TV-Tipp für den 22. Februar: Kulturkrieg – Kunst als Waffe

Februar 21, 2023

Arte, 22.00

Kulturkrieg – Kunst als Waffe (Deutschland 2023)

Regie: Philipp Kohlhöfer

Drehbuch: Philipp Kohlhöfer

TV-Premiere. Fünfzigminütiege Doku über ukrainische Künstler und wie sie leben, arbeiten und gegen Russland um ihr Land kämpfen. Das ist ein interessantes Thema. Aber so wie es in „Kulturkrieg – Kunst als Waffe“ präsentiert wird, sollte es nicht getan werden.

Über die Arbeit der Künstler, ihre Bedeutung für die ukrainische Kulturszene und ihren Einfluss auf das dortige Leben erfahren wir wenig konkretes. Es geht, in eher kurzen Statements, mehr um ihre Gefühle und ihr aktuelles Leben als Soldat. Denn jetzt stehe die Verteidigung ihrer Heimat an erster Stelle. Manchmal dürfen sie ihre Arbeiten präsentieren. Bei den Musikern, die dann mit ihrer Musik auftreten, und einem Grafiker, dessen Plakate gezeigt werden, sind sie auch ohne große Erklärungen halbwegs verständlich. Bei den Liedern wären, um die Texte zu verstehen, Untertitel hiflreich gewesen. Doch insgesamt wird sich noch nicht einmal oberflächlich mit ihrem Werk und ihren Botschaften auseinandergesetzt.

Ärgerlich sind bei den Interviews die Sekundenschnitte und die Wackelkamera. Anstatt einfach einmal ein, zwei Minuten ungestört einem Menschen zuzuhören, gibt es alle paar Sekunden einen überflüssigen, vom Gesagten ablenkenden Schnitt. Noch störender ist die Musik. Fast alle Bilder werden mit einem bezuglos zu den Bildern hinblubberndem, austauschbarem Soundteppich zugekleistert. Furchtbar.

mit Olena Zelenska, Andriy Yermolenko, Taras Topolia, Mykhailo Reva, Mariam Naiem, Vira Lebedynska, Andriy Khlyvnyuk, Moisei Bondarenko, Volodymyr Bezruky

Hinweis

Arte über die Doku (dort steht die Doku nach ihrer Ausstrahlung in der Mediathek)


Cover der Woche

Februar 21, 2023


TV-Tipp für den 21. Februar: Tatort: Bienzle und das Narrenspiel

Februar 20, 2023

Am Fastnachtsdienstag

NDR, 22.00

TATORT: Bienzle und das Narrenspiel (Deutschland 1994)

Regie: Hartmut Griesmayr

Drehbuch: Felix Huby

LV: Felix Huby: Bienzle und das Narrenspiel, 1988

Kommissar Bienzle möchte seiner geliebten Hannelore die Ravensburger Fastnacht zeigen. Als ein Mord geschieht und der nach Bienzles Meinung unschuldige Behle inhaftiert wird, muss er den wahren Täter suchen.

Der dritte Bienzle-Tatort ist ein, mit viel Lokalkolorit gewürzter, spannender Fall. Ein großer Teil der Dreharbeiten fand in Ravensburg während der Fastnachts-Tage statt.

Mit Dietz Werner Steck, Rita Russek, Robert Atzorn, Ulrich Matschoss

Wiederholung: (Ascher)mittwoch, 22. Februar, 01.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Tatort: Bienzle und das Narrenspiel“ und Ernst Bienzle

Homepage von Felix Huby

Lexikon deutscher Kriminalautoren über Felix Huby

Planet Interview: Gespräch mit Felix Huby (21. Dezember 2008)

Meine Besprechung von Felix Hubys „Fast wie von selbst – Ein Gespräch mit Dieter de Lazzer“ (2008)

Meine Besprechung von Felix Hubys “Null Chance” (2009)

Meine Besprechung von Felix Hubys “Bienzle und das ewige Kind” (2009)

Meine Besprechung von Felix Hubys “Adieu, Bienzle” (2011)


„Jetzt ist Sense“ – Hans Rath liest vor

Februar 20, 2023

An ihrem 50. Geburtstag klingelt noch vor dem Frühstück der Tod bei Dr. Olivia Bentele. Er ist ein überaus apart aussehender Grieche. Allerdings hat er sich in der Tür geirrt.

Kurz darauf trifft die Psychologin ihn wieder. Zino Angelopoulos, wie er sich in dieser Welt nennt, bittet Olivia um Therapiesitzungen. Einerseits, weil er sie sympathisch findet, andererseits befindet er sich in einer Sinnkrise. Er hat nach Jahrhunderten und ohne die Aussicht auf eine Verrentung einfach keine Lust mehr.

So beginnt Hans Raths neuer Roman „Jetzt ist Sense“. Und der Tod erscheint bei seinem ersten Auftritt als eine tiefenentspannte Figur, die, wie wir seit Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“ wissen, immer Zeit für ein Schachspiel hat.

Doch dann vertieft Rath sich nicht in philosophische, theologische oder therapeutische Fragen oder forciert die Beziehung zwischen Olivia und Zino, der ein lebenslustiger Geist und notorischer Lügner ist. Auch die Frage, ob Zino wirklich der Tod oder nur einer der zahlreichen in der Hauptstadt lebenden Spinner ist, interessiert Rath nicht. Stattdessen lässt er die Geschichte ziellos vor sich hin plätschern. Spannender oder interessanter wird es auch nicht, als der Tod Olivia sagt, er habe sich nicht in der Tür geirrt. Der Tod mache keine Fehler und der Zeitpunkt ihres baldigen Ablebens stehe fest.

Es gibt einige Nebengeschichte, die sich um einen wertlosen Hof im benachbarten Brandenburg und Liebes- und Beziehungsprobleme zwischen Männern und Frauen und Eltern und Kindern drehen.

Rath erzählt das mit vielen knappen Beschreibungen der Handlungsorte und den Rest der Seiten ausfüllenden Dialogen. Diese sind eher funktional als witzig; wobei, das muss der Ehrlichkeit halber gesagt werden, „Jetzt ist Sense“ wird als „Roman“ beworben und nirgends steht, dass die Begegnung mit dem Sensemann zum Lachen ist.

