Die Krimibestenliste März 2023

März 3, 2023

Draußen ist es eisig, drinnen wärmer und mit einem guten Buch noch wärmer. Die Damen und Herren von der monatlichen Krimibestenliste, präsentiert vom Deutschlandfunk Kultur, empfehlen als Couchlektüre:

1 (1) Megan Abbott: Aus der Balance

(Aus dem Englischen von Karen Gerwig und Angelika Müller)

Pulp Master, 416 Seiten, 16 Euro

2 (3) Kenneth Fearing: Die große Uhr

(Aus dem Englischen von Jakob Vandenberg)

Elsinor, 200 Seiten, 20 Euro

3 (–) Percival Everett: Die Bäume

(Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl)

Hanser, 365 Seiten, 26 Euro

4 (–) Mathijs Deen: Der Taucher

(Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke)

Mare, 318 Seiten, 22 Euro

5 (9) Antoine Volodine: Einige Einzelheiten über die Seele der Fälscher

(Aus dem Französischen von Holger Fock)

Edition Converso, 303 Seiten, 25 Euro

6 (4) Attica Locke: Pleasantville

(Aus dem Englischen von Andrea Stumpf)

Polar, 452 Seiten, 26 Euro

7 (–) Claudia Piñeiro: Kathedralen

(Aus dem Spanischen von Peter Kultzen)

Unionsverlag, 313 Seiten, 24 Euro

8 (–) Melissa Ginsburg: Sunset City

(Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt)

Polar, 214 Seiten, 17 Euro

9 (–) Riku Onda: Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen

(Aus dem Japanischen von Nora Bartels)

Atrium, 240 Seiten, 22 Euro

10 (6) Sally McGrane: Die Hand von Odessa

(Aus dem Englischen von Kerstin Schöps)

Voland & Quist, 411 Seiten, 24 Euro

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Tár“ – euphorische Kritiken, viele Preise und bald auch einige Oscars?

März 3, 2023

Neben Steven Spielbergs „Die Fabelmans“ (der nächste Woche in Deuschland anläuft) ist Todd Fields „Tár“ der Film, der international schon seit Monaten allgemein abgefeiert und diskutiert wird. Außerdem steht das Drama, neben „Die Fabelmanns“, auf etlichen Nominierungslisten. So sind beide Filme in den Kategorien bester Film, beste Regie und bestes Drehbuch für den Oscar nominiert. Cate Blanchett ist als beste Hauptdarstellerin nominiert. Ebenso Michelle Williams für ihr Spiel in „Die Fabelmans“.

Blanchett spielt Lydia Tár, eine hochgelobte, international geachtete und bekannte Dirigentin, Pianistin, Komponistin und, mit verschiedenen öffentlichkeitswirksamen Aktionen und Engagements, eine hoch respektierte Person der Klassikwelt und des öffentlichen Lebens. Sie ist auch die erste Chefdirigentin eines großen deutschen Orchesters.

Jetzt will sie Gustav Mahlers Fünfte Sinfonie mit ihrem Orchester, den Berliner Philharmoniker, neu interpretieren und aufnehmen. Dann hätte sie mit einem Orchester alle Mahler-Sinfonien aufgenommen. Diese Proben für das Stück bilden über einen großen Teil des fast dreistündigen Films einen roten Faden, der all die Episoden und Ereignisse aus dem Leben der Dirigentin zusammenhält. Mit der Aufführung der Mahler-Interpretation könnte der Film dann zu Ende sein. Aber nach der aus dem Ruder laufenden Premiere in Berlin folgt nicht der Abspann, sondern ein vollkommen neuer Abschnitt aus Lydia Társ Leben. Dieser Teil ist deutlich schwächer, viel zu lang geraten und letztendlich, vor allem in der Länge, überflüssig.

Bis zur Aufführung ihrer Mahler-Interpretation in Berlin erzählt Field, wie Lydia Tár arbeitet und wie sie mit anderen Menschen umgeht. Sie ist, das wird schnell klar, ein egozentrischer, andere Menschen hemmungslos manipulierender Mensch, der sich seiner Macht bewusst ist und sie jederzeit bedenkenlos bei der Arbeit und im Privatleben einsetzt und dabei auch Berufliches und Privates miteinander vermischt. So lebt sie in einer festen Beziehung mit ihrer Konzertmeisterin Sharon Goodnow (Nina Hoss) und ihrer Adoptivtochter lebt. Trotzdem hat sie keine Probleme damit, bei der Arbeit Affären zu beginnen, aus denen mehr entstehen kann. Tár ist ein Ego-Shooter und das weibliche Pendant zu einem Alpha-Mann.

Das ging über viele Jahre gut. Doch jetzt, zwischen den hohen Ansprüchen an sich selbst und dem veränderten Klima zeigen sich erste Risse. Denn die Zeit, als unter dem Label „Geniekult“ alles akzeptiert wurde, ist vorbei.

Field präsentiert dies in einer Abfolge von Szenen, die auf den ersten Blick einfach nur eine Abfolge ziemlich unverbundener Ereignisse zwischen der Ankündigung einer Mahler-Interpretation und der Aufführung dieser Interpretation sind.

Erst bei der Premiere in Berlin fügen sich die einzelnen, sich teilweise quälend lang hinziehenden Szenen zu einem Gesamtbild zusammen und es gibt rückblickend zwei beeindruckend konsequent durchgezogene Spannungsbögen. Der eine erzählt, quasi als Horrorfilm, den Zusammenbruch einer Künstlerin. Der andere erzählt von Macht, wie sie angewendet wird, welche Auswirkungen das auf die manipulierten Betroffenen hat (die teils selbst Täterinnen sind) und wie eben dieses Herrschaftssystem immer stärker gefährdet ist. Denn Tár erkennt zwischen #metoo, Cancel Culture und neuen Ansprüchen und Sensibilitäten von Minderheiten und Betroffene nicht mehr, wo und wie ihre Position gefährdet ist. Auch weil die Betroffenen, vermeintlich und echt, manchmal vielleicht auch übersensibel, sich zu Wort melden. Andere Betroffene spielen das Spiel mit. Und Regisseur Todd Field hält sich mit allzu eindeutigen Bewertungen zurück.

Dieser Teil der Charakterstudie ist, wie eine Symphonie, ein in sich geschlossenes Werk, das in einem kurzen Zeitraum (den Proben) an einem Ort (Berlin) spielt. Daran schließt sich die, nun, Zugabe an. Sie ist ein in Asien spielendes Potpourri, das man genausogut hätte weglassen oder, wenn man unbedingt einen „Was danach geschah“-Epilog möchte, auf ein, zwei Minuten hätte kürzen können.

Durch seine Machart ist „Tár“ ein sehr sperriges, oft dröges, deutlich zu lang geratenes Arthaus-Psychodrama mit vielen Berlin-Bildern, einem satirisch überspitzten Einblick in den Klassik-Betrieb, viel klassischer Musik und einer schauspielerischen Tour de Force für Cate Blanchett, die hier ein ziemliches Ekelpaket spielt.

Tár (Tár, USA 2022

Regie: Todd Field

Drehbuch: Todd Field

mit Cate Blanchett, Nina Hoss, Noémie Merland, Adam Gopnik, Julian Glover, Mark Strong, Sophie Kauer, Allan Corduner, Marie-Lou Sellem, Leonard Bernstein, Johann von Bülow

Länge: 159 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Tár“

Moviepilot über „Tár“

Metacritic über „Tár“

Rotten Tomatoes über „Tár“

Wikipedia über „Tár“ (deutsch, englisch)

In den vergangenen Monaten gab es zahlreiche Q&As zum Film mit Regisseur/Autor Todd Field, Hauptdarstellerin Cate Blanchett und weiteren am Film beteiligten Personen wie Nina Hoss (die Freundin von Lydia Tár im Film) und der Komponistin Hildur Guðnadóttir. Hier die „New York Film Festival“-Pressekonferenz:


TV-Tipp für den 3. März: John Wick

März 2, 2023

Zugegeben, als Vorbereitung für den vierten „John Wick“-Actionfilm, der fast epische drei Stunden dauert und am 23. März startet, ist der erste „John Wick“-Film nicht wirklich nötig. Aber trotzdem

Pro7, 22.35

John Wick (John Wick, USA 2014)

Regie: Chad Stahelski, David Leitch (ungenannt)

Drehbuch: Derek Kolstad

Als der missratene Sohn eines Mafiosos den Hund von John Wick tötet, packt der Ex-Killer John Wick seine eingelagerten Waffen wieder aus.

