Polizei greift ein(Pickkup on South Street, USA 1953)
Regie: Samuel Fuller
Drehbuch: Samuel Fuller (nach einer unveröffentlichten Kurzgeschichte von Dwight Taylor)
Ein Taschendieb klaut von der Geliebten eines kommunistischen Agenten einen Mikrofilm. Fortan wird er von einem Polizisten, einem FBI-Agenten und dem Bestohlenen gejagt.
Seit Ewigkeiten nicht mehr gezeigter Noir-Klassiker, der für die deutsche Kinoauswertung gekürzt und inhaltlich verändert wurde. Auf dem Mikrofilm war nicht mehr die Formel für die Herstellung von Atomwaffen sondern für synthetisches Rauschgift.
„Ein Film noir vom äußersten (rechten) Rand, wenn auch mit doppeltem Boden“ (Paul Werner: Film noir)
Fuller gelingt „ein äußerst sehenswerter, ebenso düsterer wie fatalistischer Noir, in dem es dem Zufall überlassen ist, ob jemand stirbt oder lebt, ob jemandem etwas schwerfällt oder leicht von der Hand geht; in jedem Fall aber scheint es dem Schicksal zu obliegen, die Richtung zu bestimmen…“ (Paul Duncan, Jürgen Müller, Hrsg.: Film noir; – „Polizei greift ein“ gehört zu den im Buch ausführlich vorgestellte fünfzig Noir-Klassikern)
In der „Rough Guide to film noir“ gehört „Polizei greift ein“ ebenfalls zu dem aus fünfzig Filmen bestehendem Kanon wichtiger Noirs.
mit Richard Widmark, Jean Peters, Thelma Ritter, Murvyn Vye, Richard Kiley
Geheime Staatsaffären (L’Iveresse du Pouvoir, Frankreich 2006)
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Claude Chabrol, Odile Barski
Die taffe Pariser Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Killman (was für ein Name für Madame Huppert) ermittelt in einem Korruptionsfall zwischen hochrangigen Politikern und einem Industriekonzern. Die versuchen ihre Ermittlungen zu beenden.
Claude Chabrols letztes Meisterwerk: ein von dem Skandal um den Ölkonzern Elf Aquitaine inspirierter Politthriller/Farce, grandios gespielt, süffig präsentiert. Halt ein echter Chabrol.
Anschließend, um 22.00 Uhr, zeigt Arte die brandneue, einstündige Doku „Isabelle Huppert – Leben für den Film“ (Frankreich 2020).
P. S.: Eigentlich hätte Arte, wie ein Blick auf das Geburts- und Todesdatum von Claude Chabrol (24. Juni 1930 – 12. September 2010) zeigt, dieses Jahr eine kleine Claude-Chabrol-Reihe präsentieren müssen.
mit Isabelle Huppert, François Berléand, Patrick Bruel, Marilyne Canto, Robin Renucci, Thomas Chabrol, Jean-François Balmer, Pierre Vernier, Jacques Boudet, Philippe Duclos, Roger Dumas
Jimi Hendrix „Hear my Train a comin’“ (Jimi Hendrix: Hear my Train a comin‘, USA 2013)
Regie: Bob Smeaton
Spielfilmlange Doku über den am 18. September 1970 (yep, heute vor fünfzig Jahren) verstorbenen Rockgitarrisen Jimi Hendrix mit (damals) neu entdeckten zeitgenössischen Amateuraufnahmen und neuen Gesprächen mit Zeitzeugen wie Mitch Mitchell, Noel Redding, Eddie Kramer, Paul McCartney und Steve Winwood.
Am 3. Oktober 2009 überfielen Taliban Camp Keating. Der Militärstützpunkt lag in einem Tal in den Bergen nahe der Stadt Kamdesh in der nordafghanischen Provinz Nuristan und sollte einige Tage später geräumt werden. Die von Feinden umzingelten 54 US-Soldaten kämpften zwölf Stunden um ihr Leben. Acht US-Soldaten starben. Ebenso vier afghanische alliierte Mitarbeiter. 27 US-Soldaten wurden verwundet.
