Neu im Kino/Filmkritik: „No Way Out – Gegen die Flammen“kämpfen die „Granite Mountain Hotshots“

Mai 6, 2018

Hach, das ist wieder ein deutscher Titel, der für Verwirrung sorgen wird. Also: „No Way Out – Gegen die Flammen“ ist ein Film über Feuerbekämpfer, der nichts, aber auch absolut nichts mit dem Kevin-Costner-Thriller „No Way Out – Es gibt kein Zurück“ zu tun hat. Außerdem ist der Originaltitel von „No Way Out – Gegen die Flammen“ „Only the Brave“. Aber die Werbeabteilung hat sich sicher etwas dabei gedacht. Und gegen Flammen müssen die „Granite Mountain Hotshots“ kämpfen.

In den USA erreichten die Feuerbekämpfer am 30. Juni 2013 traurige Berühmtheit. Mit anderen Feuerwehrmännern bekämpften sie nahe der Kleinstadt Yarnell Hill, Arizona einen durch einen Blitzschlag verursachten Brand. Es war ein Routine-Einsatz, bei dem die Flammen, aufgrund starker Windböen, unvorhergesehene Wege einschlugen und das Feuer sich schneller als gedacht bewegte. Neunzehn der aus zwanzig Männern bestehenden Hotshot-Einheit starben in den Flammen. Es war der größte Verlust von Feuerwehrmännern nach 9/11.

Kurz nach dem Unglück schrieb Sean Flynn für die „GQ“ die Reportage „No Exit“. Sie war die Grundlage für Joseph Kosinskis beeindruckendes Drama „No Way Out – Gegen die Flammen“. Er erzählt die Geschichte der „Granite Mountain Hotshots“, der ersten kommunalen Hotshot-Einheit. Normalerweise unterstehen sie Bundesbehörden. Aktuell gibt es in den USA 107 Hotshot-Crews. Jede Einheit besteht aus 20 Feuerwehrleuten. Die Hotshots sind Feuerbekämpfer, die vor allem deshalb als Eliteeinheit bezeichnet werden, weil sie in den USA tagelang gegen die riesigen Brandherde kämpfen. Dabei geht es vor allem um das Schlagen von Schneisen und Anlegen von Hindernissen, die das Feuer in geordnete Bahnen lenken. Auch gezielte Brände gehören dazu. Es ist harte, körperliche Arbeit, die meistens von jungen Männern durchgeführt wird. In der mehrere Monate dauernden Brandsaison sind sie fast ununterbrochen unterwegs.

In „No Way Out“ wird die Geschichte der „Granite Mountain Hotshots“ chronologisch erzählt. Vor ihrer Hotshot-Zertifizierung ist die von Eric Marsh (Josh Brolin) geleitete Einheit die Feuerwehr der Kleinstadt Prescott, Arizona, die vor allem ihren Ort vor Feuer beschützt. Vor ihrer Hotshot-Zertifizierung 2008 trainieren sie jahrelang, erfüllen die Anforderungen für eine Zertifizierung und werden erfolgreich geprüft. Es ist ein hartes Verfahren für eine harte und gefährliche Arbeit.

Im Verlauf des über zweistündigen Films lernen wir die Feuerwehrleute und ihre Familien kennen. Vor allem Eric Marsh und Brandon ‚Donut‘ McDonough (Miles Teller) stehen im Mittelpunkt. McDonough hatte vorher eine lange Karriere als vorbestrafter Junkie hinter sich. Die Einheit ist für ihn die letzte Chance auf ein Leben, das sich vollkommen von seinem Junkie-Leben unterscheidet. Wir begleiten die Feuerwehrmänner auf verschiedenen Einsätzen, die vor allem auf der großen Leinwand ihre gesamte Wirkung entfalten.

Kosinski („Tron: Legacy“, „Oblivion“) erzählt diese Geschichte ganz traditionell als eine sich über mehrere Jahre erstreckende, für den Film etwas komprimierte Chronik. Es ist schnörkelloses, klassisches Hollywood-Erzählkino. Chronologisch werden Episoden aus dem Berufs- und Privatleben der Feuerwehrmänner erzählt, bis es zu dem katastrophalen letzten Einsatz kommt. Den inszeniert Kosinski dann auch so, dass schon von der ersten Minute an – wenn die „Granite Mountain Hotshots“ noch an einen Routine-Einsatz glauben – als einen Einsatz, der in einer Katastrophe enden wird.

No Way Out“ ist ein würdiges Denkmal für diese Einheit.

No Way Out – Gegen die Flammen (Only the Brave, USA 2017)

Regie: Joseph Kosinski

Drehbuch: Ken Nolan, Eric Warren Singer

LV: Sean Flynn: No Exit (GQ, 27. September 2013, Reportage)

mit Josh Brolin, Miles Teller, Jeff Bridges, Taylor Kitsch, Jennifer Connelly, James Badge Dale, Andie MacDowell, Alex Russell, Ben Hardy, Scott Haze, Geoff Stults

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „No Way Out“

Metacritic über „No Way Out“

Rotten Tomatoes über „No Way Out“

Wikipedia über „No Way Out“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood sucht in den Flammen nach den Fakten

GQ: Sean Flynn: No Exit

Meine Besprechung von Joseph Kosinskis „Oblivion“ (Oblivion, USA 2013)

Ein etwas überfülltes Gespräch mit Brandon McDonough (dem überlebenden Mitglied der Granite Mountain Hotshots), den Schauspielern und dem Regisseur in der Build-Gesprächsreihe


TV-Tipp für den 5. Mai: Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille

Mai 5, 2018

ARD, 01.10

Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille (La French, Frankreich/Belgien 2014)

Regie: Cédric Jimenez

Drehbuch: Audrey Diwan, Cédric Jimenez

Marseille, siebziger Jahre: Richter Pierre Michel will den lokalen Drogenlord Gaetano Zampa zur Strecke bringen.

Toller Franco-Thriller, der die französische Seite der „French Connection“ zeigt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechungen.

mit Jean Dujardin, Gilles Lellouche, Céline Sallette, Mélanie Doutey, Benoît Magimel, Guillaume Gouix, Bruno Todeschini, Féodor Atkine, Moussa Maaskri

Hinweise

AlloCiné über „Der Unbestechliche“

Rotten Tomatoes über „Der Unbestechliche“

Wikipedia über „Der Unbestechliche“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Cédric Jimenez‘ „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“ (La French, Frankreich/Belgien 2014)

Bonushinweis

Der neue Film von Cédric Jimenez, „Die Macht des Bösen – The Man with the Iron Heart“, erscheint am 17. Mai auf DVD. Davor ist er im Verleih und digital erhältlich. Meine Besprechung gibt es demnächst.


Neu im Kino/Filmkritik: „7 Tage in Entebbe“: deutsche Flugzeugentführer, israelische Geisel und eine Befreiung

Mai 5, 2018

Am 27. Juni 1976 entführen Mitglieder der deutschen Terrorgruppe „Revolutionäre Zellen“ und der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ die Air-France-Maschine 139, Das Linienflugzeug landet mit 270 Menschen (12 Besatzungsmitglieder, 258 Passagiere) in Entebbe, wo sie von dem ugandischen Diktator Idi Amin aufgenommen werden. Er quartiert sie in einem leerstehenden Bereich des Flughafens ein.

Die Entführer versuchen in den nächsten Tagen ihre Geisel in der heißen und stickigen Flughafenhalle ruhig zu halten. Sie fordern die Freilassung von 53 in Israel, Frankreich, Deutschland und der Schweiz inhaftierten Terroristen und fünf Millionen US-Dollar.

