Weil „Das Leben des Brian“ erst am Ostermontag gezeigt wird (RTL II um 20.15 Uhr) und das ZDF die TV-Premiere von „Trumbo“ um 00.25 Uhr (oder später) versendet
Vox, 20.15
Die Verurteilten (The Shawshank Redemption, USA 1994)
Regie: Frank Darabont
Drehbuch: Frank Darabont
LV: Stephen King: Rita Hayworth and the Shawshank Redemption, in Different Seasons, 1982 (Pin up; Die Verurteilten in „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“; einer Sammlung von vier Novellen)
Ein unschuldig verurteilter Bankmanager flüchtet nach jahrelanger Kleinarbeit aus dem Gefängnis.
Eindrucksvolles Gefängnisdrama, das beim Kinostart nicht als „Stephen-King-Film“ beworben wurde. Zu Recht, denn damals stand Kings Name fast ausschließlich für minderwertige Horrorfilme.
„Die Verurteilten“ ist inzwischen ein äußerst beliebter und erfolgreicher Film. In dem All-Time-Great-Ranking der Internet Movie Database steht er derzeit auf Platz 1; – was einen dann doch etwas an dieser Liste zweifeln lassen kanne. Auch wenn der zweite und dritte Platz von „Der Pate“ und „Der Pate 2“ belegt werden.
Mit Tim Robbins, Morgan Freeman, Bob Gunton, William Sadler, Clancy Brown, Gil Bellows, Mark Rolston, James Whitmore, Jude Ciccolella
Los Angeles, 1973: Die Sozialarbeiterin Anna Tate Garcia (Linda Cardellini) befreit zwei Kinder aus einem Kleiderschrank. Offensichtlich wurden sie von ihrer Mutter dort eingesperrt. Sie behauptet, ihre verängstigten Kinder so vor irgendeinem gefährlichen Geist zu beschützen.
Wenige Stunden später sind die Kinder tot. Ertrunken in einem der die Millionenstadt durchziehenden Wasserkanäle. Und wir wissen, dass „Lloronas Fluch“ jetzt ein Problem für Tate Garcia ist.
Llorona, oder La Llorona, ist eine in der lateinamerikanischen Folklore bekannte Schreckensfigur. Sie ist eine Frau, die um ihre Kinder weint, die sie in einem Bach ertränkte. Wie bei allen Legenden wird die Geschichte in verschiedenen Variationen erzählt und die Ursprünge sind unklar. In dem Horrorfilm wird die Geschichte so erzählt, dass La Llorona (Die Weinende) eine im siebzehnten Jahrhundert in Mexiko lebende wunderschöne Mexikanerin ist, die, nachdem sie von der Untreue ihres Mannes erfuhr, ihre gemeinsamen Kinder in einem Bach ertränkte. Seit ihrem Tod streift ihr furchterregend aussehender Geist umher. Sie sucht nach Erlösung, beklagt lautstark kreischend den Verlust ihrer Kinder und tötet weitere Kinder. Sie ist ein sehr mächtiger und böser Geist, der jetzt die beiden Kinder von Tate Garcia töten will.
Tate Garcia ist eine alleinerziehende Mutter. Ihr Mann, ein Polizist, starb im Dienst. Für die Filmgeschichte ist das egal. Es erklärt nur, warum Tate Garcia alleinerziehend ist und arbeitet.
Weil La Llorona ihr tödliches Werk innerhalb weniger Tage vollbringt, kann Tate Garcia sich nicht an die katholische Kirche wenden und einen regelkonformen Exorzismus durchführen lassen. Die Mühlen der kirchlichen Verwaltung mahlen dafür zu langsam. Aber Rafael Olvera (Raymond Cruz), ein ehemaliger Priester, der jetzt außerhalb der strengen Regeln der Kirche gegen böse Geister kämpft, ist vor Ort.
Das liest sich jetzt sicher wie Geisterhorror nach bekanntestem Muster, garniert mit einer höchst unplausiblen Mythologie. Und so ist es auch. „Lloronas Fluch“ bietet nichts, was der Horrorfilmfan nicht schon tausendmal gesehen hat. Michael Chaves hangelt sich in seinem mit viel Retro-Feeling inszeniertem Spielfilmdebüt an der bekannten Geschichte entlang. Da überrascht nichts. Thematisch vertieft wird auch nichts. Die Geschichte soll nur die vertrauten Spannungsmomente und Jump Scares auf dem kürzesten Weg miteinander verbinden. Dazwischen gibt es einige schöne Bildkompositionen aus einem dauerverregnetem Los Angeles.
Letztendlich ist „Lloronas Fluch“ nur ein weiterer professionell inszenierter Horrorfilm, der auf der technischen Ebene überzeugt, auf der inhaltlichen Ebene vertraute Storyelemente mechanisch aneinanderreiht, niemals erschreckt, aber einige Male gekonnt an der Suspense-Schraube dreht.
„Lloronas Fluch“ ist lose mit dem von James Wan gestarteten, enorm erfolgreichen und expandierendem „Conjuring“-Universum verbunden. Die einzige Verbindung zum „Conjuring“-Universum ist ein Bild der Puppe Annabelle, das in eine Erzählung von Father Perez (Tony Amendola) eingeblendet wird. Dieses Bild von Annabelle verrät uns, dass Amendola, der nur einen Kurzauftritt hat, hier wieder eine aus einem anderen Film bekannte Rolle spielt. Denn nur weil ein Schauspieler in einem anderen Film ebenfalls einen Geistlichen spielte, bedeutet das nicht, dass beide Filme miteinander verbunden sind.
Lloronas Fluch (The Curse of La Llorona, USA 2019)
Regie: Michael Chaves
Drehbuch: Mikki Daughtry, Tobias Iaconis
mit Linda Cardellim, Raymond Cruz, Patricia Velasquez, Marisol Ramirez, Sean Patrick Thomas, Jaynee-Lynne Kinchen, Roman Christou, Tony Amendola
Ein Gerichtsthriller aus Deutschland. Wann gab es das zuletzt im Kino?
