Der Hauptmann von Köpenick (Deutschland 1956, R.: Helmut Käutner)
Drehbuch: Carl Zuckmayer, Helmut Käutner
LV: Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von Köpenick, 1931 (Theaterstück)
Schuster Wilhelm Voigt will nach dem Verbüßen seiner Zuchthausstrafe wieder arbeiten. Eine Arbeit gibt es aber nur mit einem Pass und einen Pass erhält nur, wer eine Arbeit hat. Also entschließt der Schuster sich, sich als falscher Hauptmann einen Pass zu besorgen.
Klassiker des deutschen Tonfilms, der damals ein Publikumserfolg war (über zehn Millionen Besucher in fünf Monaten), auch für den Auslands-Oscar nominiert war, die deutschen Filmpreise abräumte und zu den bekanntesten und beliebtesten Heinz-Rühmann-Filmen gehört.
Zuckmayers Stück gehört zur Schullektüre und ist heute immer noch aktuell.
mit Heinz Rühmann, Hannelore Schroth, Martin Held, Erich Schellow, Walter Giller, Wolfgang Neuss
Polizist Coleman jagt den Nachtclubbesitzer Simon, mit dem er befreundet ist und der Überfälle begeht. Zwischen den beiden Männern steht Simons Freund Cathy.
Nach „Der eiskalte Engel“ und „Vier im roten Kreis“ war „Der Chef“ die dritte Zusammenarbeit von Alain Delon und Jean-Pierre Melville und zum ersten Mal spielte Delon einen Polizisten. Aber weil es Melville in „Der Chef“ auch um die Austauschbarkeit von Gangstern und Polizisten ging, unterschied Delons Rolle sich kaum von seinen vorherigen Rollen als Gangster. Denn Melville räumt Coleman und Simon etwa gleich viel Leinwandzeit ein.
„Melvilles letzter Film (…) ist ein würdiger Abschluss im Werk eines seines Metiers und seiner Liebe zum Kino sicheren Ultra-Professionellen, der die düstersten und unheimlichsten, aber auch ästhetisch vollkommendsten und menschlichsten Filme schuf, die in Frankreich je gedreht worden sind.“ (Hans Gerhold: Un Flic in „Jean-Pierre Melville, Hanser Reihe Film 27, 1982)
„‘Un Flic’ ist vermutlich der kälteste Film Melvilles, und Alain Delon gelingt als Chef-Fahnder Edouard Coleman der Pariser Kriminalpolizei eine brillante Charakterstudie über die Einsamkeit und Isolation des professionellen Menschenjägers.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)
Mit Alain Delon, Catherine Deneuve, Richard Crenna, Riccardo Cucciolla, Michel Conrad
Als traditionelles Biopic kämpft „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ natürlich mit dem bekannten Biopic-Problem, dass innerhalb einer begrenzten Zeit ein ganzes Leben abgehandelt werden muss. Da hilft auch nicht die Biopic-übliche Überlänge. Im Sauseschritt geht es durch die Geschichte, die in Nelson Mandelas Geburtsort, dem Dorf Mvezo in der Transkei, beginnt, dann einen Sprung nach Johannesburg macht und Nelson Mandela in den frühen vierziger Jahren als jungen Anwalt zeigt, der durch sein Township geht. Schon in diesem Moment ist, dank der Kamera, Idris Elbas energischen Schritten und den ihn bewundernd ansehenden Bewohnern, klar, dass hier ein geborener Führer in seiner Gemeinschaft ist. Weitere Erklärungen sind überflüssig.
Mandela politisiert sich bei seiner Arbeit. Denn in der Apartheid-Gesellschaft haben Schwarze keine Rechte. Er wird ANC-Mitglied, hält Reden, nimmt den politischen Kampf auf, trennt sich von seiner ersten Frau, verliebt sich in Winnie Mandela, geht als bewaffneter Kämpfer in den Untergrund, wird verhaftet, 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt, lebt danach auf der Gefängnisinsel Robben Island, kommt 1990 frei und wird 1994 Präsident von Südafrika.
Es wird auch gezeigt, wie Winnie für die Freiheit ihres Mannes kämpft, Repressalien ausgesetzt ist und ebenfalls verhaftet wird.
Eben diese Beziehung zwischen Winnie und Nelson Mandela steht dann auch halbwegs im Zentrum von „Mandela“, während sich Nelson Mandelas politisches Wirken auf einige Allgemeinplätze beschränkt. Er fordert ein Ende der Apartheid, Gleichheit und „ein Mann, eine Stimme“. Wer kann etwas dagegen haben? Aber warum er sich radikalisierte und vom Anwalt zum Terroristen wurde, bleibt unklar. Es bleibt auch unklar, warum gerade er so bekannt wurde und warum er zum weltweit bekannten Symbol im Kampf gegen die Apartheid wurde. Ältere dürften sich noch an die weltweite Solidaritätsbewegung für Nelson Mandela in den achtziger Jahren mit ihren zahlreichen Aktionen, wie dem Konzert im Wembley-Stadion zu seinem 70. Geburtstag am 11. Juni 1988, erinnern. Da saß er bereits ein Viertel Jahrhundert ohne Kontakt zur Außenwelt im Gefängnis. Im Film gibt es einige Ausschnitte von Konzerten und Demonstrationen.
In Justin Chadwicks Spielfilm wird das Politische immer wieder zugunsten des Privaten vernachlässigt. Zwar werden ihm die Bürgerrechte energisch verteidigt; was nach 9/11 und der allumfassenden Überwachung der Bürger durch die Geheimdienste nötiger denn je ist und der Film hier Parallelen hätte aufzeigen können, aber die Verteidigung der Bürger- und Menschenrechte geht nie über die allgemein akzeptierten Gemeinplätzen hinaus. Das mag aus kommerziellen Erwägungen vernünftig sein, das mag sogar den Wünschen von Nelson Mandela, der in die Produktion des Films involviert war, entsprechen.
