„stern Crime – Wahre Verbrechen“ – ein neues Magazin

Juni 20, 2015

Crime - Cover

Wer sich schon einmal in einem Bahnhofskiosk durch die dort ausliegenden Zeitschriften wühlte, weiß, dass es unglaubliche Special-Interest-Magazine gibt. Auch zu Themen, bei denen die Käuferzahl sehr überschaubar sein wird. Es gibt auch einige neuere Magazine, die explizit die Kunst des längeren Textes, sei es als Reportage oder als Interview, pflegen, und die ich mir fast nie kaufe, weil neben der einen Reportage, die mich interessiert, auch viele sind, die mich nicht so sehr interessieren. Und, was ich auch bei meinen Recherchen für einen Sammelband über Kriminalreportagen bemerkte, in jedem Magazin gibt es immer wieder gelungene Kriminalreportagen. Aber ein Magazin, das nur Kriminalreportagen enthält, gab es bis jetzt aus für mich unverständlichen Gründen nicht.
Mit „stern Crime – Wahre Verbrechen“, technisch gesehen eine Ausgründung des „Stern“, das wenigstens früher für seine Reportagen bekannt war (zuletzt waren auch die langen Geschichten für meinen Geschmack zu kurz), gibt es jetzt ein Magazin, das nur über Verbrechen berichtet, und schon der erste Eindruck ist erfreulich. Denn die Reportagen sind angenehm lang. Nicht dass Länge alles wäre, aber um in die Tiefe zu gehen und einen Fall in seiner ganzen Komplexität darzustellen, braucht es einige Zeit.
Das erste Heft enthält auf gut 140 Seiten sieben lange Reportagen, zwei Interviews (eines mit einem Kommissar über Verhöre, eines mit Friedrich Ani über seine Kriminalromane, beide lesenswert), eine Bildreportage (über ein Dorf, das sich an einigen Verbrechern rächt) und verschiedene kürzere Texte. Allein schon dieser erste Blick zeigt, dass ein gut zehnseitiger oder längerer Text normal ist.
In den fast ausschließlich von deutschsprachigen Autoren geschriebenen Reportagen geht es um den Highway 16 in Kanada, an dem seit Jahren Frauen verschwinden und manchmal tot aufgefunden werden; um einen Mord an einer Sexsklavin, durchgeführt von einem Architekten, der Irland erschütterte (eine spannende Lektüre); um den Mordversuch von Kelli Stapleton an ihrer autistischen und gewalttätigen Tochter in Michigan, USA (Hanna Rosins bedrückende Reportage erschien im Oktober 2014 im „New York Magazin“ als Titelgeschichte und sie wurde von Kritikern als eine der besten Kriminalgeschichten des Jahres gelobt); um die nach 17 Jahren immer noch erfolglose Suche von Kriminalhauptkommissar Uwe Fey nach dem Mörder des 13-jährigen Tristan in Frankfurt am Main (eine weitere bedrückende Reportage); um einen Bankräuber, der den Überfall in Uhingen aus so edlen Motiven beging, dass sogar der Richter Mitleid mit ihm hatte; und um den heute 21-jährigen Francisco Nicolás, der die spanische Oberschicht narrte (eine vergnügliche Köpenickiade).
Nach der Lektüre des angenehm textlastigen und im Moment noch ziemlich werbefreien Heftes (es gibt also einiges zu Lesen) kann ich sagen, dass es ein vielversprechender Anfang ist. Es ist auch ein Anfang, der noch viel Luft nach oben lässt. Denn die Reportagen sind, im Vergleich zu US-amerikanischen Reportagen, vor allem wenn sie in der Tradition des New Journalism stehen, oft etwas konventionell und brav geraten. Da kann ruhig pointierter und auch literarischer geschrieben werden. Vielleicht sollte „Crime“ in seine Redaktionsstatuten als immerwährenden Antrieb und Selbstverpflichtung den Passus aufnehmen: „Wir schreiben die besten deutschsprachigen Reportagen. Wir sind die Zukunft der Reportage.“
Und es ist, wie bei anderen neuen Magazinen, ein Anfang, der sich noch vieles offen hält. Im ersten Heft überwiegen die Reportagen über Mordfälle (inclusive einem Mordversuch). Künftig sollten dann auch andere Verbrechen und auch Hintergründe zu den gesellschaftlichen Ursachen und zu wissenschaftlichen Erkenntnissen stärker beleuchtet werden. Solange es interessant geschrieben ist, kann es ruhig auch etwas länger werden. Bei den Bildern sollte nach eindrucksvolleren Bildern gesucht werden. Im ersten Heft sind sie noch etwas austauschbar.
Also: weiter so mit den langen Reporagen und ruhig etwas experimentierfreudiger.
„stern Crime – Wahre Verbrechen“ soll sechsmal im Jahr erscheinen. Die nächsten Ausgaben erscheinen am 8. August und 10. Oktober.

stern Crime – Wahre Verbrechen Nr. 1
Gruner + Jahr, 2015
140 Seiten
4,80 Euro

Hinweis
Homepage des Magazins


TV-Tipp für den 20. Juni: Tatort: So ein Tag…

Juni 19, 2015

HR, 21.40

Tatort: So ein Tag… (Deutschland 1982, Regie: Jürgen Roland)

Drehbuch: Uwe Erichsen, Jürgen Roland

Damals waren auch innerhalb des „Tatort“-Formats solche Einzelstücke möglich. Der selten gezeigter „Tatort“ zeigt den ganz normalen Arbeitstag eines Schutzpolizisten in einer großen Stadt. Polizeihauptmeister Rolfs erfährt, dass einige Gangster die Pelzgroßhandlung, in der seine Freundin arbeitet, überfallen wollen.

Allerdings gehört der in Frankfurt spielende Krimi „So ein Tag…“ nicht zu den besten Werken von Jürgen Roland.

Mit Klaus Löwitsch, Michael Schwarzmeier, Harald Dietl, Diana Körner, Günter Ungeheuer

Hinweis

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Uwe Erichsen

Jürgen Roland in der Kriminalakte


Die Lolas 2015

Juni 19, 2015

Die Deutschen Filmpreise (gekoppelt an eine erkleckliche staatliche Fördersumme von drei Millionen Euro) sind vergeben. Die Gewinner der diesjährigen Lolas sind:
Bester Spielfilm in Gold: VICTORIA (Sebastian Schipper und Jan Dressler/MonkeyBoy
GmbH/Regie: Sebastian Schipper)
Bester Spielfilm in Silber: JACK (Jan Krüger & René Römert/Port au Prince Film & Kultur Produktion GmbH/Regie: Edward Berger)
Bester Spielfilm in Bronze: ZEIT DER KANNIBALEN (Milena Maitz/Studio.TV.Film GmbH/Regie: Johannes Naber)
Bester Dokumentarfilm: CITIZENFOUR (Dirk Wilutzky, Laura Poitras, Mathilde Bonnefoy/Praxis Films Berlin GmbH/Regie: Laura Poitras )
Bester Kinderfilm: RICO, OSKAR UND DIE TIEFERSCHATTEN (Philipp Budweg, Robert Marciniak/Lieblingsfilm GmbH & Fox International Productions (Germany) GmbH/Regie: Neele Leana Vollmar)
Bestes Drehbuch: Stefan Weigl: ZEIT DER KANNIBALEN
Beste Regie: Sebastian Schipper: VICTORIA
Beste weibliche Hauptrolle: Laia Costa in VICTORIA
Beste männliche Hauptrolle: Frederick Lau in VICTORIA
Beste weibliche Nebenrolle: Nina Kunzendorf in PHOENIX
Beste männliche Nebenrolle: Joel Basman in WIR SIND JUNG. WIR SIND STARK.
Beste Kamera / Bildgestaltung: Sturla Brandth Grøvlen: VICTORIA
Bester Schnitt: Robert Rzesacz: WHO AM I – KEIN SYSTEM IST SICHER
Bestes Szenenbild: Silke Buhr: WHO AM I – KEIN SYSTEM IST SICHER
Bestes Kostümbild: Barbara Grupp: DIE GELIEBTEN SCHWESTERN
Bestes Maskenbild: Nannie Gebhardt-Seele, Tatjana Krauskopf: DIE GELIEBTEN SCHWESTERN
Beste Filmmusik: Nils Frahm: VICTORIA
Beste Tongestaltung: Bernhard Joest-Däberitz, Florian Beck, Ansgar Frerich, Daniel Weis: WHO AM I – KEIN SYSTEM IST SICHER
Ehrenpreis: Barbara Baum
Besucherstärkster Film: HONIG IM KOPF (Til Schweiger/barefoot films gmbh)

Von den nominierten Filmen ist „Victoria“ sicher eine gute Wahl. Immerhin geht es beim Deutschen Filmpreis nicht um eine brancheninterne Feierveranstaltung (jaa, der äußere Schein trügt), sondern um die Vergabe von staatlichen Geldern für kulturell bedeutsame Werke. In dem Zusammenhang verstehe ich die Nominierung von dem US-Vorbilder schlecht kopierenden Hackerkrimi „Who am I – Kein System ist sicher“ überhaupt nicht. Auch nicht, dass er sogar zwei Preise gewonnen hat. Da hätte ich, außer bei der Tongestaltung (da waren „Citizenfour“ und „Victoria“ nominiert), ohne eine Zehntelsekunde zu zögern, jeden der konkurrierenden Filme bevorzugt.