Halbwegs spontan fallen mir Hark Bohms „Der Fall Bachmeier – Keine Zeit für Tränen“ (1984 – fast zeitgleich drehte Burkhard Driest mit „Annas Mutter“ die deutlich sensationslüsterne Version des wahren Falls der Mutter, die den Mörder ihrer Tochter im Gerichtssaal erschoss), Roland Suso Richters „Nichts als die Wahrheit“ (1999 – mit Götz George als Dr. Josef Mengele) und, auch wenn hier die Gerichtsverhandlung eine Travestie ist, Fatih Akins „Aus dem Nichts“ (2017) ein. Reinhard Hauffs „Stammheim“ (1986), der den Prozess gegen die Baader-Meinhof-Gruppe nachinszenierte, würde ich nicht als Gerichtsthriller bezeichnen. Eher als Theaterstück oder Reenactment.
Und dann gibt es noch Hans W. Geissendörfers Friedrich-Dürrenmatt-Verfilmung „Justiz“ (1993).
An diese Geschichte erinnerte Ferdinand von Schirachs „Der Fall Collini“ mich spontan. Dürrenmatt erzählt die Geschichte von Regierungsrat Isaak Kohler, der in Zürich in einem vollen Nobelrestaurant Professor Winter erschießt. Er wird verhaftet und verurteilt. Danach beauftragt er den jungen Anwalt Felix Spät, den Fall neu aufzurollen unter der Prämisse, dass er unschuldig ist.
In dem Roman und der Verfilmung geht es um Moral, Justiz und Gerechtigkeit.
„Der Fall Collini“ beginnt ähnlich. 2001 ermordet Fabrizio Collini (Franco Nero) in Berlin in einem Nobelhotel Hans Meyer (Manfred Zapatka). An der Täterschaft des siebzigjährigen, bislang gesetzestreuen Gastarbeiters besteht kein Zweifel. Der junge Anwalt Caspar Leinen (Elyas M’Barek) übernimmt den Fall als Pflichtverteidiger (und spätestens seit dem NSU-Prozess wissen wir, dass Pflichtverteidiger nicht so einfach ihr Mandat niederlegen können). Weil Collini beharrlich schweigt, beginnt Leinen in Collinis und Meyers Vergangenheit nach dem Grund für die Tat zu suchen.
Emotional komplizierter wird der Fall für Leinen, als er erfährt, wer der Ermordete ist. Hans Meyer förderte ihn in seiner Kindheit und Jugend. Für ihn ist der Großindustrielle ein liebevoller Vaterersatz; – behauptet zumindest der Film.
Und das ist ein Problem von Marco Kreuzpaintners „Der Fall Collini“. Er wirkt durchgehend konstruiert und damit wirken die Konflikte unglaubwürdig. Wir sehen in Rückblenden die Beziehung zwischen Leinen und Meyer. Wir wissen, dass er ihn förderte. Aber wir wissen nicht, welche emotionale Verbindung sie hatten und was Leinen von Meyer lernte. Dass Meyer seine Ausbildung finanzierte, verpflichtet ihn zunächst einmal zu nichts und „Dankbarkeit“ ist in einer Filmgeschichte eine eher schlechte Motivation. Vor allem wenn die Person, der er dankbar sein könnte, tot ist. Bestimmte Prinzipien, eine bestimmte Einstellung zum Leben oder eine emotionale Abhängigkeit schon.
Ein anderes Problem der Geschichte ist die Aufdeckung des Motivs. Sie erfolgt im Buch und Film als Höhepunkt. Damit steht sie am Ende des Films und das erschwert eine durchaus beabsichtigte Diskussion darüber ungemein. Auch wenn das Mordmotiv und der damit verbundene Skandal nicht wirklich überraschend sind. Jedenfalls wenn man etwas bewandert in der bundesdeutschen Geschichte ist und man sich fragt, warum die Geschichte 2001 spielt. Schon von Schirach ließ sie in der Vergangenheit spielen (sein Roman erschien 2011) und Kreuzpaintner änderte daran nichts.
In dem Moment, in dem Collinis Motiv enthüllt wird, wird gleichzeitig Collinis Selbstjustiz die Absolution erteilt. Es geht um ein Gefühl von Rache, aber nicht um das Funktionieren des Rechtssystems und wie Rechtsnormen angewandt und auch neu interpretiert werden.
Dabei ist in einem Punkt der Lösung das sogenannte Dreher-Gesetz wichtig. Eduard Dreher, damals Leiter der Strafrechtsabteilung im Bundesjustizministerium, schmuggelte 1968 in das „Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz“ (EGOWiG) einen Passus, der dazu führte, dass viele Nazi-Verbrecher plötzlich juristisch nicht mehr für ihre Taten bestraft werden konnten, weil ihre Taten verjährt waren. Die Richter und Staatsanwälte hätten dem Gesetz nicht folgen müssen. Sie hätten bestimmte Mörder immer noch als Mörder anklagen können. Sie taten es nicht. Schließlich waren sie Alt-Nazis, die sich über dieses Geschenk freuten. Später wurden von jüngeren Anwälten SS-Mitglieder und KZ-Aufseher für ihre Taten angeklagt. Und selbstverständlich ist die Aufarbeitung der Nazi-Diktatur nicht nur eine juristische, sondern eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft.
In „Der Fall Collini“ geht es am Ende nicht um klar angesprochene Defizite innerhalb des Rechtssystems und wie sie behoben werden können. Es geht auch nicht darum, wie bestimmte ältere Normen und Rechtsanwendungen neu interpretiert werden können oder verändert werden müssen. All das wären interessante Fragen, die der Strafverteidiger von Schirach hätte ansprechen können. Er stellt sich allerdings einseitig und bedingungslos auf Collinis Seite und erteilt ihm auf den letzten Seiten die Absolution. Diese Rechtfertigung von Selbstjustiz hinterlässt dann doch einen schalen Nachgeschmack.
Vor allem wenn die Selbstjustiz erst Jahrzehnte nach der Tat erfolgt, der Täter vorher nur einmal etwas tat, um Meyer für seine Tat zur Rechenschaft zu ziehen und er seine Tat kaltblütig plante und brutal durchführte.