Aber so bleibt am Ende von „Mandela“ dann nur große Bewunderung für Idris Elba, der Nelson Mandela glaubwürdig vom 23-jährigen bis zum 76-jährigen Mann spielt und dafür eine Golden-Globe-Nominierung erhielt, und für Naomi Harris, die Winnie Mandela spielt, übrig.
Es bleibt auch die Hoffnung, dass „Mandela“ dazu führt, sich genauer mit Nelson Mandela, seinen politischen Ansichten und seinem Wirken zu beschäftigen.
Denn langweilig ist das viel zu unpolitische, viel zu sehr privatisierende und notgedrungen oberflächliche Biopic „Mandela“ nie. Es gehört sogar zu den besseren Biopics, die ein ganzes Leben schildern.
Aber die gelungenen Biopics der letzten Jahre, wie „Hannah Arendt“ und „42“ (um nur zwei sehr gegensätzliche Beispiele zu nennen), konzentrierten sich auf einen kurzen, aber entscheidenden Abschnitt im Leben des Porträtierten.
Mandela – Der lange Weg zur Freiheit (Mandela: Long Walk to Freedom, USA 2013)
Regie: Justin Chadwick
Drehbuch: William Nicholson
LV: Nelson Mandela: Long Walk to Freedom, 1995 (Der lange Weg zur Freiheit)
mit Idris Elba, Naomi Harris, Tony Kgoroge, Riaad Moosa, Fana Mokonea
36 – Tödliche Rivalen (Frankreich 2004, R.: Olivier Marchal)
Drehbuch: Dominique Loiseau, Frank Mancuso, Olivier Marchal, Julien Rappeneau
Nach dem brutalen Überfall auf einen Geldtransporter arbeiten die Polizisten Klein und Vrinks und ihre Männer mit allen Bandagen gegeneinander. Denn nur einer kann der neue Polizeichef werden und dieses Ziel heiligt für Klein und Vrinks alle Mittel.
Grandioser französischer Noir-Polizeithriller, der bei uns nur eine DVD-Premiere erlebte.
Der Film war für acht Césars (in allen wichtigen Kategorien) nominiert.
mit Daniel Auteuil, Gérard Depardieu, André Dussollier, Roschdy Zem, Valeria Golino, Daniel Duval
Seine Premiere hatte „Disconnect“ bereits im September 2012 auf dem Toronto International Film Festival und seitdem hat der Ensemblefilm nichts von seiner Aktualität verloren. Im Gegenteil. An der Oberfläche geht es in den, je nach Zählung, ungefähr fünf, mehr oder weniger lose miteinander verknüpften Geschichten um das Internet und wie es unser Leben verändert. Aber eigentlich geht es Drehbuchautor Andrew Stern und Regisseur Henry-Alex Rubin um Beziehungen zwischen Ehepaaren, zwischen Eltern und Kindern und zwischen Liebenden und wie sehr sie alle, aus verschiedenen Gründen nicht mehr miteinander verbunden sind.
Es gibt eine TV-Reporterin, die einen minderjährigen Online-Stripper interviewen möchte. Der erklärt sich zu dem Interview bereit, möchte dann aber mehr von ihr, gerät in Konflikt mit seinem Chef und er möchte auch gar nicht aus dem Sexgeschäft aussteigen. Dennoch will die Journalistin ihn aus dem Sex-Business befreien.
Es gibt ein junges Ehepaar, das nach dem Tod ihres Babys nicht mehr miteinander redet. Auch nicht über seine Kriegserlebnisse. In einem Online-Chat lernt sie einen netten Mann kennen, der ihr in der seelischen Krise hilft. Plötzlich sind ihre Konten leer geräumt. Der von ihnen engagierte Detektiv verfolgt die Spur der Betrüger zu diesem Chat-Partner.
Der Detektiv selbst ist Vater. Sein Sohn und dessen Freund narren einen introvertierten Klassenkameraden mit einer gefälschten Netz-Identität, in der sie eine in ihn verliebte Schulkameradin sind.
Als dieser den Betrug entdeckt, versucht er sich umzubringen. Seine Eltern fragen sich, warum ihr Sohn sich umbringen wollte. Vor allem der Vater, ein immer beschäftigter Anwalt, beginnt nach Antworten zu suchen. Er beginnt mit dem Computer seines Sohnes und entdeckt dort, dass er eine Freundin hatte.
„Disconnect“ ist, auch wenn die Kamera etwas zu sehr pseudodokumentarisch wackelt, ein hochkarätig besetzter Ensemblefilm in bester „Short Cuts“- und „L. A. Crash“-Tradition, der durch seine offene Struktur sein Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und verschiedene Facetten ansprechen kann, ohne an dramaturgischer Wucht zu verlieren. Dabei verknüpft Rubin die Geschichten organisch miteinander zu der eindeutigen Botschaft: Redet miteinander. Nicht über das Smartphone, sondern ganz altmodisch und ohne technische Hilfsmittel.
Disconnect (Disconnect, USA 2012)
Regie: Henry-Alex Rubin
Drehbuch: Andrew Stern
mit Jason Bateman, Hope Davis, Frank Grillo, Michael Nyqvist, Paula Patton, Andrea Riseborough, Alexander Skarsgård, Max Thieriot, Colin Ford, Jonah Bobo, Haley Ramm
Allen Ginsberg, Jack Kerouac, William Burroughs, die legendären Dichter, und Lucien Carr als Katalysator für deren literarisches Schaffen in einem Film. Wow! „Kill your Darlings – Junge Wilde“ erzählt die Geschichte der Beat-Poeten, bevor sie Beat-Poeten waren. In John Krokidas‘ Film sind sie noch vor dem Anfang ihrer Karriere.
