Die Bourne Identität (USA 2002, Regie: Doug Liman)
Drehbuch: Tony Gilroy, William Blake Herron
LV: Robert Ludlum: The Bourne Identity, 1980 (Der Borowski-Betrug, Die Bourne-Identität)
CIA-Agent und Killer Jason Bourne hat sein Gedächtnis verloren. Schlimme Sache. Aber schlimmer ist, dass seine ehemaligen Arbeitgeber ihn umbringen wollen.
Die eher werkferne, kommerziell erfolgreiche Verfilmung des ersten Borowski-Buches. Für die Verfilmung des damals über zwanzig Jahre alten Buches wurde nur das Skelett der Handlung übernommen, der Rest aktualisiert und ein unterhaltsamer Action-Thriller gedreht, der sogar angenehm altmodisch ist. Nur Matt Damon wirkt einfach fünf Jahre zu jung für den eiskalten Profikiller. Aber das Problem hatte er in den spannenden Fortsetzungen nicht mehr.
Mit Matt Damon, Franka Potente, Chris Cooper, Clive Owen, Brian Cox, Walton Goggins
Mit 151 Minuten Laufzeit geht das gepflegte Arthaus-Kino, wieder einmal, von der Filmlänge, in Richtung Blockbuster-Kino. Das ist in diesem Fall nicht schlecht. Auch wenn Ruben Östlund ruhig einige Minuten hätte kürzen können in seinem episodischen Spielfilm „The Square“, der in Cannes die Goldene Palme erhielt.
Christian (Claes Bang) ist der eloquente, immer modisch gekleidete und etwas oberflächliche Kurator des X-Royal-Museums in Stockholm. Eines Tages wird ihm auf dem Weg zur Arbeit sein Handy und seine Brieftasche geklaut. Er will es wieder haben. Als er erfährt, dass es in einem Wohnblock in einer zwielichtigen Gegend ist, entschließt er sich, einen Drohbrief in alle Briefkästen zu werfen, in dem er die Rückgabe seines Geldbeutels und seines Telefons fordert.
Zur gleichen Zeit konzipiert er eine neue Ausstellung, zu der auch die titelgebende quadratische Kunstinstallation im Kopfsteinpflaster des Museumsplatzes gehört. Eine Plakette erklärt die Installation: „Das Quadrat ist ein Zufluchtsort, an dem Vertrauen und Fürsorge herrschen. Hier haben alle die gleichen Rechte und Pflichten.“
Natürlich muss die Ausstellung publikumswirksam vermarktet werden. Dafür sind zwei PR-Berater engagiert, die eine virale Werbekampagne planen, die vielleicht wenig mit der Ausstellung zu tun hat, aber viele Klicks generieren wird. Schon der Titel „Blonde Kinderbettlerin wird in die Luft gesprengt“ generiert Aufmerksamkeit.
Diese beiden Plots – wobei der Plot mit dem geklauten Telefon scheinbar ziemlich schnell erledigt ist – bieten Ruben Östlund die Möglichkeit, in immer neuen Szenen, Irritationen in die gewohnten Abläufe einfließen zu lassen. Es sind Provokationen, falsches oder irritierendes Verhalten und Grenzüberschreitungen. Mehr oder weniger bewusst. Mehr oder weniger auffällig.
Und immer steht Christian vor der Frage, wie er sich verhalten soll. So geht er, wie alle anderen, teilnahmslos an einem Bettler vorbei. Auch als kurz darauf Frauenschreie ertönen, reagiert er nicht. Auch nicht, als sie an ihm vorbeiläuft. Erst als er von einem anderen Mann angesprochen wird, stellt er sich ihrem Verfolger in den Weg. Danach ist er stolz auf sich und seinen Mut.
Später wird ein öffentliches Gespräch mit einem Künstler durch die vulgären Worte und Sätze eines Mannes mit Tourette-Syndrom gestört.
Bei einem Abendessen sorgt eine Performance zunächst für einen willkommenen Clash. Ein halbnackter Mann tobt wie ein wildgewordener Gorilla durch den Saal. Die Gäste sind zunächst amüsiert über die gelungene Performance. Dann, als der Künstler nicht aufhört und zunehmend Grenzen überschreitet, versuchen sie ihn zu ignorieren. Als die Performance sich weiter steigert und er weitere Grenzen verletzt, beginnen sie ihn zu schlagen.