Der Film folgt dem Roman, abgesehen von einigen eher kleineren, für eine Verfilmung notwendigen Abweichungen, sehr genau. Durch die Veränderungen, die neuen Figuren und mit ihnen zusammenhängenden Plots gibt es auch einige Akzentverschiebungen. So wird im Film Leinens emotionale Bindung an Meyer stärker betont. So schenkt er dem Arbeiterkind ein Auto und finanziert seine Ausbildung. Im Buch erscheinen Leinens Eltern vermögender zu sein, was dazu führt, dass Leinen und Meyer der gleichen gesellschaftlichen Schicht angehören. Weil von Schirach in seinem dünnen Roman, eigentlich eher eine Novelle oder eine Romanskizze, über Leinens Familie nichts schreibt, bleibt dieser Punkt im Dunkeln.
Leinens sexuelle Beziehung zu seiner Jugendliebe und Meyers Nichte Johanna (Alexandra Maria Lara) wird im Roman ausführlicher geschildert. Für die Handlung ist diese Bettgeschichte im Buch und im Film in jeder Beziehung egal.
Das größte Problem des Romans ist, dass von Schirach nie zuspitzt. „Der Fall Collini“ liest sich daher nicht wie ein Gerichtsthriller, sondern wie ein Protokoll. Wahlweise eines emotional desinteressierten Journalisten oder eines Gerichtsschreibers.
Der Film spitzt dagegen stärker zu und liefert auch einige Thrillerelemente, die im Film fehlen. Zum Beispiel wenn Leinen nachts durch das riesige Haus der Meyers schleicht und er eine Pistole sucht oder wenn er, mit einer Übersetzerin (die im Roman nicht vorkommt), nach Italien fährt und dort endgültig erfährt, warum Collini Meyer ermordete. Selbstverständlich gibt es auch einige juristische Winkelzüge und Konfrontationen zwischen der Vorsitzenden Richterin (Catrin Striebeck), Oberstaatsanwalt Reimers (Rainer Bock) und Nebenklage-Anwalt Richard Mattinger (Heiner Lauterbach mit furchtbarer Haartolle und böser als im Roman) im Gerichtssaal.
Und der Film hat Elyas M’Barek, der den Strafverteidiger Leinen glaubhaft verkörpert und aus der sparsam skizzierten Rolle des unerfahrenen Junganwalts viel herausholt.
Am Ende ist „Der Fall Collini“, trotz der guten Schauspieler, der eindeutig die große Leinwand anvisierenden Bilder von Kameramann Jakub Bejnarowicz („Gnade“, „Der Mann aus dem Eis“, „Abgeschnitten“) und Kreuzpaintners gediegener Inszenierung nur eine brave Verfilmung eines nicht besonders guten Romans. Dank einiger neuer Figuren, kleinerer Änderungen und kluger filmischer Zuspitzungen ist Kreuzpaintners Geschichtsstunde sogar besser als die Vorlage.
Der Fall Collini (Deutschland 2019)
Regie: Marco Kreuzpaintner
Drehbuch: Christian Zübert, Robert Gold, Jens-Frederik Ott
LV: Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini, 2011
mit Elyas M’Barek, Franco Nero, Alexandra Maria Lara, Heiner Lauterbach, Manfred Zapatka, Jannis Niewöhner, Rainer Bock, Catrin Striebeck, Pia Stutzenstein, Peter Prager, Hannes Wegener
Michel Hazanavicius‘ Tragikomödie ist eine Liebeserklärung an Hollywood und an den Stummfilm. Selbstverständlich in SW und als Stummfilm.
Die ‚A Star is born‘-Schmonzettenstory – Stummfilmstar George Valentin lehnt den Tonfilm ab. Er verliebt sich in das Starlet Peppy Miller, das durch den Tonfilm zum Star aufsteigt. – dient dabei nur als Rahmen für eine mit vielen wundervollen Details verzierte Liebeserklärung an das Kino.
Zum Kinostart wurde die Komödie überall abgefeiert und mit Preisen überhäuft. Unter anderem erhielt der französische Film fünf Oscars, unter anderem den Oscar als bester Film des Jahres.
mit Jean Dujardin, Bérénce Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Missi Pyle, Malcolm McDowell, Uggy (Palm Dog Award Cannes 2011 als bester Hundedarsteller)
Ein bisschen sind die neuen Geschichten von Hit-Girl und Kick-Ass wie eine Rückkehr zu alten Erfolgen, aber Mark Millar wäre nicht Mark Millar, wenn er einfach nur die alten Erfolge wiederholen würde. So schickt er Hit-Girl auf Weltreise und lässt ihre Abenteuer von anderen Autoren erzählen. Und Kick-Ass ist jetzt nicht mehr der Hänfling Dave Lizewski, der von einer Karriere als Superheld träumt, sondern ein Label, unter dem aktuell eine Frau gegen Verbrecher kämpft.
Doch beginnen wir, für alle, die die vorherigen Comics von Autor Mark Millar und Zeichner John Romita, Jr. nicht mehr präsent haben, mit einem kurzen Rückblick: In „Kick-Ass“ wollte Dave Lizewski ein Superheld sein. Seine ersten Versuche waren desaströs. Anstatt Verbrecher zu verprügeln, verprügelten sie ihn. Er trifft Hit-Girl, die zwölfjährige Mindy McCready, die gefährlicher als alle aus Comic und Film bekannten Kampfamazonen ist und die Verbrecher schneller massakriert, als andere Mädchen Aknepickel ausdrücken.
Das Duo Infernale erlebt mehrere Abenteuer (über die ich hier und hier schrieb) und sie werden älter. Mindy muss einmal sogar die Schule besuchen und sich wie eine brave Schülerin benehmen. Das war nichts für sie.
Nach den erfolgreichen Comics entstanden zwei ziemlich brutale und absurd witzige Actionfilme. Einer von Matthew Vaughn, einer von Jeff Wadlow. Einen dritten wird es nicht geben, weil Hit-Girl-Schauspielerin Chloë Grace Moretz inzwischen einfach zu alt ist, um ein zwölfjähriges Mädchen zu spielen.
Dieses Problem haben Comics nichts. Und so schickt Mark Millar seine kultige Kämpferin auf Weltreise. Die Auftaktgeschichte „Hit-Girl in Kolumbien“ schrieb er selbst. Jeff Lemire schrieb mit „Hit-Girl in Kanada“ die zweite Geschichte. Die dritte Geschichte „Hit-Girl in Rom“, angekündigt für Ende April, ist von Rafael Albuquerque. Und in den USA erscheint gerade eine von Kevin Smith geschriebene „Hit-Girl“-Geschichte.