Jetzt ist Sense“ liest sich wie der „Roman zum Film“ des „TV-Films der Woche“ zu. Mit einer niemals auch nur im Ansatz die Möglichkeiten seiner Geschichte auslotend und mit einem minimalem Schmunzelfaktor. Denn selbstverständlich gibt es, wenn die Welten aufeinanderprallen und in seiner Nähe fast immer Menschen sterben, etwas Humor. Und wenn es nur der Witz ist, der dadurch entsteht, dass der Tod im Bildvordergrund mit Olivia plaudert, während im Hintergrund wieder eine Leiche abtransportiert wird.

Die Buchpremiere:

Am Mittwoch, den 22. Februar, stellt Hans Rath um 20:00 Uhr im Kriminaltheater Berlin (Palisadenstraße 48, 10243 Berlin) seinen neuen Roman vor und beantwortet Fragen. Benno Fürmann liest vor und Michaela Wiebusch moderiert den Abend.

Hans Rath: Jetzt ist Sense

dtv, 2023

288 Seiten

15,95 Euro

Hinweise

Homepage von Hans Rath

Wikipedia über Hans Rath


TV-Tipp für den 20. Februar: Good bye, Lenin!

Februar 19, 2023

Arte, 20.15

Good bye, Lenin! (Deutschland 2003)

Regie: Wolfgang Becker

Drehbuch: Bernd Lichtenberg, Wolfgang Becker

Als Mutter Kerner ins Koma fällt, gibt es die DDR noch. Als sie wieder wach wird, gibt es sie nicht mehr. Aber weil sie eine ultrastramme Kommunistin ist und ihr Arzt meint, auch die kleinste Aufregung könne sie töten, lässt ihr Sohn Alex die DDR wieder aufleben. Das entwickelt sich schnell zu einer Herkulesaufgabe.

Die süffige, warmherzige DDR-Komödie war vor zwanzig Jahren (der Kinostart war, wenige Tage nach der Berlinale-Premiere, am 13. Februar) ein unglaublicher Kassenerfolg. In Deutschland wurden 6,4 Millionen Kinotickets verkauft. Der erfolgreichste Kinofilm des Jahres war, mit 7,7 Millionen Zuschauern, „Findet Nemo“. Auf dem zweiten Platz folgte „Der Herr der Ringe 3“ und auf dem dritten Platz „Good bye, Lenin!“.

Anschließend, um 22.10 Uhr, zeigt Arte die gut einstündige, brandneue Doku „Daniel Brühl“.

mit Daniel Brühl, Katrin Sass, Florian Lukas, Chulpan Khamatova, Maria Simon, Alexander Beyer, Burghart Klaußner, Michael Gwisdek

Hinweise

Filmportal über „Good bye, Lenin!“

Rotten Tomatoes über „Good bye, Lenin!“

Wikipedia über „Good bye, Lenin!“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Wolfgang Beckers Daniel-Kehlmann-Verfilmung „Ich und Kaminski“ (Deutschland/Belgien 2015)


TV-Tipp für den 19. Februar: The Nightingale – Schrei nach Rache

Februar 18, 2023

3sat, 23.15

The Nightingale – Schrei nach Rache (The Nightingale, Australien 2018)

Regie: Jennifer Kent

Drehbuch: Jennifer Kent

TV-Premiere. Nachdem Soldaten ihren Mann und ihr Baby ermorden und sie vergewaltigen, schwört Claire Carroll Rache. Hasserfüllt jagt sie sie durch den tasmanischen Busch.

Das hört sich jetzt nicht so wahnsinnig spannend an, aber „The Babadook“-Regisseurin Jennifer Kent lässt die Geschichte ihres zweiten, ebenfalls grandiosen Spielfilms um 1825 in der britischen Kolonie Tasmanien spielen. Sie zeigt ungeschönt die dunklen, gerne verschwiegenen Seiten des Kolonialismus und Kolonialherren, die ungestraft ihre Triebe ausleben, weil sie wissen, dass sie dafür nicht bestraft werden. Ihre Opfer sind Sträflinge, Frauen und Einheimische. Das ist, auch weil der wahre Schrecken der ausführlich gezeigten Vergewaltigungen und Morde, erst im Kopf des Zuschauers entsteht, nichts für feinfühlige Seelen. Die FSK-18-Freigabe ist absolut gerechtfertigt.

The Nightingale“ ist ein in jeder Beziehung intensiver und übrzeugender Horror-Western, der bei uns nur als VoD und DVD/Blu-ray veröffentllicht wurde.

mit Aisling Franciosi, Sam Claflin, Baykali Ganambarr, Damon Herriman, Harry Greenwood

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Nightingale“

Wikipedia über „The Nightingale“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jennifer Kents „Der Babadook“ (The Babadook, Australien 2014)


TV-Tipp für den 18. Februar: Inherent Vice – Natürliche Mängel

Februar 17, 2023

Tele 5, 22.20

Inherent Vice – Natürliche Mängel (Inherent Vice, USA 2015)

Regie: Paul Thomas Anderson

Drehbuch: Paul Thomas Anderson

LV: Thomas Pynchon: Inherent Vice, 2009 (Natürliche Mängel)

Los Angeles in den frühen Siebziger: Der dauerbekiffte Privatdetektiv Larry ‚Doc‘ Sportello (Joaquin Phoenix) sucht den spurlos verschwundenen Liebhaber einer seiner Ex-Freundinnen. Das ist der Auftakt für einen wahrhaft labyrinthischen Plot, der sich ungeniert bei den großen und bekannten Noirs bedient – und sich würdig zu ihnen gesellt.

TV-Premiere. Köstlicher, ebenso traditionsbewusster wie selbstironischer Noir für die Fans von Hammett, Chandler, Ellroy, „Chinatown“, „The Big Lebowski“ und „The Nice Guys“ (ja, die kamen genaugenommen etwas später). Die Vorlage dieses Megacuts des bekannten Hardboiled- und Noir-Kanons ist von Thomas Pynchon.

