Hügel der blutigen Augen(The Hills have Eyes, USA 1977)
Regie: Wes Craven
Drehbuch: Wes Craven
Auf ihrer Fahrt nach Kalifornien kommt die Großfamilie Carter von der asphaltierten Straße ab und fällt in die Hände äußerst unfreundlicher Einheimischer.
TV-Premiere des dystopischen Horrorfilms in der alten deutschen Kinofassung, in der aus durch Atomtests mutierte Kannibalen Außerirdische wurde. An der beängstigenden Stimmung ändert das nichts.
Allerdings leidet der Film unter seinem Drehbuch und den Schauspielern. Das ist dann mehr eine drastische Abfolge von Schocks und Geschmacklosigkeiten als ein kohärenter Horrorfilm. Trotzdem wurde der Film schnell als Zeitdiagnose gelesen und zu einem kleinen Genreklassiker.
Craven drehte danach die deutlich gelungeneren Horrorfilme „Nightmare on Elm Street“ und die „Scream“-Filme.
„Ein abstruser Horrorfilm, der vor allem auf blutige Effekte setzt.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit John Steadman, Michael Berryman, Janus Blythe, Robert Houston, Susan Lanier, Russ Grieve, Dee Wallace
Diese Besprechung ist schon lange überfällig: denn die aktuelle Ausgabe des immer lesens- und empfehlenswerten „Lexikon des internationalen Films“ ist schon vor einigen Tagen erschienen und sie unterscheidet sich nicht wesentlich von den vorherigen Ausgaben. Vom Aufbau. Nicht vom Inhalt. Der ist hundertprozentig neu.
Das Herzstück des Lexikons ist die alphabetische Auflistung aller in Deutschland 2017 erstmals gezeigten Filme: Spielfilme, die im Kino liefen; Spielfilme, die auf DVD und/oder Blu-ray veröffentlicht wurden, TV-Filme und TV-Serien (was den Begriff des „Films“ arg dehnt) und längere Dokumentarfilme. Zu jedem Film gibt es eine kurze Inhaltsangabe und eine kritische Einschätzung und wichtige Angaben zum Film und den beteiligten Personen. Es gibt eine Übersicht über einige wichtige Filmpreise, die Silberlinge (für herausragende DVD- und Blu-ray-Editionen, dieses Jahr unter anderem „Die Reifeprüfung“), die Auflistung der „Sehenswert“-Filme des Filmdienst (dem Herausgeber des Lexikons) und die Kinotipps der katholischen Filmkritik. Immerhin wird der Filmdienst von der katholischen Kirche herausgeben. Auf den Inhalt des von ausgewiesenen Filmkritikern geschriebenen Heftes hat das allerdings keinen Einfluss.
Es gibt, wie jedes Jahr, einen ausführlichen Überblick über das vergangene Kinojahr und ein Schwerpunktthema. Dieses Jahr ist es „Europas Kinofilme“ mit in den vergangenen Jahren bereits im Filmdienst erschienenen Texten zu wichtigen europäischen Regisseuren, wie Jean-Pierre und Luc Dardenne, Francois Ozon, Pedro Almodóvar, Lars von Trier und Michael Haneke und, mit den ausführlichen Filmdienst-Kritiken, einer Zusammenstellung von sechzig zwischen 2000 und 2017 entstandenen europäischen Kino-Highlights.
Und es gibt die von der Filmdienst-Redaktion erstellte Liste der besten Kinofilme des Jahres 2017. Das waren in der Reihenfolge ihrer Beliebtheit:
Elle (von Paul Verhoeven)
Western (von Valeska Grisebach)
Manchester by the Sea (von Kenneth Lonergan)
Körper und Seele (von Ildikó Enyedi)
Silence (von Martin Scorsese)
Blade Runner 2049 (von Denis Villeneuve)
Personal Shopper (von Olivier Assayas)
Nocturama (von Bertrand Bonello)
La La Land (von Damien Chazelle)
Hell or High Water (von David Mackenzie)
Auch wenn mir der ein oder andere dieser Filme nicht gefallen hat, sind das in jedem Fall sehenswerte Filme.
