Neu im Kino/Filmkritik: Der Horror! Ein messerschwingender „Clown in a Cornfield“

Mai 29, 2025

Nach dem 1991 spielenden Prolog dauert es einige Zeit, bis der titelgebende „Clown in a Cornfield“ wieder zuschlägt und sich durch die vergnügungssüchtige Jugend von Kettle Springs mordet. Dazu benutzt er munter alle Gegenstände, die in einer gut sortierten Scheune zu finden sind und die sich für einen Mord eignen.

Bis dahin führt Regisseur Eli Craig („Tucker and Dale vs Evil“) uns und die siebzehnjährige Großstadtpflanze Quinn Maybrook in das Leben in der Kleinstadt Kettle Springs ein. Sie ist gerade mit ihrem Vater, der die vakante Stelle des Dorfdoktors angenommen hat, nach Kettle Springs gezogen.

Der aus dem titelgebenden Maisfeld heraus mordende Clown, Frendo genannt, war vor Ewigkeiten das kindgerechte Werbegesicht der Baypen Corn Factory. Sie sorgte für Wohlstand. Heute ist dieser Wohlstand nur eine Erinnerung an bessere Zeiten. Kettle Springs ist, wie Quinn auf den ersten Blick feststellt, eine von Armut und Verfall gezeichnete kleine Gemeinde im Mittleren Westen. Sie will hier nur ihren Schulabschluss machen und dann sofort in Richtung College verschwinden.

Trotzdem befreundet sie sich schnell mit den sogenannten aufsässigen Jugendlichen des Dorfes. Sie lernt sie beim gemeinsamen Nachsitzen in der Schule kennen. Deren Protest äußerst sich vor allem in Saufgelagen bei einer an einem Maisfeld gelegenen Scheune, Sex und, auch in Kettle Springs ist das 21. Jahrhundert angekommen, drehen von Horrorvideos für ihren YouTube-Kanal.

Diese Einführung in das Leben in einem Provinzdorf, aus dem jeder so schnell wie möglich flüchtet, gelingt Craig ziemlich gut. Wenn Frendo dann die Kettensäge anwirft, gibt es auch einige blutige Morde – und natürlich etwas Rätselraten über Identität und Motiv des Täters.

Mit etwas über neunzig Minuten ist „Clown in a Cornfield“ ein angenehm kurzer und auch kurzweiliger, liebevoll gemachter Old-School-Slasher. Über weite Strecken ist die Handlung und die Abfolge der Mordopfer absolut vorhersehbar. Aber Craig erzählt sie konzentriert und mit einigen kleinen Variationen, die das Herz des Slasher-Fans erfreuen.

Craigs Film basiert auf Adam Cesares mit dem Bram Stoker Award als bester Jugendroman ausgezeichnetem Buch. Inzwischen veröffentlichte Cesare zwei weitere Horrorromane mit Frendo. Für Nachschub wäre also gesorgt.

Clown in a Cornfield (Clown in a Cornfield, USA 2025)

Regie: Eli Craig

Drehbuch: Carter Blanchard, Eli Craig

LV: Adam Cesare: Clown in a Cornfield, 2020 (Clown im Maisfeld)

mit Katie Douglas, Aaron Abrams, Carson MacCormac, Vincent Muller, Kevin Durand, Will Sasso

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage (Nachtrag, einige Maisfelder später)

Seinen ersten Auftritt hatte Clown Frendo in Adam Cesares „Clown im Maisfeld“. Der Jugendhorrorroman kam gut an. In Kritiken wurde die Sprache und die Retro-Slasher-Elemente (die wahrscheinlich nur ältere Semester sofort erkennen) gelobt. Cesare schrieb bislang zwei weitere Romane mit dem Horrorclown.

Frendos erster Auftritt, „Clown im Maisfeld“, wurde 2020 in der Kategorie ‚Bester Jugendroman‘ mit dem Bram Stoker Award ausgezeichnet.

Und weil Vergleiche zwischen Buch und Film und Hinweise auf die Story des zweiten und dritten Frendo-Romans massive Spoiler wären, lasse ich es dabei, mit einem angstvoll nach oben gereckten Daumen, bleiben. Denn wer sagt, dass Frendo nur in Maisfeldern zusticht?

Adam Cesare: Clown im Maisfeld

(übersetzt von Elena Helfrecht)

Festa, 2022

368 Seiten

22,90 Euro

Originalausgabe

Clown in a Cornfield

Harper Teen, 2020

Hinweise

Moviepilot über „Clown in a Cornfield“

Metacritic über „Clown in a Cornfield“

Rotten Tomatoes über „Clown in a Cornfield“

Wikipedia über „Clown in a Cornfield“ (deutsch, englisch)

Homepage von Adam Cesare


TV-Tipp für den 29. Mai: Pulp Fiction

Mai 28, 2025

Vox, 22.00

Pulp Fiction (Pulp Fiction, USA 1994)

Regie: Quentin Tarantino

Drehbuch: Quentin Tarantino (nach einer Geschichte von Quentin Tarantino und Roger Avary)

Tausendmal gesehen, tausendmal hat’s Spaß gemacht.

„Im Stil der Pulp Fiction, der Groschenromane und B-Pictures aus den 30er und 40er Jahren, komprimiert Quentin Tarantino eine Handvoll Typen und Storys zu einem hochtourigen Film noir (…) Ein ausgezeichnetes Darsteller-Ensemble, eine intelligente Inszenierung und ein gutes Timung durch flotte Schnitte tragen dazu bei, dass Blutorgien mit Slapstick und bitterer Zynismus mit leichter Ironie so raffiniert ineinander übergehen oder aufeinander folgen, dass die Brüche und Übergänge nicht stören.“ (Fischer Film Almanach 1995)

Tarantino erzählt von zwei Profikillern, die zuerst Glück und dann Pech bei ihrer Arbeit haben, einem Boxer, der entgegen der Absprache einen Boxkampf gewinnt und sich dann wegen einer Uhr in Lebensgefahr begibt, einem Gangsterpärchen, das ein Schnellrestaurant überfällt, einem Killer, der die Frau seines Chefs ausführen soll und in Teufels Küche gerät, einer Gangsterbraut, die eine Überdosis nimmt, einem Killer, der zum Christ wird und von einem Tanzwettbewerb.

Kurz: wir haben mit einem Haufen unsympathischer Leute eine verdammt gute Zeit.

Der Kassenknüller erhielt zahlreiche Preise, aber für Krimifans zählt natürlich nur der gewonnene Edgar.

Mit Tim Roth, Harvey Keitel, Uma Thurman, Amanda Plummer, John Travolta, Samuel L. Jackson, Bruce Willis, Rosanna Arquette, Ving Rhames, Eric Stoltz, Christoper Walken, Quentin Tarantino, Steve Buscemi

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Pulp Fiction”

Wikipedia über “Pulp Fiction” (deutsch, englisch)

Pulp Fiction (deutsche Fanseite zum Film)

Drehbuch “Pulp Fiction” von Quentin Tarantino und Roger Avary

The Quentin Tarantino Archives (Fanseite)

Everthing Tarantino (dito)

Q-Tarantino.de (noch eine Fanseite)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (Kleine Schriften zum Film: 1, 2009)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos “Django Unchained” (Django Unchained, USA 2012)

Kriminalakte über Quentin Tarantino und „Django Unchained“ (Bilder, Pressekonferenz, Comic)

Meine Bespechung von Quentin Tarantinos „The Hateful 8“ (The Hateful Eight, USA 2015)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Once upon a Time in…Hollywood“ (Once upon a Time in…Hollywood, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: Wes Andersons „Der phönizische Meisterstreich“ ist kein Meisterstreich

Mai 28, 2025

Wenige Tage nach seiner Premiere beim Filmfest in Cannes im Wettbewerb läuft Wes Andersons neuer Film „Der phönizische Meisterstreich“ bei uns im Kino an. Und es ist ein typischer Anderson-Film mit einigen Minuspunkten.

