TV-Tipp für den 14. September: Der Wüstenplanet

September 13, 2021

Kabel 1, 23.00

Der Wüstenplanet (Dune, USA 1984)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch

LV: Frank Herbert: Dune, 1965 (Dune – Der Wüstenplanet)

Wenige Stunden vor dem Kinostart von Denis Villeneuves neuer Verfilmung von Frank Herberts mit dem Hugo-Award ausgezeichneten SF-Klassiker „Der Wüstenplanet“ kann heute Abend noch einmal David Lynchs mit dem Stinkers Bad Movie Award ausgezeichnete Verfilmung angesehen werden.

Die Story: in der Zukunft wird auf dem Wüstenplaneten Arrakis das für die Gesellschaft wichtige Gewürz (aka Spice) abgebaut. Jetzt soll das Haus Atreides die Gewürzförderung übernehmen. Herzog Leto Atreides fällt einer Intrige durch das Haus Harkonnen zum Opfer. Sein Sohn Paul Atreides flüchtet mit seiner Mutter in die Wüste. Dort wird er der Anführer der Fremen. Gemeinsam ziehen sie in den Kampf gegen die niederträchtigen Harkonnen.

Der Film: Als ich mir den Film vor einigen Tagen wieder ansah, war ich erstaunt, wie schlecht er ist. Lynch rafft einfach das Buch zusammen, was dazu führt, dass die Geschichte vollkommen unverständlich wird. Er inszenierte eine Armee regungslos vor der Kamera stehender sprechender Köpfe. Für eine Big-Budget-Produktion und verglichen mit den Tricks von ungefähr zeitgleich entstandenen Filmen wie „Das Imperium schlägt zurück“, „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“, „Das Ding aus einer anderen Welt“ oder „Blade Runner“ sind die Tricks atemberaubend schlecht. Sogar in einem SF-Film aus den Fünfzigern sind sie überzeugender.

Lynches „Der Wüstenplanet“ ist ein grottenschlechtes Totaldesaster. Humorfreie und prätentiöse auf jeder Ebene. Verglichen mit diesem Film ist Villeneuves Version natürlich besser. Wieviel besser sie ist, werde ich in meiner ausführlichen Besprechung erklären.

Mit Kyle MacLachlan, José Ferrer, Francesca Annis, Jürgen Prochnow, Kenneth McMillan, Silvana Mangano, Dean Stockwell, Max von Sydow, Linda Hunt, Brad Dourif, Sting, Sean Young, Richard Jordan, Sean Phillips, Freddie Jones, Patrick Stewart, Virginia Madsen

Die Vorlage, zum Filmstart mit neuem Cover

Dune Der Wuestenplanet von Frank Herbert

Frank Herbert: Dune – Der Wüstenplanet

(übersetzt von Jakob Schmidt)

Heyne, 2020

800 Seiten

12,99 Euro

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Wüstenplanet“

Wikipedia über „Der Wüstenplanet“ (deutsch, englisch)

Homepage von David Lynch

Meine Besprechung von David Lynchs „Lost Highway“ (Lost Highway, USA 1997)


TV-Tipp für den 13. September: Flucht von Alcatraz

September 12, 2021

One, 22.30

Flucht von Alcatraz (Escape from Alcatraz, USA 1979)

Regie: Don Siegel

Drehbuch: Richard Tuggle

LV: J. Campbell Bruce: Escape from Alcatraz, 1963

Frank Lee Morris plant das Unmögliche: eine Flucht von Alcatraz. Am 11. Juni 1962 gelingt dem Sträfling die Flucht; – jedenfalls verschwanden er und seinen beiden Mitflüchtlingen spurlos.

„Flucht von Alcatraz“ ist die fünfte und letzte Zusammenarbeit von Don Siegel und Clint Eastwood. Der auf einem wahren Fall beruhende, beklemmende und realistische Knastthriller wurde auf Alcatraz gedreht.

Danny Glover gibt hier in einer Nebenrolle als Häftling sein Filmdebüt.

Mit Clint Eastwood, Patrick McGoohan, Roberts Blossom, Jack Thibeau, Fred Ward, Paul Benjamin, Larry Hankin, Bruce M. Fischer, Frank Ronzio, Danny Glover

Wiederholung: Dienstag, 14. Februar, 01.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Flucht von Alcatraz“

Wikipedia über „Flucht von Alcatraz“ (deutsch, englisch)

Roger Ebert über „Escape from Alcatraz“

Meine Besprechung von Don Siegels „Der Tod eines Killers“ (The Killers, USA 1964 – Ronald Reagans letzter Film)

Meine Besprechung von Don Siegels „Der letzte Scharfschütze“ (The Shootist, USA 1976 – John Waynes letzter Film)

Kriminalakte über Don Siegel


TV-Tipp für den 12. September: Vier im roten Kreis

September 11, 2021

Arte, 20.15

Vier im roten Kreis (Le cercle rouge, Frankreich 1970)

Regie: Jean-Pierre Melville

Drehbuch: Jean-Pierre Melville

Nach einer Haftstrafe plant Einbrecher Corey (Alain Delon) gleich seinen nächsten Coup. Den Einbruch in ein gut gesichertes Juweliergeschäft. Mit zwei Kumpanen (Gian Maria Volonté, Yves Montand) will er das Ding durchziehen. Ein Kommissar (André Bourvil) jagt sie.

Mehr Story braucht Jean-Pierre Melville in seinem vorletzten Film „Vier im roten Kreis“ nicht, um ein weiteres Meisterwerk zu inszenieren. Der Gangsterfilm ist nur deshalb bei der breiten Masse unbekannter, weil Melvilles „Der eiskalte Engel“ und sein letzter Film „Der Chef“ (beide ebenfalls mit Alain Delon) bekannter sind. Denn „Vier im roten Kreis“ hat alles, was Melville-Fans lieben und auf der großen Leinwand wirkt der Film noch besser.