Ad hoc würde ich noch, im Lexikon blätternd, „Baby Driver, „Certain Women“, „Dunkirk“, „Fences“, „Get Out“, „Die göttliche Ordnung“, „Hidden Figures – Unbekannte Heldinnen“, „Moonlight“ und „Die rote Schildkröte“, dazu nehmen – und dabei ein gutes Dutzend weiterer guter Filme vergessen.
Aber wenn ich noch länger blättere und mir gleichzeitig notiere, welche Filme ich jetzt sehen will…
Ähem: „Das Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2017“ ist, wie die vorherigen Jahresbände, unverzichtbar für den Filmfan. Es zeigt auch, warum ein gedrucktes Jahrbuch besser als eine Internetseite ist.
P. S.: Die Damen auf dem Buchcover sind „Jahrhundertfrauen“.
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Filmdienst/Katholische Filmkommission für Deutschland (Redaktion: Horst Peter Koll): Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2017
Halloween – Die Nacht des Grauens (Halloween, USA 1978)
Regie: John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter, Debra Hill
Wenige Stunden bevor der neue „Halloween“-Film, banal „Halloween“ betitelt (Besprechung folgt), in unseren Kinos anläuft, kann man sich wieder das Original ansehen: An Halloween bricht Michael Myers aus der Irrenanstalt aus und er beginnt wahllos Menschen umzubringen.
Der enorm effektive, bahnbrechende Slasher-Film war ein gigantischer Kassenerfolg (allein in den USA spielte er an der Kinokasse das 150-fache seiner Kosten ein), der Start eines Franchise meist ziemlich verzichtbarer Filme mit dem maskierten Mörder und unzähliger Nachahmer.
In der von Frank Schnelle und Andreas Thiemann erstellten Metaliste über die fünfzig besten Horrorfilme steht „Halloween – Die Nacht des Grauens“ auf dem dritten Platz.
„Ein Gruselfilm der perfekten, kaltschnäuzig spekulativen Art, ohne Moral, ohne Botschaft, einfach nur böse.“ (Fischer Film Almanach 1980)
Fun Fact: der deutsche Kinostart war am 6. Juli 1979, weil wir damals Halloween noch nicht kannten.
Mit Jamie Lee Curtis, Donald Pleasence, Nancy Loomis, Charles Cyphers, Nick Castle
Es ist schön, wieder die Stimme von D. B. Blettenberg zu hören. Schließlich erschien sein letzter Roman „Murnaus Vermächtnis“ bereits 2010 und der war ein großes Epos.
Jetzt schickt Blettenberg wieder den Problemlöser Farang in die Schlacht. „Falken jagen“ ist allerdings kein weiteres Epos, sondern ein schlanker Hardboiled-Krimi.
In Thailand bringt ein unbekannter Killer Deutsche um und hinterlässt am Tatort, als persönliche Note, ein Epistel. Imelda, die Tochter des verstorbenen Generals Watana, einem ‚Freund‘ von Farang, fordert von Farang eine alte Ehrenschuld ein. Farang soll ihrem von den Ermittlungen hoffnungslos überforderten Bruder zu helfen und die Mordserie zu beenden. Egal wie und egal, ob der Serienmörder dabei stirbt.
Blettenberg-Fans kennen Farang, halb Thai, halb Deutscher, bereits aus den Romanen „Farang“ (1988) und „Berlin Fidschitown“ (2003). Beide Krimis erhielten den Deutschen Krimi Preis. Beide Krimis entführen in Welten, die in deutschen Kriminalromanen normalerweise nicht beachtet werden.
Farang beginnt mit seinen Freunden Tony Rojana, ein Kriminalreporter, und Bobby Quinn, ein Vietnamveteran, nach dem Mörder zu suchen. Sie bemerken, dass alle Tote im Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten waren oder, immerhin gibt es auch jüngere Opfer, deren Väter deutsche Soldaten waren.
Als Farang den Killer, der sich nur der ‚Falke‘ nennt, bei einem Mord fast erwischt, taucht dieser unter. Die Spur führt nach Griechenland zu seinem nächsten Opfer.
„Falken jagen“ ist ein klassischer Thriller, der seine Spannung durch den ständigen Wechsel der Perspektive zwischen dem Jäger und dem Gejagten erhält. In Griechenland wird auch das zukünftige Opfer des Falken und sein Umfeld genauer beleuchtet.
