„Die Todesliste – Nr. 1 stirbt“ ist einer der Filme, bei denen ich zwischen Schock und Erstaunen schwanke. Schock über den schlechten Film. Erstaunen über die vielen verpassten Gelegenheiten, einen auch nur annehmbaren Film zu machen. Das Budget von „Die Todesliste“ war – erkennbar – nicht besonders üppig, aber ein immer wieder erkennbarer Stilwille war vorhanden und gerade bei einem kleinen Budget muss man keine Rücksichten auf Investoren nehmen. Es hätte also ein fieser, kleiner Paranoia-Thriller entstehen können. Jedenfalls scheinen die Macher das irgendwann einmal geplant zu haben, ehe sie ins Banale abdrifteten.
Unser Held Christopher Cowin ist der Kopf einer Organisation, die mit einer Liste (die auch nur „The List“ heißt) gegen Korruption in der Politik und Wirtschaft vorgehen. User dürfen ihre Stimme abgeben und so den Korruptesten auf den ersten Platz voten. Der erhält dann einen Preis. Die Liste ist bei der Bevölkerung beliebt. Bei den Machthabern nicht so. Vor allem, nachdem jemand beginnt, die oben auf der Liste stehenden Leute zu töten und Videos ihrer Ausflüchte und Exekutionen online zu posten.
Die Stimmung beginnt sich gegen Cowin zu drehen. Er trifft zufällig den Mörder, der ihm erklärt, dass die Liste Konsequenzen haben müsse und er daher immer die aktuelle Nummer 1 töten werde. Außerdem werde er Cowin vor Anschlägen beschützen.
Da erscheint Cowins Name auf der Liste – und plötzlich scheint die nicht manipulierbare Liste doch anfällig für Manipulationen zu sein.
Außerdem verdächtigt die Polizei Cowin als Mörder. Vor allem nachdem der Arzt, der für den Tod von Cowins Bruder verantwortlich war, vor Gericht freigesprochen wurde und die Initialzündung für die Liste war, entführt wird.
„Die Todesliste“ hätte ein kleines, fieses B-Picture werden. Er wurde ein einziger Murks.
Die Todesliste – Nr. 1 stirbt (The List, Großbritannien 2013)
Regie: Klaus Hüttmann
Drehbuch: Klaus Hüttmann
mit Sienna Guillory, Clive Russell, Rebecca Ferdinando, Nigel Planer, Anthony Flanagan
mit Greta Gerwig, Mickey Sumner, Michael Esper, Adam Driver, Michael Zegen, Charlotte d’Amboise, Crace Gummer, Justine Lupe, Patrick Heusinger, Christine Gerwig, Gordon Gerwig
Dazed and Confused – Sommer der Ausgeflippten (USA 1993, R.: Richard Linklater)
Drehbuch: Richard Linklater
Eine Story im herkömmlichen Sinn hat „Dazed and Confused“ nicht. Linklater schildert in seinem autobiographisch inspiriertem Film in Episoden von den Erlebnissen von mehreren High-School-Freshmen und den Schülern der Abschlussklasse im Sommer 1976 in Texas. Und genau wie in Debüt „Slacker“ erzählt er von ziellosen Jugendlichen und ihren Bedürfnissen.
Aber während „Slacker“ gleich als Porträt der Generation X gesehen wurde, ging die Highschool-Komödie „Dazed and Confused“ zunächst unter. Bei uns reichte es offiziell nur für einen Videostart. Immerhin durfte ich im Studentenkino „Dazed and Confused“ sein.
mit Jason London, Wiley Wiggins, Ben Affleck, Joey Lauren, Milla Jovovich, Matthew McConaughey, Rory Cochrane
auch bekannt als „Confusion – Sommer der Ausgeflippten“ (Videotitel)
André gehört nicht zu den Losern, die nach einer gescheiterten Karriere und überstandener Midlife-Crisis, vielleicht sogar inclusive Scheidung, mit Mitte Fünfzig in die elterliche Wohnung zurück ziehen, weil entweder die Eltern gerade gestorben sind oder finanzielle Engpässe ihn dazu zwingen. Der Taxifahrer und Tüftler ist nie bei ihr, der titelgebenden „Lovely Louise“ ausgezogen. Das Muttersöhnchen steht unter ihrer Fuchtel. Immer hält sie ihm, mal mehr, mal weniger höflich, vor, dass sie wegen ihm auf eine glänzende Hollywood-Karriere verzichten und in die kleinbürgerliche Spießigkeit der Schweiz zurückkehren musste. Ihre Selbstbestätigung holt sie sich von ihren Freundinnen, die sie als Diva bewundern. André serviert derweil in dem beengten Apartment die Schnittchen. Sein einziges Hobby ist die Modellfliegerei. Heimlich ist er in die am Flughafen arbeitende Wurstverkäuferin Steffi verliebt, aber ansprechen will er sie nicht.
Eines Tages taucht Louises bislang unbekannter Sohn Bill aus den USA auf, der sich gleich mit amerikanischer Jovialität in der engen Wohnung breitmacht, André in seine Werkstatt verbannt und das fragile Mutter-Sohn-Gefüge stört. Denn Louise wendet ihre ganze Liebe dem verlorenen Sohn zu.
„Lovely Louise“, der neue Film von „Die Herbstzeitlosen“- und „Tannöd“-Regisseurin Bettina Oberli ist eine harmlos daherkommende, stille Komödie über Beziehungen, Illusionen, Lügen, Träume, das kleine Glück, gescheiterte Existenzen, der Angst vor Veränderungen, den damit verbundenen Stillstand und dem eigenen Weg. Denn irgendwann sollte André sich doch von seiner dominanten, ihn schamlos ausbeutenden Mutter trennen. Das ist, in einer reduzierten Bildsprache, fein beobachtet und gefällt gerade im Vermeiden von offensichtlichen Spannungsmomenten, vor allem in der Geschichte von Bill, dessen Gehabe und seine kaputten Socken ein untrügliches Zeichen für betrügerische Absichten zu sein scheinen. Und so fällt zunächst kaum auf, wie bösartig und unversöhnlich der bieder daherkommende Film hinter seiner heimeligen Fassade aus Züricher Vorstadt und Provinzflughafen ist.
