Arte, 22.20 Der gläserne Schlüssel (USA 1942, Regie: Stuart Heisler)
Drehbuch: Jonathan Latimer
LV: Dashiell Hammett: The Glass Key, 1932 (Der gläserne Schlüssel)
Ist der korrupte Politiker Paul Madvig auch ein Mörder? Sein Assistent Ed Beaumont versucht die Unschuld seines Chefs zu beweisen.
Ein Noir-Klassiker, der zuletzt vor Ewigkeiten im TV lief und an den ich mich nur noch vage erinnere. Aber Buch (Hammett!) und Film (Ladd! Lake!) haben mir damals verdammt gut gefallen.
„Die politischen Bezüge, die enge Verbindung zwischen Verbrechen und Politik sind weniger explizit als in Hammetts Roman (…), werden aber benannt und machen aus ‚Der gläserne Schlüssel‘ eines der wenigen Kriminaldramen des ‚Film noir‘ mit einem konkreten gesellschaftspolitischen Hintergrund.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)
„Zwar keine sehr werkgetreu, aber nach ‚The Maltese Falcon‘ die wohl interessanteste Umsetzung einer Hammett-Vorlage.“ (Paul Werner: Film noir)
Nächsten Montag, den 16. März, zeigt Arte zwei weitere, selten gezeigte Noir-Klassiker: um 20.15 Uhr „Die blaue Dahlie“ und um 21.50 Uhr „Unter falschem Verdacht“ – und, wenn man so will, um 00.55 Uhr „Chinatown“. Alle Filme laufen im Rahmen des Arte-Krimifrühling, der heute beginnt und uns bis Ende März einige Filmperlen zeigt.
Mit Brian Donlevy, Veronica Lake, Alan Ladd, Bonita Granville, Joseph Calleia, Richard Denning, William Bendix
Minnesota, im Winter: Autoverkäufer Jerry Lundegaard will an die Kohle von seinem Schwiegervater gelangen. Er lässt seine Frau von zwei strohdumm-gewalttätigen Verbrechern kidnappen. Selbstverständlich geht alles, was schief gehen kann, schief und die hochschwangere Polizeichefin Marge Gunderson darf Leichen einsammeln.
„Oh, jeez“, was für ein herrlich doppelbödiger, schwarzhumoriger Kriminalfilm. „Fargo“ gehört unbestritten zu den besten Werken der Coen-Brüder.
Mit Frances McDormand, William H. Macy, Steve Buscemi, Peter Stormare, Bruce Campbell (ungenannt)
Ich habe keine Ahnung, warum „Stonehearst Asylum – Diese Mauern wirst du nie verlassen“ keinen deutschen Kinostart bekommen hat. Denn an der Besetzung und der Story kann es nicht liegen. Brad Anderson, zuletzt „The Call – Leg nicht auf“, liefert hier wieder einen spannenden Genrefilm. Dieses Mal ist es ein fast schon klassischer Horrorfilm, der auf der Kurzgeschichte „Das System des Doktors Pech und des Professors Feder“ von Edgar Allan Poe basiert, die etwas modernisiert und ordentlich erweitert wurde.
Weihnachten 1899 trifft der junge Arzt Edward Newgate (Jim Sturgess) in der abgelegenen Irrenanstalt Stonehearst ein. Der Anstaltsleiter Dr. Lamb (Ben Kingsley) führt ihn durch die Anstalt und macht ihn mit seinem Therapiekonzept bekannt: die Patienten genießen maximale Freiräume. Sie dürfen ihren Wahn ausleben und sind glücklich. Lamb gibt ihnen ein sicheres Umfeld. Denn was ist besser: ein glücklicher Mann, der sich für ein Pferd hält oder ein therapierter, aber unglücklicher Mann? Newgate ist fasziniert. Vor allem von der bildschönen Pianistin Eliza Graves (Kate Beckinsale).
Als er in der Nacht durch das riesige Haus streift, entdeckt er im Keller eine Gruppe Gefangener, die behaupten, dass sie von ihren Patienten im Keller eingesperrt wurden, sie vollkommen normal seien und er ihnen helfen solle. Aber wie? Und sagen sie ihm die Wahrheit? Denn natürlich behauptet jeder Irre, dass nicht er, sondern die anderen verrückt sind.
Neben den schon erwähnten Stars Jim Sturgess, Kate Beckinsale und Ben Kingsley sind auch Michael Caine (als einer der im Keller Eingesperrten), David Thewlis, Brendan Gleeson (eigentlich nur eine Nebenrolle) und Jason Flemying bei diesem Trip in den Wahnsinn dabei.
Anderson inszenierte die Geschichte ohne neumodische Effekthaschereien gediegen altmodisch wie einen klassischen Horrorfilm, der genau deshalb gefällt und der, im Gegensatz zu „Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“ allemal einen Kinostart verdient hätte. Denn „Stonehearst Asylum“ ist in jeder Beziehung der bessere Film.
Der Falke und der Schneemann (USA 1984, Regie: John Schlesinger)
Drehbuch: Steven Zaillian
LV: Robert Lindsey: The Falcon and the snowman, 1979
Musik: Pat Metheny (und dem David Bowie-Hit „This is not america“)
Auf Tatsachen basierendes Drama über zwei Jugendliche, die mäßig brisante Geheimdokumente an die UdSSR verkauften und 1977 zu lebenslanger beziehungsweise 40-jähriger Haft verurteilt wurden. Inzwischen sind sie auf Bewährung entlassen.
Nach 9/11, der Hatz auf islamistische Terroristen und ihr Umfeld und den Whistleblowern der vergangenen Jahre, zuletzt Edward Snowden, ist „Der Falke und der Schneemann“ als düsteres Drama über jugendlichen Idealismus wieder sehr aktuell.
Mit Sean Penn, Timothy Hutton, Pat Hingle, Joyce Van Patten
Die Béliers sind eine ganz normale Bauernfamilie mit einem kleinen Handicap. Bis auf ihre Tochter Paula sind sie alle taub. Deshalb muss der Teenager nicht nur auf dem Wochenmarkt dolmetschen, sondern auch – neben der Schule – alle Telefonate mit den Geschäftspartnern erledigen. Dennoch ist sie zufrieden. Sie hat eine tolle Familie, die eisern zusammen hält, und gute Freunde. Vor allem mit ihrer Freundin kann sie den Frust, nicht zu einer Party eingeladen werden, zu der sie eh nicht hingehen wollte, weglästern.
Den Musikkurs an der Schule belegt sie dann auch nicht, weil sie singen will, sondern weil sie in der Nähe von ihrem Schwarm sein will. Der fliegt allerdings schon beim Vorsingen aus dem Chor und der Chorleiter, Monsieur Thomasson, ist von ihrer Stimme begeistert. Endlich hört er eine talentierte Stimme. Paula könnte sogar in Paris an einer renommierten Musikakademie aufgenommen werden. Paris würde natürlich bedeuten, dass sie ihre Familie verlassen muss.