In Israel fragen sich Premierminister Yitzhak Rabin und sein Verteidigungsminister Shimon Peres, der eine harte Keine-Verhandlungen-Linie verfolgt, wie sie mit der Geiselnahme umgehen sollen. Letztendlich – und das ist für alle, die sich auch nur oberflächlich mit der Geschichte des internationalen Terrorismus in den siebziger Jahren beschäftigten, eine vertraute und bekannte Geschichte – schickt Israel, unter der Leitung von Brigadegeneral Dan Schomron, eine Einheit des Militärs zur Befreiung der über hundert Geisel.

Diese erfolgreiche Befreiung, bei der alle sieben Geiselnehmer, ungefähr zwanzig ugandische Soldaten, ein israelischer Soldat und drei Geisel starben, wurde anschließend mehrmals verfilmt. Wenige Monate nach der Befreiung konkurrierten drei hochkarätig besetzte Filme um die Aufmerksamkeit des Publikums. Am bekanntesten ist heute noch Irvin Kershners „…die keine Gnade kennen“ (mit Charles Bronson, Peter Finch und Horst Buchholz). Unbekannter sind Marvin J. Chomskys „Unternehmen Entebbe“ (mit Burt Lancaster, Elizabeth Taylor und Anthony Hopkins) und Menahan Golans „Operation Thunderbolt“ (mit Klaus Kinski und Sybill Danning).

7 Tage in Entebbe“-Regisseur José Padilha kämpft in seiner Version der damaligen Ereignisse nicht nur gegen diese Filme an, sondern auch gegen die zahlreichen anderen Thriller, die Flugzeugentführungen schildern und dabei mehr oder weniger dicht an zahllosen weiteren wahren Fällen bleiben. Zum Beispiel der Chuck-Norris-Trash „Delta Force“, der von der Entführung des TWA Flug 847 am 14. Juni 1985 inspiriert war und durchaus eindrucksvoll das Leid der entführten Passagiere und Besatzungsmitglieder schildert. Oder Roland Suso Richters überzeugender Thriller „Mogadischu“ über die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ am 13. Oktober 1977 und die erfolgreiche Geiselbefreiung durch die GSG 9. Um nur zwei Filme zu nennen, in denen eine Flugzeugentführung mit anschließender erfolgreicher Befreiung durch eine Spezialeinheit im Mittelpunkt stehen.

Gegenüber diesen Werken muss ein Remake gerechtfertigt werden. Es muss der bekannten Geschichte neue Facetten abgewinnen.

Drehbuchautor Gregory Burke und Regisseur José Padilha schienen dafür eine gute Wahl zu sein. Gregory Burke schrieb das Drehbuch für den grandiosen, dialogarmen IRA-Thriller „71 – Hinter feindlichen Linien“. José Padilha bewies mit „Tropa de Elite“, „Elite Squad – Im Sumpf der Korruption“ und der Netflix-Serie „Narcos“, dass er in einer Actiondramaturgie gut komplexe Sachverhalte erzählen kann. Mit seinem „Robocop“-Remake setzte er selbstbewusst eigene Akzente. Auch weil er konsequent die naheliegenden Actionszenen vermied. Mit ihnen als Macher und den neuen Erkenntnissen, die sie in ihrem Film verarbeiteten, durfte man auf eine faszinierende, spannende und informative Nacherzählung der damaligen Ereignisse erwarten.

Umso enttäuschender ist dann der Film. Er folgt den historisch verbürgten Ereignissen. Aber er hat überhaupt kein Interesse daran, sie für ein breites Publikum verständlich zu machen. Die Zuschauer, die nichts über den damaligen Linksterrorismus wissen, verstehen nichts. Die Motive der Entführer bleiben rätselhaft. Mehr als einige Soundbytes aus einer Filterblase, deren Bedeutung man nur mit dem nötigen Hintergrundwissen erfasst, bleiben nicht übrig. Entsprechend blass bleiben die Entführer. Das gilt vor allem für Daniel Brühl als Wilfried Böse und Rosamund Pike als Brigitte Kuhlmann. Die anderen Entführer sind noch nicht einmal bessere Nebendarsteller. Die Geisel bleiben eine austauschbare und geduldige Verfügungsmasse, über die man nichts erfährt und für die man sich daher nicht weiter interessiert.

Nur bei den Diskussionen und Machtkämpfen zwischen Yitzhak Rabin und Shimon Peres wird es spannend. In diesen Szenen duellieren sich Lior Ashkenazi (zuletzt, neben Richard Gere, in „Norman“) als Yitzhak Rabin und, gewohnt brillant, Eddie Marsan als Shimon Peres. Sie ringen mit der Frage, wie sie auf die Entführung reagieren sollen und gleichzeitig kämpfen sie um ihre politische Machtposition.

Ein dritter Erzählstrang ist die Vorbereitung und Durchführung der Geiselbefreiung. Für diesen Plot und die Befreiung, die in einem anderen Film die große Actionsequenz wäre, interessiert Padilha sich kaum. Noch konsequenter als in „Robocop“ vermeidet er hier die üblichen Bilder. Anstatt im Detail zu zeigen, wie die Befreiung abläuft, schneidet er in diesen Momenten immer wieder zu dem Stuhltanz aus Ohad Naharins von der Batsheva Dance Company gespieltem Tanzstück „Echad Mi Yodea“. Der Tanz verarbeitet den Zuzug jüdischer Menschen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg nach Palästina. Während der Performance legen die Tänzer immer mehr Kleider ab. Ein Tänzer legt seine Kleidung nicht ab. Er rutscht immer wieder von seinem Stuhl herunter. Der Tanz ist selbstverständlich eine Metapher, die im Rahmen des Films verschieden interpretiert werden kann. Das ist eine interessante Idee, die nicht funktioniert. Der Tanz bleibt ein Fremdkörper im Film.

Dem Film selbst gelingt es nie, die Relevanz der damaligen Ereignisse für die Gegenwart deutlich zu machen. Und als Geschichtsstunde funktioniert er auch nur bei den Menschen, die über ein ordentliches Hintergrundwissen zu den damaligen Ereignissen, Diskussionen und Auswirkungen verfügen.

Für alle anderen bleibt nur ein beliebiger Entführungsthriller mit viel 70-Jahre-Patina und etwas Revolutionärskitsch.

7 Tage in Entebbe (7 Days in Entebbe, USA/Großbritannien 2018)

Regie: José Padilha

Drehbuch: Gregory Burke

mit Daniel Brühl, Rosamund Pike, Eddie Marsan, Lior Ashkenazi, Denis Menochet, Ben Schnetzer, Nonso Anozie

Länge: 107 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „7 Tage in Entebbe“

Metacritic über „7 Tage in Entebbe“

Rotten Tomatoes über „7 Tage in Entebbe“

Wikipedia über „7 Tage in Entebbe“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von José Padilhas „Tropa de Elite“ (Tropa de Elite, Brasilien/USA 2007)

Meine Besprechung von José Padilhas „Robocop“ (Robocop, USA 2014)

Meine Besprechung von José Padilhas „Narcos – Die komplette erste Staffel“ (Narcos, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „HERRliche Zeiten“ werden angekündigt

Mai 4, 2018

Betrunken verfasst Claus Müller-Todt eine Anzeige, in der er einen Hausangestellten sucht. Er schreibt allerdings nicht ‚Mädchen für alles gesucht‘, sondern ‚Sklave gesucht‘ und – Überraschung! – es melden sich viele Interessenten. Nachdem Müller-Todt die halbe städtische SM-Szene abgewiesen hat, bleibt nur noch Bartos übrig. Ein sehr höflicher, konservativ gekleideter Mann mit guten Manieren, einer überzeugenden CV und noch überzeugenderen Gehaltsvorstellungen. Er will eigentlich, wie es sich für einen Sklaven gehört, nur ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen haben. Für sich und seine jüngere, gut aussehende Frau, die ebenfalls den Müller-Todts als Sklavin dienen will.

Schon während der Probezeit sind Claus und seine Frau Eva Müller-Todt restlos begeistert von ihrem Sklaven Bartos, der ihnen jeden Wunsch erfüllt. Meist schon, bevor sie ihn äußern.