Vollkommen überflüssig ist allerdings der Spanienausflug von Bill und Louise, inclusive Schwimmbadschlägerei zwischen Bill und André und „Charlie staubt Millionen ab“/“The Italian Job“-Kliffhängerei. Das darf nur Michael Caine. Aber der hatte wahrscheinlich keine Mutter.
Lovely Louise (Schweiz/Deutschland 2013)
Regie: Bettina Oberli
Drehbuch: Bettina Oberli, Petra Volpe, Xao Seffcheque (Mitarbeit Drehbuch)
mit Stefan Kurt, Annemarie Düringer, Stanley Townsend, Nina Proll, Michael Neuenschwander, Carla Juri
Als die Oscar-Nominierungen veröffentlicht wurden, war die Nominierungsliste mit zehn Nominierungen für David O. Russells „American Hustle“, darunter, wie schon für seinen vorherigen Film „Silver Linings“, in den Kategorien bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch und, was äußerst selten ist, in allen vier Darstellerkategorien, nur der vorläufige Höhepunkt des Nominierungs- und Preisregen der seit dem Kinostart auf die lose von der sehr umstrittenen FBI-Operation „Abscam“ inspirierte Siebziger-Jahre-Gaunerkomödie herabregnet. Begleitet von fast einhelligem Kritikerlob und guten Zuschauerzahlen, die sich so richtig in den damaligen Geschmacklosigkeiten suhlen und Männer bei der Haarpflege bewundern können. Denn der FBI-Agent Richie DiMaso (Bradley Cooper) und der Betrüger Irving Rosenfeld (Christian Bale) pflegen und kämmen ihre Haare vor der Kamera ausdauernder als Sylvester Stallone für sein tägliches Workout benötigt. Bürgermeister Carmine Polito (Jeremy Renner) pflegt seine überdimensionierte John-F.-Kennedy-Elvis-Presley-Tolle off screen.
So beginnt „American Hustle“ folgerichtig mit Rosenfeld (für die Rolle nahm Christian Bale jedes „Batman“-Kostüm sprengende Pfunde zu), der liebevoll mehrere Minuten seine verbleibenden Haare über seine beginnende Glatze kämmt, mit einem Toupet verschönert und mit viel Haarspray in die ihm gefallende Form bringt, die dann von DiMaso verwuschelt wird. In dem Moment stehen die beiden Männer kurz vor einem wichtigen Gespräch. Sie wollen nämlich Polito der Korruption überführen, indem er in einem vom FBI mit modernster Videotechnik überwachtem Hotelzimmer Schmiergeld annimmt.
Rosenfeld ist, wie wir in einer Rückblende erfahren, eigentlich ein Wäschereibesitzer, der mit kleinen Betrügereien und gefälschten Bildern ein erkleckliches Zubrot verdient. Dabei hilft ihm seine Geliebte Sydney Prosser (Amy Adams). Dass er gleichzeitig immer noch mit der ziemlich zickigen, latent zum Alkoholismus neigenden Rosalyn (Jennifer Lawrence) verheiratet ist, und er seinen Sohn liebt, verkompliziert die Beziehung in einer Mischung aus Siebziger-Jahre-Libertinage und katholischem Verschweigen kam.
Als er von DiMaso des Kreditbetrugs überführt wird, ersinnen Rosenfeld, Prosser und DiMaso schnell aus durchaus unterschiedlichen Eigeninteressen einen Plan, der eine fatale Eigendynamik Richtung Chaos entwickelt: Rosenfeld und Prosser arbeiten für das FBI und helfen dem überambitionierten, aber nicht besonders schlauem DiMaso an die wirklich großen Fische, die Wirtschaftsverbrecher, die korrupten Politiker und die Mafiosi, zu kommen. Ihr von DiMaso auserwähltes Ziel ist Carmine Polito, der allgemein beliebte Bürgermeister der 100.000-Einwohner-Gemeinde Camden in New Jersey. Polito möchte gerne Atlantic City wieder im alten Glanz erstrahlen lassen, damit dringend benötigte Arbeitsplätze beschaffen und er braucht dafür potente Investoren.
Mit einer Scheinfirma und einem falschen arabischen Scheich, der unbedingt Geld in New Jersey investieren will, beginnt das Trio den charmanten Kommunalpolitiker zu umwerben. Der sieht die Chance, für seine Gemeinde etwas Gutes zu tun.
Während DiMaso begeistert ist, dass er endlich an die großen Fische herankommt, wird es Rosenfeld zunehmend mulmiger. Denn er wird gezwungen in einem Spiel mitzuspielen, das er nicht mehr beherrscht, bei dem ihn jeder Fehler seine Freiheit und, als die Mafia ebenfalls investieren will, auch sein und das Leben der von ihm geliebten Personen kosten kann.
„American Hustle“ ist kein schlechter Film. Er hat eine Riege grandios aufspielender Schauspieler, eine stimmige Ausstattung, die dazu passende Musik, ein Gespür für die Absurditäten von Situationen und die Dynamik zwischen den Charakteren.
Aber er ist auch bei weitem nicht so gut, wie er gerne wäre. Eigentlich zeigen schon die ersten Minuten, wenn Christian Bale sich ewig die Haare kämmt, alle Probleme des Films. Er ist mit gut 140 Minuten viel zu lang geraten. Anstatt stringent eine Geschichte zu erzählen, mäandert er zwischen mehreren hin und her. Damit ist er als Gaunerkomödie oder politische Satire zu lang und ohne Fokus. Für ein Caper-Movie ist „American Hustle“ ebenfalls zu nachlässig erzählt. Anscheinend wurden große Teile des Films während des Drehs improvisiert und damit veränderte sich auch die Geschichte, was man am langen Auftakt, in dem vor allem das Liebespaar Rosenfeld/Prosser und ihre kleinen Betrügereien lange eingeführt werden, und dem fast schon hastigen Ende erkennt. Denn da fädelt Rosenfeld, nachdem dank seiner Ehefrau alle seine Pläne schiefgehen könnten, mit seiner Freundin schnell einen allerletzten, aber auch sehr durchschaubaren Betrug, der schon damals zum Standardinventar für beginnende Betrüger gehörte, ein. Als Charakterstudie hat „American Hustle“ nicht besonders viel Tiefe. Es sind halt alles wahnsinnig von sich überzeugte Blender, die immer eine Spur zu dick auftragen und lauthals in die Welt hinausposaunen, wie genial sie sind, dabei aber Schein mit Sein verwechseln..