Actionfilm der wegen seines Stils und seiner furiosen Actionszenen begeistert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Keanu Reeves, Michael Nyqvist, Alfie Allen, Willem Dafoe, Dean Winters, Adrianne Palicki, Omer Barnea, Toby Leonard Moore, Daniel Bernhardt, Bridget Moynahan, John Leguizamo, Ian McShane

Wiederholung: Samstag, 4. März, 02.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „John Wick“

Metacritic über „John Wick“

Rotten Tomatoes über „John Wick“

Wikipedia über „John Wick“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick“ (John Wick, USA 2014)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick: Kapitel 2“ (John Wick: Chapter 2, USA 2017)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick: Kapitel 3“ (John Wick: Chapter 3 – Parabellum, USA 2019) und der Blu-ray

Meine Besprechung von David Leitchs „Atomic Blonde“ (Atomic Blonde, USA 2017)

Meine Besprehung von David Leitchs „Deadpool 2“ (Deadpool 2, USA 2018)

Meine Besprechung von David Leitchs „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ (Fast & Furious presents: Hobbs & Shaw, USA 2019)

Meine Besprechung von David Leitchs „Bullet Train“ (Bullet Train, USA 2022)


R. i. P. Wayne Shorter

März 2, 2023

R. i. P. Wayne Shorter (25. August 1933, Newark, New Jersey – 2. März 2023, Los Angeles, Kalifornien)

Einer der großen Jazzmusiker ist mit 89 Jahren gestorben.

Der Saxophonist spielte von 1964 bis 1970 im Miles Davis Quintett (und war bei „In a Silent Way“ und „Bitches Brew“ dabei). Er gehörte davor zu Art Blakey & The Jazz Messengers,  danach zu „Weather Report“ und Herbie Hancocks VSOP. Er spielte auf mehreren Platten von Joni Mitchell (unter anderem „Mingus“) und veröffentlichte etliche grandiose Platten unter seinem Namen.

Seine Musik bleibt.

Hinweise

AllMusic über Wayne Shorter

Wikipedia über Wayne Shorter (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Adonis „Creed III – Rocky’s Legacy“, dieses Mal ohne Rocky

März 2, 2023

Im Abspann von „Creed III“ heißt es, der Film basiere auf von Sylvester Stallone erfundenen Figuren. Das sagt mehr über das US-amerikanische Urheberrecht und existierende Verträge als über den Film aus. Denn der dritte „Creed“-Film hat mit Sylvester Stallone nichts mehr zu tun. Er spielt nicht mit, schrieb nicht das Drehbuch und führte auch nicht die Regie. Die übernahm Michael B. Jordan, der auch die Hauptrolle, den Boxer Adonis Creed, spielt. Adonis ist der Sohn von Apollo Creed, einem Boxer, der vor Ewigkeiten gegen Rocky Balboa (Sylvester Stallone) kämpfte und sich mit ihm befreundete.

Im ersten Film der „Creed“-Reihe, „Creed – Rocky’s Legacy“ (USA 2015), trainiert Rocky den jungen Adonis Creed – und wir sahen einen überzeugenden, tief im afroamerikanischen Milieu verwurzelten Boxerfilm. Das war eine gelungene und sehr eigenständige Fortführung der Geschichte von Rocky, der hier nur noch der Trainer für ein neues Boxtalent war. Danach hätte die Geschichte von Adonis ohne irgendwelche Rückbezüge auf die „Rocky“-Filme weitergehen können.

Creed II – Rocky’s Legacy“ (USA 2018), nach einem Drehbuch von Sylvester Stallone, war dann eine ziemliche Enttäuschung. Viel zu krampfhaft wurde versucht, „Rocky 4 – Der Kampf des Jahrunderts“ (USA 1985) nochmal zu erzählen. Das ist der Kalter-Krieg-„Rocky“-Fim, in dem Rocky gegen den bösen Russen Ivan Drago kämpft und den bösen Ostblock im Boxring schlägt und so die Überlegenheit des freien Westens gegenüber dem bösen Kommunismus beweist. In „Creed II“ kämpft dann der Sohn von Ivan Drago gegen Adonis Creed, der hier so etwas wie der Sohn von Rocky ist. Der Kampf soll die Revanche für den inzwischen gut vierzig Jahre zurückliegenden Kampf sein. Da kann man nur sagen „Get over it. Get a life“.

In „Creed III – Rocky’s Legacy“ managt Adonis Creed das Boxstudio Delphi Academy und er fördert und promotet Boxer. Als aktiver Boxer hat er sich bereits vor Jahren unbesiegt zur Ruhe gesetzt. Er ist glücklich verheiratet mit der Musikerin Bianca (Tessa Thompson). Ihre Tochter Amara (Mila Davis-Kent) ist ein süßes, schlaues und gut erzogenes Kind. Die Creeds sind eine glückliche, erfolgreiche und somit perfekte Familie. Sie verkörpern perfekt den amerikanischen Traum.

Da trifft Adonis wieder Damian ‚Dame‘ Anderson (Jonathan Majors [Yep, Kang, der Eroberer in „Ant-Man and the Wasp: Quantumania“]). Adonis hat seinen Jugendfreund seit gut zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Damian saß achtzehn Jahre im Gefängnis. Vor einigen Tagen wurde er entlassen. Adonis fühlt sich für ihn aufgrund ihrer Vergangenheit verantwortlich. Warum wird, obwohl es aufgrund des Prologs, der vieles nur andeutet, ziemlich klar ist, erst am Ende des Films vollständig erklärt.

Durch diese Entscheidung raubt sich der Fim viel von seiner emotionalen Wirkung. Denn anstatt das schnell zu erklären und anschließend tief in den Konflikt zwischen den beiden Jugendfreunden einzutauchen, dürfen wir darüber rätseln, was vor zwanzig Jahren geschah und warum Damian so lange inhaftiert war.

Bis das Rätsel vollständig gelöst ist erzählt Michael B. Jordan, zwischen einigen Boxkämpfen, viel über Freundschaften, aus Freundschaften entstehenden Verpflichtungen und Enttäuschungen, Schuld, Sühne und Erlösung. Und er zeigt einen Afroamerikaner, dem als Boxer der finanzielle Aufstieg gelang. Der erfolgreiche Geschäftsmann Adonis wird in jeder Beziehung als Vorbild gezeichnet. Und gerade dies wirkt, wenn er traurig in seinem großen, sehr sauberen und sehr aufgeräumtem Haus nachdenklich aus dem Fenster starrt oder wenn er abends auf der Couch mit seiner seiner Frau, Tochter und Mutter ein überaus glückliches Familienleben genießt, schon etwas penetrant.

Dieses Glück wird von Damian, dem einzigen Flecken auf Adonis‘ blütenweißer Weste, bedroht. „Creed III“ tendiert in diesen Momenten in Richtung Psychothriller. Denn natürlich verfolgt Damian einen finsteren Racheplan und selbstverständlich wird in einem Boxfilm der Kampf letztendlich, egal wie glaubwürdig das dann ist, im Boxring ausgetragen.

Creed III“ ist eine durchaus gelungene, aber unter seinen Möglichkeiten bleibende Mischung aus Psychothriller, Boxdrama und Familienfilm über einen Ex-Boxer, der nochmal in den Ring steigen muss, um seine Familie und sein Leben zu verteidigen.

