Dieses Mall will der Duisburger Kommissar Schimanski einen großen Drogenhändler überführen und die titelgebende Zabou, die Tochter einer Ex-Freundin, aus dem kriminellen Drogenmilieu retten. Dummerweise will sie nicht von ihm gerettet werden.
Die Euphorie der damaligen Kritik hielt sich in überschaubaren Grenzen: „Seine Ruhrpott-Mentalität, seine Originalität und seine Macken (…) geraten in den durch Action & Action aufgemotzten Kino-Spielfilmen zur Profillosigkeit“ (Fischer Film Almanach 1988)
„Die Geschichte ist an keiner Stelle glaubwürdig (eine junge Frau von Anfang Zwanzig als kaltschnäuzige Chefin einer Dealerbande!), die Stunts und Crashszenen sind rührend amateurhaft ausgeführt, und Schimanskis blauäugiges Beharren, die kleine Connie/Zabou aus dem Drogensumpf rauszuziehen, wirkt schlicht peinlich.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)
Hajo Gies: „’Zabou‘ war für mich die Geschichte eines Mannes, der die Wahrheit ignoriert und nur das wahrnimmt, was er wahrnehmen will. Er lebt in einer Traumwelt“ (Interview, in Eike Wenzel, Hrsg.: Ermittlungen in Sachen TATORT, 2000)
mit Götz George, Eberhard Feik, Claudia Messner, Wolfram Berger, Hannes Jaenicke, Ralf Richter, Dieter Pfaff, Klaus Lage
Voilà, hier ist sie: die monatliche Krimibestenliste, wie gewohnt präsentiert von Deutschlandfunk Kultur, und mit viel Lesestoff für den schattigen Platz am Strand, im Garten, auf der Couch oder im kühlen Keller:
French Connection – Brennpunkt Brooklyn(The French Connection, USA 1971)
Regie: William Friedkin
Drehbuch: Ernest Tidyman
LV: Robin Moore: The French Connection, 1969 (Heroin Cif New York)
Die beiden Polizisten Popeye Doyle (Gene Hackman) und Buddy Russo (Roy Scheider) verfolgen Drogenschmuggler, die aus Frankreich eine große Menge Rauschgift in die USA schmuggeln wollen.
Zeitloser, hochspannender, vor Ort gedrehter Genre-Klassiker, der auf einem wahren Fall beruht.
Der Thriller erhielt unter anderem den Edgar-Allan-Poe-Award und fünf Oscars (Bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptrolle und Schnitt).
Mit Gene Hackman, Roy Scheider, Fernando Rey, Tony LoBianco, Marcel Bozzufi
Last Night in Soho (Last Night in Soho, Großbritannien 2021)
Regie: Edgar Wright
Drehbuch: Edgar Wright, Krysty Wilson-Cairns (nach einer Geschichte von Edgar Wright)
Das schüchterne Landei Eloise will im heutigen London studieren. Sie quartiert sich in Soho im Haus von Miss Collins ein. In der ersten Nacht in dem Haus träumt von den wilden sechziger Jahren in Soho. Und sie wird in einen damals geschehenen Mordfall verwickelt.
TV-Premiere – aus keinem ersichtlichen Grund zu nachmitternächtlicher Stunde. Gelungener Mystery-Horror-Thriller zwischen Wahn und Wirklichkeit und mit einer Lösung die nur funktioniert, weil die Figuren sich vorher wie Idioten verhalten.
LV: H. G. Wells: The War of the Worlds, 1898 (Der Krieg der Welten)
Aliens wollen die Menschheit vernichten und Hafenarbeiter Ray Ferrier (Tom Cruise) stolpert mit seinen Kindern, die er retten will, durch ein sich in Auflösung befindendes Land. Denn die Aliens sind unbesiegbar.
Extrem düsterer, von 9/11 beeinflusster Science-Fiction-Film von Steven Spielberg.
Beginn eines langen Steven-Spielberg-Abends. Danach, um 22.00 Uhr, zeigt ZDFneo „A. I. – Künstliche Intelligenz“ (USA 2001) und um 00.15 Uhr „München“ (USA 2005).
mit Tom Cruise, Dakota Fanning, Miranda Otto, Justin Chatwin, Tim Robbins, Amy Ryan
Eigentlich hat die alleinerziehende Dirigentin Nina Palčeck (Maren Eggert) dafür keine Zeit. Sie probt mit ihrem Orchester ein Stück, das in wenigen Tagen aufgeführt werden soll. Eine erfolgreiche Aufführung könnte ein wichtiger Schritt in ihrer weiteren Karriere sein. Aber ihr Sohn Lars (Jona Levin Nicolai) hat sich in der Schule aus einem Fenster gestürzt. Der Fenstersturz des Teenagers war offensichtlich kein Unfall, sondern irgendetwas zwischen einem gescheitertem Suizidversuch und einem Hilferuf.
Um ihm zu helfen und um ihre erkaltete Beziehung zu verbessern, nimmt sie sich einige Tage frei. Gemeinsam fahren sie – inzwischen ist der halbe Film um – von München nach Frankreich.