Und genau wie sie ist der egozentrische Film zu sehr von sich und seinen Qualitäten, die vor allem auf dem äußeren Schein beruhen, überzeugt, um mich zu überzeugen.
American Hustle (American Hustle, USA 2013)
Regie: David O. Russell
Drehbuch: Eric Warren Singer, David O. Russell
mit Christian Bale, Amy Adam, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Jeremy Renner, Jack Huston, Michael Peña, Louis C. K., Shea Whigham, Elisabeth Rohm, Barry Primus, Robert De Niro
Als Mark Helprins Roman „Winter’s Tale“ 1983 erschien, war die von ihm gezeichnete fantastische Welt vielleicht wirklich neu und überraschend. Denn in ihr kämpfen, wie wir aus Akiva Goldsmans Verfilmung lernen, in New York nicht nur Menschen gegeneinander, sondern auch der Teufel und, hm, Gott sind in irgendeinen Kampf involviert und Visionen und das Licht spielen eine entscheidende, aber unklare Rolle. Kurz, das Inventar eines heute handelsüblichen Fantasy- oder Superheldenfilms für – je nach Vorlage – schmachtende Teenager oder actionhungrige Fanboys ist vorhanden. „Winter’s Tale“ ist da die – ziemlich missglückte – Ausgabe für romantikverrückte Frauen.
Immerhin hat Colin Farrell die Hauptrolle übernommen. Er spielt den Waisen Peter Lake, der 1895 von seinen Eltern, denen die Einreise in die USA verweigert wurde, in einem Modellboot im Gewässer vor Manhattan ausgesetzt wurde. 1916 ist er ein Dieb, der aus nie richtig geklärten Gründen von dem Gangsterboss Pearly Soames (Russell Crowe), der ihn aufzog, verfolgt wird.
Bei einem seiner Einbrüche trifft Lake Beverly Penn (Jessica Brown Findlay), eine an der Schwindsucht tödlich erkrankte Schönheit, und sie verlieben sich sofort ineinander. Aufgrund ihrer Krankheit hat sie ein enormes Bedürfnis nach Kälte, das sie unter anderem stillt, indem sie fast unbekleidet und barfuß durch den Schnee wandelt.
Diese Liebesgeschichte spielt vor dem Hintergrund eines Kampfes zwischen Engel und Dämonen. Denn Pearly Soames ist ein Vertreter des Teufels in New York (und nur dort) und Peter Lake hat als Verbündeten einen weißen Schimmel. Nein, das ist jetzt keine plumpe Tautologie, sondern erfasst ungefähr die Subtilität des Films.
Der Kampf zwischen Lake und Soames endet, nach einer jahrzehntelangen Unterbrechung, 2014, in der Gegenwart, und spätestens hier werden starke Anforderungen an die „suspension of disbelief“ gestellt. Denn – ohne etwas von der Geschichte zu verraten (da gibt es in Punkto Visionen noch mindestens ein Problem) – wenn eine junge, alleinerziehende Reporterin herausfindet, dass Lake bereits vor einem Jahrhundert quicklebendig war, ist sie ungefähr so erstaunt wie ich, wenn ich eine Pizza Salami bestelle und eine Pizza Salami erhalte. Überboten wird ihre Reaktion nur noch von Beverlys Schwester Willa (Eva Marie Saint). Sie lernte Lake als kleines Mädchen kennen, leitet als deutlich über Hundertjährige immer noch die Zeitung, erkennt Lake sofort und ist darüber überhaupt nicht erstaunt, weil es viele unerklärliche Dinge gibt.
Akiva Goldsman (Oscar für „A beautiful Mind“, Razzie-Nominierung für „Batman & Robin“) kredenzt nach fünf TV-Serienfilme, unter anderem vier Folgen „Fringe“, in seinem Spielfilmdebüt einen ziemlich erhaben daherkommenden, schlecht inszenierten Kitsch. Denn es gehört schon einiges dazu, dass durchaus gute Schauspieler wie Colin Farrell (der als gut Vierzigjährige doch etwas alt für einen Zwanzigjährigen ist), Russell Crowe und Will Smith (als Luzifer ist er immerhin für einen Lacher gut) mit einem grenzdebilen Blick stoisch durch die Kulisse schlurfen.
Erschwerend kommt hinzu, dass – immerhin hat Goldsman ja die Bücher für einige veritable Blockbuster, wie „I, Robot“, „The Da Vinci Code – Sakrileg“, „I am Legend“ und „Illuminati“ geschrieben und die waren immerhin gutes Handwerk – Goldsman die Geschichte von „Winter’s Tale“ auf drei Zeitebenen beginnt und eine Myriade von Charakteren einführt, die später vollkommen bedeutungslos sind. Das erschwert den Einstieg in den Film unnötig. Der mythische Überbau, mit einem irritierendem Voice-Over, funktioniert auch nie und damit funktioniert auch der dritte, in der Gegenwart spielende Akt nicht.
Die Bilder und Tricks kolportieren nur das sattsam Bekannte. So sehen die gefletschten Zähne von Will Smith nicht anders aus als die Zähne der „30 Days of Night“-Vampire. Für eine „Fringe“-TV-Folge ist das okay, aber für einen abendfüllenden Spielfilm zu wenig.
Auch wenn die Musik von Hans Zimmer und Rupert Gregson-Williams ist.