Im Zentrum steht Allen Ginsberg (gespielt von Daniel Radcliffe im störendem Harry-Potter-Outfit), der 1944 als Studienanfänger an die New Yorker Columbia Universität kommt, seinen charismatischen Zimmergenossen Lucien Carr kennen lernt, der ihn in eine für ihn vollkommen neue Welt entführt: denn neben den Freiheiten des Studiums erkundet er auch die damalige Underground-Kunstszene mit ihren Drogen und den fetzigen Bebop-Rhythmen, während im Hinterzimmer Männer sich miteinander vergnügen. Und dann ist da noch David Kammerer, der deutlich ältere, eifersüchtige Freund von Lucien.
In „Kill your Darlings“ heißen die Protagonisten zwar Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William Burroughs und wir kennen, wenigstens rudimentär, ihre späteren Lebensstationen und wissen, wie groß ihr Einfluss war und ist. Aber hier sind sie noch austauschbare Studenten, die noch nichts geschrieben haben und das lockere Studentenleben, inclusive Studentenstreichen, in vollen Zügen genießen. Der Film erzählt einfach Episoden aus Ginsbergs erstem Studienjahr, was zunehmend langweilt, bis dann, am Ende, Lucien Carr plötzlich David Kammerer umbringt. Diese Tat wäre wohl besser als Beginn und nicht als das Ende der Geschichte genommen worden. Denn Carr verteidigte sich, indem er vor Gericht sagte, er habe sich gegen Kammerers homosexuelle Annäherung wehren müssen. Das Gericht ließ – heute unvorstellbar – diese „Ehrenmord“-Argumentation strafmildernd zu. Burroughs und Kerouac schrieben „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“, das erst 2008 veröffentlicht wurde, in dem sie den Mord an Kammerer literarisch verarbeiteten. Aber das war erst nach dem Ende des Films.
Außerdem irritiert, dass diese jungen Männer nicht einen Gedanken an den Weltkrieg verschwenden. Sie sind Hedonisten vom Scheitel bis zur Sohle. Wenn wir nicht wüssten, dass die Geschichte 1944 spielt, könnte sie genausogut in jedem anderen Jahr spielen.
So ist „Kill your Darlings“ dann nur prominent besetztes, biederes Ausstattungskino über einige junge Männer in ihrer Selbstfindungsphase, die später berühmt wurden.
Kill your Darlings – Junge Wilde (Kill your Darlings, USA 2013)
Regie: John Krokidas
Drehbuch: John Krokidas, Austin Bunn
mit Daniel Radcliffe, Dane Dehaan, Michael C. Hall, Jack Huston, Ben Foster, David Cross, Jennifer Jason Leigh, Elizabeth Olsen, Kyra Sedgwick
Ahmad (Ali Mosaffa) kehrt nach vier Jahren für einige Tage von Teheran nach Paris und zu Marie (Bérénice Bejo) zurück. Er will in einem Hotel übernachten und die Scheidungspapiere unterschreiben. Vielleicht will er auch noch einen Versuch starten, die Beziehung zu kitten. Aber dieser Plan – falls er ihn überhaupt jemals hatte – zerschlägt sich schnell. Marie bringt ihn im Kinderzimmer unter, was bei den Kindern für Verstimmung sorgt. Ihre älteste Tochter Lucie (Pauline Burlet) hat sich gerade, mitten in der Pubertät, mit ihrer Mutter und ihrem neuen Freund zerstritten. Und Marie hat, das erfährt Ahmad nebenbei, einen neuen Freund, der jetzt, aus Rücksicht auf die beiden noch Verheirateten, einige Tage in seiner Wohnung verbringt. Samir (Tahar Rahim) ist verheiratet, aber seine Frau liegt nach einem Suizidversuch im Koma. Sein Sohn lebt auch in Maries Haus.
Ahmad begreift, dass er mitten in eine extrem verkorkste Beziehungsgeschichte hineingeraten ist und er, gerade weil er unbeteiligt und ein guter Zuhörer ist, die Rolle des Therapeuten übernimmt.
„Le Passé – Das Vergangene“ ist ein ruhiger, vielschichtiger, genau beobachtender Film über komplizierte Beziehungen und wie Menschen nicht miteinander über ihre Probleme reden können. Aber mit Ahmad haben sie einen Katalysator gefunden, der immerhin etwas Beziehungsmüll zur Seite schaufeln kann. Das allein ist schon so spannend, dass es den vernachlässigbaren und eher störenden Rätselplot um den Suizidversuch von Samirs Frau, der vielleicht ein Mordversuch war, nicht bedurft hätte.
Asghar Farhadi erhielt für seinen vorherigen Film „Nadar und Simin – Eine Trennung“ bei der 2011er Berlinale den Goldenen Bären für den besten Film. Er war auch ein Publikumserfolg. In Frankreich sahen ihn über eine Million Menschen im Kino.
In Cannes lief „Le Passé“ 2013 im Wettbewerb und Bérénice Bejo wurde dort als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Der Film erhielt den Preis der ökumenischen Jury und ist, unter anderem, für den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film nominiert.