Creed III – Rocky’s Legacy (Creed III, USA 2023)

Regie: Michael B. Jordan

Drehbuch: Keenan Coogler, Zach Baylin (basierend auf einer Geschichte von Ryan Coogler, Keenan Coogler und Zach Baylin)

mit Michael B. Jordan, Tessa Thompson, Jonathan Majors, Wood Harris, Florian Munteanu, Mila Davis-Kent, Phylicia Rashad

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Creed III“

Metacritic über „Creed III“

Rotten Tomatoes über „Creed III“

Wikipedia über „Credd III“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ryan Cooglers „Creed“ (Creed, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Caple Jr.’s „Creed II“ (Creed II, USA 2018)


TV-Tipp für den 2. März: Police – Der Bulle von Paris

März 1, 2023

Servus TV, 22.00

Police – Der Bulle von Paris (Police, Frankreich 1985)

Regie: Maurice Pialat

Drehbuch: Catherine Breillat, Sylvie Danton, Jacques Fieschi, Maurice Pialat

In dem Pariser Stadtteil Belleville jagt Polizeiinspektor Mangin eine Bande tunesischer Drogenhändler. Auf seiner Jagd verliebt er sich in Noria, die Geliebte von einem Bandenmitglied. Und das ist keine gute Idee.

Hochgelobter düsterer Polizeifilm, der mir vor Ewigkeiten gut gefiel, gerade weil er sich auf die Gefühle und Beziehungen der Hauptfiguren zueinander und die Gegend, in der die Geschichte spielt, konzentriert.

„Ein Polizeifilm, der Regeln, Orte und Personen des Genres respektiert, ohne ihren vielfältigen Klischees zu verfallen.“ (Fischer Film Almanach 1989)

mit Gérard Depardieu, Sophie Marceau, Richard Anconina, Sandrine Bonnaire, Pascale Rocard

Wiederholung: Freitag, 3. März, 02.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

AlloCiné über „Police – Der Bulle von Paris“

Rotten Tomatoes über „Police – Der Bulle von Paris“

Wikipedia über „Police – Der Bulle von Paris“ (deutsch, englisch, französisch)


Der Horror. Über die Joe „Hill House Comics“ „Daphne Byrne – Besessen“ von „See Dogs – Blutige Wellen“ im „Schiff der lebenden Toten“ und „Ein Kühlschrank voller Köpfe“

März 1, 2023

In den USA erschien „Sea Dogs – Blutige Wellen“ ursprünglich in den US-Heftausgaben von anderen Geschichten der „Hill House Comcis“-Reihe. Meist wurden in einem Heft nur zwei Seiten der von Joe Hill geschriebenen und Dan McDaid gezeichneten Geschichte veröffentlicht.

Die Geschichte spielt während des US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1775 – 1783). Die Kolonisten, die um ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone kämpfen, scheinen den Kampf zu verlieren. Denn die britischen Kriegsschiffe verhindern die Lieferung des für den Sieg dringend benötigten Nachschubs.

Da hat Benjamin Tallmadge, ein Geheimdienstoffizier der Kolonisten, eine brillante Idee. Er schleust unter falscher Identität drei Werwölfe auf die HMS Havoc. Das Kriegsschiff ist wegen seiner vielen Kanonen und seinem Kapitän allseits gefürchtet. Ein Schlag gegen die HMS Havoc wäre daher ein entscheidender Schritt zum Sieg.

Kurz nachdem das Kriegsschiff den Hafen verlassen hat, beginnen die Werwölfe in den Nächten die anderen Besatzungsmitglieder zu töten. Tagsüber sehen sie wie normale Männer aus.

Deshalb hat die Suche nach ihnen auch etwas von einem Whodunit.

Die von Joe Hill erfundene Geschichte leidet etwas unter ihrem Format, das ihn und Zeichner McDaid dazu zwingt, alle zwei, drei Seiten einen Cliffhanger zu produzieren. Entsprechend kurz sind die einzelnen Szenen. Umgekehrt passiert ständig etwas und es gibt keine Atempause bei der Suche nach den Werwölfen, die währenddessen munter die Besatzung töten.

Und jetzt kommen wir zu einigen anderen Hill House Comics, die in den vergangenen Jahren in der von Joe Hill herausgegebenen Reihe erschienen sind und die hier noch nicht abgefeiert wurden. Nämlich Laura Marks‘ „Daphne Byrne – Besessen“, Joe Hills „Schiff der lebenden Toten“ und Rio Youers‘ „Ein Kühlschrank voller Köpfe“.

Daphne Byrne – Besessen“ ist der schwächste der hier besprochenen Comics. Die im Original in sechs Heften erschienene, von Theater- und Drehbuchautorin Laura Marks geschriebene, von Kelley Jones gezeichnete Geschichte spielt 1886 in New York.

Die Schülerin Daphne Byrne glaubt, dass ihre Mutter von einem Medium, das behauptet, mit den Geistern der Verstorbenen reden zu können, ein Betrüger ist und sie finanziell ruinieren möchte. Dabei können sie nach dem Tod ihres Vaters jeden Cent gut gebrauchen. Deshalb versucht Daphne ihre Mutter zu überzeugen, dass sie an eine Betrüger geraten ist.

Zur gleichen Zeit trifft Daphne auf dem Friedhof am Grab ihres Vaters einen charismatischen jungen Mann, der behauptet so etwas wie ihr Bruder zu sein. Er entführt sie in eine fremde Welt in der es vielleicht doch Geister und Dämonen gibt. Falls sie nicht an Wahnvorstellungen leidet. Denn dieser für andere unsichtbare Mann könnte durchaus nur eine Fantasiefigur sein.

Das ist der Auftakt für eine durchaus spannende Geistergeschichte, in der auch sehr diesseitige Betrüger mitspielen und es teilweise wirklich gruselig wird. Wer also solche Geschichten mag, sollte hier zuschlagen.

Über hundert Jahre später spielt „Schiff der lebenden Toten“, das schon vom Titel an andere Geschichten mit lebenden Toten erinnert. Die Macher, Autor Joe Hill und Zeichner Stuart Immonen, nennen ihre Horrorgeschichte eine Hommage an H. P. Lovecraft und John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“. Und genau wie Carpenters Horrorfilm spielt Hills Horrorgeschichte in einer eisigen Umgebung.

Im April 1983 verschwindet die Derleth, ein Vermessungsschiff einer Ölbohrgesellschaft, spurlos in der Arktis. Vierzig Jahre später wird auf einem Marinestützpunkt das automatische Notsignal der Derleth empfangen.

Die Besitzer des Schiffes beauftragen Kapitän Gage Carpenter mit der Bergung des Schiffes, das in einem Atoll liegt, das die USA und Russland für sich beanspruchen. Carpenter fährt mit einer kleinen Besatzung los.

In einem Atoll entdecken sie das Schiff und, entgegen aller Wahrscheinlichkeit und gegen den gesunden Menschenverstand, die Besatzung der Derleth, die in den vergangenen vierzig Jahren nicht alterte.

Und mehr soll über diesen spannenden Horrorthriller nicht verraten werden.

Aus der Gegenwart geht es wieder zurück in die Vergangenheit. „Ein Kühlschrank voller Köpfe“ spielt 1984, ein Jahr nach den Ereignissen von „Ein Korb voller Köpfe“, wieder auf Brody Island, Maine. Arlene und Calvin, ein junges Pärchen, mieten sich auf der Insel ein. Sie suchen Artefakte aus der Wikinger-Zeit. Vor allem eine sagenumwobene Axt. Wenn man mit dieser Axt einen Menschen enthauptet, bleibt der Kopf am Leben.

Dummerweise sind sie nicht die einzigen, die diese Axt suchen. Und schnell, sehr schnell füllt sich der titelgebende Kühlschrank mit sprechenden Köpfen, die über ihr körperloses Dasein wenig erfreut sind und entsprechend lautstark darüber meckern..

