Während der Revolution in Mexiko kämpfen ein Gringo, ein Banditenanführer und ein General mit- und gegeneinander um, nun, verschiedene Dinge.
Der Italowestern (und Politthriller) „Töte Amigo“ ist kraftvoll, kurzweilig, mit burlesken Übertreibungen, sehr unterhaltsam und brutal. Dass die Geschichte eher grob gestrickt ist, stört dabei kaum.
Ein verzichtbarer Film. Jedenfalls wenn man erwartet, viel über Luis Buñuel, sein Leben, sein Denken, sein Werk und den Surrealismus zu erfahren. Sicher, das alles spricht Buñuel-Experte Javier Espada in seinem Dokumentarfilm „Buñuel – Filmemacher des Surrealismus“ an. Er leitete von seiner Gründung im Jahr 2000 bis 2016 das Centro Buñuel de Calanda (CBC). Er gestaltete den Inhalt der Dauerausstellung des Museums, kuratierte weitere Buñuel-Ausstellungen, mitverantwortete als Co-Regisseur mehrere Dokumentarfilme über Buñuel und schrieb Texte und Bücher über ihn. Auf den ersten Blick könnte es also keinen besseren Regisseur für diesen Film geben.
Das ist leider ein Irrtum.
Chronologisch geht es in „Buñuel – Filmemacher des Surrealismus“ einmal durch Buñuels Leben. Dazwischen streut Espada beliebig, vollkommen willkürlich und ohne Erklärung kurze Auschnitte aus Buñuels Filmen ein. Über die Filme erfahren wir nichts. Über Buñuels Denken und den Surrealismus eigentlich auch nichts. Und warum Alfred Hitchcock Buñuel den besten Regisseur der Welt nannte, können wir nach diesem Film noch nicht einmal erahnen.
Entsprechend ratlos dürften Menschen, die nichts über Buñuel wissen, beim Ansehen des Dokumentarfilms sein.
Die anderen – wozu ich gehöre – können die Bilder aus Buñuels Filmen zum Anlass nehmen, sich mal wieder seine Filme anzusehen. Aber dafür brauchen sie diesen Film nicht. Da genügt die Frage: Sollen wir uns wieder sein Debüt „Ein andalusischer Hund“ oder seinen letzten Film „ Dieses obskure Objekt der Begierde“ oder einen Film dazwischen ansehen?
Buñuel – Filmemacher des Surrealismus (Buñuel, un cineasta surrealista, Spanien 2021)
1978 wurde Christopher Reeve mit seinem zweiten Spielfilm zum Superstar. Danach war er Superman. In dem Moment war seine Karriere als Schauspieler vorbei. Mit keinem seiner anderen Filme konnte er an den Erfolg von „Superman“ anknüpfen. Das Publikum wollte ihn nur als Clark Kent sehen.
1995 brach er sich bei einem Cross-Country-Reitturnier, als er von seinem Pferd stürzte, zwei Halswirbel. Der passionierte Sportler war vom Hals abwärts querschnittgelähmt. Seitdem war sein Leben, abgesehen von wenigen Filmauftritten, wie der Hauptrolle in dem Alfred-Hitchcock-Remake „Das Fenster zum Hof“ (Rear Window), geprägt von seiner Rehabilitation und der Arbeit in der von ihm und seiner Frau gegründeten Christopher and Dana Reeve Foundation.
Am 10. Oktober 2004 starb der am 25. September 1952 geborene Schauspieler mit 52 Jahren.
In ihrem Dokumentarfilm „Super/Man: The Christopher Reeve Story“ schildern Ian Bonhôte und Peter Ettedgui Reeves Leben auf zwei Zeitebenen. Einmal geht es um Reeves Karriere als Schauspieler und, vor allem, als Superman. In vier Spielfilmen spielte er den Comic-Superhelden. In dem zweiten Erzählstrang geht es um seinen Kampf gegen seine Lähmung, den damit verbundenen Einschränkungen und seiner Lobbyarbeit für Behinderte und die Forschung, um sein und ihr Leben zu verbessern.
Dafür konnte das Regieduo auch auf von Reeve und seiner Familie aufgenommene Heimvideos zurückgreifen.
Das alles montierten sie, mit Statements von Reeves Familie und Schauspielkollegen und historischen Aufnahmen, zu einem süffigen Dokumentarfilm, der gut gemacht und informativ ist. Jedenfalls wenn man wenig über Reeve weiß.