Diese Idee einer in die Gegenwart verlegten spätrömischen Dekadenz-Sklavenhaltergesellschaft werden einige von Thor Kunkels tiefschwarzer Satire „Subs“ kennen. Vor allem in den Nuller-Jahren sorgten seine Romane, auch außerhalb der engen Grenzen des Feuilletons, immer wieder für heftige Diskussionen. Kritisiert wurden sein Umgang mit der NS-Vergangenheit und die in den Romanen durch seine Figuren transportierten politischen Ansichten. Er erhielt auch viel Kritikerlob und wurde vielfach ausgezeichnet. Nach „Subs“ veröffentlichte er keine weiteren Romane. Zuletzt wurde ausführlich über seine Beratertätigkeit für die Bundestagswahlkampagne der AfD berichtet. Mit dieser Arbeit und verschiedenen politischen Äußerungen schoss er sich ins Abseits. Die Neuauflage von „Subs“ erschien, laut Ankündigung, jetzt im rechten Manuscriptum-Verlag. Und das ist ein eindeutiges, etwaige Unklarheiten beseitigendes Statement.

Auch Oskar Roehler, der jetzt Kunkels Roman als „HERRliche Zeiten“ verfilmte, ist nie um eine Provokation verlegen. Seine Filme sind nicht immer gelungen, aber sie haben immer eine persönliche Handschrift, eine Vision und sie sind nicht langweilig.

Vor dem Kinostart kam es hinter den Kulissen zu einem Streit, der bei der „Zeit“ (mit kostenpflichtiger Anmeldung) nachgelesen werden kann. Es ging um die Nennung von Kunkel als Drehbuchautor und als Autor der Vorlage. Als Drehbuchautor werde er nicht genannt, weil Jan Berger („Der Medicus“) ein neues Drehbuch schrieb, das mit dem Roman nur noch wenig zu tun hat. Und in der Werbung wird nur noch im Kleingedruckten auf die Vorlage hingewiesen. Das ist angesichts Kunkels derzeitiger Prominenz nachvollziehbar.

Insgesamt haben die Beteiligten in den letzten Wochen, mehr oder weniger geplant, alle Signale in Richtung „Provokation“ gestellt und, wie das so ist mit geplanten Skandalen: sie funktionieren nicht wie geplant.

Das liegt vor allem an dem Film, der jetzt endlich im Mittelpunkt der Besprechung stehen soll. Immerhin geht es um ihn. Da sind die politischen Ansichten der Macher und ihre in den Medien geäußerten Provokationen erst einmal und auf lange Sicht egal. Schließlich sind Autor und Werk nicht unbedingt identisch. Und das Werk kann intelligenter als der Autor sein.

Oskar Roehler und sein Drehbuchautor Jan Berger übernahmen für ihren Film „HERRliche Zeiten“ letztendlich nur die Prämisse und einige Szenen aus dem Roman „Subs“. Vor allem ab der Mitte erzählen sie eine vollkommen andere Geschichte, die aus Kunkels bitterböser, schwarzhumoriger Vision einer dekadenten Gesellschaft einen handelsüblichen Rachekrimi macht. Mit einer netten Idee am Anfang („Sklave gesucht“), einer römischen Dekadenzparty in der Mitte und viel langweiligem Klamauk.

Anstatt eine künstlerische Vision zu entwickeln, die als Satire provoziert und den Zuschauern eine Spiegel vorhält, wagt Roehler hier nichts. Das Kammerspiel ist unauffällig inszeniert und gut gespielt. Samuel Finzi als distinguierter Sklave und Katja Riemann als nervige Ehefrau sind gewohnt gut. Und Oliver Masucci geht wieder vollkommen in seiner Rolle auf. Bekannt wurde er als Adolf Hitler in „Er ist wieder da“. Zuletzt spielte er in „Spielmacher“ einen Gangsterboss. Jetzt ist er der Sklavenhalter und Schönheitschirurg Claus Müller-Todt. Ein einfältiger Unsympath, der sich rührend und überaus besorgt um seine Frau kümmert und ansonsten das Sinnbild des kleinbürgerlichen Großkotzes ist, der fasziniert die Partys seines Nachbarn verfolgt, aber niemals auf die Idee käme, selbst eine Party zu veranstalten.

HERRliche Zeiten“ ist keine provozierende Satire über die deutsche Gesellschaft, sondern ein pseudokritischer TV-Film, der konsequent auf eine beruhigende 20.15-Uhr-TV-Dramaturgie für Über-Sechzigjährige eingedampft wurde. Da provoziert nichts. Da regt nichts zum Nachdenken an. Die Komödie ist ein Kammerspiel, das so auch jeder andere Regisseur hätte inszenieren können.

Für einen Film von Oskar Roehler ist das eindeutig zu wenig. Denn eines konnte man bislang nicht über einen Roehler-Film sagen: dass er langweilig ist. Und genau das ist „HERRliche Zeiten“.

HERRliche Zeiten (Deutschland 2018)

Regie: Oskar Roehler

Drehbuch: Jan Berger (frei nach Motiven des Romans „Subs“ von Thor Kunkel)

mit Katja Riemann, Oliver Masucci, Samuel Finzi, Lize Feryn, Yasin El Harrouk, Margarita Broich, Andrea Sawatzki, Alexander Beyer, Katy Karrenbauer, Aslan Aslan

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „HERRliche Zeiten“

Moviepilot über „HERRliche Zeiten“

Wikipedia über „HERRliche Zeiten“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Oskar Roehlers „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Kuhls Kosmos“ (2008)

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Schaumschwester“ (2010)

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Subs“ (2011)


TV-Tipp für den 4. Mai: Sugarland Express

Mai 4, 2018

3sat, 22.25

Sugarland Express (The Sugarland Express, USA 1974)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Hal Barwood, Matthew Robbins (nach einer Geschichte von Steven Spielberg, Hal Barwood und Matthew Robbins)

Die junge Mutter Lou Jean befreit ihren Mann aus dem Gefängnis. Gemeinsam wollen sie ihr Baby vor einer Zwangsadoption bewahren. Auf ihrer Fahrt zu den Pflegeeltern werden sie, verfolgt von einer Polizeiarmada, zu Volkshelden.

Steven Spielbergs erster Spielfilm (denn „Duell“ war ein Fernsehfilm, der auch im Kino ausgewertet wurde) ist einer seiner schönsten Filme.

„‘The Sugarland Express’ ist größtenteils eine ausgelassene, verrückte, kapriolenreiche Verfolgungskomödie – eine lebendige Situationskomödie nach Art der Roadrunner-Zeichentrickfilme, nur in Spielfilmlänge.“ (Variety)

Sein nächster Film war „Der weiße Hai“ und der Rest ist Geschichte.

mit Goldie Hawn, Ben Johnson, Michael Sacks, William Atherton, Gregory Walcott, Harrison Zanuck, Louise Latham

Hinweise

Wikipedia über „Sugarland Express“ (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über „Sugarland Express“

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (The Post, USA 2017)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Ready Player One“ (Ready Player One, USA 2018)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 3. Mai: Einsatz in Hamburg: Rückkehr des Teufels

Mai 3, 2018

ZDFneo, 20.15

Einsatz in Hamburg: Rückkehr des Teufels (Deutschland 2002, Regie: Lars Becker)

Drehbuch: Fabian Thaesler, Lars Becker

Diesen Fall hat Kommissarin Jenny Berlin schnell gelöst: In der Nähe einer in einem Müllcontainer liegenden Frauenleiche wird ein Mann gesehen. Kurz darauf wird er verhaftet. Doch nachdem er sich beim Verhör aus dem Fenster stürzt, zweifelt Berlin. Sie rollt den Fall wieder auf.

Dritter „Einsatz in Hamburg“-Krimi, inszeniert von dem immer zuverlässigen Lars Becker.