Die Zahl der gefallenen Taliban verschweigt Rod Lurie in seinem Kriegsfilm „The Outpost – Überleben ist alles“. Nach Angaben des US Militärs wurde das Camp von ungefähr 300 Taliban angegriffen und ungefähr 150 Angreifer starben.
Die Schlacht gehört zu den blutigsten Auseinandersetzungen des Afghanistankrieges.
Die an dem Gefecht beteiligten Soldaten wurden mit Orden überschüttet und Militärstützpunkte, die offensichtlich nicht zu verteidigen sind, wie Camp Keating, wurden geschlossen.
„The Outpost“ ist einer der Kriegsfilme, der definitiv kein Antikriegsfilm ist und sich nicht für das genaue Nachzeichnen der einzelnen strategischen Entscheidungen während des Gefechts interessiert. Dafür war es auch zu chaotisch. Die Soldaten mussten sich und ihren Stützpunkt so gut es ging, spontan und ohne großen Plan verteidigen. Die Angreifer bleiben eine gesichtslose Masse, die, wie früher die Indianer in einem Western, angreifen und erschossen werden. Ihre Motive sind egal. Ihr Sterben interessiert nicht.
Stattdessen singt Lurie das Hohelied auf den einfachen, tapferen Soldaten, der im Gefecht vor allem seine Kameraden beschützen und retten will.
In der ersten Stunde zeigt Lurie den Alltag der Soldaten, die in kurzen Szenen einen Hauch von Individualität erhalten. Die jungen Männer, unter anderem gespielt von Scott Eastwood (der vom Gesicht her sehr an seinen Vater erinnert), Caleb Landry Jones und Orlando Bloom, langweilen sich und werden regelmäßig – in der Realität ungefähr alle zwei Tage, im Film, so wirkt es, deutlich öfter – von Taliban aus den Bergen heraus beschossen. Es ist der Alltag im Kriegsgebiet zwischen Langeweile und Adrenalinschüben.
Die zweite Hälfte des Kriegsfilms spielt am 3. Oktober 2009. Diese Chronik der „Schlacht von Kamdesh“ ist eine beeindruckende Schlachtplatte. Jetzt stört auch die bis dahin nervige wackelige Handkamera, die vor einigen Jahren State-of-the-art war, nicht mehr. In langen, ungeschnittenen Szenen, als habe er sich Sam Mendes‘ „1917“ zum Vorbild genommen, stürzt Kameramann Lorenzo Senatore („Hellboy“ [2019], Second Unit u. a. bei „Spectre“, „Wonder Woman“ und „London has fallen“) sich in das Kampfgetümmel. Während um ihn herum Soldaten erschossen werden und Bomben explodieren, verfolgt er sie durch das Lager.
Das ist unbestritten gut gemacht und technisch beeindruckend, ohne jemals die Qualität von „1917“ oder „Dunkirk“ zu erreichen. Gegen diese Kriegsfilme (die ich im Kino sah) wirkt der chronologisch erzählte Kriegsfilm „The Outpost“ (den ich zu Hause sah) wie der kleine, auf Video gedrehte Bruder.
The Outpost – Überleben ist alles(The Outpost, USA/Bulgarien 2020)
Regie: Rod Lurie
Drehbuch: Paul Tamasy, Eric Johnson
LV: Jake Tapper: The Outpost: An untold Story of American Valor, 2012
mit Scott Eastwood, Caleb Landry Jones, Orlando Bloom, Jack Kesy, Cory Hardrict, Milo Gibson, Jacob Scipio, Taylor John Smith, Alexander Arnold
Drehbuch: Guillermo Arriaga (nach einer Idee von Guillermo Arriaga und Alejandro González Iñárritu)
In ihrem dritten gemeinsamen Spielfilm (nach „Amores Perros“ und „21 Gramm“) verschränken Iñárritu und Arriaga wieder mehrere Geschichten miteinander. Dieses Mal erzählen sie die Geschichte eines amerikanischen Touristenpärchens in Marokko, deren Haushälterin in San Diego und einer Teenagerin in Tokio. Auch wenn die Verbindung zwischen den Geschichten etwas gewollt ist (ich sage nur Gewehr) und der Film mit 135 Minuten Laufzeit ziemlich lang ist, hat er mir im Kino gut gefallen.