In „Hit-Girl in Kolumbien“, geschrieben von Mark Millar, gezeichnet von Ricardo Lopez Ortiz, macht Mindy McCready sich auf den Weg nach Kolumbien. Dort hofft sie einen neuen Kampfgefährten zu finden. Ihr Auge fällt auf Fabio ‚Mano‘ Mendoza, einen gefürchteten Auftragskiller des Kartells. Sie befreit ihn aus dem Gefängnis und erpresst ihn, einige der Männer umzubringen, die Manu eh umbringen will. Gemeinsam würden sie die kolumbianischen Drogenkartelle besiegen. Und Mindy hätte, so sagt sie zu Mano, endlich wieder einen Partner beim Kampf gegen das Verbrechen.
Wegen dieser überkomplizierten und auch durch Mindys Erklärung nicht glaubwürdiger werdenden Prämisse agiert Mindy während fast der gesamten Geschichte wie ein vor Liebe gehirnamputierter Teenager. Das ist nicht das Hit-Girl, das wir kennen und lieben.
Nach diesem nicht so gelungenem Auftakt liefern Autor Jeff Lemire und Zeichner Eduardo Risso mit „Hit-Girl in Kanada“ dann das, was man von einer Hit-Girl-Geschichte erwartet. Mindy ist in Kanada um den Drogenboss Billy Baker umzubringen. Er hat in New York miesen Stoff verkauft und, als er erfuhr, dass Hit-Girl ihn töten will, hat er sich in einer Jagdhütte bei Kashechewan, mitten im schneebedeckten Nirgendwo, versteckt.
Die schon auf den ersten Seiten sehr blutige, mit schwarzem Humor gesättigte Schlachtplatte hat alles, was man von einer Hit-Girl-Geschichte erwartet.
In „Kick-Ass: Frauenpower“ führen Mark Millar und sein Stammzeichner John Romita Jr., die auch die gemeinsamen Schöpfer von Kick-Ass sind, nicht die Geschichte von Dave Lizewski fort. Er war, so müssen wir nun sagen, der erste Kick-Ass. Er ging als anfangs glückloser Kämpfer für die Gerechtigkeit viral, wurde älter, hatte keine Lust mehr, verprügelt zu werden und hängte sein billiges Superheldenkostüm in den Schrank.
In „Kick-Ass: Frauenpower“ zieht deshalb die ehemalige US-Soldatin Patience die Kick-Ass-Maske über. In Afghanistan kämpfte sie gegen die Taliban. Zurück in ihrer Heimat Albuquerque, New Mexico, muss Patience sich mit den alltäglichen Problemen einer alleinerziehenden Mutter herumschlagen. Ihr Mann, den sie all die Jahre durchfütterte, ist mit einer anderen Frau durchgebrannt. Er geht nicht ans Telefon und selbstverständlich denkt er nicht daran, Alimente für ihre Kinder zu zahlen. Patience findet nur einen schlecht bezahlten Job als Kellnerin, während die Rechnungen sich stapeln und ihre Pläne für die Zukunft sich in Luft auflösen.
Als sie erfährt, dass sie außerdem für die Schulden ihres Mannes aufkommen muss, beschließt sie, das örtliche Drogenkartell zu bestehlen. Verkleidet als Superheld.
Das ist auf den ersten, zweiten und auch dritten Blick eine „Punisher“-Geschichte mit einer Frau als nahkampferprobte Kämpferin und Killerin.
„Frauenpower“ ist die sehr gelungene, allerdings auch deutlich konventionellere Fortführung des „Kick-Ass“-Mythos mit einem neuen Charakter. Immerhin ist sie kampferprobter als Dave Lizewski und ihre Motive sind nicht so edel wie die des selbstlosen Schülers. Auch wenn Patience, wie Robin Hood, die Hälfte der Beute verschenken will.
Ein zweites Abenteuer mit Kick-Ass Patience ist für Ende Juni angekündigt. Erzählt von Von Steve Niles (30 Days of Night) und Marcelo Frusin (Helllblazer).
Mark Millar/Ricardo Lopez Ortiz: Hit-Girl in Kolumbien
(übersetzt von Bernd Kronsbein)
Panini, 2018
116 Seiten
14,99 Euro
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Originalausgabe
Hit-Girl (2018) # 1 – 4
Image Comics, Februar – Mai 2018
Jeff Lemire/Eduardo Risso: Hit-Girl in Kanada
(übersetzt von Bernd Kronsbein)
Panini,2019
100 Seiten
14,99 Euro
–
Originalausgabe
Hit-Girl (2018) # 5 – 8
Image Comics, Juni – September 2018
Mark Millar/John Romita Jr.: Kick-Ass: Frauenpower
mit Joseph Beuys (Archivmaterial), Caroline Tisdall, Rhea Thönges-Stringaris, Franz Joseph van der Grinten, Johannes Stüttgen, Klaus Staeck
Wiederholung: Donnerstag, 18. April, 02.25 Uhr (Taggenau!)
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Buchhinweis
Brandneu und, so mein erster Eindruck, sehr, sehr lesenswert. Claudia Lenssen hat sich für ihr Buch über Andres Veiel ausführlich mit dem Künstler unterhalten (über fünfzig Seiten) und stellt auf den verbleibenden Seiten seine Filme, Theaterstücke und Inszenierungen von Veiel ausführlich vor. Eine überschaubar Zahl an Bildern ergänzt den Text.
Wenn mir jetzt noch jemand verrät, wo ich mir seine Theaterstücke ansehen kann, bin ich rundum glücklich.
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Claudia Lenssen: Andres Veiel – Streitbare Zeitbilder
Nicht der Plot (eigentlich ein 08/15-Liebedrama: Leonard lebt, nach mehreren Selbstmordversuchen, wieder in seinem Jugendzimmer. Seine Eltern wollen ihn mit Sandra verkuppeln. Aber er ist in Michelle verliebt.), sondern die Machart ist entscheidend. Und die stimmt bei „Two Lovers“.