Legendär und in die Kinogeschichte eingegangen ist der Einbruch in das Juweliergeschäft: eine gute halbe Stunde verfolgen wir atemlos den Einbruch, bei dem keiner der Einbrecher ein Wort sagt. Großes Kino.

mit Alain Delon, André Bourvil, Yves Montand, Gian Maria Volontè, Francois Périer, Paul Crauchet

Wiederholung: Dienstag, 14. September, 13.40 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Vier im roten Kreis“

Wikipedia über „Vier im roten Kreis“ (deutsch, englisch) und Jean-Pierre Melville (deutsch, englisch, französisch)

Guardian: Peter Lennon über Jean-Pierre Melville (27. Juni 2003)

Jean-Pierre Melville in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 11. September: Boston

September 10, 2021

Pro7, 20.15

Boston (Patriots Day, USA 2016)

Regie: Peter Berg

Drehbuch: Peter Berg, Matt Cook, Joshua Zetumer (nach einer Geschichte von Peter Berg, Matt Cook, Paul Tamasy und Eric Johnson)

Spannender, quasi-dokumentarischer Thriller über den Terroranschlag auf den Boston-Marathon am 15. April 2013 und der anschließenden Jagd auf die Täter.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung

mit Mark Wahlberg, Kevin Bacon, John Goodman, J. K. Simmons, Michelle Monaghan, Alex Wolff, Themo Melikidze, Jake Picking, Jimmy O. Yang, Rachel Brosnahan, Christopher O’Shea, Khandi Alexander

Wiederholung: Sonntag, 12. September, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Boston“

Metacritic über „Boston“

Rotten Tomatoes über „Boston“

Wikipedia über „Boston“ (deutsch, englisch) und den Anschlag (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Boston“

Meine Besprechung von Peter Bergs „Battleship“ (Battleship, USA 2012)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Lone Survivor“ (Lone Survivor, USA 2013)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Deepwater Horizon“ (Deepwater Horizon, USA 2016)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Boston“ (Patriots Day, USA 2016) und der DVD

Meine Besprechung von Peter Bergs „Mile 22“ (Mile 22, USA 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: „Stillwater – Gegen jeden Verdacht“ will ein Vater seiner Tochter helfen

September 10, 2021

Matt Damon besucht Europa. Allerdings nicht als Jason Bourne, sondern als Bill Baker. Baker lebt in Stillwater, Oklahoma, ist Bohrarbeiter, Ex-Alkoholiker, Witwer und er ist gläubig. Jetzt besucht er in Europa seine Tochter Allison (Abigail Breslin). Die sitzt in Marseille im Gefängnis. Sie ist (war?) Austauschstudentin und soll ihre Mitbewohnerin ermordet haben. Dafür wurde sie zu einer neunjährigen Haftstrafe verurteilt. Vier Jahre hat sie noch vor sich. Ihr Vater besucht sie regelmäßig; sofern es seine beschränkten finanziellen Möglichkeiten zulassen.

Jetzt bittet Allison ihn, einen Brief zu ihrer Anwältin zu bringen. Von einer Mitgefangenen habe sie gehört, dass ein junger Mann auf einer Party erzählt habe, er habe einen Mord begangen, für den er nicht verurteilt wurde. Allison vermutet, dass dieser Mann, von dem es nur eine dürftige Beschreibung gibt, auch der Mörder ihrer Mitbewohnerin Lena ist.

Und spätestens jetzt ist die Zeit für einen Einschub gekommen. Denn Tom McCarthys Drama „Stillwater“ wird auch damit beworben, von dem Fall Amanda Knox inspiriert zu sein. Allerdings wurde von dem wahren Fall nur die die Ausgangssituation, nämlich dass eine Austauschstudentin verdächtigt wird, ihre Mitbewohnerin umgebracht zu haben, übernommen. Der Rest ist reine Fiktion.

Wer daher mehr über den Fall weiß, sollte nicht nach Gemeinsamkeiten zwischen dem wahren Mordfall und diesem Filmmord suchen. Es gibt sie nicht. Wer nach der Lektüre der Filmankündigung in den Film geht, um mehr über Amanda Knox und den Mord an Meredith Kercher zu erfahren, sollte es bleiben lassen. Es ist kein Enthüllungsfilm. Und, weil ich gerade dabei bin, wer jetzt in den Film gehen möchte, um einen spannenden Kriminalfilm zu sehen, sollte es auch bleiben lassen. Zwar ist der Mordfall und die Suche von Baker nach dem Mörder der rote Faden des Films, aber McCarthy interessiert sich kaum für die Tätersuche und die Lösung des Falls überzeugt nicht.

McCarthy interessiert sich für seinen Protagonisten Bill Baker; grandios verkörpert von Matt Damon. Damon veränderte für diese Rolle seine gesamte Körperhaltung, Gang, Bewegungen und Sprache so sehr, dass er kaum noch erkennbar ist. Das und dass Damon als Baker immer einen Goatee und eine Basecap trägt, ermöglichte es McCarthy auch, mit Matt Damon 2019 während eines Fußballspiels im Stade Velodrome, dem Stadion des Clubs Olympique de Marseille, zu drehen. Anscheinend erkannte niemand den Hollywood-Star.

Insofern ist „Stillwater“ vor allem eine Charakterstudie eines Mannes mit vielen Fehlern, der jetzt versucht seiner Tochter zu helfen und der von der Situation hoffnungslos überfordert ist. So raten ihm alle ab, auf eigene Faust den Mörder zu suchen. Er tut es trotzdem. Er ist jederzeit gefährdet, wieder zu trinken. Oder ein anderes Suchtverhalten zu wählen. Halt findet er nur in der Zufallsbekanntschaft Virginie (Camille Cottin) und ihrer Tochter Maya (Lilou Siauvaud, Debüt). Die Theaterschauspielerin Virginie ist in Marseille seine Übersetzerin, die ihm auch bei den Ermittlungen hilft. Er hilft ihr als Handwerker bei Kleinigkeiten im Haushalt. Mit ihrer Tochter lernt er französisch. Und er versucht für Maya der Vater zu sein, der er für Allison nie war. Diese Beziehungen rücken in der zweiten Hälfte des Films in den Mittelpunkt.