Neben der Jagd nach dem Killer geht es in „Falken jagen“ auch um Schuld und Sühne für begangene Verbrechen. Denn das Motiv für die Taten des Falken findet sich in der Vergangenheit, als im Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten alle Bewohner eines griechischen Dorfes kaltblütig ermordeten. Auch Farang und Bobby Quinn erinnern sich an ihre gewalttätige Vergangenheit.
Blettenberg behandelt diese Frage nicht zum ersten Mal in einem Roman. So ging es in „Land der guten Hoffnung“ um den Umgang Südafrikas mit der Apartheid, der sich grundlegend vom Umgang Deutschlands mit seiner Nazi- und DDR-Vergangenheit unterscheidet.
„Falken jagen“ ist ein feiner, traditionsbewusster Thriller, der einige überraschende Twists und viele vertraute Klischees hat, die zeigen, in welcher Tradition Blettenberg steht. Es ist die Tradition des US-Hardboiled-Thrillers, die in Deutschland gelesen, aber fast nie geschrieben wird.
Journalist Sebastian Zöllner ist ein ausgemachtes, von sich selbst überzeugtes Arschloch, das sich mit einer Biographie über den legendären, blinden Maler Manuel Kaminski finanziell sanieren will. Dummerweise ist der 85-jährige Künstler auch kein Kind von Traurigkeit.
Enorm kurzweiliger, verspielter, einfallsreicher und in jeder Beziehung schöner Film von „Good Bye, Lenin!“-Regisseur Wolfgang Becker über unsympathische Menschen.
mit Daniel Brühl, Jesper Christensen, Amira Casar, Denis Lavant, Jördis Triebel, Geraldine Chaplin, Jan Decleir, Joacques Herlin, Josef Hader, Peter Kurth, Milan Peschel, Patrick Bauchau
LV: David Ely: Seconds, 1964 (Das vertauschte Leben)
Bankier Arthur Hamilton langweilt sich in seinem Leben. Da nimmt er das Angebot an, nach einer Operation als Maler Tony Wilson ein neues Leben zu beginnen. Als er zurück in sein altes Leben will, wird er für die geheime Organisation, die ihm sein neues Leben verschaffte, zum Sicherheitsrisiko.
TV-Premiere der von Arte digital restaurierten Fassung – und möglicherweise sogar die TV-Premiere des düsteren Paranoia-Thrillers.
„überwältigende Paranoia-Studie“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie)
mit Rock Hudson, John Randolph, Salome Jens, Will Geer, Jeff Corey, Richard Anderson, Murray Hamilton
Victor will nur tanzen. Als Frau. Und das ist nicht ein, sondern zwei Probleme. Denn Victor, gerade fünfzehn Jahre, muss sich einer von ihm gewünschten Geschlechtsumwandlung unterziehen, die physisch und psychisch anstrengend ist. Zum Glück hat er mit seinem alleinerziehendem Vater, seinem jüngeren Bruder Milo und den ihn begleitenden Ärzten und Therapeuten ein stabiles, ihn bedingungslos unterstützendes Umfeld. Sie alle haben auch kein Problem damit, Victor Lara zu nennen.
Das zweite Problem ist, das er eigentlich zu wenig Balletterfahrung hat, um an der staatlichen Ballettschule in Brüssel aufgenommen zu werden. Trotzdem wird sie als Novizin für acht Wochen zur Probe aufgenommen. Und auch hier unterstützt ihn das Umfeld. Jedenfalls meistens.
Damit ist klar, wo Laras größtes Problem bei der Geschlechtsumwandlung liegt: in ihr.
In Cannes wurde das Spielfilmdebüt von Lukas Dhont zu Recht mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Unter anderem für die beste Regie und den besten Hauptdarsteller (Victor Polster).
Der 2002 in Brüssel geborene Polster nahm bereits in jungen Jahren Schauspielunterricht, absolvierte eine klassische Tanzausbildung an der Royal Ballet School in Anvers, erhielt nach einem Auftritt in einem Musikvideo ein Angebot vom Königlichen Ballett von Flandern und nahm erfolgreich an verschiedenen Tanzwettbewerben teil. „Girl“ ist sein Spielfilmdebüt.
