James Bond: In tödlicher Mission (For your eyes only, Großbritannien 1981)
Regie: John Glen
Drehbuch: Richard Maibaum, Michael G. Wilson
LV: Ian Fleming: For you eyes only, 1960 (Für Sie persönlich, Kurzgeschichte), Risico, 1960 (Riskante Geschäfte, Kurzgeschichte)
James Bond sucht im Mittelmeer ein verschwundenes Gerät zur Steuerung der U-Boot-Flotte, das ATAC. Es wurde von dem griechischen Millionär Kristatos geklaut, der es an die Sowjets verkaufen will.
Einer der besseren Roger-Moore-Bonds. „Variety“ hielt „In tödlicher Mission“ sogar für einen der durchgehend erfreulichsten aller bis dahin gedrehten zwölf Bond-Filme. Andere Kritiker meinten, es sei ein Remake von „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ (Hm.) und eine einzige Verfolgungsjagd (Gut!) mit viel Werbung (Schlecht!). Jedenfalls kam diese Mischung dem Talent von John Glen entgegen und Roger Moore bewältigte seine Arbeit mit der Hilfe von fast fünfzig Stuntmännern.
Mit Roger Moore, Carole Bouquet, Julian Glover, Chaim Topol, Lois Maxwell, Desmond Llewelyn
Warum er seine Mutter tötet, erfahren wir nicht. Aber der Mord verhilft dem namenlosen Erzähler in Tahar Ben Jellouns neuem Roman „Schlaflos“, seinem ersten komischen Roman (Jelloun über das Buch), zu einem friedlichen und ruhigen Schlaf. Bis dahin litt er an Schlaflosigkeit.
Diese schlaffördernde Wirkung hält ein Jahr an. Danach muss er wieder töten und weil der in Marokko lebende Drehbuchautor kein Unmensch ist, tötet er bevorzugt Menschen, die sowieso bald sterben werden. Er beschleunige ihren Tod nur ein wenig. Das sagt er sich. Außerdem tötet er vor allem böse Menschen. Weniger aus moralischen, sondern vor allem aus schlaffördernden Erwägungen. Denn je böser sein Opfer ist, umso mehr friedliche Schlafstunden verschafft es ihm. Wenn er dagegen einen netten oder auch nur harmlosen Menschen umbringt, hat das keine schlaffördernde Wirkung.
Der 1947 geborene Jelloun ist der bedeutendste Vertreter der französischsprachigen Literatur aus dem Maghreb. Zu seinen Werken zählen „Sohn ihres Vaters“, „Die Nacht der Unschuld“, „Das Schweigen des Lichts“, „Die Früchte der Wut“, „Papa, was ist ein Fremder?“, „Papa, was ist der Islam?“ und „Arabischer Frühling“.
Er erhielt den Prix Goncourt, den International IMPAC Dublin Literary Award und, 2011, den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis. Bis jetzt fiel er nicht als Krimiautor auf. Wobei „Schlaflos“ auch kein normaler Wer-ist-der-Mörder-Rätselkrimi, sondern ein autobiographisch inspirierter schwarzhumoriger Noir ist.
Er leidet, und damit beginnt und endet die autobiographische Inspiration, selbst an Schlaflosigkeit. Er fragt sich, wie es ihm gelingen könne, wie andere Menschen ruhig eine Nacht durchzuschlafen. Das ist auch eine Frage, die der Ich-Erzähler immer wieder seinen Opfern und anderen Menschen stellt. Bei seinen Recherchen bemerkte Jelloun, das Menschen, die böse Taten vollbringen, keine Schlafprobleme haben. Jedenfalls scheinen staatliche Henker, Drogenhändler und Pädophile keine Probleme mit einem gesunden, erholsamen und ruhigen Nachtschlaf zu haben.
Da bekommt die Idee eines Schlafkontos, oder Schlafkreditpunkte, wie der Ich-Erzähler seine Stunden ruhigen Schlafs nach einem Mord nennt, einen gewissen Charme. Je böser der Mensch ist, desto mehr Schlaf gibt es. Danach war seine Mutter eine ziemlich böse Frau. Seine anderen Opfer sind auch oft Menschen, über deren Tod niemand besonders traurig ist. Im Gegenteil: man betrachtet ihren Tod als eine Art höhere Gerechtigkeit.
Jelloun hat einen Serienmörder erfunden, der seine Taten ohne missionarischen Eifer und ohne den Hauch eines schlechten Gewissens ausübt. Er tötet wie andere Menschen Schlaftabletten nehmen. Dummerweise ähnelt er mit seinen Taten und seinen Gewissensbissen dann den bösen Menschen, die er tötet. Gleichzeitig entsteht durch seine Morde ein Bild der marrokanischen Gesellschaft.