Östlund beobachtet das alles ungerührt mit den Augen eines Forschers, der sehen möchte, wie sich der von ihm gestaltete Versuchsaufbau entwickelt. In diesem Fall endet der Versuch in einer Schlägerei.
Auch in der von Christian kuratierten Ausstellung wird das Problem zwischen den moralischen Vorstellungen des Charakters und seinem Verhalten konkret angesprochen. In einem Raum soll der Museumsbesucher sich zwischen zwei Türen entscheiden. Auf der einen steht „Ich vertraue den Menschen.“ Auf der anderen „Ich misstraue den Menschen.“ Wenn man die „Ich vertraue“-Tür durchschreitet, wird man danach aufgefordert, sein Telefon und seine Brieftasche auf den Boden zu legen. Östlund, der dieses Experiment in einem seiner Kunstprojekte durchführte, sagt, in dem Moment hätten die Museumsbesucher kalte Füße bekommen: „Dieser Widerspruch zeigt, wie schwierig es ist, nach den eigenen Prinzipien zu handeln.“
Der gesamte Film ist sehr klar, aber auch überdeutlich inszeniert. So alltäglich die meisten Situationen sind, so künstlich sind sie auch immer. Auch weil die Figuren sich fast immer wie sorgfältig instruierte Versuchsteilnehmer verhalten. Sie wissen, dass sie etwas bestimmtes tun sollen. Nämlich ausgehend von einer bestimmten Situation und einem mit der Situation verbundenem (Schein)Problem den Zuschauer zum Nachdenken über verschiedene Handlungsmöglichkeiten anzuregen. Entsprechend deutlich werden die Handlungsoptionen formuliert und entsprechend schmal ist am Ende dieser enzyklopädischen Sammlung unangenehmer Situationen der Erkenntnisgewinn. Dafür hätte Östlund sich stärker mit den gesellschaftlichen Normen und wie sie im Konflikt mit unserem alltäglichen Handeln stehen, beschäftigen müssen.
Oder, um wieder auf das titelgebende Quadrat der gleichen Rechte und Pflichten zurückzukommen, ist dieses Quadrat nicht einfach ein von der Wirklichkeit abgehobenes, nichtssagendes Kunstprojekt, das die wahren Probleme ignoriert? Was hat einer der vielen von Östlund gezeigten Obdachlosen von dem Quadrat mit den gleichen Rechten und Pflichten, wenn er keine Wohnung und kein Einkommen hat? Wenn es niemand gibt, der sich für ihn einsetzt oder ihm die Mittel in die Hand gibt, um seine Situation zu verändern?
Man kann „The Square“ auch einfach als Satire auf den Kunstbetrieb und die Tragödie eines lächerlichen Mannes sehen.
The Square (The Square, Schweden/Deutschland/Frankreich/Dänemark 2017)
Regie: Ruben Östlund
Drehbuch: Ruben Östlund
mit Claes Bang, Elisabeth Moss, Dominic West, Terry Notary, Christopher Laesso, Marina Schiptjenko, Elijandro Edouard, Daniel Hallberg, Martin Sööder
Mein Desinteresse am Tennisinteresse begann erst später, aber Björn Borg und John McEnroe waren auch für Nicht-Sportfans Tennisstars, an denen man nicht vorbeikam. Schließlich kämpften sie um den ersten Platz auf der Weltrangliste. Und John McEnroes Wutanfällen auf dem Platz waren schon damals legendär. In den Achtzigern berichtete die Presse immer wieder darüber. Dass beide Sportler gleich reihenweise die wichtigsten Preise abräumten interessierte in dem Moment vor allem die Sport- und Tennisfans.
Außerdem waren beide, im Gegensatz zu heutigen Sportlern, echte Charaktere, die in diesem Fall ihre unterschiedlichen Stile und Feindschaften auch in der Öffentlichkeit pflegten. Wobei das Pflegen von publikumswirksamen Feindschaften auch in anderen Sportarten, vor allem im Boxen, dazu gehört und gut für die Quoten ist. Damals waren Quoten, vor allem TV-Quoten, noch nicht so wichtig.
Erstmals trafen Björn Borg und John McEnroe 1980 in Wimbledon aufeinander. Borg war damals ein großer Star. Ein vierfacher Wimbledon-Gewinner, der mit einem fünften Sieg Tennisgeschichte schreiben könnte. Er ist ein ruhiger, überlegter Spieler. Ein Eisberg, der keine Gefühle zeigt.