Denn „Two Lovers“ ist wie Grays vorherige Filme „Little Odessa“, The Yards – Im Hinterhof der Macht“ und „Helden der Nacht“ hochkarätig besetztes Schauspielerkino ohne einen falschen Ton. Weder im Spiel, noch in der Kameraführung, dem Schnitt, der Ausstattung oder der Musikauswahl. Und keines dieser Elemente drängt in den Vordergrund. Sie alle dienen der Geschichte. Wieder einmal ist Grays Blick für die Details bemerkenswert. Teilweise fallen sie beim ersten Sehen nicht auf, aber alle zusammen machen die Geschichte glaubwürdig. Es sind Kleinigkeiten, wie die Fotowand in der Wohnung der Kraditors, Leonards Jugendzimmer, die kleinen Gesten und Blicke, die in Sekundenbruchteilen alles erklären und Entscheidungen, wie Joaquin Phoenix während eines Geständnisses mit dem Rücken zur Kamera spielen zu lassen, auf einen Schnitt zu verzichten, das Licht in einer besonderen Art zu setzen und eine – teilweise unsichtbare – Zeitlupe einzusetzen.
Die Wahrheit über unsere Ehe(La vérité sur Bébé Donge, Frankreich 1951)
Regie: Henri Decoin
Drehbuch: Maurice Aubergé
LV: Georges Simenon: Le vérité sur Bébé Donge, 1942 (Die Ehe der Bébé Donge, Die Wahrheit über Bébé Donge)
Als der Großindustrielle Francois Donge im Krankenhaus mit dem Tod ringt, fragt er sich, warum seine jüngere Frau Bébé ihn vergiftete.
Lief diese Simenon-Verfilmung überhaupt schon einmal im TV?
Angesichts der aktuellen Bekanntheit des Films gibt es heute also eine Entdeckung.
„Decoins Verfilmung des sehr spannenden und psychologisch ausgefeilten Romans von Georges Simenon erschüttert in ihrer konsequenten Mitleidlosigkeit und besticht durch den visuellen Ideenreichtum und die beiden hervorragenden Hauptdarsteller.“ (Lexikon des internationalen Films)
Im November 1952 war „Die Wahrheit über unsere Ehe“ der Film des Monats der Evangelischen Filmjury: „Der künstlerisch weit über dem Durchschnitt stehende Film verdient darum besondere Beachtung, weil er dieses Thema ehrlich und hart darstellt und deshalb erschüttert und zur Selbsterkenntnis aufruft.“
mit Jean Gabin, Danielle Darrieux, Claude Génia, Daniel Lecourtois
Die eigentliche Story – ein Irrer entführt Mädchen – bildet nur das Fundament für eine faszinierende schauspielerische Tour de Force für James McAvoy, der den Kidnapper spielt. In dem fiesen kleinen B-Thriller spielt er überzeugend acht absolut verschiedene Persönlichkeiten. Allein das macht den Psychothriller sehenswert.
Nach etlichen Misserfolgen hatte „The Sixth Sense“-Regisseur M. Night Shyamalan „Split“ wieder einen Hit. Nach dem Kinostart von „Split“ erklärte er, dass „Split“ der Mittelteil einer Trilogie sei, die mit „Unbreakable“ begann und 2019 mit „Glass“ nicht besonders überzeugend endete.
mit James McAvoy, Anya Taylor-Joy, Betty Buckley, Haley Lu Richardson, Jessica Sula, Brad William Henke, Sebastian Arcelus, Neal Huff, Bruce Willis (Cameo am Ende)
Wiederholung: Montag, 15. April, 02.50 Uhr (Taggenau!)
Die frisch geschiedene Meg Altman entdeckt mitten in Manhattan ihr Traumhaus. In ihm ist sogar, letzter Schrei der Sicherheitsindustrie für ängstliche, stinkreiche Großstädter, ein Panic Room. In diesen sicheren Raum kann sich der Hausbesitzer während eines Einbruchs zurückziehen und abwarten bis die Polizei anrückt. Meg hält den Raum für überflüssig, aber als in der Nacht drei Einbrecher auftauchen, flüchtet sie mit ihrer Tochter in den Panic Room. Dummerweise wollen die Einbrecher die in diesem Zimmer versteckten Millionen des Vorbesitzers stehlen.
Das mag jetzt neu klingen, aber im Kern erzählt „Panic Room“ eine uralte, aus jedem zweiten Western bekannte Story. Tauschen Sie einfach den Panic Room gegen ein Fort oder eine Wagenburg; die Einbrecher gegen Indianer aus und Sie wissen genau, in welchem Moment die Kavallerie auftaucht. Oh, und in welchem Zustand das Haus ist.
David Koepp und David Fincher machen daraus einen spannenden Hightechthriller.
Oder sagen wir es mit den Worten von Georg Seeßlen: Panic Room „ist vor allem ein reduzierter, ebenso brillant konstruierter wie fotografierter Thriller, ein Kammerspiel des Terrors, das alle Elemente, die am Anfang eingeführt wurden, beständig transponiert, wendet und variiert. Insofern ist Panic Room ein Stück reiner Film-Komposition, in der Sujets, Objekte und Einstellungen die Rollen von Melodien, Takten und Tönen übernehmen (…). Und wie für eine musikalische Komposition, so gilt auch für Panic Room: Es kommt nicht allein auf die Erfindung einer Melodie an, sondern auch darauf, was ein Interpret mit ihr anzustellen weiß.“ (in Frank Schnelle [Hrsg.]: David Fincher)
Mit Jodie Foster, Kristen Stewart, Forest Whitaker, Dwight Yoakam, Jared Leto, Patrick Bauchau, Andrew Kevin Walker (der „Se7en“-Drehbuchautor spielt den verschlafenen Nachbarn)
Apocalypse Now Redux (USA 1979, Regie: Francis Ford Coppola)
Drehbuch: John Milius, Francis Ford Coppola
LV: Joseph Conrad: Heart of Darkness, 1899 (Herz der Finsternis)
Während des Vietnamkrieges soll Captain Willard (Martin Sheen) Colonel Kurtz (Marlon Brando), der im Dschungel sein Reich errichtete, suchen und töten.
mit Martin Sheen, Robert Duvall, Marlon Brando, Fred Forrest, Sam Bottoms, Albert Hall, Larry Fishburne, Dennis Hopper, Harrison Ford, G. D. Spradlin, Bill Graham
Beginnen wir mit der großen Frage: wie schlägt sich der neue Hellboy-Darsteller? Ron Perlman, der Hellboy in zwei kultisch verehrten Filmen wahrlich verkörperte, ist für viele Hellboy. Für sie kann es keinen anderen geben. So wie die ganz alten James-Bond-Fans immer noch Sean Connery für den einzig wahren 007 halten. Die ersten Bilder und Trailer scheinen ihnen recht zu geben.