„Schlaflos“ ist, spätestens wenn man beginnt über die Taten des Schlaflosen und ihre Implikationen nachzudenken, ein intellektuelles und vielschichtiges Lesevergnügen für eine schlaflose Nacht und auch jede andere Tageszeit. Die Methode, mit der der Erzähler seine Schlaflosigkeit bekämpft, ist allerdings nicht zur Nachahmung empfohlen. Auch wegen des Endes.
Kagemusha – Der Schatten des Kriegers (Kagemusha, Japan 1980)
Regie: Akira Kurosawa
Drehbuch: Akira Kurosawa, Masato Ide
Japan, 1572: Der erfolgreiche und gefürchtete Kriegsherr Fürst Shingen Takeda (Tatsuya Nakadai) wird in einer Schlacht durch einen Schuss tödlich verletzt. Vor seinem Tod verfügt er, dass ein namenloser Dieb (ebenfalls Tatsuya Nakadai) für die nächsten drei Jahre seinen Platz einnehmen soll. Der Dieb übernimmt die Rolle als ‚Kagemusha‘ (Schattenkrieger). Er muss, unterstützt von einigen Vertrauten des Fürsten, Freund und Feind täuschen.
Seit Ewigkeiten nicht mehr gezeigtes Quasi-Spätwerk von Akira Kurosawa. Bis zu seinem Tod am 6. September 1998 drehte der am 23. März 1910 geborene Kurosawa noch vier hochgelobte Filme. Aber als „Kagemusha“ Film in Cannes gezeigt wurde und dort die Goldene Palme erhielt, war es Kurosawas erster Film nach einer fünfjährigen Pause, seine bekanntesten Werke (wie „Rashomon“, „Die sieben Samurai“ und „Yojimbo“) lagen schon Jahre zurück und niemand dachte ernsthaft, dass Kurosawa noch mehrere Filme inszenieren würde.
„Kagemusha“ ist ein künstlerischer Erfolg, der beim Ansehen auch immer wieder eine dröge Angelegenheit ist. Es gibt keine Identifikationsfiguren. Die Geschichte ist immer wieder rätselhaft. Viele, lange Szenen werden, wie Bühnenbilder, ungeschnitten und ohne eine einzige Kamerabewegung präsentiert, was das erzählerische Gewicht auf die Dialoge legt und zeigt, wie starr, unbeweglich und überholt die Herrschaft des Hauses Takeda ist. Die Schlachten und ihre Folgen sind in optisch überwältigenden Bildern inszeniert. Es sind wunderschön alptraumhafte Gemälde. Die aus „Die sieben Samurai“ bekannte Dynamik und klare Struktur der Kämpfe fehlt. In „Kagemusha“ wird der Verlauf der Schlacht, also wer gegen wen mit welcher Strategie kämpft und welche Soldaten zu welcher Truppe gehören, nie klar. Die japanischen Zwischentitel, die über das Kampfgeschehen aufklären könnten, wurden aus unerfindlichen Gründen nicht ins Deutsche übersetzt. So sind die Schlachten nur noch ebenso farbenprächtige wie sinnlose Massaker. Und natürlich bleiben dem westlichen Betrachter die historischen und kulturellen Hintergründe verborgen. Denn „Kagemusha“ basiert, mehr oder weniger, auf wahren Ereignissen.
Insofern ist „Kagemusha“ nicht so mitreisend wie „Die sieben Samurai“ und „Rashomon“. Sehenswert ist das Drama trotzdem.
Eine zeitgenössische Einschätzung: „mit Sicherheit einer der außergewöhnlichsten und besten Filme des Jahres 1980“ (Fischer Film Almanach 1981)
mit Tatsuya Nakadai, Kenichi Hagiwara, Kota Yui, Hideji Otaki, Hideo Murata, Takayuki Shiho
Der seltsame Fall des Benjamin Button (The curious Case of Benjamin Button, USA 2008)
Regie: David Fincher
Drehbuch: Eric Roth
LV: F. Scott Fitzgerald: The curious Case of Benjamin Button, 1922 (Kurzgeschichte)
Wie alle Menschen altert Benjamin Button. Allerdings wird er nicht älter, sondern jünger.
Prächtiges Ausstattungskino mit prominenter Besetzung, basierend auf einer Kurzgeschichte, die zu einem gut dreistündigem Film wurde.
mit Brad Pitt, Cate Blanchett, Taraji P. Henson, Julia Ormond, Jason Flemyng, Elias Koteas, Tilda Swinton, Jared Harris, Elle Fanning, Mahershala Ali (im Film als Mahershalhashbaz Ali)
Wiederholung: Montag, 24. Mai, 01.55 Uhr (Taggenau!)