Zur gleichen Zeit entschließt sich ihr Vater gegen den von allen gehassten Bürgermeister zu kandidieren. Rodolphe sieht keine Probleme bei diesem Selbstmordkommando. Dass er sich bislang nicht politisch engagierte, dass er von Politik keine Ahnung hat, dass er in keiner Partei ist, dass er taub ist; all das stört ihn nicht. Er hat ja Paula, die seine Reden übersetzen kann. Seine Frau Gigi hält zu ihm. Und dann ist da ja noch Paulas Bruder Quentin.
Außerdem steht dieser Polit-Plot, der im Trailer ja ausführlich angesprochen wird, nicht im Mittelpunkt der Komödie „Verstehen Sie die Béliers?“. Es ist ein verzichtbarer Subplot, der nur für einige schnelle Lacher eingefügt wurde. Was schade ist. Denn aus diesem Wahlkampf hätten die Macher viel Komödiengold schöpfen können. Da wäre ein kleines Sittenbild der Provinzpolitik und ein differenziertes Statement zum Umgang der Gesellschaft mit Behinderten möglich gewesen.
Im Mittelpunkt steht dagegen die Tochter Paula, die sich entscheiden muss, ob sie bei ihrer Familie auf dem Land bleibt oder ihr Glück in Paris versuchen soll. Außerdem verliebt sie sich in einen Klassenkameraden.
Éric Lartigau reichert diese durchaus feinfühlig erzählte Coming-of-Age-Geschichte mit einigen witzigen bis klamaukigen Episoden an, die sich immer um die tauben Mitglieder der glücklichen Familie Béliers drehen. Sie unterhalten sich in Gebärdensprache lauter als einige normale Familien. Leider – auch wenn im Presseheft gesagt wird, dass alle Hauptdarsteller längere Zeit in der Gebärdensprache unterrichtet wurden – erinnert ihr Spiel vor allem an das übertriebene, nervig exaltierte Spiel von Stummfilmschauspielern.
Und immer wieder spricht Paula laut aus, was sie ihren Eltern oder ihrem Bruder in Gebärdensprache sagt. Das ist als Service am Untertitel-lesefaulen Publikum zwar okay, aber es stört mich immer wieder, weil es unrealistisch ist. Genauso wie ein normaler Mensch sich selbst keinen Text laut vorliest. Und es zeugt vom mangelnden Mut der Macher, eine Idee konsequent durchzuhalten.
Wobei „Verstehen Sie die Béliers?“ auch kein tiefschürendes Drama sein will. Es ist eine auf Harmonie getrimmte Sommerkomödie, die einige ungewöhnliche Menschen in den Mittelpunkt stellt, ihre Behinderung vor allem als Anlass für Witze sieht und eine ziemlich biedere Moral hat, die so ähnlich auch in anderen französischen Erfolgskomödien auftaucht, die wenig bis nichts mit der aktuellen Wirklichkeit zu tun haben. Denn das glückliche Leben der Béliers auf ihrem Bauernhof und das lauschige Provinzdorf gehören in die fünfziger Jahre, als die Welt noch in Ordnung war.
In Frankreich wurde Lartigaus Film inzwischen von fast sieben Millionen Zuschauern gesehen.
Ach ja: die Idee von Monsieur Bélier, in die Politik zu gehen, ist gar nicht so unrealistisch. In Deutschland zog 2011 Martin Zierold als erster Gehörloser in ein deutsches Parlament, in Berlin in die Bezirksverordnetenversammlung Mitte ein. Und, ich kenne ihn von einigen Veranstaltungen: er ist ein sehr ruhiger Typ.
„Chappie“ – damit wir diese Blödelei gleich hinter uns haben – hat nichts mit dem Hundefutter zu tun. „Chappie“ ist der neue Film von Neill Blomkamp, der mit „District 9“ und „Elysium“ zwei überzeugende Science-Fiction-Filmen ablieferte, in denen es neben satten Portionen Action auch immer eine sozialkritische Botschaft gab. Die hat „Chappie“ auch. Allerdings nur in homöopathischen Dosen. Denn im Kern ist er, wie „Real Steel“ (ebenfalls mit Hugh Jackman), eine Kindergeschichte über richtige und falsche Vorbilder mit für Kindern zu brutalen Kampfszenen.
Gleich bei dem ersten Einsatz der wie menschliche Skelette aussehenden Polizeiroboter, die in Johannesburg, Südafrika, gegen Verbrecher eingesetzt werden, gibt es von beiden Seiten keine Gnade. Die Roboter knallen die Verbrecher ab. Die Verbrecher wehren sich ebenso gnadenlos und jagen schon einmal mit einer Panzerfaust einen Roboter durch mehrere Wände.
Danach wird Modell 22 (Sharlto Copley) als Totalverlust von Deon Wilson (Dev Patel) abgeschrieben. Deon ist der Erfinder und Programmierer dieser Droiden. Er forscht auch in Richtung Künstlicher Intelligenz und als er ein Programm fertig stellt, das aus den Droiden lernfähige Wesen machen könnte, blockiert seine Vorgesetzte Michelle Bradley (Sigourney Weaver) seinen Wunsch nach Tests mit Robotern ab. Zu teuer und ihre Auftraggeber, die Stadt Johannesburg und die Polizei, sind mit den bisherigen Modellen von Tetra Vaal vollauf zufrieden.
Also – wir ahnen es – stiehlt Deon den abgeschriebenen und zur Verschrottung freigegebenen Droiden und die notwendigen Ersatzteile. Bei sich zu Hause will er an Modell 22 sein Programm ausprobieren.
Dummerweise wird er auf dem Heimweg entführt. Das Verbrechertrio, das wie ein Überbleibsel aus einem „Mad Max“-Film aussieht, möchte an die Programmcodes für die Roboter kommen. Das ist aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen unmöglich, aber Deon kann Modell 22 wieder herrichten. Mit seinem Programm als Software. Gesagt. Getan. Und jetzt müssen die Verbrecher dem Roboter, den sie Chappie nennen, alles für sein Leben wichtiges beibringen. Ninja und Yo-Landi (die im echten Leben als Ninja und Yo-Landi das Rap-Duo „Die Antwoord“ sind) wollen ihn zum besten Streetgangster der Stadt machen. Chappie ist lernwillig und ein auf Gangster machender Roboter ist immer einen Lacher wert. Auch, dass er von Anfang an Fähigkeiten und Kräfte hat, die seine beiden Adoptiveltern nicht haben. Yo-Landi entdeckt ihre mütterliche Seite und Ninja versucht der Vater zu sein, der seinem Sohn aus seiner Sicht alles für das Leben wichtige beibringt, wie Schießen, den richtigen Gang und die richtige Sprache. Ihr Kumpel Yankie (Jose Pablo Cantillo) ist da nur der stille Beobachter.
Gleichzeitig ist das schnell lernende Roboter-Kind zwischen seiner Loyalität zu seinen Zieheltern, Ninja und Yo-Landi, und seinem Erschöpfer Deon, der ihm auch ein moralisches Bewußtsein vermitteln will, hin und her gerissen.