Früher war er im Training unbeherrscht wie John McEnroe und wie ihm sein Trainer Lennart Bergelin diese Unbeherrschtheit austreibt, geschieht in Janus Metz‘ Film „Borg/McEnroe“ mit einer Gardinenpredigt Bergelins etwas zu schnell. Hier hätte Metz Borg ein, zwei Szenen mehr gönnen können. Schließlich zeichnet er Borgs Aufstieg an die Weltspitze und sein Privatleben detailverliebt und, wie man hört, auch sehr faktengetreu nach.
Borg pflegt während des 1980er Wimbledon-Turniers auch seine Marotten: er besteht auf dem immergleichen Auto und Hotelzimmer. In der bis zum Waschlappen immergleichen Ausstattung. Jeden Abend prüft er in einer langwierigen Prozedur mit Bergelin die Spannung seiner Schläger. Von dem ganzen Rummel um ihn herum und dass seine Mitarbeiter für ihn sein Leben von Tennisturnieren bis zur Hochzeit durchplanen, ist er genervt.
John McEnroe ist in dem Moment das junge aufstrebende Talent aus New York. Er kann sich noch unbeobachtet durch die Stadt bewegen und sein billiges Hotelzimmer mühelos in eine typische Studentenbude verwandeln. Auch auf dem Platz ist er das genaue Gegenteil von Björn Borg. McEnroe ist ein unbeherrschter Choleriker, der alles und jeden beleidigt. Der Zwanzigjährige ist kein beliebter, aber ein sehr guter Tennisspieler, der jetzt den vierundzwanzigjährigen Björn Borg besiegen will.
Diese beiden unterschiedlichen Charaktere und die klare Struktur des Wettkampfs bieten das erzählerische Gerüst für „Borg/McEnroe“, das allein schon spannend genug ist. Das Zeitkolorit (die Kleider, die Frisuren, das Design, die Autos) erledigt den Rest. Hier liefert der Däne Janus Metz, der bislang vor allem als Dokumentarfilmer arbeitete, alles, was man erwartet. Über Björn Borg und seine Lehrjahre erfährt man auch einiges. Im Gegensatz zu John McEnroe halfen er und seine Familie den Filmemachern mit Hintergrundinformationen.
Dagegen erfährt man im Film wenig bis nichts über John McEnroes Weg nach Wimbledon.
Auch über das Spiel, die Spielregeln und das spezifische Denken eines Tennisspielers erfährt man fast nichts.
Das gelang Ron Howard in seinem fantastischen Formel-1-Thriller „Rush“ (über Niki Lauda und James Hunt) und Edward Zwick in seinem ebenso fantastischem Schach-Thriller „Bauernopfer – Spiel der Könige“ (über Bobby Fisher und Boris Spassky) besser.
In „Borg/McEnroe“ geht es mehr um die Herausforderungen des Ruhms, den unbedingten Willen zu Siegen und unterschiedliche Wege, ans Ziel zu kommen. Insofern unterscheiden sich Björn Borg und John McEnroe kaum von Niki Lauda und James Hunt, der den Ruhm als Formel-1-Fahrer genießt.
Insgesamt ist „Borg/McEnroe“ auch für Nicht-Tennsfans ein mitreisender Sportfilm und ein Retro-Fest.
Am 23. November startet mit „Battle of the Sexes“ ein weiterer Tennisfilm in unseren Kinos. Dann geht es um das Aufeinandertreffen von Bobby Riggs und Billie Jean King 1973. Er behauptet, dass Männer auf dem Tennisplatz besser als Frauen sind und er jede Frau mühelos besiegen könne. Die erfolgreiche Spielerin King (u. a. zwanzig Titel in Wimbledon und mehrere Grand-Slams) nahm die Herausforderung an. In dem ebenfalls sehenswertem Film geht es dann auch um „Sex“.
3Sat, 22.25 London Boulevard (London Boulevard, USA/GB 2010)
Regie: William Monahan
Drehbuch: William Monahan
LV: Ken Bruen: London Boulevard, 2001 (London Boulevard)
Ex-Knacki Mitchel will jetzt ehrlich leben, wird Bodyguard einer berühmten Schauspielerin und hat dann doch mächtig Ärger mit einem Gangster.
Ken Bruen!
William Monahan!
Colin Farrell!
Keira Knightley!
Ray Winstone!