Wade Wilson sagt, dass „Deadpool“ der beste Superheldenfilm aller Zeiten ist und dass man, wenn man nur einen Superheldenfilm sehen will, „Deadpool“ sehen muss.
Der Mann, der zuviel wusste (The man who knew to much, USA 1956)
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: John Michael Hayes, Angus McPhail (ungenannt)
Eigentlich wollten die McKennas nur einen schönen Marokko-Urlaub verbringen. Aber dann erfahren sie von einer Verschwörung und ihr Sohn wird entführt.
Hitchcocks äußerst gelungenes Remake von seinem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1934: mit einem größeren Budget, in Farbe und einer erträglichen Doris Day. Höhepunkt ist die zehnminütige Konzertszene in der Royal Albert Hall, deren Höhepunkt – während eines Beckenschlages – ein Schuss auf den Botschafter ist.
Mit James Stewart, Doris Day, Daniel Gélin, Brenda de Banzie, Bernard Miles, Ralph Truman, Reggie Maldar
Wiederholung: Samstag, 22. Mai, 00.25 Uhr (Taggenau!)
James Bond: GoldenEye (GoldenEye, Großbritannien 1995)
Regie: Martin Campbell
Drehbuch: Michael France, Jeffrey Caine
LV: Charakter von Ian Fleming
Buch zum Film: John Gardner: GoldenEye, 1995 (GoldenEye)
General Ourumov (Gottfried John) und Xenia (Famke Janssen), die zur Geheimorganisation „Janus“ gehören, haben sich den Zugang zu Weltraumsatelliten verschafft und damit können sie alles kontrollieren. James Bond soll das Schlimmste verhindern und bei seiner Hatz nach den Verbrechern trifft er auch auf einen alten Bekannten.
Erster Auftritt von Pierce Brosnan als Agent mit der Lizenz zum Töten. Für Bond-Fans eine etwas lang geratene, aber unterhaltsame Tour durch die bisherigen Bond-Filme. Finanziell war der Actionfilm unglaublich erfolgreich, – obwohl Brosnan der (wir reden Prä-Daniel-Craig!) in diesem Film der stilloseste Bond aller Zeiten war: unrasiert (!!) und schwitzend (!!!). DAS wäre den anderen niemals passiert.
Thriller-Autor John Gardner (u. a. schrieb er einen Gegententwurf zu Bond: die Boysie-Oakes-Serie über einen sehr unheldischen Geheimagenten) schrieb ab 1981 auf Wunsch der Fleming-Erben die Abenteuer von James Bond fort und hier das Buch zum Film.
Anschließend, um 23.00 Uhr, lässt Vox Roger Moore „Im Angesicht des Todes“ als James Bond um die Welt reisen.
mit Pierce Brosnan, Sean Bean, Izabella Scorupco, Famke Janssen (die Bond in die Zange nimmt), Judi Dench (als M bezeichnet sie ihn als „Relikt aus dem Kalten Krieg“), Gottfried John, Joe Don Baker (mal wieder dabei, inzwischen auf der Seite der Guten), Robbie Coltrane, Samantha Bond, Desmond Llewelyn, Tcheky Karyo, Michael Kitchen
Für alle, die den Neowestern vor einigen Tagen verpassten; zur Einstimmung gibt es vorher, um 20.15 Uhr, Ken Loachs „Ich, Daniel Blake“ und, um 21.50 Uhr die „Es war einmal…“-Doku dazu.
Arte, 22.45
The Rider (The Rider (USA 2017)
Regie: Chloé Zhao
Drehbuch: Chloé Zhao
Quasi-dokumentarischer Spielfilm über den jungen Rodeoreiter Brady Blackburn (Brady Jandreau), der nach einem Unfall nicht mehr Rodeo reiten darf und seinen Versuchen, sich damit zu arrangieren.
Chloé Zhao, die vor wenigen Tagen für ihren neuen Film „Nomadland“ unter anderem den Oscar als bester Spiefilm und für die beste Regie erhielt (der deutsche Kinostart ist noch unklar), erzählt in ihrem vorherigen Film mit Laiendarstellern, die sich letztendlich selbst spielen, vom deprimierend trostlosen Leben im US-amerikanischen Hinterland. Da ist, bis auf die leinwandfüllenden Sonnenuntergänge, alles deprimierend trostlos. Vom Mythos des Rodeoreiters, den Sam Peckinpah schon in „Junior Bonner“ entmystifizierte und dem Brady und seine Freunde wie einer Religion anhängen, bleibt nichts mehr übrig.