Und während Chappie immer mehr lernt, hat Deon immer mehr Ärger mit seinem Arbeitskollegen Vincent Moore (Hugh Jackman mit gruseliger Haartracht), der als alter Militär an menschliche Intelligenz und überdimensionierte Waffen glaubt. Seine neueste Erfindung, die er unbedingt an die Polizei verkaufen möchte, ist der Moose, eine zweibeinige Version der AT-AT-Walker aus „Das Imperium schlägt zurück“ oder eine Kopie einiger Robotermodelle aus „Robocop“, wie dem ED-209.
Böswillig gesprochen ist „Chappie“ eine Nacherzählung von „Robocop“ mit kleinen Änderungen und ohne die ätzende Gesellschaftskritik, viel „Mad Max“-Endzeitästhetik bei den Bösewichtern und, bei den Roboterkämpfen, etwas „Transformers“. Allerdings in der dreckigen Straßenkampfversion. Was auch daran liegen kann, dass „Chappie“ vor Ort in Johannesburg auf der Straße gedreht wurde und die Geschichte auch wirklich, wie Neill Blomkamps Debüt „District 9“, mit diesem Ort verbunden ist.
In dieser Hinsicht schöpft „Chappie“ vor allem aus dem Bekannten und verleiht ihm mit der Idee eines lernfähigen Roboter-Kindes, das in der falschen Umgebung aufwächst, einen neuen Twist. Blomkamp erzählt diese Geschichte nach seinem Drehbuch, das er mit „District 9“-Autorin Terri Tatchell schrieb, mit einem Blick auf die durch die Situation entstehenden absurden Züge. Denn so kindisch, naiv, begeisterungsfähig und gefährlich war schon lange kein Roboter mehr.
Allerdings ist „Chappie“ auch Blomkamps unpolitischster Film, der ohne Not all die politischen, moralischen, gesellschaftskritischen und ethischen Implikationen und Fragen zugunsten einer banalen, mit Filmzitaten, Gewalt und zwiespältigem Humor gewürzten Erziehungsgeschichte links liegen lässt.
Kein Koks für Sherlock Holmes (USA/Großbritannien 1976, Regie: Herbert Ross)
Drehbuch: Nicholas Meyer
LV: Nicholas Meyer: The Seven-per-cent Solution, 1975
Dr. Watson bugsiert Sherlock Holmes nach Wien zu einer Therapie bei Dr. Sigmund Freud. Als sie in einen mysteriösen Kriminalfall stolpern erwachen die kleinen grauen Zellen des Meisterdetektivs.
Vergnügliche Liebeserklärung an Holmes und Watson und eine vergangene Zeit.
Mit Alan Arkin, Nicol Williamson. Robert Duvall, Laurence Olivier, Vanessa Redgrave, Samantha Eggar, Charles Gray
Fans von Jeff Bridges und Julianne Moore können getrost auf „Seventh Son“ verzichten.
Auch die Fans von Joseph Delaneys Jugendbuch „Spook – Der Schüler des Geisterjägers“ dürften von „Seventh Son“ enttäuscht sein. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Delaneys Roman, der der Auftakt einer erfolgreichen Kinder-/Jugendbuch-Serie, die es inzwischen auf dreizehn Romane gebracht hat, so schlecht wie Sergei Bodrovs Verfilmung ist. Und, wenn wir gerade dabei sind, Sergei Bodrovs vorherige Filme, wie „Der Mongole“, dürften auch alle besser als dieses halbgare Fantasy-Abenteuer sein, das nie weiß, welche Geschichte es denn nun erzählen möchte, während die Programmierer sich im Pixelrausch austoben.
In der „Seventh Son“-Fantasy-Welt gibt es natürlich Hexen und sonstige nicht ganz menschliche Wesen. Als Kämpfer gegen sie und die Schwarze Magie gibt es sogenannte Spooks. Einer von ihnen ist John Gregory (Jeff Bridges im „True Grit“-Modus), dessen Schüler gerade von der Hexe Mutter Malkin (Julianne Moore in „Razzie“-Hoffnung) getötet wurde. Also sucht Gregory einen neuen Schüler, der der siebte Sohn eines siebten Sohns sein muss. Das sind nämlich ganz starke Jünglinge. Tom (Ben Barnes) ist der Auserwählte, der auch der Sohn einer Hexe ist; was für seine seherischen Qualitäten gut ist. Ach ja: es gibt drei Arten von Hexen: die Guten, die Bösen und die, die es noch nicht wissen. – – – Kein Kommentar zu diesem Hexenkonzept. Immerhin ist nicht jede Frau eine Hexe.
Jedenfalls bandelt der Jüngling auch mit einer Schönheit an, die sich als Hexe entpuppt. Sie sagt, dass sie keine böse Hexe sei und schon steht ihrer Liebe nichts mehr im Weg. Außerdem ist seine Mutter auch eine Hexe.
Weil es demnächst wieder einen Blutmond gibt und Mutter Malkin dann halt tun will, was böse Hexen so tun, muss Gregory Tom schnell ausbilden und mit dem Jüngling in die Schlacht ziehen.
Und irgendwann erfahren wir auch, dass Toms Lehrmeister und Mutter Malkin eine gemeinsame Vergangenheit haben.
Bodrov erzählt diese Geschichte nach einem Drehbuch von Charles Leavitt („The Mighty – Gemeinsam sind sie stark“, „K-PAX – Alles ist möglich“, „Blood Diamond“) und Steven Knight („Tödliche Versprechen – Eastern Promises“, „No turning back“, „Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“), die hier wohl ihr schlechtestes Werk ablieferten. Denn nie kann sich der Film entscheiden, ob er jetzt die Geschichte von John Gregory, dem Lehrer, der gegen seine frühere Geliebte kämpfen muss, und der einen großen Verschleiß an Auszubildenden hat, oder die von Tom, der von Jungen zum Mann wird, erzählen will. Also werden einfach einige Szenen nacheinander abgehandelt, die wohl so etwas wie die Origin Story von Tom ergeben sollen, die aber vor allem langweilen. Und – auch wenn das Drehbuch vielleicht viel besser war – ist der Film einfach nur eine lustlose Abfolge sattsam bekannter Szenen mit viel CGI und wenig Herz. Natürlich in 3D.
Da sieht man sich besser noch einmal Percy Jackson an.