Und dann sind noch David Thewlis, Eddie Marsan und London dabei. Die Begründung meiner offensichtlichen und schamlosen Begeisterung gibt es hier.
mit Colin Farrell, Keira Knightley, David Thewlis, Anna Friel, Ben Chaplin, Ray Winstone, Eddie Marsan, Sanjeev Bhaskar, Stephen Graham, Ophelia Lovibon
Weil es durch die menschengemachte Erderwärmung zu immer mehr Wetterkatastrophen kommt, installiert die Menschheit in der Erdumlaufbahn ein gigantisches Satellitensystem, das solche Katastrophen verhindern soll. Das von Jake Lawson bis zur letzten Schraube geplante und beim Bau beaufsichtige System kontrolliert inzwischen das Erdklima und das tägliche Wetter und alles ist perfekt…Wenn es in letzter Zeit nicht einige merkwürdige Vorfälle gegeben hätte. In Afghanistan gab es eine Temperaturanomalie, die dazu führte, dass alle Einwohner zu Eisstatuen erstarrten. Auf der Weltraumstation wurde bei einer Fehlfunktion ein Astronaut ins All geschleudert.
Der US-Präsident, der in wenigen Tagen das System der Weltgemeinschaft übergeben möchte, ordnet eine vollständige Untersuchung der Vorfälle an. Am besten für die Aufgabe ist Jake geeignet, der nach seinem Rauswurf aus dem Projekt (er war öfter arg undiplomatisch) in Florida das einsiedlerische Leben eines rauen, aber letztendlich soften Naturburschen mit Bastlerqualitäten lebt.
Er fliegt auf die riesige Raumstation und beginnt den oder die Saboteure zu suchen. Die Spur führt in die höchsten Etagen Washingtons. Und da ist es gut, dass Jakes jüngerer, sich an die Vorschriften haltender Bruder Max, der im Moment auch sein Vorgesetzter ist, mit der Secret-Service-Agentin Sarah Wilson, die den Präsidenten beschützt, liiert ist.
„Geostorm“ ist das mehrfach verschobene Regiedebüt von Dean Devlin. Die Dreharbeiten waren von Oktober 2014 bis Februar 2015. Im Dezember 2016 gab es, nach Test Screenings, einen Nachdreh, der 15 Millionen US-Dollar kostete. Weil Devlin keine Zeit hatte, übernahm Danny Cannon („C. S. I.“-Franchise, „Gotham“) die Regie. Als Grund für die hohen Kosten wurden vor allem die hohen Gagen der Schauspieler genannt und die Besetzung ist mit Gerald Butler (als Jake), Jim Sturgess (als Max), Abbie Cornish (als Sarah Wilson), Andy Garcia (als US-Präsident) und Ed Harris (als US-Außenminister) durchaus prominent geraten. Für uns Deutsche gibt es Alexandra Maria Lara als Ute Fassbinder, Leiterin der internationalen Weltraumstation.
Dean Devlin ist ein langjähriger Partner von Roland Emmerich. In Emmerichs „Moon 44“ hatte Devlin eine Nebenrolle. Für Emmerichs nächsten Film „Universal Soldier“ schrieb er das Drehbuch und fungierte als Produzent. Bei „Stargate“, „Independence Day“ und „Godzilla“ behielten sie diese Aufgabenteilung bei und auch bei Emmerichs nächsten Filmen hielt die kommerziell sehr erfolgreiche Partnerschaft an. Zuletzt bei „Independence Day: Wiederkehr“. Daneben stieg Devlin erfolgreich ins TV-Geschäft ein. Die unterhaltsamen Serien „Leverage“ und „The Quest – Die Serie“ (The Librarians) gehen auf sein Konto.
Devlins Co-Autor Paul Guyot war ebenfalls als Produzent und Autor in diese beiden Serien und in die TV-Serie „Für alle Fälle Amy“ involviert.
Salopp könnte man „Geostorm“ daher als Mega-Mash-Up zwischen diesen beiden Welten bezeichnen. Die Katastrophen, die die Saboteure auslösen und die den titelgebenden Geostorm (eine sich rasch steigernde Serie von die Erde zerstörenden Umweltkatastrophen) verursachen sollen, kennt man aus den verschiedenen Emmerich-Katastrophenfilmen. Die Idee, das Wetter aus einem Raumschiff zu beeinflussen, kennen wir von Roland Emmerichs Debütfilm „Das Arche Noah Prinzip“.
Die Tricks schwanken auf der großen Leinwand zwischen überwältigend und solala.