Danach will man sich wieder die Klassiker ansehen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Owen Wilson, Katherine Waterston, Reese Witherspoon, Benicio Del Toro, Martin Short, Jena Malone, Joanna Newson, Eric Roberts, Hong Chau, Michael Kenneth Williams, Martin Donovan, Sasha Pieterse

Die Vorlage

Thomas Pynchon: Natürliche Mängel

(übersetzt von Nikolaus Stingl)

rororo, 2012

480 Seiten

14 Euro

Deutsche Erstausgabe/Gebundene Ausgabe

Rowohlt, 2010

Originalausgabe

Inherent Vice

The Penguin Press, 2009

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Moviepilot über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“

Metacritic über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“

Rotten Tomatoes über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“

Wikipedia über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (deutsch, englisch) und über Thomas Pynchon

Perlentaucher über Thomas Pynchons „Natürliche Mängel“

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (Inherent Vice, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Der seidene Faden“ (Phantom Thread, Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Licorice Pizza“ (Licorice Pizza, USA 2021)


TV-Tipp für den 17. Februar: First Reformed

Februar 16, 2023

3sat, 22.25

First Reformed (First reformed, USA 2017)

Regie: Paul Schrader

Drehbuch: Paul Schrader

TV-Premiere. Hochgelobtes Drama über einen mit seinem Glauben hadernden Geistlichen, der eine schwangere Frau trifft, die mit einem Umweltaktivisten verheiratet ist, der nicht möchte, dass sein Kind in diese Welt geboren wird.

Keine leichte Kost

Mit Ethan Hawke, Amanda Seyfried, Cedric Keyles, Victoria Hill, Michael Gaston

Hinweise

Rotten Tomatoes über „First Reformed“

Wikipedia über „First Reformed“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Akropolis Bonjour – Monsieur Thierry macht Urlaub“, so wie früher

Februar 16, 2023

Thierry Hamelins selbstgewählte Aufgabe als Pensionär ist das Einscannen und das damit verbundene sorgfältige und akribische Archivieren der in den vergangenen Jahrzehnten aufgenommenen Familienbilder. Diese Aufgabe könnte ihn gut die nächsten Jahre beschäftigen. Aber da sagt ihm seine 52-jährige berufstätige Frau Claire, dass sie ihn verlassen werde.

In dem Moment hat er eine neue Aufgabe: er will sie zurückerobern. Das soll bei der Wiederholung ihres Griechenlandurlaubs von 1998 geschehen. Damals waren sie, also er, seine Frau und ihre beiden Kinder Karine und Antoine, eine glückliche Familie. Die Urlaubsfotos beweisen es. Inzwischen sind die Kinder erwachsen. Seine Tochter ist eine vielbeschäftigte Anwältin; sein Sohn hangelt sich entspannt von einer gescheiterten Geschäftsidee zur nächsten.

Mit höflicher Penetranz kann er sie überzeugen, mit ihm den Urlaub nachzustellen. Bild für Bild. Als hätte sich in gut 25 Jahren nicht einiges geändert.

Akropolis Bonjour – Monsieur Thierry macht Urlaub“ ist eine warmherzige, letzendlich belanglose Feelgood-Komödie. François Uzan erzählt in seinem Spielfilmdebüt mit einem gut aufgelegtem Ensemble und vor fotogener Kulisse eine sich in durchaus vertraut-vorhersehbaren Bahnen bewegende RomCom-Geschichte. Dem Zielpublikum dürfte es gefallen.

Uzan schrieb auch die Drehbücher für die Netflix-Serie „Lupin“.

Akropolis Bonjour – Monsieur Thierry macht Urlaub (On sourit sur la photo, Frankreich 2022)

Regie: François Uzan

Drehbuch: François Uzan

mit Jacques Gamblin, Pascale Arbillot, Pablo Pauly, Agnès Hurstel, Ludovik

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (Oha!)

Hinweise

AlloCiné über „Akropolis Bonjour – Monsieur Thierry macht Urlaub“

Moviepilot über „Akropolis Bonjour – Monsieur Thierry macht Urlaub“

Wikipedia über „Akropolis Bonjour – Monsieur Thierry macht Urlaub“


Neu im Kino/Filmkritik: „Final Cut of the Dead“, ein Zombiefilm, eine Komödie, ein Making-of – und ein großer Spaß

Februar 16, 2023

Es beginnt mit einer furiosen 32-minütigen Einstellung, die mit einem Abspann endet. Wer jetzt hastig, immerhin hat er in dem Moment schon einen Film mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende gesehen, seine Sachen zusammenpackt und den Kinosaal in Richtung Ausgang verlässt, verpasst das Beste. Deshalb sollte jeder, der den ganzen Film sehen möchte, sitzenbleiben, bis im Saal das Licht angeht.

In einer abgelegen von der Stadt liegenden Fabrikruine dreht Rémi einen No-Budget-Horrorfilm. Es geht um Romero-typisch schlurfende Zombies, die Menschen angreifen, töten und essen. Während der Dreharbeiten, die aus Sicht des hyperaktiven und cholerischen Regisseurs nicht zufriedenstellend verlaufen, scheinen echte Zombies am Drehort aufzutauchen.

Als seine Stars beginnen, kreischend vor den Untoten wegzulaufen, brüllt er nur „Weiterdrehen!“. Jetzt hat er von seinen minderbegabten Schauspielern endlich die Reaktionen, auf die er den ganzen Tag erfolglos hinarbeitete. Dass sie dabei aufgegessen werden könnten, ist ein Opfer, das für die Kunst erbracht werden muss.

Mehr soll hier über „Final Cut of the Dead“ nicht verraten werden. Denn die irrwitzigen Wendungen des Films in seinem zweiten und dritten Akt sind ein großer Teil des Vergnügens. Dann werden auch die Merkwürdigkeiten des ersten Akts, wie dass französische Schauspieler sich mit japanischen Namen ansprechen, ihre teils peinlich schlechten Dialoge und die teils grottenschlechte Kameraführung erklärt.