TV-Tipp für den 19. Juni: The Big Lebowski

Juni 18, 2015

ZDFneo, 20.15

The Big Lebowski (USA 1998, Regie: Joel Coen)

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen

Ein echter Kultfilm.

Die Geschichte ist, wie bei Raymond Chandler, der als Inspiration diente, kaum nacherzählbar, labyrinthisch, voller grandioser Szenen und Sätze und wahrscheinlich bar jeder Logik. Im wesentlichen geht es darum, dass der Dude mit seinem ihm bis dahin unbekannten, stinkreichen, herrischen, querschnittgelähmten Namensvetter verwechselt wird und er in eine undurchsichtige Entführungsgeschichte hineingezogen wird.

mit Jeff Bridges, John Goodman, Julianne Moore, Steve Buscemi, David Huddleston, Philip Seymour Hoffman, Tara Reid, Philip Moon, Mark Pellegrino, Peter Stormare, Flea, John Turturro, Sam Elliott, Ben Gazzara

Hinweise

Homepage des Lebowski Fest

Drehbuch „The Big Lebowski“ von Joel & Ethan Coen

Wikipedia über „The Big Lebowski“ (deutsch, englisch)

„You know, for kids!“  – The Movies of the Coen Brothers (eine sehr umfangreiche Seite über die Coen-Brüder)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Trash“ ist nicht Trash

Juni 18, 2015

Als Erwachsener ist man von „Trash“ sicher etwas unterfordert. Die Story, eigentlich eine riesige Schnitzeljagd, ist zu einfach. Die Protagonisten, drei Jugendliche, fast noch Kinder, sind zu jung. Die Bösewichter, vor allem ein Polizist, sind zu böse. Aber das Zielpublikum sind Jugendliche, die einen zünftigen Abenteurer-Thriller sehen dürfen, der in einer fremden Welt spielt, die für ein jugendliches Publikum erstaunlich unverklärt und unromantisch gezeigt wird.
Raphael und Gardo suchen auf einer Müllkippe in Rio de Janeiro nach Abfall, den sie zu Geld machen können. Als sie einen Geldbeutel mit einigen Geldscheinen finden, fühlen sie sich wie die Gewinner eines Jackpots. Als kurz darauf die Polizei auftaucht und eine unglaublich hohe Summe für den Geldbeutel bietet, wissen sie, dass sie etwas viel wertvolleres gefunden haben. Sie behalten den Geldbeutel, der auch ein Blatt mit einem Code enthält.
Gemeinsam mit Rato überlegen sie, wie sie ihren Fund versilbern können.
Schnell ist ihnen der skrupellose Polizist Frederico, der den gesamten Polizeiapparat benutzt, um sie zu jagen, auf der Fährte.
Denn der von der Polizei ermordete Besitzer des Geldbeutels war ein Mann, der brisante Informationen hatte. Der Code führt, entschlüsselt, zu dem Versteck der politisch brisanten Informationen und viel Geld.
Aus dieser einfachen und bewährten Prämisse entwickelt sich eine flotte actionhaltige Hatz, in der die jugendlichen Darsteller, allesamt Laien ohne Schauspielerfahrung, im Mittelpunkt stehen. Die bekannten und erwachsenen Schauspieler, wie Martin Sheen und Rooney Mara, als ein Priester und seine Assistentin, denen die drei Jungs vertrauen, sind nur Nebencharaktere, die die internationale Verkäuflichkeit dieser Geschichte garantieren, die nicht nur wegen ihres Handlungsortes deutlich von „City of God“ (das sich an ein erwachsenes Publikum richtet) beeinflusst ist. Auch mehrere Menschen, die bei „City of God“ und den Folgewerken dabei waren, sind in „Trash“ involviert. Sie wurden engagiert, um der Geschichte ein möglichst authentisches Flair zu geben. Das gelang ihnen.
Die Regie übernahm Stephen Daldry, der bereits „Billy Elliot“ und „The Hours“ inszenierte. Das Drehbuch ist von Richard Curtis, der die Bücher für „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, „Notting Hill“, „Gefährten“ und „Alles eine Frage der Zeit“ (auch Regie) schrieb. Beide sind sicher nicht als die großen klassenkämpferischen Filmemacher oder Actionfilmer (obwohl es genug Aktion gibt) bekannt, aber ihre Namen bürgen für gute Unterhaltung, die ihr Publikum ernst nimmt; was auch auf „Trash“ zutrifft.
Curtis inszenierte den sehenswerten Jugendfilm als Dan-Brown-artige Jagd durch die Hinterhöfe, Slums, Müllhalden, Friedhöfe und Straßen von Rio als Hohelied auf die Freundschaft von Raphael, Gardo und Rato, deren Optimismus und Lebensfreude mitreisen. Trotz ihrer Armut geben sie nicht auf.

Trash - Plakat

Trash (Trash, Großbritannien 2014)
Regie: Stephen Daldry, Christian Duurvoort (Brasilien)
Drehbuch: Richard Curtis, Felipe Braga (zusätzliches Material)
LV: Andy Mulligan: Trash, 2010 (Trash)
mit Rickson Tevez, Eduardo Luis, Gabriels Weinstein, Martin Sheen, Rooney Mara, Wagner Moura, Selton Mello
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „Trash“
Moviepilot über „Trash“
Metacritic über „Trash“
Rotten Tomatoes über „Trash“
Wikipedia über „Trash“ (deutsch, englisch)
Homepage von Andy Mulligan