Ihr von der Machart her konventioneller Film ist eine etwas oberflächliche Doku, die bei ihrem Überblick über Reeves Leben vieles anspricht, dann aber nicht weiter vertieft. Das gilt für seine lebenslange Freundschaft zu Robin Williams. Sie lernten sich in den frühen siebziger Jahren während ihres Schauspielstudiums an der Juilliard School kennen. In „Super/Man“ irrlichtert Williams wie ein sich wichtig machender Clown durch den Film. Das gilt für Reeves Stiftung und ihre Arbeit. Im Film wirkt sie wie herkömmliche Lobby-Organisation für die Belange von Querschnittgelähmten. Dabei ist sie durch ihren Einsatz für die Forschung viel mehr.
Dafür geben Bonhôte und Ettedgui neben Christopher Reeves öffentlichem Leben als Hollywood-Star auch einen Einblick in sein Privatleben und den Zusammenhalt der Familie Reeve. Dieser Teil dürfte auch für die Fans von Superman Reeve neu sein; – neben den bislang unveröffentlichten Privataufnahmen.
Super/Man: The Christopher Reeve Story (Super/Man: The Christopher Reeve Story, USA 2024)
Regie: Ian Bonhôte, Peter Ettedgui
Drehbuch: Peter Ettedgui, Ian Bonhôte (Co-Autor), Otto Burnham (Co-Autor)
mit (teils nur Archivaufnahmen) Christopher Reeve, Dana Reeve, Matthew Reeve, Will Reeve, Alexandra Reeve Givens, Robin Williams, Susan Sarandon, Glenn Close, Richard Donner
Thelma Potts (June Squibb) ist 93 Jahre alt und noch sehr fit für ihr Alter. Trotzdem fällt sie auf einen Betrüger herein. Er behauptet am Telefon, ihr über alles geliebter Enkel Daniel zu sein und dass er dringend Geld braucht. Panisch schickt Thelma ihm das Geld per Post zu. Nur um kurz darauf festzustellen, dass sie betrogen wurde. Die Polizei ist keine große Hilfe. Solche Betrüger gäbe es, so erklärt der hilfsbereite Beamte Thelma und ihrer Familie, öfter und normalerweise würden sie nicht bestraft werden.
Stinksauer beginnt Thelma in ihrer Heimatstadt in Los Angeles auf eigene Faust den Verbrecher zu suchen. Dabei hilft ihr ihr alter Freund Ben (Richard Roundtree). Verfolgt werden sie von Thelmas TochterGail (Parker Posey) und ihrem Schwiegersohn Alan (Clark Gregg). Zwischen ihnen steht Daniel (Fred Hechinger).
„Thelma – Rache war nie süßer“ ist eine ihrer Heldin angemessen langsam erzählte harmlos-nette Krimikomödie. Der Humor entsteht aus der sorgfältig konstruierten Geschichte und der Diskrepanz zwischen dem, was Thelma und Ben in ihrem Alter noch tun können, und was wir aus Actionfilmen kennen. Die Schauspieler sind erwartbar gut. Störend und unpassend zur vorherigen Geschichte ist das Ende, in dem Thelma die Bösewichter für ihre Taten bestraft.
Josh Margolin wählte für sein Spielfilmdebüt das 2.39:1-Bildformat, das nur auf einer großen Kinoleinwand seine volle Pracht entfalten kann.
Sein Spielfilmdebüt ist der vorletzte Film von „Shaft“ Richard Roundtree. Er starb am 24. Oktober 2023 in Los Angeles. Sein letzter Film wird Greg Pritikins noch nicht veröffentlichter Kurzfilm „Swedish Erotica (a comedy)“ sein.
Thelma – Rache war nie süßer (Thelma, USA 2024)
Regie: Josh Margolin
Drehbuch: Josh Margolin
mit June Squibb, Fred Hechinger, Parker Posey, Clark Gregg, Richard Roundtree, Malcolm McDowell, Chase Kim, Aidan Fiske
Drehbuch: Ronan Bennett, Ann Biderman, Michael Mann
LV: Bryan Burrough: Public Enemies, 2004
Melvin Purvis (Christian Bale) jagt John Dillinger (Johnny Depp).
Die Version von Michael Mann.