Dank der Schauspieler, den leinwandfüllenden Bildern, Zhaos geduldigem Einlassen auf die Laiendarsteller und ihr Leben und ihrem sie, ihr Leben und ihre Ansichten nie verurteilendem Blick ist der Neo-Western „The Rider“ ein aufbauender, zutiefst humanistischer Film.
mit Brady Jandreau, Lilly Jandreau, Tim Jandreau, Lane Scott, Cat Clifford, Terri Dawn Pourier
Meine aktuelle Lektüre, zwischen George Orwell („Farm der Tiere“ und „1984“ sind als Graphic Novels und in neuen Übersetzungen erschienen; die beiden Romane sind natürlich jenseits jeder Kritik, aber kann das auch über die Übersetzungen gesagt werden?) und den Besprechungen von Stephen Mack Jones‘ „Der gekaufte Tod – Ein Detroit-Krimi“ (in dem ein neuer ‚Privatdetektiv‘ ermittelt) und Tahar Ben Jellouns „Schlaflos“ (aber der Erzähler findet eine todsichere Methode, wie er ruhig schlafen kann). Zwei tolle Krimis.
Aber zuerst steht noch ein anderes Projekt ganz oben auf meiner To-Do-Liste.
La belle saison – Eine Sommerliebe (La belle saison, Frankreich/Belgien 2015)
Regie: Catherine Corsini
Drehbuch: Catherine Corsini, Laurette Polmanss
1971 trifft die 23-jährige Delphine in Paris die Aktivistin Carole. Sie verlieben sich ineinander. Aber dann muss Delphine zurück auf den Hof ihrer Eltern. Carole folgt ihr in eine für sie vollkommen fremde Welt.
Wunderschöne, politisch grundierte Sommerromanze, die auch viel über die frühen Siebziger Jahre in Frankreich erzählt
Einmal Gegenwart. Einmal zurück in die Vergangenheit, als Detective Constable Peter Grant noch nicht bei der Londoner Metropolitan Police war und seine Eltern noch nicht wussten, dass sie jemals einen Sohn bekommen würden. Wahrscheinlich, weil sie damals noch nicht geboren waren oder, wenn doch, irgendwo zwischen Kinderspielplatz und Erstem Schuljahr herumtobten.
In „Mit Abstand!“ geht es zurück in das Kriegsjahr 1943 und in den Oktober 1957. Es ist der siebte Comicband mit magischen Abenteuern um Peter Grant. Sein Erfinder Ben Aaronovitch schrieb zuerst Romane um den jungen schwarzen Polizisten. Seinen ersten Auftritt hatte er 2011 in dem Roman „Die Flüsse von London“ (Rivers of London). In dem Fantasy-Kriminalroman trifft er Thomas Nightingale. Nightingale ist kein normaler Polizist, sondern ein Magier und Leiter der „Einheit für spezielle Analysen“ (vulgo: frag nicht und lass uns in Ruhe). Die Einheit kämpft gegen übersinnliche Wesen, Zauberer, Geister undsoweiter. Nightingale, der letzte Zauberer Englands, nimmt Grant unter seine Fittiche und fortan erlebt Zaubererlehrling Grant unglaubliche Abenteuer.
Die Romane sind Beststeller. Seit 2015 erscheinen Comicabenteuer mit Grant und seinen Freunden, die neue Geschichten erzählen. Diese werden normalerweise von Aaronovitch und Andrew Cartmel geschrieben. Bis jetzt stand immer Grant im Mittelpunkt der Geschichten und sie spielten in der Gegenwart.
Durch den Tod von Angus Strallen erinnert sich Nightingale in „Mit Abstand!“ an ihre gemeinsamen Abenteuer. Aber anstatt sie Grant zu erzählen, lässt er ihn ins Archiv gehen.
Das erste Mal begegnen Nightinggale und Angus Strallen sich während des Zweiten Weltkriegs. Nightingale kann mit seinen magischen Kräften einen Flugzeugangriff abwehren.
1957 treffen sie sich wieder. Strallen ist inzwischen Constabulary von Cumberland und Westmoreland. Er hat Professor Uwe Fischer verfolgt. Fischer kämpfte im Krieg auf der Seite der Deutschen. Inzwischen arbeitet er in dem Atomkraftwerk Windscale, hat eine hohe Sicherheitsfreigabe und Strallen hält ihn für einen Serienfrauenmörder. Und einen Zauberer.