Die Story, die Erzählweise, die Konflikte und auch der leicht humoristische Tonfall stammt dagegen aus der Welt der TV-Serien. Devlin erzählt in „Geostorm“ keine eine dieser typischen Katastrophenfilm-Geschichten, in denen Menschen im Angesicht der Katastrophe ihr wahres Gesicht zeigen, sondern primär einen Verschwörungsthriller, bei dem es um die Frage geht, wer Dutch Boy sabotieren will. Und, ja, ein Blick auf die Besetzungsliste gibt auch einen guten Hinweis auf die Identität des Bösewichts, die erst am Ende enthüllt wird. Wie man es von einem Rätselkrimi kennt.
„Geostorm“ ist deshalb, trotz seines Budgets von 120 Millionen Dollar, ein nicht unsympathischer, letztendlich unspektakulärer kleiner Thriller, der seine Katastrophen in schönster Emmerich-Manier über den gesamten Globus verteilt und auf den Emmerich-typischen Patriotismus verzichtet.
Geostorm (Geostorm, USA 2017)
Regie: Dean Devlin
Drehbuch: Dean Devlin, Paul Guyot
mit Gerald Butler, Jim Sturgess, Abbie Cornish, Alexandra Maria Lara, Daniel Wu, Eugenio Derbez, Ed Harris, Andy Garcia, Amr Waked, Adepero Oduye, Talitha Bateman, Richard Schiff, Mare Winningham
Als Vorbild taugt Harry Hole nicht. Der Osloer Mordermittler ist ein Trinker, der nur nüchtern wird, wenn er einen neuen Mordfall hat. Je gruseliger, vertrackter und mysteriöser, umso besser. Deshalb ist er auch von seinem neuen, sich langsam, aus einigen eher zufälligen Ereignissen entwickelnden Fall begeistert: junge Mütter verschwinden spurlos, ein Schneemann (ja, ein richtiger, echter Schneemann, weil in Oslo im Winter meterhoher Schnee liegt) steht vor der Tür der Verschwundenen und Harry Hole erhält per Post eine seltsame Nachricht von dem Mörder, nach der er Hole alle Informationen gegeben habe, um die Morde zu verhindern.
Holes Ermittlungen, mit einer jungen, überengagierten Kollegin, führen ihn in die Vergangenheit. Anscheinend hat der Killer in Bergen schon einmal mehrere Frauen ermordet. Der damalige Ermittler, ebenfalls ein Alkoholiker, soll Suizid begangen haben.
Und, – was wäre ein skandinavischer Krimi ohne die Politik? -, Norwegen bewirbt sich gerade als Ausrichter für die olympischen Winterspiele. Die Bewerbung wird von einem Unternehmer vorangetrieben, der während der früheren Morde in Bergen lebte.
Krimifans, vor allem Fans von skandinavischen Krimis, kennen den von Jo Nesbø erfundenen Harry Hole bereits seit zwanzig Jahren. Damals erschien in Norwegen sein erster Harry-Hole-Roman „Der Fledermausmann“. 1999 erschien bei Ullstein die deutsche Ausgabe. Ullstein ist immer noch sein deutscher Verlag.
Damit gehört Nesbø zu den ersten Autoren der immer noch anhaltenden Welle skandinavischer Krimis, von denen auch etliche verfilmt wurden. Manchmal fürs Kino, öfter fürs Fernsehen und, im Fall von Kommissar Wallander, mit vielen verschiedenen Darstellern.
Nur die Fans von Harry Hole mussten sich gedulden.
Mit „Schneeman“ kommt jetzt die erste Harry-Hole-Verfilmung in unsere Kinos und der Blick auf die Credits weckt hohe Erwartungen. Martin Scorsese ist einer der Produzenten. Er war auch einmal als Regisseur im Gespräch. Das Drehbuch ist von Peter Straughan („Eine offene Rechnung“, „Dame König, As, Spion“), Hossein Amini („Drive“, „Verräter wie wir“, „Die zwei Gesichter des Januar“ [auch Regie]) und Søren Sveistrup („Kommissarin Lund“). Tomas Alfredson („So finster die Nacht“, „Dame, König, As, Spion“) übernahm die Regie und Michael Fassbender, Rebecca Ferguson, Charlotte Gainsbourg, J.K. Simmons, Val Kilmer, David Dencik, Toby Jones, James D’Arcy, Adrian Dunbar, Chloë Sevigny und Sofia Helin haben mehr oder weniger große Rollen übernommen. Marco Beltrami schrieb die Musik. Thelma Schoonmaker (alle Scorsese-Filme seit „Wie ein wilder Stier“) und Claire Simpson (Oscar für „Platoon“) waren für den Schnitt zuständig.