Da waren meine Erwartungen entsprechend hoch – und sie wurden enttäuscht. Denn im Vergleich zu „Dillinger“ von John Milius mit Warren Oates als John Dillinger und Ben Johnson als Melvin Purvis ist Manns Version doch ein eher laues Lüftchen mit Starpower und einer die Atmosphäre zerstörenden Digitalkamera (wobei das allerdings auch am Kino gelegen haben kann. Denn ein Kumpel meinte, er hätte eine Vorführung gesehen, bei der Mann die Technik überwachte und die Bilder seien grandios gewesen).
„spannende Genre-Bricolage“ (Lexikon des internationalen Films)
Mit Johnny Depp, Christian Bale, Marion Cotillard, Giovanni Ribisi, Billy Crudup, Stephen Dorff, James Russo, Rory Cochrane, Channing Tatum, Diana Krall
Buch zum Film: Lee Hays: Once Upon a Time in America, 1984 (Es war einmal in Amerika)
Kamera: Tonino Delli Colli
Musik: Ennio Morricone
Ein grandioses Gangsterdrama: die Geschichte von Freundschaft und Verrat – erzählt in wunderschönen Bildern und in einer komplexen Struktur, die lose auf dem autobiographischen Buch von Harry Grey basiert. Leone meinte, im Drehbuch seien nur zehn bis zwanzig Prozent des Buches enthalten.
Mit Robert de Niro, James Woods, Joe Pesci, Treat Williams, Burt Young, Elizabeth McGovern
Antiquarischer Buchtipp: Zum Filmstart erschien im Bastei-Lübbe-Verlag das Buch zum Film mit Hays’ Roman, vielen Filmbildern (SW und Farbe), einem Sergio-Leone-Porträt von Andreas Kern und einem Text von Leone über den Film. So machen „Bücher zum Film“ Spaß.
Colter Stevens versucht einen Anschlag auf einen fahrenden Zug zu verhindern. Nach acht Minuten ist er tot. Danach wird er wieder wach im Zug und er hat wieder acht Minuten Zeit, den Attentäter zu finden.
Die Prämisse ist eine äußerst fiese Abwandlung des Murmeltier-Tags. Das Ergebnis ist ein äußerst spannender, um nicht zu sagen bombiger Thriller.
Kurz nach Weihnachten sind vier aus der Stadt kommende Mittdreißiger und ein älterer Bergbauer in einer Hütte in Berchtesgadener Land eingeschneit (jaaa, damals gab es noch Schnee im Winter). Das komplizierte Beziehungs- und Liebesgeflecht läuft nach einem tödlichen Autounfall endgültig aus dem Ruder.
Selten gezeigter zweiter Spielfilm von Tom Tykwer. Der große Durchbruch kam mit „Lola rennt“, seinem dritten Spielfilm.
„eine faszinierende Winterreise…Auch formal eine sehenswerte Ballade der einsamen Eingeschneiten“ (Fischer Film Almanach 1998)
Anschließend, um 22.10 Uhr, zeigt Arte die brandneue, gut einstündige Doku „Ulrich Matthes – Leidenschaft und Haltung“.
Mit Ulrich Matthes, Heino Ferch, Floriane Daniel, Marie-Lou Sellem, Josef Bierbichler, Sebastian Schipper, Saskia Vester, Laura Tonke
LV: David Barstow, David Rohde, Stephanie Saul: Deepwater Horizon’s Final Hours (The New York Times, 26. Dezember 2010)
Grandioses Drama über die von BP grob fahrlässig verursachte und extrem kostspielige Katastrophe auf der Olbohrplattform „Deepwater Horizon“, die am 20. April 2010 im Golf von Mexiko in Flammen aufging. Elf Arbeiter verloren ihr Leben. Die darauf folgende Umweltkatastrophe wird im Abspann erwähnt.
Columbo: Blumen des Bösen (The Greenhouse Jungle, USA 1972)
Regie: Boris Sagal
Drehbuch: Jonathan Latimer
Onkel Jarvis, Orchideenzüchter und Verwalter des Familienvermögens, schlägt dem in finanziellen Nöten steckenden Playboy Goodland eine fingierte Entführung vor. Aber Goodland bleibt für immer verschwunden. Oder wird Columbo ihn finden?
Diese natürlich äußerst gelungene Columbo-Folge (Plot gut, Dialoge gut, Schauspieler dito) ist das letzte Drehbuch des, mit einem ordentlichem Comedy-Anteils, Hardboiled-Autors Joseph Latimer. Er schrieb auch Drehbücher für die langlebige Perry Mason-Serie mit Raymond Burr und, davor, die Noirs „The Glass Key“ (1942) und „The Big Clock“ (1948).