In „Wassergras“, dem davor erschienenem“Die Flüsse von London“-Comic, jagen Grant und Nightingale eine Angst und Schrecken verbreitende, geheimnisvolle Drogenhändlerin, die sich Hoodette nennt. Weil sie eine Droge verkauft, die auf magische Weise hergestellt wurde, ist es ein Fall für ihre Einheit. Eine solche Droge hat auch andere Nebenwirkungen als eine normale Droge.
Beide Geschichten sind höchst unterhaltsame Ergänzungen zu den vorherigen Geschichten. In „Mit Abstand!“ ist der historische Hintergrund interessant und, zum tieferen Verständnis der Geschichte, wichtig. Deshalb gibt es im Anhang ausführliche Texte zu Jasper Maskelyne, dem britischen Magier, der Hitlers Armee täuschte (wobei auch auf den umstrittenen Wahrheitsgehalt seiner Ausführungen hingewiesen wird), Bluthunde und deren einzigartige Spürnase, die Atomanlage Windscale (heute Sellafield) und das atomare Wettrüsten in der Nachkriegszeit.
„Wassergras“ und „Mit Abstand!“ sind zwei unterhaltsame Fantasy-Comics, denen allerdings die Sprachgewalt der Romane fehlt.
–
Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Luis Guerrero/Paulina Vassileva: Die Flüsse von London: Wassergras (Band 6)
(übersetzt von Kerstin Fricke)
Panini, 2020
120 Seiten
17 Euro
–
Originalausgabe
Rivers of London: Water Weed
Titan Comics, 2018
–
Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Brian Williamson/Stefani Renne: Die Flüsse von London: Mit Abstand! (Band 7)
Die neunjährige Benni lebt von Wutausbruch zu Wutausbruch, von Pflegefamilie zu Pflegefamilie zu betreuter Wohnreinrichtung und zurück. Niemand hält es länger mit ihrer Zerstörungswut und ungehemmten Aggression aus. Trotzdem versucht Frau Bafané vom Jugendamt ihr zu helfen. Mit immer neuen Maßnahmen.
Wow, was für ein Film: dicht inszeniert, nah an der Realität, klar in der Analyse und durchgehend einfache Antworten verweigernd. Der Film war ein Kritiker- und Publikumserfolg.
TV-Premiere – und gleich ein dickes Lob an das ZDF für die Uhrzeit (sonst wird so ein Film ja gerne nach Mitternacht versteckt), für die danach folgende haltstündige, den Film vertiefende Doku „Schrei nach Liebe“ (Regie: Liz Wieskerstrauch) und den Mut, einfach mal für einen Abend das heilige Programmschema zu ignorieren. Das heute-journal beginnt deshalb um 22.40 Uhr.
Am Dienstag, den 18. Mai, gibt es um 22.15 Uhr die ebenfalls halbstündige, ebenfalls den Film vertiefende „37°“-Dokumentation „Die Wütenden – Wenn Kinder das System sprengen“ (Regie: Anabel Münstermann, Valerie Henschel).
mit Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagmeister, Melanie Straub, Victoria Trauttmansdorff, Maryam Zaree, Tedros Teclebrhan
In einer psychiatrischen Klinik behandelt Dr. Ellie Staple die gegen ihren Willen inhaftierten ‚Mr. Glass‘ Elijah Prince (Samuel L. Jackson), David Dunn (Bruce Willis; beide bekannt aus „Unbreakable“) und ‚The Beast‘ Kevin Wendell Crumb (James McAvoy, bekannt aus „Split“). Sie glaubt, dass diese Männer nicht über übermenschliche Kräfte verfügen, vulgo keine Superhelden, sondern ganz normal verrückt sind.
TV-Premiere, bestenfalls halb überzeugender Superheldenfilm, der weniger der Abschluss einer Trilogie ist, was wir auch erst beim Start von diesem Film erfahren haben, als der Beginn von irgendeiner neuen Serie, die es jetzt wahrscheinlich doch nicht gibt. Gut so.
Davon abgesehen: McAvoy ist ein Genuss. Samuel L. Jackson gewohnt zuverlässig. Bruce Willis gewohnt lustlos.
mit James McAvoy, Samuel L. Jackson, Bruce Willis, Anya Taylor-Joy, Spencer Treat Clark, Charlayne Woodard, Sarah Paulson, Luke Kirby, M. Night Shyamalan
Wiederholung: Montag, 17. Mai, 01.45 Uhr (Taggenau!)
Collider über das Ende (Ähem, ja, vor allem bei Wikipedia und Collider: Vorsicht Spoiler! – und auch der jetzt wohl mehr oder weniger offizielle Name der Trilogie ist, wenn man „Glass“ nicht gesehen und ein gutes Gedächtnis hat, ein Spoiler.)
