Heute gibt es wieder eine kleine lokalpatriotische Anwandlung. Aber einige Filme des „19. Jüdischen Filmfestivals Berlin & Potsdam“ starten auch demnächst im Kino, andere dürften auf DVD veröffentlicht werden oder im TV laufen. Wie die hochgelobte, Oscar-nominierte Dokumentation „The Gatekeepers“, die bereits unter dem martialischen Titel „Töte zuerst! – Der israelische Geheimdienst Schin Bet“ von Arte am 5. März gezeigt wurde und auf dem Festival am Freitag, den 3. Mai, läuft, oder die ebenfalls hochgelobte israelische TV-Serie „Prisoners of War (Hatufim)“, die ab Donnerstag, den 9. Mai, als „Hatufim – In der Hand des Feindes“ in Doppelfolgen auf Arte läuft. Sie ist die Vorlage der US-Serie „Homeland“. Auf dem Festival werden am Freitag, den 10. Mai, die ersten beiden Episoden der zweiten Staffel gezeigt.
Diese beiden Filme geben auch schon einen Einblick in die Spannbreite des Jüdischen Filmfestivals, das jüdisches Leben in all seinen Facetten zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Dokumentar- und Spielfilm zeigen und jüdisches Leben wieder nach Berlin zurückbringen will. Auf dem 19. Jüdischen Filmfestival laufen 33 Filme aus acht Ländern, zwölf Welt- und dreizehn Deutschlandpremieren, oft in Anwesenheit der Regisseure und anderer an den Filmen beteiligter Menschen.
Eröffnet wird das Festival am Montag, den 29. April, in Potsdam im Hans Otto Theater, mit „Zaytoun“, dem neuen Film von Eran Riklis („Die Reise des Personalmanagers“). Kinostart des Dramas über die Zweckfreundschaft zwischen einem zwölfjährigem Palästinenser und einem israelischen Kampfpiloten während des Libanonkrieges 1982 ist der 22. August 2013.
Am Dienstag, den 30. April, wird „Playoff“, der vorletzte Film von Eran Riklis gezeigt, über den Tel Aviver Basketballtrainer und Holocaust-Überlebenden Max Stoller (Danny Huston), der 1982 die deutsche Basketball-Nationalmannschaft fit für die Olympischen Spiele machen sollte.
Das Spielfilmdebüt „Out in the Dark“ von Michael Mayer über die Liebe zwischen einem Palästinenser und einem Israeli in Tel Aviv ist ebenfalls einen Blick wert. Immer nah dran an seinen Protagonisten, mit einem dokumentarischem Blick in das Nachtleben und Homosexuellenmilieu von Tel Aviv, verfolgt er ihre Liebesgeschichte und die Probleme, die diese Liebe hat. Den Geheimdienstplot schleppt er dagegen eher unlustig mit. Der Spielfilm läuft am Donnerstag, den 2. Mai.
„No Place on Earth“ von Janet Tobias beschäftigt sich mit dem Schicksal der Familien Stermer und Dodyk, die im Oktober 1942 in der Ukraine vor der Gestapo in die riesige Verteba-Höhle flüchteten und dort und in der Priestergrotte 511 Tage unter Tage verbrachten. Diese Geschichte des längsten bekannten Aufenthalts von Menschen unter der Erde wird in einer gelungenen Mischung aus nachgestellten Szenen und Interviews mit den heute noch Lebenden erzählt. Die ergreifende Dokumentation läuft am 9. Mai im Kino an. Auf dem Filmfestival läuft sie am Montag, den 6. Mai, und Sonntag, den 12. Mai.
Es gibt außerdem die spielfilmlange Dokumentation „Tony Curtis – Driven to Stardom“, die ebenfalls spielfilmlange Dokumenation „The First Fagin“ über den englisch-jüdischen Hehler Ikey Solomon (1785 – 1850), der Charles Dickens zu seinem Schurken in „Oliver Twist“ inspirierte, den niederländischen Spielfilm „Süskind“ von Rudolf van den Berg über den „niederländischen Oskar Schindler“ Walter Süskind, die Doku „Regina – Work in Progress“ von Diana Groó über Regina Jonas, die 1935 in Berlin zur ersten ordentlichen Rabbinerin ordiniert und 1944 in Auschwitz ermordet wurde, und, als Welturaufführung, die Dokumentation „Joachim Prinz: I shall not be silent“ über den Rabbi Joachim Prinz, der in den dreißiger Jahren in Berlin wohl so etwas wie ein Rockstar war, in den USA Teil der Bürgerrechtsbewegung war und am 28. August 1963 bei der Hauptkundgebung des von ihm mitorganisierten Marsches auf Washington neben Dr. Martin Luther King, der dort seine legendäre „I have a dream“-Rede hielt, redete. Im Fokus der 50-minütigen Dokumentation stehen seine Jahre in den USA, vor allem als Teil der Bürgerrechtsbewegung.
Das vollständige Programm, mit den während der Filmpräsentation anwesenden Gäste finden Sie hier auf der Festivalhomepage. Die Filme werden vor allem im Potsdam Museum und dem Kino Arsenal (Berlin), mit Gastspielen im Filmkunst 66, Eiszeit und Toni, gezeigt.
LV: Tom Clancy: The sum of all fears, 1991 (Das Echo aller Furcht, Der Anschlag)
Einige Nazis wollen mit einer im Nahen Osten gefundenen Nuklearwaffe das Finale des Super-Bowl torpedieren und so einen Atomkrieg zwischen den Amis und Russen auslösen. Jack Ryan jagt sie.
Nach Alec Baldwin und Harrison Ford spielt Ben Affleck den unerschrockenen Geheimagenten und Bürohengst Jack Ryan. “tip” verspricht zwei Filme: “Ein Schocker, der seine Parodie gleich selbst ist.” Halt ein starbestücktes, nicht in die Gänge kommendes B-Movie, in Auftrag gegeben vor 9/11.
Im Moment dreht Kenneth Branagh einen neuen Jack-Ryan-Film, der ganz einfach „Jack Ryan“ heißt und in dem Chris Pine Jack Ryan spielt. Deutscher Kinostart ist im Dezember 2013.
Mit Ben Affleck, Morgan Freeman, James Cromwell, Liev Schreiber, Alan Bates
Als Vorbereitung für „Iron Man 3“, der neuen, überaus vergnüglichen Zusammenarbeit von Shane Black und Robert Downey Jr.
SWR, 22.45
Kiss Kiss, Bang Bang (USA 2005, R.: Shane Black)
Drehbuch: Shane Black
LV: Brett Halliday: Bodies are where you find them, 1941
Zuerst stolpert Einbrecher Harry Lockhart auf seiner Flucht vor der Polizei in einen Vorsprechtermin und erhält prompt eine Filmrolle. Als er über eine Hollywood-Party stolpert, trifft er seine Jugendliebe Harmony Faith Lane und, als er zwecks Rollenstudium, mit einem knallharten PI Gay Perry (schwul) durch die Straßen Hollywoods schlendert, stolpern sie alle in einen undurchsichtigen Komplott, der direkt aus einem Film der Schwarzen Serie stammen könnte.