„Eine Frage hätte ich noch.“ – „Ja, danach werden weitere klassische Fälle mit ihnen gezeigt. Um 18.30 Uhr und um 00.55 Uhr ‚Étude in Schwarz‘ (1972), um 20.15 Uhr ‚Wenn der Eismann kommt‘ (1972), um 21.45 Uhr ‚Alter schützt vor Torheit nicht‘ (1972) und um 23.40 Uhr ‚Blumen des Bösen‘ (1972). Sitzen bleiben lohnt sich.“
Mit Peter Falk, Ray Milland, Bob Dishy, Bradford Dillman, Sandra Smith
John Cranko war von 1961 bis bis zu seinem Tod am 26. Juni 1973 Direktor des Stuttgarter Balletts.
In diesen Jahren transformierte er ein Provinzensemble zu einer international anerkannte und bewunderten Compagnie. Sie revolutionierten das Ballett.
In seinem dritten Spielfilm erzählt Joachim A. Lang, mit Sam Riley in der Hauptrolle und Mitgliedern des Ensembles des Stuttgarter Balletts, Crankos Geschichte in Stuttgart nach. Dabei bedient er sich dem aus seinen beiden vorherigen Filmen „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ und „Führer und Verführer“ bekanntem Prinzip, nur verbürgte Aussagen zu einer Collage zusammenzufügen. In „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ war das Ergebnis grandios. In „Führer und Verführer“ enttäuschte es. In „Cranko“ überzeugt es wieder; – auch wenn Lang sich dieses Mal offensichtliche Freiheiten nimmt.
Er verbindet, sehr gelungen, Crankos Biographie mit Tanzsequenzen, die sich teilweise in Crankos Kopf abspielen und seinen Denkprozess verdeutlichen. Er erzählt von Crankos Problemen als Künstler bei der Verwirklichung seiner Vision und seinem chaotischem Privatleben. So nahm der am 15. August 1927 in Rustenburg, Südafrika, geborene Cranko die Stelle in Stuttgart nur an, weil er in London an einem absoluten Tiefpunkt angelangt war. Dort durfte er wegen seiner Homosexualität nicht mehr arbeiten. Auch in Stuttgart lebte der Künstler offen schwul, hatte zahlreiche Liebschaften und pflegte einen in jeder Beziehung unkonventionellen Lebens- und Arbeitsstil. So lehnte er, damals noch unerhörter als heute, ein eigenes Büro ab und machte die Kantine zu seinem Büro.
„Cranko“ ist ein auch für Nicht-Ballettfans sehenswerter Film, der einen auf unterhaltsame Weise klüger macht.
Cranko (Deutschland 2024)
Regie: Joachim A. Lang
Drehbuch: Joachim A. Lang
mit Sam Riley, Max Schimmelpfennig, Hanns Zischler, Lucas Gregorowicz, Louis Nitsche, Marcus Calvin, Sascha Göppel, Stefan Weinert, Elisa Badenes, Jason Reilly, Marti Paixà, Rocio Aleman, Friedemann Vogel, Henrick Erikson
Als der Ethnololgie-Doktorand Alexander Hoffmann 1896 im Rahmen der Völkerschau bemerkt, dass die Herero nicht so dumm sind, wie sie es nach der herrschenden Rassentheorie sein sollten, macht er sich, getrieben von wissenschaftlicher Neugier, auf den Weg in die deutsche Kolonie in Südwestafrika. Dort gerät er in den Krieg zwischen der deutschen Kolonialmacht und den Hereros und Nama.
TV-Premiere. Packendes Drama über ein immer noch weitgehend ignoriertes unrühmliches Kapitel der deutschen Geschichte.