Neu im Kino/Filmkritik: Der Möchtegern-Polit-Thriller „Die Lügen der Sieger“

Juni 18, 2015

Christoph Hochhäusler ist kein Dummer. Seine bisherigen Filme, wie „Falscher Bekenner“ und „Unter dir die Stadt“, kamen bei der Kritik ziemlich gut an, er setzt sich auch theoretisch mit dem Film auseinander und er ist einer der Herausgeber der Filmzeitschrift „Revolver“.
Mit seinem neuen Spielfilm „Die Lügen der Sieger“ will er offensichtlich den aktuellen Zustand der Berliner Republik, das Geflecht von Politik, Lobbyismus, Wirtschaftsinteressen, Beratungsfirmen und Journalismus vermessen. Das steht natürlich in der Tradition klassischer Polit-Thriller wie „Die Unbestechlichen“ (über die Watergate-Affäre) und neuerer Polit-Thriller, wie „State of Play“ (die britische TV-Serie und das Hollywood-Spielfilm-Remake).
Aber auch wenn man diese Tradition ignoriert (okay, das fällt schwer. Das ist so, als ob man bei Eric Clapton und den Rolling Stones den Blues-Einfluss ignorieren würde.), ist „Die Lügen der Sieger“ ein, höflich formuliert, sehr enttäuschender Film. Gerade weil er so viel besser als viele andere deutsche Filme, vor allem die unzähligen, banalen Komödien, sein könnte. Und vielleicht bin ich deswegen auch etwas zu ungnädig.
Fabian Groys, hochgelobter Einzelgänger-Journalist in der Hauptstadtredaktion eines Nachrichtenmagazins (jaja, sieht aus und riecht wie „Der Spiegel“), recherchiert eine große Story über den schändlichen Umgang der Bundeswehr mit kriegsversehrten Veteranen. Er vermutet, dass die Regierung für die Behandlung ihrer Leiden nicht aufkommen will. Als er die Praktikantin Nadja Koltes zugeteilt bekommt, wimmelt er sie mit den Recherchen für eine Boulevard-Geschichte ab: in Gelsenkirchen sprang ein Mann in einen Löwenkäfig.
Selbstverständlich – auch wenn es einige Zeit dauert, bis die Zusammenhänge erahnbar werden – hängen diese beiden Geschichten miteinander zusammen.
Und dann geht es noch um eine Gesetzesinitiative, die verhindert werden soll, eine Recyclingfirma, die ihre Angestellten vergiftet, und, weil auch das mit den anderen Geschichten zusammenhängt, um den Einfluss einer im Hintergrund bleibenden Organisation, die man sich am Besten als eine All-inclusive-Lobby-und-Problembeseitigungsfirma vorstellt. Ach, und es geht auch, ganz allgemein um den Einfluss von Lobbyvereinen – und, letztendlich, um alles und um nichts.
Dabei gäbe jedes dieser Themen genug Stoff für einen abendfüllenden Spielfilm. Aber anstatt mit einer klaren Analyse gegen einen Missstand vorzugehen, verzettelt Hochhäusler sich und liefert eine unglaubwürdig an der Wirklichkeit vorschrammende Kolportage ab, die viel zu oft in einer nicht produktiven, sondern nur frustierenden Verwirrung endet, wie diese Szene vom Filmanfang zeigt: wir sehen einen älteren Mann (so um die Fünfzig) der offensichtlich für ein Gespräch präpariert wird. Wir wissen nicht, wer er ist. Wir wissen nicht, um was es in dem wichtigen Gespräch gehen soll. Wir wissen nicht, wer ihn trainiert – und bei seinen Coaches ist auch unklar, ob sie eine dafür engagierte Firma sind und wer welche Position inne hat. So glauben wir zunächst, entsprechend der traditionellen Rollenverteilung, dass der ältere Coach der Chef ist und die etwa gleichaltrige Frau seine Untergebene. Viel später erfahren wir, dass es umgekehrt ist.
Fast keine Frage wird in dieser geheimnisvollen Szene aufgelöst, was jetzt nicht unbedingt ein Problem wäre. Geheimnisvolle Andeutungen steigern ja bekanntlich die Spannung.
Aber weil diese Szene uns mit für die Geschichte wichtigen Charakteren bekannt machen soll (alle drei werden später wichtig), hätten die Filmemacher uns in diesen Momenten ganz klar einige Informationen liefern müssen. Nämlich wer die Charaktere sind, was sie wollen, warum wir uns mit ihnen identifizieren sollen und wer von ihnen für die weitere Geschichte wichtig ist. Aber am Ende dieser Szene wissen wir noch nicht einmal wer der Trainierte ist. Ein Lobbyist? Ein Unternehmer? Ein Politiker? Ein Schauspieler? Wir wissen auch nicht, wofür er trainiert wird.
Diese Szene ist symptomatisch für den gesamten Film: er verkompliziert alles bis zum Gehtnichtmehr. Der Skandal, den der Journalist aufklären will, wird unter einem Berg von weiteren Themen begraben, die alle wichtig sind. Aber es fehlt ein erzählerischer Fokus und damit eine sinnvolle Struktur von Plots und Subplots. Dabei ist gerade in einem Polit-Thriller die Klarheit des Denkens wichtig. Immerhin will er über Missstände aufklären, für Empörung sorgen und zum Handeln auffordern. Nichts davon gelingt „Die Lügen der Sieger“. Eher schon befördert er ein konservativ-reaktionäres Gefühl, das sagt, dass alles hoffnungslos mit allem verflochten ist, alles furchtbar undurchschaubar ist und man sowieso nichts gegen die da Oben machen kann.
Und dabei habe ich noch nichts über den Protagonisten Fabian Groys gesagt, der sich natürlich in seine junge Praktikantin (die er zunächst nicht will, weil er immer allein arbeitet) verliebt, einen Halbstarken-Porsche fährt, alleinstehend, spielsüchtig und zuckerkrank ist. Trotzdem ist er kein komplexer Charakter, sondern eine reine Reißbrett-Figur, bei der seine pompös eingeführte Spielsucht und seine ebenso pompös eingeführte Krankheit für die Haupthandlung vollkommen unwichtig sind. Am Ende, nachdem die Haupthandlung abgeschlossen ist, gibt es dann einen Anschlag auf Groys‘ Leben, der nicht die Skrupellosigkeit der Bösewichter, sondern die Unplausibilität des Drehbuchs demonstriert. Das Hollywood-Äquivalent dazu wäre – ich will ja nichts verraten – der James-Bond-Bösewicht, der erst nachdem er von Bond besiegt wurde, einen von Anfang an zum Scheitern verurteilten Angriff auf Bonds Leben startet.
Dabei hätte man aus Groys‘ Spielsucht und seiner Krankheit wirklich etwas machen können. Immerhin könnten die Bösewichter beides benutzten, um seine Recherchen schwieriger zu gestalten und sie hätten versuchen können, ihn mit seiner Spielsucht und seiner Krankheit zu erpressen.

Die Lügen der Sieger - Plakat

Die Lügen der Sieger (Deutschland/Frankreich 2014)
Regie: Christoph Hochhäusler
Drehbuch: Christoph Hochhäusler, Ulrich Peltzer
mit Florian David Fitz, Lilith Stangenberg, Horst Kotterba, Ursina Lardi, Avred Birnbaum, Jakob Diehl, Cornelius Schwalm
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Die Lügen der Sieger“
Film-Zeit über „Die Lügen der Sieger“
Moviepilot über „Die Lügen der Sieger“


Peter Schaar über „Das digitale Wir“

Juni 18, 2015

Noch ein Buch über das Internet. Wieder einmal geschrieben von einer Person, die sich in den vergangenen Jahren zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit dazu äußerte. Lohnt sich also die Lektüre von Peter Schaars „Das digitale Wir – Unser Weg in die transparente Gesellschaft“?
Ja! Ein uneingeschränktes Ja.
Peter Schaar, für alle, die die letzten Jahre auf einem anderen Planeten lebten, war von 2003 bis Ende 2013 der über alle Parteigrenzen hinweg respektierte und für sein Thema kämpfende Bundesbeauftrage für Datenschutz und Informationsfreiheit. Seine Nachfolgerin Andrea Voßhoff trat nicht nur in große Fußstapfen, sondern erwies sich bis jetzt als Totalausfall, der jeden Kontakt zur Öffentlichkeit vermeidet. Daran ändern auch ihre letzten Wortmeldungen nichts.
Schaar wurde schon im September 2013 Vorsitzender der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID) und er ist immer noch ein gefragter, kämpferischer und kompetenter Streiter für den Schutz der Privatsphäre (vulgo Datenschutz) und den Ausbau der Informationsfreiheit (vulgo Transparentes Handeln des Staates und der Verwaltung).
In „Das digitale Wir“ zeichnet er ein breites Panorama der Digitalgesellschaft in all ihren Schattierungen. Dabei setzt er sich zwischen die Stühle „Alarmismus“ (die Welt geht unter, die Kinder werden immer dümmer und sowieso wird alles schlechter) und „grenzenlosem Utopismus“ (wir sind kurz vor dem Paradies und alle wichtigen Probleme der Menschheit werden mit dem Internet gelöst). Der 1954 geborene Peter Schaar gehört zu den „digital immigrants“, die noch eine Welt ohne Computer auf jedem Schreibtisch kennen und die die rasanten Veränderungen der letzten Jahrzehnte hautnah miterlebten. Beruflich beschäftigte er sich dabei immer mit dem Datenschutz und auch damit, wie ein Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen geschaffen werden kann.
Diese ausgleichende Position ist auch der große Verdienst von „Das digitale Wir“. Er bietet einen gerafften Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte, wie sich bestimmte Probleme (von Großcomputern zu Bürocomputern zum Internet mit all seinen Vernetzungen) und Positionen veränderten und verziert ihn mit einigen wenigen persönlichen Erlebnissen, wenn er von dem Meinungsumschwung der Grünen (er ist Parteimitglied) oder von Aktionen des Chaos Computer Clubs erzählt.
Dieser Rückblick wird schnell zu einem Panorama des Ist-Zustandes, den er – mit einem besonderen Fokus auf Deutschland – unaufgeregt und ohne Dramatisierungen schildert. Er sieht Chancen und Risiken und er weiß, dass es kein Zurück in die analoge Gesellschaft gibt. Es geht also darum, die transparente Gesellschaft zu verstehen und zu gestalten. Wobei er dieser Gestaltung nur wenige Seiten widmet.
Dabei weist er auch darauf hin, dass die derzeitige digitale Geschafft keines der altbekannten Menschheitsprobleme gelöst hat. Ökonomische Ungleichgewichte haben zugenommen und teilweise werden sie durch die Struktur des Internets noch vergrößert. Kriege, Hunger und Umweltkatastrophen gibt es weiterhin. Die Kontrollbegehrlichkeiten der Regierungen, siehe Vorratsdatenspeicherung und die verschiedenen Überwachungsgesetze, wachsen.
Dennoch glaubt er, dass wir noch eine demokratische, an zivilisatorischen Werten orientierte Informationsgesellschaft erreichen können. Dafür muss vor allem der Wille der Politik, also aller Bürger, an einer Gestaltung dieser Welt vorhanden sein.

Schaar - Das digitale Wir

Peter Schaar: Das digitale Wir – Unser Weg in die transparente Gesellschaft
Edition Körber-Stiftung, 2015
224 Seiten
17 Euro

Hinweise
Homepage der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz
Wikipedia über Peter Schaar


TV-Tipp für den 18. Juni: Im Vorhof der Hölle

Juni 18, 2015

EinsPlus, 23.00

Im Vorhof der Hölle (USA 1990, Regie: Phil Joanou)

Drehbuch: Dennis McIntyre

Terry Noonan kehrt zurück in sein altes Viertel Hell’s Kitchen und trifft sich auch gleich wieder mit seinen alten Gangsterkumpels. Was diese nicht wissen: inzwischen ist Terry bei der Polizei.