Le Passé – Das Vergangene (Le Passé, Frankreich/Italien 2013)
Wie nähert man sich ernsthaft und mit dem nötigem Respekt einem unfassbarem Ereignis? Einem Ereignis, über das man nicht sprechen kann? Und das auch noch auf einem künstlerisch angemessenem Niveau? Gus Van Sant zeigte 2003 in „Elephant“ einen Weg, wie über einen Amoklauf an einer Schule, ein Spielfilm gemacht werden kann. Van Sant schilderte, ohne eine einfache Erklärung, die Stunden vor dem Amoklauf. Thomas Sieben entschloss sich in „Staudamm“, nach einem Drehbuch von Christian Lyra, für einen anderen Weg. Ihr Film beginnt ein Jahr nach dem Amoklauf, wenn Roman (Friedrich Mücke), ein Jura-Student, der in München in seiner Wohnung herumlungert und für einen Staatsanwalt (Dominic Raacke), Akten zusammenfasst und einliest, einen neuen Stapel Akten erhält. Dieses Mal geht es um einen Amoklauf und wir erfahren nie, weshalb der Staatsanwalt sich jetzt mit diesem abgeschlossenem Fall beschäftigt.
Weil wichtige Akten fehlen, soll Roman sie in der bayerischen Provinz auf der dortigen Polizeiwache abholen. Er macht sich auf den Weg, ist genervt, weil er die Akten nicht sofort bekommt und deshalb länger als geplant in dem menschenleeren Ort bleiben muss. Die wenigen Bewohner begegnen ihm alle mit herzlicher Abneigung. Nur Laura (Liv Lisa Fries) ist freundlich zu ihm. Sie war, wie Roman später erfährt, eine Mitschülerin des Amokläufers und überlebte den Amoklauf. Sie erzählt ihm von damals und führt ihn an Orte, die für den gesichtslosen Amokläufer wichtig waren. Roman beginnt sich etwas für die Hintergründe des Amoklaufs zu interessieren, aber die meiste Zeit liest er einfach weiterhin mit monotoner Stimme Akten ein.
Guter Wille kann „Staudamm“ nicht abgesprochen werden. Er will auch nicht sensationslüstern über einen Amoklauf erzählen. Deshalb fehlen all die bekannten Bilder, die uns spätestens, pädagogisch wertvoll geerdet, im „Tatort“ präsentiert werden. Thomas Sieben versucht das Unbegreifliche eines Amoklaufs eines Schülers in eine dem entsprechende, reduzierte filmische Sprache zu übersetzen. Dazu gehören die ins Leere laufenden Bildsymbole, wie der titelgebende „Staudamm“, an dem der Amokläufer sich umbrachte. Oder die sich majestätisch erhebenden Berge. Dazu gehören eben die mit emotionslos vorgetragenen Zeugenaussagen und Tatortberichte.
Aber weil der Staatsanwalt Roman nicht sagt, wozu er die Akten braucht, gibt es keine leitende Frage, die die Ereignisse in eine sinnvolle Reihenfolge bringt, sondern nur eine hochgradig konstruierte Ausgangslage, die zu einer Kongruenz im Nichtwissen zwischen dem Zuschauer und dem Protagonisten führt. Dabei sollte er uns durch die Geschichte führen und unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge lenken. Aber er stochert nur blind im Nebel herum. Für seine Zusammenfassungen von Akten hat er keine leitende Frage. Es ist daher eine akademische Übung. Die restliche Zeit lässt er sich treiben. Er ist, auch nachdem er Laura, begegnet, weniger involviert als ein unbeteiligter Zuschauer, der immerhin wissen möchte, wie es weitergeht. Diese Abwesenheit einer Leitfrage führt dann auch dazu, dass „Staudamm“ einfach nur Impressionen aneinanderreiht und die Interpretation dem Zuschauer überlässt, was nicht sonderlich interessant ist.
Staudamm (Deutschland 2012)
Regie: Thomas Sieben
Drehbuch: Christian Lyra, Thomas Sieben
mit Friedrich Mücke, Liv Lisa Fries, Dominic Raacke, Lucy Wirth, Arnd Schimkat, Carolin Fink
Damit hat niemand gerechnet. Ron Burgundy ist zurück. Einige dürften ihn noch von seinem ersten Spielfilmauftritt „Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy“ kennen. Da war er der Nachrichtensprecher eines Lokalsenders in San Diego und der ungekrönte König der Stadt, bis die junge Reporterin Veronica Corningstone kam, die nicht nur Ambitionen auf seinen Sprecherposten hatte, sondern ihm auch intellektuell haushoch überlegen war. Der tumbe Macho Burgundy und seine ebenso dummen Mitarbeiter kämpften mit allen Mitteln gegen sie, aber letztendlich konnten sie den Fortschritt nicht aufhalten und am Ende hatten sie sogar gelernt, dass auch Frauen Nachrichtensprecherinnen und echte Journalistinnen sein können. Außerdem verliebten Burgundy und Corningstone sich ineinander. Mit dem Filmende der liebevollen und kurzweiligen, aber auch sehr nachlässig erzählten Siebziger-Jahre-Gagparade war die Geschichte von Burgundy, Corningstone und dem „Action-4-News-Team“ zu Ende erzählt. Fortsetzung überflüssig.
Nun, irgendwie doch nicht. In den USA scheint der von Will Ferrell gespielte Charakter sehr beliebt zu sein. Also wurde nach einem Jahrzehnt die alte Bande wieder zusammengerufen, etliche Stars absolvieren einen Kurzauftritt und eine weitere Ron-Burgundy-Geschichte wird erzählt. Wir haben jetzt 1980. Burgundy und seine Frau Veronica Corningstone sind in New York und präsentieren gemeinsam eine Nachrichtensendung, bis Burgundy wegen erwiesener Unfähigkeit gefeuert wird und seine Frau aufsteigt. Mitten in seiner Depri-Phase (wir erinnern uns an den ersten „Anchorman“-Film) erhält er ein Angebot, das er nicht absagen kann: Kench Allenby (ein Klon aus Ted Turner, Rupert Murdoch und viel Richard Branson) baut den neuen Fernsehsender GNN auf, der 24 Stunden Nachrichten ausstrahlen soll. Eine bescheuerte Idee, findet jeder, aber Burgundy und seine alte Gang, das „Action-4-News-Team“, sind dabei und zielsicher steuert er die No-Gos an, die sich als zukunftsweisend entpuppen sollen. Bei ihm gibt es keine Berichte über Politik und wichtige Ereignisse, sondern substanzloses Geplauder über die schönen und alltäglichen Seiten des amerikanischen Alltags oder eine mehrstündige Live-Schaltung zu einer Autoverfolgungsjagd oder sie probieren vor laufender Kamera die angesagte Droge Crack aus. Kurz: Dinge, die keine Nachrichten sind, werden als Nachrichten verkauft und Burgundy erfindet das heutige Fernsehen.