Mit Aglaia Szyszkowitz, Hannes Hellmann, Rainer Strecker, Harald Schrott, Christoph Bach, Hans Diehl, Ercan Durmaz, Oliver Franck, Sonja Kirchberger, Jessica Schwarz

Hinweise

Wikipedia über „Einsatz in Hamburg“

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


„201 x 2001“ – Fragen und Antworten zur „Odyssee im Weltraum“

Mai 3, 2018

Der Untertitel von Nils Daniel Peilers „201 x 2001“ „Fragen und Antworten mit allem Wissenswerten zu Stanley Kubricks ‚Odyssee im Weltraum’“ fasst das jetzt im Schüren Verlag erschienene Büchlein gut zusammen: es gibt 201 Fragen und Antworten zu dem Filmklassiker.

Nils Daniel Peiler setzt damit seine Beschäftigung mit Kubricks Meisterwerk „2001: Odyssee im Weltraum“ fort. Der Film schildert, nachdem auf dem Mond ein von Außerirdischen geschaffener Monolith entdeckt wurde, das Schicksal einer aus dem Ruder laufenden Weltraumexpedition. Denn der Bordcomputer entwickelt ein für die Raumfahrer bedrohliches Eigenleben.

Peiler schrieb seine Promotion über die künstlerische Rezeption von „2001“, ist Kokurator der bis zum 23. September laufenden „2001“-Jubiläumsaustellung im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main und hat jetzt ein kleines Büchlein voller mehr oder weniger bedeutender Fakten über den Film zusammengetragen. Diese präsentiert er als alphabetisch sortiertes Frage-Antwort-Spiel. Da steht dann erschreckend Banales neben Interessantem. Fakten, die man durch eine schnelle IMDB-Recherche erfährt, stehen neben Informationen, die wahrscheinlich sogar „2001“-Aficionados nicht kennen. Oder schon wieder vergessen haben.

Am Ende ist „201 x 2001“ ein informatives Buch zum Rumblättern. Leider ohne Bilder. Aber die sieht man beim nächsten Genuss von „2001: Odyssee im Weltraum“. Je nach Wunsch: mit oder ohne Drogen.

Nils Daniel Peiler: 201 x 2001

Schüren, 2018

108 Seiten

9,90 Euro

Der Film, der das Buch inspirierte

2001: Odyssee im Weltraum (2001: A Spacy Odyssey, Großbritannien/USA 1968)

Regie: Stanley Kubrick

Drehbuch: Stanley Kubrick, Arthur C. Clarke

LV: Arthur C. Clarke: The Sentinel, 1951 (Der Wachposten, Kurzgeschichte, abgedruckt unter anderem in “Verbannt in die Zukunft” und “2001: Aufbruch zu verlorenen Welten“)

Buch zum Film: Arthur C. Clarke: 2001: A Space Odyssey, 1968 (2001: Odyssee im Weltraum)

Buch über die Dreharbeiten: Arthur C. Clarke: The lost worlds of 2001, 1972 („2001“ Aufbruch zu verlorenen Welten – Das Logbuch der Kapitäne Clarke und Kubrick)

Auf dem Mond wird ein schwarzer Monolith entdeckt. Er sendet Signale zum Jupiter. Um das Rätsel zu lösen, wird die „Discovery“ losgeschickt. Während des Flugs beginnt der Bordcomputer HAL sich über seine menschliche Besatzung so seine Gedanken zu machen.

Ein zeitloser Klassiker und ein Film, der für die große Leinwand gemacht wurde.

2001: Odyssee im Weltraum war ohne Zweifel der einflussreichste Science-Fiction-Film der sechziger Jahre. Von nun an gewann das Science-Fiction-Kino einen wahrhaft spekulativen Aspekt und folgte damit der Science-Fiction-Literatur.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie) Denn: „Nach all dem Kinoschwachsinn, den Heerscharen unbedarfter SF-Filmer dem Publikum bis 1969 vorgesetzt hatten, ging 2001: Odyssee im Weltraum den SF-Fans herunter wie die reinste Götterspeise.“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Science Fiction Films).

Mit Keir Dullea, Gary Lockwood, William Sylvester, Daniel Richter, Daniel Richter, Margaret Tyzack

Hinweise

Schüren über „201 x 2001“

Rotten Tomatoes über „2001“

Wikipedia über „2001“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 2. Mai: Rockpalast Kult: Faith No More

Mai 1, 2018

MDR, 00.35

Rockpalast Kult: Faith No More

In der gut sortierten „Rockpalast“-Mediathek ist das Konzert nicht zu finden und um die Uhrzeit dürfte es, in der richtigen Lautstärke genossen, für Ärger mit den Nachbarn sorgen. Dennoch ein Leckerbissen für Musikfans: „Faith No More“ rocken 2009 das Area4-Festival.

Hinweise

WDR über den Rockpalast

Wikipedia über Faith No More (deutsch, englisch)

Homepage von Faith No More


Cover der Woche

Mai 1, 2018


TV-Tipp für den 1. Mai: 12 Years a Slave

April 30, 2018

Pro7, 20.15

12 Years a Slave (12 Years a Slave, USA 2013)

Regie: Steve McQueen

Drehbuch: John Ridley

LV: Solomon Northup: Twelve Years a Slave, 1853

New York, 1841: Solomon Northup wird von Sklavenhändlern entführt und in die Südstaaten verkauft.

Steve McQueens grandioser Film schildert die wahre Geschichte von Solomon Northup. Der vielfach ausgezeichnete und hochgelobte Film erhielt, unter anderem, den Oscar als Bester Film.

Mehr über den Film gibt es in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Lupita Nyong’o, Benedict Cumberbatch, Brad Pitt, Paul Dano, Paul Giamatti, Sarah Paulson, Alfre Woodard

Wiederholung: Mittwoch, 2. Mai, 02.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film (dito)

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „12 Years a Slave“

Moviepilot über „12 Years a Slave“

Metacritic über „12 Years a Slave“

Rotten Tomatoes über „12 Years a Slave“

Wikipedia über „12 Years a Slave“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steve McQueens „Shame“ (Shame, Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Steve McQueens „12 Years a Slave“ (12 Years a Slave, USA 2013)


Die Agatha Awards 2018

April 30, 2018

Auf der Malice Domestic Conference wurden die diesjährigen Agatha Awards (für den schönsten Cozy in der Tradition von Agatha Christie) verliehen an:

Best Contemporary Novel

Glass Houses, von Louise Penny (Minotaur)

nominiert

Death Overdue, von Allison Brook (Crooked Lane)

A Cajun Christmas Killing, von Ellen Byron (Crooked Lane)

No Way Home, von Annette Dashofy (Henery Press)

Take Out, von Margaret Maron (Grand Central)

Best Historical Novel

In Farleigh Field, von Rhys Bowen (Lake Union)

nominiert

Murder in an English Village, von Jessica Ellicott (Kensington)

Called to Justice, von Edith Maxwell (Midnight Ink)

The Paris Spy, von Susan Elia MacNeal (Bantam)

Dangerous to Know, von Renee Patrick (Forge)

Best First Novel

Hollywood Homicide, von Kellye Garrett (Midnight Ink)

nominiert

Adrift, von Micki Browning (Alibi)

The Plot Is Murder, von V.M. Burns (Kensington)

Daughters of Bad Men, von Laura Oles (Red Adept)

Protocol, von Kathleen Valenti (Henery Press)

Best Non-fiction

From Holmes to Sherlock: The Story of the Men and Women Who Created an Icon, von Mattias Boström (Mysterious Press) (Von Mr. Holmes zu Sherlock, btb)

nominiert

The Story of Classic Crime in 100 Books, von Martin Edwards (Poisoned Pen Press)

American Fire: Love, Arson, and Life in a Vanishing Land, von Monica Hesse (Liveright)

Rewrite Your Life: Discover Your Truth Through the Healing Power of Fiction, von Jess Lourey (Conari Press)