Das geht schon auf den ersten Blick eindeutig in Richtung Hollywood-Prestigeprodukt. Wie David Finchers Stieg-Larsson-Verfilmung „Verblendung“.
Alfredsons „Schneemann“ ist trotz seines Potentials aber nie die intendierte große Hollywood-Verfilmung, sondern der typische düstere, humorlose skandinavische TV-Krimi, der sich nur durch die Besetzung von einem TV-Krimi unterscheidet. Er hat auch mit all den Problemen zu kämpfen, die wir aus den skandinavischen Krimis kennen. Es geht um einen Serienmörder. Das Motiv für seine Taten liegt in seiner Kindheit. Die Morde sind bestialisch. Die Ermittler haben mehr persönliche Probleme, als gestandene Hypochonder. Ihr Privatleben nimmt einen großen Teil der Geschichte ein. Meistens ohne den Fall irgendwie voranzubringen Sie sind persönlich in den Fall verwickelt. Es gibt etwas Kapitalismuskritik. In „Schneemann“ ist sie milder als man es von skandinavischen Krimis gewohnt ist. Und der Plot ist so labyrinthisch, dass man besser nicht darüber nachdenkt, ob das alles irgendwie logisch zusammenpasst. Manchmal ist die Identität des Mörders bekannt. Öfter nicht. Dann wird der Serienmörderfall als Whodunit erzählt. Gerne mit Rückblenden zu einem älteren Fall, weil die Morde in der Gegenwart weit in die Vergangenheit zurückreichen. Es gibt einige Verdächtige. In „Schneemann“ sind das vor allem ein vermögender Unternehmer, der eine Kampagne für olympische Spiele in Norwegen organisiert und ein Arzt mit unseriösen Nebeneinkünften.
Deshalb könnte ich auch eine alte Besprechung einer Henning-Mankell/Stieg-Larsson/Arne-Dahl/Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung (um nur Einige zu nennen) hervorholen, die Namen anpassen und sie als „Schneemann“-Kritik veröffentlichen. Alfredsons Film wirkt immer wie eine x-beliebige Episode aus einer x-beliebigen Krimiserie.
Angesichts des in diesem Fall versammelten Talents ist dieser durch und durch durschnittliche, niemals beeindruckende Kriminalfilm eine herbe Enttäuschung.
Schneemann (The Snowman, USA 2017)
Regie: Tomas Alfredson
Drehbuch: Peter Straughan, Hossein Amini, Søren Sveistrup
LV: Jo Nesbø: Snømannen, 2007 (Schneemann)
mit Michael Fassbender, Rebecca Ferguson, Charlotte Gainsbourg, Jonas Karlsson, Michael Yates, Ronan Vibert, J.K. Simmons, Val Kilmer, David Dencik, Toby Jones, Genevieve O’Reilly, James D’Arcy, Adrian Dunbar, Chloë Sevigny, Leonard Heinemann, Sofia Helin
Vor wenigen Tagen erschien bei Ullstein Jo Nesbøs neuer Harry-Hole-Roman „Durst“. In seinem elften Fall sucht Harry Hole, der inzwischen an der Polizeihochschule unterrichtet, einen Serienkiller, der seine Opfer über die Dating-App Tinder findet. Unter den Opfern ist eine Kellnerin aus seinem Stammlokal – und der Mörder ist für ihn kein Unbekannter.
Can a Song save your Life? (Begin again, USA 2013)
Regie: John Carney
Drehbuch: John Carney
Gretta will wieder zurück nach London. Da hört ein gerade etwas glückloser Musikproduzent sie in einem Club singen und er hört einen Hit. Er will mit ihr eine Platte produzieren.
Mogadischu (Deutschland 2008, Regie: Roland Suso Richter)
Drehbuch: Maurice Philip Remy
Buch zum Film: Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der Landshut, 2008
Nach Heinrich Breloers hochgelobtem Zweiteiler „Todesspiel“ (von 1997) über den Deutschen Herbst 1977, diversen Dokumentationen (zum Beispiel 2007 ein Zweiteiler) über die RAF, dem zeitgleich im Kino gelaufenem, ziemlich grottigem „Baader Meinhof Komplex“ mutet „Mogadischu“ etwas akademisch an. Denn die Fakten sind bekannt. Am 13. Oktober 1977 entführt ein palästinensisches Kommando die Lufthansa-Maschine Landshut. Nach einem mehrtägigen Irrflug landet das Flugzeug in Mogadischu und die GSG 9 beendet die Geiselnahme.