Stillwater“ überzeugt als ruhig erzählte Charakterstudie. Die Figuren sind komplex, ihre Konflikte nachvollziehbar und das Ende regt zum Nachdenken an. Tom McCarthy („Spotlight“) hat einen Film für Erwachsene gedreht. Und Matt Damon liefert seine wahrscheinlich beste Leistung als Schauspieler ab. Was will mensch mehr?

…vielleicht noch einige Aufnahmen von Marseille abseits der bekannten Touristenpfade.

Stillwater – Gegen jeden Verdacht (Stillwater, USA 2021)

Regie: Tom McCarthy

Drehbuch: Tom McCarthy, Thomas Bidegain, Noé Debre

mit Matt Damon, Abigail Breslin, Camille Cottin, Lilou Siauvaud, Anne le Ny, Moussa Maaskri, Jean-Marc Michelangeli, Deanna Dunagan

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Stillwater“

Metacritic über „Stillwater“

Rotten Tomatoes über „Stillwater“

Wikipedia über „Stillwater“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tom McCarthys „Win Win“ (Win Win, USA 2011)

Meine Besprechung von Tom McCarthys „Spotlight“ (Spotlight, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Musikdoku „Freakscene – The Story of Dinosaur Jr.“

September 10, 2021

Als Fan der Band hat mir Philipp Reichenheims Dokumentarfilm über Dinosaur Jr. selbstverständlich gefallen. Immerhin dröhnt die Rockband durch den riesigen Kinosaal, es gibt Bilder von den Anfängen und Interviews mit den Bandmitgliedern und prominenten Fans, wie der immer zauberhaften Kim Gordon und dem immer überschäumend redseligen Henry Rollins.

Aber die Ehrlichkeit des Kritikers gebietet dann auch, auf die Schwächen des Films hinzuweisen. Denn „Freakscene – The Story of Dinosaur Jr.“ ist ein Film von Fans für Fans. Für alle anderen ist er höchstens begrenzt informativ. Das Material wird in der denkbar konventionellsten Form angeordnet: nämlich chronologisch. Immerhin kann dieses Vorgehen in diesem Fall mit der Bandgeschichte begründet werden. Es ist eine Geschichte von Erfolg, Trennung und Versöhnung, die damit einer Dramaturgie folgt, die sich in den Aufnahmen (früher LP, heute CD) und Auftritten zeigt. So geht Reichenheim chronologisch von den Anfängen über die Auflösung, die Wiedervereinigung und die seitdem halbwegs regelmäßigen Auftritte und CDs durch die Geschichte der Band. Es ist eine Reise durch von den frühen achtziger Jahren bis zur Gegenwart.

Die Bandmitglieder erzählen freimütig über ihr auch schwieriges Verhältnis zueinander. Denn abseits der Bühne haben sie sich nichts zu sagen. Bassist Lou Barlow und Drummer Murph sind auskunftsfreudig. J Mascis, Gitarrist und kreativer Kopf der Band, bekannt maulfaul. Andere Musiker, wie Kim Gordon, Thurston Moore (beide „Sonic Youth“), Bob Mould („Hüsker Dü“ [in den Achtzigern]) und Henry Rollins („Black Flag“ [in den Achtzigern]) sind bekannte Stars des Alternative Rock. Sie sind mit den Musikern von Dinosaur Jr. seit Jahrzehnten befreundet. So erkenntnisreich diese Statements sind, so sehr fehlt eine kritische Außenperspektive, die Ereignisse und auch die Wichtigkeit der Band für den Indie-Rock und den Grunge objektiv einordnet. In „Freakscene“ gibt es nur die Innenperspektive der Band und die der prominenten Fans. Entsprechend erschöpft sich deren Einordnung der Band in verschiedene Formen von „einflussreich“ und „sehr wichtig“. Und jede ihrer Aufnahmen ist „grandios“.

Erstaunlich, immerhin hat Philipp Reichenheim die Band und J Mascis seit Mitte der neunziger Jahre mit der Kamera begleitet, seine Schwester ist mit J Mascis verheiratet und es wurden wahrscheinlich alle nur irgendwie erreichbaren Archive geplündert, ist, wie wenig Bild- und Tonaufzeichnungen es von den Anfängen der Band gibt. Oder, anders gesagt, während in den achtziger und auch noch neunziger Jahren eine Band jahrelang vor ihren Fans spielen konnte, ohne dass jeder Ton dokumentiert wurde, gibt es inzwischen schon, oft in beachtlicher Qualität, Bilder von ihren ersten Auftritten. Manchmal, wie in der Amy-Winehouse-Doku „Amy“, gibt es sogar Aufnahmen von ihnen, bevor sie an eine Musikerkarriere dachten. In diesem Fall ist es der Mitschnitt eines von Winehouse auf einer Wohnungstreppe vor Freundinnen gesungenen Liedes.

So dokumentiert „Freakscene“ nebenbei dann auch einen rapiden Wandel in der Verfügbarkeit von Medien.

Freakscene – The Story of Dinosaur Jr. (Deutschland 2021)

Regie: Philipp Reichenheim (aka Philipp Virus)

Drehbuch: Philipp Reichenheim

mit J Mascis, Lou Barlow, Murph, Kim Gordon, Henry Rollins, Bob Mould, Thurston Moore, Matt Dillon

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Freakscene“

Moviepilot über „Freakscene“

Wikipedia über Dinosaur Jr. (deutsch, englisch)

Homepage der Band

AllMusic über Dinosaur Jr.