Manderley Forever: A Biography of Daphne du Maurier, von Tatiana de Rosnay (St. Martin’s Press)

Best Short Story

The Library Ghost of Tanglewood Inn, von Gigi Pandian (Henery Press e-book)

nominiert

Double Deck the Halls, von Gretchen Archer (Henery Press e-book)

Whose Wine Is it Anyway, von Barb Goffman (aus 50 Shades of Cabernet; Koehler)

The Night They Burned Miss Dixie’s Place, von Debra Goldstein (Alfred Hitchcock Mystery Magazine, May/June 2017)

A Necessary Ingredient, von Art Taylor (aus Coast to Coast: Private Eyes from Sea to Shining Sea, herausgegeben von Andrew McAleer and Paul D. Marks; Down & Out)

Best Children’s/Young Adult

Sydney Mackenzie Knocks ’Em Dead, von Cindy Callaghan (Aladdin)

nominiert

City of Angels, von Kristi Belcamino (Polis)

The World’s Greatest Detective, von Caroline Carlson (HarperCollins)

Audacity Jones Steals the Show, von Kirby Larson (Scholastic Press)

The Harlem Charade, von Natasha Tarpley (Scholastic Press)

Malice Domestic’s 2018 Lifetime Achievement Award

Nancy Pickard

Amelia Award

David Suchet

Poirot Award

Brenda Blethyn (als DCI Vera Stanhope in „Vera“, basierend auf den Romanen von Ann Cleeves)

Special Amelia Award

Joan Hess

(via The Rap Sheet)


Die Edgars 2018

April 30, 2018

Die diesjährgen Edgar Awards (bzw. genaugenommen Edgar Allan Poe Awards) der Mystery Writers of America gingen an:

Best Novel

Bluebird, Bluebird, von Attica Locke (Mulholland)

nominiert

The Dime, von Kathleen Kent (Mulholland)

Prussian Blue, von Philip Kerr (Putnam) (dürfte nächstes Jahr erscheinen. Ich lese gerade seinen Bernie-Gunther-Roman „Kalter Frieden“ [The other Side of Silence, 2016] und die richtige Pageturner-Lesebegeisterung will sich nicht einstellen.)

A Rising Man, von Abir Mukherjee (Pegasus)

The Twelve Lives of Samuel Hawley, von Hannah Tinti (Dial Press)

Best First Novel by an American Author

She Rides Shotgun, von Jordan Harper (Ecco) (Die Rache der Polly McClusky, Ullstein)

nominiert

Dark Chapter, von Winnie M. Li (Polis)

Lola, von Melissa Scrivner Love (Crown)

Tornado Weather, von Deborah E. Kennedy (Flatiron)

Idaho, von Emily Ruskovich (Random House)

Best Paperback Original

The Unseeing, von Anna Mazzola (Sourcebooks Landmark)

nominiert

In Farleigh Field, von Rhys Bowen (Thomas & Mercer)

Ragged Lake, von Ron Corbett (ECW Press)

Black Fall, von Andrew Mayne (Harper)

Penance, von Kanae Minato (Mulholland)

The Rules of Backyard Cricket, von Jock Serong (Text)

Best Fact Crime

Killers of the Flower Moon: The Osage Murders and the Birth of the FBI, von David Grann (Doubleday)

nominiert

The Road to Jonestown: Jim Jones and Peoples Temple, von Jeff Guinn (Simon & Schuster)

American Fire: Love, Arson, and Life in a Vanishing Land, von Monica Hesse (Liveright)

The Man From the Train: The Solving of a Century-Old Serial Killer Mystery, von Bill James and Rachel McCarthy James (Scribner)

Mrs. Sherlock Holmes: The True Story of New York City’s Greatest Female Detective and the 1917 Missing Girl Case That Captivated a Nation, von Brad Ricca (St. Martin’s Press)

Best Critical/Biographical

Chester B. Himes: A Biography, von Lawrence P. Jackson (Norton)

nominiert

From Holmes to Sherlock: The Story of the Men and Women Who Created an Icon, von Mattias Bostrom (Mysterious Press) (Von Mr. Holmes zu Sherlock, btb)

Manderley Forever: A Biography of Daphne du Maurier, von Tatiana de Rosnay (St. Martin’s Press)

Murder in the Closet: Essays on Queer Clues in Crime Fiction Before Stonewall, von Curtis Evans (McFarland)

and Arthur and Sherlock: Conan Doyle and the Creation of Holmes, von Michael Sims (Bloomsbury USA)

Best Short Story

Spring Break, von John Crowley (aus New Haven Noir, herausgegeben von Amy Bloom; Akashic)

nominiert

Hard to Get, von Jeffery Deaver (Ellery Queen Mystery Magazine, July/August 2017)

Ace in the Hole, von Eric Heidle (aus Montana Noir, herausgegeben von James Grady und Keir Graff; Akashic)

A Moment of Clarity at the Waffle House, von Kenji Jasper (aus Atlanta Noir, herausgegeben von Tayari Jones; Akashic)

Chin Yong-Yun Stays at Home, von S.J. Rozan (Alfred Hitchcock Mystery Magazine, January/February 2017)

(da können wir uns doch freuen, dass Culturbooks mit Akashic einen Vertrag einging und nach „Paris Noir“, „Berlin Noir“ [am lesen, aber Kurzgeschichten…] im Herbst „USA Noir“ erscheint)

Best Juvenile

Vanished! von James Ponti (Aladdin)

nominiert

Audacity Jones Steals the Show, von Kirby Larson (Scholastic Press)

The Assassin’s Curse, von Kevin Sands (Aladdin)

First Class Murder, von Robin Stevens (Simon & Schuster)

NewsPrints, von Ru Xu (Graphix)

Best Young Adult

Long Way Down, von Jason Reynolds (Atheneum)

nominiert

The Cruelty, von Scott Bergstrom (Feiwel & Friends)

Grit, von Gillian French (HarperTeen)

The Impossible Fortress, von Jason Rekulak (Simon & Schuster)

The Hate U Give, von Angie Thomas (Balzer + Bray)

Best Television Episode Teleplay

Somebody to Love,” Fargo, Drehbuch von Noah Hawley (FX Networks/MGM)

nominiert

Episode 1,” Loch Ness, Drehbuch von Stephen Brady (Acorn TV)

Something Happened,” Law & Order: SVU, Drehbuch von Michael Chernuchin (NBC Universal/Wolf Entertainment)

Gently and the New Age,” George Gently, Drehbuch von Robert Murphy (Acorn TV)

The Blanket Mire,” Vera, Drehbuch von Paul Matthew Thompson und Martha Hillier (Acorn TV)

The Simon & Schuster/Mary Higgins Clark Award

The Widow’s House, von Carol Goodman (Morrow)

nominiert

The Vineyard Victims, von Ellen Crosby (Minotaur)

You’ll Never Know, Dear, von Hallie Ephron (Morrow)

Uncorking a Lie, von Nadine Nettmann (Midnight Ink)

The Day I Died, von Lori Rader-Day (Morrow)

Grand Master

Jane Langton

Peter Lovesey

William Link

Raven Award

Kristopher Zgorski von BOLO Books

The Raven Bookstore in Lawrence, Kansas

Ellery Queen Award

Robert Pépin

Robert L. Fish Memorial Award

The Queen of Secrets, von Lisa D. Gray (aus New Haven Noir; Akashic)

(via The Rap Sheet)


TV-Tipp für den 30. April: Only Lovers left alive

April 30, 2018

Arte, 20.15

Only Lovers left alive (Only Lovers left alive, Deutschland/Großbritannien/Frankreich/Zypern/USA 2013)

Regie: Jim Jarmusch

Drehbuch: Jim Jarmusch

Jim Jarmuschs wundervoller, grandios besetzter Film über die Welt der Vampire, der zu einer vampirfreundlichen Uhrzeit gezeigt wird.