Die von Autor Rio Youers und Zeichner Tom Fowler erzählte Geschichte „Ein Kühlschrank voller Köpfe“ kann ebenfalls als John-Carpenter-Horrorfilm oder präziser als Grindhouse-Film in der Tradition von „Planet Terror“ und „Machete“ bezeichnet werden. Denn die Geschichte ist äußerst blutig, sehr schwarzhumorig und überaus witzig. Jedenfalls wenn man sprechende Köpfe, die über ihr Schicksal jammern, fluchen und immer noch frech und vulgär sind, witzig findet.

Wie es sich für eine Anthologieserie gehört,kann jede Geschchte ohne die Kenntnis der anderen Geschichten genossen werden und ein Zusammenfügen der einzelnen Geschichten in einem gemeinsamen Universum ist auh nicht geplant. Zum Glück. Es sind einfach nur spannende Horrorgeschichten.

Von mir aus könnte das ewig so weitergehen. Auch wenn aktuell auf der dazugehörigen DC-Seite keine weiteren Hill House Comics angekündigt sind.

Joe Hill/Dan McDaid: See Dogs – Blutige Wellen

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2023

100 Seiten

13 Euro

Originalausgabe/ursprünglich publiziert in

Basketfull of Heads # 1 -7, 2019/2020

The Dollhouse Family # 1 – 6, 2020

The low, low Woods # 1 – 6, 2020

Daphne Byrne # 1 – 6, 2020

Plunge # 1- 5, 2020

Laura Marks/Kelley Jones/Michelle Madsen: Daphne Byrne – Besessen

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2021

164 Seiten

19 Euro

Originalausgabe/enthält

Daphne Byrne # 1 – 6

DC Black Label/Hill House Comics, März 2020 – September 2020

Joe Hill/Stuart Immonen/Dave Stewart: Schiff der lebenden Toten

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2021

172 Seiten

19 Euro

Originalausgabe/enthält

Plunge # 1 – 6

DC Black Label/Hill House Comics, April – Oktober 2020

Rio Youers/Tom Fowler: Ein Kühlschrank voller Köpfe

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2022

164 Seiten

19 Euro

Originalausgabe/enthält

Refrigerator Full of Heads # 1 – 6

DC Black Label/Hill House Comics, Oktober 2021 – Juni 2022

Hinweise

Homepage von Joe Hill

Wikipedia über Joe Hill (deutsch, englisch)

Joe Hill in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Scott Derricksons Joe-Hill-Verfilmung „The Black Phone“ (The Black Phone, USA 2022)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung von Joe Hill/Gabriel Rodriguez‘ „Tales from the Darkside – Geschichten aus der Schattenwelt“ (Tales from the Darkside # 1 – 4, 2016)

DC über Hill House Comics

Meine Besprechung von Joe Hill/Leomacs/Dave Stewarts „Ein Korb voller Köpfe“ (Basketful of Heads # 1 – 7, 2019/2020) (DC Black Label/Hill House Comics)

Meine Besprechung von M. R. Carey/Peter Gross‘ „Das Puppenhaus“ (The Dollhouse Family # 1 – 6, 2020) (DC Black Label/Hill House Comics)

Meine Besprechung von Carmen Maria Machado/Danis „Im tiefen, tiefen Wald“ (The low, low Woods # 1 – 6, 2020) (DC Black Label/Hill House Comics)


TV-Tipp für den 1. März: Zombi Child

Februar 28, 2023

Arte, 23.55

Zombi Child (Zombi Child, Frankreich 2019)

Regie: Bertrand Bonello

Drehbuch: Bertrand Bonello

Im heutigen Paris besucht die Haitianerin Mélissa nach dem Tod ihrer Eltern ein Elite-Internat. Sie ist von Voodoo-Ritualen fasziniert – und wendet sie mit ihren Klassenkameradinnen an.

In einem zweiten Handlungsstrang erzählt Bertrand Bonello („Nocturama“) parallel die Geschichte von Clairvius Narcisse, der 1962 zum Zombi gemacht und Arbeitssklave auf einer Zuckerrohr-Plantage wird.

TV-Premiere als Mitternachtsfilm. „Das vielschichte Drama wechselt raffiniert zwischen Teenagerkummer, Pop-Kultur und Zombie-Mythen, um von Migration, kultureller Aneignung und der Konstruktionvon historischen Projektionen zu erzählen.“ (Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2020/2021; in dem Band wird er auch zu einem der zwanzig besten Kinofilme des Jahres 2020 gezählt)

mit Louise Labeque, Wislanda Louiamat, Katiana Milfort, Mackenson Bijou

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Zombi Child“

Wikipedia über „Zombi Child“ (deutsch, englisch, französisch)


Cover der Woche

Februar 28, 2023

und ein bekannter Mann steht vor der Tür von Nero Wolfes Wohnung.


TV-Tipp für den 28. Februar: Fargo – Blutiger Schnee

Februar 27, 2023

Kabel 1, 22.30

Fargo – Blutiger Schnee (Fargo, USA 1996)

Regie: Joel & Ethan Coen

Drehbuch: Joel & Ethan Coen

Minnesota, im Winter: Autoverkäufer Jerry Lundegaard will an die Kohle von seinem Schwiegervater gelangen. Er lässt seine Frau von zwei strohdumm-gewalttätigen Verbrechern kidnappen. Selbstverständlich geht alles, was schief gehen kann, schief und die hochschwangere Polizeichefin Marge Gunderson darf Leichen einsammeln.

„Oh, jeez“, was für ein herrlich doppelbödiger, schwarzhumoriger Kriminalfilm. „Fargo“ gehört unbestritten zu den besten Werken der Coen-Brüder.

Mit Frances McDormand, William H. Macy, Steve Buscemi, Peter Stormare, John Carroll Lynch, Bruce Campbell (ungenannt)

Wiederholung: Mittwoch, 1. März, 02.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Fargo”

Wikipedia über “Fargo” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung des Coen-Films „Blood Simple – Director’s Cut“ (Blood Simple, USA 1984/2000)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Meine Besprechung des Coen-Films „Hail, Caesar!“ (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)

Meine Besprechung von Joel Coens „Macbeth“ (The Tragedy of Macbeth, USA 2021)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 27. Februar: Buster Keaton – Sherlock Junior

Februar 26, 2023

Arte, 00.25

Buster Keaton – Sherlock Junior (Sherlock Junior, USA 1924)

Regie: Buster Keaton

Drehbuch: Clyde Bruckman, Jean C. Havez, Joseph A. Mitchell

Ein Nebenbuhler schnappt Filmvorführer Buster durch eine Intrige die Freundin weg. Als Buster bei einer Filmvorführung einschläft, träumt er sich als genialer und überhaupt nicht tollpatschiger Sherlock jr. in die Filmgeschichte. Alles, was ihm in der normalen Welt nicht gelingt, gelingt ihm in der Filmwelt – und Buster Keaton führte die gewagten Stunts selbst aus (ohne CGI, das war damals noch nicht einmal Zukunftsmusik).

Stummfilmkomödie, Klassiker und einer der besten Filme von Buster Keaton,

Danach, um 01.15 Uhr, zeigt Arte Buster Keatons nächsten Film „Der Navigator“ (The Navigator, USA 1924). Noch ein Klassiker aus seiner besten Schaffensphase.

mit Buster Keaton, Kathryn McGuire, Joe Keaton, Ward Crane, Jane Connelly

auch bekannt als (bzw. alternative Schreibweise): Sherlock, jr.

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Sherlock Junior“

Wikipedia über „Sherlock Junior“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 26. Februar: Trance – Gefährliche Erinnerung

Februar 25, 2023

Sixx, 22.40

Trance – Gefährliche Erinnerung (Trance, Großbritannien 2013)

Regie: Danny Boyle

Drehbuch: Joe Ahearne, John Hodge

Kunstauktionator Simon versteckt während eines Überfalls ein wertvolles Goya-Gemälde. Weil er durch einen Schlag auf den Kopf sein Gedächtnis verloren hat und die Gangster das Gemälde unbedingt wollen, soll eine Hypnotiseurin bei der Wiederbeschaffung helfen.