Jedenfalls, und damit kommen wir zum Positiven, erscheint nach „Winter’s Tale“ der unterschätzte „Cloud Atlas“ als ein formvollendetes Meisterwerk
Winter’s Tale (Winter’s Tale, USA 2014)
Regie: Akiva Goldsman
Drehbuch: Akiva Goldsman
LV: Mark Helprin: Winter’s Tale, 1983 (Wintermärchen)
mit Colin Farrell, Jessica Brown Findlay, Jennifer Connelly, Russell Crowe, William Hurt, Ripley Sobo, Mckayla Twiggs, Matt Bomer, Will Smith, Eva Marie Saint
Länge: 117 Minuten (laut FSK, aber sie fühlten sich eher nach der offiziellen Angabe von 129 Minuten an)
Carlos – Der Schakal (Teil 1, Teil 2, Teil 3) (Frankreich/Deutschland 2010, R.: Olivier Assayas)
Drehbuch: Olivier Assayas, Dan Franck
Grandioses Biopic über den Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, genannt „Carlos“ (Édgar Ramirez in der Rolle seines Lebens), in der langen, aber extrem kurzweiligen dreiteiligen TV-Fassung.
mit Édgar Ramírez, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Christoph Bach, Julia Hummer, Aljoscha Stadelmann, Jule Böwe, Ahmat Kaabour, Udo Samel
Das Cabinet des Dr. Caligari (Deutschalnd 1920, R.: Robert Wiene)
Drehbuch: Hans Janowitz, Carl Mayer
Der wahnsinnige Dr. Caligari versetzt eine norddeutsche Kleinstadt in Angst und Schrecken.
Ein Stummfilmklassiker, ein Horrorfilmklassiker, ein Klassiker es expressionistischen Films und sicher noch einige „Klassiker“-Ernennungen mehr – und in jedem Fall in der heute präsentierten restaurierten Fassung, die auf dem Kameranegativ basiert, ein Augenschmaus. Und ein Ohrenschmaus: denn es soll die von John Zorn live während der Berlinale-Premiere auf der Karl-Schuke-Orgel der Berliner Philharmonie gespielte Musik präsentiert werden.
D. h.: Aufnahmebefehl!
Davor, um 22.05 Uhr, läuft die brandneue Doku „Caligari – Wie der Horror ins Kino kam“ von Rüdiger Suchsland über den Film.
mit Werner Krauß, Conrad Veidt, Lil Dagover, Hans Heinrich von Twardowski, Rudolf Lettinger
Des Schriftstellers Alptraum (hilflos ans Bett gefesselt in den Händen eines fanatischen Fans), des Zuschauers Vergnügen. Eine der besten Verfilmungen des Grandmasters der Mystery Writers of America.
Kathy Bates erhielt für ihre furchterregende Darstellung der helfenden Krankenschwester den Oscar, den Chicago Film Critics Association Awards und den Golden Globe als beste Schauspielerin.
Mit James Caan, Kathy Bates, Richard Farnsworth, Lauren Bacall, Frances Sternhagen
Ein amerikanisches Ehepaar will mit der Transsibirischen Eisenbahn von Peking nach Moskau fahren. Auf ihrer Fahrt geraten sie zwischen die Fronten eines Kampfes zwischen Drogenschmugglern und einem skrupellosen Drogenfahnder.
Wer in den vergangenen Jahren nur einen Ben-Kingsley-Film gesehen hat, kann sich denken, auf welcher Seite Kingsley mitspielt. Und unser Mann in Hollywood (neinnein, der andere) ist auch dabei. Ansonsten: nach vielen Jahren wieder ein Eisenbahnthriller, der sogar in der Gegenwart spielt. Die internationale Kritik feierte, vollkommen berechtigt, das neue Werk des „The Machinist“-Regisseurs ab.
„Der Film hat eigentlich alle Anlagen zum B-Movie. Indem Anderson aber die inneren Konflikte seiner Figuren in den Mittelpunkt stellt, wird aus einem potenziellen Actionthriller ein durchaus überzeugendes Drama.“ (Andreas Busche, epd Film 12/2008)
mit Woody Harrelson, Emily Mortimer, Ben Kingsley, Kate Mara, Eduardo Noriega, Thomas Kretschmann
Leonardo DiCaprio spielt einen Spion, der sich in die Gehirne von anderen Menschen einloggt. Jetzt soll er allerdings nichts ausspionieren, sondern eine schädliche Idee in das Gehirn seines Opfers implantieren.
Die Kritiker waren begeistert von “Batman“ Christopher Nolans Mindfuck. Die Zuschauer ebenso. Die Kinobetreiber zählten strahlend die verkauften Eintrittskarten. Denn „Inception“ ist ein inzwischen seltenes Beispiel für Blockbusterkino, bei dem man sein Gehirn nicht an der Kinokasse abgeben muss.
mit Leonardo DiCaprio, Joseph Gordon-Levitt, Ellen Page, Tom Hardy, Ken Watanabe, Cillian Murphy, Tom Berenger, Marion Cotillard, Pete Postlethwaite, Michael Caine, Lukas Haas
Na, das ist doch eine geschickte Strategie. Anstatt sich für eine Version der Geschichte zu entscheiden, zeigen die Regisseure Rob Epstein und Jeffrey Friedman und Drehbuchautor Andy Bellin einfach zwei sich diametral entgegenstehende Versionen, die jeweils eine Hälfte des Films „Lovelace“ beanspruchen.
In der ersten Version erzählen sie im Stil eines Kitschfilms, wie Linda Lovelace (eigentlich Linda Boreman) sich in Chuck Traynor verliebt, sie naiv in den Dreh von „Deep Throat“ hineinstolpert, den Dreh des Pornos genießt und danach zum beliebten Star aufsteigt, der fröhlich und ungehemmt ihren Beitrag zur sexuellen Befreiung leistet. Denn der Porno „Deep Throat“ war, als er 1972 in die US-Kinos kam und gleich in einigen Bundesstaaten verboten wurde, ein gigantischer kommerzieller Erfolg, über den alle redeten. Es war plötzlich chic, sich einen Porno in einem Kino anzusehen, dabei gesehen zu werden und, bei entsprechender Prominenz, anschließend ein Interview zu geben.