Ein Gespräch mit dem Regisseur

Ein aktuelles Hauskonzert der Band

Wunderschöner Lärm an einem lauen Sommerabend


Neu im Kino/Filmkritik: „Waren einmal Revoluzzer“, sind jetzt A…

September 10, 2021

Als Helene erfährt, dass Volker nach Moskau fliegt, steckt sie ihm spontan einen Brief mit Geld zu. Er soll ihn Pavel, einem alten Studienfreund, geben. Pavel wird in Russland als Oppositioneller verfolgt. Er ist bereits untergetaucht. Aber seine Verhaftung ist nur eine Frage der Zeit.
Volker trifft Pavel und beschließt nach einer durchzechten Nacht, dass sie Pavel nach Wien in Sicherheit bringen. Schließlich waren sie einmal Revoluzzer gewesen und jetzt könnten sie mit einer guten Tat wieder an ihre politisch bewegte Studentenzeit anknüpfen.
Als Pavel in Wien eintrifft, beginnen die Probleme für Helene und ihre Revoluzzer-Freunde erst. Denn Pavel ist nicht allein gekommen. Er wird, vollkommen überraschend für Helene, von seiner Frau Eugenina und ihrem Baby bekleidet. Außerdem werden sie mit einem internationalem Haftbefehl, nach dem sie gefährliche Terroristen sind, gesucht.
Jetzt beginnen für Helene, ihren Mann Jakob, Volker und seine Freundin Tina die Probleme. Denn selbstverständlich sind sie gute Menschen und sie wollen das Richtige tun. Aber die Vierzigjährigen wollen auch keinen Ärger und sie wollen ihr wohlsituiertes bürgerliches Leben nicht gefährden. Helene ist Richterin. Da passt die Aufnahme eines Illegalen nicht in ihren makellosen Lebenslauf. Ihr Mann Jakob ist ein liebevoller Vater für ihre beiden Kinder und ein Musiker, der vor Jahren einen Hit hatte. Jetzt möchte der Liedermacher in der ländlichen Ruhe ihres Wochenendhauses seine neue CD mit eigenen Songs komponieren. Diese Ruhe ist vorbei, als Pavel und seine Familie bei ihm ratzfatz einquartiert werden. Volker profiliert sich durchgehend als zynisches, egomanisches Arschloch, das niemals Verantwortung übernehmen möchte. Als Therapeut ist er vollkommen ungeeignet. Trotzdem hat er eine Praxis und hält Vorträge. Und wird auch einmal von seinem Vater (Josef Hader in einer Nebenrolle) bei einem Spaziergang therapiert. Unter diesen Heuchlern erscheint Volkers jüngere Freundin Tina wie ein menschlicher Lichtblick. Immerhin kümmert sie sich durchgehend liebevoll um die russische Familie. Oder lebt die junge, arme und arbeitslose Künstlerin gerade ihr Helfersyndrom in einem neuen Projekt aus?
„Waren einmal Revoluzzer“ seziert präzise und gnadenlos die Lebenslügen studierter, linksliberaler Mittvierziger, die groß ihre Vergangenheit als studentische Revoluzzer verklären (wahrscheinlich war ihre größte revolutionäre Tat die Unterzeichnung eines Flugblatts) und sich jetzt gut in einem bürgerlichen Leben eingerichtet haben. Deshalb denken sie auch nur daran, wie sie die russische Familie möglichst schnell aus ihrer Wohnung bekommen können, ohne dabei schlecht auszusehen. Sie versuchen also jede Abschiebung als eine edelmütige, moralisch einwandfreie Großtat zu verkaufen. Dabei schieben sie nur jede Verantwortung so schnell wie möglich von sich ab. Dass Pavel und Eugenina das Spiel durchschauen, stört sie kaum.
Regisseurin und Autorin Johanna Moder serviert dieses in jeder Beziehung sehr präzise Generationenporträt als eine ätzend schwarzhumorige Komödie, abgeschmeckt mit großartigem österreichischem Humor, wie wir ihn auch von Josef Hader kennen. Deshalb ist keiner dieser sich selbst belügenden, sich selbst denunzierenden Möchtegernrevoluzzer vollkommen unsympathisch. Auch weil sie sich so wenig von uns unterscheiden.
In Österreich wurde „Waren einmal Revoluzzer“ von der Kritik abgefeiert. Die Schwarze Komödie erhielt 2019 beim Zurich Film Festival den ökumenischen Preis der Zürcher Kirchen. 2020 erhielt Johanna Moder beim Filmfestival Max Ophüls Preis den Preis für die beste Regie. Dieses Jahr war der Film in fünf Kategorien für den Österreichischen Filmpreis nominiert und er war in der Vorauswahl für die Golden Globe Awards 2021 als Bester fremdsprachiger Film.
„Waren einmal Revoluzzer“ ist ein Film, der viele Zuschauer verdient hat. In Deutschland läuft er aktuell in 26 Kinos. In Berlin läuft er in keinem Kino.

Waren einmal Revoluzzer (Österreich 2019)

Regie: Johanna Moder

Drehbuch: Johanna Moder, Marcel Mohab (Mitarbeit), Manuel Rubey (Mitarbeit)

mit Julia Jentsch, Manuel Rubey, Aenne Schwarz, Marcel Mohab, Lena Tronina, Tambet Tuisk, Josef Hader

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Waren einmal Revoluzzer“

Wikipedia über „Waren einmal Revoluzzer“


TV-Tipp für den 10. September: Code 7500

September 9, 2021

Arte, 20.15

Code 7500 (Deutschland 2019)

Regie: Patrick Vollrath

Drehbuch: Patrick Vollrath, Senad Halilbasic

TV-Premiere. Hochspannender Thriller über eine Flugzeugentführung. Der Clou des Films ist, dass Patrick Vollrath die Geschichte ausschließlich im Cockpit des Passagierflugzeugs spielen lässt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Joseph Gordon-Levitt, Omid Memar, Aylin Tezel, Murathan Muslu, Carlo Kitzlinger

auch bekannt als „7500“ (Kinotitel)

Hinweise

Filmportal über „7500“

Moviepilot über „7500“

Rotten Tomatoes über „7500“

Wikipedia über „7500“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Patrick Vollraths „7500“ (Deutschland 2019)


TV-Tipp für den 9. September: Die Rüden

September 8, 2021

Arte, 23.10

Die Rüden (Deutschland 2018)

Regie: Connie Walther

Drehbuch (Konzept): Nadin Matthews

In einem Gefängnis nehmen vier Strafgefangene an einem Verhaltensexperiment teil. Als Belohnung winkt ein Straferlass. Trainerin Lu konfrontiert sie mit aggressiven Hunden.