Feinfühlig präsentiert Dhont seine Geschichte, die sich für meinen Geschmack dann doch etwas zu sehr auf Laras innere Probleme und Ballettbilder konzentriert. Innere Konflikte sind nun einmal nicht besonders filmisch. Und Aufnahmen von Balletttänzerinnen vor, während und nach dem Tanz sind zwar filmisch, bringen aber Laras Geschichte nicht unbedingt voran. Denn eigentlich hätte man gerne mehr darüber erfahren, wie es ist, wenn man als Jugendlicher eine Geschlechtsumwandlung beginnen will und wie dann Schulfreunde und Eltern darauf reagieren. „Girl“ beginnt erst danach. Alle haben ihre Entscheidung darüber bereits getroffen: Lara ist kurz vor dem Beginn der entscheidenden Hormonbehandlung. Ihr Vater und ihr Bruder unterstützen sie uneingeschränkt. Die alten Schulkameraden spielen im Film keine Rollen. Denn der chronologisch erzählte Film beginnt nach dem Umzug nach Brüssel. Und auch an der Ballettschule geht es erstaunlich harmonisch zu.
Wegen seiner weitgehend konfliktfreien Geschichte passiert wenig im Film. Denn Konflikte treiben eine Geschichte voran. Und in Konflikten zeigt sich ein Charakter und damit auch die verschiedenen Facetten eines Themas. Das gelingt dem stillen Drama, das auch zum Nachdenken anregen soll, nur bedingt.
Girl (Girl, Belgien/Niederlande 2018)
Regie: Lukas Dhont
Drehbuch: Lukas Dhont, Angelo Tijssens
mit Victor Polster, Arieh Worthalter, Oliver Bodart, Tijmen Govaerts, Katelijne Damen, Valentijn Dhaenens
Taylor Ogburn wächst überbehütet auf. Allerdings haben in seinem Fall die Eltern einen Grund für ihre Sorge: Taylor hat einen Herzfehler. Jede Aufregung könnte seinen Tod bedeuteten.
Dummerweise ist Taylor 18 Jahre und da steht auch in Georgia die erste große Liebe auf dem Fahrplan des Lebens. Taylor sucht sich dafür nicht eine Schulkameradin aus (was für seine Eltern schon schlimm genug wäre), sondern Krystal, eine zwanzig Jahre ältere Drogensüchtige, Alkoholikerin (immerhin AA geläutert), Ex-Prostituierte und Mutter eines querschnittgelähmten Jungen. Oh, und Krystals Ex-Freund ist ein gewalttätiger Gangster, der seine Besitzansprüche kompromisslos durchsetzt. Dass Krystal eine Afroamerikanerin ist, geht im Berg der anderen Probleme unter.
Kurz gesagt: In diesem Fall wären Taylors durchaus liberale ud gut situierten Eltern wohl erfreut, wenn er sich eine andere Maude ausgesucht hätte.
„Krystal“ ist der dritte Kinofilm von Schauspieler William H. Macy. Er spielt auch die eher kleine Rolle von Taylors Vater. Neben den beiden Hauptdarstellern – „Love, Simon“-Hauptdarsteller Nick Robinson als Taylor und Rosario Dawson als Krystal – ist auch die weitere Besetzung für einen kleinen Indie-Film beachtlich. Felicity Huffman spielt Taylors Mutter, „Flash“ Grant Gustin Taylors Bruder, Rapper Jacob Latimore Krystals Sohn, Rapper Tim ‚T. I.‘ Harris Krystals Ex, Ex-NBA-Basketballspieler Rick Fox einen Taylor beeindruckenden AA-Redner mit Outlaw-Attitüde, Kathy Bates eine mütterliche Galeriebetreiberin, William Fichtner einen drogenkonsumfreudigen Arzt in der oft frequentierten Notaufnahme der örtlichen Klinik und Satan ist auch dabei.
Der Film selbst schwankt zwischen allen möglichen Tonalitäten, Stilen und Genres. Bei vielen Kritikern kam das nicht gut an. Mir gefiel dieser stilistische Mash-Up, der sich überhaupt nicht bemüht, daraus irgendeine Fusion herzustellen. Das steht alles bunt nebeneinander und entwirft so auch ein Bild von Taylors Gefühlschaos.
