marcus Vetter bedient auch diese Erwartungen, ohne die Verschwörung und das verbrecherische Tun von mächtigen Banken (die Armstrong den „Club“ nennt) und der US-Regierung überzeugend untermauern zu können. Zu vieles bleibt im Unklaren und oft fehlt auch einfach das Wissen, um Armstrongs Behauptungen beim Ansehen des Films überprüfen zu können.
Ohne diese groß angelegte Verschwörung ist Armstrong nur ein weiterer Unternehmensberater und Hedgefondsmanager, der seine Kunden in punkto Geldanlage berät und diese Beratung auf ein von ihm gefundenes, alles erklärendes Modell stützt, das auch, so Armstrong und seine Freunde, etliche treffende Vorhersagen machte.
Allerdings, und das wird im Film nicht erwähnt und deshalb blieb mir auch der wirklich neue Punkt in Armstrongs Modell verborgen (und als gelernter Sozialwissenschaftler kenne ich die Grenzen von prognostischen Modellen), sieht Armstrongs auf der Zahl Pi basierendes Economic Confidence Model (oder Pi-Zyklus-Modell) wie eine Variante der schon im Ökonomie-Erstsemester behandelten Kondtrajew-Zyklen aus.
Der sowjetische Ökonom Nikolai Kondratjew veröffentlichte 1926 in der Zeitschrift „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ den Aufsatz „Die Langen Wellen der Konjunktur“, in dem er sein Modell der langen Konjunkturwellen vorstellte, nach dem kurze Konjunkturzyklen von längeren Zyklen, die durchschnittlich 52 Jahre dauern, überlagert werden.
Das ist dann gar nicht so weit von Armstrongs 51,6 Jahren entfernt.
Dieses Beispiel verdeutlicht das Problem von „The Forecaster“. Nur Armstrong, seine Familie, seine Freunde und Geschäftspartner, die ihm damals und heute vertrauten, und sein Anwalt werden befragt. Andere Meinungen, zum Beispiel aus der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Strafverfolgung oder auch von Journalisten, die sich Martin Armstrong, seinem Economic Confidence Model und der von ihm postulierten Verschwörungstheorie beschäftigten, werden nicht befragt.
So kann man am Ende entweder den Filmemachern und Armstrong glauben. Oder auch nicht.
Deshalb ist „The Forecaster“ nicht mehr als ein kurzweiliges Porträt eines von sich und seiner Weltsicht überzeugten Finanzmanager, der mit seinen griffigen Thesen (Wer hat nicht gerne die Weltformel?) Banker und Investoren begeistert. Wenn Armstrong ein Modell und seine Weltsicht dann dem Publikum vorstellt, erscheint er als bodenständige Variante von Jordan Belfort.
Immer wieder wird nach Innovationen gerufen. Und dann sieht man einen Film wie „Der Babadook“, der einfach nur, mit kleinen Variationen, eine bekannte Geschichte erzählt und man freut sich über einen herrlich altmodischen Horrorfilm.
Seit dem Unfalltod ihres Mannes vor fast sieben Jahren erzieht die introvertierte Krankenschwester Amelia (Essie Davis) ihren, höflich formuliert, schwer erziehbaren Sohn Samuel (Noah Wiseman). Eines Tages entdeckt Samuel in seinem Zimmer das aus dem Nichts aufgetauchte Kinderbuch „Mister Babadook“. Er glaubt, dass der Babadook das Monster aus seinen Träumen ist. Amelia hält das für Quatsch, aber, wie es in dem Buch steht: wenn man den Babadook gerufen hat, kommt er und raubt einem zuerst den Schlaf.
Dass Amelia jetzt das Buch und den Babadook, der sich immer mehr in ihr Leben einmischt, nicht los wird, dürfte niemand überraschen.
Aber wie Jennifer Kent in ihrem Debütfilm diese Geschichte erzählt, schon. Auf der einen Seite folgt sie sehr traditions- und stilbewusst den Genreregeln. Der Babadook scheint direkt aus einem expressionistischem deutschen Stummfilmhorrorfilm entsprungen zu sein. Die sich auf die dunklen Töne fokussierende Farbpalette erinnert an die alten SW-Horrorfilme. Die Ausstattung ist artifiziell, zeitlos und hat immer die Patina von vergangenen, besseren Zeiten. Allein das verschafft dem Film von Genrefans schon lobende Worte. Immerhin ist die Zahl der guten Horrorfilme überschaubar, während schlechte Horrorfilme, vor allem im Found-Footage- oder Torture-Porn-Subgenre, sich wie Schmeißfliegen vermehren.
Gleichzeitig erzählt Kent im Gewand eines Horrorfilms von einem problematischen Abhängigkeitsverhältnis. Amelia und Samuel brauchen sich gegenseitig. Samuel kann ein lieber Junge sein, der sich liebevoll um seine Mutter kümmert, die den Tod ihres Mannes immer noch nicht verarbeitet hat. Ihr Mann starb bei einem Autounfall auf dem Weg zum Krankenhaus. Die schwangere Amelia und ihr Kind Samuel überlebten. Bis heute hat sie diesen Verlust nicht überwunden und Samuel weiß, dass bei seiner Geburt sein Vater starb. Eine traumatischere Mutter-Sohn-Beziehung kann es wohl kaum geben.
Kent erzählt auch von den Folgen des Verdrängen. Denn selbstverständlich symbolisiert der Babadook auch Amelias erfolglosen Bemühungen, den Tod ihres Mannes zu verdrängen. Aber das Verdrängte kommt irgendwann zurück. Eben diese emotionale Reise von Amelia verleiht dem Film eine zuletzt im Horrorfilm selten gesehene Tiefe.
Dabei erzählen Horrorfilme und Horrorgeschichten immer von unseren Ängsten und dem was wir und die Gesellschaft unterdrücken oder verdrängen.
Laut IMDB erhielt der Film bis jetzt 37 Preise und 51 Nominierungen, was für einen kleinen Independent-Film aus Australien enorm ist und eigentlich alles über seine Qualitäten sagt. Essie Davis (derzeit die 20-Jahre-Krimiserie „Miss Fisher’s Murder Mysteries“ [Miss Fishers mysteriöse Mordfälle]) erhielt für ihre überragende Interpretation der psychisch kranken und überforderten Mutter etliche Preise.
Stephen King, der ja gerne Bücher und Filme von Kollegen lobt, und William Friedkin, der das seltener tut, waren ebenfalls begeistert von „Der Babadook“ und für BBC-Filmkritiker Mark Kermode ist „Der Babadook“ der beste Film des letzten Jahres.
Hm, bei so viel Lob, sollte ich vielleicht jetzt, in bester Alfred-Hitchcock-Tradition sagen: „Es ist nur ein Film.“
Aber ein verdammt guter, äußerst stilbewusster, gut gespielter Horrorfilm, der Schocks mit einer emotionalen Geschichte verbindet. Ja, „you can’t get rid of The Babadook“.