mit Leonard Scheicher, Girley Charlene Jazama, Peter Simonischek, Corinna Kirchhoff, Anton Paulus, Leo Meier, Sven Schelker, Max Koch, Ludger Bökelmann, Alexander Radszun, Michael Schenk, Tilo Werner
Wiederholung: ZDF, Montag, 7. Oktober, 20.15 Uhr (mit der 45-minütigen Doku „Der vermessene Mensch – Die Dokumentation“ im Anschluss um 22.00 Uhr)
Vor fünf Jahren war „Joker“ ein überraschend erfolgreicher Film. Er wurde von der Kritik und dem Publikum abgefeiert, erhielt in Venedig den Goldenen Löwen und spielte weltweit über eine Milliarde US-Dollar ein. Das war angesichts seines R-Rating (also „nicht jugendfrei“) ein sensationelles Ergebnis. Und weil „Joker“ mit einem Budget von irgendetwas zwischen 55 und 70 Millionen US-Dollar äußerst günstig war, war eine Fortsetzung schnell beschlossen. Diese soll jetzt erstaunliche 190 bis 200 Millionen Dollar gekostet haben. Dabei spielt die Geschichte fast ausschließlich an drei Orten: einem Gefängnis, einem Gerichtssaal und, für die zahlreichen Musik-Nummern, die aus dem Film ein Musical machen, einer stilisierten Bühne.
In „Joker“ bringt der erfolglose, nicht witzige Comedian Arthur Fleck sechs Menschen um. Die Morde an drei Yuppies in der U-Bahn und an TV-Talkmaster Murray Franklin vor laufender Kamera machen den zunehmend geistig verwirrten Fleck berühmt. Er wird immer mehr zum Joker, einem Chaos stiftendem Bösen Clown und Erzfeind von Batman, der im ersten „Joker“-Film und auch in der Fortsetzung nicht auftaucht.
Der in Gotham City (aka New York) spielende Film war eine unübersehbare Liebeserklärung an Martin Scorseses „Taxi Driver“ und, noch mehr, „King of Comedy“. Todd Phillips Gotham sieht wie New York in den siebziger Jahren aus. Wirklich gepackt hat mich diese von sich und ihrer eigenen Bedeutung masslos überzeugte Origin-Story nie.
„Joker: Folie à Deux“ erzählt die Geschichte von Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) nahtlos weiter. Seit ungefähr zwei Jahren sitzt er in der psychiatrischen Anstalt Arkham, die schon in den fünfziger Jahren eine hoffnungslos heruntergekommene, versiffte Gefängnisklinik gewesen wäre. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine Anwältin versucht ihn auf den anstehenden Gerichtsprozess vorzubereiten. Sie möchte auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren.
Zur gleichen Zeit lernt Fleck in der Anstalt während eines Chorsingens ‚Harley Quinn‘ Lee Quinzel (Lady Gaga) kennen. Sie behauptet, sein größter Fan zu sein. Sie verlieben sich ineinander.
Während der Gerichtsverhandlung, die fast die gesamte zweite Hälfte des Films einnimmt, feuert Fleck seine Anwältin und übernimmt seine Verteidigung – in der Maske des Jokers.
Das klingt doch ganz gut. Aber „Folie à deux“ ist mehr die Idee von einem Film als ein echter Film.
Todd Phillips erzählt Flecks Geschichte als Musical. Die meisten Gesangsnummern, die einen großen Teil des Films einnehmen, spielen sich in seinem Kopf ab. Sie kommentieren die Ereignisse und imaginieren gemeinsame Auftritte von ihm mit Harley Quinn als singendes Liebespaar mit mörderischen Tendenzen. Sie singen bekannte Songs, die sich nicht von vor sechzig, siebzig Jahren aufgenommenem klassischen Big-Band-Jazz unterscheiden.
Während „Folie à deux“ einerseits Flecks Geschichte weitererzählt, wiederholt er die Struktur des ersten „Joker“-Films erstaunlich genau. Allerdings verzichten die Macher dieses Mal auf die offensichtlichen politischen Anspielungen und die damit verbundene krude politische Botschaft. In „Folie à deux“ dreht sich alles um Flecks Leiden in Arkham, sein Auftreten vor Gericht, wo er stolz den der Anklage bislang unbekannten Mord an seiner Mutter gesteht, und seine Beziehung zu Lee Quinzel, die sein größter Fan ist. Vor Gericht treten dann auch einige aus dem ersten Film bekannte Figuren als Zeugen der Anklage wieder auf.
Eine irgendwie eine packende Geschichte ergibt sich aus diesen hübsch hintereinander drapierten Szenen nicht. Eigentlich wiederholen sie nur den ersten Film noch einmal. Mit kleinen Variationen in einer anderen Umgebung und einem etwas anderem Ende.