Wie in seinen vorherigen Filmen treten viele bekannte Schauspieler, die teils zum wiederholten Male in einem Wes-Anderson-Film mitspielen, in teilweise absurd kurzen Rollen auf. Es gibt den bekannten Anderson-Humor und die aus seinen vorherigen Komödien bekannten präzisen Bildkompositionen. Sie sind sofort als Bilder aus einem Wes-Anderson-Film erkennbar. Es gibt eine schnell freidrehende Geschichte, die hier noch mehr als früher alle erzählerischen Regeln ignoriert.

Im Mittelpunkt des 1950 spielenden Films steht Anatole ‚Zsa-zsa‘ Korda (Benicio del Toro), einer der reichsten Männer Europas und ein vollkommen skrupelloser Mogul. Jetzt will der Industrielle sein größtes Projekt, den „Korda Land und Meer Phönizische Infrastruktur Meisterstreich“ verwirklichen. Hinter dem umständlich-pompösen Projektnamen, der für den Filmtitel radikal zusammengestrichen wurde, verbirgt sich ein großes Infrastrukturprojekt in einer vergessenen, aber potentiell ertragreichen Region. Viel mehr muss man über das Projekt nicht wissen und mehr erfahren wir auch nicht darüber.

Als die Preise für verformbare Nieten, die für das Projekt von essentieller Wichtigkeit sind, sich plötzlich astronomisch verteuern, muss Korda mit einigen Investoren über ihre Beteiligung an seinem ‚Meisterstreich‘ neu verhandeln.

Dies gelingt ihm immer wieder mit absurden Wettkämpfen. Oder indem sie einfach ihre Meinung ändern.

Begleitet wird er bei dieser Reise von seiner zwanzigjährigen Tochter Liesl (Mia Threapleton), die er seit sechs Jahren nicht gesehen hat und die am Ende des Monats ihr Gelübde als Nonne ablegen will. Korda hat allerdings beschlossen, dass sie und nicht einer ihrer neun Brüder sein Vermögen erben soll. Um Liesl zu überzeugen, das Erbe anzunehmen, schlägt er ihr eine Probezeit bei ihm vor. Sie ist einverstanden.

Natürlich erwartet niemand von einem Wes-Anderson-Film eine konventionell erzählte Geschichte. Aber dieses Mal reiht er nur noch eine absurde Episode an eine weitere, mehr oder weniger absurde Episode. Der titelgebende phönizische Meisterstreich ist bestenfalls ein rudimentär erklärter MacGuffin, der mit zunehmender Laufzeit immer unwichtiger wird. Daran ändern auch die nach jeder Verhandlung Kordas mit einem der Investoren eingeblendeten Prozentzahlen nichts. Es sind einfach Zahlen, die ohne eine Bezugsgröße bedeutungslos sind.

Alle Figuren sind nur eindimensionale Cartoonfiguren, die nicht weiter als einen Gag tragen. Das gilt, leider, auch für den Protagonisten, der ungerührt zahllose Mordanschläge überlebt. Wer sie warum veranlasste ist egal. Sie sind einfach nur ein Running Gag. Gleiches gilt für sein absolut gleichgültiges Verhalten gegenüber seinen Angestellten. Sie sind für ihn Dinge, die er benutzt und wegwirft oder mit dem Schleudersitz aus seinem Flugzeug befördert. Wie in einer Gagshow wird Korda in verschiedene Situationen geworfen, die er stoisch überlebt.

Etwaige Versuche aus der Komödie so etwas wie eine Kritik am Kapitalismus oder am ausbeuterischen Kolonialismus herauszulesen, immerhin geht es um ein Großprojekt, das zum finanziellen Vorteil der Investoren durchgesetzt werden soll, oder Korda mit aktuellen größenwahnsinnigen Milliardären zu vergleichen, sind zum Scheitern verurteilt. Anderson interessiert sich dafür noch weniger als für den titelgebenden MacGuffin.

Der phönizische Meisterstreich“ ist einfach nur ein Planspiel mit verschiedenen Schuhkartons, die nacheinander geöffnet werden und den Schauspielern erinnerungswürdige Auftritte ermöglichen. Ein erinnerungswürdiger Film entsteht so nicht.

Dem phönizischen Meisterstreich fehlt einfach der liebenswürdige Charme des „Grand Budapest Hotel“. Stattdessen erinnert dieser Streich viel zu oft an Wes Andersons vorherigen Film „Asteroid City“.

Der phönizische Meisterstreich (The Phoenician Scheme, USA/Deutschland 2025)

Regie: Wes Anderson

Drehbuch: Wes Anderson (nach einer Geschichte von Wes Anderson und Roman Coppola)

mit Benicio del Toro, Mia Threapleton, Michael Cera, Riz Ahmed, Tom Hanks, Bryan Cranston, Mathieu Amalric, Richard Ayoade, Jeffrey Wright, Scarlett Johannsson, Benedict Cumberbatch, Rupert Friend, Hope Davis, Alex Jennings, Stephen Park, F. Murray Abraham, Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe, Bill Murray

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahre 

Kinostart: 29. Mai 2025

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Der phönizische Meisterstreich“ (weil gedreht in Babelsberg)

Moviepilot über „Der phönizische Meisterstreich“

Metacritic über „Der phönizische Meisterstreich“

Rotten Tomatoes über „Der phönizische Meisterstreich“

Wikipedia über „Der phönizische Meisterstreich“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ (The Grand Budapest Hotel, USA/Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Wes Andersons „Isle of Dogs – Ataris Reise“ (Isle of Dogs, USA 2018)

Meine Besprechung von Wes Andersons „The French Dispatch“ (The French Dispatch, USA/Deutschland 2021)

Meine Besprechung von Wes Andersons „Asteroid City“ (Asteroid City, USA 2023)


TV-Tipp für den 28. Mai: Die Ehe der Maria Braun

Mai 27, 2025

Arte, 20.15

Die Ehe der Maria Braun (Deutschland 1978)

Regie: Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch: Peter Märtesheimer, Pea Fröhlich (nach einer Idee von Rainer Werner Fassbinder)

Fassbinder-Klassiker über das Leben einer Frau von den Kriegsjahren bis zum 4. Juli 1954 und ihre Ehe, die nur auf dem Papier existierte. Denn wenige Stunden nach ihrer Hochzeit muss ihr Mann an die Front.

mit Hanna Schygulla, Klaus Löwitsch, Ivan Desny, Gottfried John, Gisela Uhlen, Günter Lamprecht, Elisabeth Trissenar, Volker Spengler, Karl-Heinz von Hassel, Michael Ballhaus, Hark Bohm, Günther Kaufmann, Bruce Low, Rainer Werner Fassbinder, Claus Holm

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Ehe der Maria Braun“

Wikipedia über “Die Ehe der Maria Braun” (deutsch, englisch) und Rainer Werner Fassbinder (deutsch, englisch)

Deutsches Filmhaus über „Die Ehe der Maria Braun“

Rainer-Werner-Fassbinder-Foundation

Meine Besprechung von Annekatrin Hendels Doku „Fassbinder“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Werner C. Barg/Michael Tötebergs (Hrsg.) „Rainer Werner Fassbinder Transmedial“ (2020)

Rainer Werner Fassbinder in der Kriminalakte 


TV-Tipp für den 27. Mai: Enfant Terrible

Mai 26, 2025

Mitternachtskino ist für Weicheier. Nachmitternachtskino erfordert einen echten

WDR, 01.15

Enfant terrible (Deutschland 2020)