Im Mittelpunkt des Films stehen die in Tanger lebende Eve (Tilda Swinton) und ihr in Detroit lebender Mann Adam (Tom Hiddleston), der mal wieder die Lust am Leben verloren hat. Eve will ihm helfen – und wir bekommen eine der schönsten Liebesgeschichten des Kinos, trockenen Humor und etliche popkulturelle Anspielungen. Einer von Jarmuschs schönsten Filmen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (mit etlichen Interviews).

mit Tilda Swinton, Tom Hiddleston, Mia Wasikowska, John Hurt, Anton Yelchin, Jeffrey Wright, Slimane Dazi, Carter Logan

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Only Lovers left alive“

Moviepilot über „Only Lovers left alive“

Metacritic über „Only Lovers left alive“

Rotten Tomatoes über „Only Lovers left alive“

Wikipedia über „Only Lovers left alive“

Wikipedia über Jim Jarmusch (deutsch, englisch)

The Jim Jarmusch Resource Page

Senses of Cinema über Jim Jarmusch

Jim Jarmusch in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs “Only Lovers left alive” (Only Lovers left alive, Deutschland/Großbritannien/Frankreich/Zypern/USA 2013)

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs „Paterson“ (Paterson, USA 2016) und der DVD

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs „Gimme Danger“ (Gimme Danger, USA 2016)


„Die Stadt, das Salz & der Tod“ und die Criminale in Halle an der Saale

April 29, 2018

Jetzt ist es wieder soweit. Das Syndikat, die Vereinigung deutschsprachiger Kriminalautorinnen und -autoren, ruft zum jährlichen Klassentreffen. Dieses Jahr ist es in Halle an der Saale, einer alten, geschichtsträchtigen, aber ansonsten unschuldigen kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt. 238.000 Einheimische werden vom 2. Mai (mit Vorspielen schon ab ungefähr jetzt) bis zum 6. Mai versuchen, die riesige Verbrecherversammlung zu überleben. Zur Beruhigung der Einheimischen kann ich sagen: Krimischreiber sind nur auf dem Papier Serientäter. Im normalen Umgang sind es meist umgängliche Menschen…Wurde das nicht auch über Norman Bates gesagt?

Das offizielle Programm der Criminale besteht vor allem aus Lesungen. Lesungen. Lesungen.

Es gibt gefühlt mehr Fachveranstaltungen als in den Vorjahren, das unausgesprochene Nebenprogramm („Lebst du noch?“ „Hey, du hast dich überhaupt nicht verändert!“ „Du siehst aber alt aus! Dabei bist du noch gar nicht so alt.“ „Wo ist die nächste Kneipe?“) und die Verleihung des Krimipreises Friedrich-Glauser-Preis am Samstag, den 5. Mai.

Dieses Jahr sind für den Glauser und den Hansjörg-Martin-Preises nominiert:

Bester Kriminalroman

Raoul Biltgen: Schmidt ist tot, Verlag Wortreich

Alfred Bodenheimer: Ihr sollt den Fremden lieben, Nagel & Kimche

Ellen Dunne: Harte Landung, Insel Taschenbuch

Monika Geier: Alles so hell da vorn, Ariadne

Jutta Profijt: Unter Fremden, dtv

Bestes Debüt-Kriminalroman

Hannah Coler: Cambridge 5, Limes Verlag

Kerstin Ehmer: Der weiße Affe, Pendragon

Gereon Krantz: Unter pechschwarzen Sternen, ProTalk Verlag

Harald J. Marburger: Totengräberspätzle, Emons

Takis Würger: Der Club, Kein & Aber

Bester Kurzkrimi

Klaus Berndl mit Feueralarm, in: Feuerspuren, edition karo

Karr & Wehner (Reinhard Jahn und Walter Wehner) mit Hier in Tremonia, in: Killing You Softly, KBV

Thomas Kastura mit Der Zuschauer, in: Kerzen, Killer, Krippenspiel, Knaur

Henry Kersting mit Der Blaue, in: Rache brennt, Verlag am Schloss

Cécile Ziemons mit Dünensingen, in: Feinste Friesenmorde, Leda Verlag

Hansjörg-Martin-Preis (bester Kinder- und Jugendkrimi)

Tanya Lieske: Mein Freund Charlie, Beltz & Gelberg

Christian Linker: Der Schuss, dtv

Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten, Beltz & Gelberg

Ortwin Ramadan: Glück ist was für Anfänger, Coppenrath

Martin Schäuble: Endland, Hanser

Ehrenglauser

Edith Kneifl

Zur sachfremden Vorbereitung gibt es, wie in den vergangenen Jahren, einen Sammelband Krimikurzgeschichten, die am Ort der Criminale spielen. Dieses Jahr übernahm Peter Godazgar, ein Zugezogener, die Herausgeberschaft des Sammelbandes. In „Die Stadt, das Salz & der Tod – Mörderisches aus Halle an der Saale“ sind extra für den Sammelband geschriebene Kurzgeschichten von Jürgen und Marita Alberts, Joachim Anlauf, Marc-Oliver Bischoff, Natine Buranaseda, Daniel Carinsson, Christiane Dieckerhoff, Peter Godazgar, Thomas Hoeps, Thomas Kastura, Ralf Kramp, Tatjana Kruse, Elke Pistor, Theresa Prammer, Uwe Schimunek, Frank Schlößer und Sabine Trinkaus enthalten. Es ist also eine bunte Mischung aus bekannten und unbekannte(re)n Autoren, die man teils mehr als Roman-, teils mehr als Kurzgeschichtenautoren kennt. Aber zur Steigerung der Mordrate in Halle an der Saale tragen sie alle bei. Ihre Leichen verteilen sie dabei großzügig über die gesamte Stadt.

Selbstverständlich ist nicht jede Geschichte gelungen. Nicht jede Geschichte spielt in der Gegenwart und wenn Georg Friedrich Händel dabei ist, wird sogar auf die obligatorische Leiche verzichtet. Dafür hat Münchhausen einen Auftritt.

Peter Godazgar (Herausgeber): Die Stadt, das Salz & der Tod – Mörderisches aus Halle an der Saale

grafit, 2018

224 Seiten

11 Euro

Hinweise

Homepage von Peter Godazgar

Homepage von Das Syndikat

Homepage von Der Criminale


Deutscher Filmpreis 2018. Wer hat die Lolas gewonnen?

April 29, 2018

Die Verleihung des diesjährige Deutschen Filmpreises ist überstanden und, weil der Deutsche Filmpreis als Teil der Kulturförderung mit fast drei Millionen Euro dotiert ist, dürfen die Gewinner sich über erkleckliche Überweisungen auf ihr Konto freuen. Das ist auch ein Problem dieses Preises, der seit seinem Bestehen kulturelle und kommerzielle Belange miteinander vermischt.

Das war früher, als er noch Bundesfilmpreis hieß und die Gewinner von einer Kommission bestimmt wurden, anders.

Seit 2005 bestimmen die Mitglieder der Deutschen Filmakademie die Gewinner. Das Verfahren ähnelt dem der Oscars. Aber der Oscar ist ein nicht dotierter Preis der Branche, mit dem sie sich selbst feiert. Und ein Oscar ist normalerweise an der Kinokasse Gold wert.