„Babel“ gewann, nach der IMDB, 42 Filmpreise und war für 136 weitere Preise nominiert. Er war, unter anderem, für den Oscar und BAFTA als bester Film des Jahres nominiert und erhielt in dieser Kategorie einen Golden Globe. In Cannes gewann er drei Preise (unter anderem für die Regie) und Arriagas Drehbuch hat es auf ungefähr jede wichtige Preisliste geschafft.
Mit Brad Pitt, Cate Blanchett, Rinko Kikuchi, Elle Fanning, Gael García Bernal, Adriana Barraza
Monate später als geplant richtet Kristen Stewart ihren Zeige- und Mittelfinger im Kino auf das Publikum. Sie spielt in „Jean Seberg – Against all Enemies“ die titelgebende Jean Seberg.
Cineasten kennen Seberg vor allem aus der Rolle, die sie 1960 zum Star machte. In „Außer Atem“ spielt sie die in Paris lebende, Zeitungen verkaufende Studentin Patricia, die sich in den Kleinkriminellen Michel Poiccard verliebt. Der hat während einer Verkehrskontrolle einen Polizisten erschossen und ist jetzt auf der Flucht. Der stilistisch einflussreiche Krimi markiert auch den Beginn der Karrieren ihres Filmpartners Jean-Paul Belmondo und des Regisseurs Jean-Luc Godard. Außerdem ist „Außer Atem“ einer der essenziellen Nouvelle-Vague-Filme, ein Kultfilm und ein Klassiker. Danach war Seberg, die Frau mit der damals vollkommen unweiblichen Kurzhaarfrisur, ein Star. In den nächsten Jahren spielte sie in einigen prestigeträchtigen und auch Big-Budget-Produktionen mit. Aber letztendlich und rückblickend gelang es ihr nicht, an den Erfolg von „Außer Atem“ anzuknüpfen.
Benedict Andrews‘ Biopic „Jean Seberg – Against all Enemies“ beginnt im Mai 1968 in Paris. Die in Frankreich lebende Seberg ist seit 1962 mit dem Schriftsteller Romain Gary verheiratet, gemeinsam haben sie einen Sohn und jetzt möchte sie wieder als Schauspielerin arbeiten.
Auf dem Flug in die USA lernt sie Hakim Jamal kennen. Die blonde Hollywood-Schauspielerin ist von dem afroamerikanischen Polit-Aktivisten, der sich wie ein Popstar durch das Flugzeug bewegt, fasziniert. Sie will ihn näher kennen lernen. In den USA organisiert sie Spendenpartys. Außerdem beginnt sie mit dem ebenfalls verheirateten Aktivisten eine Affäre – und wird dabei vom FBI auf Schritt und Tritt beobachtet.
Die Beobachtung ist Teil der hochgradig illegalen Operation COINTELPRO, in der das FBI Schmutz gegen vermeintliche Staatsfeinde, wie die Black-Panther-Sympathisantin Seberg, sammelt.
„Jean Seberg – Against all Enemies“ hat also alles, was ein Film braucht: eine in mehrfacher Hinsicht skandalträchtige wahre Geschichte, Stars (Kristen Stewart als Jean Seberg, Anthony Mackie als Hakim Jamal, Yvan Attal als Romain Gary, Zazie Beetz als Jamals Frau, Jack O’Connell und Vince Vaughn als FBI-Agenten) , Glamour, 60er-Jahre-Zeitkolorit, Revolution und Pop.