Regie: Oskar Roehler

Drehbuch: Klaus Richter, Oskar Roehler

Oskar Roehlers Annäherung an Rainer Werner Fassbinder ist natürlich kein 08/15-Biopic, sondern „als sperrige Hommage ein wuchtiges Werk“ (Lexikon des internationalen Films). Sehenswert

mit Oliver Masucci, Harry Prinz, Katja Riemann, Alexander Scheer, Eva Mattes, Erdal Yıldız, Désirée Nick, Lucas Gregorowicz, Sunnyi Melles, André Hennicke, Ralf Richter, Götz Otto, Antoine Monot Jr., Isolde Barth, Christian Berkel

Hinweise

Filmportal über „Enfant terrible“

Moviepilot über „Enfant terrible“

Rotten Tomatoes über „Enfant terrible“

Wikipedia über „Enfant terrible“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Oskar Roehlers „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Oskar Roehlers „HERRliche Zeiten“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Oskar Roehlers „Bad Director“ (Deuschland 2023)

Rainer-Werner-Fassbinder-Foundation

Meine Besprechung von Annekatrin Hendels Doku „Fassbinder“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Werner C. Barg/Michael Tötebergs (Hrsg.) „Rainer Werner Fassbinder Transmedial“ (2020)

Rainer Werner Fassbinder in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 26. Mai: Herr Bachmann und seine Klasse

Mai 25, 2025

3sat, 22.25

Herr Bachmann und seine Klasse (Deutschland 2021)

Regie: Maria Speth

Drehbuch: Maria Speth, Reinhold Vorschneider

Absolut empfehlenswerter Dokumentarfilm über Dieter Bachmann, Lehrer an einer Gesamtschule, und wie er seine Schulklasse unterrichtet. Trotz seiner epischen Länge von dreieinhalb Stunden vergeht die Zeit wie im Flug.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Dieter Bachmann, Aynur Bal, Önder Cavdar

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Moviepilot über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Rotten Tomatoes über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Wikipedia über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Berlinale über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Meine Besprechung von Maria Speths „Herr Bachmann und seine Klasse“ (Deutschland 2021)


TV-Tipp für den 25. Mai: Schtonk!

Mai 24, 2025

Arte, 20.15

Schtonk (Deutschland 1992)

Regie: Helmut Dietl

Drehbuch: Helmut Dietl, Ulrich Limmer

Äußerst unterhaltsame Satire über die gefälschten Hitlertagebücher, die der „stern“ 1983 begeistert aufkaufte und deren Echtheit das Magazin ewig betonte.

Dietl benutzt die Affäre „als Material für eine frivole Farce über die Anfälligkeit der Deutschen, Fakten zu verdrängen und neue Geschichtswahrheiten zu klittern; viele möchten heute noch Adolf Hitler entlastet sehen.“ (Fischer Film Almanach 1993)

Ich befürchte, dass der über dreißig Jahre alte Kassenknüller über eine noch länger zurückliegende Affäre heute immer noch aktuell ist.

mit Götz George, Uwe Ochsenknecht, Christiane Hörbiger, Rolf Hoppe, Dagmar Manzel, Veronica Ferres, Rosemarie Fendel, Karl Schönböck, Harald Juhnke, Ulrich Mühe, Martin Benrath, Georg Marischka, Hark Bohm, Wolfgang Menge

Hinweise

Filmportal über „Schtonk“

Moviepilot über „Schtonk“

Wikipedia über „Schtonk“


TV-Tipp für den 24. Mai: Lakeview Terrace

Mai 23, 2025

ZDFneo, 20.15

Lakeview Terrace (Lakeview Terrace, USA 2008)

Regie: Neil LaBute

Drehbuch: David Loughery, Howard Korder

Rassismus andersrum: ein junges Paar (er: weiß, sie: schwarz) zieht in Los Angeles in das noble Lakeview-Terrace-Viertel. Schnell bekommen sie Ärger mit einem Nachbarn. Er ist Polizist, Rassist – und schwarz.

Dank Samuel L. Jackson als bösem Nachbarn und vielen präzisen Beobachtungen ist „Lakeview Terrace“, auch wenn das Ende zu sehr in Richtung konventioneller Thriller geht, einen Blick wert.

„It’s a challenging journey LaBute takes us on. Some will find it exciting. Some will find it an opportunity for an examination of conscience. Some will leave feeling vaguely uneasy. Some won’t like it and will be absolutely sure why they don’t, but their reasons will not agree. Some will hate elements that others can’t even see. Some will only see a thriller. I find movies like this alive and provoking, and I’m exhilarated to have my thinking challenged at every step of the way.“ (Roger Ebert, Chicago Sun-Times)

mit Samuel L. Jackson, Patrick Wilson, Kerry Washington, Ron Glass, Justin Chambers, Robert Pine

Wiederholung: Sonntag, 25. Mai, 01.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Lakeview Terrace“

Wikipedia über „Lakeview Terrace“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 23. Mai: Le Mans 66 – Gegen jede Chance

Mai 22, 2025

Pro7, 20.15

Le Mans 66: Gegen jede Chance (Ford v Ferrari, USA 2019)

Regie: James Mangold

Drehbuch: Jez Butterworth, John-Henry Butterworth, Jason Keller

In den frühen sechziger Jahren hatte Ferrari mit seinen Siegen bei Autorennen ein cooles Image. Der langweilige Familienkutschenhersteller Ford wollte von diesem Image profitieren. Aber Ferrari wehrte sich erfolgreich gegen die Firmenübernahme. Also engagierte Henry Ford II den Ex-Rennfahrer Carroll Shelby (Matt Damon). Er sollte in kürzester Zeit einen Ford-Rennwagen entwickeln, der bei dem prestigeträchtigen 24-Stunden-Rennen von Le Mans Ferrari schlägt. Shelby engagiert dafür Ken Miles (Christian Bale), einen nicht teamfähigen, genialen Tüflter, Autonarr und Rennfahrer. Gemeinsam könnte ihnen das Unmögliche gelingen.

Tolles, auf einer wahren Geschichte beruhendes Rennfahrerdrama und ein zukünftiger Klassiker.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Matt Damon, Christian Bale, Jon Bernthal, Caitrano Balfe, Tracy Letts, Josh Lucas, Noah Jupe, Remo Girone, Ray McKinnon, JJ Field, Jack McMullen

Wiederholung: Sonntag, 25. Mai, 23.15 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „Le Mans 66: Gegen jede Chance“

Metacritic über „Le Mans 66: Gegen jede Chance“

Rotten Tomatoes über „Le Mans 66: Gegen jede Chance“

Wikipedia über „Le Mans 66: Gegen jede Chance“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Le Mans 66: Gegen jede Chance“

Meine Besprechung von James Mangolds “Wolverine – Weg des Kriegers” (The Wolverine, USA 2013)

Meine Besprechung von James Mangolds „Logan – The Wolverine“ (Logan, USA 2017)

Meine Besprechung von James Mangolds „Le Mans 66: Gegen jede Chance“ (Ford v Ferrari, USA 2019)

Meine Besprechung von James Mangolds „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ (Indiana Jones and the Dial of Destiny, USA 2023)

Meine Besprechung von James Mangolds „Like a complete unknown“ (A complete unknown, USA 2024)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Dag Johan Haugeruds dritte „Oslo Stories: Sehnsucht“

Mai 22, 2025

Heute startet Dag Johan Haugeruds dritter und bislang letzter Film seiner von der Kritik abgefeierten „Oslo Stories“ und ich reposte meine Gesamtbesprechung seiner „Oslo Stories“:

Das ist der Vorteil von Kinostartterminen. Im Gegensatz zu zeitlich und örtlich auseinanderliegenden Festivals können sie dicht beieinander liegen. Dag Johan Haugeruds drei „Oslo Stories“ liefen 2024 auf der Berlinale im Panorama („Sehnsucht“), einige Monate später in Venedig im Wettbewerb („Liebe“), und, zuletzt, im Februar 2025, auf der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb. „Träume“ erhielt sogar den Goldenen Bären, den Hauptpreis des Festivals. Der Bären-Gewinner läuft am 8. Mai und „Sehnsucht“ am 22. Mai an.