Genau in diesem Moment wird „Anchorman 2“ zu einem Film, der immer wieder an seiner eigenen Haltungslosigkeit scheitert. Im ersten Film wurde auch erzählt, wie Frauen in eine Macho-Bastion einbrechen und am Ende hat Burgundy (und seine Freunde) gelernt, dass auch Frauen in ihrem Beruf ihre Berechtigung haben. Der Macho, das hirnlose Alpha-Männchen, wird zu einem besseren Mann – und wir konnten, mit den Schauspielern, über die damalige Zeit lachen. Das war ein schöner, nostalgischer Trip, der auch durchaus gelungen damalige Filme parodierte.
In „Anchorman 2“ erfindet eben dieser Trottel das heutige Nachrichtenfernsehen, in dem Boulevard-Meldungen und Pseudo-Nachrichten wichtiger sind als Aufklärung und klassischer Journalismus – und wir sollen es gut finden. Während „Anchorman“ noch eine durchaus fortschrittliche Botschaft hatte, ist „Anchorman 2“ durch und durch konservativ bis reaktionär. Denn wir sollen, im Gegensatz zum ersten „Anchorman“, einen Haufen Idioten bewundern und ihre Leistungen für das Nachrichtenwesen gut finden. Sogar Veronica Corningstone, die immer eine echte Journalistin werden wollte, ergibt sich dem Charme der Nicht-Nachrichten. Sie verrät alles, wofür sie bisher stand und was ihr wichtig war, während aus dem Trottel Burgundy der unumstrittene Held und Prophet wird, der niemals kritisch hinterfragt wird. Von Demontage, wie im ersten „Anchorman“-Film, wollen wir überhaupt nicht reden. Genau dieser – von den Machern vielleicht nicht beabsichtigte – Subtext vermieste mir den ganzen Film.
Da helfen dann auch nicht mehr die hübsch geschmacklosen Klamotten, etliche gelungen Gags (aber es gibt auch misslungene Gags und Leerlauf) und Reminiszensen an den ersten Film, der auch in erster Linie als Gagparade funktionierte.
Anchorman – Die Legende kehrt zurück (Anchorman 2: The Legend continues, USA 2013)
Regie: Adam McKay
Drehbuch: Adam McKay, Will Ferrell
mit Will Ferrell, Steve Carell, Paul Rudd, David Koechner, Christina Applegate, Meagan Good, James Marsden, Josh Lawson, Kristen Wiig, Dylan Baker, Judah Nelson, Greg Kinnear, Harrison Ford, Sacha Baron Cohen, Marion Cotillard, Will Smith, Kirsten Dunst, Jim Carrey, Steve Coulter, Tina Fey, Liam Neeson, John C. Reilly, Vince Vaughn, Kanye West (das meiste sind Cameos und sicher hab ich einige vergessen)
Inspector Banks – Der Solist (GB 2010, R.: James Hawes)
Drehbuch: Robert Murphy
LV: Peter Robinson: Aftermath, 2001 (Wenn die Dunkelheit fällt)
East Yorkshire: Bei einem Routineeinsatz stirbt ein Polizist, ein Mann wird ins Koma geprügelt und seine schwerverletzte Frau landet im Krankenhaus. Im Keller des Einfamilienhauses entdecken die Polizisten vier Mädchenleichen – und DCI Alan Banks will von dem im Koma liegendem Mann (einem Lehrer) erfahren, wo ein fünftes verschwundenes Mädchen und wer sein Helfer ist.
In „Aftermath“ (so der Originaltitel) hat der von Peter Robinson erfundene DCI Banks seinen ersten Filmauftritt. Inzwischen ist „DCI Banks“ (so der Serientitel) in England in Serie gegangen. Ob diese Folgen, die alle auf Romanen von Peter Robinson basieren, auch bei gezeigt werden, ist noch unklar.
Der erste Fall, der bei uns unter dem dümmlichen Titel „Banks – Der Solist“ läuft, ist ein spannend-düsterer Polizeithriller, der Genrejunkies gefallen wird: komplexe Charaktere, gute Wendungen und ein zwiespältiges Ende. Die Lösung ist allerdings ziemlich vorhersehbar und im zweiten Teil wird es, wegen der vielen Plotlinien, etwas hektisch. „DCI Banks: Aftermath“ hat nicht die Qualität von „Luther“ (die sich von Folge zu Folge steigerte) oder „Sherlock“ (von der ersten Sekunde an grandios), aber besser als unsere handelsüblichen „Tatorte“ ist „DCI Banks“ allemal.