Inszeniert wurde die sehr komische und hoffnungslos abgedrehte Horrorkomödie von Michel Hazanavicius, dem Regisseur von „The Artist“ und zwei OSS-117-Filmen. Er liebäugelte schon länger mit der Idee, eine Komödie über einen Filmdreh zu machen. Als er mit Vincent Maraval, einem der Produzenten des Films, darüber sprach, sagte er ihm, er habe die Rechte an einem japanischen Studentenfilm erworben. Hazanavicius sah sich den Film an. Er gefiel ihm und weil der Film die Themen behandelt, die er in seinem Film auch behandeln wollte, beschloss er, ein Remake der Horrorkomödie über einen aus dem Ruder laufenden Dreh eines Zombiefilms zu drehen.

Vor dem Dreh überarbeitete Hazanavicius das Drehbuch. Aber viel veränderte er nicht. Letztendlich polierte und verfeinerte er nur Shin’ichirô Uedas Überraschungserfolg „One Cut of the Dead“ (2017). Hier und da gibt es in seinem Drehbuch kleinere Änderungen und es wird das Verhältnis von Remake und Original angesprochen. Das Budget war höher. Die Schauspieler sind bekannter. Dazu gehören Romain Duris und Bérénice Bejo. Duris spielt den hyperaktiven Regisseur spielt, der während des schief gehenden Drehs manisch improvisieren und viel, sehr viel, herumrennen muss. Bejo spielt seine Frau, die auch am Set ist. Weil sie sich früher zu sehr in ihre Rollen hineinsteigerte, hat sie mit der Schauspielerei aufgehört. Für die Fans des Originals ist Yoshiro Takehara als aufgesetzt fröhlich lachende, immer hemmungslos begeisterte Produzentin wieder dabei.

Final Cut of the Dead“ ist die polierte, perfekt abgemischte Stadionrockvariante eines rumpeligen Punksongs. Das gefällt jederzeit. Es dürfte auch denen gefallen, die das bei uns nur auf DVD erschienene Original kennen, und jetzt jede Wendung und Überraschung des Remakes kennen. Mir gefallen beide Versionen; wobei mir das Remake etwas besser gefällt.

Hazanavicius‘ Komödie ist ein großer Spaß für Fans von Zombiefilmen, die schon immer wissen wollten, wie so ein Film ohne Geld, aber mit viel Enthusiasmus entsteht. Denn selbstverständlich gibt es im „Final Cut of the Dead“ keine CGI-Effekte.

Final Cut of the Dead (Coupez!, Frankreich 2022)

Regie: Michel Hazanavicius

Drehbuch: Michel Hazanavicius (nach der Geschichte/Drehbuch von Shin’ichirô Ueda und Ryoichi Wada)

mit Romain Duris, Bérénice Bejo, Grégory Gadebois, Finnegan Oldfield, Matilda Lutz, Sébastien Chassagne, Raphaël Quenard, Simone Hazanavicius, Jean-Pascal Zadi, Yoshiko Takehara

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „Final Cut of the Dead“

Moviepilot über „Final Cut of the Dead“

Metacritic über „Final Cut of the Dead“

Rotten Tomatoes über „Final Cut of the Dead“

Wikipedia über „Final Cut of the Dead“ (deutsch, englisch, französisch)

Cannes Filmfest über den Film

Meine Besprechung von Michel Hazanavicius‘ „The Artist“ (The Artist, Frankreich 2011)


Neu im Kino/Filmkritik: „Ant-Man and the Wasp: Quantumania“ startet die fünfte MCU-Phase

Februar 16, 2023

Beginnen wir mit dem für Marvel-Fans wichtigem Fazit: der neue MCU-Film ist deutlich gelungener als die Filme der sogenannten vierten Phase. Außerdem hat man am Ende von „Ant-Man and the Wasp: Quantumania“ eine Ahnung, um was es in den kommenden Filmen gehen könnte.

Und jetzt kommen wir zu den Details. Denn „besser als die vorherigen Film“ ist noch lange nicht so gut wie die besten Marvel-Filme. „Quantumania“ ist noch nicht einmal der beste Ant-Man-Film.

Scott Lang (Paul Rudd) ist Ant-Man. Mit einem speziellem Anzug kann er seine Körpergröße verändern und sich auf die Größe einer Ameise verkleinern. Mit diesem Anzug bekämpfte er in den ersten beiden Ant-Man-Filmen und weiteren MCU-Filmen erfolgreich Bösewichter.

Jetzt, in „Ant-Man and the Wasp: Quantumania“ lebt Scott ein beschauliches Leben. Er hat seine Biographie veröffentlicht. Sie ist ein Bestseller. Er lebt mit Hope Van Dyne, aka The Wasp (Evangeline Lilly), seiner achtzehnjährigen Tochter Cassie Lang (Kathryn Newton), die gerne im Keller forscht, dem Erfinder Dr. Hank Pym (Michael Douglas) und seiner Frau Janet Van Dyne (Michelle Pfeiffer) zusammen und eigentlich ist alles perfekt.

Janet war dreißig Jahre im Quantenreich verschwunden. Das Quantenreich ist eine subatomare Welt in unserer Welt. Mit dem von Hank Pym entdecktem Pym-Partikel, das auch für die Technik des Anzugs von Ant-Man wichtig ist, und einigen technischen Apparaten kann das Quantenreich betreten und verlassen werden.

Als durch Experimente von Cassie ein Tor zum Quantenreich geöffnet wird, werden sie in das Quantenreich gezogen und voneinander getrennt. Vor ihrer Rückkehr müssen sie sich wieder finden. Gleichzeitig werden sie in den Kampf zwischen Kang und den ihn bekämpfenden Freiheitskämpfern hineingezogen.

Für Kang, den Eroberer (Jonathan Majors), ist das Quantenreich ein Gefängnis, aus dem er ohne den Zugriff auf Pym-Partikel nicht entkommen kann. Also machte er es zu seinem Reich. Gegen sein Terrorregime kämpfen die Freiheitskämpfer. Scott, Hope, Cassie, Hank und Janet, die Kang von früher kennt, werden sofort in diesen Kampf hineingezogen.