Den Auftakt macht diese Woche „Liebe“, der für mich gelungenste Film der Trilogie, die ich jetzt zusammen besprechen werde und bei den Kinostarts von „Träume“ und „Sehnsucht“ in, so plane ich es im Moment, leicht veränderter Form reposten werde.

„Liebe“ ist der erzählerisch offenste Film der Trilogie und der Film mit dem größten Ensemble und den meisten Handlungssträngen, die locker miteinander verflochten sind. Es geht um den in einem Krankenhaus arbeitenden sanften und verständnisvollen Pfleger Tor, der Nachts auf der Suche nach flüchtigem Sex mit Männern mit der Fähre von einem Ufer zum anderen und zurück fährt. Es geht um die im gleichen Krankenhaus arbeitende Ärztin Marianne. Sie lebt ebenfalls allein und würde gerne ihre sexuellen Bedürfnisse ausleben. Eines Nachts trifft sie Tor auf der Fähre und redet mit ihm über ihre Gefühle und Sehnsüchte. Es geht um Mariannes beste Freundin Heidi, die für eine Stadtfeier gerne die überall in der Stadt sichtbaren Skulpturen und Fresken in einem feministischen und sexuellem Zusammenhang interpretieren würde. Wie das aussehen könnte, erklärt sie am Filmanfang im Rahmen einer ziemlich schrägen Stadtführung.

Sie alle sind Großstädter auf der Suche nach Liebe. Und, soviel kann verraten werden, sie finden sie auf überraschende Weise.

In „Träume“ geht es um die minderjährige Schülerin Johanne, die sich in ihre Lehrerin verliebt. Sie schreibt darüber und gibt ihrer Großmutter ihre Texte zum Lesen. Die früher erfolgreiche Schriftstellerin ist begeistert von der Qualität von Johannes tabulosen Texten. Sie regt eine Veröffentlichung an. Johannes Mutter ist von den literarischen Geständnissen ihrer Tochter weniger begeistert.

„Sehnsucht“ kreist um zwei heterosexuelle, glücklich verheiratete Schornsteinfeger. Aber dann träumt der eine davon, in seinen Träumen David Bowie zu begegnen und der Musiker ihn ansieht, als ob er eine Frau sei. Er ist von diesem Traum und Bowies Reaktion auf ihn verunsichert. Sein im Film ebenfalls namenloser Kollege erzählt ihm von einer kürzlich erfolgten Begegnung. Nachdem er bei einem schwulen Mann den Schornstein kontrolliert hatte, hatte er Sex mit ihm. Es gefiel ihm. Aber er besteht darauf, dass er nicht homosexuell sei oder seine Frau betrogen habe.

Nach diesen gegenseitigen Geständnissen könnten die Sachen erledigt sein. Aber beide Männer denken weiter darüber nach, reden darüber und erzählen es ihren Frauen, was zu weiteren Gesprächen führt.

Regisseur und Autor Dag Johan Haugerud fasste die drei Filme, die voneinander unabhängige Geschichten mit verschiedenen Schauspielern erzählen, unter dem Titel „Oslo Stories“ zusammen.

Diese Vorgehensweise erinnert an Eric Rohmer, der seine Filme in Zyklen wie „Moralische Erzählungen“ und „Komödien und Sprichwörter“ zusammenfasste und so ein schönes Gleichgewicht zwischen Offenheit und Geschlossenheit schuf. Jeder Film stand gleichzeitig für sich und war Teil von etwas Größerem.

Der Zusammenhang zwischen den „Oslo Stories“ ergibt aus dem Handlungsort, der von Haugerud verwendeten Sprache, der Inszenierung und dem Thema. Alle drei Filme beschäftigen sich, wie die Filme von Eric Rohmer, mit unterschiedlichen Formen von Liebe, Begehren und dem Verhältnis der Geschlechter zueinander. Alle drei Filme spielen in der Gegenwart.

Die Inszenierung ist spartanisch. Haugerud inszenierte die Gespräche und Gedanken seiner Figuren in langen, oft statischen Szenen, in denen die Schauspieler unglaubliche Textmengen ohne erkennbare äußere Regungen und mit wenigen Bewegungen vortragen. Im Mittelpunkt der drei Filme steht eindeutig das gesprochene Wort, das immer wie ein sorgfältig aufgeschriebenes Wort klingt.

Insofern sind alle „Oslo Stories“ verfilmte Literatur. „Träume“ und „Sehnsucht“ mehr, „ Liebe“ weniger.

„Liebe“ ist, so Haugerud, der Abschluss der Trilogie. „Sehnsucht“ ist der erste und „Träume“ der zweite Teil. Die internationalen Premieren auf Filmfestivals folgten einer anderen Reihenfolge. Die deutschen Kinostart drehen die Chronologie einfach um, indem der Abschluss der Trilogie zuerst und der Beginn der Trilogie zuletzt startet. Aber letztendlich ist die Reihenfolge egal.

„Liebe“ ist der am meisten an Rohmer und redselige, sexuell offene französische Beziehungsfilme erinnernde Film der „Oslo Stories“. Es geht um mehrere eher jüngere Menschen, die auf der Suche nach Liebe und Sex sind.

Der Berlinale-Gewinner „Träume“ ist der anspruchsvollste und literarischste Film der Trilogie. Eigentlich handelt es sich um ein auf mehreren Zeit- und damit verbundenen Interpretationsebenen spielendes Gedankenspiel über Begehren, Tabubrüche, ihre literarische Verarbeitung und wie diese Verarbeitung von anderen Menschen aufgenommen wird. Intellektuell ist das interessant, aber keine dieser nur auf dem Papier existierenden Figuren interessierte mich.

„Sehnsucht“ ist letztendlich ein Zwei-Personenstück über zwei in ihrer Sexualität verunsicherte Männer, die stundenlang darüber reden. Auch diesem Film fehlt die französische Leichtigkeit von „Liebe“. Dafür ist es der queerste Film der Trilogie, in dem die beiden Protagonisten ständig betonen, dass sie das nicht sind.

Haugerud schuf drei sehenswerte Filme, die eher bebilderte Hörspiele sind. Falls man die „Oslo Stories“ im Original mit Untertiteln sieht, muss man jeweils zwei Stunden ununterbrochen Untertitel lesen und sich dabei möglichst wenig von den Bildern und Geräuschen stören lassen. Insofern rate ich in diesem Fall zur mir unbekannten synchronisierten Fassung.