Drehbuch: Ali Abbasi, Isabella Eklöf, John Ajvide Lindqvist (nach der Erzählung „Gräns“ von John Ajvide Lindqvist)
Zollbeamtin Tina kann Gefühle erschnüffeln. Bei der Jagd auf Verbrecher ist dieses Talent ein Vorteil. Als sie bei einer Zollkontrolle Vore trifft, versagt ihr Geruchssinn. Aber sie weiß, dass er etwas verbirgt und dass sie sich zu ihm hingezogen fühlt.
Hochgelobtes genreüberschreitendes Drama. „Das grandiose Drama verwebt sozialen Realismus, Fantasy und skandinavische Mythologie zu einem zwitterhaften Werk, in dem aktuelle gesellschaftliche Debatten um Identitat, Ausgrenzung und Rassismus anklingen. Ein im wahrsten Sinne des Wortes grenzüberschreitender Ausnahmefilm.“ (Lexikon des internationalen Films; dort auch in der Liste der 20 besten Kinofilme des Jahres 2019)
Fotograf Jeffries liegt mit einem gebrochenen Bein in seinem Hinterhofzimmer und beobachtet gelangweilt seine Nachbarn. Eines Tages glaubt er, Mr. Thorwald habe seine Frau umgebracht. Aber wie kann er es beweisen?
Ein Meisterwerk. Ein perfekter Film über Männer und Frauen, über alle Facetten des Zusammenlebens (eigentlich der Unmöglichkeit des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau) und über Voyeure – gedreht in einem einzigen Studio (der gesamte Hinterhof wurde dort „funktionsfähig“ nachgebildet) aus einer einzigen Perspektive (wir sind mit James Stewart in seinem Zimmer gefangen).
Mehr Hitchcock gibt es um 00.30 Uhr im BR mit „Psycho“, der eindringlichen Warnung vor den Gefahren des Duschens.
Mit James Stewart, Grace Kelly, Thelma Ritter, Raymond Burr
Wiederholung: Samstag, 15. Mai, 00.20 Uhr (Taggenau!)
Police – Der Bulle von Paris(Police, Frankreich 1985)
Regie: Maurice Pialat
Drehbuch: Catherine Breillat, Sylvie Danton, Jacques Fieschi, Maurice Pialat
In dem Pariser Stadtteil Belleville jagt Polizeiinspektor Mangin eine Bande tunesischer Drogenhändler. Auf seiner Jagd verliebt er sich in Noria, die Geliebte von einem Bandenmitglied. Und das ist keine gute Idee.
Hochgelobter düsterer Polizeifilm, der mir vor Ewigkeiten gut gefiel, gerade weil er sich mehr auf die Gefühle und Beziehungen der Hauptfiguren zueinander und die Gegend, in der die Geschichte spielt, konzentriert.
„Ein Polizeifilm, der Regeln, Orte und Personen des Genres respektiert, ohne ihren vielfältigen Klischees zu verfallen.“ (Fischer Film Almanach 1989)
mit Gérard Depardieu, Sophie Marceau, Richard Anconina, Sandrine Bonnaire, Pascale Rocard
Wiederholung: Freitag, 14. Mai, 02.15 Uhr (Taggenau!)
Seien wir ehrlich: diese Filme sind eine Beleidigung für die Zuschauer. Sie sind auch eine aktive Schändung des Frühwerks von Bruce Willis. Genau, der Bruce Willis, der mit der TV-Serie „Das Modell und der Schnüffler“ bekannt wurde (in den USA mehr als bei uns) und mit „Stirb langsam“ 1988 seinen Durchbruch hatte. Danach war er ein Box-Office-Garant. Seine Filme waren eine kluge Mischung aus Blockbuster-Filmen, guten Actionfilmen (oder Blockbuster mit kleinem Budget), Komödien und kleinen Rollen in Arthaus-Filmen. Nicht jeder dieser Filme ist ein Meisterwerk, aber es ist eine insgesamt überzeugende Mischung. Vor ungefähr zwanzig Jahren gab es einen Bruch. Seitdem spielt er, bis auf wenige, sehr wenige Ausnahmen, erkennbar lustlos in Schrottfilmen mit, deren Existenzberechtigung sich in dem Scheck für Bruce Willis erschöpft. Einen Grund, sich irgendeinen dieser Filme anzusehen, gibt es nicht.