Köstliche Liebeserklärung an die Pulps, der natürlich nur lose auf dem Mike-Shayne-Roman basiert, aber dafür ausführlich Chandler zitiert (Zwischentitel, Voice-Over,…).
“first significant neo-noir of the twenty-first century” (Alexander Ballinger/Danny Graydon: The Rough Guide to Film Noir, 2007)
mit Robert Downey Jr., Val Kilmer, Michelle Monaghan, Corbin Bernsen, Rockmond Dunbar
„LV“: Dean Jennings: We Only Kill Each Other: The Life and Bad Times of Bugsy Siegel, 1967 (Buch wurde von James Toback als Materialquelle benutzt)
Selten gezeigtes Biopic über den Gangster Bugsy Siegel (1906 – 1947), der in den Dreißigern vom Showbiz fasziniert war und in der Wüste das Glücksspielparadies Las Vegas aufbauen wollte.
„Levinson fügt dem Gangsterfilm in einer temporeichen und kraftvoll-vitalen Inszenierung nichts wesentliche Neues hinzu, aber er befreit die Gattung von Pathos und Botschaften, Moral und Emphase.“ (Fischer Film Almanach 1993)
Der Film gewann unter anderem den Golden Globe als bester Spielfilm.
mit Warren Beatty, Annette Bening, Harvey Keitel, Ben Kingsley, Elliott Gould, Joe Mantegna, Richard Sarafian, James Toback,
Das unsichtbare Mädchen (D 2011, R.: Dominik Graf)
Drehbuch: Friedrich Ani, Ina Jung
Vor elf Jahren verschwand die achtjährige Sina. Obwohl ihre Leiche nie gefunden wird, ist ihr Mörder, ein geistig behinderter junger Mann, schnell gefunden. Als Tanner bei aktuellen Ermittlungen über diesen alten Fall stolpert, zweifelt er immer mehr, ob damals wirklcih der richtige Mann verurteilt wurde.
Gewohnt guter Krimi von Dominik Graf, nach einem Drehbuch von Friedrich Ani und Ina Jung, die für eine Doku über die 2001 spurlos in Oberfranken verschwundene Peggy recherchierte. Ihre Recherchen bildeten die Grundlage für „Das unsichtbare Mädchen“.
mit Elmar Wepper, Ulrich Noethen, Ronald Zehrfeld, Silke Bodenstein, Tim Bergmann
Auf der diesjährigen Berlinale erhielt „The Broken Circle“, der neue Film von „Die Beschissenheit der Dinge“-Regisseur Felix van Groeningen sehr nachvollziehbar den Panorama-Publikumspreis. Denn er erzählt, durchaus mit einem Blick auf das breite Publikum, aber ohne im Schmalz zu ertrinken, mit einer ordentlichen Portion eingängiger Musik, die Liebesgeschichte von Didier, einem passioniertem Bluegrass-Sänger und Quasi-Cowboy, und Elise, einer Tätowiererin, die bis zu ihrer ersten Begegnung mit Didier Bluegrass für langweilige Altmännermusik hält. Aber dann verliebt sie sich in den Freigeist, der über niemand bestimmen will und niemand irgendetwas vorschreiben will. Sie ziehen zusammen, lieben sich, diskutieren über Bluegrass, die Welt der Cowboys, die Bedeutung von Tattoos und Gott und den Atheismus.
Als sie schwanger ist, nimmt Didier, der bislang nur an seine Freiheit dachte, die neue Aufgabe wahr, renoviert endlich den Bauernhof und mit ihrer Tochter Maybelle könnte das Glück vollständig sein.
Aber mit sechs Jahren erkrankt sie schwer an Krebs, stirbt auch und, während Didier und Elise versuchen den Verlust auf ihre jeweils eigene Art zu bewältigen, brechen die schon immer vorhandenen Gegensätze zwischen ihnen auf. Sie geben sich gegenseitig die Schuld an Maybelles Tod und bestätigen die bekannten Rollenklischees: sie wird immer religiöser und irrationaler, er greift, als belgischer Wiedergänger von Kris Kristofferson, Gott und die Welt an und bleibt dabei der rationale Atheist; was insofern verwunderlich ist, weil sie doch eher eine sehr gegenwärtige Punkt-Attitüde hat, ehemalige Liebhaber, die sie alle auf ihrem Körper verewigt hat, mit neuen Tattoos überschreibt und er einem Cowboy-Mythos nachhängt, der wahrscheinlich immer ein Mythos war und die von ihm so geliebte Bluegrass-Musik mindestens latent religiös ist.
„The Broken Circle“ könnte in einem Ozean von Rührseligkeit, Kitsch und Sentiment ertrinken, wenn da nicht die beiden Hauptdarsteller (die anderen Schauspieler und die Bandmusiker bleiben Staffage), die Musik (von mir aus hätte es noch etwas mehr sein können) und die unchronologische Erzählweise wären.
Gerade die Entscheidung, die Geschichte nicht chronologisch zu erzählen, reist einen immer wieder aus der Geschichte heraus. Anstatt vollkommen in die Geschichte einzutauchen, ist man dummerweise immer wieder damit beschäftigt, die Chronologie herzustellen und „The Broken Circle“ verliert viel von der Kraft und emotionalen Wucht, die er hätte haben können.
Im Wesentlichen unterteilt van Groeningens Films sich in zwei, etwa gleich lange Blöcke: in dem ersten Block geht es um die Krebserkrankung von Maybelle. Er beginnt mit der Mitteilung, dass sie Krebs hat und endet mit ihrem Tod. In dem zweiten Erzählblock wird Elise, wie wir später erfahren, nach einem Suizidversuch in eine Klinik eingeliefert. Hier erfahren wir, wie Maybelles Tod sich auf das Leben von Elise und Didier auswirkt, wie sie sich kennen lernten und wie ihre gemeinsame Geschichte endet, die etwas von einem Country-Song hat.
The Broken Circle (The Broken Circle Breakdown, Belgien/Niederlande 2012)
Regie: Felix van Groeningen
Drehbuch: Carl Joos, Felix van Groeningen (nach dem Theaterstück von Johan Heldenbergh)
mit Veerle Baetens, Johan Heldenbergh, Nell Cattrysse, Geert Van Rampelberg, Nils De Caster, Bobby Cleiren, Bert Huysentruyt, Jan Bijvoet
Das soll also der letzte Spielfilm von Steven Soderbergh sein: ein verschachtelter Neo-Noir, garniert mit einer Anklage gegen die Pharma-Industrie. Obwohl es in „Side Effects“, Nebenwirkungen, lange Zeit genau anders aussieht: der Psychiater Dr. Jonathan Banks (Jude Law) trifft in der Notaufnahme Emily Taylor (Rooney Mara), die nach einem Autounfall, der offensichtlich ein missglückter Selbstmordversuch war, in der Klinik liegt. Sie behauptet, sie habe nur einen kurzen Aussetzer gehabt, aber jetzt sei wieder alles in Ordnung. Banks entlässt sie, wenn sie gleichzeitig eine Therapie bei im beginnt. In der Therapie erzählt sie ihm, dass ihr Mann Martin (Channing Tatum) nach einer vierjährigen Haftstrafe wegen Insiderhandels wieder frei ist, dass sie ihren ehemals mondänen Lebensstil auf ein Apartment in Upper Manhattan reduzieren mussten, dass auch sie arbeiten muss und dass sie Angst hat, jetzt in der Ehe zu versagen.