Nichts, aber auch wirklich nichts ist so, wie es scheint.

Herrlich vertrackter Noir von Danny Boyle, der für meinen Geschmack schon etwas zu vertrackt wird.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung

mit James McAvoy, Vincent Cassel, Rosario Dawson, Danny Sapani, Matt Cross, Wahab Sheikh, Mark Poltimore

Wiederholung: Montag, 27. Februar, 02.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über „Trance“

Rotten Tomatoes über „Trance“

Wikipedia über „Trance“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Danny Boyles „Trance – Gefährliche Erinnerung“ (Trance, GB 2013)

Meine Besprechung von Danny Boyles „Steve Jobs“ (Steve Jobs, USA 2015)

Meine Besprechung von Danny Boyles „T2 Trainspotting“ (T2 Trainspotting, Großbritannien 2017)


TV-Tipp für den 25. Februar: Der Himmel über Berllin

Februar 24, 2023

3sat, 20.15

Der Himmel über Berlin (Deutschland/Frankreich 1987)

Regie: Wim Wenders

Drehbuch: Wim Wenders, Peter Handke

Kultfilm, Klassiker und, inzwischen, ein historisches Dokument. Denn die Engel Damiel und Cassiel besuchen und schweben über die damals die Stadt trennende Mauer und besuchen Berliner Orte, die es heute so nicht mehr gibt. Das könnte ewig so weitergehen, wenn Damiel sich nicht in die Artistin Marion verlieben würde. Jetzt überlegt er, ob er für sie sein Engeldasein aufgeben und sterblich werden soll.

mit Bruno Ganz, Solveig Dommartin, Otto Sander, Curt Bois, Peter Falk, Teresa Harder, Nick Cave

Hinweise

Filmportal über „Der Himmel über Berlin“

Rotten Tomatoes über „Der Himmel über Berlin“

Wikipedia über „Der Himmel über Berlin“ (deutsch, englisch) und über Wim Wenders (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Meine Besprechung von Wim Wenders/Juliano Ribeiro Salgados “Das Salz der Erde” (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Every thing will be fine“ (Deutschland/Kanada/Norwegen/Schweden 2015)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Die schönen Tage von Aranjuez“ (Les beaux jours d‘ Aranjuez, Deutschland/Frankreich 2016)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Grenzenlos“ (Submergence, USA 2017)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ (Pope Francis: A Man of his Word, Deutschland 2018)

Wim Wenders in der Kriminalakte

Homepage von Wim Wenders


Impressionen aus Berlin: Für die Ukraine

Februar 24, 2023

Vorher, bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor frierend im Fahnenmeer.

Hier gibt es eine Zusammenfassung der heutigen Demonstrationen und Veranstaltungen.


Neu im Kino/Filmkritik: Mama ist „Missing“, Tochter sucht sie mit ihrem Computer

Februar 24, 2023

Die achtzehnjährige June (Storm Reid) findet den neuen Freund ihrer Mutter zwar etwas doof und übertrieben freundlich. Aber dass Kevin (Ken Leung) mit ihrer Mutter Grace (Nia Long) für ein verlängertes Wochenende nach Cartagena, Kolumbien, fliegt, ist ziemlich cool. Denn an den Tagen hat sie in Los Angeles eine sturmfreie Bude, die sie für genau das benutzt, was sie nach Ansicht ihrer überfürsorglichen Mutter nicht tun soll. Nämlich Party, Alkohol, Drogen und wohl auch Sex (hey, es ist ein US-Krimi, da werden bestimmte Dinge nicht gezeigt.).

Aber dann kehren Grace und Kevin nicht aus dem Urlaub zurück und sie reagiert nicht auf Junes Anrufe. Sie ist, wie June, herausfindet, spurlos verschwunden und die Polizei strengt sich nicht sonderlich an, sie zu finden. Immerhin deutet nichts auf ein Verbrechen hin.

Also beginnt June auf eigene Faust zu recherchieren. Und das tut sie an ihrem Computer.

Missing“ ist ein Desktop-Thriller. D. h. die gesamte Filmhandlung spielt sich auf einem Computerbildschirm ab. Es gibt Recherchen in Datenbanken, Besuche auf verschiedenen Webseiten und in den sozialen Medien, Videotelefonate, verschiedene Textnachrichten und den Zugriff auf verschiedene Videokameras. Viele davon sind öffentlich zugänglich, weil es sich um Kameras handelt, die auf Sehenswürdigkeiten und Marktplätze gerichtet sind. Andere, wie die Kamera an ihrem Hauseingang, nicht. Und im Lauf ihrer Suche kann sie sich auch von Privatpersonen erstellte Videoaufnahmen ansehen. Das alles hilft ihr bei der Suche nach ihrer Mutter.

Die Macher von „Missing“ sind auch für den 2018er Desktop-Thriller „Searching“ verantwortlich. Ihr neuer Film spielt in der gleichen Welt und sie wollen in den nächsten Jahren weitere in dieser Welt spielende Thriller drehen. Im Moment ist diese Verbindung noch sehr lose. Denn bis auf ein, zwei Easter-Egg-Bilder auf Junes Computer gibt es keine weitere offensichtliche Verbindung zwischen den beiden Thrillern.

Inszeniert wurde „Missing“ von Will Merrick und Nick Johnson. Sie waren bei „Searching“ für den gelungenen Schnitt verantwortlich und bei dieser Art von Filmen ist das mehr als die halbe Miete.

Denn wie die Macher hier die Geschichte erzählen und den Blick über den Computerbildschirm lenken, ist überaus durchdacht. Niemals verliert man auf Junes Bildschirm mit den zahlreichen geöffneten und parallel laufenden Programmen und Apps, zwischen denen sie teilweise mit atemberaubender Geschwindigkeit hin und her wechselt, den Überblick. Die große Kinoleinwand erleichtert das Lesen der verschiedenen Texte. Denn auf einem kleinen Laptop oder einem Smartphone ist dann nur noch wenig bis nichts mehr von den vielen gleichzeitg gezeigten Bildern und Texten zu sehen.

Erschreckend ist bei allen kreativen Freiheiten, die die Macher sich sicher genommen haben (vor allem ist Junes Computer immer schnell und frei von lästiger Werbung), wie viel June ziemlich mühelos über öffentlich zugängliche Seiten herausfinden kann und wie schnell sie an bestimmte Informationen herankommt, ohne dabei die passwortgesicherten Konten ihrer Mutter und ihres Freundes zu öffnen (das tut sie auch) und ohne ihr Zimmer zu verlassen.

Auch wenn June viel am Computer herausfinden kann, kann sie nicht alles herausfinden. Für die immer noch notwendige Fußarbeit vor Ort in Cartagena engagiert sie Javi (Joaquim de Almeida). Er bietet auf TaskRabbit seine Dienste für kurzfristige Arbeiten an und seine Honorarvorstellungen sind für June akzeptabel. Er ist selbst Vater, versteht Junes Sorgen gut und wird zu einer für sie unersetzlichen Hilfe.

Die Story ist, wenn wir die glänzende technische Oberfläche weg lassen, eine klassische Pulp-Geschichte mit etlichen Überraschungen. Im Nachhinein erscheint nicht mehr jeder Twist besonders logisch, aber das hohe Erzähltempo täuscht darüber hinweg. Denn natürlich ist nichts so, wie es scheint und June erfährt über den neuen Freund ihrer Mutter, ihre Mutter, ihren Vater und damit über ihre Vergangenheit mehr, als sie wissen möchte.

Es ist eine Geschichte, wie wir sie von Harlan Coben kennen.