Mit „Cosmic Sin“ und „Hard Kill“, einem Science-Fiction-Actionfilm und einem Actionfilm, erreicht diese Werkphase einen neuen Tiefpunkt. Beide Filme wurden schnell gedreht. Angesichts des Endprodukts stellt sich die Frage, warum sie mehr als einen Tag gebraucht haben. Ein Drehbuch hatten sie offensichtlich nicht. Die Dialoge sind ein Best-of der peinlichsten und abgenutztesten Actionfilm-Phrasen. Fragen nach interner Logik stellen sich nicht. Das ist, als ob man versuchen würde, mit einer Spinne über Quantenphysik reden möchte; – wobei das Gespräch sinnvoll wäre.
„Cosmic Sin“ spielt 2524. Es ist eine Zukunft, die eigentlich wie die Gegenwart aussieht (Ja, es wird banaler Middle-of-the-Road-Schmockrock gehört und die Kneipe sieht wie die Spelunke an der Ecke aus. Das ist auch nachvollziehbar. Schließlich gehen wir am liebsten in Lokale, die aussehen, als habe es seit dem Mittelalter keine Umdekorierung gegeben, wir hören am liebsten unverstärkte mittelalterliche Lautenmusik und, nun, es geht doch nichts über die Computertechnik von 1529.). Wenige Minuten nach dem Erstkontakt mit einer außerirdischen Spezies werden James Ford (Bruce Willis), ein degradierter Soldat, und eine Gruppe Soldaten und Wissenschaftler losgeschickt auf den 13368 Lichtjahre entfernten Planeten Ellora. Das geht in der Zukunft schneller als eine heutige Pinkelpause. Hat irgendetwas mit Quantentechnik zu tun. Aber wahrscheinlich hat das Budget nicht für den Bau eines Raumschiffs gereicht.
Keine Stunde nach dem Erstkontakt landen sie auf dem Planeten. Bei der Landung werden sie versprengt und einige sterben (Frag nicht!). Wenige Sekunden später wird fröhlich herumgeballert und die Außerirdischen, die sehr menschlich aussehen, weil sie sich menschlicher Körper bemächtigen (eine sehr budgetschonende Lösung), sind natürlich sehr böse.
Ach, was soll ich sagen: Wenn dieses niedrigst budgetierte Werk eine TV-Serie wäre, wäre es eine extrem kurzlebige Serie, für die der Sender und alle Beteiligten sich schon vor der Ausstrahlung in Grund und Boden schämen würden. Falls sie das in jeder Beziehung schlechte Werk nicht schon vor der Ausstrahlung ins Archiv verbannt hätten.
Außerdem ist „Cosmic Sin“ humorloser reaktionärer Müll, der Geschlechterklischees und Harte-Männer-Klischees reproduziert, die schon vor Jahrzehnten ihr Verfallsdatum deutlich überschritten hatten.
„Hard Kill“ ist kein Jota besser. Dieses Mal geht es um eine KI-Software, die in die Hände eines Terroristen fällt, der nur „Der Prediger“ heißt. Um das Programm zu starten, benötigt er ein Passwort, das nur Firmeninhaber Donovan Chalmers (Bruce Willis) kennt. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen, außer dass gerade eine Fabrikruine als Drehort zur Verfügung stand, begibt sich Chalmers mit einem seiner Angestellten und einer vierköpfigen Eliteeinheit ehemaliger Soldaten, die schon einmal gegen den Prediger kämpften, in das leer stehende Gebäude. Dort wartet der Bösewicht schon auf sie.
Ab diesem Moment wird fröhlich herumgeballert, gesichtslose Bösewichter sterben und die Schauspieler gehen mit ernster Miene durch die Gänge der verlassenen Fabrik.
Dieses Set-up erinnert natürlich an viele andere Filme, die alle besser sind und hier nicht genannt werden, weil so der Eindruck entstehen könnte, der ambitionslos heruntergekurbelte Schund „Hard Kill“ könnte auf irgendeiner Ebene sinnvoll mit ihnen verglichen werden.
„Hard Kill“ und „Cosmic Sin“ sind jenseits aller Rettungsversuche. Sie sind einfach nur schlecht. Es gibt wirklich keinen Grund, sie sich anzusehen.
Nach diesen drei Stunden mit Bruce Willis, der in beiden Filmen zusammen nur wenige Minuten im Bild ist, bleibt immerhin die Erkenntnis, dass er seine Karriere als Schauspieler an den Nagel gehängt hat. Da wird nichts sehenswertes mehr kommen.