Dort wollen sie mitten im Winter in der Bretagne auf der Insel, auf der sie früher ihre Sommerurlaube verbrachten, ihre Probleme lösen.
In ihrem neuen Film „Kein Wort“ erzählt Hanna Slak von einer dysfunktionalen Mutter-Sohn-Beziehung. Sie reden kaum miteinander. Sie reden auch nicht mit jemand anderem übereinander oder suchen Rat bei Experten. Das führt dazu, dass in dem gesamten Film, wie der Titel erahnen lässt, wenig gesprochen wird.
Nina und Lars schweigen sich bedeutungsvoll an. Derweil überlassen sie dem Publikum das Zusammenpuzzeln der gar nicht so schwierigen Zusammenhänge. Eigentlich ist alles von der ersten Minute an ziemlich offensichtlich, aber Regisseurin Hanna Slak macht ein großes Geheimnis daraus, was an Lars‘ Schule geschah und wie Lars in den Tod seiner Schulkameradin involviert ist. Auch sonst bleibt vieles mehr oder weniger nebulös. Und der halbe Film basiert auf der Prämisse, dass Nina nichts von dem großen Unglück an der Schule mitbekommen hat.
Die sich daraus ergebende Schweigespirale, die Eskalation zwischen Mutter und Sohn auf der Insel und wie sie versuchen, sich durch die Restaurierung eines verlassen am Strand vor sich hin rottenden Bootes wieder näherzukommen, verläuft dann genau so, wie man es sich vorher dachte.
Mit 87 Minuten ist „Kein Wort“ ein ziemlich kurzer Film, der sich deutlich länger anfühlt.
Kein Wort (Deutschland/Frankreich/Slowenien 2023)
Regie: Hanna Slak
Drehbuch: Hanna Slak
mit Maren Eggert, Jona Levin Nicolai, Maryam Zaree, Juliane Siebecke, Marko Mandić, Mehdi Nebbou, Gina Haller, Yura Yang
Nein, einen solchen Film hat Abbé Pierre nicht verdient.
Abbé Pierre, bürgerlich Henri Antoine Grouès (1912 – 2007), ist in Frankreich ein Nationalheiliger. Dreißig Jahre lang, bis er 2005 darum bat, nicht mehr in die Liste aufgenommen zu werden, führte er die Liste der beliebtesten Franzosen an. Er gründete die weltweit tätige Emmaus Stiftung. Sie bekämpft Armut und Obdachlosigkeit. Dabei folgt sie dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe.
Er stammt aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie. Mit zwanzig Jahren schließt er sich den Kapuzinern an. 1938 wird er zum Priester geweiht. Aus gesundheitlichen Gründen muss er das Ordensleben aufgeben. Im Zweiten Weltkrieg ist er Mitglied der Résistance und Fluchthelfer. Aus dieser Zeit stammt sein Pseudonym Abbé Pierre. Nach dem Krieg gründet er die Wohltätigkeitsorganisation Emmaus.
Zur nationalen und später weltweiten Berühmheit wird er im Winter 1953/54. Während einer Kältewelle erfrieren auf den Staßen von Paris viele Menschen elendig. Über Radio Luxemburg appelliert er an seine Landsleute. Der vom Herzen kommende, bewegende Aufruf löst eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Später wird, ausgehend von seiner Initiative, ein großes staatliches Wohnungsbauprogramm verabschiedet.
2007 stirbt er in Paris.
Das sind die biographischen Eckdaten, an denen Frédéric Tellier sich in seinem Biopic „Ein Leben für die Menschlichkeit – Abbé Pierre“ entlanghangelt. Sein Film ist ein biederes, chronologisch erzähltes Biopic, das beim Abhandeln wichtiger Lebensstationen konsequent an der Oberfläche bleibt.
Die für Abbé Pierre prägenden Momente – seine Zeit bei dem Kapuzinerorden, seine Erlebnisse im Krieg in der Résistance, sein Kampf gegen Armut und Obdachlosigkeit nach dem Krieg und vor allem im Winter 1953/54 – werden in der ersten Hälfte des hundertvierzigminütigen Films durchaus spannend und konzentriert abgehandelt. Seine Kindheit und Jugend werden ignoriert.
Aber dann ist da noch die zweite Hälfte des hundertvierzigminütigen Films. Die letzten sechzig Minuten sind eine einzige Aneinanderreihung von Epilog-Szenen, die ihn mal hier, mal da zeigen. Fast jede dieser Szenen könnte problemlos aus dem Film geschnitten werden (Was bringt es uns, zu erfahren, dass er keine Ahnung von Popkultur hat?) oder der Abspann könnte nach ihr beginnen. Fast immer ist unklar, warum Tellier unbedingt diese Episode aus dem Leben von Abbé Pierre in seinem Biopic haben wollte. Exemplarisch sei hier auf einen Auftritt von Abbé Pierre 1992 in einer Talkshow verwiesen, in der er sich unter anderem wortgewaltig gegen Jean-Marie Le Pen äußert. Warum Tellier ausgerechnet diesen Auftritt auswählte, bleibt unklar.