Im Film verschwinden die Bedenken gegen „Stranger Things“-Star David Harbour schnell. Das liegt auch daran, dass die Macher sich keine zwei Sekunden damit aufhalten, den Schauspielerwechsel zu erklären oder zu erzählen, wie Hellboy Hellboy wurde.
„Hellboy – Call of Darkness“ beginnt mitten in der Geschichte. In Tijuana soll Hellboy einen vermissten Kollegen finden und zurückholen. Er findet ihn bei einem Wrestling-Kampf und, weil der Kollege nicht freiwilig mitkommen will, muss Hellboy sich mit ihm im Ring kloppen. Die die engen Grenzen des Rings überschreitende, alle Regeln brechende Schlägerei geht viral – und ab da, eigentlich schon ab dem ersten Moment, als Harbour als Hellboy durch eine dunkle Gasse stampft, hatte ich keine Probleme mehr mit dem neuen Hellboy.
Neil Marshall („The Descent“, „Doomsday“) inszenierte seinen „Hellboy“-Film „Call of Darkness“ mit punkiger No-Nonsense-Attitüde mehr down to earth als Guillermo del Toro seine beiden „Hellboy“-Filme. Alles ist düsterer, der Humor robuster und die Schlägereien sind ebenfalls ziemlich robust. „Hellboy – Call of Darkness“ ist wie der Besuch in einem Pub mit viel Bier, Hausmannskost, derben Sprüchen, Abschweifungen und, Gott bewahre, einer Kneipenschlägerei.
Das vermittelt genau den rotzfrechen Spaß, den „Hellboy“-Erfinder Mike Mignola seit 1993 in seinen Comics vermittelt. Und jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um zu erklären, wer Hellboy ist. Hellboy ist ein im zweiten Weltkrieg von den Nazis mit der Hilfe von Rasputin aus der Hölle zurückgeholtes Wesen. Als er in unsere Welt zurückkehrte, war er ein Baby mit Hörnern. Professor Trevor ‚Broom‘ Bruttenholm (Ian McShane) rettet das kleine Wesen aus der Hölle, während er und seine Kampfgefährten die Nazis und alle anderen höllischen Wesen töten. Anschließend erzieht Broom das Kind aus der Hölle. Hellboy wird, als muskelbepacktes Mannsbild mit Höllenschwanz, aber ohne Hörner (die hat er sich abgeschnitten und rasiert sie fast täglich nach), zu einem Kämpfer gegen andere Wesen aus der Hölle, Dämonen, Hexen und was es sonst noch so gibt an Monstern und unmenschlichen Bösewichtern. Dabei helfen ihm seine Freunde aus der B. U. A. P. (Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen, bzw. im Original B. P. R. D. – Bureau for Paranormal Research and Defense). Seine Kampfgefährten verfügen ebenfalls über besondere Fähigkeiten. Ihre Einsätze sollen unter dem Radar der Öffentlichkeit ablaufen. Hellboy gelingt das nicht immer.
In seinem neuen Kinoabenteuer (das lose auf dem neunten „Hellboy“-Sammelband „The Wild Hunt“ [Ruf der Finsternis] basiert) treten einige der aus den vorherigen beiden „Hellboy“-Filmen und den Comics bekannten Nebencharaktere nur kurz auf. Ihre Auftritte sind Cameos, während Hellboy fast im Alleingang gegen die Bluthexe Nimue (Milla Jovovich) kämpfen muss.
Nimue wurde, wie wir im Prolog des Films erfahren, 517 von König Artus getötet. Sie wurde zerstückelt und ihre Leiche in kleinen, versiegelten Truhen über das gesamte Königreich verteilt. Sie sollte auf Ewigkeiten zerstückelt bleiben. Denn wenn jemand ihre Einzelteile wieder zusammenfügt, kann die Hexe ihr Zerstörungswerk fortsetzen.
Noch bevor Nimue ihr Werk fortsetzen kann, wird Hellboy von Professor Broom nach England geschickt. Er soll dem Osiris-Club bei der Jagd nach Riesen helfen. Der Osiris-Club ist, salopp gesagt, das britische Pendant zur B. U. A. P..
Die Einladung zur Jagd ist eine Falle. Hellboy gelingt es, seine Häscher und die im Wald hausenden Riesen zu töten.
In London trifft er auf Alice Monaghan (Sasha Lane [„American Honey“]) und Ben Daimio (Daniel Dae Kim [„Hawaii Five-0“]), die ihm bei der Jagd nach Nimue und ihrem Gehilfen Gruagach helfen. Die übernatürlich begabte Alice lernte er vor Jahren kennen. Als Baby wurde sie von bösen Feen entführt und er sie rettete. Ben, der sich in einen Werjaguar (nicht Werwolf, aber so ähnlich) verwandeln kann, lernt er jetzt kennen.
Zu dritt ziehen sie in den Kampf gegen Nimue, die jetzt ihr vor Jahrhunderten begonnenes Werk beenden will. Und Hellboy erfährt dabei einige Dinge über seine Herkunft und Bestimmung, die ihm nicht gefallen.
So viel zu der nicht sonderlich wichtigen Story von „Call of Darkness“. Denn letztendlich ist der düstere Film eine herrliche mit One-Linern und Abschweifungen gesättigte Klopperei, in der es oft handfest und drastisch zur Sache geht – und David Harbour ist der Hellboy für eine neue Generation. Wie Roger Moore, Pierce Brosnan und Daniel Craig die neuen James Bonds für neue Generationen waren. Die kurzen Gastspiele von George Lazenby und Timothy Dalton (wobei der sich tapfer schlug) lassen wir mal weg.