Neue Erkenntnisse, wie die Beteiligung des KGB an der Entführung und was Lufthansa-Pilot Jürgen Schumann machte, als er nach einer Notlandung in Aden zwanzig Minuten verschwand, ändern nichts an dem großen Bild.
Aber Autor Remy und Regisseur Richter verarbeiteten diese Geschichte jetzt zu einem die damaligen Ereignisse konzentriert nacherzählendem TV-Spielfilm, der auch im Kino überzeugt hätte. Einziger Kritikpunkt ist die derzeit angesagte Wackelkamera.
„Es ist ein ernsthafter Versuch der Annäherung (an die Wahrheit, A. d. V.). Wir bemühen uns, mit Verantwortung an ein Thema heranzugehen. Die Menschen, die das erlebt haben, sollen nicht davor sitzen und sagen: Was machen die denn da? Was erzählen die da?“ (Remy in der FAZ)
Das gleichnamige „Begleitbuch zum Film ‚Mogadischu’“ von Timo Kortner nimmt eine seltsame Zwischenstellung zwischen einem traditionellem Buch zum Film, also einer höchstens sparsam erweiterten Romanfassung des Drehbuchs, und einem Sachbuch über die Entführung ein. Denn Kortner führt relativ ausführlich in das gesellschaftliche Klima während der Schleyer-Entführung ein und er fügt immer wieder erklärende Passagen ein. Dabei gibt es im Buch und im Film eine Verschiebung der Perspektive von den Tätern zu den Opfern. Der Tatsachenroman „Mogadischu“ erzählt von Menschen in einer Ausnahmesituation und wie sie versuchen, diese zu überleben. Die Entführer bleiben dagegen, bis auf den durchgeknallten Captain Martyr Mahmud, blass. Und die Ideologie der Terroristen wird höchstens in einem Nebensatz gestreift; – was sie als Bösewichter noch bedrohlicher macht.
Kortners „Mogadischu“ ist ein packendes Drama, das auch eine gehörige Portion historisches Wissen vermittelt. Ein feines Buch.
Mit Nadja Uhl, Thomas Kretschmann, Christian Berkel, Said Tagmaqoui, Herbert Knaup, Simon Verhoeven, Jürgen Tarrach
Was tut ein Vater nicht alles für seine Tochter? Zum Beispiel während der letzten Tage der DDR sich als Erich Honecker in die Höhle des Löwen begeben.
Das tut Otto Wolf (Jörg Schüttauf), der als bester Honecker-Darsteller der DDR gerade ein Theaterstück probt, das angesichts der revolutionären Lage auch Kommentare zur aktuellen Situation enthalten soll.
Geradezu entsetzt ist er von dem Plan seiner Tochter Anne (Josefine Preuß), zu ihrer Mutter in den Westen zu flüchten. Deshalb zerreißt er ihren falschen Pass, mit dem sie in die BRD ausreisen wollte. Also muss sie Ersatzpapiere beschaffen und das geht, wie der Zufall will, nur in Leipzig. Dort soll am Abend auch eine große Demonstration stattfinden, .
Es ist die Demonstration vom 9. Oktober 1989 und es heißt, so erfährt Wolf in den Gängen des Theaters aus gut informierten Kreisen, dass Erich Honecker einen Schießbefehl gegeben hat.
Um seine nichtsahnende Tochter zu beschützen – schließlich ist er immer noch ihr Vater und sie fährt ja nur wegen seiner gutgemeinten Tat nach Leipzig – lässt er sich von seinen Freunden im Theater, die Anne ebenfalls kennen und mögen, zu einem gewagten Plan überreden. Als Erich Honecker soll er im Zentralkomitee den Schießbefehl widerrufen.
Das ist der Plan, der schnell auf die Realität trifft. Er kennt das Gebäude und das Personal nicht. Die Parteioberen kennt er immerhin aus dem Fernsehen. Und dann trifft er noch auf Margot Honecker und den echten, schon etwas senilen Erich Honecker.