P. S.: Gedreht wurde der Film bereits 2012. Danach gab es zwischen den Studios etwas Hin und Her.
Auf der Comic-Con. 2011. Vor dem Start der Dreharbeiten reden Sergei Bodrow, Jeff Bridges, Ben Barnes und Alicia Vikander über den Film
2013 waren sie wieder auf der Comic-Con. Sergei Bodrow, Jeff Bridges, Ben Barnes, Antje Traue und Kit Harrington reden über den Film (Bild- und Tonqualität sind nicht so gut)
Eigentlich braucht man keine Vorwarnung bei diesen Filmen. Man weiß ja, was man bekommt: schöne Bilder, gemäßigte Ethno-Musik und, manchmal, einen Sprecher auf den man gerne verzichten würde. Nicht, dass Christian Brückner, der deutsche Sprecher, eine schlechte Stimme hätte. Er muss nur einen arg banalen Text über die Schönheit Afrikas und die gezeigten Tiere ablesen, der so ungelenk und fernab jedes literarischen Anspruches ist, dass ich mich fragte, wer für den Text verantwortlich ist und warum nicht ein poetischerer und auch informativerer Text geschrieben wurde.
Für die Bilder drehten Patrick Morris und Neil Nightingale (WERKE) 573 Tage in Afrika in Botswana, Äthiopien, Ägypten, Gabun, Kenia, Namibia, Ruanda, Südafrika, Tansania, Uganda, Sambia und Simbabwe. Sie besuchten mehrere Nationalparks und, wenn man im Presseheft liest, welche Strapazen sie für die an entlegenen Orten aufgenommenen Bilder auf sich genommen haben, ist das schon beeindruckend. Auch die technischen Herausforderungen, die sie meistern mussten, waren beachtlich. Jedenfalls wenn man weiß, wie es gemacht wurde. Um, zum Beispiel, an den Viktoriafällen die Kamera wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche dem Flußlauf folgen und den Wasserfall hinabstürzen zu lassen, mussten sie Gerüste bauen und mehrere hundert Meter Kabel über den Fluss spannen. Im Kino ist dann nur noch das Bild von riesigen Wassermassen vorhanden.
Außerdem drehten Morris und Nightingale die BBC Earth Films Produktion „Afrika – Das magische Königreich“ in 3D, was hier wirklich immer wieder eine beeindruckende Wirkung entfaltet, die wahrscheinlich in 2D genauso beeindruckend wäre.
Patrick Doyle schrieb einen Soundtrack, der immer an entsprechende Werke von Peter Gabriel erinnert. Sie ist okay in ihrer Verschmelzung von westlichen und traditionellen afrikanischen Klängen.
Der Film selbst reiht, auch wenn im Presseheft etwas von sieben Welten und einer Geschichte steht, einfach die verschiedenen Drehorte hintereinander. Eine Landschaft folgt der nächsten. Ein Tier dem nächsten. Mal alleine, mal in einer mehr oder weniger großen Gruppe. Der Erkenntnisgewinn bleibt, bestenfalls, gering. Wenn nicht gerade sattsam bekannte Afrika-Klischees von der wilden Tierwelt und der unberührten Landschaft reproduziert werden. Denn auch auf jedem anderen Kontinent findet man eine reichhaltige Tierwelt, verschiedene Klimazonen, Berge, Flachland und Wasser.
„Afrika – Das magische Köngreich“ ist klassisches Tapetenkino, das man in einigen Monaten – dann besser in 2D und ohne den Sprecher – im Kaufhaus oder auf dem heimischen Riesen-Bildschirm im Hintergrund vor sich plätschern lässt.
Vox, 20.15 Back in the Game (USA 2012, Regie: Robert Lorenz)
Drehbuch: Randy Brown
Clint Eastwoods bislang letzter Leinwandauftritt, für den er die Regie einem seiner langjährigen Mitarbeiter überließ, ist eine vorhersehbare Vater-Tochter-Schmonzette, in der er, wieder einmal, den grumpy old man spielt.
In Berlin war „Back in the Game“ nach einer Woche aus den Kinos verschwunden. Und das lag nicht nur daran, dass uns Baseball herzlich egal ist. Denn ohne die charmanten Schauspieler wäre der vor sich hin plätschernde Film ein Totalreinfall. Sein neuester Film „American Sniper“ ist gerade angelaufen.
mit Clint Eastwood, Amy Adams, John Goodman, Justin Timberlake, Matthew Lillard, Robert Patrick, Ed Lauter Wiederholung: Freitag, 6. März, 00.40 Uhr (Taggenau!) Hinweise Film-Zeit über „Back in the Game“ Moviepilot über „Back in the Game“ Metacritic über „Back in the Game“ Rotten Tomatoes über „Back in the Game“
Wikipedia über „Back in the Game“ (deutsch, englisch)
Arte, 20.15 Das Schwein von Gaza (Le Cochon de Gaza, Frankreich/Deutschland/Belgien 2011)
Regie: Sylvain Estibal
Drehbuch: Sylvain Estibal
Palästina, Gegenwart: Jafaar ist ein glücklich verheirateter, aber glückloser Fischer, dessen Pech nur noch von seinem letzten Fang übertroffen wird: einem Schwein! Dummerweise ist ein Schwein ein bei seinen Glaubensbrüdern und den Juden geächtetes Tier. Dummerweise kann er, ebenfalls wegen der Religion, das Schwein nicht töten. Aber irgendwie muss das Tier verschwinden.
Herrlich abgedrehte Parabel über den Nahostkonflikt und religiöse Befindlichkeiten, die ich zum Kinostart gebührend abgeierte.
mit Sasson Gabay, Baya Belal, Myriam Tekala, Gassan Abbas, Khalifa Natour, Lotfi Abdelli, Ulrich Tukur
Ein neuer Tag im Paradies (USA 1998, Regie: Larry Clark)
Drehbuch: Christopher B. Landon, Stephen Chin
LV: Eddie Little: Another Day in Paradise, 1998 (Ein neuer Tag im Paradies)
Empfehlenswertes, unsentimentales, hartes und schon lange nicht mehr gezeigtes Gangster-Roadmovie und Erziehungsgeschichte mit James Woods und Melanie Griffith als Ersatz-Eltern.
Eddie Little (25. August 1955 – 20. Mai 2003) verarbeitete in seinem Debütroman „Another Day in Paradise“ autobiographische Erlebnisse. Er war ein Drogensüchtiger und Krimineller.
Mit James Woods, Melanie Griffith, Vincent Kartheiser, Natasha Gregson Wagner, James Otis, Peter Sarsgaard, Lou Diamond Phillips (Cameo)
Bestie Mensch (Frankreich 1939, Regie: Jean Renoir)
Drehbuch: Jean Renoir
LV: Emile Zola: La bete humaine, 1890 (Der Totschläger)
Lokführer Jacques Lantier verliebt sich in die Frau des Bahnhofvorstehers Roubaud. Sie überredet Lantier ihren Gatten umzubringen.
Beeindruckendes Drama und einer der besten Filme von Jean Renoir.