Das mag als Inhaltsbeschreibung ausreichen. Einerseits um nichts zu spoilen, andererseits weil es wirklich nicht viel mehr Story gibt und diese sich ziemlich gradlinig auf den finalen, episch langen, anscheinend nicht enden wollenden Kampf zubewegt. Damit hat „Quantumania“, im Gegensatz zu den vorherigen MCU-Filmen, eine nachvollziehbare Story mit einem klar identifizierbarem Bösewicht, der der Bösewicht bleibt, und einem Helden, der ihn bekämpft. Auch wenn der Held hier eine ganze Patchwork-Familie ist und Janet Van Dyne im Quantenreich knallhart die Führung übernimmt, während Ant-Man und Wasp doch erst einmal auf die Zuschauerränge verbannt werden. In dieser Welt sind sie halt hilfsbedürftige Greenhorns.

Janet dagegen kennt diese Welt wie ihre Poncho-Tasche. Sie trifft auf viele alte Bekannte, die ihr mehr oder weniger wohlgesonnen sind und sie kämpft sich ähnlich kaltschnäuzig wie Han Solo durch diese Welt.

Sowieso erinnert die Story in ihrem World-Building, dem Aussehen der gesichtslosen Fußtruppen des Bösewichts und den Beziehung der Hauptfiguren zueinander (wer will, kann während des Films eine Familienaufstellung der Familie Skywalker und der Familie Lang/Van Dyne machen) immer wieder an „Krieg der Sterne“ (Star Wars). Und auch an die Inspirationen für „Star Wars“, wie „Flash Gordon“ und den von „Tarzan“-Erfinder Edgar Rice Burroughs erfundenen „John Carter vom Mars“.

Aber während die Welten in diesen Space Operas meist, wie es sein soll, strahlend hell sind, ist in „Quantumania“ das Quantenreich eine meist dunkle Welt, die fast vollständig am Computer entstanden ist. Da ist Dunkelheit ein probates Mittel, um Zeit und Geld zu sparen und um die Qualität der CGI-Effekte zu verschleiern.

Diese sind, was vor allem im Vergleich zu „Avatar: The Way of Water“ auffällt, erstaunlich schlecht. Während in James Camerons Film alles am hellichten Tag spielt, alles gut erkennbar ist und die Welt wie eine reale Welt aussieht, ist in Peyton Reeds neuem Ant-Man-Film fast nichts erkennbar. Das Quantenreich besteht aus einigen Farbtupfern und viel Dunkelheit. Von dem Quantenreich ist wenig zu sehen. Die Actionszenen wirken wie eine lieblose Wiederverwertung aus anderen SF-Filmen wirken. Die Abläufe sind kaum nachvollziehbar, weil man im Dunkeln einfach nichts sieht.

Die Fähigkeit von Ant-Man, sich auf Ameisengröße zu verkleinern und zu vergrößern ist hier nur noch ein für die Story unwichtiger Gimmick. In den Actionszenen kann Scott sich in Sekundenbruchteilen verkleinern und vergrößern und so seine Gegner überraschen und schlagen. Das ist schon bei der zweiten Schlägerei langweilig.

Etliche dieser Probleme sind Probleme, die Marvel-typisch sind. Aber immerhin ist der Film, der weitgehend als Einzelfilm konzipiert ist, deutlich unterhaltsamer als die Filme der vorherigen MCU-Phase. Und, im Gegensatz zur konfusen vierten MCU-Phase ist in „Quantumania“ der Beginn eines erzählerischen Bogens erkennbar, der für mehrere Filme tragfähig ist. Der Bösewicht Kang, der einfach nur böse sein will, bleibt länger im Gedächnis als die meisten anderen Marvel-Bösewichter. Er will diese und alle anderen möglichen Welten vernichten. Er soll der neue Thanos sein. Das war, zur Erinnerung, der Bösewicht in der drei MCU-Phasen umspannenden Infinity-Saga, die mit „Avengers: Endgame“ ihren grandiosen Abschluss fand.

Die Marvel-Helden müssen Kangs Pläne durchkreuzen. Ob sie in den nächsten Filmen gegen diesen oder einen anderen Kang kämpfen – wir sind inzwischen ja im Multiversum, in dem es auch verschiedene Spider-Men gibt und kein Tod endgültig ist – ist egal.

P. S.: Es gibt zwei Abspannszenen. Eine ziemlich am Anfang, eine am Ende.

Ant-Man and the Wasp: Quantumania (Ant-Man and the Wasp: Quantumania, USA 2023)

Regie: Peyton Reed

Drehbuch: Jeff Loveness

LV: Charakter von Stan Lee, Larry Lieber und Jack Kirby

mit Paul Rudd, Evangeline Lilly, Michael Douglas, Michelle Pfeiffer, Jonathan Majors, Kathryn Newton, David Dastmalchian, Katy O’Brian, William Jackson Harper, Bill Murray

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ant-Man and the Wasp: Quantumania“

Metacritic über „Ant-Man and the Wasp: Quantumania“

Rotten Tomatoes über „Ant-Man and the Wasp: Quantumania“

Wikipedia über „Ant-Man and the Wasp: Quantumania“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Peyton Reeds „Ant-Man“ (Ant-Man, USA 2015)

Meine Besprechung von Peyton Reeds „Ant-Man and The Wasp“ (Ant-Man and The Wasp, USA 2018)


TV-Tipp für den 16. Februar: Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen

Februar 15, 2023

Während die neueste Zusammenarbeit von Soderbergh/Tatum im Kino läuft, läuft im Fernsehen eine ihrer früheren Arbeiten

Servus TV, 20.15

Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen (Side Effects, USA 2013)

Regie: Steven Soderbergh

Drehbuch: Scott Z. Burns

Psychiater Jonathan Banks will Emily Taylor helfen, indem er ihr nach einem missglückten Suizidversuch ein neues, noch nicht erprobtes Medikament verschreibt. Das hat tödliche Nebenwirkungen Emilys Ehemann und der ehrbare Psychiater muss um seine Existenz kämpfen.