Was Abbé Pierre, außer dem Kampf gegen Armut, angetrieben hat, ob und welche Gewissenskonflikte er hatte, wie sehr sein Glauben sein Leben beeinflusste, das wird nur auf der alleroberflächlichsten Ebene abgehandelt. Etwaige Konflikte in der Emmaus Stiftung werden in einer Szene abgehandelt. Abbé Pierre bleibt dabei durchgehend ein von starken Überzeugungen getriebener, rechtschaffener und wortgewaltiger Heiliger.
„Ein Leben für die Menschlichkeit – Abbé Pierre“ ist ein um eine Stunde zu lang geratenes 08/15-Biopic, das am Ende noch nicht einmal die Lektüre des Wikipedia-Artikels ersetzt. Er und sein Werk hätten einen besseren Film verdient gehabt.
Ein Leben für die Menschlichkeit – Abbé Pierre(L’Abbé Pierre: Une vie de combats, Frankreich 2023)
Regie: Frédéric Tellier
Drehbuch: Frédéric Tellier, Olivier Gorce
mit Benjamin Lavernhe, Emmanuelle Bercot, Michel Vuillermoz, Antoine Laurent, Alain Sachs, Chloé Stefani, Malik Amraoui
In seinem Hauptberuf ist Gary Johnson (Glen Powell) Psychologie-Professor. Er sieht, obwohl sein Studium schon lange zurückliegt, immer noch wie ein sympathisch verpeilter Philosophie-Student aus, der keinerlei Wert auf sein Äußeres legt. Auch sein Auto und seine Wohnung strahlen immer noch einen studentischen Flair aus. Gary ist die menschgewordene Wohlfühlzone.
In seinem Nebenberuf ist er ein Killer, ein Hit Man, der für Geld andere Menschen umbringt. Das sagt er jedenfalls zu seinen Klienten, die ihn mit einem Mord beauftragen und ihm dafür Geld geben. Danach werden sie verhaftet. Denn Gary ist ein Undercover-Agent der Polizei von New Orleans. Das wurde er eher zufällig. Davor half er der Polizei bei der Technik und alle mögen den sympathischen Lehrer. Als bei einem geplanten Undercover-Einsatz der eigentlich zuständige Beamte verhindert ist, wird Gary von den anderen Polizisten gedrängt, schnell einzuspringen. Er tut es. Er improvisiert. Er kann genug Beweise für eine Verhaftung sammeln. Weil er so überzeugend agierte, wird er für weitere Einsätze engagiert.
Schnell professionalisiert er seine Auftritte als Killer. Wie ein Method Actor fühlt er sich in verschiedene Killertypen ein, rekreiert bekannte Killer nach und er wird zu dem Killertyp, den der Auftraggeber wahrscheinlich mit der Tat beauftragen würde.
Das funktioniert alles prächtig, bis Gary auf Madison Masters (Adria Arjona) trifft. Sie möchte, dass er ihren gewalttätigen Mann ermordet. Aber dieses Mal nimmt er nicht das Geld und liefert sie der Justiz aus, sondern er verliebt sich in sie. Und sie verliebt sich in ihn; also in den vom ihm für sie gespielten Killer. Und schon beginnen die Probleme.
In dem Moment wandelt Richard Linklaters neuer, äußerst entspannt erzählter Film sich von einer Krimikomödie mit der Betonung auf Komödie in eine Noir-Liebesgeschichte.
Gary Johnson gab es wirklich. In den späten neunziger Jahren war er in und um Houston ein Lehrer (Teilzeit), städtischer Angestellter und der Mann, der für die Polizei als angeblicher Killer zahlreiche Täter überführte.
Richard Linklater verlegte die Geschichte in die Gegenwart, veränderte den Handlungsort und nahm sich weitere künstlerische Freiheiten. Entstanden ist eine wunderschön entspannte, leicht subversive, schwarzhumorige Krimikomödie, die immer mal wieder ihren Plot verliert. Aber das gleicht sie durch ihr spielfreudiges Ensemble aus. Im Mittelpunkt steht dabei der von Glen Powell gespielte Gary Johnson. „A Killer Romance“ ist die vierte Zusammenarbeit von Powell und Linklater. Er spielte in Linklaters Filmen „Fast Food Nation“, „Everybody Wants Some!!“ und „Apollo 10 ½: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter“ mit. Im Geschäft ist der 1988 geborene Schauspieler seit über zwanzig Jahren. Seit 2003 spielte er, meistens unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit, in zahlreichen TV-Serien und Filmen, wie „The Dark Knight rises“ (als Trader #1), „The Expendables 3“, „Ride Along: Next Level Miami“ und „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ und „Deine Juliet“, mit. Jetzt ist er, dank der Hits „Top Gun: Maverick“ und „Wo die Lüge hinfällt“ auf dem Weg zum Star. Sein nächster Film ist das Blockbuster-Spektakel „Twister“. In „A Killer Romance“ zeigt er seine Wandlungsfähigkeit und dass er ein Gespür für gute Stoffe hat.