Klasse Neo-Noir-Krimi, der damals etwas unterging und, optisch und schauspielerisch brillant, in bekannten Gewässern fischt.

Mit Sean Penn, Gary Oldman, Robin Wright, John Turturro, Burgess Meredith, John C. Reilly

auch bekannt als „Im Vorhof zur Hölle“

Wiederholung: Freitag, 19. Juni, 03.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Im Vorhof der Hölle“

Wikipedia über „Im Vorhof der Hölle“ (deutsch, englisch)

The Film Temple über „Im Vorhof der Hölle“

Arte über “Im Vorhof der Hölle”


TV-Tipp für den 17. Juni: Catch me if you can

Juni 16, 2015

Sat.1, 20.15

Catch me if you can (USA 2002, Regie: Steven Spielberg)

Drehbuch: Jeff Nathanson

LV: Frank Abagnale (mit Stan Redding): Catch me if you can: The Amazing True Story of the Youngest and Most Daring Con Man in the History of Fun and Profit, 1980 (Mein Leben auf der Flucht, Catch me if you can)

Spielberg erzählt kurzweilig die wahre Geschichte des Hochstaplers Frank Abagnale. Der Film „ist eine swingende, schwerelose Krimikomödie, die durch Tempo, Charme und Verspieltheit überzeugt.“ (Berliner Zeitung, 30. Januar 2003)

Mit Leonardo DiCaprio, Tom Hanks, Christopher Walken, Martin Sheen, Nathalie Baye, James Brolin, Jennifer Garner

Hinweise

Wikipedia über “Catch me if you can” (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über “Catch me if you can”

History vs. Hollywood überprüft den Wahrheitsgehalt der Hochstaplergeschichte

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


Cover der Woche

Juni 16, 2015

Vallet - Adieu Bulle


TV-Tipp für den 16. Juni: Arte-Themenabend Die Schattenmacht

Juni 16, 2015

Themenabend: Die Schattenmacht
Gut, der eigentliche Themenabend ist nicht sooo lang, aber dann zeigt Arte noch einige Filme, die den Abend zu einem Mega-Themenabend machten:
Arte, 20.15 (VPS 21.10)
Operation Weiße Weste (Deutschland 2015) (über die Mafia in Europa)
Arte, 21.10 (VPS 20.15)
Im Visier der Kartelle: Drogenkrieg in Westafrika (Deutschland 2015)
Arte, 22.00
Gesprächsrunde (megakurze Diskussion zum Themenabend)
Arte, 22.10
Drogen: Amerikans längster Krieg (USA 2012) (Eugene Jarecki über den Kampf der USA gegen Drogen und die Drogenkriminalität)
Arte, 00.00
So kommst Du ins Weiße Haus! – Eine Gebrachsanweisung (Frankreich 2012) (Revue über hundert Jahre US-amerikanischer Präsidentschaftsgeschichte)
Arte, 01.00
Kolumbiens Trauma – Verschwunden im Justizpalast (Kolumbien 2011) (über einen Militäreinsatz in Bogota 1985)
Arte, 02.20
Die Doku „Schlaganfall – Jede Minute zählt“ behandelt jetzt wirklich ein anderes Thema.
Ach ja: alle weiteren Infos hier.


„Heiraten. F#cken. Töten“ – das sollte Klicks geben

Juni 15, 2015

Seeley - Revival 2Seeley - Revival 3

Mit „Hack/Slash“ über eine Frau, die Slasher jagt, wurde Tim Seeley bekannt.
Mit „Revival“ über eine Stadt, in der Erweckte (vulgo Zombies vulgo Untote) zum normalen Teil der Dorfbevölkerung gehören, hat er jetzt eine zweite Comicserie am Start, die nach einem vielversprechendem Anfang verheißungsvoll weitergeht.
In den Sammelbänden „Lebe dein Leben“ und „Ein ferner Ort“ rückt das alltägliche Leben und der unbefangene Umgang mit den Toten in den Vordergrund. Immerhin unterscheiden sie sich kaum von den lebendigen Bewohnern in Wasau, Wisconsin, und sie haben auch keine erkennbar negativen Eigenschaften. Jedenfalls bis jetzt nicht. Trotzdem steht die Stadt unter Quarantäne und, weil keiner weiß, warum nur an diesem Ort Tote wieder auferstehen, sind auch die Medien mit Live-Schaltungen vor Ort. Die Kleinstadt wird zu einem Magneten für Spinner jeglicher Couleur. Gerne auch religiös gefärbte Fanatiker.
Im Mittelpunkt steht immer noch Dana Cypress, eine alleinerziehende, junge Polizistin. Ihr Vater, der Polizeichef, übertrug ihr die Leitung der „Schlichtungseinheit für erweckte Bürger“. Er glaubt, das sei im Moment der langweiligste und daher sicherste Posten. Was natürlich nicht stimmt. Schon bei ihrem ersten Einsatz starb ihre Schwester, die sie zufällig begleitete. Jetzt ist Martha eine Erweckte,
Und dann tauchen noch Weiße Gestalten, Geister mit einer ziemlich tödlichen Agenda, auf.
Mit dem Fokus auf dem alltäglichen Leben zwischen Menschen und Erweckten und ihren Konflikten untereinander gehorcht „Revival“ schon jetzt der auf kein bestimmtes Ende angelegten Endlosdramaturgie mit einer zunehmenden Zahl von miteinander verbundenen Plots. Daher sollte man die Serie von Anfang an zu Lesen. Dann kann sie so etwas wie die „Lindenstraße“ werden.

Seeley - Hack-Slash 11Seeley - Hack-Slash 12
Diese Gefahr besteht bei „Hack/Slash“ nicht. Denn das ist die Ab-18-Jahre-Bad-Taste-Ecke der Videothek, die als würdiger Nachfolger der Mitternachtsvorstellungen und Bahnhofkinos fungiert. Denn wo sonst findet man eine knapp bekleidete Heldin, die als Slasherjägerin anfing und inzwischen auch andere, ähem, Wesen tötet?
Ein strikt chronologisches Lesen ist bei „Hack/Slash“ auch nicht unbedingt nötig. Denn Tim Seeley wechselt zwischen Einzelgeschichten und Episoden, die Teil einer größeren Mythologie sind. Wobei die Einzelgeschichten, die sich lustvoll durch die Tiefen und Untiefen des Horrorfilmgenres pflügen, besser sind. Außerdem gibt es immer wieder Crossover-Geschichten mit anderen Comicserien und Seeley lässt andere Autoren „Hack/Slash“-Geschichten schreiben. Kurz gesagt: während „Revival“ seine Vision ist, ist „Hack/Slash“ ein offener Kosmos.
In „Tote Promis“, dem elften Hack/Slash-Sammelband sind, drei Geschichten enthalten. In „Die Rückkehr von Fantomah“ bittet die geheimnisvolle Frau des Dschungels, die gottgleiche Kräfte hat und Gedanken beeinflussen kann, Cassie und ihren Freund Vlad um Hilfe. Sie sollen ihr bei dem Kampf um ihre Lebenswelt, den Dschungel, helfen.
In „Fame Monster“ (Das Ruhmmonster), die längste und zentrale Geschichte des Sammelbandes, werden Popstars auf bestialische Weise ermordet. Cassie befürchtet, dass ein ihr von früher bekannter Slasher zurückgekehrt ist.
Wohl oder über muss sie mit Vlad nach Manhattan gehen und das dortige „Promis für Promis“-Benefizkonzert besuchen, damit es nicht in einem Massaker endet.
Und „Hatchet/Slash“, geschrieben von Benito Cereno, erzählt von einer Gruppe New-Orleans-Besucher, die in die Sümpfe gefahren sind, um den Geist von Victor Crowley zu sehen. Das ist natürlich eine Legende. Trotzdem verschwinden die Besucher und Cassie glaubt, dass mehr dahintersteckt.
In „Heiraten. F#cken. Töten.“, dem zwölften Hack/Slash-Sammelband, sind die Geschichten „Interdimensionaler Ausbruch aus dem Frauenknast“ und „Monsterjagd“ enthalten. Die beiden vorzügliche Einzelgeschichten spielen, – mal wieder –, gelungen mit den bekannten Filmklischees.
In „Interdimensionaler Ausbruch aus dem Frauenknast“ brechen drei der gefährlichsten Häftlinge aus einem Gefängnis (also genaugenommen dem Hochsicherheitstrakt für Frauen in der White-Ward-Strafanstalt in der Paralleldimension 555, auch bekannt als Purgatorium) aus und flüchten in eine andere Galaxis auf den schönen Planeten Erde. Dort wollen die Ausbrecherinnen (eine von ihnen nennt sich Bomb Queen [alles klar?]) eine Welt nach ihrem Geschmack errichten. Nur Cassie Hack kann vielleicht das Schlimmste verhindern.
In „Monsterjagd“ geht es in das noch nicht erschlossene Doyle Valley im Regenwald Nordwestguyanas. Dort drehten die Monster Bait Studios in den späten Fünfzigern vierzig schlechte B-Horrorfilmen, die möglicherweise die Fassade für etwas viel schlimmeres waren.
Und dann passiert, was immer in diesen Horrorfilmen passiert: der Gastgeber entpuppt sich als Fiesling, der seine Gäste töten will.
Oh, und alle Monster aus den Filmen waren keine schlechten Tricks, sondern sie existieren und sie haben Cassie und ihre Freunde zum Fressen gerne.
Gerade „Heiraten. F#cken. Töten.“ spielt die Stärken der Hack/Slash-Serie voll aus: respektloser Humor, eine große Liebe zu den schlechten Horror- und Monsterfilmen, die unsere Sonntagnachmittage verschönerten und eine taffe, äußerst knapp bekleidete Heldin.
Was jetzt nicht heißt, dass „Tote Promis“ schlecht ist. Es hat halt nur ein, zwei popkulturelle Anspielungen weniger.