P. S.: Nachträglich herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, David Harbour. Der war am 10. April.
Hellboy – Call of Darkness(Hellboy, USA 2019)
Regie: Neil Marshall
Drehbuch: Andrew Crosby
LV: „Hellboy“-Comics von Mike Mignola
mit David Harbour, Milla Jovovich, Ian McShane, Daniel Dae Kim, Sasha Lane, Thomas Haden Church, Brian Gleeson
Länge: 121 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Mehr Hellboy? Die brandneue literarische Ergänzung zum Film
Pünktlich zum Filmstart erscheint der dritte von Christopher Golden herausgegebene Sammelband mit Hellboy-Kurzgeschichten. Wieder sparsam illustriert von Hellboy-Erfinder Mike Mignola. Die brandneuen Geschichten (jedenfalls als „Oddest Jobs“ 2008 in den USA erschien) wurden von namhaften Autoren geschrieben:
Joe R. Lansdale: Mit Schatten und Drachen und langen schwarzen Zügen das Tanzbein schwingen
Mark Chadbourn: Pur, ohne alles
John Skipp & Cody Goodfellow: Zweite Flitterwochen
Ken Bruen: Danny Boy
Garth Nix: Merkwürdiger Angelausflug in den westlichen Highlands
Brian Keene: Salamander Blues
Tad Williams: Die Donnerstagsmänner
Amber Benson: Leckerbissen
Barbara Hambly: Rückeroberung
Gary A. Braunbeck: In Geschirrschränken und auf Bücherborden
Rhys Hughes: Die Flüsse des Skiron
Stephen Volk: Monster Boy
Don Winslow: Evolution im Hellhole Canyon
China Miéville: Ein eigenes Zimmer
Muss ich noch mehr sagen?
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Christopher Golden (Hrsg.): Hellboy: Leckerbissen
(illustriert von Mike Mignola) (übersetzt von Verena Hacker und Aimée de Bruyn Ouboter)
Zielfahnder – Flucht in die Karpaten (Deutschland 2016)
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Rolf Basedow
Die beiden LKA-Zielfahnder Hanna Landauer und Sven Schröder verfolgen den flüchtigen Gewaltverbrecher Liviu Caramitru bis nach Rumänien.
Mit gut zwei Stunden Laufzeit sprengt Dominik Graf dieses Mal locker das übliche Neunzig-Minuten-TV-Korsett. Mit seinem hohen Erzähltempo verlangt er den aufmerksamen Zuschauer, der sich aus ein, zwei Andeutungen eine ganze Geschichte zusammenreimen muss. Und mit dem ungewöhnlichen Schauplatz zeigt er uns eine fremde Welt, in der die Gesetze des „Tatort“ nicht mehr gelten.
Hochspannender, grandioser Thriller
mit Ulrike C. Tscharre, Ronald Zehrfeld, Arved Birnbaum, Axel Moustache, Dragos Bucur, Radu Binzaru, Anna Schäfer
Wie die Zeit vergeht. Nachdem die Berliner Literaturkritik (eigentlich müsste man sie irgendwie wiederbeleben) in den letzten Jahren inaktiv war, soll sie im Mai 2020 offline gehen.
Zeit also, mal in meinen alten Texten zu stöbern und einige der alten Besprechungen in der Kriminalakte abzulegen. Bevorzugt von Büchern, die immer noch gut erhältlich sind oder die wichtig sind oder aus irgendeinem anderen nichtigen Grund.
Zur heutigen TV-Premiere von „A most wanted man“ gibt es daher meine Besprechung von John le Carrés Roman:
Der dreiundzwanzigjährige muslimische Tschetschene Issa Karpow reist als Flüchtling über Stockholm in die Europäische Union ein. Sein Ziel ist Hamburg. Dort findet er bei einer gastfreundlichen türkischen Familie Unterschlupf. Issa möchte Arzt werden. Dafür nimmt er über die Fluchthafen-Anwältin Annabel Richter Kontakt mit dem schottischen Privatbankier Tommy Brue auf. Er soll ihm helfen. Denn Issa ist der Sohn eines verstorbenen russischen Mafiosi und er hat den Schlüssel zu einem Geldwäsche-Konto. Aber er will nicht das Geld, sondern Schutz.
Während Brue und Richter versuchen, Issa zur Annahme des Vermögens zu bewegen, werden sie vom deutschen Geheimdienst, unter der Leitung von Günther Bachmann, und einigen anderen, nicht immer unbedingt deutschen Organisationen, beobachtet. Denn für die Geheimdienste ist der mit einem internationalen Haftbefehl gesuchte Issa Karpow kein harmloser Flüchtling, sondern ein bereits mehrmals aus der Haft ausgebrochener gefährlicher Terrorist.
Dass ihre Beweise eher dünn sind und dass es immer wieder Indizien gibt, die auf die Harmlosigkeit von Issa Karpow hinweisen, stört die Geheimdienstler nicht. Denn der „Most wanted man“, so der Originaltitel, ist, wie alle Charaktere in dem Roman am Ende nur eine „Marionette“, der seine Rolle als Bauer in einem größeren Plan des deutschen Geheimdienstes, in Absprache mit befreundeten Geheimdiensten, spielen soll.
In „Marionetten“ schreibt John le Carré über die Geheimdienste nach dem 11. September und ist dabei wieder in der Welt, in der er sich am Besten auskennt. Während die Geheimdienste sich nach dem Ende des Kalten Krieges neu orientieren mussten, schrieb John le Carré mehrere Rückblicke auf den Kalten Krieg und wandte sich verschiedenen Themen, wie internationaler Waffenhandel, Medikamententests in Afrika und dem internationalen Finanzmarkt, zu. Beide wurden von dem Al-Kaida-Attentat am 11. September 2001 und dem damit verbundenen Aufstieg des islamistischen Terrorismus als internationalem Phänomen überrascht. Die westlichen Geheimdienste fanden schnell zu ihrem vertrauten Repertoire, Folter und Verschleppungen, mit einem anderen Gegner, zurück. Nur handelt der islamistische Terrorismus als Graswurzelbewegung nicht so vernünftig wie der sowjetische Geheimdienst. Es ist ein asymmetrischer Krieg.
Aber John le Carré schreibt nicht über die Unterschiede zwischen dem alten und dem neuen Gegner des Westens. Darüber soll der Leser selbst nachdenken. Er erzählt in „Marionetten“ nur von einer kleinen Operation des Geheimdienstes und macht so die Gegenwart in einer spannenden Geschichte begreifbarer als in seinen vorherigen Romanen.