Lässig-verschachtelter Neo-Noir mit einem hübsch zynischem Ende, den Soderbergh damals als seinen letzten Spielfilm ankündigte. Inzwischen ist er nach einem TV-Film (der bei uns im Kino lief) und einer TV-Serie wieder, gewohnt produktiv, im Kino angekommen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jude Law, Rooney Mara, Catherine Zeta-Jones, Channing Tatum, Vinessa Shaw

Wiederholung: Freitag, 17. Februar, 01.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Side Effects“

Metacritic über „Side Effects“

Rotten Tomatoes über „Side Effects“

Wikipedia über „Side Effects“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls” (The Girlfriend Experience, USA 2009)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Contagion“ (Contagion, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Haywire” (Haywire, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Magic Mike” (Magic Mike, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ (Side Effects, USA 2013)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra, USA 2013)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Logan Lucky“ (Logan Lucky, USA 2017) und der DVD

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Unsane: Ausgeliefert“ (Unsane, USA 2018)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „No sudden move“ (No sudden move, USA 2021)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Magic Mike: The Last Dance“ (Magic Mike’s Last Dance, USA 2023)

Steven Soderbergh in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 15. Februar: Out of Time – Sein Gegner ist die Zeit

Februar 14, 2023

Kabel Eins, 22.55

Out of Time – Sein Gegner ist die Zeit (Out of Time, USA 2003)

Regie: Carl Franklin

Drehbuch: David Collard

Matt Whitlock schiebt als Polizeichef von Banyan Key eine ruhige Kugel in dem Sunshine State Florida. Seine verheiratete Geliebte Ann verzuckert seinen Alltag. Als sie unheilbar an Krebs erkrankt und ihn als Begünstigten in ihre Lebensversicherung einsetzt, will er ihr helfen. Er gibt ihr die seinem Polizeisafe gebunkerte halbe Million Dollar Drogengeld. Wenige Stunden später sind sie und ihr Mann tot. Sie wurden ermordet und anschließend verbrannt. Whitlocks Ex Alex leitet die Ermittlungen. Alle Beweise deuten auf den unbekannten Geliebten als Mörder. Matt Whitlock muss daher das Komplott aufdecken, bevor er als Mörder verhaftet wird.

Für Genre-Junkies ist der wunderschön entspannte Florida-Noir-Thriller „Out of Time – Sein Gegner ist die Zeit“ ein Festschmaus.

Collard schrieb ein wendungsreiches, kunstvoll die Balance zwischen Tradition und Innovation haltendes, Drehbuch. Franklin setzte es punktgenau um. Das Ensemble, angeführt von dem immer guten Denzel Washington, spielte genussvoll auf. Gerade die vielen Nebendarsteller, wie der Pathologe (als Sidekick des Helden ist er natürlich sehr wichtig), die Untergebenen von Alex und Matt, die DEA-Agenten, der Hotelchef und die ältere Zeugin, hatten prächtige Auftritte. Die Stuntmen durften vor allem bei einem Kampf auf Leben und Tod an einem Balkongitter im siebten Stock eines Hotels ihr Können zeigen. Die Aufnahmen Florida, besonders der Sonnenuntergängen, sind traumhaft und die Musik von Graeme Revell gibt allem einen entspannt-südamerikanischen Touch.

Mit Denzel Washington, Eva Mendes, Sanaa Lathan, Dean Cain, John Billingsley

Wiederholung: Dienstag, 21. Februar, 01.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über”Out of Time”

Wikipedia über „Out of Time“ (deutsch, englisch)


Der aktuelle Deutsche-Krimipreis-Gewinner „Die Stunde der Hyänen“ – in Berlin vorgelesen von Johannes Groschupf

Februar 14, 2023

Im Moment steht Johannes Groschupfs neuer Kriminalroman „Die Stunde der Hyänen“ auf dem zweiten Platz der monatlichen Krimibestenliste. Auf der Jahresbestenliste 2022 stand der Thriller ebenfalls und er erhielt vor wenigen Wochen mit dem Deutschen Krimipreis.

In dem ausgezeichneten Krimi geht es um einen Autobrandstifter und zwei Frauen, die ihn jagen. Die eine ist Romina Winter, eine junge Polizistin, die sich im Dezernat für Branddelikte ihren Ruf erarbeiten will. Vor allem weil die älteren Kollegen sie mit langweiligen Hilfsarbeiten abspeisen. Also beginnt sie in nächtlichen Streifzügen den Täter auf eigene Faust zu suchen. Die andere ist die Journalistin Jette Geppert. Sie schreibt eine Reportage über Radek Malarczyk und soll danach weitere Reportagen über die Jagd nach dem Brandstifter in ihrem Kiez schreiben.

Als der Alkoholiker Radek am 10. Februar in seinem Bulli schläft, wird der Wagen von einem Brandstifter angezündet. Radek entkommt den Flammen in letzter Sekunde, sieht den Täter in einer gegenüberliegenden Toreinfahrt stehen und zieht, nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, als durch den Brand in seinem Bulli zu Gott bekehrter, alle lautstark bekehren wollender selbsternannter Heiliger durch Kreuzberg.

Ebenfalls durch Kreuzberg zieht der Brandstifter. Es ist der zwanzigjährige Maurice Jaenisch. Der Postbote ist Mitglied der Gemeinde der Jünger Jahwes und seit Jahren verliebt in die zwei Jahre jüngere Britta. Sie gehört ebenfalls zur Gemeinde.

Johannes Groschupf lässt sie durch das meist nächtliche, winterlich kalte Kreuzberg irren. Ihre Wege kreuzen sich in schönster „Short Cuts“-Manier immer wieder und schnell erscheint die Großstadt wie ein Dorf.

Die Stunde der Hyänen“ unterscheidet sich, wie Groschupfs vorherige Thriller, wohltuend vom formatierten Einerlei vieler deutscher Krimis. Seine Figuren haben keine nervigen Marotten. Sie sind individuell und lebensnah gezeichnet. Die Beschreibungen der nächtlichen Großstadt sind dicht. Die Geschichte bewegt sich auf deutlich unter dreihunder Seiten flott voran.

Er spricht, während Jette und Romina den Täter suchen, alle gesellschaftlich relevanten Themen und Schlagzeilen an. Oft nur in wenigen, prägnanten Sätzen und Szenen. Dazu gehören die durch Kreuzberg ziehende proto-faschistische Bürgerwehr, die Beziehung von Jette zu ihrem Freund und, in vielen Schattierungen, sexuelle Gewalt und religiösen Wahn

Er behandelt diese Themen nicht sozialpädagogisch-sozialdemokratisch (wie einst im Soziokrimi) oder nett-humoristisch, sondern im illusionslosen Hardboiled-Stil. Und das ist gut so.