In Deutschland kam „Deep Throat“ 1975 in die Kinos.
Nach 43 Minuten gibt es im erstaunlich züchtigen Biopic „Lovelace“ einen Zeitsprung von sechs Jahren. Lovelace will endlich ihre Geschichte erzählen und die ist dann ganz anders als die vorher gezeigte Halli-Galli-Friede-Freude-Eierkuchenwelt. Jetzt sehen wir die gleichen Ereignisse noch einmal, aber aus einer anderen Perspektive. Lovelace wurde von ihren puritanischen Eltern unterdrückt. Ihr Mann schlug und vergewaltigte sie. Drogen, Gewalt und Unterdrückung waren ein integraler Teil ihres Lebens, das ein einziger Horrortrip war. Auch die Mafia war bei den Dreharbeiten und der späteren Auswertung des Films beteiligt. Roger Ebert sagte, dass der Profit von „Deep Throat“ mit 600 Millionen US-Dollar bei Herstellungskosten von 25.000 Dollar auch deshalb so hoch war, weil der Film in Pornokinos gezeigt wurde, die damals der Geldwäsche dientenLINK.
Kurz: Linda Lovelace wurde von allen ausgebeutet und benutzt.
Auch wenn die zweite Version wahrscheinlich viel näher an der Wirklichkeit ist, bricht eben die Entscheidung der Macher, gleichberechtigt zwei Versionen der Geschichte von Linda Lovelace und „Deep Throat“ anzubieten, dem Film als Spielfilm das Genick. Denn sie drücken sich damit vor der Frage, welche Geschichte sie erzählen und welche Version der Ereignisse sie für wahr halten. Sie erzählen in ihrem Biopic die Disney- und die Noir-Variante, wobei die Disney-Variante mit Witzen punktet.
Das Bonusmaterial ist erfreulich umfangreich und informativ in Bezug auf den Film ausgefallen. Über die echte Linda Lovelace und „Deep Throat“ erfährt man eher wenig. Aber dafür gibt es ja die Dokumentation „Inside Deep Throat“.
Lovelace (Lovelace, USA 2012)
Regie: Rob Epstein, Jeffrey Friedman
Drehbuch: Andy Bellin
mit Amanda Seyfried, Peter Sarsgaard, Wes Bentley, James Franco, Chris Noth, Eric Roberts, Chloe Sevigny, Sharon Stone, Robert Patrick, Adam Brody
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DVD
Planet Media/Studiocanal
Bild: 1.85:1
Sprache: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making Of, Hinter den Kulissen, Featurette, Interviews, Pressekonferenz Berlinale 2013, Trailer (Deutsch, US), Leseprobe „Linda Lovelace: Ich packe aus“, Wendecover
Michael Clayton ist der Troubleshooter für eine große New Yorker Kanzlei. Als einer ihrer Anwälte ausrastet und damit den Prozess gegen das multinationale Chemieunternehmen U/North gefährdet, ist Clayton gefordert. Doch dieser steckt gerade selbst in einer Midlife-Crises.
Tony Gilroy, der als Autor der actionhaltigen Jason-Bourne-Trilogie bekannt wurde, hat mit seinem Regiedebüt einen Paranoia-Thriller inszeniert, bei dem die Bedrohung nicht mehr vom Staat sondern von der Wirtschaft ausgeht. Trotzdem haben Action-Fans bei „Michael Clayton“ schlechte Karten. Fans des guten, im positiven Sinn altmodischen Schauspielerkinos haben dagegen gute Karten.
Tony Gilroy war als bester Autor und Regisseur für einen Oscar nominiert, George Clooney als bester Darsteller, Tom Wilkinson als bester Nebendarsteller und Tilda Swinton erhielt einen Oscar einen BAFTA-Awards als beste Nebendarstellerin.
Gilroys Buch erhielt auch den Edgar-Allan-Poe-Preis.
Mit George Clooney, Tom Wilkinson, Tilda Swinton, Sydney Pollack, Michael O’Keefe
Watchmen – Die Wächter (Watchmen, USA/GB/Can 2009)
Regie: Zack Snyder
Drehbuch: David Hayter, Alex Tse
LV: Alan Moore/Dave Gibbons: Watchmen, 1986/1987 (Watchmen)
Der „Comedian“, ein Superheld, wird ermordet. Rorschach, ein anderer Superheld, glaubt an eine Verschwörung, die mit dem Tod von allen Superhelden, die sich „Watchmen“ nennen, enden soll. Er alarmiert die restlichen „Watchmen“ und sie müssen wieder gemeinsam in den Kampf ziehen.
Sehr werkgetreue Verfilmung des als unverfilmbar geltenden Comics; – und damit auch eine wegen zu großer Werktreue gescheiterte Verfilmung. Denn beim Sehen hakt man, wenn man den Comic kennt, zunehmend lustlos, die einzelnen Szenen der Reihe nach ab, freut sich über die sehr bildgenaue Umsetzung, rätselt über die wenigen Änderungen und bedauert im ‘Och, das hätte ich gerne auch noch gesehen’-Modus, die fehlenden Szenen. Aber ein eigenständiger Zugriff auf die Geschichte geht anders. Trotzdem ist „Watchmen“ als Übung in Fantum sehenswert.
Mit Jeffrey Dean Morgan, Malin Akerman, Patrick Wilson, Billy Crudup, Jackie Earle Haley, Matthew Goode, Carla Gugino, Matt Frewer, Stephen McHattie
Alle Signale deuteten auf ein weiteres Desaster hin: ein Remake von einem Kultfilm (Erinnert ihr euch noch an den „Total Recall“-Remurks?), der bis vor kurzem bei uns noch auf dem Index stand. Zu brutal für ein nicht volljähriges Publikum. Das Remake ist „freigegeben ab 12 Jahre“. Bei uns und in England läuft der Film vor dem US-Start an. Normalerweise ist das eine Maßnahme, um Verluste zu minimieren. Es gab ein Embargo für Kritiken bis kurz vor dem Filmstart. Als ob das Gemaule der Fans in den einschlägigen Foren nicht schon laut genug sei. Die Besetzung garantiert definitiv keinen Kassenerfolg. Samuel L. Jackson und Gary Oldman sind zwar immer eine Bereicherung, aber allein wegen ihnen geht man schon lange nicht mehr ins Kino. Und der Hauptdarsteller Joel Kinnaman ist bei uns vor allem aus „Easy Money“ bekannt. Aber wer hat den Film schon gesehen?