Oslo Stories: Sehnsucht (Sex, Norwegen, 2024)

Regie: Dag Johan Haugerud

Drehbuch: Dag Johan Haugerud

mit Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, Birgitte Larsen, Theo Dahl

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Kinostart: 22. Mai 2025

Oslo Stories: Liebe (Kjærlighet, Norwegen 2024)

Regie: Dag Johan Haugerud

Drehbuch: Dag Johan Haugerud

mit Andrea Bræin Hovig, Tayo Cittadella Jacobsen, Thomas Gullestad, Lars Jacob Holm, Marte Engebrigtsen

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Kinostart: 17. April 2025

Oslo Stories: Träume (Drømmer, Norwegen 2024)

Regie: Dag Johan Haugerud

Drehbuch: Dag Johan Haugerud

mit Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Kinostart: 8. Mai 2025

Hinweise

Deutsche Homepage zur Trilogie

Moviepilot über „Liebe“, „Träume“ und „Sehnsucht“

Metacritic über „Liebe“ und „Sehnsucht“

Rotten Tomatoes über „Liebe“, „Träume“ und „Sehnsucht“

Wikipedia über „Liebe“ (deutsch, englisch, norwegisch), „Träume“ (deutsch, englisch, norwegisch) und „Sehnsucht“ (deutsch, englisch, norwegisch)


TV-Tipp für den 22. Mai: Petite Maman

Mai 21, 2025

WDR, 23.30

Petite Maman – Als wir Kinder waren (Petite Maman, Frankreich 2021)

Regie: Céline Sciamma

Drehbuch: Céline Sciamma

Nach dem Tod ihrer Großmutter, wollen Nellys Eltern ihre Wohnung ausräumen. Alleingelassen streift die achtjährige Nelly durch den Wald und trifft die gleichaltrige Marion. Diese ist ihre Mutter als Kind.

Stilles, von der Kritik hochgelobtes Drama, das sich nicht um die Paradoxien von Zeitreisen kümmert, sondern sich für den Umgang mit Trauer interessiert.

Warum mich der Film überhaupt nicht angesprochen hat, verrate ich in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Gabrielle Sanz, Joséphine Sanz, Nina Meurisse, Stéphane Varupenne, Margot Abascal

Hinweise

AlloCiné über „Petite Maman“

Moviepilot über „Petite Maman“

Metacritic über „Petite Maman“

Rotten Tomatoes über „Petite Maman“

Wikipedia über „Petite Maman“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (Portrait de la jeune fille en feu, Frankreich 2019)

Meine Besprechung von Céline Sciammas „Petite Maman – Als wir Kinder waren“ (Petite Maman, Frankreich 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: „Mission: Impossible – The Final Reckoning“ für Tom Cruise und die Gang

Mai 21, 2025

Es war einmal eine Spionageserie. „Mission: Impossible“ hieß sie im Original. Bei uns hieß sie zuerst „Kobra, übernehmen Sie“, später „Unmöglicher Auftrag“. Von 1966 bis 1973 übernahm die ultrageheime IMF (Impossible Mission Force) im Auftrag der US-Regierung im US-Fernsehen über hundertsiebzig unmögliche Aufträge. Die Serie war natürlich von den enorm erfolgreichen James-Bond-Kinofilmen und der durch sie in den sechziger Jahren entstandenen Begeisterung für Agententhriller beeinflusst. Sie war wertig produziert, hatte viel Action, war enorm erfolgreich und hat eine von Lalo Schifrin geschriebenen, im Ohr bleibende Titelmelodie.

1989 gab es im Fernsehen eine Neuauflage. Nach zwei Staffeln wurde das Experiment „In geheimer Mission“ (so der deutsche TV-Titel) eingestellt.

1996 landete die Serie im Kino. Zuerst für einen Spielfilm. Inszeniert von Brian De Palma auf dem Höhepunkt seiner Karriere und mit Tom Cruise als Hauptdarsteller und erstmals auch als Produzent. Der Actionthriller war ein Erfolg. Weiter unmögliche Missionen folgten. Zuerst mit wechselnden Regisseuren, die jeder Mission ihren unverwechselbaren Stempel aufdrückten. Seit „Rogue Nation“ (2015) mit Christopher McQuarrie als Regisseur. In den Jahren bildete sich, nachdem im ersten „Mission: Impossible“-Film das gesamte IMF-Team bis auf Ethan Hunt (Tom Cruise) in Prag getötet wurde, ein neues Team heraus, das immer wieder neue Mitglieder aufnahm. Die von Tom Cruise durchgeführten Stunts wurden immer spektakulärer.

Jetzt startet der achte und möglicherweise letzte „Mission: Impossible“-Film im Kino. Der Abschluss des zweiteiligen Finales ist passend mit „The Final Reckoning“ (auf Deutsch „Die endgültige Abrechnung“) betitelt. Mit fast drei Stunden ist er auch der längste „Mission: Impossible“-Film.

Auf der einen Seite bietet er, wie zu erwarten war, eine Wiederbegegnung mit den bekannt-beliebten „Mission: Impossible“-Teammitglieder (wie Ving Rhames und Simon Pegg), viel Action (aber vor allem in der ersten Hälfte auch viel Gerede) und einen gewohnt hahnebüchenen Plot. Wie in dem vorherigen Film „Dead Reckoning“ kämpft das IMF-Team gegen die Künstliche Intelligenz ‚Die Entität‘ (aka The Entity). Die Entität übernimmt langsam alle Computer. Auch die hochgesicherten Computer des Militärs. Wenn sie auf alle Atomraketen zugreifen kann, wird sie die Welt mit Atomraketen vernichten; – frag nicht, warum sie nicht schon vorher einen Atomkrieg startet oder warum sie unbedingt die Welt vernichten will. Das haben wir uns bei den James-Bond-Bösewichtern auch nie gefragt. Und die „Mission: Impossible“-Filme sind im Endeffekt das US-amerikanische Pendant zu James Bond.

Hunt und sein Team können die nahende Katastrophe verhindern, wenn sie zuerst den aus zwei Teilen bestehenden Schlüssel, der sich nach den Ereignissen von „Dead Reckoning“ in ihrem Besitz befindet, zu dem 2012 irgendwo im Beringmeer gesunkenen russischen U-Boot Sevastopol bringen und dort an den sich auf einem externen Speichermedium befindenden Quellcode der Entität gelangen. Danach können sie ihren Angriff auf das KI-Programm starten. Kein Schritt davon ist einfach und nie läuft ein Plan wie geplant ab. Oh, und Gabriel (Esai Morales), der menschliche Bösewicht aus „Dead Reckoning“, ist ebenfalls wieder dabei.

So weit, so gewohnt.

Auf der anderen Seite wurde dieser Film, zusammen mit dem vorherigen „Mission: Impossible“-Film, schon im Januar 2019 von Hauptdarsteller Cruise und Regisseur McQuarrie als eine aus zwei Spielfilmen bestehende Geschichte angekündigt, die gleichzeitig auch ein Abschluss der von Ethan Hunt 1996 in „Mission: Impossible“ begonnenen Reise sei. Natürlich verstand jeder diese Ankündigung so, dass der achte „Mission: Impossible“-Film gleichzeitig der letzte „Mission: Impossible“-Film ist.

Nach gut dreißig Jahren, sieben konstant unterhaltsamen Kinoabenteuern, sehr guten Einspielergebnissen (mit fast 800 Millionen US-Dollar war „Fallout [2018] der erfolgreichste Film des Franchises und „Mission: Impossible III [2006] hatte mit knapp 400 Millionen US-Dollar das schwächste, aber immer noch ein sehr gutes Einspielergebnis) und einem Hauptdarsteller, der am 3. Juli seinen 63. Geburtstag feiert, ist ein Ende nachvollziehbar.

Damit dieses Ende nicht nur ein weiterer unmöglicher Einsatz ist, gibt es im Film zahlreiche Flashbacks zu den früheren Filmen, eine Nebenfigur aus dem ersten Film taucht wieder auf und wir erfahren, wie Hunts Einbruch in die CIA-Zentrale sein weiteres Leben veränderte, und die Geschichte der KI wird mit früheren „Mission: Impossible“-Filmen verknüpft. Das weckt Erinnerungen an die vorherigen Filme, ist aber auch etwas überflüssig. Schließlich gab es in jedem „Mission: Impossible“-Film einen Auftrag, einen neuen Gegnger und eine die Welt bedrohende Gefahr. Mehr war für zwei spannende Kinostunden nicht nötig.