Jedenfalls, die diesjährigen Gewinner sind

Bester Spielfilm – Gold: 3 Tage in Quiberon

Bester Spielfilm – Silber: Aus dem Nichts

Bester Spielfilm – Bronze: Western

Bester Kinderfilm: Amelie rennt

Bester Dokumentarfilm: Beuys

Beste Hauptdarstellerin: Marie Bäumer (3 Tage in Quiberon)

Bester Hauptdarsteller: Franz Rogowski (In den Gängen [Kinostart: 24. Mai 2018 – ähem, das ist noch ein Unterschied zu den Oscars. Da dürfen nur Filme nominiert und ausgezeichnet werden, die bereits im Kino liefen])

Beste Nebendarstellerin: Birgit Minichmayr (3 Tage in Quiberon)

Bester Nebendarsteller: Michael Gwisdek (3 Tage in Quiberon)

Beste Regie: Emily Atef (3 Tage in Quiberon)

Bestes Drehbuch: Fatih Akin/Hark Bohm (Aus dem Nichts)

Beste Kamera: Thomas W. Kiennast (3 Tage in Quiberon)

Bester Schnitt: Stephan Krumbiegel, Olaf Voigtländer (Beuys)

Bestes Szenenbild: Erwin Prib (Manifesto)

Bestes Kostümbild: Bina Daigeler (Manifesto)

Bestes Maskenbild: Morag Ross, Massimo Gattabrusi (Manifesto)

Beste Filmmusik: Christoph M. Kaiser, Julian Maas (3 Tage in Quiberon)

Beste Tongestaltung: André Bendocchi Alves, Eric Devulder, Martin Steyer (Der Hauptmann)

Besucherstärkster Film: Fuck ju Göhte 3

Ehrenpreis: Hark Bohm

 


TV-Tipp für den 29. April: The Unforgiven

April 28, 2018

Pro7, 23.40

The Unforgiven (Yurusarezaru Mono, Japan 2013)

Regie: Lee Sang-Il

Drehbuch: Lee Sang-Il (nach dem Drehbuch „Unforgiven“ von David Webb Peoples)

Ein inzwischen als Bauer lebender Samurai wird von einem alten Kampfgefährten überredet, noch einmal in den Kampf zu ziehen. Einige Huren haben nämlich ein Kopfgeld auf zwei Freier, die eine Hure verunstalteten, ausgesetzt.

Grandioses Samurai-Remake von Clint Eastwoods Westernklassiker „Erbarmungslos“ (Unforgiven, USA 1992), das der bekannten Geschichte fast schon sklavisch folgt und ihr trotzdem neue Facetten abgewinnt. Sehr, sehr sehenswert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ken Watanabe, Jun Kunimura, Shiori Kutsuna, Yuya Yagira, Akira Emoto, Eiko Koike, Yoshimasa Kondo

Wiederholung: Montag, 30. April, 03.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Japanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Unforgiven“
Moviepilot über „The Unforgiven“
Rotten Tomatoes über „The Unforgiven“
Wikipedia über „The Unforgiven“
Kriminalakte über „Erbarmungslos“

Meine Besprechung von Lee Sang-Ils „The Unforgiven“ (Yurusarezaru Mono, Japan 2013)


TV-Tipp für den 28. April: Scarface

April 28, 2018

ZDF, 01.00

Scarface – Toni, das Narbengesicht (Scarface, USA 1983)

Regie: Brian De Palma

Drehbuch: Oliver Stone

LV: Armitage Trail: Scarface, 1930 (Scarface)

Buch zum Film: Paul Monette: Scarface, 1983 (Scarface – Der Mann mit der Narbe)

De Palma aktualisierte „Scarface“, die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Gangsters, und schuf ein packendes Sittengemälde des Verbrechens in Florida in den frühen Achtzigern.

Damals wurde die Sprache („Fuck“) und die Brutalität kritisiert. Heute wäre es die grauenhafte, altmodische Disco-Musik von Giorgio Moroder. Ansonsten ist „Scarface“ in der ungekürzten Fassung inzwischen einer der Klassiker des Gangsterfilms.

Mit Al Pacino, Michelle Pfeiffer, Mary Elizabeth Mastrantonio, Robert Loggia, F. Murray Abraham

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Scarface“

Wikipedia über „Scarface“ (deutsch, englisch)

Movie Addiction über “Scarface”

New York Times: Vincent Canby: Besprechung von “Scarface” (9. Dezember 1983)

Roger Ebert über “Scarface” (9. Dezember 1983, 28. September 2003)

Angel Fire: Brian-de-Palma-Fanseite über “Scarface”

Schnittberichte: Vergleich der FSK-16-Fassung (ein trauriger Torso) mit der Kinoversion

Meine Besprechung von Christian De Metter/Armitage Trails „Scarface“ (Scarface, 2011) (Comic, der auf Armitage Trails Roman basiert)


„Die Angstprediger“ – über rechte Christen in Deutschland

April 27, 2018

Die Tea Party, Evangelikale und christliche Sekten sind ein vor allem aus den USA bekanntes Phänomen, das immer wieder für ungläubiges Staunen sorgt. Wegen ihrer wortwörtlichen Bibelauslegung, ihren politischen Äußerungen und den Filmen, die sie sich ansehen. Die Filme sind oft unverdaulicher Murks, der in den USA in bestimmten Regionen viel Geld einspielt und die meistens nicht nach Deutschland kommen. Ihre politischen Äußerungen werden eher als, wenn auch gefährliche, US-amerikanische Obskurität wahrgenommen.

In Deutschland waren wir lange Zeit davon verschont. Sicher gab es schon immer Sekten und christliche Splittergruppen, aber sie kümmerten sich um ihre Gottesdienste und traten öffentlich nicht in Erscheinung.

Das änderte sich in den letzten Jahren.

In „Die Angstprediger – Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern“ legt Liane Bednarz ein Panoptikum der rechtschristlichen Szene vor. Bednarz ist Journalistin, unter anderem für den „Tagesspiegel“, die katholische Wochenzeitung „Die Tagespost“, „Christ & Welt/Die Zeit“ und die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und war Promotionsstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie selbst versteht sich als fromm und konservativ. Mit ihrem Buch will sie einen Diskurs anstoßen: „Das vorliegende Buch versteht sich ausdrücklich nicht als Pranger, sondern soll eine Debatte anstoßen, die idealerweise nicht nur zu einer Selbstvergewisserung des Christlichen, sondern auch des Konservatismus insgesamt führt.“

Dafür beschäftigt sie sich mit den Diskussionen innerhalb des christlichen Milieus an der Wasserscheide zwischen christlich, konservativ, extrem konservativ und rechts (vulgo rechtsextrem/-radikal) anhand der öffentlichen Äußerungen von Menschen, die sich öffentlich als Christen bezeichnen und rechtspopulistisch äußern. Rückblickend und ohne genau nachgezählt zu haben, sind das fast ausschließlich Männer.

Ihre Meinungsäußerungen stehen auch exemplarisch für bestimmte Denkrichtungen. Denn diese Männer sind Meinungsführer, weil ihre Meinungen in der Öffentlichkeit diskutiert werden und rechte Christen sich positiv auf sie beziehen.

Bednarz analysiert ihre Argumentationsmuster und ihre Lieblingsthemen, wie die Frühsexualisierung, die Gendertheorie (die beide die göttliche Ordnung bedrohen), politische Korrektheit (früher hieß das ‚Anstand‘), Europäische Union, Euro und den Islam als Bedrohung. Sie beschäftigt sich mit den ideologischen und personellen Verbindungen zwischen extrem konservativen christlichen Milieus und ihren zunehmend rechtsextremen Lautsprechern Pegida und AfD. Denn diese Christen übertragen ihr religiöses Denken auf die Politik.

Die Angstprediger“ ist ein faszinierender Blick in eine Parallelgesellschaft, die die Bibel auf eine sehr spezielle Art und Weise interpretiert.

Es ist allerdings auch schwer lesbares Buch. Bednarz beginnt schnell mit einem exzessiven Name-Dropping. Sie fügt Zitate aneinander, ohne dass immer wirklich ersichtlich wird, wie wichtig das kolportierte Zitat ist. Das liegt natürlich auch an der Struktur der verschiedenen Sekten, Klein- und Kleinstgruppierungen, in denen oft unklar ist, wer Häuptling und wer Indianer ist. Es ist unklar, wer vor allem für sich selbst spricht und wer der Vertreter einer Gruppe ist. Vor allem wenn man sich mit diesem Milieu normalerweise nicht intensiv beschäftigt.