Von ihrer früheren Therapeutin, Dr. Victoria Siebert (Catherine Zeta-Jones), erfährt er von einem neuen Medikament, das ihr helfen könne. Nach einem kurzen Zögern – einerseits ist das Medikament noch nicht erprobt, aber andererseits bekommt er, wenn er bei der Erprobung mithilft, dringend benötigtes Geld und Nebenwirkungen soll es auch nicht haben – verschreibt er ihr das Medikament.
Kurz darauf ersticht sie ihren Mann. Sie behauptet, dass sie während der Tat, wegen der Medikamente, in einem nicht zurechnungsfähigem Trancezustand war.
Und was jetzt zu einem spannenden Gerichtsthriller, in dem die unmoralischen Geschäfte der Pharma-Industrie angeprangert werden, werden könnte, – immerhin wurde bis jetzt in fast jeder Szene auf die Geschäfte der Pharma-Industrie und den erschreckend sorglosen, hohen Tablettenkonsum, der anscheinend ohne Nebenwirkungen, jeden gewünschten Gemütszustand herstellen kann, hingewiesen -, entwickelt sich nach einer kurzen Atempause zu einem veritablen Noir, in dem Jonathan Banks um seine Existenz kämpft. Immerhin soll er durch die Verschreibung des noch nicht zugelassenen Medikaments für den Tod von Martin Taylor verantwortlich sein. Er glaubt allerdings, dass Emily den Mord eiskalt inszenierte, sie mit einem Plädoyer auf Unzurechnungsfähigkeit freikommen und er das Bauernopfer sein soll.
„Side Effects“ ist, wie gewohnt bei Steven Soderbergh, lässig inszeniert mit einigen Zeitsprüngen und, dieses Mal, einigen Wendungen mehr als nötig. Denn was als Pharma-Thriller beginnt, wird in der zweiten Hälfte mit seinen vielen Intrigen und Gegenintrigen zu einem etwas übertrieben kompliziertem Noir. Das in der ersten Hälfte als gesellschaftlich relevantes Thema breit eingeführte Problem des Medikamentenmissbrauchs und des allzu sorglosen Umgangs mit Medikamenten in den USA wird dann zu einem zwar wichtigem, aber x-beliebigem Element in einem Mordplan, der so ähnlich auch schon vor einigen Jahrzehnten funktioniert hätte.
Das ist auch genau das, was Drehbuchautor Scott Z. Burns (Das Bourne-Ultimatum, Der Informant!, Contagion) , der auch als Regisseur im Gespräch war, wollte: „Ich wollte einen Thriller im Stil des Film Noir schreiben, der den Zuschauer in die Geschichte hineinzieht und ihn dann mit vielen Wendungen den Halt verlieren lässt. Einen Thriller wie etwa ‚Frau ohne Gewissen‘ (Double Indemnity, USA 1944) oder ‚Heißblütig – Kaltblütig‘ (Body Heat, USA 1981), der sich aber in der Welt der Pharmakologie entfalten würde. Mich inspirierten Filme mit geschickt konstruierten und cleveren Szenarien über Betrug und Intrigen, die in einer Welt spielten, in der auch der Zuschauer lebte. Es scheint so, als würden solche Filme heute nicht mehr gedreht werden, aber ich habe dieses Genre immer geliebt.“
Und als Genre-Übung, wie auch die vorherigen Filme von Steven Soderbergh, in denen er anderen Genres seinen Stempel aufdrückte, ist „Side Effects“ durchaus gelungen. Dieses Mal ist es eben ein Neo-Noir mit einem hübsch zynischem Ende. Als ziemlich lange angekündigter letzter Spielfilm wirkt er dagegen seltsam deplatziert, weil Steven Soderbergh nicht seine Themen und Obsessionen einer abschließenden Betrachtung unterzieht, er keine Coda zu seinem bisherigen Werk liefert und er kein offensichtlich persönliches Statement macht, sondern er einen kühlen, fast schon unterkühlten Thriller inszenierte, in dem letztendlich kein Charaktere wirklich sympathisch ist.
Aber natürlich glaubt niemand ernsthaft, dass der experimentierfreudige Soderbergh sich mit „Side Effects“ endgültig aus dem Filmgeschäft zurückzieht. Für HBO drehte er inzwischen „Behind the Candelabra“ mit Michael Douglas, Matt Damon und Rob Lowe über den Musiker Liberace und in Interviews sagt Soderbergh, dass er vielleicht demnächst eine TV-Serie drehe.
Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Soderbergh-Film im Kino läuft.
Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen (Side Effects, USA 2013)
Reykjavik – Rotterdam: Tödliche Lieferung (Island 2008, R.: Óskar Jónasson)
Drehbuch: Arnaldur Indridason, Óskar Jónasson
Der Schmuggler und Familienvater Kristófer, auf Bewährung draußen, will, obwohl er finanziell kaum über die Runden kommt, ehrlich bleiben. Aber für seine Familie lässt er sich auf eine letzte Schmuggeltour ein.
„Isländischer Kriminalfilm, der trockenen Humor mit rasanten Actionszenen verbindet.“ (Lexikon des internationalen Films)
Für das gelungene US-Remake „Contraband“ übernahm Hauptdarsteller Baltasar Kormákur die Regie und Mark Wahlberg die Hauptrolle.
Heute hat mein eine der seltenen Gelegenheiten, sich das Original anzusehen – und man kann überrascht feststellen, dass einige der unglaublichsten Szenen schon im deutlich vom US-Gangsterthriller beeinflussten Original, das einen kräftigen Schluck aus der Kaurismäki-Pulle genommen hat, drin waren.
„Reykjavik – Rotterdam: Tödliche Lieferung“ wirkt wie die Skizze für „Contraband“.
mit Baltasar Kormákur, Ingvar Eggert Sigurdsson, Kilja Nótt Thórarinsdóttir
Als „Vega$“ vor Ewigkeiten im Fernsehen lief, fand ich, als Jugendlicher, die Serie toll. Ich wollte selbstverständlich wie Dan Tanna sein. Ich meine: was kann es Schöneres geben, als mit seinem Sportwagen in die eigene Wohnung fahren zu können, zwei wunderschöne Sekretärinnen, die gleichzeitig nicht-eifersüchtige Freundinnen sind und über keinen Seitensprung meckern, und ein Autotelefon zu haben (Wir reden von 1978 beziehungsweise 1980, als die Folgen in Deutschland im TV liefen. Da war ein Autotelefon wirklich edge of technology) und in Las Vegas, dem Spielerparadies mit schönen Frauen, Showstars, die man alle kennt, und angenehmen Temperaturen zu arbeiten?