Und dann scheitert das Biopic an seiner eigenen Mutlosigkeit. Die ersten an Jean-Luc Godard erinnernden Minuten, zeigen, was für ein Film hätte entstehen können. Ein Pop-Pamphlet, das an den Stil der sechziger Jahre anknüpft, zugleich spielerisch und strukturiert ist, auf mehreren Ebenen herausfordert und zum Nachdenken anregt.
Diese Experimentierfreude erschöpft sich schon nach wenigen Minuten. Danach folgt Benedict Andrews („Una und Ray“) brav den Konventionen. Er verfolgt Seberg, wenn sie sich mit Jamal trifft und für die Black-Power-Bewegung engagiert. Gleichzeitig erzählt er von einem jungen, stockbürgerlichen, verheirateten Vater und FBI-Agenten, der Seberg beobachtet und abhört. Während seiner Arbeit beginnt dieser Ermittler, eine erfundene Figur, seine Meinung über die ‚Terroristin‘ Seberg zu ändern.
Am Ende kriegen wir statt experimentierfreudigem Godard und politaktivistischem Popkino biederes Besinnungskino über einen FBI-Agenten mit Gewissensbissen.
Das sieht mit Nostalgie-Bonus hübsch aus und Kristen Stewart überzeugt als durch die Überwachung und die Schmutzkampagne des FBI zunehmend psychisch lädierte Jean Seberg. Insgesamt ist der Film aber zu mutlos um nachhaltig zu beeindrucken.
Jean Seberg – Against all Enemies(Seberg, USA 2019)
Regie: Benedict Andrews
Drehbuch: Joe Shrapnel, Anna Waterhouse
mit Kristen Stewart, Jack O’Connell, Margaret Qualley, Zazie Beetz, Yvan Attal, Stephen Root, Colm Meaney, Anthony Mackie, Vince Vaughn
Cop Billy Costigan ist Undercover-Agent in der Organisation des Mafiapaten Frank Costello. Gangster Colin Sullivan ist bei der Polizei der Top-Maulwurf für Costello. Beide steigen in den feindlichen Organisationen stetig auf. Da erhalten Costigan und Sullivan von ihrem Boss den Auftrag, den Verräter in den eigenen Reihen zu finden.
„Departed – Unter Feinden“ ist, wie Genre-Junkies wissen, das grandiose US-Remake des ebenso grandiosen Hongkong-Thrillers „Infernal Affairs“ (von Andrew Lau und Alan Mak). Monahan verlegte die Geschichte nach Boston, orientierte sich bei dem Mafiapaten an dem legendären Whitey Bulger und zeichnete ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft. Die schwächsten Szenen des Remakes sind die weinigen, direkten Übernahmen von Szenen aus dem Original.
Beide Filme sind stilistisch überzeugende Werke über Freundschaft, Loyalität und Verrat.
Monahans Drehbuch erhielt einen Edgar, einen Oscar, den Preis der Writers Guild of America und war für den Golden Globe nominiert (um nur einige zu nennen). Der Film wurde für zahlreiche Preise nominiert und erhielt auch den Oscar für den besten Film des Jahres
Die nächste Zusammenarbeit von Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio war die allseits abgefeierte Dennis-Lehane-Verfilmung „Shutter Island“ (mir gefiel das Buch besser). Danach kam “The Wolf of Wall Street”.
Und William Monahans lieferte danach sein gelungenes Regiedebüt, die Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (mit Colin Farrell, David Thewlis, Ray Winstone, Eddie Marsan und Keira Knightley) ab.
Mit Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Ray Winstone, Vera Farmiga, Alec Baldwin
Wiederholung: Donnerstag, 17. September, 00.20 Uhr (Taggenau! – Dann sicher auch ungekürzt. Denn der Film ist ‚frei ab 16 Jahre‘)
Tod auf dem Nil (Death on the Nile, Großbritannien 1978)
Regie: John Guillermin
Drehbuch: Anthony Shaffer
LV: Agatha Christie: Death on the Nile, 1937 (Der Tod auf dem Nil)
Auf einem Nildampfer wird die Millionenerbin Linnet Ridgeway ermordet. Ihr Mörder ist noch auf dem Schiff. Hercule Poirot wird mit der Hilfe seiner kleinen grauen Zellen den Fall lösen.