André Bazin, langjähriger Freund von Renoir und Herausgeber von „Cahiers du Cinéma“, schrieb zu „Bestie Mensch“: „Insgesamt lässt sich sagen, dass Renoir den Roman an fast allen Stellen verbessert hat. Die Darstellung des technischen Milieus bleibt im Film nicht hinter der des Romans zurück, ja übertrifft sie recht häufig. Die Motivierung der Charaktere ist bei Renoir viel besser. Denn er begründet sie nicht aus der Psychologie, sondern aus einer Metaphysik des Schauspielers. Was man auf der Leinwand sieht, ist nicht die Mordlust eines Lantier, sondern die von Gabin…Insgesamt hat Renoir die Geschichte fachgerecht nach den Regeln des Kinos dramatisiert und vereinfacht, und das Ergebnis ist besser als der Roman. Man könnte fast sagen: die wenigen Schwächen des Drehbuchs sind Überbleibsel aus dem Roman.“
Endstation Schafott (Frankreich/Italien 1973, Regie: José Giovanni)
Drehbuch: José Giovanni
Starkes Krimidrama über einen Ex-Sträfling, der ein ehrliches Leben führen will, von einem Sozialhelfer unterstützt und einem Polizisten verfolgt wird.
Mit Alain Delon, Jean Gabin, Mimsy Farmer, Michel Bouquet, Bernard Giraudeau, Gérard Depardieu (in einer Nebenrolle als junger Gangster)
LV: James Ellroy: Watchman/The night Watchman (Originalgeschichte)
Die Story klingt nach einem typischen Ellroy – oder dem typischen Cop-Thriller der Marke „Korrupter Cop sitzt in der Scheiße; entdeckt, (Überraschung!) dass die Polizei korrupt ist und stellt sich auf die Seite der Guten“. Denken Sie nur an die Ellroy-Verfilmung „Dark Blue“ (für die Ayer das Drehbuch schrieb), ersetzen Kurt Russell durch Keanu Reeves, lassen den Rookie Scott Speedman weg und wir haben den nächsten düsteren, bleihaltigen LA-Copthriller.
Ellroys Story ist eine nicht veröffentlichte Originalgeschichte und sollte bereits vor Jahren als „Watchman“ oder auch „The night Watchman“ verfilmt werden. David Fincher, Spike Lee und Oliver Stone waren als Regisseure im Gespräch. Für den Film wurde Ellroys Drehbuch dann von mehreren Autoren (zwei schafften es in die Credits, aber Ayer soll und John Ridley hat vor Jahren an dem Drehbuch gearbeitet) bearbeitet.
Mit Keanu Reeves, Forest Whitaker, Hugh Laurie, Chris Evans, Martha Higareda, Cedric the Entertainer, Amaury Nolasco
Druckfrisch und schwer in der Hand liegend: die deutsche Übersetzung von „Perfidia“, dem neuen Opus von James Ellroy, das der Auftakt zu einem neuen „L. A. Quartett“ ist, das zeitlich vor seinen bereits in Los Angeles spielenden Romanen, wie „Die schwarze Dahlie“, „Blutschatten“, „L. A. Confidential“ und „White Jazz“ spielt.
James Ellroy sagt zu seinem neuen Werk: „Besessenheit steht mir gut. Die Liebe zur Sprache definiert mich. Diesbezüglich fordere ich andauernd mein Geburtsrecht ein. Ich bin ein in Los Angeles geborener Amerikaner. Die Geschichte hat mich einmal mehr an meinen Schreibtisch gerufen. Mein Roman heißt “Perfidia“. Der Titel bedeutet auf Spanisch “Verrat“ und verweist auf ein klagendes Lied der späten Dreißigerjahre. Der Roman ist 960 Seiten lang und in jeder Hinsicht groß angelegt. Die Geschichte erstreckt sich vom 6. bis zum 29. Dezember 1941. Männer und Frauen mit großen Seelen geraten in Los Angeles im Monat von Pearl Harbor aneinander. Sie hab en große Überzeugungen, große Träume und ein tief gestörtes Pflichtbewusstsein. Sie arbeiten mit- und gegeneinander, um ein großes Verbrechen aufzuklären , und streben groß und ruchlos nach Liebe. “Perfidia“ ist die Quintessenz dessen, was ich über die Kunst und das Handwerk des Geschichtenerzählens, was ich über Geschichte, über Männer und Frauen weiß, und über die immer wieder drängende Frage, warum Menschen tun , was sie tun. Ich bin in die Vergangenheit hinabgestiegen und mit einem Geschenk für Sie zurückgekehrt. Das ich mit meinen allerbesten Wünschen anzunehmen bitte.“
Auf meiner Leseliste für die nächsten Tage steht das gut tausendseitige Werk.
Zwischen den beiden abschließenden „Die Tribute von Panem“-Spektakelfilmen kann man, in aller Ruhe, noch einmal oder – was wahrscheinlich für die meisten gilt – erstmals einen Blick auf die heute als DVD und Blu-ray und als VoD erschienene John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ werfen. Über Philip Seymour Hoffmans letzten wirklich wichtigen Film schrieb ich zum Kinostart:
Auch wenn es noch zwei „Die Tribute von Panem“-Filme mit Philip Seymour Hoffman gibt, ist Anton Corbijns John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ der letzte richtige Film des am 2. Februar 2014 verstorbenen Charakterschauspielers. Denn in dem Film spielt er, der oft prägnante Nebenrollen hatte und großartige Bösewichter spielte, die Hauptrolle: den deutschen Geheimagenten Günther Bachmann, der in Hamburg eine kleine Agenteneinheit leitet. Im Film wird die Einheit nicht genauer spezifiziert. Im Roman ist es, bitte nicht Lachen, die Spezialeinheit Hintergrund des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz. Bachmann will nicht den kurzfristigen Erfolg, sondern die Hintermänner des islamistischen Terrors finden. Als Issa Karpov auftaucht, wittert er seine große Chance. Karpov, ein über den Hafen illegal eingereister Flüchtling mit deutlichen Spuren von Folter an seinem Körper, will an das Geld von seinem Vater, einem Russen, der nach dem Ende der Sowjetunion Geschäfte mit der russischen Mafia machte und vermögend wurde. Das Geld ist bei einer auf Diskretion bedachten Privatbank. Bachmann glaubt, dass der Halbtschetschene Karpov mit dem Geld den internationalen Terrorismus fördern will. Auch andere Geheim- und Sicherheitsdienste und die Amerikaner glauben das. Aber die Ansichten, wie man Karpov behandeln soll, gehen auseinander und schnell erleben wir ein Karussell von Geheimdienstintrigen, in die auch eine junge, idealistische Anwältin und ein älterer Bankierssohn, verwickelt werden, während Karpov immer nur die Projektionsfläche der verschiedenen Dienste bleibt. Denn es gibt absolut keinen handfesten Beweis für die Vermutungen der Agenten. Das alles ist bester le-Carré, der von „Lantana“-Drehbuchautor