So muss doch das Paradies aussehen.
Heute fällt als erstes auf, dass das Paradies gar nicht so prächtig aussah. Vor über dreißig Jahren war, wie man in jeder Folge der komplett in Las Vegas gedrehten TV-Serie sehen kann, Las Vegas eine Stadt in der Wüste, die gegen Sand und Trockenheit kämpft. Die meisten Bäume haben braune Blätter. Auch das Gras ist nur selten grün. Die Asphaltstraßen wurden in die Wüste geteert und neben den Spielcasinos gibt es nur gesichtslose Motels und Wohnkomplexe. Nein, wie die Stadt der Träume sieht Las Vegas bei Tageslicht nicht aus.
Als zweites fällt auf, dass in „Vega$“ unglaublich viel telefoniert wird und, da wären wir schon bei drittens, dass mir die von Aaron Spelling produzierte Serie, der auch „Starsky und Hutch“, „Drei Engel für Charlie“ „Hart aber herzlich“, „Der Denver-Clan“ und viele weitere, erfolgreiche Serien produzierte, immer noch gefällt. Obwohl Dan Tannas Fälle meistens nicht tiefgründiger als eine Wasserpfütze auf dem Strip sind.
Aber unterhaltsam sind sie und die Schauspieler hatten offensichtlich ihren Spaß. Vor allem Tony Curtis als Casinobesitzer Philip ‚Slick‘ Roth, Arbeitgeber und Freund von Dan Tanna, ist eine zwischen cholerischen Anfällen und Freundlichkeitsattacken manisch wechselnde Persönlichkeit. Leider beschränken sich seine Auftritte fast vollständig auf die erste Hälfte der ersten „Vega$“-Staffel. Auch Angie Turner (Judy Landers), die naiv-charmante, blonde Sekretärin von Dan Tanna, deren IQ anscheinend unter dem eines Blondinenwitzes liegt, tritt vor allem in den ersten Folgen auf.
Dagegen sind Lieutenant David Nelson (Greg Morris) und Sergeant Bella Archer (Naomi Stevens) vom Las Vegas Police Department fast in jeder Folge wiederkehrende Gastrollen. Dans indianischer Freund Harlon Twoleaf (Will Sampson), so eine Art freundlicher Hawk (der skrupellosen Womanizer und Freund des von Robert B. Parker erfundenen Privatdetektiv Spenser, der in der gleichnamigen TV-Serie von Robert Urich gespielt wurde), taucht manchmal auf. Bobby ‚Binzer‘ Borso (Bart Braverman) hat dagegen als Sidekick von Dan Tanna in jeder Folge seine witzigen Auftritte. Denn Binzer ist zwar freundlich und bemüht, aber wahrlich kein Dan Tanna. In „Mordpoker“ (Doubtful Target) wird eine blinde Freundin von Binzer erschossen und sein Charakter gewinnt Tiefe.
Tannas zweite helfende Hand ist Beatrice Travis (Phyllis Davis), eine alleinerziehende Mutter, die in den ersten Folgen auch als Tänzerin arbeitet. In den späteren Folgen scheint sie diese Arbeit – leider – zugunsten einem Job als Fulltime-Sekretärin für Tanna aufgegeben zu haben.
Und Dan Tanna, angenehm unprätentiös von Robert Urich gespielt, ist eigentlich der typische Hardboiled-Privatdetektiv, der für 200 Dollar am Tag, plus Spesen, für fast jeden arbeitet, aber meistens für junge, gutaussehende Frauen arbeitet oder jungen, gutaussehenden Frauen hilft, der pro Auftrag normalerweise einmal verprügelt wird und der letztendlich, wenn er eine schöne Maid retten kann, doch nicht auf sein Honorar achtet. Michael Mann („Miami Vice“, „Heat“), der die Serie erfand und dessen Pilotfilm auch für den Edgar nominiert war, bleibt hier, abgesehen von dem Handlungsort, doch der Tradition des Hardboiled-Privatdetektivs verhaftet.
Robert Urich (1946 – 2002) erhielt für seine Rolle als Dan Tanna zwei Golden-Globe-Nominierungen als bester Darsteller. Sein Spielfilmdebüt gab er, nach einigen TV-Rollen, in dem zweiten Dirty-Harry-Film „Calahan“ (Magnum Force, USA 1973). In Erinnerung blieb er, trotz zahlreicher Rollen, vor allem im TV, als Dan Tanna in „Vega$“ (USA 1978 – 1981) und als Spenser in „Spenser“ (USA 1985 – 1988).
Einige der Gaststars der ersten Staffel sind heute noch bekannt. Auch weil sie damals am Beginn ihrer Karriere standen, wie Kim Cattrall und Kim Basinger, schon damals als Blondes Gift, das Dan Tanna verführen will. Leslie Nielsen, der damals schon unzählige Filmrollen hinter sich hatte, wurde danach, dank der „nackten Kanone“, richtig bekannt.
Bewährte Schauspieler wie Strother Martin, Slim Pickens, Cameron Mitchell, Cesar Romero, Moses Gunn, Robert Loggia, Richard Lynch, Don Gordon, Ken Curtis, Keye Luke, Joan Van Ark, R. G. Armstrong und Stephen Elliott sind vor allem aus Nebenrollen und Serienrollen, teilweise auch als Teil der Stammbesetzung, auch heute noch vertraute Gesichter.
Und, wie es sich für eine in Las Vegas spielende Serie gehört, traten auch Showstars und Prominente auf. In der ersten Staffel waren das unter anderem Muhamed Ali, Scatman Crothers, Doc Severinsen und Ronee Blakley, eine mit Wim Wenders verheirateten Sängerin, die in „Ihr Auftritt, Ginny“ (Second Stanza) eine Sängerin spielt.
Gerade in den ersten Fällen der ersten „Vega$“-Staffel ist die Stadt Las Vegas, die Casinos und die teils sehr vermögenden und prominenten Besucher wichtig. Es geht um Betrügereien im Casino und im Showbiz, Diebstähle aus Hotelzimmern, und, immer wieder, um den Schutz von Personen. Mal eine Sängerin, mal eine Prinzessin, mal ein Tennisspielern und einmal auch ein durch einen Autounfall behinderten Läufer. Sozusagen die normalen Fälle eines Privatdetektivs; – auch wenn Dan Tanna mal einen Löwen einfangen muss.
In den späteren Fällen gibt es dann, für meinen Geschmack zu oft einen Mordfall am Beginn der Episode und zu oft wollen die Gangster Dan Tanna umbringen. In „Der Flammenwerfer“ (Kill Dan Tanna!) erfahren wir etwas über Tannas Vergangenheit als Soldat in Vietnam. In „Rauchzeichen über dem Berg“ (Death Mountain) geht es um Konflikte im Indianerreservat, die damit enden, dass Tannas Freund Twoleaf deren neuer Anführer wird.