Sie würde auch gut in das Programm von Hard Case Crime passen. HCC ist eine in den USA erscheinende Krimireihe, die seit einigen Jahren die Tradition des gepflegten Pulps hochhält und deshalb von Krimifans geliebt wird. Ab und an wird ein HCC-Buch ins Deutsche übersetzt. So erscheint bei Suhrkamp am 11. März 2023 James Kestrels mit dem Edgar-Award 2022 ausgezeichneter, bei HCC veröffentlichter Thriller „Fünf Winter“ (Five Decembers). Aber das ist eine Geschichte, die nichts, aber auch absolut nichts mit „Missing“ zu tun hat.

Missing“ ist ein überaus spannender, wendungsreicher und entsprechend kurzweiliger Spaß für den immer nach spannender Unterhaltung süchtigen Thrillerfan. .

Missing (Missing, USA 2023)

Regie: Will Merrick, Nick Johnson

Drehbuch: Will Merrick, Nick Johnson (basierend auf einer Geschichte von Sev Ohanian und Aneesh Chaganty)

mit Storm Reid, Joaquim de Almeida, Ken Leung, Amy Landecker, Daniel Henney, Nia Long

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Missing“

Metacritic über „Missing“

Rotten Tomatoes über „Missing“

Wikipedia über „Missing“

Meine Besprechung von Aneesh Chagantys „Searching“ (Searching, USA 2018)


TV-Tipp für den 24. Februar (und Lesetipps): Shutter Island

Februar 23, 2023

Pro7, 22.55

Shutter Island (Shutter Island, USA 2009)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Laeta Kalogridis

LV: Dennis Lehane: Shutter Island, 2003 (Shutter Island)

Shutter Island, 1954: U. S. Marshall Teddy Daniels und sein neuer Partner Chuck Aule sollen auf Shutter Island herausfinden, wie die Mehrfachmörderin und Patientin Rachel Solando aus dem streng abgesicherten Hospital entkommen konnte. Schnell ist Daniels einer größeren Verschwörung auf der Spur. Aber kann er seinen Sinnen noch trauen?

Und was kann bei dem Team Scorsese/DiCaprio schon schief gehen? Vor allem wenn sie als Spielmaterial einen spannenden Thriller von Dennis Lehane haben.

Nun, entgegen der allgemeinen Euphorie fand ich „Shutter Island“ todsterbenslangweilig und ungefähr so subtil wie Scorseses John-D.-MacDonald-Verfilmung „Kap der Angst“ (Cape Fear, USA 1991). Lehanes Roman ist dagegen grandios.

Mit Leonardo DiCaprio, Ben Kingsley, Mark Ruffalo, Max von Sydow, Michelle Williams, Emily Mortimer, Patricia Clarkson, Jackie Earle Haley, Ted Levine, John Carroll Lynch, Elias Koteas

Lesetipps

natürlich die Vorlage

Dennis Lehane: Shutter Island

(übersetzt von Steffen Jacobs)

Diogenes, 2015

432 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Shutter Island

William Morrow, 2003

Außerdem will ich die Gelegenheit wahrnehmen, um auf die Neuübersetzung von Dennis Lehanes Kenzie-&-Gennaro-Krimi „Kalt wie dein Herz“ hinzuweisen. Dieses Mal fragt Privatdetektiv Patrick Kenzie sich, ob er den Suizid von Karen Nichols hätte verhindern können. Einige Monate vor ihrem Tod war sie bei ihm, weil ein Stalker sie belästigte. Er übernahm lustlos den Auftrag.

Kalt wie dein Herz“ ist Lehanes fünfter Krimi mit den Privatdetektiven Patrick Kenzie und Angela Gennaro.

Ihr sechster und bislang letzter Fall „Moonlight Mile“ erschien erst elf Jahre später.

In den USA ist, nach einer sechsjährigen Pause, für Ende April sein neuer, im Sommer 1974 in Boston spielender Kriminalroman „Small Mercies“ angekündigt. Wir freuen uns schon jetzt auf die Übersetzung.

Dennis Lehane: Kalt wie dein Herz

(übersetzt von Peter Torberg)

Diogenes, 2022

512 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

Prayers for Rain

William Morris, New York, 1999

Deutsche Erstausgabe

Regenzauber

(übersetzt von Andrea Fischer)

Ullstein, 2001

Hinweise

Metacritic über „Shutter Island“

Rotten Tomatoes über „Shutter Island“

Wikipedia über „Shutter Island“ (deutsch, englisch)

The Boston Globe: Interview mit Dennis Lehane über “Shutter Island” (14. Februar 2010)

Kriminalakte über den Film „Shutter Island“

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2003)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Live by Night“ (Live by Night, USA 2016)

Meine Besprechung von Christian De Metters Comicversion von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2008 [Comic])

Dennis Lehane in der Kriminalakte

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Ari Folmans „Das Tagebuch der Anne Frank“ und „Wo ist Anne Frank“

Februar 23, 2023

Die Geschichte von Anne Frank, ihrem Leben und Tod, dürfte allgemein bekannt sein. Nur Kitty, die beste Freundin von Anne Frank, kennt sie nicht vollständig. Denn Kitty ist eine Fantasiefigur. Erfunden wurde sie von Anne, weil sie ihre Tagebucheinträge nicht an sich selbst, sondern an eine andere Person richten wollte.

Als in Amsterdam im Anne-Frank-Haus „Heute in einem Jahr…“ ein Blitz einschlägt, erwacht Kitty zum Leben. Sie kennt das Haus, aber jetzt sind in ihm nicht mehr Anne, ihre Familie, die Familie van Daan und der später hinzugekommene Albert Dussel, sondern viele fremde Menschen. Kitty will ihre beste und einzige Freundin finden.

Dafür verlässt sie das Haus und stellt dabei fest, dass sie im Haus unsichtbar ist. Vor dem Haus ist sie, wenn sie das originale Tagebuch von Anne Frank dabei hat, sichtbar und sie kann sich mit Menschen unterhalten. Also nimmt sie es mit. Dummerweise wird die rothaarige Kitty jetzt als die Diebin des wertvollen Tagebuchs gesucht.

Das ist der zugegeben fantastische Auftakt von Ari Folmans Animationsfilm „Wo ist Anne Frank“ (ohne Fragezeichen). Folman ist vor allem bekannt für „Waltz with Bashir“. Vor inzwischen zehn Jahren wurd er vom Anne Frank Fonds gefragt, ob er einen Film über Anne Frank machen möchte. Daraus entstand dann zunächst, zusammen mit seinem „Waltz with Bashir“-Partner David Polonsky, eine Graphic Novel des Tagebuchs. Dieser Comic bleibt sehr nah am Text des Tagebuchs. Sie übernahmen sogar längere Tagebucheinträge direkt.

In „Wo ist Anne Frank“ versucht Folman einem heutigen, jüngerem Publikum die Geschichte von Anne Frank nahe zu bringen. Gleichzeitig will er erzählen, was nach Anne Franks letztem Eintrag in ihr Tagebuch geschah. Das gelingt ihm, indem er Kitty zur Protagonistin macht.

Während Kitty versucht herauszufinden, was mit Anne nach ihrem letzen Tagebucheintrag geschah, fügt Folman animierte Ausschnitte aus Anne Franks Tagebuch in den Film ein, Kitty sieht überall in Amsterdam die Spuren von Anne Frank (Letztendlich wurde jedes zweite Gebäude nach ihr benannt) und sie verliebt sich in den jugendlichen Taschendieb Peter. Über ihn lernt sie aus nordafrikanischen Ländern geflüchtete Menschen, wie das Mädchen Awa, kennen. Sie leben in Amsterdam teilweise ohne Papiere in einer geheimen Unterkunft. Folman verbindet hier zunächst unaufdringlich und rein assoziativ das Schicksal von Anne Frank mit dem Schicksal von heute aus ihren Heimatländern Geflüchteten.