Macys Film hat definitiv einen freigeistigen „Harold und Maude“-Vibe. Ob seine Coming-of-Age-Komödie jemals so populär wie Hal Ashbys Komödie wird, wird die Zukunft zeigen. Bis dahin ist es eine vergnügliche Offbeat-Komödie, in der alle ihren Spaß haben und sich, mehr oder weniger laut, mehr oder weniger engagiert, Konventionen ignorieren, sich gegen sie wehren und dabei glücklich sind.
Krystal(Krystal, USA 2017)
Regie: William H. Macy
Drehbuch: Will Aldis
mit Nick Robinson, Rosario Dawson, Jacob Latimore, Grant Gustin, Tim ‚ T. I.‘ Harris, Rick Fox, William H. Macy, Felicity Huffman, Kathy Bates, William Fichtner
LV: Mary Mapes: Truth and Duty: The Press, The President and The Privilege of Power, 2005
Im Sommer 2004 erfährt „60 Minutes II“-Produzenten Mary Mapes (Cate Blanchett), dass US-Präsident George Bush bei den Angaben zu seiner Militärzeit log. Sie und ihr Reporterteam recherchieren für eine TV-Reportage, die von Dan Rather (Robert Redford) präsentiert wird. Danach bricht, mitten im Wahlkampf, ein wahrer Shitstorm über sie herein.
TV-Premiere zur Prime-Time für Nachteulen, Vampire und Werwölfe: ein auf wahren Ereignissen basierendes, oft zu einseitig auf Mapes‘ Seite stehendes Journalistendrama. Letztendlich ist Vanderbilts von guten Absichten und guten Schauspielern getragenes Regiedebüt nur solala.
Gegen das wenige Monate vorher in den Kinos angelaufene, mit dem Oscar als bester Film des Jahres ausgezeichnete Drama „Spotlight“ sieht „Der Moment der Wahrheit“ reichlich blass aus.
Diese scheinbar harmlose Frage sorgt in der Komödie „Der Vorname“ für viel Ärger. Denn Thomas Böttcher, ein Immobilienmakler, antwortet auf die von seinem Schwager gestellte Frage: „Adolf.“
Und weil Stephan Berger, der Fragesteller, ein richtiger Bildungsbürger ist, ein Literaturprofessor, der Kraft seines Berufs immer Recht hat, erklärt er Böttcher in seinem schönsten Dozententonfall sofort, warum Adolf kein guter Name für ein Kind ist.
Böttcher antwortet und sofort sind Böttcher und Berger in einen Streit über den Namen verwickelt. Die anderen Gäste mischen sich ein und schnell geht es nicht nur um den Vornamen des Ungeborenen.
Nur Bergers Ehefrau, eine Gymnasiallehrerin, hält sich ziemlich aus der hitzigen Diskussion heraus. Sie ist vor allem mit dem Kochen und Servieren des Abendessens beschäftigt.
Die Vorlage für Sönke Wortmanns neuen Film „Der Vorname“ ist ein bereits 2012 als „Der Vorname“ (Le Prénom) von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte verfilmtes Boulevardstück. Ihr Theaterstück hatte 2010 in Paris seine Premiere.
Wortmann passte für seine Verfilmung das Stück an die deutsche Wirklichkeit an. Denn die feinen Unterschiede der Bourgeoisie sind in Deutschland, auch nach dem Genuss des Gesamtwerks von Claude Chabrol, ziemlich unbekannt. Für die Befindlichkeiten und feinen Unterschiede des deutschen Bildungsbürgertums gilt das nicht.
Für die Zuschauer ist die Schlacht der Argumente während eines Abendessens unter Verwandten und Freunden ein kurzweiliges boulevardeskes Fest. Die Schauspieler – Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters, Justus von Dohnányi und Janina Uhse – sind gut aufgelegt. Die Pointen kommen schnell. Die Trefferquote ist hoch. Die Dialoge sind deutlich spritziger und pointierter, als man es im deutschen Film gewohnt ist. Ein Vergnügen.
Und: Augen auf bei der Namenswahl!
Der Vorname (Deutschland 2018)
Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Claudius Pläging, Alexander Dydyna (Drehbuchbearbeitung) (basierend auf „Le Prénom“ von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte)
mit Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters, Justus von Dohnányi, Janina Uhse, Iris Berben (körperlich abwesend beim Abendessen)
Kurz vor Dienstschluss erhält der in die Notrufzentrale strafversetzte Polizist Asger Holm einen Notruf. Die Anruferin behauptet, sie sitze in einem Auto neben ihrem Entführer und müsse so tun, als rede sie mit ihrer Tochter.