Und Richard Linklater hat mal wieder einen richtig guten Film gedreht.
A Killer Romance (Hit Man, USA 2023)
Regie: Richard Linklater
Drehbuch: Richard Linklater, Glen Powell
LV: Skip Hollandsworth: Hit Man, 2001 (Texas Monthly, Reportage)
Female Agents – Geheimkommando Phoenix (Les femmes de l’ombre, Frankreich 2008)
Regie: Jean-Paul Salomé
Drehbuch: Jean-Paul Salomé, Laurent Vachaud
Frankreich, 1944: fünf Frauen sollen einen britischen Geologen, bevor er einem SS-Oberst in die Hände fällt, aus Frankreich herausschleusen.
Starbesetzter Thriller, der es bei uns, wie Salomés und Vachauds vorheriger, ebenfalls sehenswerter Abenteuerthriller „Arsène Lupin“, nur auf DVD erschien.
„Auf Ausstattung und Spannung setzendes Kriegs- und Agentendrama, das sich erfolgreich um eine Balance zwischen anspruchsvollem Unterhaltungskino und einer Würdigung der Nazi-Opfer bemüht.“ (Lexikon des internationalen Films)
„Das übliche Agentenfilmgenre wird hier doppelt gebrochen: (…) Obwohl der Film am Ende pathetisch den französischen Résistance-Kämpferinnen huldigt, ist er weniger ein Kriegsdrama denn ein auf Spannung getrimmter Thriller. Das hat er durchaus mit „Operation: Walküre“ gemein.“ (Die Welt)
„it’s all played with gusto and it’s actually a more enjoyable piece of work than Paul Verhoeven’s much-praised wartime drama Black Book.“ (Guardian)
„an old-fashioned period adventure that radiates star wattage but doesn’t exactly shine in the script department. A sort of „Girls With Guns 2“ for helmer Jean-Paul Salome, pic has a slick look and exciting WWII setting that help plaster over its generic feel and generally one-note performances („Look determined!“ must have been Salome’s chief instruction).“ (Variety)
mit Sophie Marceau, Julie Depardieu, Marie Gillain, Moritz Bleibtreu, Volker Bruch
You miss a very big aspect of the human experience if you take yourself too seriously.
Yorgos Lanthimos
Yorgos Lanthimos‘ neuer Film, wieder mit Emma Stone, dürfte die Fans von „Poor Things“ nachhaltig irritieren und verstören. „Kinds of Kindness“ knüpft da eher an seinen von mir nicht gemochten „The Killing of a sacred Deer“ an.
In seiner neuen, fast dreistündigen Satire erzählt er hintereinander drei nur sehr, sehr lose, fast überhaupt nicht miteinander verbundene Geschichten. In der ersten Geschichte „The Death of R. M. F.“ tut ein offensichtlich hochrangiger Büroangestellter alles für seinen Chef. Robert lässt sich Tag und Nacht von Raymond kontrollieren, berichtet ihm über alles, auch seinen Stuhlgang und sein Sexleben, und tut alles, was sein Vorgesetzter von ihm möchte. Dabei erstrecken sich Raymonds teils bizarren Wünsche und Forderungen auch und vor allem auf sein Privatleben.
Als Robert einen tödlichen Unfall, bei dem R. M. F., der Fahrer des anderen Autos, sterben soll, nicht ausführen kann, entzieht Raymond ihm seine Gunst und alle Privilegien, wozu auch seine Wohnung und seine Frau (frag nicht, lange Geschichte) gehören. Robert will wieder seine alte Position haben.
In der zweiten Geschichte „R. M. F. Is flying“ verschwindet die Frau des Polizisten Daniel spurlos im Ozean. Entgegen aller Erwartungen wird Liz lebendig gefunden. Als sie zu ihm zurückkehrt, glaubt Daniel, dass Liz eine andere Person ist. Sie verhält sich anders und hat bestimmte Dinge, wie ihren Lieblingssong, vergessen. Daniel wird darüber zunehmend paranoid, wird suspendiert und verbringt viel Zeit mit seiner Frau in ihrem gemeinsamen Haus. Da fordert er sie auf, sich zu verletzen.
In der dritten und letzten Geschichte des Films, „R. M. F. eats a Sandwich“ suchen die ‚Arbeitskollegen‘ Emily und Andrew für eine von einem Reinheitswahn besessene Sekte nach einer Frau, die Tote wiedererwecken kann. Bis jetzt ohne Erfolg.
Als Sektenführer Omi sie auf eine neue potentielle Kandidatin ansetzt, könnten sie die Frau gefunden haben. Jedenfalls häufen sich die merkwürdigen Ereignisse. So hat Emily sie in einem Traum gesehen. Sie werden in einem Restaurant von einer Frau angesprochen, die sagt, sie wisse, wer sie seien und sie habe eine Zwillingsschwester, die die Gesuchte sein könnte.