Denn nachdem seine letzten Werke immer wieder an einer schwachen Geschichte (siehe „Absolute Freunde“ und „Geheime Melodie“), zu einfältigen Charakteren (dito, aber vor allem „Geheime Melodie“) und einem zunehmend belehrendem Tonfall (wieder „Geheime Melodie“ und „Der ewige Gärtner“) litten, macht er dieses Mal wieder alles richtig.
John le Carré breitet das Drama gemächlich bis zu dem alle vorherigen Bemühungen des deutschen Geheimdienstes ad absurdum führendem Ende aus. Dieses Ende ist überraschend, aber zuerst auch enttäuschend. Doch letztendlich ist es folgerichtig und beendet die Aktion des deutschen Geheimdienstlers Bachmann mit einer bitteren Pointe.
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John le Carré: Marionetten
(aus dem Englischen von Sabine Roth und Regina Rawlinson)
A most wanted man (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014)
Regie: Anton Corbijn
Drehbuch: Andrew Bovell
LV: John le Carré: A most wanted man, 2008 (Marionetten)
Als der militante Tschetschene und Islamist Issa Karpov in Hamburg auftaucht, ist Geheimagent Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) alarmiert. Mit seinem Team und anderen Geheimdiensten heftet er sich an Karpovs Fersen. Der behauptet, nur ein Flüchtling zu sein.
Überfällige TV-Premiere einer sehr gelungenen, top besetzten John-le-Carré-Verfilmung und einer der letzten Leinwandauftritte des viel zu früh verstorbenen Philip Seymour Hoffman.
Eine kleine Episode aus dem unglamourösen Agentenleben, die in erster Linie ein intellektuelles Vergnügen ist, bei der wir beobachten, wie die Dienste, unter ständiger Berücksichtigung ihrer Eigeninteressen, zusammenarbeiten und im entscheidenden Moment eiskalt ihre Chance nutzen. Da ist der Einzelne, wie man es auch aus den anderen Romanen von John le Carré kennt, nur ein von anderen benutzter Spielball.
mit Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Grigoriy Dobrygin, Willem Dafoe, Robin Wright, Homayoun Ershadi, Nina Hoss, Franz Hartwig, Daniel Brühl, Kostja Ullmann, Vicky Krieps, Rainer Bock, Herbert Grönemeyer, Charlotte Schwab, Martin Wuttke
Einer der letzten Leinwandauftritte von Robert Redford, der gerade als „Ein Gauner & Gentleman“ im Kino kriminell erfreut
WDR, 23.40
Der Moment der Wahrheit (Truth, USA 2015)
Regie: James Vanderbilt
Drehbuch: James Vanderbilt
LV: Mary Mapes: Truth and Duty: The Press, The President and The Privilege of Power, 2005
Im Sommer 2004 erfährt „60 Minutes II“-Produzenten Mary Mapes (Cate Blanchett), dass US-Präsident George Bush bei den Angaben zu seiner Militärzeit log. Sie und ihr Reporterteam recherchieren für eine TV-Reportage, die von Dan Rather (Robert Redford) präsentiert wird. Danach bricht, mitten im Wahlkampf, ein wahrer Shitstorm über sie herein.
Ein auf wahren Ereignissen basierendes, oft zu einseitig auf Mapes‘ Seite stehendes Journalistendrama. Letztendlich ist Vanderbilts von guten Absichten und guten Schauspielern getragenes Regiedebüt nur solala.
Gegen das wenige Monate vorher in den Kinos angelaufene, mit dem Oscar als bester Film des Jahres ausgezeichnete Drama „Spotlight“ sieht „Der Moment der Wahrheit“ reichlich blass aus.
1. James Sallis – Willnot (Plazierung im Vormonat: 2)
Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind, 224 Seiten, 20 Euro
2. Heinrich Steinfest – Der schlaflose Cheng (Plazierung im Vormonat: 4)
Piper, 288 Seiten, 16 Euro.
3. Sara Gran – Das Ende der Lügen (Plazierung im Vormonat: 7)
Aus dem Englischen von Eva Bonné. Heyne, 348 Seiten, 16 Euro.
4. Gary Victor – Im Namen des Katers (Plazierung im Vormonat: 3)
Aus dem Französischen von Peter Trier. Litradukt, 168 Seiten, 12 Euro.
5. Attica Locke – Bluebird, Bluebird (Plazierung im Vormonat: 1)
Aus dem Englischen von Susanna Mende. Polar, 330 Seiten, 20 Euro.
6. Leonardo Padura – Die Durchlässigkeit der Zeit (Plazierung im Vormonat: 8)
Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag, 440 Seiten, 24 Euro.
7. Jonathan Robijn – Kongo Blues (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Flämischen von Jan-Frederik Bandel. Edition Nautilus, 176 Seiten, 16,90 Euro
8. Melissa Scrivner Love – Lola (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Englischen von Sven Koch und Andrea Stumpf. Suhrkamp, 392 Seiten, 14,95 Euro
9. Don Winslow – Jahre des Jägers (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Englischen von Conny Lösch.Droemer, 992 Seiten, 26 Euro
10. Antonio Ortuño – Die Verschwundenen (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein, Kunstmann, 254 Seiten, 2o Euro
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Das sieht doch nach einer sehr frühlingshaften Leseliste mit vielen Ideen für den Sommerurlaub aus. Jedenfalls wenn man nicht schon wieder durch Gotham City in seinen verschiedenen Inkarnationen wandeln will. Denn auch in der Provinz wird gemordet.
Ich sehe mich mit „Bluebird, Bluebird“ noch etwas in Osttexas um.
La belle saison – Eine Sommerliebe (La belle saison, Frankreich/Belgien 2015)
Regie: Catherine Corsini
Drehbuch: Catherine Corsini, Laurette Polmanss
1971 trifft die 23-jährige Delphine in Paris die Aktivistin Carole. Sie verlieben sich ineinander. Aber dann muss Delphine zurück auf den Hof ihrer Eltern. Carole folgt ihr in eine für sie vollkommen fremde Welt.
TV-Premiere: eine wunderschöne, politisch grundierte Sommerromanze, die auch viel über die frühen Siebziger Jahre in Frankreich erzählt