Auf Einladung der Krimibuchhandlung Hammett (meine liebste Kreuzberger Buchhandlung) stellt Johannes Groschupf „Die „Stunde der Hyänen“ am Mittwoch, den 15. Februar 2023, ab 19.00 Uhr im Mühlenhauptmuseum (Fidicinstraße 40, Nähe U-Bahnhof Platz der Luftbrücke, Karten: karten@muehlenhaupt.de) vor.

Johannes Groschupf: Die Stunde der Hyänen

Suhrkamp, 2022

272 Seiten

16 Euro

Hinweise

Perlentaucher über „Die Stunde der Hyänen“

Suhrkamp über Johannes Groschupf

Wikipedia über Johannes Groschupf

Meine Besprechung von Johannes Groschupfs „Berlin Prepper“ (2019)


Cover der Woche

Februar 14, 2023


Walter Mosley erhält den CWA Diamond Dagger 2023

Februar 14, 2023

Den diesjährigen Diamond Dagger der Crime Writers’ Association (CWA), sozusagen der Ehrenoscar für sein Lebenswerk, erhält Easy-Rawlins-Erfinder Walter Mosley.

Seit seinem Debüt „Teufel in Blau“ (Devil in a blue dress, 1990) veröffentlichte Mosley über sechzig Romane, teils mit wiederkehrenden Figuren (wie Easy Rawlins, Socrates Fortlow und Leonid McGill), teils Einzelromane, nicht immer unbedingt, aber fast immer Kriminalromane, von denen viele, aber längst nicht alle ins Deutsche übersetzt wurden. Sie erschienen bei verschiedenen Verlagen und sind teils nur noch antiquarisch erhältlich.

Die CWA schreibt über Walter Mosley und warum er den Diamond Dagger erhielt:

The Diamond Dagger recognises authors whose crime writing careers have been marked by sustained excellence, and who have made a significant contribution to the genre.

One of the most versatile and admired writers in America, Walter Mosley was born and raised in Los Angeles, and now lives in Brooklyn and LA.

Walter Mosley is the author of more than 60 critically acclaimed books, that cover a wide range of genres. His work has been translated into 25 languages.

He brought a cast of crime fiction characters into the American canon with his first novel, Devil in a Blue Dress, featuring private detective, Easy Rawlins. Several of his books have been adapted for screen, including Devil in a Blue Dress starring Denzel Washington, the HBO production of Always Outnumbered, starring Laurence Fishburne and Natalie Cole, and Apple TV+’s production of The Last Days of Ptolemy Grey starring Samuel Jackson.

Maxim Jakubowski, Chair of the CWA, said: “I am truly delighted my friend Walter has been deemed worthy of the Diamond Dagger by my colleagues and members of the CWA. His voice has dominated the fiction scene for decades and I can think of no more deserving and ground-breaking an author to be given this ultimate accolade, for the so many things he has contributed to our genre but also to modern society.”

A multi-award-winning author, Mosley was inducted into the New York State Writers Hall of Fame in 2013. His numerous awards include The Mystery Writers of America’s Grand Master Award, a Grammy, and a PEN America’s Lifetime Achievement Award. In 2020, he was named the recipient of the Robert Kirsch Award for lifetime achievement from Los Angeles Times Festival of Books, and the National Book Foundation presented him with the Lifetime Achievement Award for Distinguished Contribution to American Letters.

Walter Mosley said: “At the beginning of my writing career I was fortunate enough to be awarded the CWA’s New Blood Dagger, otherwise called the John Creasey Award. That was the highest point of my experience as a first book author. Since then, I have picked up other honours along the way but the only award that comes near the Diamond Dagger is the MWA’s Grand Master nod. These two together make the apex of a career that I never expected.”

Die Dagger-Verleihung ist am 6. Juli 2023. Dann erfahren wir auch, wer die anderen Daggers gewonnen hat.

Von Walter Mosley erschien zuletzt auf Deutsch sein neuester Easy-Rawlins-Roman „Blood Grove“ (Blood Grove, 2021).

In Los Angeles bittet 1969 ein Vietnam-Veteran den schwarzen Privatdetektiv und Weltkrieg-II-Veteran Easy Rawlins um Hilfe. Der Vietnam-Veteran glaubt, im Blood Grove einen Mann getötet zu haben, der eine Frau angegriffen hat. Aber es gibt keine Leiche und auch sonst interessiert sich niemand für die Ereignisse dieser Nacht. Rawlins schnüffelt herum – und als gestandenen Krimifans wissen wir, dass er in ein Wespennest sticht.

Blood Grove“ ist der fünfzehnte Easy-Rawlins-Krimi. Viele, aber nicht alle wurden ins Deutsche übersetzt und sind nur noch teilweise regulär erhältlich. Für die anderen Romane von Walter Mosley gibt es dann die Antiquariate ihres Vertrauens. Es lohnt sich.

Walter Mosley: Blood Grove – Ein Fall für Easy Rawlins

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Ars Vivendi, 2022

328 Seiten

24 Euro

Hinweise

Homepage von Walter Mosley

Wikipedia über Walter Mosley (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Easy Rawlins

Meine Besprechung von Walter Mosleys Kurzroman „Archibald Lawless: Freier Anarchist“ in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)


TV-Tipp für den 14. Februar: Baghad in my shadow

Februar 13, 2023

3sat, 22.55

Baghdad in my shadow (Deutschland/Schweiz/Großbritannien 2019)

Regie: Samir

Drehbuch: Samir, Furat al Jamil

In London ist das Café „Abu Nawas“ für Exil-Iraker ein beliebter Treffpunkt. Als ein Geheimdienstler, der unter Saddam Hussein diente, eintrifft und sich mit einem lokalen Hassprediger, der das weltoffene Café hasst, zusammen tut, ist die fragile Gemeinschaft gefährdet.