mit Stephen Tompkinson, Andrea Lowe, Charlotte Riley, Sian Breckin, Monica Dolan, Lorraine Bourroughs, Colin Tierney
Flüchtlinge – letzte Woche porträtierten Judith Keil und Antje Kruska in „Land in Sicht“ drei Männer, die in der ostdeutschen Provinz auf eine Entscheidung über ihr Asylverfahren warten. Diese Woche porträtiert Mano Khalil den Rentner Ibrahim Gezer, der aus der Türkei in die Schweiz flüchtete und Imker ist. Im türkischen Teil Kurdistans war der 1946 Geborene als Bienenzüchter sogar ein vermögender, verheirateter Mann mit elf Kindern, die alle zur Schule gingen und später studieren sollten. Eines Tages geriet er in den Neunzigern, weil PKKler immer wieder bei ihm übernachteten und seine Tochter PKK-Mitglied war, in den Fokus der Polizei. Er tauchte unter, zuerst in den Bergen, später in Istanbul und flüchtete in die Schweiz. Zwei seiner Söhne wurden als Mitglieder der PKK verhaftet, ein Sohn tauchte unter, seine Frau brachte sich um, die anderen Söhne flüchteten nach England und in die Schweiz. Sie alle sind als Flüchtlinge anerkannt. Ibrahim Gezer ebenso.
In Khalils mehrfach ausgezeichneter Dokumentation wird Gezer als freundlicher, weltoffener Mann, der seinem Hobby nachgeht und schweizer Freunde hat, porträtiert. Neben dem privaten Umfeld zeigt Regisseur Mano Khalil seinen Protagonisten auch im Kampf mit der Bürokratie, weil er ein falsches Geburtsdatum angab. Er ist nämlich älter, als er ursprünglich sagte und deshalb muss er auch in einer Behindertenwerkstatt stupide Akkordarbeit verrichten. Das soll seiner Integration in die schweizer Gesellschaft dienen. Einen Kredit, den er für den Kauf von Bienenvölkern aufnehmen möchte, bekommt er nicht, weil es für dieses Hobby keine Kredite gibt. Dass er als Imker vielleicht sogar Geld verdienen könnte, wird nicht beachtet.
„Der Imker“ ist ein warmherziges Porträt eines älteren Mannes, das ihn als netten Onkel mit lebensphilosophischen Anwandlungen zeigt, der zufällig als Flüchtling seine Heimat verlassen musst. Regisseur Khalil, der selbst ebenfalls Kurde ist, fragt ihn nicht nach seiner Vergangenheit in Kurdistan. Dabei wäre gerade das, wenn man sich Gezers Biographie im Presseheft durchliest, der interessante Punkt gewesen: Warum geriet er in den Fokus des Militärs? Warum musste er flüchten? Wie ist die Situation im Osten der Türkei? Ist Ibrahim Gezer wirklich der nette Onkel?
Der Imker (Schweiz 2013)
Regie: Mano Khalil
Drehbuch: Mano Khalil
mit Ibrahim Gezer, Anita Wyrsch-Gwerder, Max Wyrsch, Barbara Bienz, Nicole Hohl, Viktor Krummenacher, Gabriele Schneier Krummenacher
Lieutenant Diamond will den Gangsterboss Mr. Brown unschädlich machen. Der Krieg zwischen beiden eskaliert immer weiter.
Dieses späte Noir-Juwel ist vom ersten bis zum letzten Moment mit sexueller Spannung aufgeladen. „Nahezu unverhüllt thematisierte B-Film-Regisseur Joseph H. Lewis den engen Zusammenhang zwischen unterdrückter Sexualität, sexueller Frustration und exzessiver Gewalt. (…) Es ist eine Welt sexueller Perversion und fatalistischer Abhängigkeit.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)
Mit Cornel Wilde, Richard Conte, Lee Van Cleef, Brian Donlevy, Jean Wallace, Robert Middleton, Earl Holliman
Inspektor Jury: Der Tote im Pub (Deutschland/Österreich 2013)
Regie: Edzard Onneken
Drehbuch: Günter Knarr
LV: Martha Grimes: The Man With A Load Of Mischief, 1981 (Inspektor Jury schläft außer Haus)
In Long Piddleton wird im Keller des Pubs ein Ermordeter entdeckt. Inspektor Richard Jury, bester Mann von Scotland Yard, ermittelt mit seinem verschnupften Assistenten Sergeant Wiggins in dem Dorf. Wegen weiterer Morde nimmt die Zahl der Verdächtigen dann rapide ab – und Fans der „Inspektor Jury“-Romane haben auch schon etliche Verdächtige gestrichen, weil sie zum Stammpersonal der Jury-Romane gehören.
Die erste Verfilmung eines Inspektor-Jury-Romans, gleichzeitig des ersten Jury-Romans, gefällt der 1931 geborenen Jury-Erfinderin Martha Grimes, wie sie auf einer Vorabvorführung des Films (bei der ich war) sagte, gut.
Viel mehr Positives fällt mir zu dieser rundum missglückten, witzlosen Crime-Comedy, bei der die Darsteller hemmungslos chargieren und grenzdebile Dialoge aufsagen durften, nicht ein. Selten ist ein witzig gemeinter Rätselkrimi wohl erbärmlicher auf jeder Ebene gescheitert. „Der Tote im Pub“ ist ungefähr so amüsant wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung.
mit Fritz Karl, Götz Schubert, Arndt Schwering-Sohnrey, Julia Brendler, Julia Stemberger, Katharina Thalbach, Bernhard Schir, Christoph Tomanek, Peter Lerchbaumer, Anatole Taubman, Michael Schweighöfer, John Harding
Westfront 1918 (Deutschland 1930, R.: G. W. Pabst)
Drehbuch: Ladislaus Vajda
LV: Ernst Johannsen: Vier von der Infanterie
„Westfront 1918“ zeigt das Schicksal von vier deutschen Infanteristen während der letzten Kriegstage.