Insgesamt ist „Vega$“ eine kurzweilige, eskapistische PI-Krimiserie vor glitzernder Kulisse mit einigen kritischen Untertönen, einem angenehm bunten Hauptcast (fast schon wie die Besatzung von „Raumschiff Enterprise“, aber mit mehr Sex), vielen Bildern von Las Vegas und Fällen, in denen, wie damals üblich, die Bösewichter von Anfang an bekannt sind und die nicht stumpfsinnig eine Formel exekutieren. Außer, dass mindestens eine gutaussehende, junge Frau in den Fall involviert ist und sie meistens in Gefahr schwebt. Aber der rettende Ritter Dan Tanna ist schon unterwegs.
Vega$ – Staffel 1 (USA 1978/1979)
Erfinder: Michael Mann
mit Robert Urich (Dan Tanna), Bart Braverman (Bobby ‚Binzer‘ Borso), Phyllis Davis (Beatrice Travis), Greg Morris (Lt. David Nelson), Naomi Stevens (Sgt. Bella Archer), Tony Curtis (Philip ‚Slick‘ Roth), Judy Landers (Angie Turner), Will Sampson (Harlon Twoleaf)
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DVD
Studio Hamburg
Bild: 4:3
Ton: Deutsch/Englisch (DD 2.0 Mono)
Untertitel: –
Bonusmaterial: US-TV-Trailer zu ausgewählten Episoden
Länge: 1100 Minuten (6 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre
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Dan Tannas erste Fälle in Las Vegas
Auftrag ohne Honorar (High Roller, Erstausstrahlung: 25. April 1978, Pilotfilm)
Regie: Richard Lang
Drehbuch: Michael Mann
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Der Löwenanteil (Centerfold, Erstausstrahlung: 20. September 1978)
Regie: Harry Falk
Drehbuch: Burton Armus
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Ein Spiel mit drei Damen (The Games Girls Play)
Regie: Sutton Roley
Drehbuch: Fred Freiberger
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Mishkin-Mädchenagentur (Mother Mishkin)
Regie: Bernard McEveety
Drehbuch: Ron Friedman
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Das Todes-Trio (Love, laugh and die)
Regie: Don Chaffey
Drehbuch: Richard Carr
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Ein Mann ohne Grab (Yes, my darling daughter)
Regie: Don Chaffey
Drehbuch: Milt Rosen
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Leichte Beute (Lady Ice)
Regie: Marc Daniels
Drehbuch: Burton Amus (nach einer Geschichte von Jeffrey Hayes und John Francis Whepley)
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Schnee über der Show (Milliken’s Stash)
Regie: Lawrence Doheny
Drehbuch: Larry Alexander
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Der Showgirl-Jäger (The Pagenat)
Regie: Lawrence Dobkin
Drehbuch: E. Nick Alexander
Eine Art Sklavenhandel (Lost Women)
Regie: Paul Stanley
Drehbuch: Burton Armus
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Ihr Auftritt, Ginny (Second Standza)
Regie: Bob Kelijan
Drehbuch: Jeff Myrow
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Aufschlag, Bobby Howard (Serve, Volley and Kill)
Regie: Sutton Roley
Drehbuch: Norman Lessing
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Wie Jack the Ripper (Ghost of the Ripper)
Regie: Lawrence Dobkin
Drehbuch: Larry Forrester
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Das Plattenkomplott (The Eleventh Event)
Regie: Don Chaffey
Drehbuch: Brian McKay
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Der Flammenwerfer (Kill Dan Tanna!!)
Regie: Curtis Harrington
Drehbuch: Larry Forrester
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Rauchzeichen überd dem Berg (Death Mountain)
Regie: George McCowan
Drehbuch: Larry Forrester
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Sein Freund, der Killer (Best Friends)
Regie: Don Chaffey
Drehbuch: Robert Earl
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Mädchen – Angebot und Nachfrage (Demand and Supply)
Die frisch geschiedene Meg Altman entdeckt mitten in Manhattan ihr Traumhaus. In ihm ist sogar, letzter Schrei der Sicherheitsindustrie für ängstliche, stinkreiche Großstädter, ein Panic Room. In diesen sicheren Raum kann sich der Hausbesitzer während eines Einbruchs zurückziehen und abwarten bis die Polizei anrückt. Meg hält den Raum für überflüssig, aber als in der Nacht drei Einbrecher auftauchen, flüchtet sie mit ihrer Tochter in den Panic Room. Dummerweise wollen die Einbrecher die in diesem Zimmer versteckten Millionen des Vorbesitzers stehlen.
Das mag jetzt neu klingen, aber im Kern erzählt „Panic Room“ eine uralte, aus jedem zweiten Western bekannte Story. Tauschen Sie einfach den Panic Room gegen ein Fort oder eine Wagenburg; die Einbrecher gegen Indianer aus und Sie wissen genau, in welchem Moment die Kavallerie auftaucht. Oh, und in welchem Zustand das Haus ist.
David Koepp und David Fincher machen daraus einen spannenden Hightechthriller.
Oder sagen wir es mit den Worten von Georg Seeßlen: Panic Room „ist vor allem ein reduzierter, ebenso brillant konstruierter wie fotografierter Thriller, ein Kammerspiel des Terrors, das alle Elemente, die am Anfang eingeführt wurden, beständig transponiert, wendet und variiert. Insofern ist Panic Room ein Stück reiner Film-Komposition, in der Sujets, Objekte und Einstellungen die Rollen von Melodien, Takten und Tönen übernehmen (…). Und wie für eine musikalische Komposition, so gilt auch für Panic Room: Es kommt nicht allein auf die Erfindung einer Melodie an, sondern auch darauf, was ein Interpret mit ihr anzustellen weiß.“ (in Frank Schnelle [Hrsg.]: David Fincher)
Mit Jodie Foster, Kristen Stewart, Forest Whitaker, Dwight Yoakam, Jared Leto, Patrick Bauchau, Andrew Kevin Walker (der „Se7en“-Drehbuchautor spielt den verschlafenen Nachbarn)
Wiederholung: Donnerstag, 25. April, 03.00 Uhr (Taggenau!)
LV: Philip K. Dick: Do Androids dream of Electric Sheep?; Blade Runner, 1968 (Träumen Roboter von elektrischen Schafen; Blade Runner)
LA, 2019: Rick Deckard soll vier Replikanten finden.
Damals kam er bei der Kritik solala an und im Kino lief er auch nicht so toll. Aber seitdem entwickelte „Blade Runner“ sich zu einem der stilbildenden Science-Fiction-Filme und Lieblingsobjekte von Wissenschaftlern für Interpretationen.
„Der Final Cut“ ist die von Ridley Scott ursprünglich geplante Version, die sich nur in Details von früheren Versionen (Off-Sprecher, Ende, einige Effekte und minimal andere Schnittfolgen) unterscheidet.