Andrew Bovell sparsam von 2008 (Prä-NSA, Prä-NSU) in die Gegenwart (Post-NSA, Post-NSU) übertragen wurde. Wahrscheinlich deshalb wirkt die Geschichte, die politischen Hintergründe und die verwandte Technik etwas anachronistisch. Die Schauspieler sind gut. Neben US-Stars wie Hoffman (dem unumstrittenem Zentrum des Films), Rachel McAdams, Willem Dafoe und Robin Wright, spielen auch deutsche Stars, wie Nina Hoss, Daniel Brühl (der zwar viel Screentime, aber nur ungefähr einen Dialogsatz hat), Rainer Bock und Martin Wuttke, mit. Die Bilder (Kamera: Benoit Delhomme) sind, wie bei Corbijn gewohnt, prächtig. Corbijn war vorher ein bekannter Fotograf und so ist auch jedes Bild von „A most wanted man“ geeignet, als Einzelbild gedruckt zu werden. Es gibt auch einen Bildband zum Film. Aber diese Bilder von Hamburg erinnern in ihrer Stilisierung immer an das Berlin der achtziger Jahre; jedenfalls wie wir es heute von SW-Fotos kennen. Es sieht nie – obwohl ich schon länger nicht mehr in Hamburg war – wie das heutige Hamburg aus. Außerdem irritiert in der Originalfassung, dass alle Englisch sprechen. Denn es wird eine deutsche Geschichte erzählt wird, die in Deutschland spielt mit deutschen Charakteren, die in der Realität natürlich in ihrer Landessprache sprechen würden. Bis auf die von Robin Wright gespielte CIA-Mitarbeiterin sind die Hauptcharaktere Deutsche, die in den wichtigen Rollen von US-Amerikanern gespielt werden, und alle reden immer Englisch. Deutsch wird höchstens bei der Getränkebestellung gesprochen. Das fühlt sich dann, jedenfalls für uns Deutsche, schon sehr seltsam an. Corbijn will, wie schon in seinem vorherigen Film „The American“ (mit George Clooney), nicht thrillen. Er inszeniert deshalb diese Episode aus dem Kampf der Geheimdienste, die wie der Roman abrupt endet, in einem getragenen Tempo, in dem jeder Schauspieler seinen langsam gesprochenen Sätzen hinterherlauscht und es meist eine Kunstpause vor dem nächsten Satz gibt. Das ist als Schauspielerkino nicht ohne Reiz, aber es ist auch teilweise genauso spannend, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen. „A most wanted man“ ist ein Agententhriller der im Ränkespiel der Dienste konsequent jeden Thrill vermeidet und so nicht so gut ist, wie er hätte sein können.
Beim zweiten Ansehen, dieses Mal in der deutschen Fassung, gefiel mir der Film besser. Denn der in der Originalfassung für uns vorhandene und immer irritierende Verfremdungseffekt ist nicht mehr vorhanden. Es ist immer noch eine kleine Episode aus dem unglamourösen Agentenleben, die in erster Linie ein intellektuelles Vergnügen ist, bei der wir beobachten, wie die Dienste, unter ständiger Berücksichtigung ihrer Eigeninteressen, zusammenarbeiten und im entscheidenden Moment eiskalt ihre Chance nutzen. Da ist der Einzelne, wie man es auch aus den anderen Romanen von John le Carré kennt, nur ein von anderen benutzter Spielball.
Außerdem können unsere deutschen Schauspieler, befreit von den Fesseln schlechter deutscher Drehbücher, endlich einmal ihr Können zeigen.
Das Bonusmaterial, ein fünfzehnminütiges „Making-of“ und das neunminütiges Featurette „Spy Master – John le Carré in Hamburg“ bieten interessante Einblicke in die Hintergründe des Films. Immerhin kommen Anton Corbijn und John le Carré zu Wort.
Corbijn nächster Film „Life“ über einen Fotografen des Life Magazine, der 1955 eine Fotostrecke über den aufstrebenden Schauspieler James Dean machen soll, lief bereits auf der Berlinale. In Deutschland soll der Film am 1. Oktober anlaufen.
A most wanted man (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014)
Regie: Anton Corbijn
Drehbuch: Andrew Bovell
LV: John le Carré: A most wanted man, 2008 (Marionetten)
mit Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Grigoriy Dobrygin, Willem Dafoe, Robin Wright, Homayoun Ershadi, Nina Hoss, Franz Hartwig, Daniel Brühl, Kostja Ullmann, Vicky Krieps, Rainer Bock, Herbert Grönemeyer, Charlotte Schwab, Martin Wuttke
– DVD
Senator
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Making-of; Featurette: Spy Master – John le Carré in Hamburg
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (Hauptfilm ab 6 Jahren)
–
Der Mann, der niemals lebte (USA 2008, Regie: Ridley Scott)
Drehbuch: William Monahan
LV: David Ignatius: Body of Lies, 2007 (Der Mann, der niemals lebte)
CIA-Agent Roger Ferris fahndet im Nahen Osten nach einer islamistischen Terrorzelle. Als sie nicht weiterkommen, hecken Ferris und sein in Washington, D. C., sitzender Chef einen verwegenen Plan aus.
Okayer, schrecklich ausgewogener, realistischer Polit-Thriller, bei dem man nie den Eindruck los wird, dass hier alle unter ihren Möglichkeiten bleiben. Außerdem ist das Ende enttäuschend.
David Ignatius gefällt die Verfilmung.
mit Leonardo DiCaprio, Russell Crowe, Mark Strong, Oscar Isaac
In den USA ist „American Sniper“ ein Überraschungserfolg, der auch der erfolgreichste Film von Clint Eastwood sein soll. Jedenfalls brach er in den vergangenen Wochen einige Einspielrekorde und er sorgte in den USA für eine ordentliche Diskussion über die Botschaft des Films. Immerhin steht im Mittelpunkt des Biopics U.S. Navy SEAL Chris Kyle, ein waschechter Texaner, der während vier Kampfeinsätzen als Scharfschütze im Irak 160 Menschen tötete. 160 ist jedenfalls die Zahl der bestätigten Tötungen. Es können aber auch einige Morde mehr gewesen sein.
Für die einen ist Kyle ein Kriegsheld. Für die anderen das Gegenteil. Und Clint Eastwood, der mit „Flags of our Fathers“ und „Letters from Iwo Jima“ zwei grandiose Kriegsfilme inszenierte, ist intelligent genug, um kein plattes Hurra-Patriotisches Manifest abzuliefern. Er bringt durchgehend eine Rauhheit in die Geschichte, die ihr gut tut – und die Steven Spielberg, der zuerst die Regie führen sollte, vermieden hätte.
Es gibt auch immer wieder kurze Episoden und Details, die angenehme Widerhaken in diese reaktionäre Geschichte schlagen und die von liberalen Geistern dankbar aufgegriffen werden. Immerhin eröffnen sie die Möglichkeit einer anderen Perspektive.