Extrem selten gezeigter Kriegsfilmklassiker, der in einem Atemzug mit „Im Westen nichts Neues“ genannt wird und Stanley Kubricks „Wege zum Ruhm“ entscheidend beeinflusste. Einer ganz großen Antikriegsfilme.
mit Fritz Kampers, Gustav Diessl, Hans Joachim Moebius, Claus Clausen, Gustav Püttjer
Es wurde viel gelacht bei der Berlin-Premiere von „Land in Sicht“. Dabei gibt es eigentlich nichts zu lachen. Denn Judith Keil und Antje Kruska („Der Glanz von Berlin“) porträtieren drei Asylbewerber, die in Bad Belzig im Übergangswohnheim leben. Bad Belzig ist eine Gemeinde mit elftausend Einwohnern in Brandenburg, die alles hat, was Kleinstädte haben, aber Abdul Nasser Jarada, Brian Ngopan und Farid Sahimi keine Perspektive bietet. Sowieso haben sie keine, weil sie als Asylbewerber in einem langwierigem Behördenverfahren feststecken, nicht arbeiten und sich auch nicht frei bewegen dürfen, weil es in Deutschland die Residenzpflicht gibt, die Asylbewerbern ein Verlassen eines bestimmten Gebietes, teils Bundesland, teils Regierungsbezirke und Landkreise verbietet. Inzwischen wurde diese Regel zwischen Brandenburg und Berlin gelockert.
Das sympathische Schlitzohr Abdul ist ein Beduinenscheich aus dem Jemen, der vor sieben Jahren mit einer schweren Schussverletzung nach Deutschland kam, immer noch kaum Deutsch spricht und den herrischen Gestus eines Scheichs und Befehlshabers immer noch nicht abgelegt hat, auch wenn die Umstände anders sind.
Der Teheraner Farid musste seine Frau und seinen Sohn verlassen, nachdem er bei einer Demonstration gegen die Regierung dabei war und nachts seine Wohnung von Unbekannten, die auch ihn mitnehmen wollten, durchsucht wurde. Er flüchtete, landete in Deutschland und möchte doch nur wieder mit seiner Familie zusammen sein.
Brian ist aus Kamerun. Er kam nach Deutschland, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen und weil Kamerun derzeit kein Krisengebiet ist, hat er kaum Chancen auf Asyl.
Alle drei leben jetzt in Bad Belzig und von den Filmemacherinnen Keil und Kruska wurden sie eher zufällig ausgewählt, weil sie einen guten Kontakt zur Heimleiterin hatten, sie die Lage des Heims für einen Film gut fanden und andere Flüchtlinge aus verschiedenen Gründen nicht mitmachen wollten. Denn in ihrem Film kommen sie den Porträtierten sehr nah. Wenn sie immer wieder deren Bemühungen um Aufnahme in der Gesellschaft mit der deutschen Wirklichkeit konfrontieren und wenn sie sie im Kontakt mit Deutschen zeigen, spitzen sie immer wieder gelungen zu. Wenn der Hauswart sich über Essensgerüchte beschwert und dann doch herzhaft das fremde Gericht isst. Wenn Party-Beate eine Single-Party veranstaltet. Wenn Abdul beim Arbeitsamt seine Kompetenzen anpreist und dabei einerseits an seinem mangelhaftem Deutsch, andererseits an den Formulierungen der Anträge, scheitert. So war das Lachen auch immer ein Lachen mit Abdul, Farid und Brian, die mit oft konsterniertem Blick sich die deutschen Sitten und Gebräuche ansehen und auch ein Lachen der Selbsterkenntnis. Denn die Filmemacherinnen wollen niemanden demaskieren oder blosstellen.
Es gibt aber auch die zupackende Sozialarbeiterin Rose Dittfurth, die den Dreien ins Gewissen redet, ihnen aber auch Möglichkeiten eröffnet. So stellt sie Farid in einem Fitnessstudio vor, wo er selbst und eine Gruppe trainieren darf.
Es wird auch die deutsche Willkommenskultur gezeigt, die das komplette Gegenteil einer Willkommenskultur ist.
Ein ganz schlechtes Zeugnis in Punkto „Öffentlichkeitsarbeit“ stellte sich während der zweijährigen Dreharbeiten die Ausländerbehörde aus. Denn während Keil und Kruska an erstaunlich vielen Orten drehen durften, verweigerte die Ausländerbehörde jede Mitarbeit. „Die haben strikt abgelehnt und wollten auch mit keinem unserer Protagonisten gedreht werden“, sagt Keil. „Die haben sogar richtig Stimmung gemacht gegen unsere Protagonisten, die sie offenbar irgendwie als Kriminelle empfanden“, ergänzt Kruska.
„Land in Sicht“ ist ein intimer, kurzweiliger und sehr vergnüglicher Einblick in das Leben von drei Männern, die hier in einer kafkaesken Wartehalle leben und mit dieser auf die Dauer entmutigenden Situation verschieden umgehen, einen Blick auf die absurde deutsche Asylpolitik (Warum dürfen sie nicht arbeiten? Warum müssen sie irgendwo im nirgendwo bleiben?) und den deutschen kleinstädtischen Alltag wirft, bei dem leider – wie es derzeit in Dokumentarfilmen üblich ist – auf erklärende Off-Kommentare, die schnell einige Informationen hätten vermitteln können, verzichtet wird.
Für das Fernsehen (rbb und Arte sind Koproduzenten) wurde auch eine kürzere Fassung erstellt, aber man sollte sich schon die Kinofassung, die keine Längen hat, ansehen.
Land in Sicht (Deutschland 2013)
Regie: Judith Keil, Antje Kruska
Drehbuch: Judith Keil, Antje Kruska
mit Abdul Nasser, Jarada, Brian Ngopan, Farid Sahimi, Rose Dittfurth
Billy Bathgate – Im Sog der Mafia (USA 1991, R.: Robert Benton)
Drehbuch: Tom Stoppard
LV: E. L. Doctorow: Billy Bathgate, 1989 (Billy Bathgate)
Ebenso erlesene wie leblose Beschreibung der Glanzzeit und des Endes von Dutch Schultz aus der Perspektive des Bronx-Jungen Billy, der ab 1935 als Handlanger für den Gangster arbeitet.