Holm versucht ihr zu helfen. Und ignoriert dabei seinen Feierabend und einige Vorschriften.
„The Guilty“ ist nach mehreren Kurzfilmen das Spielfilmdebüt von Gustav Möller. Es ist ein hochspannender, minimalistischer Echtzeit-Thriller, der sich auf einen Mann an einem Schreibtisch konzentriert.
Beim Sundance Filmfestival, wo der Film dieses Jahr seine Premiere hatte, gab es dafür den Publikumspreis.
The Guilty (Den skyldige, Dänemark 2018)
Regie: Gustav Möller
Drehbuch: Gustav Möller, Emil Nygaard Albertsen
mit Jakob Cedergen, Jessica Dinnage, Johan Olsen, Omar Shargawi
Tollkühne Flieger (The Great Waldo Pepper, USA 1975)
Regie: George Roy Hill
Drehbuch: William Goldman (nach einer Geschichte von George Roy Hill)
Sehr unterhaltsames Drama mit vielen witzigen Momenten und viel live gefilmter Fliegeraction über Waldo Pepper, der in den Zwanzigern mit seiner Doppeldecker-Flugshow durch die USA reist. Ständig begleitet von Abstürzen, Notlandungen, Toten und Knochenbrüchen.
mit Robert Redford, Bo Svenson, Bo Brundin, Susan Sarandon, Geoffrey Lewis, Edward Herrmann, Margot Kidder
Die Träumer (The Dreamers, Großbritannien/Italien/Frankreich 2002)
Regie: Bernardo Bertolucci
Drehbuch: Gilbert Adair
LV: Gilbert Adair: The holy innocents – A Romance, 1988 (später überarbeitet zu „The Dreamers“ und dann auf Deutsch als „Träumer“ erschienen)
Paris, Frühling 1968: Die Cinémathèque Francaise wird geschlossen. Drei Studenten, Matthew und die Zwillinge Isabelle und Theo, ziehen sich in die riesige Wohnung der Zwillinge zurück und spielen anfangs Filme nach. Später wird es immer mehr zu einem Spiel sexueller Obsessionen.
Bertoluccis Liebeserklärung an das Kino und sein bester Film seit langem. Adair meinte, so sein Agent in einem Gespräch, Bertolucci habe in dem Film das gesagt, was er in seinem Roman habe sagen wollen. Ein schöneres Kompliment hat wahrscheinlich noch kein Regisseur gehört.
Mit Michael Pitt, Eva Green, Louis Garrel, Anna Chancellor, Robin Renucci, Jean-Pierre Kalfon, Jean-Pierre Léaud
Nur wenige Tage vor einem wichtigen G12-Gipfel werden alle Außendienst-Agenten des MI7 enttarnt. Nur Johnny English („Mr. Bean“ Rowan Atkinson) kann jetzt noch das Königreich retten. Vor allem nachdem er durch seine Schusseligkeit die anderen pensionierten MI7-Agenten, die ihm bei dem Kampf gegen den Bösewicht hätten helfen können, tötete.
Also begibt English sich mit seinem altbekannten Kumpel Bough (Ben Miller) nach Südfrankreich. An der Riviera vermutet er den Bösewicht: den jungen, charmanten, unglaublich reichen Technologiegiganten Jason Volta (Jake Lacy).
Wer die vorherigen beiden „Johnny English“-Filme kennt (oder auch nicht kennt), weiß, was einen erwartet. „Johnny English – Man lebt nur dreimal“ ist eine liebevolle Parodie der klassischen James-Bond-Film der Sean-Connery-Ära mit viel Klamauk und Slapstick.
English ist ein von sich überzeugter Dummkopf, der mit seiner Dummheit und Sturheit zuverlässig seine viel smarteren Gegner überwältigt. Oft indem er unwissentlich eine Situation herbeiführt, die in all dem Chaos dazu führt, dass die Bösewichter sich gegenseitig außer Gefecht setzen und auch umbringen.
Mittendrin ist Emma Thompson als Premierministerin, die ein Auge auf Volta geworfen hat, von ihrem dummen Personal ständig genervt ist und nicht fassen kann, dass Johnny English das Beste ist, was ihr Geheimdienst ihr in der Stunde höchster Not bieten kann.