„Tod auf dem Nil“ erhielt einen Oscar für die besten Kostüme und läutete eine kleine Renaissance von Christie-Verfilmungen ein. Der Film ist eine weitgehend spannungsfreie, nostalgische, stargarnierte Angelegenheit.
Mit Peter Ustinov, Jane Birkin, Bette Davis, Mia Farrow, Lois Chiles, David Niven, Jon Finch, Angela Lansbury, Olivia Hussey, Maggie Smith, Simon MacCorkindale, George Kennedy, Jack Warden, Sam Wanamaker, Celia Imrie
Allein schon die Menge von, je nach Zählung, irgendetwas zwischen deutlich über dreißig und knapp unter fünfzig Filmen für das Kino und das Fernsehen in dreizehn Jahren ist beeindruckend. Auch wenn alle diese Filme nur billiger Schund wären. Aber sogar die schwächeren oder unbekannteren Spielfilme von Rainer Werner Fassbinder sind einen Blick wert. Seine allseits bekannten und kanonisierten Filme sowieso.
Daneben inszenierte er mehrere TV-Filme und (Mini-)Serien, die inzwischen auch zu Klassikern wurden. Ich sage nur „Welt am Draht“ und Berlin Alexanderplatz“. „Martha“ nimmt eine interessante Zwischenstellung ein. Ursprünglich war das Noir-Drama als TV-Film geplant und verschwand nach zwei TV-Ausstrahlungen wegen Rechtsstreitigkeiten im Archiv. Als diese geklärt waren, lief der Film im November 1997 in einer restaurierten Fassung im Kino und wurde breit als Meisterwerk rezipiert.
Vor seinen Spielfilmen arbeitete er im; – gut, eigentlich leitete er das Kollektiv betriebene antiteater. Er schrieb die Stücke, inszenierte sie und verfilmte einige dieser Stücke in einer veränderten Form. Seine Texte waren für ihn immer ein work in progress; eine Spielanweisung, die verschieden interpretiert werden konnte. „Katzelmacher“ ist für dieses Vorgehen, aus einem Theaterstück einen Film zu machen, sicher das bekannteste Werk.
Nach dem Ende des antiteaters 1970 arbeitete Fassbinder weiter am Theater. Einige seiner Stücke verfilmte er. Andere wurden von anderen Regisseuren verfilmt. Manchmal wurde nichts aus der geplanten Verfilmung.
Und, als ob das nicht genug wäre, schrieb er auch Stücke, die von anderen Regisseuren inszeniert wurden, und er arbeitete für das Radio. Wobei sein Hörspielwerk überschaubare vier Werke umfasst.
Das ist viel Stoff, der immer noch erforscht und interpretiert werden kann.
In ihrem Sammelband „Rainer Werner Fassbinder Transmedial“ nehmen sich die Herausgeber Werner C. Barg und Michael Töteberg die unbekannteren, nicht kanonisierten und die aus verschiedenen Gründen die Grenzen der verschiedenen Medien überschreitenden Werke vor. Der Sammelband besteht, bis auf eine Ausnahme, auf Vorträgen und Gesprächen, die in der Abteilung Medien- und Kommunikationswissenschaft am Institut für Musik, Medien- und Sprechwissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) 2017 und 2018 gehalten wurden.
Nach einem informativen Überblick von Michael Töteberg über die transmedialen Arbeiten von Fassbinder, wie seine Theaterstücke, die Filme wurden und seine Arbeit für das Fernsehen, geht es in den folgenden Aufsätzen um Einzelaspekte bei bestimmten Werken und auch um geplatzte oder von anderen Künstlern vollendete Projekte.