Nein, besonders groß waren meine Erwartungen vor der Pressevorführung von „Robocop“ nicht. Ich hoffte höchstens auf ein Nicht-Komplett-Desaster. Immerhin hatte ich auch „Total Recall“ überlebt.
Aber schon die ersten Minuten begeisterten mich und diese Begeisterung ließ bis zum Abspann nicht nach. „Robocop“ ist nicht nur besser als erwartet, sondern ein wirklich guter Film und einer der besten Science-Fiction-Filme der vergangenen zwölf Monate. Ein Action-Thriller mit Botschaft und gelungenen satirischen Spitzen und gleichzeitig ein Anti-Action-Film.
„Robocop“ beginnt mit einer TV-Übertragung. Der Showmaster Pat Novak (Samuel L. Jackson), ein konservativer Demagoge, will, dass auch im robophobischen Amerika Roboter für Recht und Ordnung sorgen, wie sie es im Ausland tun. Er lässt in seiner Sendung „The Novak Element“ live nach Teheran schalten zu einem friedenserhaltendem US-Robotereinsatz. In seiner ideologischen Verblendung nimmt Novak überhaupt nicht wahr, dass die Einheimischen eine Heidenangst vor den Robotern haben. Der Selbstmordanschlag gegen die US-Militärs, bei dem kein US-Soldat verletzt wird, aber etliche Einheimische sterben, ist für ihn ein weiterer Beweis der Leistungsfähigkeit der Roboter in dieser Friedensmission.
Danach werfen wir einen Blick in die Firmenzentrale von OmniCorp, deren Chef Raymond Sellars (Michael Keaton) möchte seine Roboter auch in den USA einsetzen. Aber ein Gesetz verhindert das. Noch.
Erst danach begegnen wir Alex Murphy (Joel Kinnaman), einem Detroit-Cop, der sich gerade vor seiner Vorgesetzten für einen fehlgeschlagenen Einsatz rechtfertigt, später durch eine Autobombe schwer verletzt wird und von OmniCorp als menschliche Restmasse für den ersten Robocop-Prototyp für die USA dienen soll. Dr. Dennett Norton (Gary Oldman), der Forschungsleiter, macht trotz Skrupel mit. Immerhin haben seine bisherigen Arbeiten, in denen er mit künstlichen Gelenken Verletzten half, beachtliche Erfolge erzielt.
Und auch im folgenden Film steht eigentlich Dr. Norton, sein Verhältnis zu seiner Schöpfung und die Frage, wo die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen oder sogar verschwinden und was die Folgen davon sind, im Mittelpunkt. So hat Murphy als Robocop in Simulationen bei Geiselbefreiungen zunächst schlechtere Werte als ein Roboter, aber nachdem Dr. Norton das Gehirn von Murphy weiter manipuliert, übernimmt in Kampfsituationen der Roboter die Handlungen von Murphy und er absolviert die Übung beeindruckend perfekt. Aber: Ist es jetzt ein Mensch in einem Roboter oder ein Roboter in einem Menschen? Wie sehr ist ein Roboter mit dem Gesicht eines Menschen noch dieser Mensch? Und wer ist verantwortlich für die Handlungen des Robocops? Murphy? Der Roboter? Dr. Murphy? OmniCorp? Der Staat? Jemand anderes? Oder niemand? Diese Frage nach der Willensfreiheit des Individuums und nach der Verantwortung für seine Taten wird in „Robocop“ durchgängig thematisiert.
Damit knüpft „Tropa de Elite“-Regisseur José Padilha in seinem US-Debüt nahtlos an die derzeitige Diskussion über militärische Drohnen, ihren Einsatz und den damit verbundenen völker- und menschenrechtlichen Fragen an.
Auch die TV-Show von Pat Novak ist weniger eine Vision einer zukünftigen TV-Show, sondern eine bitterböse Satire auf konservativ-demagogische US-TV-Shows, die so seit Jahren im US-TV laufen und hemmungslos Stimmung machen.
Und natürlich ist „Robocop“ eine Anklage gegen gewinnversessene Sicherheitsfirmen und einen korrupten Staat. Vor allem die mit Verbrechern zusammenarbeitende Polizei kommt nicht gut weg, aber diese Korruptionsgeschichte wird nebenbei abgehandelt, weil es sich für einen Polizeifilm so gehört.
Dass dabei die Action, die es immer noch reichlich gibt, fast schon nebenbei als Pflichtprogramm abgehandelt wird, fällt kaum auf. Denn es gibt herrliche Anti-Action-Action-Szenen, wie die im Dunkeln stattfindende Schießerei in einer Lagerhalle, oder überraschende Momente. Wenn im Schlusskampf Robocop Murphy nicht nur gegen OmniCorp, sondern auch gegen seine OmniCorp-Programmierung kämpft, dann sind wir, mitten in einer furiosen Action-Szene auch wieder beim Thema des Films: Wie frei ist der Mensch? Was ist ein Mensch? Welche Verantwortung hat ein Hersteller für sein Produkt? Wie sehr darf ein Hersteller die Nutzung seines Produktes beschränken?
Politischer und tagesaktueller war wohl kein Hollywood-Science-Fiction-Blockbuster der vergangenen Monate. Denn „Robocop“ erzählt nicht von der Zukunft (auch wenn am Anfang behauptet wird, dass der Film 2028 spielt), sondern von der Gegenwart.
Ein großartiger Film!