Nachdem Emily von ihrem Ex-Mann vergewaltigt wird, wird sie als contaminierte Person aus der Sekte geworfen. Emily will, wie Robert in der ersten Geschichte, wieder in die Sekte und von Omi aufgenommen werden. Fanatisch beginnt sie die auserwählte Frau zu suchen. Und ab jetzt wird die Geschichte wirklich schräg.
Bei keiner der drei Geschichten kann eine Zusammenfassung auch nur annähernd wiedergeben, wie seltsam, irreal, absurd und voller Ideen die schwarzhumorigen Geschichten sind. Und wie gut die Schauspieler sind, die in jedem Film überzeugend in eine andere Rolle schlüpfen. Emma Stone (als Rita, Liz und Emily), Jesse Plemons (als Robert, Daniel und Andrew) und Willem Dafoe (als Raymond, George und Omi) spielen immer die Hauptrollen. Sie schlüpfen in die verschiedenen Figuren und ihre Marotten. Die kleinen Details, wie die von ihnen getragenen Kleider, sind gelungen. Kamera, Musik und Ausstattung gefallen ebenfalls.
Ich habe auch nichts gegen schräge Geschichten. So gefiel mir Lanthimos‘ ziemlich absurde Satire „The Lobster“ sehr. Aber bei „Kinds of Kindness“ lenkt der Hinweis auf die guten Schauspieler und die gute Inszenierung nur vom Grundproblem ab: der Film funkioniert nicht. Die einzelnen Geschichten sind rudimentäre Skizzen, in denen es irgendwie um Macht, Kontrolle und den Freien Willen geht. Diese Themen werden in den einzelnen Szenen immer wieder angesprochen. Aber es bleibt auf der Ebene eines teils gelungenen und teils witzigen Sketches, in dem eine Person einer anderen Person ihren Willen aufzwingt.
Die Geschichten sind so abstrakt, dass jeder hineininterpretieren, was ihm gerade gefällt. Jede dieser Geschichten ist gleichzeitig zu kurz und zu lang. Die interessanten Teile werden zu schnell abgehandelt. Für uninteressanteste, den Plot in keinster Weise voranbringende Szenen wird dann zu viel Zeit aufgewendet. Oder die Szene dauert einfach viel länger als nötig. Erklärungen gibt es keine, weil das den Raum möglicher Interpretationen einschränken würde. Entsprechend zahn- und ziellos gerät die Satire.
„Kinds of Kindness“ ist länger als „The Killing of a sacred Deer“, aber genauso todsterbenslangweilig.
P. S.: Wenn der Abspann beginnt, sitzenbleiben. Es gibt noch eine Szene.
Kinds of Kindness(Kinds of Kindness, USA 2024)
Regie: Yorgos Lanthimos
Drehbuch: Yorgos Lanthimos, Efthimis Filippou
mit Emma Stone, Jesse Plemons, Willem Dafoe, Margaret Qualley, Hong Chau, Joe Alwyn, Mamoudou Athie, Hunter Schafer
Maxine Minx hat es geschafft. Naja, irgendwie so halb. Sie lebt inzwischen in Hollywood, hat einen Agenten und dreht Filme. Allerdings nur Pornos und langsam – wir reden hier von 1985 – wird die Dreiunddreißigjährige zu alt für diese Filme. Außerdem möchte sie immer noch ein echter Hollywood-Star werden. Das könnte ihr mit der Hauptrolle in dem Horrorfilm „The Puritan 2“, die sie nach einem erfolgreichen Vorsprechen erhielt, gelingen.
Zur gleichen Zeit sorgt ein Serienmörder in Los Angeles für Angst und Schrecken. Wie sein Spitzname Night Stalker verrät, ist er bevorzug nachts unterwegs. Um diese Zeit ist auch Maxine unterwegs. Im Gegensatz zu anderen Frauen hat sie keine Angst vor dem Night Stalker. Eher müssen die Männer, Night Stalker hin, Night Stalker her, Angst vor ihr haben.
Genrefans kennen Maxine aus Ti Wests „X“. Das war 2022 ein wunderschön unterhaltsamer Retro-Slasher, der gelungen das „Texas Chainsaw Massacre“ mit dem Pornofilm verband. „X“ spielt 1979 auf einer Farm in Texas. Dort wollen einige Jungfilmer einen Porno drehen und so viel Geld verdienen. Sie haben allerdings nicht mit der Hausherrin Pearl gerechnet, die sie der Reihe nach umbringt. Mia Goth spielte Maxine und, auf alt geschminkt, Pearl.