Wo ist Anne Frank“ ist ein überaus ambitioniertes Werk, das sich etwas unglücklich zwischen Kinder- und Erwachsenenfilm setzt. Für die einen zu anspruchsvoll, für die anderen, wenigstens in Teilen, zu naiv. Wobei die Macher ihn für Kinder ab 12 Jahren und auch die Bildungsarbeit empfehlen. Denn der Anne Frank Fonds, der diesen Film initiierte, ist eine von Anne Franks Vater Otto Frank gegründete Stiftung, die sich in zahlreichen Projekten für einen würdigen Umgang mit Anne Franks Werk, dem Gedenken an den Holocaust und der Verwirklichung von Kinderrechten einsetzt. Zwölfjährige dürften mit der komplexen Struktur des Films zurechtkommen. Jüngere eher nicht. Erwachsene dürften sich eher über das überaus naive Finale des Films an der Flüchtlingsunterkunft ärgern, das sogar die Geduld des gutmütigsten Zuschauers strapaziert. Und Kitty muss sich bei ihrer Suche nach Anne manchmal wirklich dumm verhalten.

Doch das ist jammern auf hohem Niveau. Denn, wie die Pixar-Filme, spricht Folman in „Wo ist Anne Frank“ schwierige Themen an, behandelt sie vielschichtig und wird nur selten zu didaktisch. Deshalb ändert meine Kritik nichts daran, dass dieser Animationsfilm viel, viel besser ist als andere Animationsfilme, die sich ausschließlich an Kinder unter zehn Jahren richten.

Parallel zum Film erschien im S. Fischer Verlag die Graphic Novel „Wo ist Anne Frank“. Dabei handelt es sich um die gelungene gezeichnete Version des Films.

Wo ist Anne Frank (Where is Anne Frank, Belgien/Frankreich/Niederlande/Luxemburg/Israel/Deutschland/USA 2021 )

Regie: Ari Folman

Drehbuch: Ari Folman

mit (in der deutschen Fassung den Stimmen von) Sarah Tkotsch, Anni C. Salander, Jaron Müller, Oliver Szerkus, Bernhard Völger, Jessica Walther-Gabory, Laura Oettel, Iris Berben

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Lesenswerter Lesestoff zum Film

Während Ari Folman an „Wo ist Anne Frank“ arbeitete, schrieb er eine gelungene Comic-Version des Tagebuchs von Anne Frank. Sie verkaufte sich gut und half so auch bei der schwierigen Finanzierung von „Wo ist Anne Frank“. Der Spielfilm wurde ebenfalls zu einem Comic verarbeitet. Der Comic unterscheidet sich kaum vom Film.

Ari Folman/Lena Guberman: Wo ist Anne Frank – Eine Graphic Novel

(übersetzt von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel)

S. Fischer, 2022

160 Seiten

22 Euro

Ari Folman/David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank

(übersetzt von Mirjam Pressler, Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

S. Fischer, 2017

160 Seiten

20 Euro

Außerdem gibt es natürlich immer noch den Originaltext

Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.

Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.

Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.

Für den Hausgebrauch reicht natürlich die Ausgabe ihres Tagebuchs.


Anne Frank: Gesamtausgabe

(herausgegeben vom Anne Frank Fonds)

(übersetzt von Mirjam Pressler)

Fischer, 2015

816 Seiten

12,99 Euro


Deutsche Erstausgabe

Fischer, 2013

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Wo ist Anne Frank“

Moviepilot über „Wo ist Anne Frank“

Metacritic über „Wo ist Anne Frank“

Rotten Tomatoes über „Wo ist Anne Frank“

Wikipedia über „Wo ist Anne Frank“ (deutsch, englisch) und Anne Frank (deutsch, englisch)

Der Anne Frank Fonds

Meine Besprechung von Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“ (Deutschland 2016)

Meine Besprechung von Ari Folmans „The Congress“ (The Congress, Deutschland/Irland/Polen/Frankreich/Belgien/Luxemburg 2013)


TV-Tipp für den 23. Februar: Krieg der Welten

Februar 22, 2023

Herzlichen Glückwunsch zum diesjährigen Goldenen Ehrenbären, Steven Spielberg!

Vox, 22.50

Krieg der Welten (War of the Worlds, USA 2005)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Josh Friedman, David Koepp

LV: H. G. Wells: The War of the Worlds, 1898 (Der Krieg der Welten)

Aliens wollen die Menschheit vernichten und Hafenarbeiter Ray Ferrier (Tom Cruise) stolpert mit seinen Kindern, die er retten will, durch ein sich in Auflösung befindendes Land. Denn die Aliens sind unbesiegbar.

Extrem düsterer, von 9/11 beeinflusster Science-Fiction-Film von Steven Spielberg.

mit Tom Cruise, Dakota Fanning, Miranda Otto, Justin Chatwin, Tim Robbins, Amy Ryan

Hinweise

Moviepilot über „Krieg der Welten“

Metacritic über „Krieg der Welten“

Rotten Tomatoes über „Krieg der Welten“

Wikipedia über „Krieg der Welten“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (The Post, USA 2017)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Ready Player One“ (Ready Player One, USA 2018)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „West Side Story“ (West Side Story, USA 2021)

Steven Spielberg in der Kriminalakte

Meine Besprechung von David Koepps „Cold Storage – Es tötet“ (Cold Storage, 2019)


„Inside James Bond“ „Mit der Absicht zu töten“ auf geheimer Mission

Februar 22, 2023

In seinem dritten James-Bond-Roman springt Anthony Horowitz wieder zu einem anderen Abschnitt im Leben von James Bond, wie es von Bond-Erfinder Ian Fleming aufgeschrieben wurde. In „Trigger Mortis – Der Finger Gottes“ (Trigger Mortis, 2015) erzählte Horowitz ein Abenteuer aus Bonds Agenten-Hochphase. Genaugenommen spielt der Roman 1957 nach dem Bond-Roman „Goldfinger“. In „Ewig und ein Tag“ (Forever and a Day, 2018) erzählte er James Bonds erstes Abenteuer als Geheimagent. Deshalb spielt die Geschichte vor Ian Flemings erstem Bond-Roman „Casino Royale“. Jetzt erzählt Horowitz quasi Bonds letztes Abenteuer. „Mit der Absicht zu töten“ spielt nach Ian Flemings letztem Bond-Roman „Der Mann mit dem goldenen Colt“ (The Man with the golden Gun, 1965). Bond überlebte den Kampf gegen den Profikiller Scaramanga nur schwer verletzt.

Nach seiner Genesung wird Bond auf eine neue gefährliche Mission geschickt. Allerdings fragt der Weltkrieg-II-Veteran sich, ob er nach fünfzehn Jahren als Geheimagent überhaupt noch die Arbeit machen will und kann. Denn inzwischen ist er, so seine Einschätzung, langsam zu alt und zu langsam für die gefährliche Mission an vorderster Front. Sonst hätte er Scaramanga leichter besiegt. Und er weiß nicht, nachdem er in sowjetischer Gefangenschaft war und dort von Oberst Boris einer Gehirnwäsche unterzogen wurde, ob er seinem Gedächtnis und seinem Willen vertrauen kann. Denn diese Gehirnwäsche führte dazu, dass er einen Mordanschlag auf seinen Vorgesetzten M verübte,

Dieses Mal soll James Bond in Moskau eine geheime, neu gegründete Gruppe infiltrieren. Stalnaja Ruka ist ein Zusammenschluss von SMERSCH, KGB, GRU und Stasi, deren Beziehung zum Kreml unklar ist. Die Gruppe, zu der auch Oberst Boris gehört, plant etwas, das das Gleichgewicht der Kräfte zwischen Ost und West vollständig zerstören soll. Mehr weiß M nicht.

Melancholischer, an sich selbst zweifelnd und auch müde von den physisischen und psychischen Herausforderungen und Verletzungen seiner vorherigen Einsätze dürfte James Bond bislang in keinem anderen Abenteuer gewesen sein. Anthony Horowitz präsentiert in „Mit der Absicht zu töten“ einen reiferen James Bond.