Es gibt auch den ständig wiederholten Satz „Everything you were, everything you’ve done, has come to this.“ bzw. „Jede Entscheidung hat zu diesem Punkt geführt.“ bzw. „Unser Leben ist die Summe unserer Entscheidungen.“. Nüchtern betrachtet ist das eine Binsenweisheit. Im Film wird sie aber immer wieder so pathetisch überhöht ausgesprochen, dass sie sich wie der Glaube an ein fest stehendes Schicksal, einen göttlichen Plan, der unser Leben von der Wiege bis zur Bahre vorherbestimmt, anhört. Dieser Eindruck entsteht auch durch die nachträgliche Verknüpfung vorheriger „Mission: Impossible“-Einsätze mit der aktuellen Mission. Immer wieder hatte, so wird jetzt gesagt, Hunt, ohne es zu Wissen, mit der Entität zu tun und seine Versuche, die Welt zu retten führten zu der jetzt unmittelbar bevorstehenden Katastrophe. Diese kann nicht abgewendet werden, weil die Entität jeden unserer Schritte vorhersieht.

Von der erste Minute an ist ein fatalistischer Ton vorhanden. McQuarrie bereitet uns auf mögliche Tote beliebter Teammitglieder vor. Einige sterben und auch der Tod von Ethan Hunt ist, als Abschluss seiner Reise, nicht vollkommen ausgeschlossen. Immerhin feierte Daniel Craig so seinen vermurksten Abgang als James Bond.

Und so schleicht sich schon vor dem ersten Bild ein Gefühl von Trauer über das Ende einer Ära ein. Nach dem Tod von James Bond in dem bislang letzten Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ (2021), der immer noch bestehenden Unklarheit über den neuen James-Bond-Darsteller und dem im Februar 2025 erfolgten Verkauf des bislang familiengeführten Franchises an Amazon MGM Studios, verabschiedet sich mit dem angekündigten Ende von „Mission: Impossible“ das zweite große, aus den sechziger Jahren und der Zeit des Kalten Krieges kommende Action-Franchise mit globetrottenden Agenten und Superbösewichtern aus dem Kino.

Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. John Wick und Geschichten aus der Welt von John Wick, wie demnächst „Ballerina“ (Besprechung zum Kinostart am 5. Juni), liefern zwar Action, aber es geht primär um Killer, die Killer umbringen. Superheldenfilme sind etwas ganz anderes. Gleichzeitig ist inzwischen bei vielen eine Superhelden-Müdigkeit unübersehbar.

Mit fast drei Stunden ist „Mission: Impossible – The Final Reckoning“ zwar länger als nötig ausgefallen, aber es ist eine gelungene und insgesamt überzeugende Abschiedsvorstellung. In den Erklärdialogen wird der Zuschauer vorbildlich an die Hand genommen. In den Actionszenen wird gelungen zwischen Nahkämpfen und spektakulären, so noch nicht gesehenen Unterwasser- und, wenn Tom Cruise in Südafrika auf den Tragflächen von zwei Stearman-Doppeldeckern herumkraxelt, noch spektakuläreren Flugzeugstunts gewechselt. Es gibt zahlreiche prägnante Auftritte bekannter Schauspieler. Teils waren sie in früheren „Mission: Impossible“-Filmen dabei. Teils sind sie erstmals. Wenn man diese Art von Filmen mag, ist auch der achte „Mission: Impossible“-Kinofilm großes Kino.

Mission: Impossible – The Final Reckoning (Mission: Impossible – The Final Reckoning, USA 2025)

Regie: Christopher McQuarrie

Drehbuch: Christopher McQuarrie, Erik Jendresen

mit Tom Cruise, Hayley Atwell, Simon Pegg, Ving Rhames, Vanessa Kirby, Esai Morales, Pom Klementieff, Henry Czerny, Holt McCallany, Angela Bassett, Janet McTeer, Nick Offerman, Hannah Waddingham, Tramell Tillman, Rolf Saxon, Shea Whigham, Greg Tarzan Davis, Charles Parnell, Mark Gatiss, Lucy Tulugarjuk

Länge: 170 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

ursprünglicher Titel: Mission: Impossible – Dead Reckoning Part Two

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Mission: Impossible – The Final Reckoning“

Metacritic über „Mission: Impossible – The Final Reckoning“

Rotten Tomatoes über „Mission: Impossible – The Final Reckoning“

Wikipedia über „Mission: Impossible – The Final Reckoning“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Christopher McQuarries „Jack Reacher“ (Jack Reacher, USA 2012)

Meine Besprechung von Brad Birds „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ (Mission: Impossible – Phantom Protocoll, USA 2011)

Meine Besprechung von Christopher McQuarries „Mission: Impossible – Rogue Nation“ (Mission Impossible: Rogue Nation, USA 2015)

Meine Besprechung von Christopher McQuarries „Mission: Impossible – Fallout“ (Mission: Impossible – Fallout, USA 2018)

Meine Besprechung von Christopher McQuarries „Mission: Impossible – Dead Reckoning Teil eins“ (Mission: Impossible – Dead Reckoning Part One, USA 2023)


TV-Tipp für den 21. Mai: Die Wütenden – Les Misérables

Mai 20, 2025

Arte, 22.00

Die Wütenden – Les Misérables (Les Misérables, Frankreich 2019)

Regie: Ladj Ly

Drehbuch: Ladj Ly, Giordano Gederlini, Alexis Manenti

Ein ganz normaler Sommertag in Clichy-Montfermeil, einem sozialen Brennpunkt östlich von Paris: Polizisten, darunter ein Neuling bei seinem ersten Arbeitstag, und Kleingangster kennen und bekriegen sich.

Rundum überzeugendes Ghettodrama. Einer meiner Kino!filme des Jahres 2020.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Davor, um 20.15 Uhr, zeigt Arte als TV-Premiere Jessica Hausners „Club Zero“ (Österreich/Großbritannien/Deutschland/Frankreich/Dänemark/Katar 2023).

mit Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djebril Zonga, Issa Perica, Al-Hassan Ly, Steve Tientcheu, Jeanne Balibar

Wiederholung: Samstag, 31. Mai, 00.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Die Wütenden – Les Misérables“

Moviepilot über „Die Wütenden – Les Misérables“

Metacritic über „Die Wütenden – Les Misérables“

Rotten Tomatoes über „Die Wütenden – Les Misérables“

Wikipedia über „Die Wütenden – Les Misérables“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Ladj Lys „Die Wütenden – Les Misérables“ (Les Misérables, Frankreich 2019)

Meine Besprechung von Ladj Lys „Die Unerwünschten – Les Indésirables“ (Les Indésirables/Bâtiment 5, Frankreich 2023)


TV-Tipp für den 20. Mai: Edward mit den Scherenhänden

Mai 19, 2025

Disney Channel, 20.15

Edward mit den Scherenhänden (Edward Scissorhands, USA 1990)

Regie: Tim Burton

Drehbuch: Tim Burton, Caroline Thompson

Zwischen seinen beiden „Batman“-Filmen drehte Tim Burton, der hier erstmals Carte Blanche hatte, dieses dunkle, romantische Märchen über den einsam in einem Schloss auf einem Hügel lebenden „Edward mit den Scherenhänden“. Als eine Kosmetikvertreterin ihn trifft, ist sie fasziniert von ihm und nimmt ihn mit in die typisch amerikanische Vorstadt. Dort ist Edward wegen einer motorischen Fähigkeiten zuerst sehr beliebt.

Ein schöner trauriger Film voller Humor und Skurrilitäten.