Alexandra Vasa beschäftigt sich mit Schuldverhältnissen in Fassbinders frühen Filmen „Katzelmacher“, „Warum läuft Herr R. Amok?“ und „Händler der vier Jahreszeiten“. Rolf Giesen schreibt über „Adolf und Marlene“. Das anscheinend ziemlich missratene B-Picture über Adolf Hitler und Marlene Dietrich wurde von Fassbinder produziert und von Ulli Lommel („Die Zärtlichkeit der Wölfe“) inszeniert. Michael Töteberg schreibt über Fassbinders Theaterinszenierung von „Bremer Freiheit“, einem von Fassbinder rasch nach historischen Dokumenten niedergeschriebenem Auftragswerk, das zu seinem meistgespieltem Theaterstück wurde. Töteberg beschäftigt sich auch mit Adriana Hölszkys 1988 uraufgeführter Interpretation des Stückes, die andere Akzente setzt. Hans J. Wulff schreibt über Fassbinders Bearbeitung von „Bremer Freiheit“ für das Fernsehen. Christine Ehardt nimmt sich Fassbinders Hörspiele vor. Gerhard Lampe Fassbinders bekannte, textnahe Literaturverfilmung „Fontane Effi Briest“. Werner C. Barg analysiert die ersten Minuten von Fassbinders „Die dritte Generation“. Bianca Dommes ruft die Diskussion um Fassbinders Skandalstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ und Daniel Schmids vergessene Verfilmung „Schatten der Engel“ in Erinnerung. Werner C. Barg nähert sich Fassbinders letztem Film „Querelle“ aus filmphilosophischer Sicht.
Gespräche mit Rolf Giesen und Werner C. Barg (der in seinem Dokumentarfilm „Casting“ Schauspieler Ausschnitte aus Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ sprechen lässt) und eine kommentierte Bibliographie über die in den letzten zwanzig Jahren über Fassbinder und sein Werk erschienenen Texte runden den lesenswerten Sammelband, der sich primär an Fassbinder-Kenner richtet, ab.
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Werner C. Barg/Michael Töteberg (Hrsg.): Rainer Werner Fassbinder Transmedial
Ein beliebter Sportlehrer in einem Nobelort in Florida weist die sexuellen Avancen einer reichen Schülerin zurück. Danach behauptet sie, er habe sie vergewaltigt. Die Polizei glaubt ihr nicht, bis eine zweite Schülerin den gleichen Vorwurf erhebt.
Und das ist nur eine der ersten überraschenden Wendungen in diesem kleinen Thriller, bei dem die Stars lustvoll ihr Image ausfüllen, gegen es anspielen und sich (und uns) letztendlich fast ständig belügen. Denn in „Wild Things“ ist, unter der Sonne Floridas, nichts so wie es scheint. Eine schöne „Sommernachtsfantasie“.
Mit Kevin Bacon, Matt Dillon, Neve Campbell, Theresa Russell, Denise Richards, Robert Wagner, Bill Murray
LV: Lauran Paine: The Open Range Man, 1990 (später auch „Open Range“)
Als der tyrannische Rancher Baxter die Herde der beiden seit Ewigkeiten zusammen reitenden Cowboys Spearman und Waite stehlen will, hat er sich mit den falschen angelegt.
Schöner Western, der angenehm altmodisch auf jeglichen modernen Schnickschnack verzichtet und ruhig seine Geschichte erzählt.
mit Robert Duvall, Kevin Costner, Annette Bening, Michael Gambon, Michael Jeter, Diego Luna, James Russo, Kim Coates
Unter Verdacht: Die elegante Lösung(Deutschland 2011)
Regie: Aelrun Goette
Drehbuch: Don Schubert, Aelrun Goette, Martin Muser
Die interne Ermittlerin Dr. Eva Prohacek und ihr Kollege André Langner wollen herausfinden, warum der Polizist Thorsten Brenner starb. Zuletzt schützte er im Mittelmeer auf einem Patrouillenboot die EU-Außengrenze gegen Flüchtlinge. Hat sein Tod etwas damit zu tun?