So wird Kyle von seinem christlichen Vater streng erzogen. Für ihn gibt es nur drei Sorten von Menschen: Schafe, Wölfe und Hirtenhunde. Die ersten beiden Gruppen verachtet der Vater. Sein Sohn soll mal ein Hirtenhund werden. Er soll seine Familie beschützen und deren Feinde schlagen. Dieses banale und niemals hinterfragte Bild wird dann zum Leitmotiv von Kyles Leben. Er glaubt an Gott, sein Land und seine Familie und bringt alle Bedrohungen für diese einfachen Werte um. Vor allem die Iraker, die für ihn keine Menschen sind. Es werden auch die psychischen Folgen der Kampfeinsätze gezeigt. So ist Kyle, wenn er von einem Einsatz zurückkehrt, mental noch im Kriegsgebiet. Beeindruckend in ihrer Eastwood-typischen Schlichtheit ist, zum Beispiel, diese Szene: Kyle sitzt im Wohnzimmer und starrt auf den Fernseher, in dem gerade ein Action-Film läuft, während seine Frau das Zimmer betritt. Die Kamera bewegt sich durch den Raum hinter Kyle und wir sehen den Fernseher. Er ist schwarz.
Eastwood zeigt auch die physischen Folgen des Irak-Kriegs. Denn viele Veteranen haben nicht nur seelische Probleme, sondern sind Krüppel mit künstlichen Gelenken oder sitzen im Rollstuhl.
Das sind kurze Szenen, die eine andere Lesart ermöglichen. Aber insgesamt erzählt „American Sniper“ die Geschichte ausschließlich aus der Perspektive von Chris Kyle, einem Hurra-Patrioten, der immer das Richtige tut. Dessen einfache Weltsicht legt sich über das gesamte Epos, das vor allem von seinen Einsätzen im Irak erzählt. Sein Leben vor dem Militär, seine Ausbildung und seine Auszeiten bei seiner Familie werden knapp abgehandelt. Sein Leben nach dem letzten Irak-Einsatz ebenso und sein Tod mit einer Texttafel. Kyle wurde am 2. Februar 2013 von dem jüngeren Kriegsveteranen Eddie Ray Routh während eines Schießtrainings, das gegen dessen postraumatische Belastungsstörung helfen sollte, erschossen. Anfang der Woche wurde Routh zu einer lebenslänglichen Haft verurteilt.
Das alles wird von Eastwood gewohnt effizient erzählt. Die Kriegsszenen sind mitreisend und bei der Action verliert man nie den Überblick. Insofern ist „American Sniper“ mit einem gewohnt beeindruckenden Bradley Cooper als Chris Kyle ein gelungener Kriegsfilm.
Es ist aber auch ein Kriegsfilm, der erzählerisch nichts zeigt, was nicht von Kathryn Bigelow in „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ über eine Gruppe von Bombenentschärfern besser und auch pessimistischer gezeigt wurde. Denn „American Sniper“ verklärt einen kaltblütigen Massenmörder zu einem Helden, der keine Reue über seine Taten verspürt und der auch keinerlei Gewissensbisse hat. Für ihn sind die Iraker, gemäß seiner Erziehung, Wölfe, die seine Familie bedrohen. Und Wölfe, die Schafe töten wollen, tötet man halt. Jedenfalls wenn man die Möglichkeit dazu hat.
Außerdem wird konsequent der historische Hintergrund ausgeblendet. Denn der Irakkrieg war „eine völkerrechtswidrige Invasion des Iraks durch die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs, unterstützt von einer ‚Koalition der Willigen‘.“ (Wikipedia). In „American Sniper“ ist der Krieg gerechtfertigt. Die Motive der Bush-Regierung und der Vorgesetzten werden nie hinterfragt. Dabei hat es schon vor dem Krieg zahllose Diskussionen über die Motive gegeben und danach stellten sich die Kriegsgründe als falsch heraus.
Nur einmal, wenn Kyle im Fernsehen Bilder von den Bombenanschlägen 1998 auf die Botschaften in Tansania und Kenia sieht und sich danach als guter Hütehund beim Militär verpflichtet, wird der „war on terror“, bevor er losging, angesprochen. Dabei sind die Terroristen schon in diesem Moment das moderne Äquivalent zu den Indianern im alten Hollywood-Western oder zu den Deutschen und Japanern im Weltkrieg-II-Propagandakriegsfilm. Gesichtsloses Schlachtvieh. Das ultimative Böse, dessen Vernichtung moralisch gerechtfertigt ist. In „American Sniper“ auch aus dem Hinterhalt.
Und so verschwinden dann die wenigen Ambivalenzen und Widerhaken, die eine andere Lesart ermöglichen, im großen Bild, das eben diese Punkte zugunsten eines Porträts eines Kriegshelden, dessen Handeln und dessen Mythos niemals hinterfragt wird, vernachlässigt.
Eben diese Eindeutigkeiten – die bösen Iraker, die guten Amerikaner, der moralisch integere Kriegsheld aus Texas – dürften dann auch zum Erfolg des konservativen Films beigetragen haben.
„American Sniper“ ist vielleicht Clint Eastwoods erfolgreichster Film, aber es nicht sein bester Film.
Als sie dreizehnjährige Schüler waren, gab es die DDR noch. Kurz darauf ist sie weg und die Freunde Dani, Mark, Rico, Pitbull und Paul schlagen sich reichlich ziellos im Nachwende-Leipzig durch. Irgendwo zwischen Abitur und der Zeit davor und danach. Das klingt jetzt etwas unspezifisch, beschreibt aber präzise das Problem von Andreas Dresens neuem Film „Als wir träumten“, der einen Zeitraum von einigen Jahren, wahrscheinlich zwei bis drei Jahre, mit einigen Rückblenden in die DDR, umfasst. Der historische Hintergrund ist so weit in den Hintergrund gerückt, dass der Film fast überall spielen könnte, so lange wir eine Gruppe Jugendlicher haben, die sich mit kleinkriminellen Taten über Wasser halten, zu viele Drogen nehmen und auch ein Lokal betreiben. Weil die Geschichte in den Neunzigern spielt, ist es eine Techno-Disco in einer alten Fabrik. Die Disco interessiert auch eine Nazi-Gang (erkennbar an ihren Frisuren und ihrem Outfit) und einer der Jungs verliebt sich auch in eine Frau, die mit dem Chef der Nazi-Gang, die wohl eher eine stinknormale Verbrecherbande ist, liiert ist.
Weil Dresen diese Episoden mit Zwischentiteln (die eher störend als erhellend sind), einer Erzählerstimme, die lange keinem Charakter zugeordnet werden kann, und betont unchronologisch erzählt, wirkt „Als wir träumten“ immer wie ein Konglomerat aus mäßig interessanten, beliebig austauschbaren Episoden. Denn es werden keine Entwicklungen aufgezeigt, sondern es wird willkürlich zwischen der Gegenwart und der nahen Vergangenheit (erkennbar an dem gleichen Aussehen der fünf Hauptcharaktere) hin und her gesprungen.
Diese erzählerische Entscheidung führt dazu, dass ich immer auf Distanz zu den Charakteren blieb, die mir immer reichlich egal waren, und, aufgrund meines Vorwissens, Lücken ausfüllte. Zum Beispiel über das Erstarken des Rechtsradikalismus in der ehemaligen DDR, über den Zusammenbruch der dortigen Industrie und die gestiegene Arbeitslosigkeit, die Abwesenheit der Eltern, die alles übernehmenden Westler, den Zusammenbruch der bekannten Strukturen, undsoweiter, die alle bestimmte Entwicklungen begünstigten und einiges erklären, aber nicht jeder ostdeutsche Jugendliche wurde zum Verbrecher.