„ein Märchen. Und das erzählt er einem Publikum, das schon alle Märchen kennt, an keins mehr glaubt und sich doch danach sehnt. Und er erzählt es mit allen Emotionen, aller Naivität, aller Grausamkeit und auch aller Komik, die das Publikum erwarten darf.“ (Fischer Film Almanach 1992)

mit Johnny Depp, Winona Ryder, Dianne Wiest, Anthony Michael Hall, Kathy Baker, Vincent Price (seine letzte Rolle in einem Spielfilm), Alan Arkin

Wiederholung: Donnerstag, 22. Mai, 22.30 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Edward mit den Scherenhänden“

Wikipedia über „Edward mit den Scherenhänden“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tim Burtons “Frankenweenie” (Frankenweenie, USA 2012, nach einem Drehbuch von John August)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Big Eyes“ (Big Eyes, USA 2014)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Die Insel der besonderen Kinder“ (Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, USA 2016)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Dumbo“ (Dumbo, USA 2019)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Beetlejuice Beetlejuice“ (Beetlejuice Beetlejuice, USA 2024)

Tim Burton in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 19. Mai: Lili Marleen

Mai 18, 2025

Arte, 20.15

Lili Marleen (Deutschland 1980)

Regie: Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch: Manfred Purzer, Rainer Werner Fassbinder, Joshua Sinclair (Mitarbeit)

LV: Lale Andersen: Der Himmel hat viele Farben

Fassbinders Version von Lale Andersens Leben. Gedreht im UFA-Look, aber mit genug Haken und Ösen, um jede blinde Identifikation zu verhindern.

Mit Hanna Schygulla, Giancarlo Giannini, Mel Ferrer, Karl-Heinz von Hassel, Christine Kaufmann, Hark Bohm, Karin Baal, Udo Kier, Erik Schumann, Gottfried John, Elisabeth Volkmann, Barbara Valentin, Adrian Hoven, Willy Harlander, Franz Buchrieser, Rainer Werner Fassbinder, Brigitte Mira, Irm Hermann, Harry Baer, Milan Boor, Volker Spengler

Wiederholung: Donnerstag, 29. Mai, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Filmportal über „Lili Marleen“

Rotten Tomatoes über „Lili Marleen“

Wikipedia über „Lilli Marleen“ (deutsch, englisch) und Rainer Werner Fassbinder (deutsch, englisch)

Rainer-Werner-Fassbinder-Foundation

Meine Besprechung von Annekatrin Hendels Doku „Fassbinder“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Werner C. Barg/Michael Tötebergs (Hrsg.) „Rainer Werner Fassbinder Transmedial“ (2020)

Rainer Werner Fassbinder in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 18. Mai: The Nightingale – Schrei nach Rache

Mai 17, 2025

3sat, 23.15

The Nightingale – Schrei nach Rache (The Nightingale, Australien 2018)

Regie: Jennifer Kent

Drehbuch: Jennifer Kent

Nachdem Soldaten ihren Mann und ihr Baby ermorden und sie vergewaltigen, schwört Claire Carroll Rache. Hasserfüllt jagt sie sie durch den tasmanischen Busch.

Das hört sich jetzt nicht so wahnsinnig spannend an, aber „The Babadook“-Regisseurin Jennifer Kent lässt die Geschichte ihres zweiten, ebenfalls grandiosen Spielfilms um 1825 in der britischen Kolonie Tasmanien spielen. Sie zeigt ungeschönt die dunklen, gerne verschwiegenen Seiten des Kolonialismus und Kolonialherren, die ungestraft ihre Triebe ausleben, weil sie wissen, dass sie dafür nicht bestraft werden. Ihre Opfer sind Sträflinge, Frauen und Einheimische. Das ist, auch weil der wahre Schrecken der ausführlich gezeigten Vergewaltigungen und Morde, erst im Kopf des Zuschauers entsteht, nichts für feinfühlige Seelen. Die FSK-18-Freigabe ist absolut gerechtfertigt.

„The Nightingale“ ist ein in jeder Beziehung intensiver und übrzeugender Horror-Western, der bei uns nur als VoD und DVD/Blu-ray veröffentllicht wurde.

mit Aisling Franciosi, Sam Claflin, Baykali Ganambarr, Damon Herriman, Harry Greenwood

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Nightingale“

Wikipedia über „The Nightingale“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jennifer Kents „Der Babadook“ (The Babadook, Australien 2014)


TV-Tipp für den 17. Mai: Columbo: Étude in Schwarz

Mai 16, 2025

RTL Up, 20.15

Columbo: Etude in Schwarz (Columbo: Étude in Black, USA 1972)

Regie: Nicholas Colasanto, Peter Falk [ungenannt], John Cassavetes [ungenannt]

Drehbuch: Steven Bochco

Erfinder: Richard Levinson , William Link

Der verheiratete Stardirigent Alex Benedict will nicht auf die unverschämten Forderungen seiner Geliebten eingehen. Also bringt er sie um und tarnt es als Selbstmord. Aber Lt. Columbo mag Selbstmorde, vor allem Selbstmorde von jungen Frauen, nicht. Er sucht ihren Mörder.

Bochcos Drehbuch war für einen Emmy nominiert.

Und die Besetzung ist auch nicht schlecht.

mit Peter Falk, John Cassavetes, Blythe Danner, James Olson, Myrna Loy, Pat Morita

Hinweise

Wikipedia über „Columbo“ (deutsch, englisch)

Fernsehlexikon über “Columbo”

“Columbo”-Fanseite

Deutsche “Columbo”-Fanseite

Noch eine deutsche “Columbo”-Fanseite

TV Time Machine: Audiointerview mit Peter Falk und Mark Dawidziak

Mein Nachruf auf Peter Falk


Neu im Kino/Filmkritik: Über „Transamazonia“

Mai 16, 2025

Als Kind überlebt Rebecca als Einzige einen Flugzeugabsturz im Amazonasgebiet.

Neun Jahre später tritt die Missionarstochter (Helene Zengel) in der entlegen im Amazonas liegenden Kirche ihres Vaters Lawrence Byrne (Jeremy Xido) als Wunderheilerin auf. Ob Rebecca diese Heilungen wirklich vollbringt oder alles nur ein Schwindel ist, ist unklar. Aber die Menschen glauben an ihre Fähigkeiten. Dazu gehört auch der Besitzer des lokalen Sägewerks, dessen Frau schwer erkrankt ist. Er bittet sie um eine Wunderheilung.

In dem Moment gesellt sich in Pia Marais‘ „Transamazonia“ ein weiteres großes Thema zu den bereits vorhandenen, locker abendfüllenden Themen. Bis jetzt ging es vor allem um Missionierungen christlicher Kirchen und irgendwie christlicher Sekten in Südamerika und um Wunderheilungen. Dabei ist Byrne in dem Film der Anführer einer Sekte, die von den Spenden der Gläubigen lebt. Wunderheilungen sind normalerweise ein Betrug, der zu Spenden führt. Ob das bei Rebecca auch so ist, lässt der Film in der Schwebe. Jedenfalls fragt Rebecca sich, ob sie die Frau des Sägewerkbesitzers heilen kann.

Neben diesen christlich-religiösen Fragen, geht es fortan auch um die Zerstörung der Indigenen Kultur und der Natur. Es geht um die Ausbeutung des Amazonas für kapitalistische Interessen. Es geht um den Bau von Straßen und die damit verbundene Zerstörung der Natur. Es geht auch um den Kampf der Einheimischen gegen diesen Straßenbau. Und es geht um eine junge Frau, die beginnt, an sich und ihrem bisherigen Leben in der von ihrem Vater geleiteten religiösen Gemeinschaft zu zweifeln. Die Zweifel sind, soviel kann verraten werden, berechtigt.