Tim Seeley: Hack/Slash – Heiraten, f#cken, töten (Band 12)
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2015
160 Seiten
19,80 Euro

Originalausgabe
Hack/Slash: Marry F#ck Kill
Image, 2012

enthält
Tim Seeley (Text)/Daniel Leister (Zeichnungen): Interdimensionaler Ausbruch aus dem Frauenknast
Tim Seeley (Text)/Daniel Leister, Emilio Laiso (Zeichnungen): Monsterjagd

Tim Seeley: Hack/Slash – Tote Promis (Band 11)
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2014
160 Seiten
19,80 Euro

Originalausgabe
Hack/Slash: Dead Celebrities
Image, 2012

enthält
Tim Seeley (Text)/Kyle Strahm (Zeichnungen): Die Rückkehr von Fantomah
Tim Seeley (Text)/Daniel Leister (Zeichnungen): Fame Monster
Benito Cereno (Text)/Ariel Zucker-Brull (Zeichnungen): Hatchet/Slash

Tim Seeley (Text)/Mike Norton (Zeichnungen): Revival – Ein ferner Ort (Band 3)
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2015
128 Seiten
18 Euro

Originalausgabe
Revival, Volume 3: A faraway place
Image Comics, 2014

Tim Seeley (Text)/Mike Norton (Zeichnungen): Revival – Lebe dein Leben (Band 2)
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2014
128 Seiten
18 Euro

Originalausgabe
Revival, Volume 2: Live like you mean it
Image Comics, 2013

Hinweise

Homepage von Tim Seeley

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: (Re)Animatoren (Band 5)“ (Hack/Slash: Reanimation Games, 2009)

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: My First Maniac – Wie alles begann (Band 9)“ (Hack/Slash: Me without you, 2010)

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: Folterverliebt (Band 10)“ (Hack/Slash: Torture Porn, 2011)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival: Unter Freunden (Band 1)“ (Revival, Volume 1: You’re among friends, 2012)


TV-Tipp für den 15. Juni: Fluchtpunkt Nizza

Juni 15, 2015

Eins Festival, 20.15/23.05

Fluchtpunkt Nizza (Frankreich 2005, Regie: Jérôme Salle)

Drehbuch: Jérôme Salle

Chiara ist die Geliebte des international gesuchten Geldwäschers Anthony Zimmer. Um die sie verfolgenden Polizisten abzulenken, flirtet sie im Zug nach Nizza mit dem biederen Übersetzer Francois. Der wird von den Verfolgern für Anthony Zimmer gehalten.

Locker-flockiger und extrem kurzweiliger Thriller, der ein vergessenswertes Hollywood-Remake „The Tourist“ (von Florian Henckel von Donnersmarck mit Angelina Jolie und Johnny Depp) erhielt.

Salles Werk war als bestes Debüt für einen César nominiert.

mit Yvan Attal, Sophie Marceau, Sami Frey, Daniel Olbrychski

auch bekannt als „Anthony Zimmer“

Hinweise

Wikipedia über „Anthony Zimmer“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Largo Winch – Tödliches Erbe“ (Largo Winch, Frankreich 2008)

Meine Besprechung von  Jérôme Salles „Largo Winch II – Die Burma-Verschwörung“ (Largo Winch II, Frankreich/Belgien/Deutschland 2011)

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Zulu“ (Zulu, Frankreich/Südafrika 2013)


„Das Evangelium des Blutes“ und andere Geheimnisse der katholischen Kirche

Juni 14, 2015

Rollins - Cantrell - Das Evangelium des Blutes - 2

Wer diese unglaublich dicken Thriller, in denen irgendein wichtiger Gegenstand aus der Vergangenheit, der die Welt verändern kann, und den jetzt mehrere verfeindete Gruppen wollen, blöd findet, kann „Das Evangelium des Blutes“ von James Rollins und Rebecca Cantrell getrost ignorieren. Denn dieser über sechshundertfünfzigseitige Roman wird ihn nicht bekehren.
Das titelgebende „Evangelium des Blutes“ ist von Jesus höchstpersönlich mit seinem Blut geschrieben und es könnte, in den falschen Händen, die Geschichte der Menschheit verändern. Die richtigen Hände sind natürlich in der katholischen Kirche und bis das Evangelium dorthin gelangt, müssen die Archäologin Erin Granger, Single, jung und taff,
Sergeant Jordan Stone, Neuntes Ranger-Bataillon, vorher in Afghanistan stationiert und ihr Love-Interest, und Pater Rhun Korza, Gesandter des Vatikans und Sanguinarier, weshalb er als büßender Vampir ziemlich unverletzbar ist (Silberkugeln und Sonnenlicht helfen nicht), innerhalb von drei Tage in Israel, Bayern (inclusive einem Kampf gegen Fledermäuse und Vampire in einem in einem See gelegenem Nazi-Bunker), St. Petersburg (inclusive einem heimlichen Besuch der unterirdischen Erimitage-Lagerräume) und in Rom zahlreiche Abenteuer erleben. Der Höhepunkt des Romans ist dann unter dem Petersdom.
Die Geschichte beginnt in Israel mit einem Erdbeben. In Masada wird dabei ein Zugang zu einer fast zweitausend Jahre verschlossenen Gruft offengelegt, in dem der mumifizierte Körper eines damals eingeschlossenen Mädchens (deren Sterbedatum zunächst einige Rätsel aufgibt), ein Eisernes Kreuz aus dem Zweiten Weltkrieg in ihrer Hand und ein geöffneter Sarkophag, in dem ein Buch lag, das sie bewachen sollte, sind. Das Buch war das von Jesus geschriebene, besonders machtvolle Evangelium. Unsere Helden nehmen die Spur auf, die sie zunächst nach Süddeutschland führt.
Das könnte sich jetzt in den üblichen Bahnen eines Abenteuer-Thrillers mit viel Action und einigen historischen Geheimnissen bewegen, wenn James Rollins und Rebecca Cantrell nicht die Hälfte ihrer Charaktere zu Vampiren machen würden. So ist Rhun Korza einer dieser Blutsauger, der allerdings seine Gier nach Blut zügeln kann. Die beiden erfinden eine herrliche, historisch gesättigte Parallelwelt, in der all die Sagen und Legenden über Vampire und andere nicht menschliche und nicht tierische Wesen mehr oder weniger wahr sind. Und viele bekannte Charaktere, die in unserer Realität schon vor langer Zeit gestorben sind, wie Grigori Jefimowitsch Rasputin, quicklebendig auftauchen.
Insgesamt liest sich „Das Evangelium des Blutes“ wie die Vorlage für einen Fantasy-Thriller voller Kämpfe, fantastischer Begegnungen und schneller Ortswechsel, der demnächst im Multiplex um die Ecke läuft. Strandlektüre eben, die am Ende schamlos eine Fortsetzung ankündigt.
Für Ende Juli ist diese Fortsetzung „Das Blut des Verräters“. (Innocent Blood – The Blood Gospel 02, 2014) angekündigt.
In den USA ist bereits der dritte Band „Blood Infernal“ (2015) erschienen, der das Ende der „The Order of the Sanguines“-Trilogie ist. Aber Rollins und Cantrell schließen weitere, in dieser Welt spielende Geschichten nicht aus.