Seit seinem ersten Agentenabenteuer „Ewig und ein Tag“, in das er sich erlebnishungrig und neugierig stürzte, sammelte er Erfahrungen und veränderte sich. Das zeigt sich auch an seinem Verhältnis zu den Frauen, die ihm in „Mit der Absicht zu töten“ begegnen. Außerdem veränderte sich von den frühen fünfziger Jahren bis Mitte der sechziger Jahre die Gesellschaft und gesellschaftliche Ansichten.

Das reflektiert Horowitz in seinem dritten und, leider, finalen Bond-Roman, der zur Hochzeit des Kalten Krieges spielt. Es gibt böse, sehr, sehr mächtige Russen, Intrigen, Geheimpläne, Verschwörungen, Gedankenexperimente wie in „Der Manchurian Kandidat“ und viel Kalter-Kriegs-Atmosphäre bis hin zum Finale in Ost-Berlin und an der Mauer.

Mit der Absicht zu töten“ ist ein spannender und würdiger Abschluss von Anthony Horowitz‘ James-Bond-Trilogie. Gleichzeitig sind seine drei Bond-Romane eine gelungene Erweiterung der von Ian Fleming geschriebenen James-Bond-Geschichten.

Für die Fans des Kino-James-Bond gibt es mit „Inside James Bond“ ein vom Filmmagazin cinema herausgegebenes Buch über James Bond. Es ist, wie die anderen von cinema zuletzt herausgegebenen Filmbücher eine gelungene, kurzweilige und informative Mischung aus kurzen Texten und vielen Bildern.

In den Texten geht es einmal durch die Geschichte von James Bond. Es beginnt mit einem Kapitel zu Bond-Erfinder Ian Fleming. Weiter geht es mit Kapiteln über die Produzenten und die Bond-Darsteller Sean Connery, George Lazenby, Roger Moore, Timothy Dalton, Pierce Brosnan und Daniel Craig. In diesen Kapiteln stehen ihre James-Bond-Filme eindeutig im Mittelpunkt. Sie werden hier auch schon kritisch eingeordnet. Weiter geht es mit kurzen Kapiteln über die Bond-Girls, die Bösewichter, die Titelsongs, Drehorte und Sets, die gerne am Filmende zerstört werden. Es gibt teils brandneue Interviews mit den Bond-Darstellern und anderen an den Bond-Filmen beteiligten Personen, wie den Bond-Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson.

Abschließend werden alle Bond-Filme, auch „Casino Royale“ (1967) und „Sag niemals nie“ (1983, das „Feuerball“-Remake mit Sean Connery), noch einmal kritisch gewürdigt.

Über die dabei vorgenommene Punktebewertung sollte allerdings noch einmal gesprochen werden. So kommt die kommerziell sehr einträgliche Craig-Ära zu gut weg. Für mich sind nur zwei seiner fünf Filme gelungen und vier von fünf möglichen Patronen für „Ein Quantum Trost“ sind mindestens zwei zu viel. Fünf Bewertungskugeln für „Liebesgrüße aus Moskau“ und „Goldfinger“ sind natürlich in Ordnung.

Insgesamt ist „Inside James Bond“ ein gelungenes Buch, das auch Bond-Fans, die bereits einige Bücher über den Geheimagenten ihrer Majestät im Regal stehen haben, noch ein, zwei neue Erkenntnisse vermittelt.

Anthony Horowitz: Mit der Absicht zu töten

(übersetzt von Stephanie Pannen)

Cross Cult, 2022

320 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

James Bond – With a mind to kill

Jonathan Cape, 2022

cinema (Hrsg.): Inside James Bond

Panini, 2022

224 Seiten

30 Euro

Hinweise

Wikipedia über James Bond (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romane “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung von John Gardners “James Bond – Kernschmelze” (James Bond – Licence Renewed, 1981; alter deutscher Titel “Countdown für die Ewigkeit”)

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond – Der Mann von Barbarossa“ (James Bond – The Man from Barbarossa, 1991)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ “James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes” (James Bond: Trigger Mortis, 2015)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond – Ewig und ein Tag“ (James Bond – Forever and a day, 2018)

Meine Besprechung der TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ (Fleming, Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Film “Spectre” (Spectre, USA/GB 2015)

Meine Besprechung von Cary Joji Fukunaga James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ (No time to die, Großbritannien 2021)

Meine Besprechung von Danny Morgensterns „Unnützes James Bond Wissen“ (2020)

Kriminalakte: Mein Gespräch mit Danny Morgenstern über „Keine Zeit zu sterben“ und sein Buch „Das ultimative James-Bond-Quizbuch“ (1. Oktober 2021) (Sehbefehl?)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte

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Homepage von Anthony Horowitz

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Der Fall Moriarty“ (Moriarty, 2014)

Die “Inspector Barnaby”-Fälle von Anthony Horowitz

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes“ (James Bond: Trigger Mortis, 2015)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond – Ewig und ein Tag“ (James Bond – Forever and a day, 2018)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Ein perfider Plan – Hawthorne ermittelt“ (The Word is Murder, 2017)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Mord in Highgate – Hawthorne ermittelt“ (The Sentence is Death, 2018)

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Homepage von Cinema

Meine Besprechung von Cinema (Hrsg) „Making of – Hinter den Kulissen der größten Filmklassiker aller Zeiten“ (2019)

Meine Besprechung von Cinema (Hrsg.) „Filmstars: Die 30 größten Ikonen der Kinogeschichte“ (2021)

Meine Besprechung von Cinema (Hrsg.) „Making of – Hinter den Kulissen der größten Klassiker aller Zeiten: Band 2“ (2022)


TV-Tipp für den 22. Februar: Kulturkrieg – Kunst als Waffe

Februar 21, 2023

Arte, 22.00

Kulturkrieg – Kunst als Waffe (Deutschland 2023)

Regie: Philipp Kohlhöfer

Drehbuch: Philipp Kohlhöfer

TV-Premiere. Fünfzigminütiege Doku über ukrainische Künstler und wie sie leben, arbeiten und gegen Russland um ihr Land kämpfen. Das ist ein interessantes Thema. Aber so wie es in „Kulturkrieg – Kunst als Waffe“ präsentiert wird, sollte es nicht getan werden.

Über die Arbeit der Künstler, ihre Bedeutung für die ukrainische Kulturszene und ihren Einfluss auf das dortige Leben erfahren wir wenig konkretes. Es geht, in eher kurzen Statements, mehr um ihre Gefühle und ihr aktuelles Leben als Soldat. Denn jetzt stehe die Verteidigung ihrer Heimat an erster Stelle. Manchmal dürfen sie ihre Arbeiten präsentieren. Bei den Musikern, die dann mit ihrer Musik auftreten, und einem Grafiker, dessen Plakate gezeigt werden, sind sie auch ohne große Erklärungen halbwegs verständlich. Bei den Liedern wären, um die Texte zu verstehen, Untertitel hiflreich gewesen. Doch insgesamt wird sich noch nicht einmal oberflächlich mit ihrem Werk und ihren Botschaften auseinandergesetzt.

Ärgerlich sind bei den Interviews die Sekundenschnitte und die Wackelkamera. Anstatt einfach einmal ein, zwei Minuten ungestört einem Menschen zuzuhören, gibt es alle paar Sekunden einen überflüssigen, vom Gesagten ablenkenden Schnitt. Noch störender ist die Musik. Fast alle Bilder werden mit einem bezuglos zu den Bildern hinblubberndem, austauschbarem Soundteppich zugekleistert. Furchtbar.

mit Olena Zelenska, Andriy Yermolenko, Taras Topolia, Mykhailo Reva, Mariam Naiem, Vira Lebedynska, Andriy Khlyvnyuk, Moisei Bondarenko, Volodymyr Bezruky

Hinweis

Arte über die Doku (dort steht die Doku nach ihrer Ausstrahlung in der Mediathek)