TV-Premiere. Das Feelbad-Movie ist kein realistischer Einblick in das Gefängnisleben, sondern eine extrem düstere und stilisierte Versuchsanordnung, die keinen Unterschied zwischen Menschen und Tieren macht.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Nadin Matthews, Ibrahim Al-Khalil, Konstantin-Philippe Benedikt, Ali Khalil, Marcel Andrée, Sabine Winterfeldt, Robert Mehl, Mathis Landwehr

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Rüden“

Moviepilot über „Die Rüden“

Meine Besprechung von Connie Walthers „Die Rüden“ (Deutschland 2018)


Tillie Walden dreht(e) „Pirouetten“

September 8, 2021

Bevor Tillie Walden „Auf einem Sonnenstrahl“ durch das Weltall flog, erzählte sie in „Pirouetten“ von ihrer damals nur wenige Tage zurückliegenden Jugend. Die äußerst produktive Walden wurde 1996 geboren. Nach der fünften Klasse zogen ihre Eltern mit ihr von New Jersey nach Austin, Texas. Auch dort trainiert sie weiter Eiskunstlauf und nimmt weiter an Wettbewerben im Einzel- und Synchronlauf teil.

Walden erzählt von der Tortur des Trainings auf dem Eis, den Schwierigkeiten, neue Freundinnen zu finden, der Erkenntnis, dass sie zwar gerne Eiskunstläuferin ist, aber nicht gut genug für die Spitze und wie sie ihre Sexualität entdeckt. Dabei entdeckt sie, dass sie Frauen liebt.

Als Siebzehnjährige hört sie, wie sie schon im ersten Satz von „Pirouetten“ verrät, mit dem Eislaufen auf. Kurz darauf beendet sie ihre Schule und kann auf ein College gehen. Nur welches? Und was soll sie studieren?

Pirouetten“ beschäftigt sich mit den zwölf Jahre, in denen Tillie Walden Eisläuferin war, in Austin die Schule besuchte und erwachsen wurde, mit all den Selbstzweifeln, positiven und negativen Erfahrungen, die die Pubertät begleiten. Sie fasst dabei ihr bisheriges Leben und wichtige Erlebnisse äußerst konzentriert zusammen. Eine plakative Botschaft oder ein alles beherrschendes Thema hat „Pirouetten“ nicht. So steht das Eiskunstlaufen als wichtiger Teil ihres Lebens nicht unbedingt im Mittelpunkt des Buches. Die Entdeckung ihrer Homosexualität und wie sie damit in Texas (!) umgeht, ist nur ein Nebenthema; fast schon ein Nicht-Thema. Und das ist gut so.

Ihre schnell gezeichneten Panels erinnern an sich auf das wesentliche konzentrierende Cartoons. Sie heben die für die Geschichte wichtige Dinge hervor. Die Hintergründe bleiben oft abstrakt oder werden, weil sie nicht wichtig sind, ganz weggelassen.

Pirouetten“ erhielt 2018 den Eisner Award in der Kategorie Best Reality-Based Work.

Tillie Walden: Pirouetten

(übersetzt von Sven Scheer)

Reprodukt 2021

400 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Spinning

First Second/Roaring Brook Press, 2017

Hinweise

Perlentaucher über „Pirouetten“

Reprodukt über Tillie Walden

Homepage von Tillie Walden

Wikipedia über „Pirouetten“ und Tillie Walden (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tillie Waldens „ Auf einem Sonnenstrahl“ (On a Sunbeam, 2018)


TV-Tipp für den 8. September: Porträt einer jungen Frau in Flammen

September 7, 2021

Arte, 20.15

Porträt einer jungen Frau in Flammen (Portrait de la jeune fille en feu, Frankreich 2019)

Regie: Céline Sciamma

Drehbuch: Céline Sciamma

1770 soll die Malerin Marianne die junge Héloise porträtieren. Es gibt nur ein Problem: Héloise will nicht gemalt werden. Und sie möchte den reichen, ihr unbekannten Italiener, mit dem ihre Mutter sie verkuppeln will und für den das Porträt sein soll, nicht heiraten.

TV-Premiere. Dialogarmes, sehr langsam und minimalistisch erzähltes Drama einer lesbischen Liebe und der damaligen gesellschaftlichen Konventionen (vulgo Machtverhältnisse), die Frauen in ein bestimmtes Leben pressten.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Noémi Merlant, Adèle Haenel, Luàna Bajrami, Valeria Golino

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Porträt einer jungen Frau in Flammen“

AlloCiné über „Porträt einer jungen Frau in Flammen“

Metacritic über „Porträt einer jungen Frau in Flammen“

Rotten Tomatoes über „Porträt einer jungen Frau in Flammen“

Wikipedia über „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (deutsch, englisch, französisch)

Arte über den Film (in der Mediathek bis zum 14. September 2021 und ein Porträt der Regisseurin)

Meine Besprechung von Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (Portrait de la jeune fille en feu, Frankreich 2019)


Cover der Woche

September 7, 2021


R. i. P. Jean-Paul Belmondo

September 7, 2021

Jean-Paul Belmondo (9. April 1933, Neuilly-sur-Seine – 6. September 2021, Paris)

Bebel, wie er genannt wurde, ist tot.

Über seine Biographie und damit auch über sein Leben schrieb ich:

Wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag am 9. April erschien bei Heyne die deutsche Übersetzung von ‚Bebel‘ Jean-Paul Belmondos Autobiographie „Meine tausend Leben“.

Auf etwas über dreihundert Seiten lässt der 1933 in dem Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine geborene Schauspieler sein Leben Revue passieren. Vor seinem Durchbruch 1960 als Hauptdarsteller in Jean-Luc Godards Klassiker „Außer Atem“ (darüber erzählt Belmondo ab Seite 155) arbeitete er vor allem am Theater. Danach, in den Sechzigern spielte er in etlichen künstlerisch wertvollen Filmen und Klassikern, wie „Eva und der Priester“, „Der Teufel mit der weißen Weste“, „Elf Uhr nachts“, „Der Dieb von Paris“ und „Das Geheimnis der falschen Braut“ mit.