Weil Ti West, Mia Goth und das gesamte Team wegen der Coronavirus-Pandemie vor der Einreise nach Australien, wo der Film gedreht wurde, in Quarantäne waren, erfanden West und Goth für Pearl eine ausführliche Biographie. Das Drehbuch gefiel den Produzenten so gut, dass sie „Pearl“ direkt nach „X“ verfilmen konnten. Sie blieben einfach etwas länger am Drehort. „Pearl“ verbindet die Technicolor-Hollywood-Dramen von Douglas Sirk mit dem „Zauberer von Oz“ und dem Slasherfilm. Die tiefgläubige, etwas junge Pearl möchte 1918 aus dem US-amerikanischen Hinterland-Farmland nach Hollywood und dort berühmt werden. Als es Probleme gibt, zückt sie das Messer und sticht zu. Auch diese KombinationSLASHHommage mehrerer Genres, wieder stilecht in der Optik dieser Genres inszeniert, überzeugte Kritik und Fans.
Mit „MaXXXine“ erzählen West und Goth jetzt, mit einem größeren Budget, die Geschichte von Maxine weiter. Vor dem Dreh hieß es, dieser Film sei das Ende einer Trilogie; wobei die drei Filme keine durchgehende Geschichte erzählen, sondern durch den Regisseur, die Hauptdarstellerin und Ähnlichkeiten in Thema, Stil und Herangehensweise miteinander verbunden sind. Sie sind also, wie die Filme von Eric Rohmer, der mit Frauen ganz andere Filme drehte und sie zu verschiedenen Zyklen zusammenfasste, eher ein Zyklus, der noch nicht abgeschlossen ist. Schon vor dem Kinostart sagte Ti West, dass er bereits an einem weiteren Film mit Maxine arbeite.
Bis dahin haben wir „MaXXXine“, der nahtlos an die beiden vorherigen Filme anknüpft. Wieder geht es um christlichen Fundamentalismus und die damit verbundene Abscheu vor Pornographie, lustvollem, vorehelichem Sex und anderen weltlichen Vergnügen. Wieder spielt Mia Goth die Hauptrolle. Sie ist, wie man damals sagte, ein echter Hingucker. Und wieder kopiert Ti West Filmstile, die während der Handlungszeit des Films populär waren. Das heißt, dass er dieses Mal förmlich im 80er-Jahre-Horrorfilm, dem damaligen Hollywoodkino, vor allem den B-Pictures, und dem Pornofilm badet. West zeigt Los Angeles und Hollywood als einen einzigen Sündenpfuhl voller Sex und Gewalt. Mit der Bibel in der Hand, rechtschaffener Empörung über den Verfall der Sitten und hysterischen Warnungen vor den allgegenwärtigen Gefahren für Jugendliche kämpften die Sittenwächter dagegen an.
„MaXXXine“ ist ein Über-80er-Jahre-Thriller, der damalige Thriller, Horrorfilme, Pornos und Blockbuster kondensiert und, fast wie ein Music-Clip, wieder ausspukt. Entsprechend gut sieht alles aus. Mit einigen bekannten Schauspielern, die offensichtlich ihren Spaß haben, wenn sie ihre Figuren besonders übertrieben spielen, und einer Mia Goth, die wie die von ihr verkörperte Maxine, als der große kommende Star auftritt. Insofern kann „MaXXXine“ auch als Starvehikel gelesen werden, das die Geschichte von Mia Goth erzählt. Goth war vor ihrer Schauspielerkarriere Model.
Außerdem ist „MaXXXine“ eine Liebeserklärung an Hollywood und das Filmemachen. Selten, obwohl es zuletzt „Once upon a time in Hollywood“ und „Babylon – Rausch der Ekstase“ gab, wird in einem Film so ausführlich gezeigt, wie ein Film entsteht, selten wird in einem Film so lange über das Studiogelände durch die Kulissen gefahren und noch seltener, eigentlich nur in den „Psycho“-Filmen und Parodien, wird das „Psycho“-Haus gezeigt. Filmfans können in Ti Wests Film also einiges entdecken.
Trotzdem funktioniert „MaXXXine“ auch gut ohne eine Analyse der Metaebenen als gradliniger Über-80er-Jahre-Thriller. Er lässt uns noch einmal in die Welt eintauchen, die wir, um nur drei bekannte Beispiele zu nennen, aus Filmen wie Brian De Palmas „Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren“ und „Der Tod kommt zweimal“ (Body Double) und Abel Ferraras „Fear City“ (der allerdings in New York spielt) kennen. Jeder kann die Liste um weitere damals entstandene blutrünstige, damals und teils heute immer noch schockierende Slasher-, Horrorfilme und Thriller ergänzen. Im Finale, das teilweise auf einem großen Grundstück spielt, das in der Nähe des legendären Hollywood-Schildes liegt, wird dann der finale Schusswechsel aus dem ersten und besten „Beverly Hills Cop“ zitiert.
„MaXXXine“ ist eine verdammt gutaussehende, stilbewusste, ziemlich witzige und blutige Retro-Schlachtplatte.