Eine zeitgenössische Kritik: „’Blade Runner’ ist ein Film des Dekors (…) Technische Phantasie und die Story, soweit sie erkennbar wird, liegen weit über dem Standard heutiger Science-fiction-Filme. Dennoch ist auch ‘Blade Runner’ ein eher unerfreulicher Film: Er kokettiert nicht nur mit der Gewalt, er schlachtet sie genussvoll aus, menschliche Werte behauptet er nur zu retten, tatsächlich aber versenkt er sie in einem Meer von Zynismus.“ (Fischer Film Almanach 1983)
Ähnlich Ronald M. Hahn/Volker Jansen in „Lexikon des Science Fiction Films“ (1983): „Mehr jedoch als die zum großen Teil unbekannten Schauspieler sind die Trickspezialisten die wahren Stars dieses Films.“
Heute wird’s anders gesehen: „Der Film, der auf der Handlungsebene einem eher einfachen und klar strukturierten Muster folgt (…), eröffnet bei genauerer Betrachtung vielschichtige Bedeutungsebenen, die vor allem zahlreiche Reflexionen über die neuzeitliche Realitätsauffassung und den damit verbundenen Humanitätsbegriff zulassen.“ (Fabienne Will in Thomas Koebner, Hrsg.: Filmgenres Science Fiction, 2003)
„Twenty-five years after its first release Blade Runner is still the benchmark film in tech noir or future noir – a bleak fusion of sci-fi and noir.“ (Alexander Ballinger, Danny Graydon: The Rough Guide to Film Noir, 2007)
Mit Harrison Ford, Rutger Hauer, Sean Young, Edward James Olmos, M. Emmet Walsh, Daryl Hannah, Joanna Cassidy
Wiederholung: Donnerstag, 25. April, 00.55 Uhr (Taggenau!)
Alain Corneau war einer der großen französischen Regisseure, der mit „Policy Python 357“, „Série Noire“, „Wahl der Waffen“ und „Blues Cop“ einige grandiose Noirs inszenierte. 2007 drehte er sogar ein in Deutschland nie verliehenes Remake von Jean-Pierre-Melvilles „Le deuxième souffle“ und drei Jahre später „Crime d’amour“, das als „Liebe und Intrigen“ im TV lief und jetzt als „Love Crime“ auf DVD veröffentlicht wurde. Es wurde sein letzter Film, der noch einmal zeigte, warum er ein so geachteter Regisseur ist.
Christine (Kristin Scott Thomas) ist die leitende Managerin der französischen Abteilung eines US-Konzerns, die kurz vor einer Beförderung in die USA steht und als eiskalte Machtpolitikerin Menschen gnadenlos benutzt und ausnutzt. Auch Isabelle (Ludivine Sagnier) bekommt das zu spüren. Sie bewundert Christine, arbeitet bis zum Umfallen für sie und erntet höchstens, gelegentlich ein Wort des Dankes. Wenn Christine dann mit der Firmenleitung spricht, erwähnt sie Isabelles Leistungen überhaupt nicht, sondern gibt sie als die eigenen aus.
Irgendwann hat Isabelle genug. Sie will endlich anerkannt werden und organisiert hinter Christines Rücken eine Konzeptpräsentation, die von der Konzernspitze gelobt wird. Für Christine ist das eine Kriegserklärung, die sich schnell zu einem veritablen Zickenkrieg zwischen der souveränen, in jeder Beziehungen überlegenen, weltgewandten und kaltschnäuzigen Vorgesetzten und der kleinen, untergebenen Landpomeranze ausweitet, bei der die Gewinnerin anscheinend schon vor der ersten Runde feststeht.
Aber dann plant Isabelle einen Schachzug, der alles verändern könnte.
„Love Crime“ ist ein edler französischer Noir. Ein elegant inszenierter Kriminalfilm, der fest in der Tradition des französischen Kriminalfilms steht und seine Vorbilder in den Filmen der sechziger und siebziger Jahre hat, in denen man niemals sicher sein konnte, welche Gerechtigkeit, falls überhaupt, am Ende siegt. Denn das Drehbuch ist gleichzeitig verschachtelt und einfach, weil bei allen überraschenden Wendungen, die einem Genrejunkie allerdings, vor allem in der zweiten Hälfte ziemlich vertraut sind, niemals die Geschichte aus dem Auge verloren wird, die die Machtstrukturen in einem Unternehmen präzise analysiert. Die Schauspieler sind gut. Vor allem die beiden Hauptdarstellerinnen dürfen brillieren. Kristin Scott Thomas als verführerische, aber auch eiskalte Chefin ist fantastisch. Ebenso Ludivine Sagnier als ihre zunächst einfältige, vasallentreue Untergebene, die sich nicht mehr alles Gefallen lässt. Da bemerkt man kaum, wie gut auch die anderen Schauspieler sind.
Und Jazzfans sollten bei der Musik genau hinhören. Denn die ist von Pharoah Sanders, der hier seinen ersten Filmsoundtrack ablieferte.
Brian de Palma hat das US-Remake gedreht. Es heißt „Passion“, Rachel McAdams und Noomi Rapace übernahmen die Hauptrollen, der deutsche Kinostart ist am 2. Mai und es dürfte schwer sein, die Qualität von „Love Crime“ zu erreichen.
Love Crime (Crime d’amour, Frankreich 2010)
Regie: Alain Corneau
Drehbuch: Alain Corneau, Nathalie Carter
mit Ludivine Sagnier, Kristin Scott Thomas, Patrick Mille, Guillaume Marquet, Gérald Laroche, Julien Rochefort, Olivier Rabourdin
The Walker – Ein Freund gewisser Damen (USA 2007, R.: Paul Schrader)
Drehbuch: Paul Schrader
Carter Page III ist ein schwuler Südstaatenschönling und Begleiter der Damen der politischen High Society von Washington, D. C.. Er hält sich aus allem heraus, bis er seiner besten Freundin, der Senatorengattin Lynn Lockner ein Alibi gibt. Denn sie ist gerade über die Leiche ihres ermordeten Geliebten gestolpert.
In der grandiosen Charakterstudie „The Walker“ spielt Woody Harrelson den Charakter, den Schrader-Fans bereits aus „Taxi Driver“ (damals Robert De Niro), „American Gigolo – Ein Mann für gewisse Stunden“ (Richard Gere) und „Light Sleeper“ (Willem Dafoe) kennen: der Drifter, der die Gesellschaft von außen betrachtet und wegen einer für ihn unerreichbaren Frau seine Position als Beobachter aufgibt. Wie diese Filme ist „The Walker“ auch eine Analyse einer bestimmten Gesellschaftsschicht: hier der politischen Kaste in Washington, D. C., die sich in Räumen bewegt und verhält, als ob die Zeit kurz nach dem Bürgerkrieg stehen geblieben wäre.
Ein toller altmodischer Film, der seine deutsche Premiere auf der Berlinale erlebte, später, trotz der namhaften Besetzung, nur auf DVD veröffentlicht wurde und seine TV-Premiere im Ersten zur Geisterstunde (senderinterne Sprachregel: Prime-Time für gute Filme) erlitt.
Mit Woody Harrelson, Kristin Scott Thomas, Lauren Bacall, Ned Beatty, Moritz Bleibtreu, Mary Beth Hurt, Lily Tomlin, Willem Dafoe
Das Haus der Lady Alquist (USA 1944, R.: George Cukor)
Drehbuch: John Van Druten, Walter Reisch, John L. Balderston
LV: Patrick Hamilton: Gaslight, 1938 (Theaterstück)
Nach dem Umzug leidet Paula Alquist an Wahnvorstellungen. Oder will sie jemand in den Wahnsinn treiben?