Zwischen diesen Themen, die sich gegenseitig behindern und nur oberflächlich behandelt werden, verzettelt sich das langsam und sehr atmosphärisch erzählte Drama. Marais präsentiert diese Probleme und, mit mehr oder weniger deutlichen Andeutungen, das Geflecht zwischen den Personen und Ereignisse aus deren Vergangenheit. Auf Antworten, über die dann diskutiert werden könnten, verzichtet sie. Ebenso auf Dramatisierungen.

Die vielen verschenkten Möglichkeiten in ihrem Film wecken immer wieder Erinnerungen an andere Filme, die diese und ähnliche Fragen besser behandelten, wie John Boormans „Der Smaragdwald“ (1985) und Niklaus Hilbers „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“ (2019) über die Zerstörung des Regenwaldes oder Florian Gallenberger „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ (2015) über die titelgebende Sekte.

Transamazonia“ ist dröges Arthauskino mit gut gemeinten Absichten, schönen Bildern, einer unbefriedigenden Ausführung und einem Ende mit fehlenden und unglaubwürdigen Antworten.

Transamazonia (Frankreich/Deutschland/Schweiz 2024)

Regie: Pia Marais

Drehbuch: Pia Marais, Willem Droste, Martin Rosefeldt

mit Helena Zengel, Jeremy Xido, Sergio Sartorio, Pira Assurini, Sabine Timoteo

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Transamazonia“

Moviepilot über „Transamazonia“

Metacritic über „Transamazonia“

Rotten Tomatoes über „Transamazonia“

Wikipedia über „Transamazonia“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 16. Mai: Iron Sky: The coming Race

Mai 15, 2025

Tele 5, 20.15

Iron Sky: The coming Race (Iron Sky: The coming Race, Finnland 2019)

Regie: Timo Vuorensola

Drehbuch: Dalan Musson, Timo Viorensola

Zwanzig Jahre nach den in „Iron Sky“ geschilderten Ereignissen leben die Menschen auf der inzwischen baufälligen Nazi-Mondbasis. Als die Mondbewohner erfahren, dass es in der Hohlen Erde eine Energiequelle geben soll, macht sich die junge Obi mit zwei Freunden auf den Weg.

TV-Premiere. Ein kurzweiliger Spaß für den geneigten Trash-Fan.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Lara Rossi, Vladimir Burlakov, Kit Dale, Julia Dietze, Udo Kier, Tom Green, John Flanders, Ricky Watson, Stephanie Paul

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über „Iron Sky: The coming Race“

Moviepilot über „Iron Sky: The coming Race“

Wikipedia über „Iron Sky: The coming Race“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Timo Vuorensolas „Iron Sky“ (Iron Sky, Finnland/Deutschland/Australien 2012)

Meine Bepsrechung von Timo Vuorensolas „Iron Sky: The coming Race“ (Iron Sky: The coming Race, Finnland 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: Wenn aus „Rumours“ ein „Tanz der Titanen“ wird

Mai 15, 2025

Seltsame Planung oder ein dummer Zufall. Jedenfalls starten heute zwei Filme mit Cate Blanchett. Der eine ist ein stylischer Agententhriller, in dem ein Verräter gesucht wird. Der andere eine misslungene Nicht-Satire auf Politiker und Gipfeltreffen.

Auf Einladung der deutschen Kanzlerin Hilda Ortmann (Cate Blanchett) gastieren die Staatschefs der G7-Nationen im Sommer in Dankerode in einem Luxushotel. Die Ankunft der Staatsgäste in dem von der Öffentlichkeit hermetisch abgeschirmten Hotel und das gemeinsame Essen verlaufen nach Protokoll. Eine auf dem Gelände gefundene Moorleiche sorgt für etwas historisches Amüsement.

Als Ortmann und ihre hochrangigen Gäste Maxime Laplace, Premierminister von Kanada (Roy Dupuis), Cardosa Dewindt, Premierministerin von Großbritannien (Nikki Amuka-Bird), Edison Wolcott, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (Charles Dance), Tatsuro Iwasaki, Premierminister von Japan (Takehiro Hira), Sylvain Broulez, Staatspräsident der Französischen Republik (Denis Ménochet), Antonio Lamorte, Ministerpräsident von Italien (Rolando Ravello), Jonas Glob, Präsident des Europäischen Rates (Zlatko Burić) und Celestine Sproul, Präsidentin der Europäischen Kommission (Alicia Vikander) am Abend bemerken, dass sie allein sind, sind sie zunächst mild irritiert. Anscheinend haben ihre Mitarbeiter und das Hotelpersonal das Gelände verlassen. Aus dem Wald kommen seltsame Geräusche.

Wie werden die Staatschefs auf die ungewohnte Situation reagieren?

Das fragen sich die Politiker, die sich erst einmal mit dem Erstellen einer Erklärung beschäftigen Nach Anlaufschwierigkeiten wird sie zu einer atemberaubend nichtssagenden Ansammlung allgemein zustimmngsfähiger Platitüten.

Das fragen sich die Zuschauer, die sich fragen, wohin sich die Geschichte bewegen soll, während die Regisseure sich wahrscheinlich köstlich über die Zuschauer amüsieren, die eine irgendwie realistische Geschichte erwarten. Denn ihr „Tanz der Titanen“ ist ein surrealistisches Werk, das damit quer zu den üblichen Erzählkonventionen liegt. Es beginnt als sanfte Politsatire, die wohlwollend den freundschaftlichen Umgang der Politiker untereinander zeigt, und sie in einer sehr künstlichen Sprache voller Floskeln reden lässt. Als sie bemerken, dass sie allein sind, mutiert der Film zu einem Horrorfilm, in dem sie sich fragen, was in dem dunklen Wald auf sie lauert. Und sie fragen sich, ob sie überhaupt etwas tun oder nicht einfach besser in dem malerisch am See gelegenem Pavillon abwarten sollen, bis jemand kommt.

Und dann entdecken sie ein riesiges Gehirn, das aus einem Fünfziger-Jahre-B-Picture stammen könnte. Ab und an werden Stil und Genre gewechselt, ohne dass sich etwas an dem Grundproblem der Komödie ändert. Guy Maddin, Evan Johnson und Galen Johnson hatten nur eine Idee für einen SNL-Sketch ohne eine Pointe. Diese dehnten sie auf Spielfilmlänge. Die spielfreudigen Schauspieler kämpfen erfolglos gegen die allumfassende Langeweile an. Denn auch absurde Filme sollten mehr bieten als die endlose Wiederholung des immergleichen Gags ohne eine nennenswerte Variation.

Erarbeitet, geschrieben und inszeniert wurde „Tanz der Titanen“ von Guy Maddin, Evan Johnson und seinem Bruder Galen Johnson. Maddin ist der bekannteste Künstler des Regie-Trios, das in den vergangenen zehn Jahren  gemeinsam „The Forbidden Room“ (2015), „The Green Fog“ (2017) und das interaktive Internetprojekt „Seances“ (2016) realisierte. Maddins bekannteste Filme sind „The Saddest Music in the World“ (2003) und „My Winnipeg“ (2007).

Tanz der Titanen (Rumours, USA/Kanada/Deutschland/Großbritannien/Ungarn 2024)

Regie: Guy Maddin, Evan Johnson, Galen Johnson

Drehbuch: Evan Johnson (nach einer Geschichte von Guy Maddin, Evan Johnson und Galen Johnson)

mit Cate Blanchett, Roy Dupuis, Nikki Amuka-Bird, Charles Dance, Takehiro Hira, Denis Ménochet, Rolando Ravello, Zlatko Burić, Alicia Vikander

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Tanz der Titanen“

Moviepilot über „Tanz der Titanen“

Metacritic über „Tanz der Titanen“

Rotten Tomatoes über „Tanz der Titanen“

Wikipedia über „Tanz der Titanen“ (deutsch, englisch)