Gleichzeitig sind vor allem die Zitate schwer verständlich. Manchmal weil sie sehr verschwurbelt formuliert sind, öfter weil die geäußerte Meinung einfach abenteuerlich ist und man zweimal überlegen muss, was der Autor einem sagen will, wenn er die christliche Botschaft auf den Kopf stellt, sie mit Hass gegen den Islam und die Genderideologie, Feindschaft gegen Homosexuelle und völkischem Denken verknüpft. Zum Beispiel: „Gott hat die Menschen nach Völkern erschaffen. Die Völker sind Gedanken Gottes; niemand hat das Recht, sie bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen. Mit der Globalisierung und der zügellosen Masseneinwanderung erhebt sich der Mensch gegen die Schöpfung.“

Das ist ein Gedankenbrei, über den schwer bis überhaupt nicht diskutiert werden kann.

Deshalb ist es gut, dass Bednarz versucht, den Wust zwischen fundamentalistischem Christentum, Rechtsradikalen, mehr oder weniger gläubigen Konservativen und dem Christentum zu ordnen: „Wenn solche Gläubigen erkennen können, dass Christentum und ein neurechter Blick auf die Welt letztlich inkompatibel sind, dann lohnt es sich, bei nach rechts gedrifteten Christen und AfD-Anhängern für diese Erkenntnis zu werben.“

Die Angstprediger“ ist da ein Anfang.

Liane Bednarz: Die Angstprediger – Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern

Droemer, 2017

256 Seiten

16,99 Euro

Hinweise

Droemer über Liane Bednarz (mit Hinweis zu Lesungen)

Deutschlandfunk Kultur unterhält sich mit Liane Bednarz über ihr Buch

Wikipedia über Liane Bednarz


TV-Tipp für den 27. April: Der freie Wille

April 27, 2018

3sat, 22.25

Der freie Wille (Deutschland 2006)

Regie: Matthias Glasner

Drehbuch: Matthias Glasner, Judith Angerbauer, Jürgen Vogel

Nach der Haft will Serienvergewaltiger Theo neu anfangen. Nettie könnte ihm helfen.

Starkes, von der Kritik abgefeiertes, gut dreistündiges Drama.

mit Jürgen Vogel, Sabine Timoteo, Manfred Zapatka, André Hennicke, Judith Engel

Hinweise

Filmportal über „Der freie Wille“

Moviepilot über „Der freie Wille“

Rotten Tomatoes über „Der freie Wille“

Wikipedia über „Der freie Wille“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Matthias Glasner „Gnade“ (Deutschland/Norwegen 2012)

Meine Besprechung von Matthias Glasners „Blochin – Die Lebenden und die Toten: Staffel 1“ (Deutschland 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „A beautiful Day“. Nicht wirklich

April 26, 2018

Joe (Joaquin Phoenix) ist ein Problemlöser. Sein Arbeitsgebiet ist das Befreien entführter Kinder. Ohne zeitraubende Verhandlungen und ohne das Bezahlen von Lösegeld löst er das Problem. Seine Vorgehensweise ist brachial. Am liebsten erschlägt er mit einem handelsüblichen Hammer seine Gegner und beseitigt danach die Spuren (Kleiner Tipp für Möchtegern-Nachahmer: bei anderen Waffen werden für die CSI-Jungs weniger Spuren hinterlassen).

Sein neuester Auftrag unterscheidet sich zunächst nicht von seinen vorherigen Aufträgen: er soll die halbwüchsige Tochter eines New Yorkers Senators aus einem Bordell, in dem sie festgehalten wird, befreien. Weil gerade Wahlkampf ist, möchte der Politiker Schlagzeilen über seine Tochter vermeiden. Joe soll sie ohne großen Presserummel aus dem Bordell befreien.

Als „A beautiful Day“ letztes Jahr beim Filmfestival in Cannes seine Weltpremiere hatte, erhielt Regisseurin Lynne Ramsay („We need to talk about Kevin“) den Preis für das beste Drehbuch und Joaquin Phoenix wurde als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet.

Auch von der Kritik wird der extrem düstere Thriller abgefeiert.

Für mich ist der Noir ein einziger großer Langweiler; – was auch eine ziemlich perfekte Spiegelung des seelischen Zustandes von Joe ist. Ramsay ist so nah bei Joe, dass wir ihn öfter nicht beobachten, sondern in seinem Kopf sind. Wir sind förmlich gefangen in seiner Welt. Es ist eine brutale Welt. Es ist eine emotionslose Welt, in der sogar unklar ist, ob es überhaupt jemals Emotionen gab, die wieder erweckt werden können. Joe schleppt sich, wie ein Boxer nach einem Kampf, nur noch durch sein Leben. Er ist von früheren Erfahrungen traumatisiert. Sie tauchen als Flashbacks immer wieder auf. Seitdem ist für ihn das Befreien der Kinder aus den Händen von Pädophilen eine Mission. Er lebt immer noch in seinem heruntergekommenen Geburtshaus. Dort lebt er seine Mutter zusammen, die inzwischen all die Gebrechen eines alten Menschen hat und zunehmend pflegebedürftig wird. Er kümmert sich liebevoll um sie. Er ist ein großer Schweiger, der paranoid viel Wert auf seine Anonymität legt – und dann doch, ohne zu Zögern, einen Auftrag in seiner Heimatstadt New York übernimmt. Neben seiner Mutter hat er nur zu seinem Mittelsmann, der ihm seine Aufträge verschafft, eine dauerhafte Beziehung.

Joe ist eine mythische Figur. Ein Racheengel, den es so nur im Film und der Literatur gibt. „A beautiful Day“ ist die Verfilmung von Jonathan Ames‘ hundertseitiger Novelle „You were never really here“.

Schon die Ausgangslage der Geschichte stammt aus einer dystopischen Parallelwelt. Denn warum sollten Bordellbetreiber ausgerechnet Kinder wohlhabender Familien entführen und als Prostituierte gefangen halten? Und warum sollten die anscheinend ehrenwerten und absolut bürgerlichen Eltern der entführten Kinder ausgerechnet Verbrecher um Hilfe bitten? Die Welt in „A beautiful Day“ ist eine „John Wick“-Welt, die in diesen Thrillern mit einer ordentlichen Portion Action und Humor präsentiert wird.

Dagegen ist „A beautiful Day“ konsequent düster, pessimistisch und todernst. Ramsay erzählt ihre sattsam bekannte, arg minimalistische Geschichte als einen assoziativen Albtraum in dem die Erklärungen nur aus den bekannten Genretopoi bestehen, die in Halbsätzen und Bildfetzen als Interpretationshilfen angeboten werden. Ob sie wirklich zusammenpassen ist egal.

In diesem Kontext ist Joes ausführlich geschilderte Beziehung zu seiner Mutter und Ramsays konsequente Vermeidung von Actionszenen ungewöhnlich. Sie verweigert in ihrem Film die Katharsis, die Gewalt in solch düsteren Geschichten ja haben kann. Bei Ramsay bleibt nur die bleierne Leere, die Joes Leben in seiner selbst gewählten Isolation seit Ewigkeiten bestimmt.

A beautiful Day (You were never really here, Großbritannien 2017)

Regie Lynne Ramsay

Drehbuch: Lynne Ramsay

LV: Jonathan Ames: You were never really here, 2013

mit Joaquin Phoenix, Ekaterina Samsonov, Judith Roberts, John Doman, Alex Manette, Alesssandro Nivola, Frank Pando, Vinicius Damasceno

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „A beautiful Day“

Metacritic über „A beautiful Day“

Rotten Tomatoes über „A beautiful Day“

Wikipedia über „A beautiful Day“ (deutsch, englisch)

Die Cannes-Pressekonferenz

David Fear (Rolling Stone) unterhält sich mit Lynne Ramsay über den Film

DP/30 unterhält sich mit Jonathan Ames