Über den bekannt-beliebten Romantikthriller schreibt das Lexikon des internationalen Films zutreffend: „Ein ungebrochen spannender Psychokrimi, angesiedelt im viktorianischen Zeitalter, hervorragend inszeniert und gespielt. Reizvoll vor allem durch die außergewöhnliche Kameraführung.“
Ingrid Bergman erhielt für ihre Leistung den Oscar und den Golden Globe. Für die Ausstattung gab es einen weiteren Oscar. Außerdem war „Das Haus der Lady Alquist“ in allen wichtigen Oscar-Kategorien nominiert: Bester Film, Drehbuch, Kamera, Haupt- und Nebenrolle. Der große Abräumer war in diesem Jahr aber das Musical „Going my way“ (Der Weg zum Glück, R.: Leo McCarey). Erinnert sich noch jemand an diesen Film?
Hamilton schrieb auch die Vorlage zum Hitchcock-Film “Rope – Cocktail für eine Leiche”.
Mit Charles Boyer, Ingrid Bergman, Joseph Cotton, Angela Lansbury (Debüt), Barbara Everest
Billy Bathgate – Im Sog der Mafia (USA 1991, R.: Robert Benton)
Drehbuch: Tom Stoppard
LV: E. L. Doctorow: Billy Bathgate, 1989 (Billy Bathgate)
Ebenso erlesene wie leblose Beschreibung der Glanzzeit und des Endes von Dutch Schultz aus der Perspektive des Bronx-Jungen Billy, der ab 1935 als Handlanger für den Gangster arbeitet.
Das Buch soll wesentlich besser sein.
mit Dustin Hoffman, Nicole Kidman, Loren Dean, Bruce Willis (der – ähm – schnell untertaucht), Steve Buscemi, Stanley Tucci, Steven Hill, Billy Jaye, Frances Conroy, Xander Berkeley
Nachdem die anscheinend allseits beliebte Mutter bei einem Unfall stirbt, stehen ihr Ehemann Markus Färber (Wotan Wilke Möhring), seine Mutter Gerlinde (Christine Schorn) und seine Tochter Kim (Helen Woigk) vor der Frage, wie sie mit dem plötzlichen Verlust umgehen sollen.
Markus versucht die Normalität aufrecht zu erhalten. Dass er eine Catering-Firma leitet hilft ihm etwas. Kim, die ihre Klassenkameraden und Lehrer gerne mit ihrem Gruftie-Look und ihrer Ihr-könnt-mich-alle-am-Arsch-lecken-Attitüde verstört, zieht sich noch weiter zurück. Denn für sie war ihre Mutter auch eine Vertraute und Freundin und jetzt kümmert sich niemand mehr um sie. Gerlinde erfährt, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist und demnächst sterben wird. Sie will ihrem Sohn nicht zur Last fallen und schwindelt ihm etwas von einer Reise vor, während sie versucht sich mit Paula (Rosalie Thomass), einer Altenpflegerin, die gerne Schauspielerin wäre und immer Zeit hat, zu arrangieren.
Kim findet in Alex (Frederick Lau), einem Schulabbrecher aus reichem Haus mit einer kleinkriminell-punkigen Attitüde, einen Gleichgesinnten, in den sie sich auch verliebt und mit ihm nach Dänemark flüchtet.
Markus frisst den Verlust weiter in sich hinein und, als er erfährt, dass seine Mutter todkrank ist und seine Tochter gerade Richtung Dänemark auf einem Bonnie-and-Clyde-Trip unterwegs ist, bricht er mit seiner Mutter und ihrer Pflegerin nach Norden auf. Zur Familienzusammenführung.
„Das Leben ist nichts für Feiglinge“, der neue Film von „Arschkalt“-Regisseur André Erkau, nach dem Roman von Gernot Gricksch, der auch das Drehbuch schrieb, ist ein Ensemblestück, das als Dramödie unentschlossen zwischen Drama und Komödie pendelt und einige Lebensweisheiten verkaufen will. Dummerweise nicht gelungen. Denn Erkau kann sich nicht entscheiden, welche Geschichte die Hauptgeschichte ist. Also erzählt er die drei Geschichten fast gleichwertig, mit viel zu vielen vorhersehbaren Wendungen und einer nie stimmigen Mischung aus Komödie und Drama. Vor allem die Szenen mit Markus wirken immer eine Spur zu gewollt. Mit Gerlinde geht es dann in Richtung Tapfere-Alte-trotz-der-Welt-Komödie, während es mit Kim in Richtung sattsam bekanntes Teenager-Drama geht.
Die ach so beliebte Mutter bleibt ein Phantom, das schon vor dem Filmbeginn gestorben ist und im Film höchstens in Halbsätzen erwähnt wird. Entsprechend schlecht kann gerade bei Kim nachvollzogen werden, warum für sie ihre Mutter so wichtig war und warum die Beziehung zu ihrem Vater so zerrüttet ist. Denn eigentlich wirkt Markus ziemlich okay. Es bleibt auch unklar, warum Gerlinde – abgesehen von dem göttlichen Willen des Autors, der seine Figuren wie Schachfiguren auf seinem Spielbrett bewegt – diese Charade mit dem Urlaub durchzieht.
So wirkt „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ wie eine papierne Versuchsanordnung, die sich nie entscheiden kann, wessen Geschichte sie erzählen und welches Genre sie primär bedienen will.
Das Leben ist nichts für Feiglinge (Deutschland 2012)
Regie: André Erkau
Drehbuch: Gernot Gricksch
LV: Gernot Gricksch: Das Leben ist nichts für Feiglinge, 2010
mit Wotan Wilke Möhring, Helen Woigk, Christine Schorn, Frederick Lau, Rosalie Thomass
Bringing out the dead – Nächte der Erinnerung (USA 1999, R.: Martin Scorsese)
Drehbuch: Paul Schrader
LV: Joe Connelly: Bringing out the dead, 1998 (Bringing out the dead – Nächte der Erinnerung)
Verfilmung des biographischen Romans von Joe Connelly über einen Notarztwagenfahrer, der in Hell’s Kitchen zu Beginn der neunziger Jahre zunehmend an seiner Arbeit und dem Sinn des Lebens zweifelt. Da werden, nicht nur weil das Team Martin Scorsese/Paul Schrader wieder zusammen ist, Erinnerungen an „Taxi Driver“ wach.
Eine feine, etwas unterschätzte Tour de force
mit Nicolas Cage, Patricia Arquette, John Goodman, Ving Rhames, Tom Sizemore, Marc Anthony, Nestor Serrano
Wiederholung: Samstag, 20. April, 02.20 Uhr (Taggenau!)
Das mit der Mutterliebe ist, wie wir spätestens seit „Psycho“ wissen, so eine Sache. Auch die titelgebende Mutter in „Mama“ ist eine ziemlich furchteinflößende Person, die ihre Kinder mit allen Mitteln beschützt. So bringt sie, bei ihrem ersten Auftritt, in einer einsamen Waldhütte nach Sonnenuntergang Jeffrey um, der gerade seine beiden Töchter Victoria und Lilly umbringen wollte.