In den Siebzigern (so ab Seite 262) verlegte er sich dann, aus finanzieller Sicht, sehr erfolgreich auf Actionfilme, wie „Angst über der Stadt“ und Komödien, wie „Ein irrer Typ“, in denen er seine Stunts selbst ausführte. Die Kritiker waren von seinen Filmen nicht mehr so wahnsinnig begeistert und Belmondo kümmerte sich nicht mehr um die Kritiker, weil er Filme für die breite Masse machte. In den Achtzigern wurden die Filme, wie „Das As der Asse“ und „Der Profi 2“, platter. Er wurde auch langsam zu alt, um die Stunts noch selbst auszuführen. Über seine Filmkarriere erzählt er in dem auch schon aus älteren Interviews bekanntem Duktus, dass der kommerzielle Erfolg eines Filmes auch ein Qualitätsmerkmal sei. Eine Reflexion darüber erfolgt nicht. Er nimmt auch keine Neubewertung seines damaligen Schaffens vor oder beschäftigt sich intellektuell mit seinem Werk, für das er auch als Produzent verantwortlich war und das vor allem und oft nur das Publikum unterhalten wollte. Es gibt ab und an kleine Anekdoten von den Dreharbeiten, die ihm immer dann besonders gut gefielen, wenn er mit Freunden zusammenarbeiten konnte und ‚viele sportliche Szenen absolvieren‘ konnte. Über sein Privatleben, seine beiden Ehefrauen, seine Partnerinnen, seine Kinder und seinen Schlaganfall 2001, erfährt man dagegen fast nichts.

Ende der Achtziger zog er sich fast vollständig aus dem Filmgeschäft zurück. Die wenigen Filme, in denen er seitdem mitspielte, kamen auch nicht mehr in unsere Kinos. Ab 1987 trat er dann wieder öfter im Theater auf.

Jean-Paul Belmondo: Meine tausend Leben – Die Autobiographie

(unter Mitarbeit von Paul Belmondo und Sophie Blandinières)

(übersetzt von Pauline Kurbasik und Dr. Bettina Seifried)

Heyne, 2018

320 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Mille Vies Valent Mieux Qu’une

Librairie Arthème Fayard, Paris, 2016


TV-Tipp für den 7. September: Eye in the Sky – In letzter Sekunde

September 6, 2021

ARD, 22.35

Eye in the Sky – In letzter Sekunde (Eye in the Sky, Großbritannien 2015)

Regie: Gavin Hood

Drehbuch: Guy Hibbert

Ein über den halben Globus verteiltes Team beobachtet mittels einer Drohne und eines Agenten vor Ort die Zusammenkunft von islamistischen Terroristen in einem Haus in Nairobi. Als sie sehen, dass die Terroristen sich auf einen Selbstmordanschlag vorbereiten, stehen sie vor der Frage, ob sie weiter beobachten oder den vermuteten Anschlag verhindern wollen.

Gut besetztes, gut gespieltes und zum Nachdenken anregendes Dramas über den Drohnenkrieg, die damit verbundenen Entscheidungen und moralischen Fragen.

Bei uns erschien „Eye in the Sky“ direkt auf DVD.

mit Helen Mirren, Aaron Paul, Alan Rickman, Barkhad Abdi, Jeremy Northam, Iain Glen, Phoebe Fox,Monica Dolan, Michael O’Keefe, Laila Robins, Gavin Hood

Wiederholung: Mittwoch, 8. September, 02.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Eye in the Sky“

Wikipedia über „Eye in the Sky“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gavin Hoods „Ender’s Game – Das große Spiel“ (Ender’s Game, USA 2013)

Meine Besprechung von Gavin Hoods „Official Secrets“ (Official Secrets, Großbritannien/USA 2019)


TV-Tipp für den 6. September: Der Chef

September 5, 2021

Arte, 20.15

Der Chef (Un Flic, Frankreich/Italien 1972)

Regie: Jean-Pierre Melville

Drehbuch: Jean-Pierre Melville

Polizist Coleman jagt den Nachtclubbesitzer Simon, mit dem er befreundet ist und der Überfälle begeht. Zwischen den beiden Männern steht Simons Freund Cathy.

Nach „Der eiskalte Engel“ und „Vier im roten Kreis“ war „Der Chef“ die dritte Zusammenarbeit von Alain Delon und Jean-Pierre Melville und zum ersten Mal spielte Delon einen Polizisten. Aber weil es Melville in „Der Chef“ auch um die Austauschbarkeit von Gangstern und Polizisten ging, unterschied Delons Rolle sich kaum von seinen vorherigen Rollen als Gangster. Denn Melville räumt Coleman und Simon etwa gleich viel Leinwandzeit ein.

„Melvilles letzter Film (…) ist ein würdiger Abschluss im Werk eines seines Metiers und seiner Liebe zum Kino sicheren Ultra-Professionellen, der die düstersten und unheimlichsten, aber auch ästhetisch vollkommendsten und menschlichsten Filme schuf, die in Frankreich je gedreht worden sind.“ (Hans Gerhold: Un Flic in „Jean-Pierre Melville, Hanser Reihe Film 27, 1982)

„‘Un Flic’ ist vermutlich der kälteste Film Melvilles, und Alain Delon gelingt als Chef-Fahnder Edouard Coleman der Pariser Kriminalpolizei eine brillante Charakterstudie über die Einsamkeit und Isolation des professionellen Menschenjägers.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)

Mit Alain Delon, Catherine Deneuve, Richard Crenna, Riccardo Cucciolla, Michel Conrad

Wiederholung: Donnerstag, 9. September, 00.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Chef“

Wikipedia über „Der Chef“ (deutsch, englisch, französisch) und Jean-Pierre Melville (deutschenglischfranzösisch)

Guardian: Peter Lennon über Jean-Pierre Melville (27. Juni 2003)

Jean-Pierre Melville in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 5. September: Polizeiruf 110: Bis Mitternacht

September 4, 2021

ARD, 20.15/One 21.45

Polizeiruf 110: Bis Mitternacht (Deutschland 2021)

Regie: Dominik Graf

Drehbuch: Tobias Kniebe

Kommissarin Bessie Eyckhoff glaubt, dass Jonas Borutta der Isarauenmörder und Messerstecher vom Olympiadorf ist. Neunzig Minuten bevor sie ihn mangels Beweisen entlassen muss, zieht sie ihren Kollegen Josef Murnauer hinzu. Auch er hatte Borutta vor einigen Jahren als Mörder verdächtigt.