Das Buch soll wesentlich besser sein.
mit Dustin Hoffman, Nicole Kidman, Loren Dean, Bruce Willis (der – ähm – schnell untertaucht), Steve Buscemi, Stanley Tucci, Steven Hill, Billy Jaye, Frances Conroy, Xander Berkeley
Cash – Abgerechnet wird zum Schluss (Frankreich 2008, R.: Eric Besnard)
Drehbuch: Eric Besnard
Trickbetrüger Cash bestiehlt besonders gerne Verbrecher. Jetzt will der Gentleman-Gauner Maxime bestehlen. Dummerweise interessiert sich auch eine Europol-Polizistin für Maxime.
Es muss nicht immer „Ocean’s Eleven“, „Die Unfassbaren“, „Der Clou“ oder „Ihr Auftritt, Al Mundy!“ (It takes a Thief) sein für einen vergnüglichen Abend mit sich gegenseitig bestehlenden, betrügenden und belügenden Gaunern.
„Unterhaltsame Kriminalkomödie voller überraschender Charaden.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Jean Dujardin, Jean Reno, Valeria Golino, Alice Taglioni, Francois Berléand, Ciarán Hinds
„I, Frankenstein“ ist eine Comicverfilmung, die sich anscheinend sehr weit von der Vorlage, die ziemlich interessant klingt, entfernt und wieder einmal sehr überzeugend allle Vorurteile, über Comicverfilmungen bestätigt. Denn das „Underworld“/Frankenstein-Mash-Up, natürlich in 3D (nachträglich aufgepimpt), ist einfach nur schlecht.
Die lieblos aus anderen Werken zusammengeklaubte Geschichte beginnt mit der Erschaffung von Frankensteins Monster, dem Tod von Dr. Victor Frankenstein und der ersten Begegnung von Monster, Gargoyles (naja, wir könnten auch Engel sagen) und Dämonen, die sich, mitten in der Nacht, auf einem Friedhof kloppen. Dann erzählen die Gargoyles dem Monster, das den Vornamen Adam und, weil er von Dr. Frankenstein erschaffen wurde, den Nachnamen Frankenstein erhält und so zum titelgebenden „Frankenstein“ wird, dass sich Gargoyles und Dämonen schon lange bekämpfen und er auf der Seite der Guten mitmachen soll. Frankenstein lehnt dankend ab und zieht sich die nächsten Jahre, bis zur Gegenwart, in die Einsamkeit zurück.
In der Gegenwart trifft er in Darkhaven, einer lauschigen Metropole mit Mittelalter-Flair, wieder auf die Gargoyles und die Dämonen.
Das Oberhaupt der Dämonen, Prinz Naberius (Bill Nighy, der offensichtlich seinen Spaß hatte und etwas lebendiges Leben in die Bude bringt), möchte herausfinden, wie Dr. Frankenstein sein Monster erschaffen konnte und die Methode bei weiteren Toten anwenden. Weil Tote seelenlos sind, können die Dämonen sie, hm, beseelen (dämonisieren?) und die Weltherrschaft übernehmen. Naberius hat schon ein riesiges Lager Toter im Keller seines Anwesens. Das ist zwar bescheuert, sieht aber gut aus. Und er beschäftigt eine nichtsahnenden blonde Wissenschaftlerin, deren Experimente zwar kurz vor einem Durchbruch stehen, die aber mit dem Tagebuch von Dr. Frankenstein, das sein Sohn Adam hat, oder der DNA von Adam Frankenstein zu einem schnelleren, erfolgreichen Abschluss gebracht werden können. Also will Naberius beides haben und er schickt seine Dämonen los.
Adam Frankenstein, der inzwischen doch irgendwie eine Seele hat, entschließt sich, den Gargoyles zu helfen und gegen die Dämonen zu kämpfen – und wenn nicht gerade irgendein esoterischer Schwurbel gelabert wird, wird gekämpft bis die Pixel glühen.
Bei dem Ansehen von diesem wahrscheinlich ausschließlich im Studio gedrehtem Desaster, bei dem noch nicht einmal Schadensfreude aufkommt, will man nicht glauben, dass das Drehbuch von Stuart Beattie ist. Genau der Beattie, der mit seinem Drehbuch für „Collateral“ vor zehn Jahren einen wahren Klassiker abliefert. Aber das scheint, wenn man sich seine späteren Arbeiten „Entgleist“, „Fluch der Karibik“, „30 Days of Night“ und „G.I. Joe – Geheimauftrag Cobra“ ansieht, vor allem der Verdienst von Regisseur Michael Mann gewesen zu sein. Eine solche Hilfe hatte er bei „I, Frankenstein“ nicht. Beattie übernahm auch die Regie.
Immerhin ist seine zweite Regiearbeit mit neunzig Minuten erfreulich kurz geraten und es gibt, man gibt sich ja mit wenig zufrieden, einige Bilder, die eine Noir-Atmosphäre heraufbeschwören und an Comic-Panels erinnern.
I, Frankenstein (I, Frankenstein, USA/Australien 2013)
Regie: Stuart Beattie
Drehbuch: Stuart Beattie, Kevin Grivioux
LV: Kevin Grivioux: I, Frankenstein, 2009 (Comic)
mit Aaron Eckhart, Bill Nighy, Yvonne Strahovski, Miranda Otto, Jai Courtney, Socratis Otto, Aden Young, Caitlin Stasey