Die nächsten Jahre verbringen die beiden Mädchen im Wald und verwildern zusehends. Erst fünf Jahre später werden sie zufällig entdeckt. Kurz darauf nehmen Lucas (Nikolaj Coster-Waldau), der Onkel der inzwischen achtjährigen Victoria (Migan Charpentier) und der sechsjährigen Lilly (Isabelle Nélisse), der immer wieder Suchtrupps losschickte, und seine Freundin Annabel (Jessica Chastain) die beiden Kinder auf. Wegen eines drohenden Sorgerechtsstreits ziehen sie in von dem Psychologen Dr. Dreyfuss (Daniel Kash) organisiertem Haus in und lassen ihn die beiden Mädchen weiter behandeln.
In dem Vorstadthaus unterhalten Victoria und Lilly sich mit einer Person, die sie Mama nennen und die anscheinend einen großen Einfluss auf sie hat. Vor allem wenn sie sie ansehen. Aber ist diese Mama eine wirkliche Person oder nur eine Fantasievorstellung der Kinder, die sie über die Jahre in der Hütte am Leben erhielt, oder etwas ganz anderes?
Wie es sich für einen guten Horrorfilm gehört, wird das Geheimnis um die Existenz und die Art der Existenz von Mama erst spät enthüllt. Bis dahin schafft Andres Muschietti in seinem stilvollen und stilbewussten Spielfilmdebüt, das auf seinem gleichnamigen Kurzfilm basiert, eine sehr creepige Atmosphäre.
Wenn dann allerdings die Geheimnisse von Mama enthüllt werden und es zur abschließenden Konfrontation zwischen Annabel, die zuerst die beiden Findelkinder Victoria und Lilly ablehnte, später immer mehr in eine Beschützerrolle für sie hineinwächst, und Mama kommt, gibt es zunehmend ärgerliche Klischees, wie die Suche nach Antworten im dunklen Wald (als könnte man nicht auch tagsüber in den Wald und die Waldhütte gehen), etliche vermeidbare lose Enden und, im großen Finale an einer Klippe im dunklen Wald, etliche logische Widersprüche. Denn die Macher bieten mehrere, sich eigentlich gegenseitig ausschließende Erklärungen an.
Dieses unbefriedigende Ende des von Guillermo del Toro produzierten Spielfilmdebüts, für das auch „Luther“-Autor Neil Cross am Drehbuch mitschrieb, verdirbt einem „Mama“ dann doch ziemlich gründlich.
Mama (Mama, Spanien/Kanada 2012)
Regie: Andres Muschietti
Drehbuch: Neil Cross, Andres Muschietti, Barbara Muschietti (nach einer Geschichte von Andres und Barbara Muschietti)
mit Jessica Chastain, Nikolaj Coster-Waldau, Megan Charpentier, Isabelle Nélisse, Daniel Kash, Javier Botet, Jane Moffat
„Mama“-Drehbuchautor Neil Cross ist auch der Erfinder der grandiosen TV-Serie „Luther“ und der Autor einiger toller Kriminalromane, wie dem unlängst auf Deutsch erschienenem „Gefangen“, der wie ein Psychothriller beginnt und als Noir endet. Als Kenny erfährt, dass er wegen eines bösartigen Hirntumors nur noch wenige Wochen zu leben hat, erstellt er eine Liste der Menschen, bei denen er sich vor seinem Tod entschuldigen will, weil er sie früher im Stich gelassen hat. Dazu gehört auch seine vor einigen Jahren spurlos verschwundene Grundschulfreundin Callie. Für Kenny ist die Sache klar: ihr Ehemann Jonathan, der Callie auch geschlagen hat, hat sie ermordet, ihre Leiche verschwinden gelassen und dann den trauernden Ehemann gespielt.
Er entführt Jonathan, um aus ihm ein Geständnis herauszupressen. Dummerweise behauptet Jonathan, dass er Callie nicht ermordete und er könnte die Wahrheit sagen.
Nach einem ruhigen Beginn, in dem Neil Cross anscheinend etwas ziellos zwischen verschiedenen Handlungssträngen wechselt und etliche scheinbar unwichtige Charaktere breit einführt, nimmt „Gefangen“ in der zweiten Hälfte, wenn alle Charaktere richtig eingeführt sind, ordentlich Fahrt auf und wie Cross ihren Fall in die Barbarei beschreibt und die Handlungsstränge verknüpft, das ist dann große Erzählkunst. Das Ende des angenehm kurzen Thrillers erinnert dann an das moralisch zwiespältige, die vorherigen Gewissheiten infrage stellende Ende der ersten Staffel von „Luther“.
Vor der Islamischen Revolution 1979 war der Iran ein durchaus liberales, westlich orientiertes Land. Danach wurde es zu einem Gottesstaat und auch ein harmloser Dichter wie Sahnel Farzan wird wegen regierungsfeindlicher Propaganda inhaftiert. Seine Frau wird ebenfalls verurteilt, aber schon frühzeitig, nach der Intervention eines in sie verliebten Beamten freigelassen.
Farzan bleibt dagegen drei Jahrzehnte in Haft. Als er entlassen wird, macht er sich auf die Suche nach seiner inzwischen in Istanbul lebenden Frau, die glaubt, dass er vor vielen Jahren gestorben ist.
Was jetzt ein packendes Drama, inspiriert von dem Schicksal des persischen Dichters Sadegh Kamangar, werden könnte, wird schnell zu einer neunzigminütigen Geduldsprobe; gefühlt mindestens zehnmal so lang, die das Ansehen von trocknender Farbe in einem dunklen Zimmer zu einer hochspannenden Angelegenheit werden lässt. Denn die Bilder, durchaus schön komponiert, sind meistens dunkel. Die Einstellungen lang und statisch. Die Schauspieler sitzen meist schweigend irgendwo und starren, tief in ihre Gedanken versunken, irgendwohin. Gegen diese Ode des Schweigens ist sogar ein Stummfilm redselig. Und die sehr langsam erzählte, fast schon statische Geschichte, die in ihrer Anlage von Schuld und Sühne, Lüge, Betrug und Verrat, gar nicht so schlecht ist, packt niemals wirklich, weil man gerade, unruhig auf seinem Platz im dunklen Kino herumrutschend, gegen den Schlaf kämpft.
Denn es ist wirklich nur begrenzt interessant eine Reihe von Quasi-Standfotos anzustarren.
Gergedan Mevsimi – Jahreszeit des Nashorns (Gergedan Mevsimi, Türkei 2012)
Ferdinand stolpert in eine undurchsichtige Mordgeschichte und flüchtet mit seiner Ex Marianne quer durch Frankreich auf eine einsame Insel.
Auch bzw. besser bekannt als „Pierrot le fou“. Die Krimifarce hat mit dem Buch wenig bis nichts zu tun, aber viel mit Godard, seinem filmischen Kosmos und dem Lebensgefühl der Sechziger.