Arthur Fleck ist, auch wenn „Joker“ seine Origin-Story erzählte und er jetzt der Joker sein sollte, immer noch nicht der Joker, sondern Arthur Fleck, ein Geisteskranker mit einer gespaltenen Persönlichkeit. Er ist ein leidender Mann, der von allen herumgestoßen wird. Nur in wenigen Momenten des Films, vor allem wenn er sich vor Gericht in eigener Sache verteidigt und dabei alles tut, um eine möglichst hohe Strafe zu erhalten, ist Fleck der Joker. Also, er trägt die Maske des Jokers.
Das Ende ist dann ‚mutig‘ oder ‚konsequent‘; ich kann jedenfalls sehr gut mit diesem Ende leben. Wenn nur der Weg dorthin unterhaltsamer (und kürzer) gewesen wäre.
Joker: Folie à Deux (Joker: Folie à Deux, USA 2024)
Regie: Todd Phillips
Drehbuch: Scott Silver, Todd Phillips (basierend auf der DC-Comics-Figur)
mit Joaquin Phoenix, Lady Gaga, Brendan Gleeson, Catherine Keener, Zazie Beetz, Steve Coogan, Harry Lawtey, Leigh Gill, Ken Leung, Jacob Lofland, Bill Smitrovich
Drehbuch: Kit Hopkins, Thilo Röscheisen, Michael Bully Herbig
Durchaus spannender Thriller über die Flucht der Familien Strelzyk und Wetzel in einem selbstgebauten Ballon am 16. September 1979 aus der DDR in den Westen.
mit Friedrich Mücke, Karoline Schuch, David Kross, Alicia von Rittberg, Thomas Kretschmann, Jonas Holdenrieder, Tilman Döbler, Ronald Kukulies, Emily Kusche, Till Patz, Ben Teichmann, Christian Näthe, Sebastian Hülk, Gernot Kunert, Ulirch Friedrich Brandhoff
Killerin Vos erledigt für eine geheimnisumwitterte Firma unmögliche Aufträge. Mittels einer von der Firma erfundenen Technik kann sie in andere Körper schlüpfen und in ihnen die Morde durchführen. Mit der Zeit führt das auch zu Problemen in ihrem Kopf.
TV-Premiere. Wie der Vater so der Sohn: formidabler Body-Horror aus dem Haus Cronenberg. Tolle Bilder, eine beunruhigende Prämisse und, leider, eine schwache Auflösung. Trotzdem ein lohnenswerter Trip.
USA, achtziger Jahre: die achtzehnjährige Maren reist auf der Suche nach ihrer vor Jahren verschwundenen Mutter quer durch die US-amerikanische Provinz. Begleitet wird sie auf ihrer Reise von Lee. Er ist wie sie ein Eater, also ein Mensch, der hungrig auf Menschenfleisch ist.
TV-Premiere. Düsterer Hybrid aus Horror-, Liebes- und Roadmovie.
Im August 2023 spielte Element of Crime in Berlin fünf Konzerte für den Konzert-/Dokumentarfilm „Element of Crime in Wenn es dunkel und kalt wird in Berln“. Die Konzerte erzählen einen Aspekt der Geschichte der Band, nämlich den steigenden Zuspruch des Publikums, nach. Das erste Konzert des Films ist im Privatclub, einer kleinen Location für 200 Gäste. An den folgenden Tagen traten sie in immer größeren Locations auf. Das fünfte und letzte Konzert ist ein ausverkauftes Open-Air-Konzert in der Zitadelle Spandau vor 9000 Fans.
Für seinen Dokumentarfilm „Element of Crime in Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“ ergänzte Schauspieler Charly Hübner die Live-Aufnahmen um Interviews mit den Bandmitgliedern und einige Bilder von den Anfängen der Band in den achtziger Jahren in kleinen Berliner Clubs. Damals sangen sie noch auf Englisch. Der Erfolg blieb aus. Das änderte sich 1991 mit „Damals hinterm Mond“, ihrer ersten LP mit deutschen Texten und dem richtigen Beginn der Geschichte von „Element of Crime“. Seitdem ist ihre Musik eine melancholisch-filigrane Nachtmusik zwischen Chanson, Independent und ruhiger Rockmusik. Sie haben keine großen Hits, aber einen unverkennbaren Stil, den sie seit über dreißig Jahren perfektionieren.
„Element of Crime in Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“ ist eine ordentliche Musikdoku, die in bewährter Manier ausführlich dokumentierte Live-Auftritte und knappe, eher anekdotische Statements der Musiker unaufgeregt miteinander verbindet. Hübners Doku ist primär der Film eines Fans der Band für die Fans der Band.