Dieser spartanisch gezeichnete gesellschaftliche Hintergrund – immerhin ist „Als wir träumten“ keine Geschichtsdokumentation – wäre verzeihbar, wenn die Charaktere überzeugen würden.
Allerdings gewinnt kein Charakter echte individuelle Züge. Sie bleiben eindimensional (der Boxer, der Dealer, der Denker) und, im schlechten Sinn, rätselhaft. Obwohl sie zur Schule gehen und irgendwann anscheinend auch das Abitur machen (es wird in einem Nebensatz erwähnt), spielt die Nachwende-Schule im Film absolut keine Rolle. Erwachsene und Auteritätspersonen fehlen ebenso. Sie leben – so können wir uns denken – in einer Käseglocke der Selbstbefriedigung, in der sie einfach die Freiheiten eines neuen Systems wahrnehmen und es keine gefestigten staatlichen Strukturen gibt. Es ist eine Zeit, der Anarchie, in der alles möglich ist und es keine Grenzen gibt. Deshalb können sie auch eine Techno-Disco eröffnen, Drogen nehmen, kleinkrimelle Verbrechen begehen und betrunken in geklauten Autos mit lauter Musik durch die Stadt rasen. Und damit unterscheiden sie sich nicht von irgendwelchen anderen Jugendlichen.
Außerdem liegen diese soziologischen Erklärungen außerhalb des Films, der durch seine Struktur den Zuschauer konsequent auf Distanz hält und über die Motive und Entwicklungen der fünf Jungs rätseln lässt.
So wird einer der Freunde drogensüchtig; was wir dadurch erfahren, dass er am Filmbeginn aus einer Entzugsklinik ausgebrochen ist. Kurz darauf ist er – nach längeren Rückblenden – tot. Der Weg in die Sucht und wie die Freunde auf ihren süchtigen Freund reagieren, sehen wir nicht. Und dass einer der Freunde den Verstorbenen mit Drogen versorgte, erfahren wir erst auf der Beerdigung. Was aber anscheinend keine weiteren Konsequenzen hat.
Ein anderes Mal wird Dani, nach einer längeren Verfolgungsjagd, von den Nazis zusammengeschlagen. Sein Aufenthaltsort wurde ihnen von Rico verraten. Nach einem „Entschuldige, es tut mir leid“ am Krankenhausbett ist die Sache vergessen. Dabei wäre es doch interessant zu erfahren, wie sich ein solcher Verrat auf ihre Beziehungen untereinander auswirkt.
Dass Rico von einer Karriere als Boxer träumte, erfahren wir erst gegen Ende, als im Fernsehen einer der 1995er Boxkämpfe von Henry Maske und Graciano Rocchigiani gezeigt wird und Rico sich an seinen letzten Kampf erinnert. Das soll dann wohl ein „Million Dollar Baby“-Moment sein (als Clint Eastwood am Filmanfang einen Boxkampf im Fernsehen beobachtet), ist hier aber grotesk verschenkt, weil uns nichts auf diesen Moment vorbereitet und er auch keine Folgen hat. Denn Ricos glorreiche Boxkarriere ist schon länger vorbei und es hat auch anscheinend keine Konsequenzen für ihn.
Diese Szenen sind allerdings keine Ausreiser, sondern das Ergebnis eines Drehbuchs und einer Regie, die lieber beliebige Momentaufnahmen aus dem Leben der Jugendlichen zeigen. Dabei wäre es interessanter, zu erfahren, wie die Charaktere dorthin gekommen sind. Also, zum Beispiel, wie aus einem normalen Schüler ein Drogenhändler wird und was das für seine Freunde bedeutet.
Deshalb haben auch die Rückblenden in ihre DDR-Schulzeit, als die fünf Freunde dreizehn Jahre alt waren (wie wir Westler aus dem Abspann erfahren, die Ostler haben es an der Uniform erkannt), keine emotionale Wirkung. Es ist ein Blättern in einem Fotoalbum, das eine schön aufgeräumte DDR zeigt, aber nicht erklären kann, warum aus normalen, angepassten Schülern Drifter und Verbrecher werden.
Auch der Titel „Als wir träumten“ kann wohl nur ironisch verstanden werden. Denn Dani, Rico, Mark, Pitbull und Paul haben keine Träume. Sie wollen nirgendwohin. Sie driften einfach durch das Nachwendeleipzig und die Kamera verfolgt sie.
Nein, von Andreas Dresen und Wolfgang Kohlhaase, die schon bei „Sommer vorm Balkon“ und „Whisky mit Wodka“ zusammen arbeiteten, wäre wirklich mehr als dieses bestenfalls halbgare, irgendwo im nirgendwo spielende Halbstarken-Jugenddrama zu erwarten gewesen.
Good Night, and Good Luck (USA 2005, Regie: George Clooney)
Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov
In den Fünfzigern veranstaltet US-Senator Joseph McCarthy eine Hetzjagd gegen wenige Kommunisten und viele vermeintliche Kommunisten. 1954 beginnt CBS-Moderator Edward R. Murrow die Politik von McCarthy in seiner Sendung „See it now“ zu hinterfragen. Mit den von ihm präsentierten Reportagen und, später, von ihm gemachten Interviews mit McCarthy trug er zu dessen Sturz bei.
Böswillig gesagt ist “Good Night, and Good Luck” Schulfernsehen, bei dem zuerst die historischen Fakten vermittelt und anschließend die Botschaft hinausposaunt wird. Objektiv gesehen ist Clooneys Film gutes altmodisches Kino mit einer zeitlos aktuellen Botschaft über die Verantwortung der Medien (hier des Fernsehens). Denn selbstverständlich wurde der in dem Film geschilderte wahre Fall des TV-Moderators Edward R. Murrow gegen Senator Joseph McCarthy auch als Diagnose des Verhaltens der US-amerikanischen Medien vor dem Irak-Krieg gesehen und der historisch verbürgte Aufruf von Murrow an seine Kollegen am Ende des historisch genauen Films kritisch gegen die Machthaber zu sein, konnte 2005 nur tagespolitisch verstanden werden. – Und heute denken wir an die NSA, den Whistleblower Edward Snowden und den Journalisten Glenn Greenwald.
Abgesehen davon ist „Good Night, and Good Luck“ mit seiner eleganten SW-Kamera (Robert Elswit, auch „Michael Clayton“, „There will be Blood“ und, uh, „James Bond – Der Morgen stirbt nie“), dem stimmungsvollen Soundtrack, den pointierten Dialogen und den guten Schauspielern einfach ein Fest für Filmfreunde.
Mit David Strathairn, George Clooney, Patricia Clarkson, Alex Borstein, Robert Downey Jr., Jeff Daniels, Ray Wise, Robert Knepper, Dianne Reeves, Frank Langella