MaXXXine(MaXXXine, USA 2024)
Regie: Ti West
Drehbuch: Ti West
mit Mia Goth, Elizabeth Debicki, Michelle Monaghan, Kevin Bacon, Halsey, Giancarlo Esposito, Bobby Cannavale, Moses Sumney, Lily Collins, Sophie Thatcher, Simon Prast
Eine fantastische Frau – Una Mujer Fantastica (Una Mujer Fantastica, Chile//USA/Deutschland/Spanien 2017)
Regie: Sebastián Lelio
Drehbuch: Sebastián Lelio, Gonzalo Maza
Marina ist in Orlando verliebt. Als er stirbt, muss die die Transsexuelle um einen würdevollen Abschied von ihrer großen Liebe kämpfen. Genau das will Orlandos Familie verhindern.
Fantastisches Drama, das auf der Berlinale mehrere Preise und, einige Monate später, den Oscar als bester ausländischer Film erhielt.
Spurlos verschwindet die aus Halberstadt am Harz kommende sechzehnjährige Lena Palmer. Als drei Tage nach ihrem Verschwinden im Internet ein Video auftaucht, das zeigt, wie sie von drei afrikanisch aussehenden Männern vergewaltigt wird, erhält BKA-Kommissarin Yasira Saad den Fall. Einerseits, weil sie eine gute Ermittlerin ist und sie ein gutes Team hat, andererseits weil sie eine Frau und Migrantin ist. Damit können für die Öffentlichkeit gleich einige positive Signale gesendet werden.
Aber sie und ihr Team kommen bei ihren Ermittlungen nicht weiter. Sicher, sie findet den Freund von Lena: einen siebenundzwanzigjährigen Kleindealer, der behauptet, er habe sie am Tag ihres Verschwindens nicht gesehen. Aber mehr ermitteln sie nicht.
Gleichzeitig tauchen Videos von einer sich Aktiver Heimatschutz nennenden Gruppe auf. Sie ruft zur Selbstjustiz auf. Später scheint sie solche Taten auch zu dokumentieren. Denn der entscheidende Moment, der aus einem aufrührerisch-geschmacklos-gewaltverherrlichendem Video die Dokumentation einer schweren Straftat machen würde, wird nicht gezeigt. Dennoch verfehlen die Videos, auch weil die üblichen Verdächtigen beim Anstacheln des rechts-reaktionären Volkszorns mitmachen, im Netz und auf der Straße nicht ihre Wirkung.
Da fragt Yasira sich, ob das Video von Lenas Vergewaltigung echt ist. Denn sie haben innerhalb einer Woche keine einzige erfolgsversprechende Spur gefunden. Sie konnten den Tatort nicht finden. Sie konnten die Vergewaltiger nicht finden. Aus der Bevölkerung gibt es, obwohl das Video allgemein bekannt ist, keine Hinweise auf den Tatort und die Täter.
Diese Theorie sorgt allerdings zunächst für mehr Fragen und mehr Ermittlungsansätze, die verfolgt werden müssen.
Nach Comedy (seine Känguru-Geschichten), Science-Fiction („QualityLand“) und Fantasy („Der Spurenfinder“) schreibt Marc-Uwe Kling nun einen Kriminalroman, bei dem zwei Dinge auffallen. Er ist überraschend gelungen und er ist quasi humorfrei. „Views“ ist keine schluffige Krimikomödie, in der herumgeblödelt wird, bis der Täter aufgibt, sondern ein straff erzählter düsterer Kriminalroman, der sich auf die Ermittlungen der Polizei konzentriert, verschiedene Verdächtige präsentiert, nach Motiven forscht, Spuren sucht und sich mit dem Thema Künstliche Intelligenz beschäftigt. Dabei, immerhin ist „Views“ ein Krimi, stehen natürlich die Gefahren von KI im Vordergrund.
Das ist von der ersten bis zur letzten Zeile näher an Jeffery Deaver, dem Erfinder von Lincoln Rhyme, der sich in seinen Thrillern immer wieder kundig mit den Gefahren der Informationstechnologie auseinandersetzt, als an Rita Falk oder Sebastian Fitzek.
Auf knapp 270 Seiten erzählt Marc-Uwe Kling in „Views“ eine spannende Noir-Kriminalgeschichte mit glaubwürdigen Figuren und ohne Mord und Totschlag. Gleichzeitig vertieft er sich in ein brandaktuelles und für die gesamte Gesellschaft wichtiges Thema.
Drehbuch: Michael Robert Johnson, Anthony Peckham, Simon Kinberg (nach einer Geschichte von Lionel Wigram und Michael Robert Johnson)
LV: Charakter von Arthur Conan Doyle
Sherlock Holmes und Dr. Watson jagen den Ritualmörder Lord Blackwood. Anscheinend mordert der Lord nach seinem Tod weiter und greift nach der Weltherrschaft.
Guy Ritchies gelungenes Update von Sherlock Holmes mit viel Action und Humor.
Die große Sherlock-Holmes-Manie der zehner Jahre begann einige Monate nach Ritchies Film mit der grandiosen BBC-Serie „Sherlock“ (erfunden von Mark Gatiss und Steven Moffat, mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman in den Hauptrollen).