P. S.: Zum Film ist eine Soundtrack-CD erschienen. Aber vielleicht gibt es auch irgendwann eine CD-Box mit allen auf dieser Berlin-Tour gespielten Konzerten. Das wäre, vielleicht nächste Jahr zum vierzigjährigem Bandjubiläum, eine sehr gute Ergänzung zu den wenigen offiziell erhältlichen Live-Mitschnitten.
Element of Crime in Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin(Deutschland 2024)
Regie: Charly Hübner
Drehbuch: Charly Hübner
mit Sven Regener, Jakob Ilja, Richard Pappik, Markus Runzheimer, Rainer Theobald, Ekki Busch
Länge: 94 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
–
Kinostart: Dienstag, 1. Oktober, als bundesweiter Event-Start
Die Polizistin und die Sprache des Todes (Deutschland 2024)
Regie: Lars Becker
Drehbuch: Lars Becker
TV-Premiere. Gut, die Prämisse klingt jetzt ziemlich vertraut – eine BKA-Sonderermittlerin wird in die Provinz geschickt, weil dort wahrscheinlich das vierte Opfer eines Serienmörders gefunden wurde – aber der Film ist von „Nachtschicht“-Macher Lars Becker und da dürfte es einige Überraschungen geben.
mit Thelma Buabeng, Artjom Gilz, Nicholas Ofczarek, Thomas Schubert, Farba Dieng, Jane Chirwa, Enno Trebs, Sina Tkotsch, Doris Kunstmann
Korntal ist ein kleiner Ort in Baden-Württemberg in der Region Stuttgart. Korntal ist auch der Ort, an dem einer der größten Missbrauchsskandale der Evangelischen Kirche in Deutschland stattfand. Beginnend in den fünfziger Jahren wurden in den Heimen der pietistischen Brüdergemeinde Korntal unzählige Kinder missbraucht, gezüchtigt und Opfer sexualisierter Gewalt. 2013 wurde der Skandal öffentlich. 2018 erschien ein Abschlussbericht. Bis heute haben sich über 150 Heimkinder gemeldet und über 80 Täter konnten ermittelt werden. Und natürlich ist der Skandal mit der Vorstellung eines Abschlussberichts und der Zahlung von erbärmlich niedrigen Entschädigungen von höchstens 20.000 Euro pro Opfer nicht erledigt.
Allein diese Dimension des Skandals rechtfertigt einen Kinodokumentarfilm darüber.
Aber Betroffenheit, Empörung und guter Wille reichen nicht. Wie auch bei anderen Filmen über den Missbrauch von Kindern in der Kirche und anderen Institutionen, wie Internaten und Kinderheimen, stellt sich die Frage, wie darüber berichtet wird.
Julia Charakter wählt in ihrem Film „Die Kinder aus Korntal“ den Weg, sich auf die Seite der Opfer zu stellen und sich auf sie und ihre Berichte über ihre Jahrzehnte zurückliegende Zeit in Korntal zu konzentrieren. Sie hinterfragt nicht. Sie ordnet deren Statements nicht ein. Sie analysiert nicht. Sie lässt einfach die Betroffenen reden. Deutlich kürzere Statements gibt es von einigen Bewohner von Korntal und Mitgliedern der religiösen Gemeinde. Sie verzichtet auch auf ein Voice-Over. Leider. Denn so muss man sich als Zuschauer entweder vor dem Film über den Skandal informieren oder während des Films mühsam die Informationskrümel zusammensuchen.
Am Ende bleibt nur das Gefühl, dass es schlimm war und Mitleid mit den Opfern. Das ist zu wenig.
LV: Forrest Carter: The Rebel Outlaw: Josey Wales, 1973 (Gone to Texas; The Outlaw Josey Wales; Josey Wales)
Missouri, während des Bürgerkriegs: Marodierende Nordstaatler bringen die Familie von Farmer Josey Wales um. Er schwört Rache, schließt sich den Südstaatlern an, ergibt sich nicht am Ende des Bürgerkrieges, wird als Outlaw gejagt und will irgendwann nur noch seine Ruhe haben. Aber langsam hat er eine Ersatzfamilie im Schlepptau.
Ein feiner Western
mit Clint Eastwood, Chief Dan George, Sondra Locke, Bill McKinney, John Vernon, Paula Trueman, Sam Bottoms