James Rollins/Rebecca Cantrell: Das Evangelium des Blutes
(übersetzt von Norbert Stöbe)
Blanvalet, 2014
672 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Blood Gospel
William Morrow, 2012

Hinweise
Homepage von James Rollins
Homepage von Rebecca Cantrell
Meine Besprechung von James Rollins‘ „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ (Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull, 2008)
Excuse Me, I’m Writing: Interview mit James Rollins und Rebecca Cantrell über „Das Evangelium des Blutes“ (Januar 2013)
The Big Thrill: Interview mit James Rollins und Rebecca Cantrell zu „Blood Infernal“ (Januar 2015)


TV-Tipp für den 14. Juni: Lord of War – Händler des Todes

Juni 13, 2015

Arte, 21.00

Lord of War – Händler des Todes (USA 2005, Regie: Andrew Niccol)

Drehbuch: Andrew Niccol

There are over 550 million firearms in worldwide circulation. That’s one firearm for every twelve people on the planet. The only question is: How do we arm the other 11? (Yuri Orlov)

Einer der wenigen ansehbaren Nicolas-Cage-Filme, die der Schauspieler in diesem Jahrzehnt drehte. Dafür sammelte er in den vergangenen Jahren Razzie-Nominierungen.

In der knalligen Satire „Lord of War – Händler des Todes“ spielt er Yuri Orlov, einen Waffenhändler, der ungefähr jeden Potentaten der Nach-Kalter-Kriegs-Welt mit Waffen beliefert. Der Film erzählt in kurzen Episoden die Geschichte seines märchenhaften Aufstiegs von den Hinterhöfen Little Odessas in die Hinterhöfe der Weltpolitik. Denn mit dem illegalen Waffenhandel kann viel Geld verdient werden.

That was intentional, just to be a little subversive and make almost like a ‘how-to’ film – how to be an arms dealer – and I thought that would be a more interesting way into it than a typical story structure. (Andrew Niccol)

Im Anschluss, um 23.00 Uhr, läuft die spielfilmlange Doku „Wiktor But, der wahre Händler des Todes“ (GB 2014, Regie: Maxim Pozdorovkin, Tony Gerber)

Mit Nicolas Cage, Jared Leto, Bridget Moynahan, Ian Holm, Ethan Hawke

Wiederholung: Dienstag, 16. Juni, 00.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über “Lord of War”

Drehbuch „Lord of War“ von Andrew Niccol

Moviefreak: Interview mit Andrew Niccol

IGN: Interview mit Andrew Niccol

Spike: Andrew Niccol redet über „Lord of War“

Meine Besprechung von Andrew Niccols “Seelen” (The Host, USA 2013)


TV-Tipp für den 13. Juni: Bank Job

Juni 13, 2015

ZDFneo, 20.15/23.45

Bank Job (GB 2008, Regie: Roger Donaldson)

Drehbuch: Dick Clement, Ian La Frenais

Dick Clement und Ian La Frenais sind zwei alte Hasen im britischen Filmgeschäft. Sie schrieben unter anderem die Drehbücher zu „Commitments“, „Wasser – Der Film“, etlichen Lovejoy-Folgen (in Deutschland nie gezeigt) und zu „Die alles zur Sau machen“ (Villain).

Mit ihrem Edgar-nominierten Film „Bank Job“ kehrten sie wieder in die frühe Siebziger und dem von ihnen mit „Villain“ mitbegründeten britischen Gangsterfilm zurück. Dieses Mal lassen sie sich von einem wahren Bankraub inspirieren. Am 11. September 1971 raubten einige Kleingauner aus der Lloyd’s Bank 500.000 Pfund (was heute sechs Millionen Euro wären). Die Zeitungen füllten ihre Spalten mit Sensationsberichten über den „Walkie-Talkie-Einbruch“. Vier Tage lang. Dann untersagte die Regierung aus Gründen der nationalen Sicherheit weitere Berichte, vier Räuber wurden verhaftet, ihren Namen wurden nie bekannt, das Strafmaß ist unbekannt, große Teile der Beute verschwunden und die Akten darüber sind bis 2054 unter Verschluss. Das Team Clement/La Frenais hat jetzt mit „Bank Job“ eine Geschichte erfunden, die die Wahrheit sein könnte.

Und Roger Donaldson hat im Retro-Look einen angenehm altmodischen Ganovenfilm über den großen Coup, gewürzt mit einer Prise Polit-Thriller, gedreht.

Mit Jason Statham, Saffron Burrows, Stephen Campbell Moore, Daniel Mays, James Faulkner, Alki David

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Bank Job“

Rotten Tomatoes über “Bank Job”

Wikipedia über „The Bank Job“ (Englisch, mit Informationen zu den wahren Hintergründen)

Mirror über die wahren Hintergründe: Bank job that opened the door on a royal sex scandal (16. Februar 2008 )

Telegraph schreibt über die wahren Hintergründe und redet mit Dick Clement: Revisiting the riddle of Baker Street (15. Februar 2008 )

Noir of the Week über “The Bank Job”

Meine Besprechung von Roger Donaldsons „The November Man“ (The November Man, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Beyond Punishment“ – eine sehenswerte Dokumentation über die Zeit nach der Verurteilung

Juni 12, 2015

In der Dokumentation „Beyond Punishment“ heißt es Restorative Justice, bei uns wird von Täter-Opfer-Ausgleich und Wiedergutmachung gesprochen und sie trifft einen Teil der in der Dokumentation angesprochenen drei Fälle. Nur in einem Fall könnten sich Täter und Opfer begegnen. Wobei hier die Opfer des Verbrechens die Hinterbliebenen sind. Denn Hubertus Siegert („Berlin Babylon“) zeigt an drei unterschiedlichen Mordfällen in drei Ländern, wie die Hinterbliebenen und die Täter, so sie bekannt sind, zu einer neuen Sicht auf die Tat kommen und damit die seelischen Folgen verarbeiten können.
Im Presseheft steht dazu: „Geleitet von der Frage, ob der Schmerz über den Verlust tatsächlich geringer wird, wenn man nicht auf Vergeltung und Strafe hofft, wird Neuland betreten. Das Konzept der Restorative Justice geht davon aus, dass es hilfreich sei die andere Seite zu verstehen, also zu erfahren, was den anderen bewogen hat, die Tat zu begehen. Oft wird angenommen, dass eine tatsächliche Begegnung zwischen den beteiligten Menschen machbar und hilfreich sei.“
Diese direkte Begegnung gibt es im Green Bay Hochsicherheitsgefängnis in Wisconsin, wo der Film beginnt, nicht. Dort gibt es seit 1997 ein ehrenamtlich durchgeführtes psychosoziales Programm, in dem Häftlinge sich mit ihren Gewalttaten, wie Mord, Vergewaltigung und Körperverletzung, und den Folgen für die Betroffenen und Hinterbliebenen auseinandersetzen müssen. Ein Teil des Programms ist ein Gesprächskreis, in dem Täter und Opfer von ihren Erfahrungen erzählen. Weil es sich bei den Tätern und Opfern um verschiedene Fälle handelt, ist hier auch kein Täter-Opfer-Ausgleich möglich ist. Aber es kann Verständnis für die andere Seite geweckt werden. Also dass der andere als Mensch wahrgenommen wird.
Zu den Teilnehmer des Gesprächskreis gehören Leola und ihre Tochter Lisa, die vor elf Jahren bei einer alltäglichen Auseinandersetzung in der Bronx ihren sechzehnjährigen Sohn und Bruder verloren. Er wurde vor ihrer Wohnung in einem Supermarkt erschossen. Der Täter wurde zu vierzig Jahren Haft verurteilt.
Der zweite Fall führt nach Norwegen. Dort ermordete Stiva seine sechzehnjährige Freundin. Ihr Vater Erik fragt sich, wie er damit umgehen soll, wenn er Stiva, der nur eine kurze Haftstrafe verbüßen muss, vielleicht in wenigen Jahren auf der Straße begegnet.
Der dritte Fall fällt aus dem bisherigen Rahmen. Denn es geht um einen politisch motivierten Mord, bei dem die Täter immer noch unbekannt ist. Patrick von Braunmühl, Sohn des 1986 von der RAF getöteten Beamten Gero von Braunmühl, möchte verstehen, warum die RAF seinen Vater ermordete. Sein Gesprächspartner ist das RAF-Gründungsmitglied Manfred Grashof, der bereits 1972 verhaftet und 1988 begnadigt wurde. Damals war er schon aus der RAF ausgestiegen, weshalb er auch nichts über die damalige Denkweise der RAF sagen kann.
„Beyond Punishment“ illustriert mit diesen Fällen ein Konzept, das in der Öffentlichkeit kaum diskutiert wird. Es würde den derzeitigen Verfahren eine weitere Dimension hinzufügen und die starren Grenzen des Strafrechts mit seinen formalen Erfordernissen überwinden. Die Grenzen des Konzepts spricht Siegert höchstens nebenbei an. So hat das in den USA praktizierte Stellvertreter-Konzept den Nachteil, dass sich nicht wirklich die Betroffenen der Tat gegenübersitzen. Daher kann es zu keiner Form der Vergebung kommen. Es kann höchstens Verständnis für andere Positionen geweckt werden; was angesichts des auch von Lisa und Leola geäußerten Straf- und Vergeltungsbedürfnisses schon ein erster Schritt wäre. Es wäre eine Abkehr von alttestamentarischen Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Gerechtigkeitsvorstellungen.
Außerdem lehnt der Täter in diesem Fall das Gespräch ab, weil er behauptet unschuldig zu sein und er den Hinterbliebenen daher nicht das geben könne, was sie gerne hätten. Doch auch wenn er zustimmen würde, käme es zu keinem Gespräch, weil die US-Justiz ein solches Treffen ablehnt. Nur Siegert durfte mit ihm sprechen.
Bei dem deutschen Fall sitzen sich letztendlich zwei Stellvertreter gegenüber, was etwas von einer TV-Talkrunde hat. Außerdem, und das ist ein Problem unseres Strafrechts, würden die Täter, wenn sie ihre Tat gestehen, gleichzeitig ein Gerichtsverfahren mit anschließender Haftstrafe gegen sich in Gang setzen. Denn Mord verjährt nicht.
In dem norwegischen Fall wäre so eine Vergebung möglich. Aber Erik, der Vater, lehnt am Ende das Gespräch mit dem sich inzwischen wieder in Freiheit befindendem Täter ab, weil er durch die Arbeit an der Dokumentation für sich mit dem Tod seiner Tochter abschließen konnte.
Diese Abschlüsse der drei Fälle zeigen auch schon eine Grenze der Restorative Justice auf: die Betroffenen müssen freiwillig miteinander reden. Das wird nicht in jedem Fall möglich sein. Und ist, vor allem wenn es um sexuelle und häusliche Gewalt geht, auch nicht in jedem Fall erwünscht.
„Beyond Punishment“ zeigt in einem ruhig-distanzierten, sensationslüsterne Zuspitzungen vermeidenden Stil wie Hinterbliebene und Täter mit den Folgen ihrer Tat, die hier in zwei Fällen eine Affekttat war, umgehen und auch wie sie versuchen, mit dieser Tat zu leben. Der Film, der sich auf die Täter und wenige direkte Hinterbliebene, insgesamt sieben Personen, konzentriert, liefert keine fertigen Antworten, sondern er regt anhand einiger Schicksale zum Nachdenken an. Auch über verschiedene Rechtssysteme, staatliche Gerichsverfahren, ihre Grenzen und was es vielleicht noch zusätzlich geben muss. Und er zeigt, wie wichtig es ist, miteinander darüber zu reden. Auch wenn dieses ‚miteinander‘ nicht unbedingt Täter und Hinterbliebene und nicht unbedingt zur gleichen Zeit im gleichen Raum bedeutet.