Cosmic Sin – Invasion im All (Cosmic Sin, USA 2021)
Regie: Edward Drake
Drehbuch: Edward Drake, Corey Large
mit Frank Grillo, Bruce Willis, Brandon Thomas Lee, Corey Large, CJ Perry, Perry Reeves, Lochlyn Munro, Costas Mandylor
Der unverhoffte Charme des Geldes (La chute de l’empire américain, Kanada 2018)
Regie: Denys Arcand
Drehbuch: Denys Arcand
In Montreal stolpert Paketfahrer Pierre-Paul Daoust, hochintelligenter, studierter Philosoph, leidenschaftlicher Kaptitalismusgegner und überaus gesetztestreuer Bürger, in einen schief gehenden Überfall. Bevor die Polizei auftaucht, versteckt er die Beute in seinem Laster. Danach steht er vor der Frage, was er mit den Säcken voller Geld machen soll. Eine Escort-Dame, ein vorbestrafter Finanzjongleur und ein Offshore-Banker wollen ihm helfen das Geld zu waschen. Gleichzeitig suchen die Polizei und einige Mafiosi die Beute.
TV-Premiere. Muntere, äußerst philosophische Krimikomödie, die gleichzeitig eine Lehrstunde in der Kunst des Geldwachens ist und eine sehr interessante Antwort auf die Frage gibt, was ein armer, ehrlicher Mann macht, wenn er plötzlich reich ist.
Gut, in dem Spielfilm „Spider-Man: Far from Home“ besuchte der Schüler Peter Parker mit seinen Mitschülern Europa und gerät dort in einige Abenteuer, die das Einschreiten von Spider-Man erfordern. Aber normalerweise verlässt Parker seine Heimatstadt nicht. Dort kämpft er gegen Bösewichter. Und das ist in New York ein Full-Time-Job.
Als er in „Berlin bis Babylon“ bei den Ermittlungen in einem Mordfall die Museumskuratorin Dr. Huma Bergmann, – jung, gutaussehend und intelligent – , kennen lernt und die Spur nach Europa führt, zögert er. Er mag die Nazis zwar nicht, aber die bedrohen nicht seine Nachbarschaft, sondern treiben im fernen Europa ihr Unwesen.
Spätestens jetzt ist ein erklärender Einschub nötig. Denn die von Margaret Stohl geschriebene und von Juan Ferreyra formidabel gezeichnete Spider-Man-Geschichte „Berlin bis Babylon“ gehört zur hier auch schon abgefeierten Noir-Reihe von Marvel. In ihr erzählen verschiedene Autoren und Zeichner neue, eigenständige Geschichten mit den bekannten Marvel-Helden. Eine Anknüpfung an die Schwarze Serie, also die Phase Hollywoods, in der Noir-Krimis gedreht wurden, und an die alten Pulps ist explizit erwünscht. Und so spielt „Berlin bis Babylon“ 1939, wenige Tage vor Kriegsausbruch. Peter Parker ist Privatdektiv; so ein richtiger Hardboiled-Dick, der seinen Sam Spade und Philip Marlowe studiert hat. Und die Geschichte wird, bis auf wenige Farbtupfer, in Schwarz-Weiß erzählt. Denn damals beherrschten SW-Filme den Markt.
Nach kurzem Zögern und etwas Zureden – schließlich müssen für den Kampf gegen die Nazis alle Kräfte mobilisiert werden (ich denke da an den Humphrey-Bogart-Film „Agenten der Nacht“ [All through the Night, 1941]) – fliegt Parker mit Huma zunächst nach London. Von da aus geht es weiter nach Berlin zu einem Kurzbesuch auf der Museumsinsel und dann nach Babylon. Auf dem Gebiet der Ausgrabungsstätte Uruk soll seit Jahrhunderten ein Kristall versteckt sein, der in den falschen Händen das Ende von Allem bedeuten würde. Selbstverständlich wollen die Nazis den Stein haben.
„Berlin bis Babylon“ orientiert sich kaum am klassischen Noir, sondern mehr an pulpigen Abenteuergeschichten und Serials, in denen der Held durch haarsträubende Abenteuer stolpert und Erholungspausen nur beim Umblättern einer Seite entstehen. In den achtziger Jahren erlebten diese Geschichten mit den „Indiana Jones“-Filmen eine Renaissance. Und ein Indiana-Jones-Abenteuer könnte Peter Parkers Abenteuer auch sein. Auf seiner Suche begegnet Parker auch alten Bekannten, wie den jetzt für die Nazis kämpfenden Electro.
Trotzdem ist dieses „Spider-Man Noir“-Abenteuer perfekt für Neueinsteiger und Pulp-Fans. Da ich mehr ein Pulp- als ein Spider-Man-Fan bin, hoffe ich jetzt natürlich auf das nächste Abenteuer von PI Peter Parker. Gerne wieder gegen böse Nazis.
–
Margaret Stohl/Juan Ferreyra: Spider-Man Noir: Berlin bis Babylon