Robocop (Robocop, USA 2014)
Regie: José Padilha
Drehbuch: Joshua Zetumer
mit Joel Kinnaman, Gary Oldman, Michael Keaton, Samuel L. Jackson, Abbie Cornish, Jackie Earle Haley, Michael K. Williams, Jennifer Ehle, Jay Baruchel, Marianne Jean-Baptiste, Zach Grenier
Ich erwartete wirklich kein Meisterwerk, keine hohe Filmkunst, aber „Vaterfreuden“, der neue Film des so sympathisch verpeilt in die Kamera guckenden Schwiegermutterlieblings Matthias Schweighöfer ist dann doch ungefähr so unterhaltsam wie ein Zugunglück; – was vielleicht die Zuschauerzahlen erklärt.
Denn die Macher erwischen zielsicher in fast jeder Szene den falschen Ton und es gelingt ihnen nie, den gar nicht so komplexen Stoff, immerhin will „Vaterfreuden“ nie mehr als eine RomCom sein, in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen.
Dabei werden die größten Fehler in den ersten Minuten gemacht und der gesamte restliche Film leidet dann an diesen grundlegenden Story-Problemen. Dabei gab es, laut Abspann, fünf Drehbuchautoren, eine Drehbuch-Mitarbeit, einem Script Consultant und eine dramaturgischen Beratung.
„Vaterfreuden“ beginnt nämlich mit einer dieser heißen Sexszenen, in denen sie jugendfrei-züchtig ihren BH anbehält (Oder wird das neuerdings so gemacht?). Während des Geschlechtsverkehrs sagt sie ihm, dass sie ihren Eisprung habe und jetzt ein Kind will. Felix (Matthias Schweighöfer) kriegt eine Panikattacke und versucht sie möglichst schnell aus dem Bett zu werfen. Es gelingt ihm und sie faselt nachher, seltsamerweise überhaupt nicht wütend, etwas von Rodeo-Sex. Später erfahren wir, dass seine Freundin verheiratet ist. Jetzt erscheint ihr Kinderwunsch in einem anderen und die Panikattacke von Felix in einem arg irrationalem Licht.
Jedenfalls wissen wir nach der ersten Szene: Felix will keine Kinder haben.
Danach geht es etwas rein ins schöne Junggesellenleben und der immer wieder – glaubhaft – betonten Freude, kein Vater zu sein und keinen Beziehungsstress zu haben.
Felix wird von seinem blöden, älteren Bruder Henne (Friedrich Mücke) besucht, der auch gleich sein Haustier, ein Frettchen, mitbringt und Felix von einem seiner Jobs erzählt: Samenspender. Felix, chronisch pleite, aber in einer dieser loftartigen Dachwohnungen, hier in der Ausführung mit viel Holz, die in München wohl für ein Taschengeld zu bekommen sind, lebend, spendet ebenfalls seinen Samen. Der Klinikleiter ist begeistert von der hohen Qualität von Felix‘ Samen.
Unsere Lehre nach dieser Szene: Felix hat einen exorbitant guten Samen und, nach anfänglichem Zögern, gefällt ihm diese Arbeit. Denn Samenspenden ist viel Geld für wenig Arbeit und garantiert ohne Verantwortung.
Kurz darauf startet seine Freundin einen zweiten Rodeo-Reiten-Versuch. Sie fesselt Felix, träufelt eine Flasche Honig auf seinen Bauch und geht auf den Balkon, um mit ihrem Freund zu telefonieren. Anschließend verschwindet sie aus der Geschichte.
Während des Telefonats beißt sich das Frettchen in Felix‘ honigverschmiertem Geschlechtsteil fest – und er ist danach impotent.
Eigentlich müsste Felix sich jetzt freuen. Ihm ist zwar eben eine Verdienstmöglichkeit abhanden gekommen (die er eh etwas suspekt beurteilte), aber ab jetzt kann er jederzeit Sex haben und muss sich nicht mehr um die Folgen kümmern.
Aber weil das Drehbuch es so will, will er jetzt unbedingt Vater werden und weil sein gespendeter Samen bereits im Körper der „Sky“-Moderatorin Maren (Isabell Polak) ist, versucht er ihr Herz zu gewinnen. Die ist schon in festen Händen und hält Felix für einen vollkommen unmöglichen Trottel.
Ab jetzt folgt der Film den ausgetretenen RomCom-Pfaden, in denen die Szenen mit den Kindern ganz nett sind und das Product-Placement ungeahnte und oft peinliche Höhen erreicht. Besonders unangenehm wird es, wenn zweimal schamlos im Stil eines Werbeclips für eine Fast-Food-Kette geworben wird. Das ist Werbung als Teil des Films und nicht als Unterbrechung des Films.
Ach, ja: später, viel später, erfahren wir, dass Felix vor zehn Jahren eine schwangere Freundin hatte, die bei einem Autounfall starb. Seitdem fährt er Fahrrad und trauert ihr immer noch nach. Dieses traumatische Erlebnis könnte wirklich als Erklärung für seine Bindungsscheu und seine Panik, als er von seiner Impotenz erfährt, erklären. Aber wenn die Macher dieses Erlebnis wirklich als Erklärung für sein jetziges Leben hätte nehmen wollen, dann hätten die vielen Drehbuchautoren und dramaturgischen Berater die im Abspann genannt werden, das doch sicher am Anfang des Films gesagt.
Eine Komödie hätte es danach immer noch werden können. Wobei „Vaterfreuden“ eine ziemlich witzarme Komödie voller Klischees ist. So sind alle Frauen, die nicht gerade Playmate-taugliche Maße haben, dumm. Bei dem Entsetzen über dieses unstimmige Werk mit Fünfziger-Jahre-Moral und biederem Humor (garniert mit einigen Schimpfworten) blieb mir das Lachen im Hals stecken.
Dabei gehöre ich wirklich nicht zu den Menschen, die einen Film schon allein wegen des Hauptdarstellers ablehnen.