„Johnny English – Man lebt nur dreimal“ ist ein liebevoller Abschiedsgruß an eine einfachere Zeit, als Blödheit noch witzig war und am Ende zum Sieg der Guten führte. Aber waren das nicht auch schon die vorherigen Johnny-English-Komödien? Und brauchen wir wirklich noch eine Parodie des James Bonds der sechziger Jahre?
Johnny English – Man lebt nur dreimal (Johnny English strikes again, Großbritannien 2018)
Regie: David Kerr
Drehbuch: William Davies
mit Rowan Atkinson, Emma Thompson, Ben Miller, Olga Kurylenko, Jake Lacy, Adam James, Jules de Jongh, Matthew Beard, Irena Tyshyna, Charles Dance, Michael Gambon, Edward Fox
„Dogman“ steht auf dem altmodischen, ziemlich verblassten Ladenschild des kleinen Ladengeschäfts. Es ist in einem Betonbau an der Strandpromenade einer süditalienischen Küstenstadt, deren besten Jahre schon einige Jahrzehnte zurückliegen.
Das Geschäft gehört Marcello. Er ist geschieden und hat eine kleine Tochter, zu der er ein gutes Verhältnis hat. Er ist ein Hundefriseur, der sich liebevoll um seine tierische Kundschaft kümmert. Die Besitzer nimmt er, und damit die Kamera, kaum wahr. Nebenbei verkauft er in kleinen Mengen Drogen. Marcello ist ein sanftmütiger, guter Mensch, der nicht nein sagen kann. Das wissen wir schon nach seiner ersten Begegnung mit Simone.
Simone ist ein Ex-Boxer, der die Geschäftsleute am Strand terrorisiert und der, wie ein kleines Kind, zunehmend unberechenbar agiert. Vor allem, wenn die anderen nicht sofort tun, was er will.
„Dogman“ ist der neue Film von Matteo Garrone, dem Regisseur von „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“ (dem Spielfilm) und „Das Märchen der Märchen“. Mit „Dogman“ kehrt er wieder in die Welt von „Gomorrha“ zurück. Allerdings konzentriert er sich dieses Mal auf einen Charakter, der in einem Gangsterfilm zwischen all den Gangstern und Polizisten höchstens eine Nebenfigur ist.
Diesen Charakter bettet er in ein in schönster neorealistischer Tradition gezeichnete Welt ein. Garrone beobachtet Marcello und sein Umfeld, das vor allem aus seiner Tochter und den anderen Geschäftsleuten am Strand besteht, genau. Oft gelingt es ihm, in einer Szene ganze Lebensgeschichten und Beziehungen zusammenzufassen. Zum Beispiel wenn wir Simone mit seiner Mutter sehen.
Dummerweise steht im Zentrum des handlungsarmen Noirs ein Mann, über den wir nach fünf Minuten schon alles wissen. Marcello ist ein guter Mann. Sein einziger Fehler ist, dass er nicht nein sagen kann. Und vielleicht, dass er zu sehr an das Gute im Menschen glaubt. Denn warum sollte die bedingungslose Zuneigung, mit der er die Hunde pflegt, nicht auch bei Menschen helfen?
Diese Situation, in der Marcello um etwas gebeten wird, es zuerst ablehnt und dann doch tut, wird uns, ohne große Variation, immer wieder und wieder gezeigt. Bis zur letzten Filmminute.
Diese vielen, schnell ermüdenden Wiederholungen in einer kaum vorhandenen Geschichte mit einem weitgehend passiven Protagonisten führen dazu, dass Garrones düstere, formal geschlossene Parabel trotz ihren kurzen Laufzeit von unter hundert Minuten deutlich länger wirkt.
Es ist nämlich keine Entwicklung vorhanden. Auch ein längerer Gefängnisaufenthalt, von dem wir nur sehen, wie Marcello das Gefängnis betritt und verlässt, hinterlässt bei Marcello keine Spuren. Nur seine Stellung in der Gemeinschaft der Geschäftsleute hat sich geändert. Danach wird er von ihnen geschnitten. Denn er hat Simone bei einem Einbruch geholfen und danach die gesamte Schuld auf sich genommen. Seltsamerweise kommen die Geschäftsleute nicht auf die Idee, dass Marcello von Simone zu dem Einbruch gezwungen wurde und nur mithalf, weil er nicht nein sagen konnte.