Gewohnt guter, immer noch aktueller „Unter Verdacht“-Krimi.
mit Senta Berger, Rudolf Krause, Gerd Anthoff, Leonardo Nigro, Emilio De Marchi, Giorgio Lupano
Dick Clement und Ian La Frenais sind zwei alte Hasen im britischen Filmgeschäft. Sie schrieben unter anderem die Drehbücher zu „Commitments“, „Wasser – Der Film“, etlichen Lovejoy-Folgen (in Deutschland nie gezeigt) und zu „Die alles zur Sau machen“ (Villain).
Mit ihrem Edgar-nominierten Film „Bank Job“ kehrten sie wieder in die frühe Siebziger und dem von ihnen mit „Villain“ mitbegründeten britischen Gangsterfilm zurück. Dieses Mal lassen sie sich von einem wahren Bankraub inspirieren. Am 11. September 1971 raubten einige Kleingauner aus der Lloyd’s Bank 500.000 Pfund (was heute sechs Millionen Euro wären). Die Zeitungen füllten ihre Spalten mit Sensationsberichten über den „Walkie-Talkie-Einbruch“. Vier Tage lang. Dann untersagte die Regierung aus Gründen der nationalen Sicherheit weitere Berichte, vier Räuber wurden verhaftet, ihren Namen wurden nie bekannt, das Strafmaß ist unbekannt, große Teile der Beute verschwunden und die Akten darüber sind bis 2054 unter Verschluss. Das Team Clement/La Frenais hat jetzt mit „Bank Job“ eine Geschichte erfunden, die die Wahrheit sein könnte.
Und Roger Donaldson hat im Retro-Look einen angenehm altmodischen Ganovenfilm über den großen Coup, gewürzt mit einer Prise Polit-Thriller, gedreht.
Mit Jason Statham, Saffron Burrows, Stephen Campbell Moore, Daniel Mays, James Faulkner, Alki David
Die Jury begründet ihre Wahl so: „Krimis waren in der DDR sehr beliebt und obwohl sie bei den Offiziellen ein ungeliebtes Genre waren, ließ man ihre Veröffentlichung zu. Verbrechen wurden dem Kapitalismus zugeschrieben und kamen im Sozialismus nicht.
Da in den offiziellen Statistiken der DDR kaum Morde verzeichnet wurden, sollten auch die Autoren möglichst auf Morde in den Romanen verzichten, bzw. den Schauplatz notfalls in den Westen verlegen.
Max Annas ‚Morduntersuchungskommission – Der Fall Teo Macamo‘ schließt 30 Jahre nach der Wiedervereinigung eine Lücke, indem er seinen Roman im letzten Jahrzehnt der DDR ansiedelt. Durch seinen fast protokollarischen Stil unterstreicht er in einer fast objektiv wirkenden Art und Weise, wie die Lebensverhältnisse in der DDR waren und wie die Menschen sich dort auf diese Lebensverhältnisse einstellten. Gewalt gegen Andere scheint hier beinahe die logische Konsequenz.
Mit dem Ermittler Otto Castorp hat er eine Figur geschaffen, deren Welt langsam in sich zusammenfällt, deren baldiges Ende aber noch nicht spürbar ist. Immer wieder muss sich der Leser innerhalb der Geschichte selbst positionieren. Wie hätte man sich selber in dem System verhalten?
Annas bedient sich bei dem historischen und bis heute nicht geklärten Mord an dem Mozambikaner Manuel Diogo, dem der Roman auch gewidmet ist. Er verdeutlicht, dass rassische Verbrechen in der DDR kein Einzelfall waren, aber eben auch kein DDR-Phänomen sind. Vielmehr stellt sich beim Lesen die Frage, wie wir heute mit „Anderen“ umgehen. Damit verleiht Max Annas dem Roman und der Thematik eine enorme Aktualität.“