2011 folgte mit „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ ein zweiter Holmes-Kinofilm von Guy Ritchie mit Robert Downey Jr. und Jude Law in den Hauptrollen.
Ein dritter Sherlock-Holmes-Film mit Downey Jr. als Meisterdetektiv ist immer noch im Gespräch.
mit Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel McAdams, Mark Strong, Eddie Marsan, Geraldine James, James Fox, Kelly Reilly:
Shaun of the Dead (Shaun of the Dead, Großbritannien 2004)
Regie: Edgar Wright
Drehbuch: Simon Pegg, Edgar Wright
Es dauert einige Zeit, bis der lethargische Elektroverkäufer Shaun und sein arbeitsloser Kumpel Ed mitbekommen, dass gerade eine Zombie-Apokalypse die Menschheit dezimiert. Aber danach überlegen sie, was sie tun sollen, gehen in die Offensive – und zum nächste Pub.
Kultige Zombie-Horror-Splatterkomödie, die in einer gut besuchten Mitternachtvorstellung noch spaßiger als auf der heimischen Couch ist. Mit oder ohne Cornetto.
Und hier einige zeitgenössische Urteile: „Schräger Film“ (Lexikon des internationalen Films) „Sympathische Splatterkomödie“ (epd-Film) „Kinospaß für Splatterfans“ (Zitty)
mit Simon Pegg, Nick Frost, Kate Ashfield, Lucy Davis, Dylan Moran, Penelope Wilton, Bill Nighy, Martin Freeman, Rafe Spall, Chris Martin, Jonny Buckland, Edgar Wright
Am Dienstag, den 2. Juli, läuft Ridley Scotts bahnbrechendes Roadmovie „Thelma & Louise“ in einer sicher prächtig aussehenden 4K-Restaurierung im Rahmen der monatlichen „Best of Cinema“-Reihe wieder im Kino. Einige Kinos zeigen ihn auch noch in den darauffolgenden Tagen.
Die denkbar einfache Filmgeschichte dürfte bekannt sein: die brave Hausfrau Thelma (Geena Davis) und ihre Freundin, die forsche Kellnerin Louise (Susan Sarandon), brechen zu einem Wochenende ohne Männer auf. In einer Bar wird ein Mann zudringlich. Er will Thelma vergewaltigen. Louise erschießt ihn. Weil ihnen das aber niemand glauben würde, fliehen Thelma und Louise in Richtung Mexiko. Verfolgt von der Polizei.
Aber wie präzise Drehbuchautorin Callie Khouri und Regisseur Ridley Scott diese (Zufalls)verbrecher-auf-der-Flucht-Geschichte erzählen, macht den Film zu großem Kino. Die wunderschönen Landschaftsaufnahme verlangen nach der Kinoleinwand. Auch der Rest sieht, wie immer bei Ridley Scott, sehr gut aus.
Das feministische Roadmovie war 1991, neben „Das Schweigen der Lämmer“, ein Kassen- und Kritikererfolg. Inzwischen ist „Thelma & Louise“ ein Klassiker, der keinerlei Patina angesetzt hat. Bei der wiederholten Sichtung fällt auf, wie sehr er damals, vor über dreißig Jahren, seiner Zeit voraus aus; obwohl er eigentlich nur die Geschlechter veränderte und dann anstatt zwei Männer, wie „ Butch Cassidy und Sundance Kid“, oder einen Verbrecher und seine Geliebte, wie „Bonnie und Clyde“ oder „Badlands“, vor der Polizei quer durch die USA flüchten ließ. Scott kennt die Vorbilder, er zitiert sie immer wieder und macht daraus ein eigenständiges, sich auf die Tradition beziehendes und sie konsequent weiterentwickelndes Road-Movie, das heute immer noch nichts von seinem revolutionärem Geist eingebüßt hat. Das Thema das Films, die Gewalt von Männern gegen Frauen, ist auch nach #MeToo immer noch brennend aktuell.
Außerdem fällt auf, wie zügig Scott die Geschichte beginnt, wie komplex die Beziehungen zwischen den wenigen Figuren sind, wie konsequent auf jeder Ebene des Films die Entwicklung der beiden Heldinnen erzählt wird, und wie souverän Ridley Scott die Geschichte erzählt. Hier ist er unbestritten auf der Höhe seines Könnens. „Thelma & Louise“ gehört, neben „Alien“ und „Blade Runner“ zu seinen drei besten Filme. Ad hoc würde ich ihn wegen seiner fröhlichen Stimmung sogar auf den ersten Platz setzen.
Callie Khouri erhielt für ihr Drehbuch unter anderem den Oscar, einen Golden Globe und den Preis der Writers Guild of America. In ihren späteren Werken konnte sie an diesen Erfolg nicht anknüpfen.
Thelma & Louise (Thelma & Louise, USA 1991)
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Callie Khouri
mit Susan Sarandon, Geena Davis, Harvey Keitel, Michael Madsen, Brad Pitt, Stephen Tobolowsky