Beyond Punishment - Plakat - 4

Beyond Punishment (Deutschland 2015)
Regie: Hubertus Siegert
Drehbuch: Hubertus Siegert
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Filmportal über „Beyond Punishment“
Film-Zeit über „Beyond Punishment“
Moviepilot über „Beyond Punishment“
Wikipedia über „Beyond Punishment“


TV-Tipp für den 12. Juni: Inside Man

Juni 12, 2015

RTL II, 20.15

Inside Man (USA 2006, Regie: Spike Lee)

Drehbuch: Russell Gewirtz

Dalton Russell überfällt eine Wall-Street-Bank. Schnell wird sie von der Polizei umzingelt und Detective Keith Frazier beginnt mit den Verhandlungen. Spätestens als Madaline White als Unterhändlerin des Bankgründers auftaucht und sich in die Verhandlungen einmischt, weiß er, dass er es nicht mit einem normalen Banküberfall zu tun hat.

„‘Inside Man’ ist ein typischer Spike-Lee-Film, insofern er in jeder Sekunde ein bisschen mehr ist al ein reiner Genrefilm. Er macht böse Witze ebenso über den kulturellen Reichtum New Yorks wie über Post-9/11-Paranoia und War-on-Terror-Vorurteile. Er analysiert die Mechanik der Macht, verbindet sie mit gesellschaftlicher Hierarchie und bricht sie an der Politik der Hautfarben.“ (Alexandra Seitz: Inside Man, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)

Ein feiner Thriller

Für die Langplaner: am Sonntag, den 20. Juni, zeigt Arte um 22.55 Uhr Spike Lees  Doku „Bad 25“ (USA 2012) über die Entstehung von Michael Jacksons Hit-Album „Bad“. Gezeigt wird eine einstündige Fassung; die Originalfassung dauert über zwei Stunden.

mit Denzel Washington, Clive Owen, Jodie Foster, Willem Dafoe, Chiwetel Ejiofor, Christopher Plummer

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Inside Man“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Inside Man“

Rotten Tomatoes über “Inside Man”

Drehbuch “Inside Man” von Russel Gewirtz (Fassung vom 17. Januar 2005)

Meine Besprechung von Spike Lees „Buffalo Solders ’44 – Das Wunder von St. Anna“ (Miracle at St. Anna, USA/Italien 2008)

Meine Besprechung von Spike Lees “Oldboy” (Oldboy, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „Victoria“ – ein Film ohne Schnitte

Juni 11, 2015

Zum Film gehört der Schnitt. Mit Schnitten werden Geschichten erzählt. Sie akzentuieren das Geschehen, sie stellen Zusammenhänge her, sie vermitteln Informationen. Und genau deshalb sind Filmemacher immer wieder von der Idee fasziniert, einen Film ohne einen einzigen Schnitt herzustellen. Solange das technisch unmöglich war, wurde mit Tricks gearbeitet. Das bekannteste Bespiel dürfte Alfred Hitchcocks „Rope – Cocktail für eine Leiche“ (USA 1948) sein. Ein verfilmtes Theaterstück, das schon deshalb die Einheit von Raum und Zeit hatte.
Fast unbekannt ist Josh Beckers „Running Time – Der fast perfekte Überfall“ (USA 1997), ein siebzigminütigr SW-Gangsterfilm mit Bruce Campbell, der zu einem großen Teil auf den Straßen von Los Angeles spielt und die Geschichte eines schief gehenden Überfalls erzählt. Eine sehr gelungene, fast unbekannte Fingerübung; wobei auch hier, wie bei „Rope“, etwas geschummelt wurde.
Ein jüngeres Beispiel ist Aleksandr Sokurovs „Russian Ark – Eine einzigartige Zeitreise durch die Eremitage“ (Russland/Deutschland 2002). In einer einzigen Kamerafahrt durch die Räume der Eremitage werden drei Jahrhunderte russischer Geschichte lebendig. Der Film war, wegen der 2000 beteiligten Schauspieler, eine logistische Herausforderung.
Vor einem halben Jahr kam Alejandro González Iñárritus „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ (USA 2014) in unsere Kinos. Ein mitreisender Film, der ohne einen erkennbaren Schnitt von den hektischen Stunden und den Ängsten des Regisseurs vor der Premiere eines Theaterstücks erzählt.
Und jetzt „Victoria“, ein einhundertvierzig-minütiger Brocken von einem Film, der die Geschichte eines schief gehenden Überfalls erzählt, der in Berlin spielt und der ohne einen einzigen Schnitt gedreht wurde, was vor allem für den Kameramann Sturla Brandth Grøvlen, der bei der ganzen Lauferei auch immer die Kamera schleppen musste, auch eine physische Herausforderung war.
Dabei beginnt die Nacht eigentlich ganz ruhig. Victoria (Laia Costa) aus Madrid tanzt selbstvergessen in einer Disco und will sich gerade auf den Heimweg machen, als sie Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) trifft und spontan beschließt, mit den vier Berliner Jungs noch etwas abzuhängen. Die Jungs blödeln, zeigen ihr ihre Welt, reden über Gott und die Welt und dass sie noch etwas vor haben.
Durch ein, zwei dumme Zufälle soll Victoria ihnen dann bei einem Banküberfall helfen.
Sebastian Schipper („Absolute Giganten“) erzählt hier in einer kurzen Zeitspanne einen großen emotionalen Bogen von jugendlicher Unbeschwertheit bis hin zu tiefster Verzweiflung und er scheut dabei niemals die großen Gefühle.
Mit 140 Minuten ist „Victoria“ allerdings auch zu lang geraten, was auch daran liegt, dass das Vorspiel ziemlich lange dauert, schon die Länge eines Spielfilms hat und als Nouvelle-Vague-artige Beobachtung einiger kleinkrimineller Jugendlicher der bessere Teil des Films ist. Hier lässt Schipper sich und den Schauspielern Zeit. Sie streunen angenehm ziellos durch die letzten Nachtstunden. Es sind die Stunden, in denen man noch nicht nach Hause gehen will. Auch wenn man es sollte.
Die Verbrechergeschichte wird erst spät wichtig und vor allem nach dem Banküberfall (den wir nicht sehen) werden einfach die bekannten Situationen aus einem Gangsterfilm abgespult. Es gibt Streit um die Beute, die Polizei verfolgt sie, es fallen Schüsse, Menschen sterben, andere Menschen werden verletzt, Wohngebäude werden abgeriegelt, eine Flucht funktioniert und am Ende sind fast alle Hauptdarsteller tot. Das hat dann nicht mehr die spielerische Leichtigkeit des ersten und längeren Teils, sondern ist das pflichtschuldige Abhaken aller Gangsterfilmklischees.
Nachvollziehbar, aber für uns deutsche Kinozuschauer problematisch, ist Schippers Entscheidung, die Geschichte fast ausschließlich auf Englisch zu erzählen. Das begünstigt sicher die internationale Verkäuflichkeit von „Victoria“, aber die deutschen Kinozuschauer müssen sich einen „Original mit Untertitel“-Film, mit wenigen, wie Fremdkörper wirkenden deutschen Sätzen ansehen und wir Berliner müssen glauben, dass eine Gruppe kleinkrimineller Jugendlicher, die wahrscheinlich kaum die Hauptschule geschafft hat, besser Englisch als ein Simultandolmetscher spricht.
Obwohl „Victoria“ eine deutsche Geschichte, eine Berliner Geschichte mit viel Berliner Flair, erzählt, fühlt man sich beim Ansehen des Films fremd im eigenen Land. Trotzdem ist der Film nicht nur als formales Experiment, sondern als emotional packendes Kino sehenswert. Erfrischend undeutsch, aber auch etwas maßlos in seiner Laufzeit.