Drehbuch: Sebastian Wehlings, Christian Lyra, Andrea Willson, Murmel Clausen, Matthias Schweighöfer, Simon Verhoeven (Script Consultant), Sarah Altmann (Drehbuch-Mitarbeit)
LV: Murmel Clausen: Frettsack, 2012 (wegen der Verfilmung jetzt „Vaterfreuden“)
mit Matthias Schweighöfer, Isabell Polak, Friedrich Mücke, Tom Beck, Katharina Schüttler, Luise Bähr, Alexander Khuon, Moritz Grove, Margarita Broich, Detlev Buck, Michael Gwisdek
Denn Gerhart Polts neue Komödie ist erschreckend unwitzig und altbacken. Polt spielt den hochverschuldeten Hobbyfilmer Hans A. Pospiech, der ein von seiner Bank ausgelobtes Preisgeld erhalten will. Dafür dreht er einen Film über Adolf Hitler, in dem er ihn als Menschen zeigen will – und wir bekommen einen Einblick in ein bayerisches Dorfbiotop, Probleme beim Dreh, die alltägliche Hitler-Verehrung und den schwunghaften Handel mit Nazi-Devotalien. Letzteres gab es schon wesentlich gelungener 1992 in „Schtonk!“, Helmut Dietls Satire über die Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher im Magazin „Stern“.
Der restliche Film ist ein einziger Kladderadatsch, mit einigen wenigen treffenden und bitterbösen Beobachtungen des Provinzlebens, der deutschen Vergangenheit und ihrer Bewältigung, viel Leerlauf und dem Gefühl, dass hier ein allererster Rohschnitt eines 25 Jahre alten Films, bei dem Vorne und Hinten nichts stimmt, gezeigt wird.
Einfach nur enttäuschend.
Vor allem weil wir hier nicht über den Debütfilm irgendeines austauschbaren, ambitioniertem Nachwuchshumoristen, der sich für furchtbar witzig hält, sondern über das neue Werk von Gerhard Polt reden, der als bitterböser und genau beobachtender Kabarettist seit Jahrzehnten bekannt ist, der mit „Fast wia im richtigen Leben“ (ab 1979 im TV) und den Kinofilmen „Kehraus“ (1983), „Man spricht Deutsch“ (1988) und „Herr Ober!“ (1991; schon schwächer) herrliche Vermessungen des deutschen Wesens lieferte. Diese Werke sollte man sich mal wieder ansehen.
…und Äktschn! (Österreich/Deutschland 2013)
Regie: Frederick Baker
Drehbuch: Gerhard Polt, Frederick Baker
mit Gerhart Polt, Gisela Schneeberger, Maximilian Brückner, Robert Meyer, Nikolaus Paryla, Michael Ostrowski, Olaf Krätke, Victor Giacobbo
„Im Stil der Pulp Fiction, der Groschenromane und B-Pictures aus den 30er und 40er Jahren, komprimiert Quentin Tarantino eine Handvoll Typen und Storys zu einem hochtourigen Film noir (…) Ein ausgezeichnetes Darsteller-Ensemble, eine intelligente Inszenierung und ein gutes Timung durch flotte Schnitte tragen dazu bei, dass Blutorgien mit Slapstick und bitterer Zynismus mit leichter Ironie so raffiniert ineinander übergehen oder aufeinander folgen, dass die Brüche und Übergänge nicht stören.“ (Fischer Film Almanach 1995)
Tarantino erzählt von zwei Profikillern, die zuerst Glück und dann Pech bei ihrer Arbeit haben, einem Boxer, der entgegen der Absprache einen Boxkampf gewinnt und sich dann wegen einer Uhr in Lebensgefahr begibt, einem Gangsterpärchen, das ein Schnellrestaurant überfällt, einem Killer, der die Frau seines Chefs ausführen soll und in Teufels Küche gerät, einer Gangsterbraut, die eine Überdosis nimmt, einem Killer, der zum Christ wird und von einem Tanzwettbewerb.
Kurz: wir haben mit einem Haufen unsympathischer Leute eine verdammt gute Zeit.
Der Kassenknüller erhielt zahlreiche Preise, aber für Krimifans zählt natürlich nur der gewonnene Edgar.
Mit Tim Roth, Harvey Keitel, Uma Thurman, Amanda Plummer, John Travolta, Samuel L. Jackson, Bruce Willis, Rosanna Arquette, Ving Rhames, Eric Stoltz, Christoper Walken, Quentin Tarantino, Steve Buscemi
Nader und Simin – Eine Trennung (Iran 2011, R.: Asghar Farhadi)
Drehbuch: Asghar Farhadi
Simin will mit ihrer Tochter und ihrem Mann ins Ausland gehen. Ihr Mann, der Akademiker Nader, will in Teheran bleiben und seinen an Alzheimer erkrankten Vater pflegen. Als Hilfe stellt er die streng religiöse Razie als Pflegerin ein. Konflikte sind vorprogrammiert. Denn Simin will sich scheiden lassen und Razie hadert mit der Pflege.
Nachdem Asghar Farhadis neuester Film „Le Passé – Das Vergangene“ gerade im Kino anlief, lohnt sich ein Blick auf seinen vorherigen Film. Für „Nader und Simin – Eine Trennung“ erhielt er den Goldenen Bären, den Oscar und Golden Globe als bester ausländischer Film und etliche weiter Preise und Nominierungen.
Ein Publikumserfolg war er aus.
In der IMDB ist er derzeit auf dem 101. Platz der 250 beliebtesten Filme.
Anschließend, um 22.15 Uhr, läuft die fünfzigminütige Doku „Es war einmal…: Nader und Simin“ über diesen Film.
Mit Leila Hatami, Peyman Moadi, Sareh Bayat, Shahab Hosseini
Profigangster Trojan, gerade aus dem Knast entlassen, plant gleich seinen nächsten Coup: einen Überfall auf einen Geldtransporter.
Ein guter Hardboiled-Gangsterfilm, der eindeutig vom französischen Kriminalfilm (Melville!) und den harten amerikanischen Krimis beeinflusst ist. So ist der Einfluss von Richard Starks Parker und seinen Epigonen Nolan (von Max Allan Collins) und Wyatt (von Garry Disher) unübersehbar.
Ein erfrischend undeutscher Kriminalfilm, den sich auch Genrejunkies ohne Fremdschäm-Anfälle ansehen können.
mit Mišel Matičević, Karoline Eichhorn, Uwe Bohm, Rainer Bock, Hanns Zischler, Peter Kurth, David Scheller