Ein „Polizeiruf 110“ von Dominik Graf. Muss ich noch mehr sagen?

mit Verena Altenberger, Michael Roll, Thomas Schubert, Daniel Christensen, Robert Sigl, Thomas Wittmann

Hinweise

Wikipedia über „Polizeiruf 110: Bis Mitternacht“

ARD über “Polizeruf 110″

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Meine Besprechung von Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ (Deutschland 2021)

Dominik Graf in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Über das Matthew-Herbert-Porträt „A Symphony of Noise“

September 4, 2021

Matthew Herbert ist ein musikalischer Grenzgänger oder, anders gesagt, ein Musiker, der im Berghain und in der Elbphilharmonie auftritt und damit das Feld zwischen Electronic, Techno, Avantgarde, Jazz und Neuer Musik bespielt. Er schreibt auch Soundtracks, unter anderem für Sebastián Lelios „Eine fantastische Frau (Una mujer fantástica) und „Gloria – Das Leben wartet nicht“ (Gloria Bell). Für seine Arbeiten benutzte er in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Pseudonyme, nämlich Herbert, Doctor Rockit, Radio Boy, Mr. Vertigo, Transformer und Wishmountain. Und er ist ein Klangforscher.

Dieser Aspekt seines musikalischen Schaffens steht im Zentrum von „A Symphony of Noise“. Regisseur Enrique Sánchez Lansch („Rhythm is it!“, „Das Reichsorchester – Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus“) traf sich in den vergangenen zehn Jahren immer wieder mit Herbert und dokumentierte seine aktuellen Projekte. Er beobachtet ihn ausführlich bei der Arbeit. Er unterhält sich mit ihm über die geplanten Musikstücke und die damit verbundenen ästhetischen, musikalischen und politischen Absichten.

Ein großer Teil seines im Film dokumentierten Schaffens besteht aus dem Aufnehmen und Neu-Arrangieren von Geräuschen. Das sind die Geräusche, die ein Mastschwein von seiner Geburt bis zu seinem Tod macht und hört. Oder die Geräusche, die ein Baum hört, wenn er im Wald steht, gefällt, transportiert und bearbeitet wird. Dafür wird im Baum ein Mikrofon angebracht. Oder es sind die Geräusche, die zertretene Eier machen. Oder die Geräusche in einem Fish’n’Chips-Imbiss in einer Hafenstadt nach dem Brexit-Volksentscheid bei der Herstellung des Essens. Der Brexit war auch die Initialzündung für seine Brexit Big Band, die ein musikalischer Gegenentwurf zu dem von ihm abgelehntem Brexit ist. Oder die einer Schwimmerin, die den Ärmelkanal durchquert. Oder er beschäftigt sich mit Gustav Mahlers 10. Sinfonie und wie sich sich im geschlossenen Sarg anhört. Bei diesen Projekten geht es immer auch um neues und genaues Hören; wobei einige Geräusche erst durch Herberts Erklärungen ihre Geschichte und ihre Bedeutung erhalten.

Der so entstandene Dokumentarfilm ist ein Werkstattbericht, der Herbert und seine Arbeit vorstellt, ohne sein Werk in die Musikgeschichte einzuordnen. „A Symphony of Noise“ gibt einen tiefen Einblick in den Schaffensprozess von Matthew Herbert, der darüber auch ausführlich, oft mit einem selbstironischen Ton, spricht. Die längeren Konzertausschnitte zeigen dann, dass Herberts Musik vor allem Musik zum Tanzen ist; – – – jedenfalls die gezeigten Ausschnitte aus einem Auftritt im Berghain und eines Konzerts der Brexit Big Band, die dann doch sehr nach einer konventionellen Big Band klingt.

A Symphony of Noise (Deutschland 2021)

Regie: Enrique Sánchez Lansch

Drehbuch: Enrique Sánchez Lansch

mit Matthew Herbert

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „A Symphony of Noise“

Moviepilot über „A Symphony of Noise“

Wikipedia über Matthew Herbert (deutsch, englisch)

Homepage von Matthew Herbert

AllMusic über Matthew Herbert


TV-Tipp für den 4. September: A most violent Year

September 3, 2021

3sat, 23.00

A most violent Year (A most violent Year, USA 2014)

Regie: J. C. Chandor

Drehbuch: J. C. Chandor

New York, 1981: Heizölhändler Abel Morales will ehrlich bleiben, während die Stadt im Verbrechen versinkt und seine Laster am helllichten Tag überfallen werden. Seine aus einer Gangsterfamilie stammende Frau rät ihm, zurückzuschlagen. Und die Polizei verdächtigt ihn, wie alle Geschäftsleute aus der Branche, mit der Mafia Geschäfte zu machen.

Starker Wirtschaftsthriller in der Tradition von Sidney Lumet.

„A most violent Year“ ist ein düsteres, sich langsam entwickelndes Drama, ein Noir über einen Mann, der ehrlich bleiben möchte (jedenfalls so weit das in seiner Branche möglich ist) und der sich zwischen seinen hehren Prinzipien und seiner Existenz, der seiner Familie und ihrem durchaus gehobenem Lebensstil entscheiden muss. Weil Chandor „A most violent Year“ wie einen Weiße-Kragen-Gangsterfilm inszeniert und die Geschichte sich im Bereich der alltäglichen Graustufen, in denen es nur mehr oder weniger richtige und falsche Entscheidungen gibt, geht es vor allem um die Frage, welche und wie viele Kompromisse Abel Morales eingehen muss, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Und, auch das ist von Anfang an klar: Morales wäre nicht so weit gekommen, wenn er sich immer hundertprozentig an die Gesetze gehalten hätte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Oscar Isaac, Jessica Chastain, David Oyelowo, Albert Brooks, Alessandro Nivola, Elyses Gabel, Catalina Sandino Moreno

Hinweise

Moviepilot über „A most violent Year

Metacritic über „A most violent Year“

Rotten Tomatoes über „A most violent Year“

Wikipedia über „A most violent Year“(deutsch, englisch)

Meine Besprechung von J. C. Chandors „All is lost“ (All is lost, USA 2013)

Meine Besprechung von J. C. Chandors „A most violent Year“ (A most violent Year, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: James Wan ist „Malignant“

September 3, 2021

Zwischen seinen „Aquaman“-Filmen („Aquaman and the lost Kingdom“ ist für Dezember 2022 angekündigt) kehrte James Wan zu seinen Horrorfilmwurzeln zurück. Immerhin wurde er weltweit bekannt mit dem Horrorfilm „Saw“. „Dead Silence“, „Insidious“ und „The Conjuring“ folgten.