Das handlungsarme Noir-Drama „Dogman“ beschreit in jeder Beziehung einen Stillstand. Es gibt keine Veränderungen. Und wenn doch, dann zum Schlechteren.
Marceollo Fonte, der Marcello spielt, wurde in Cannes für seine Darstellung als bester Schauspieler ausgezeichnet.
Only Lovers left alive (Only Lovers left alive, Deutschland/Großbritannien/Frankreich/Zypern/USA 2013)
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Jim Jarmuschs wundervoller, grandios besetzter Film über die Welt der Vampire.
Im Mittelpunkt des Films stehen die in Tanger lebende Eve (Tilda Swinton) und ihr in Detroit lebender Mann Adam (Tom Hiddleston), der mal wieder die Lust am Leben verloren hat. Eve will ihm helfen – und wir bekommen eine der schönsten Liebesgeschichten des Kinos, trockenen Humor und etliche popkulturelle Anspielungen. Einer von Jarmuschs schönsten Filmen.
Vier im roten Kreis (Le cercle rouge, Frankreich 1970)
Regie: Jean-Pierre Melville
Drehbuch: Jean-Pierre Melville
Nach einer Haftstrafe plant Einbrecher Corey (Alain Delon) gleich seinen nächsten Coup. Den Einbruch in ein gut gesichertes Juweliergeschäft. Mit zwei Kumpanen (Gian Maria Volonté, Yves Montand) will er das Ding durchziehen. Ein Kommissar (André Bourvil) jagt sie.
Mehr Story braucht Jean-Pierre Melville in seinem vorletzten Film „Vier im roten Kreis“ nicht, um ein weiteres Meisterwerk zu inszenieren. Der Gangsterfilm ist nur deshalb bei der breiten Masse unbekannter, weil Melvilles „Der eiskalte Engel“ und sein letzter Film „Der Chef“ (beide ebenfalls mit Alain Delon) bekannter sind. Denn „Vier im roten Kreis“ hat alles, was Melville-Fans lieben und auf der großen Leinwand wirkt der Film noch besser.
Legendär und in die Kinogeschichte eingegangen ist der Einbruch in das Juweliergeschäft: eine gute halbe Stunde verfolgen wir atemlos den Einbruch, bei dem keiner der Einbrecher ein Wort sagt. Großes Kino.
mit Alain Delon, André Bourvil, Yves Montand, Gian Maria Volontè, Francois Périer, Paul Crauchet
LV: Elmore Leonard: Out of sight, 1996 (Zuckerschnute, Out of sight)
Auf der Flucht verbringt Jack Foley im Kofferraum einige Zeit mit Debputy U. S. Marshal Karen Sisco. Zwischen ihnen funkt es gewaltig. Als Jack in Detroit seinen letzten Coup plant, erscheint auch Karen auf der Bildfläche.
Hochgelobte und uneingeschränkt empfehlenswerte Elmore-Leonard-Verfilmung mit George Clooney, Jennifer Lopez, Ving Rhames, Don Cheadle, Dennis Farina, Luis Guzman
Von Elmore Leonards Homepage: “Out of Sight, like Get Shorty, was a totally happy film experience for Elmore. The Get Shorty production team and writer: Danny DeVitos Jersey Films and screenwriter Scott Frank, once again collaborated on an Elmore Leonard project. Jersey signed Steven Soderbergh to direct and he cast George Clooney and Jennifer Lopez in the lead roles. (…) Clooney and Lopez added considerable sizzle to Out of Sight. Steve Zahn is hilarious as a stoner car thief; Ving Rhames, Don Cheadle and Isaiah Washington are all deadly and cool. Albert Brooks was a pleasant surprise. He makes the most out of the Ripley character. It was Scott Frank who took Ripley, off-stage in the book, and made him a key character. After Scott finished his screenplay, Elmore disagreed with the Ripley move and the ´happy´ movie ending, but admitted he was right after seeing the finished film. Out of Sight has a great look thanks to Steven Soderberghís masterful direction and Scott Frank’s savvy script. The film was a critical success but a box office so-so because of an unfortunate summer release date.”