TV-Premiere. Das „Lexikon des internationalen Films“ war nur so halb überzeugt: „Das Panorama einer postmigrantischen Gesellschaft fällt recht schematisch aus. (…) dialoglastige Dramaturgie.“

mit Haytham Abdulrazaq, Zahraa Ghandour, Waseem Abbas, Maxim Mehmet, Shervin Alenabi, Meriam Abbas, Awatif Naeem, Kerry Fox, Hazel O’Connor

Hinweise

Filmportal über „Baghad in my shadow“

Rotten Tomatoes über „Baghdad in my shadow“

Wikipedia über Samir

Meine Besprechung von Samirs „Iraqi Odyssey“ (Schweiz/Deutschland/Irak 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Über den norwegischen Antikriegsfilm „War Sailor“

Februar 13, 2023

Deutschland schickte „Im Westen nichts Neues“ in das Rennen um den Oscar für den besten internationalen Film. Der Kriegsfilm wurde in dieser und acht weiteren Kategorien nominiert. Norwegen schickte einen anderen Kriegsfilm ins Oscarrennen.In dem Film von Gunnar Vikene geht es nicht um das Sterben von Frontsoldaten, sondern um das Sterben von zivilen Seemännern.

Im Mittelpunkt des hundertfünfzigminütigem Films stehen die beiden unpolitischen Jugendfreunde Sigbjörn Kvalen und Alfred Garnes und Alfreds Frau Cecilia. 1939 verlassen die beiden Männer Bergen. Sigbjörn verspricht Cecilia, ihren Mann wohlbehalten zurückzubringen. Doch das dauert länger als geplant. Sie werden wenige Monate später, wie 30.000 andere norwegische Seeleute, zu Kriegsmatrosen. Sie fahren auf Schiffen, die Vorräte für die Alliierten transportieren. Sie sind unbewaffnet und sie haben keinen militärischen Geleitschutz. Für deutsche U-Boote sind sie eine leichte Beute.

Währenddessen zieht Cecilia in Bergen ihre drei gemeinsamen Kinder auf.

Jahre nach dem Krieg kehrt Sigbjörn zurück und er ist erstaunt, dass Cecilia und Alfreds Kinder noch leben. Denn im Januar 1945 erhielt Alfred die Nachricht, sie und ihre Kinder seien vor mehreren Monaten bei einem Bombenangriff umgekommen. Alfred tauchte danach unter. Jetzt sucht Sigbjörn ihn.

Die letzte Stunde des Dramas spielt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Vikene zeigt in diesem beeindruckendem dritten Akt auch die psychischen Folgen, die der Krieg auf Menschen hat. Auch noch lange nachdem das Sterben vorbei ist. Körperlich sind Alfred und Sigbjörn unversehrt. Seelisch nicht.

Vikene erzählt diese Geschichte immer nah bei seinen Figuren. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Erlebnissen von Alfred und Sigbjörn und wie sie und ihre Kameraden versuchen, den Krieg zu überleben ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren.

Eben dieser große kunstvoll ausgeführte epische Bogen macht „War Sailor“ sehenswert.

Leider zielt die Inszenierung mit ihren vielen Nahaufnahmen und der pseudodokumentarischen Wackelkamera zu sehr in Richtung Puschenkino.

Bei dem Budget von elf Millionen Euro, das den Antikriegsfilm zum teuersten norwegischen Film bislang machen, wären sicher mehr originäre Kinobilder möglich gewesen. Ohne die Konzentration auf seine drei Hauptfiguren zu vernachlässigen.

War Sailor (Krigsseileren. Norwegen/Deutschland/Malta 2022)

Regie: Gunnar Vikene

Drehbuch: Gunnar Vikene

mit Kristoffer Joner, Pål Sverre Hagen, Ine Marie Wilmann, Henrikke Lund Olsen, Téa Grønner Joner, Daniel Berg

Länge: 151 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „War Sailor“

Moviepilot über „War Sailor“

Rotten Tomatoes über „War Sailor“

Wikipedia über „War Sailor“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 13. Februar: Lieber Thomas

Februar 12, 2023

Arte, 22.25

Lieber Thomas (Deutschland 2021)

Regie: Andreas Kleinert

Drehbuch: Thomas Wendrich

TV-Premiere. Absolut sehenswertes und oft mitreisendes Biopic über Thomas Brasch (1945 – 2001) und sein Leben in der DDR und, seit 1976, der BRD.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des mit neun Deutschen Filmpreisen, unter anderem als bester Film, ausgezeichneten SW-Biopics.

mit Albrecht Schuch, Jella Haase, Peter Kremer, Claudio Magno, Jörg Schüttauf, Anja Schneider, Joel Basman, Joana Jacob, Emma Bading

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Lieber Thomas“

Moviepilot über „Lieber Thomas“

Wikipedia über „Lieber Thomas“ (deutsch, englisch) und Thomas Brasch (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Andreas Kleinerts „Lieber Thomas“ (Deutschland 2021)


TV-Tipp für den 12. Februar: Gallipoli

Februar 11, 2023

Arte, 20.15

Gallipoli (Gallipoli, Australien 1981)

Regie: Peter Weir

Drehbuch: David Williamson (nach einer Geschichte von Peter Weir)

LV: Bill Gammage: The Broken Years, 1970

Erster Weltkrieg: die beiden aus Australien kommenden, miteinander befreundeten Läufer Frank Dunne und Archy Hamilton melden sich freiwillig als Kämpfer für die britische Armee. Nach ihrer Ausbildung werden sie als Kanonenfutter auf die Halbinsel Gallipoli geschickt.

Eindrucksvoller Antikriegsfilm mit Mel Gibson am Anfang seiner Weltkarriere. Auch Peter Weir setzte kurz darauf die Segel in Richtung Hollywood. Der Rest ist Hollywood-Geschichte.

mit Mel Gibson, Mark Lee, Bill Hunter, Robert Grubb, David Argue

Wiederholung: Donnerstag, 16. Februar, 14.20 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „Gallipoli“

Metacritic über „Gallipoli“

Rotten Tomatoes über „Gallipoli“

Wikipedia über „Gallipoli“ (deutsch, englisch) und über Peter Weir (deutsch, englisch)

Senses of Cinema über Peter Weir

The Peter Weir Cave (eine Fanseite)

Meine Besprechung der “Peter Weir Collection” (mit “Die Autos, die Paris auffrassen”, “Picknick am Valentinstag”, “Die letzte Flut” und “Wenn der Klempner kommt”)

Peter Weir in der Kriminalakte