Victoria - Plakat

Victoria (Deutschland 2015)
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Frederik Schulz
mit Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit, Max Mauff, André Hennicke
Länge: 140 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Fillm
Berlinale über „Victoria“
Filmportal über „Victoria“
Film-Zeit über „Victoria“
Moviepilot über „Victoria“
Wikipedia über „Victoria“


Neu im Kino/Filmkritik: Herzlich willkommen in der „Jurassic World“

Juni 11, 2015

In „Jurassic Park“ hatte Dr. John Hammond die Vision eines gewaltigen Themenparks, in dem wir uns echte Dinosaurier ansehen können. Er zeigte einigen Wissenschaftlern seine Vision – und die Dinos jagten auf der Insel die Menschen.
Der Film, inszeniert von Steven Spielberg, nach einem Bestseller von Michael Crichton, war 1993 ein Welterfolg. Es folgte „Vergessene Welt: Jurassic Park“, in dem Dinos auf der Insel Menschen jagten und ein Dino sogar – Erinnert ich euch an King Kong? – halb San Diego zertrampeln durfte. In „Jurassic Park III“ jagten die Dinos dann wieder nur auf einer Insel Menschen und, wie schon in den vorherigen Teilen, mussten Erwachsene einige Kinder vor den gefräßigen Tieren retten.
In „Jurassic World“ gibt es jetzt den von Hammond erträumten Themenpark, der auch von Menschenmassen besucht wird. Der zweite und dritte „Jurassic Park“-Film fanden anscheinend in einer anderen Galaxis statt. Denn dass jemand einen Vergnügungspark einrichtet mit Tieren, die Vorstädte verwüsten und die auf einer militärisch abgeschotteten Insel leben, ist, auch wenn wir den Menschen jede Blödigkeit zutrauen, unvorstellbar. Immerhin sind in „Jurassic World“ die Menschen, also vor allem der Genetiker Dr. Henry Wu (BD Wong, bekannt aus dem ersten Film), munter dabei, in der Dinosaurier-DNA herumzupfuschen. Ihre neueste Züchtung ist ein Indominus Rex, eine Kreuzung aus T. Rex, Carnotaurus, Majungasaurus, Rugops, Gigantosaurus undsoweiter; – halt alles, was für Menschen gefährlich und tödlich ist. Er ist besonders stark, blutrünstig und intelligent. Die Macher glauben, dass er bald eine große Attraktion im Dino-Themenpark wird.
Er bricht aus seinem Gehege aus und macht sich auf den Weg zur Vergnügungsmeile des Themenparks. Dabei tötet er alles, was ihm über den Weg läuft.
Der Verhaltensforscher und Ex-Soldat Owen (Chris Pratt), sozusagen der Dino-verstehende Jäger, der es geschafft hat, als Alphatier einiger Velociraptoren anerkannt zu werden, und Claire (Bryce Dallas Howard), eine anfangs ziemlich zickige, nur auf Zahlen fixierte Managerin, jagen ihm hinterher. Denn der Indominus Rex verfolgt Claires Neffen Zach (Nick Robinson) und Gray (Ty Simkins), die nur ein schönes Wochenende auf der Insel verbringen sollten.
Während Masrani (Irrfan Khan), ein Milliardär und Besitzer des Themenparks, die Sache gerne unauffällig bereinigen möchte, sieht InGen-Vertreter Vic Hoskins (Vincent D’Onofrio) die Chance für eine militärische Leistungsschau, inclusive intelligenter, von Owen im Kampf angeführter Dinos.
Und die Themenpark-Besucher dürfen schreiend vor den Dinos davonlaufen.
Gut, wegen der besonders tiefschürenden Geschichte geht niemand in einen „Jurassic Park“-Film. Sondern wegen der Tricks. Und die sind, wieder einmal, beeindruckend.
Auch die Geschichte ist, für einen Blockbusterfilm, gut. Die Spannung wird kontinuierlich aufgebaut und am Anfang nehmen die Macher sich viel Zeit, um in die Welt des Themenparks einzuführen und die wichtigen Charaktere vorzustellen. Diese sind durchweg sparsam skizzierte Klischeefiguren: der Tierversteher mit leichter Macho-Attitüde, der egozentrische Kapitalist, der skrupellose Forscher, der das Recht des Stärkeren propagierende Privat-Militär, der sarkastische Witzbold (yeah, die Jeff-Goldblum-Rolle). Die wenigen Frauenrollen sind besonders sparsam skizziert. Eigentlich hat nur Claire eine etwas größere Rolle, die sich letztendlich darauf beschränkt, den strammen Naturburschen Owen zu bewundern und ihrem Chef hinterherzulaufen und ihm Ideen zur Steigerung der Rendite zu präsentieren. Aber dank der guten Schauspieler werden aus ihnen glaubwürdige Charaktere, wobei gerade die beiden Hauptdarsteller Chris Pratt und Bryce Dallas Howard wenig aus ihren Charakteren herausholen können.
Es werden auch – nicht besonders tiefschürend, aber immerhin – einige ethische Fragen gestellt. Es geht um den Kapitalismus (immerhin muss der Vergnügungspark jedes Jahr neue Attraktionen haben, um sein Publikum zu halten und einen größeren Gewinn abzuwerfen), den Machbarkeitswahn des Menschen, den ungeplanten Folgen von Eingriffen in das Erbgut und dem Umgang mit Tieren.
Es gibt viele Hinweise auf „Jurassic Park“ und, auch wenn der Film von Colin Trevorrow (Journey of Love – Das wahre Abenteuer ist die Liebe) inszeniert wurde, steht überall Steven Spielberg. In jedem Charakter, vor allem den Kindern, der Kameraführung, der Musik, der Inszenierung und natürlich der Suche nach der heilen Welt, verstanden als die funktionierende Kernfamilie aus beiden Eltern und ihren Kindern. Claire hat am Filmanfang noch keine Mann. Zach und Gray befürchten am Anfang, dass ihre Eltern sich scheiden lassen.
„Jurassic World“ ist gelungenes, angenehm altmodisches und storyzentriertes Blockbuster-Kino, das für Ältere selbstverständlich „Westworld“ mit Dinos ist. Michael Crichton, der Autor des Romans, der die Grundlage für den ersten „Jurassic Park“-Film (ja, und den zweiten „Jurassic Park“-Film „Vergessene Welt“) war, erfand auch „Westworld“; ein Themenpark, in dem menschenähnliche Roboter entgegen ihrer Programmierung Menschen töteten.
P. S.: Ich habe den Film in 3D im IMAX gesehen – und dieses Mal lohnt es sich wirklich.
Hier in Berlin wird der Film, so die Planung, bis zum 9. Juli, dem Start des neuen „Terminator“-Films „Terminator: Genisys“, im IMAX gezeigt.

Jurassic World - Plakat

Jurassic World (Jurassic World, USA 2015)
Regie: Colin Trevorrow
Drehbuch: Rick Jaffa, Amanda Silver, Derek Connolly, Colin Trevorrow
LV: Charaktere von Michael Crichton
mit Chris Pratt, Bryce Dallas Howard, Ty Simpkins, Nick Robinson, Vincent D’Onofrio, Judy Greer, BD Wong, Omar Sy, Jake Johnson, Irrfan Khan, Katie McGrath
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Andere deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Jurassic World“
Moviepilot über „Jurassic World“
Metacritic über „Jurassic World“
Rotten Tomatoes über „Jurassic World“
Wikipedia über „Jurassic World“ (deutsch, englisch)