In seinem neuen Horrorfilm „Malignant“ steht die in Seattle lebende junge Krankenschwester Madison (Annabelle Wallis) im Mittelpunkt.

Nachdem ihr Freund bestialisch ermordet wird, hat sie Visionen von weiteren Morden. Zunächst hält sie sie für Alpträume. Aber die Morde sind wirklich geschehen und sie hat zu dem Mörder, den sie Gabriel nennt, eine Verbindung, die weit in ihre Vergangenheit zurückreicht.

Mehr über die Story zu verraten, dürfte dann schon einige wichtige Details der Lösung verraten.

Beschäftigen wir also mit den anderen Dingen. Der Plot ist ein gelungener Rückgriff auf alte Horror-Topoi, in denen es um Irrenanstalten, experimentierfreudige Forscher und physisch und psychisch deformierte Mörder geht, mit denen wir dann doch Mitleid haben. Das Ganze spielt zu einem großen Teil in Madisons Haus, das wie eine dunkle Vision des „Psycho“-Hauses wirkt, dem Seattle Underground (um 1900 wurden dort im Stadtzentrum die Straßen und Gehwege um teils bis zu zehn Meter angehoben), verschiedenen älteren Gebäuden und selbstverständlich der Irrenanstalt, die aussieht, wie Irrenanstalten in Filmen immer aussehen und die in Filmen vor allem lange nach Sonnenuntergang durchsucht werden. Auch in „Malignant“ besucht Madisons Schwester die verfallene Klinik nachts und sie findet im Keller (wo sonst?), neben vielen anderen Akten, die von ihr gesuchten Akten (Datenschutz ist so unamerikanisch).

James Wan nimmt alle diese Horror-Topoi und präsentiert sie als perfekt orchestrierte, aber auch überlaute Geisterbahnfahrt, unterlegt mit nervenaufreibenden Klängen, die an Bernard Herrmanns „Psycho“-Soundtrack erinnern. Alles ist immer eine Spur zu laut, zu dunkel und zu sehr auf die bekannten Jumpscare-Effekte hin inszeniert. Das führt dann zu einem Erschrecken nach Fahrplan; – bis am Ende, um im Bild zu bleiben, der Zug entgleist. In dem Moment dreht ‚Gabriel‘ auf dem Polizeirevier durch und die Leichen stapeln sich. Dabei unterscheidet ‚Gabriel‘ nicht zwischen Gefangenen und Polizisten. Und damit ist auch klar, dass Genre-Fan James Wan bei seinem Horror-Best-of keine Kompromisse eingeht wenn er sich nach dem Mehr-ist-mehr-Prinzip durch die Geschichte des Horrorfilm wühlt.

Am besten lässt sich „Malignant“ als die Heavy-Metal-Version klassischer Horrorfilme oder als Giallo in Schwarz (anstatt dem gewohnten Blutrot) beschreiben.

Malignant (Malignant, USA 2021)

Regie: James Wan

Drehbuch: Akela Cooper (nach einer Geschichte von James Wan, Ingrid Bisu und Akela Cooper)

mit Annabelle Wallis, Maddie Hasson, George Young, Michole Briana White, Jacqueline McKenzie, Jake Abel, Ingrid Bisu

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Malignant“

Metacritic über „Malignant“

Rotten Tomatoes über „Malignant“

Wikipedia über „Malignant“

Meine Besprechung von James Wans „Insidious: Chapter 2“ (Insidious: Chapter 2, USA 2013)

Meine Besprechung von James Wans „The Conjuring“ (The Conjuring, USA 2013)

Meine Besprechung von James Wans „Fast & Furious 7″ (Furious 7, USA 2015)

Meine Besprechung von James Wans „The Conjuring 2″ (The Conjuring 2, USA 2016)

Meine Besprechung von James Wans „Aquaman“ (Aquaman, USA 2018)


TV-Tipp für den 3. September: Elle

September 2, 2021

One, 22.30

Elle (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: David Birke

LV: Philippe Djian: Oh…, 2012 (Oh…)

Michèle Leblanc (Isabelle Huppert), die taffe Chefin einer Videogame-Firma, wird vergewaltigt. Danach reagiert sie anders als erwartet. Denn sie verweigert konsequent die Opferrolle.

Grandioser Thriller von „Basic Instinct“ Paul Verhoeven mit einer grandiosen Isabelle Huppert in der Hauptrolle.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith Magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vamila Pons

Die Vorlage

djian-oh

Philippe Djian: Oh…

(übersetzt von Oliver Ilan Schulz)

Diogenes, 2017

240 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Diogenes, 2014

Originalausgabe

Oh…

Éditions Gallimard, 2012

Hinweise

Moviepilot über „Elle“

Metacritic über „Elle“

Rotten Tomatoes über „Elle“

Wikipedia über „Elle“ (deutsch, englisch, französisch)

Perlentaucher über Philippe Djian

Wikipedia über Philippe Djian (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Philippe Djians „Die Rastlosen“ (Incidences, 2010 – und der Verfilmung „Liebe ist das perfekte Verbrechen“)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens „Flesh + Blood“ (Flesh + Blood, USA 1985)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens Philippe-Djian-Verfilmung „Elle“ (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016) und der DVD