Fast dreißig Jahre nach dem Mauerfall und über zehn Jahre nachdem Produzent Philipp Weinges erstmals mit dem Stoff in Berührung kam, läuft jetzt „Vorwärts immer!“ in unseren Kinos. „Wir waren überrascht, dass eine relativ harmlose, aber liebevoll erzählte Honecker-Komödie 25 Jahre nach dem Fall der Mauer auf so viel Widerstand stoßen könnte.“ Weinges fährt fort: „Im Westen fand man die Idee durchaus witzig, konnte sich aber nicht vorstellen, dass eine solche Geschichte funktioniert. Die einen fanden sie zu anspruchsvoll für ihr Publikum, die anderen hielten sie für zu albern für ihre in die Jahre gekommenen Zuschauer. Im Osten war die Empörung riesig. Die einen wehrten sich dagegen, dass Menschen aus dem Westen sich schon wieder über ihre Geschichte lustig machen, andere wiederum fühlten sich persönlich beleidigt, weil man sich über Honecker amüsierte.“
Und das soll man in „Vorwärts immer“: sich amüsieren in einer harmlosen, liebevoll erzählten, nostalgischen Honecker-Komödie, die von ihren Macher schon auf einer so kleinen Flamme gekocht wird, dass Vergleich mit Komödienklassikern wie „Sein oder Nichtson“ oder „Der große Diktator“, die auch Satiren mit einer klaren politischen Agenda waren, unfair sind. „Vorwärts immer!“ beansprucht für sich nur den Platz des harmlosen Amüsements.
Trotzdem findet „Vorwärts immer!“ nie die richtige Mischung zwischen Amüsement über die verkrusteten Strukturen der DDR, Slapstick (eher weniger), Klamauk und Boulevardtheater (mehr, auch weil das der vorherrschende Humorton ist) und Thrillerelementen, die in einer Komödie vollkommen unpassend sind. Das gilt vor allem für den Handlungsstrang mit Wolfs Tochter Anne, die in Leipzig in Lebensgefahr gerät.
Optisch ist das mit seiner weitgehenden Begrenzung auf Innenräume (der in Leipzig spielende Thriller-Plot weicht etwas davon ab) und seinem biederen, niemanden verletzenden Humor auf dem Niveau eines TV-Films inszeniert. Auch die Länge von etwas über neunzig Minuten spricht für eine 20.15-Uhr-Ausstrahlung auf einem der fest bei der ARD gebuchten Degeto-Sendeplätze.
P. S.: Günter Knarr schrieb die Drehbücher für die „Inspektor Jury“-Film. Und verglichen mit denen ist „Vorwärts immer!“ grandios.
Vorwärts immer! (Deutschland 2017)
Regie: Franziska Meletzky
Drehbuch: Markus Thebe, Philipp Weinges, Günter Knarr, Franziska Meletzky
mit Jörg Shüttauf, Josefine Preuß, Jacob Matschenz, Hedi Kriegeskotte, Marc Benjain, Steffen Scheumann, Andre Jung, Alexander Schubert, Stephan Grossmann, Devid Striesow
LV: George Orwell: Nineteen Eighty-Four, 1949 (1984)
Kamera: Roger Deakins
Winston Smith beginnt ein Tagebuch zu schreiben und er verliebt sich. In dem totalitären, alles und jeden überwachenden Staat Ozeanien macht ihn das zu einer gefährlichen Person.
Originalgetreue Bearbeitung von Orwells Dystopie, die nicht gerade den stärksten Plot hat, aber als enorm einflussreiche Warnung vor totalitären Gedankengebäuden und Staaten überzeugt.
„Radford ist etwas sehr Seltenes gelungen, nämlich gleichzeitig ein Musterbeispiel für den Umgang mit Literatur im Film und ein Musterbeispiel für politisches Kino zu schaffen.“ (Fischer Film Almanach 1985)
Letzter Film des am 5. August 1984 verstorbenen Richard Burton. Die Premiere des Films war am 10. Oktober 1984.
mit John Hurt, Richard Burton, Suzanna Hamilton, Cyril Cusack, Gregor Fisher
Drehbuch: Henri Simoun (Pseudonym von Howard Rodman), Abraham Polonsky
LV: Richard Dougherty: The Commissioner, 1962
Ein Gangster kann mit Madigans Dienstwaffe entkommen. Der Commissioner gibt Madigan und Bonara 72 Stunden, die Waffe wieder zu finden.
Harter, düsterer Polizeithriller
„Es ist eine realistische Annäherung an das, was ohne Zweifel stattfindet…Es gibt eine Menge Bullen wie die, die dir sofort ins Gesicht schlagen, wenn sie glauben, auf diese Weise eine Antwort von dir zu bekommen. Sie würden keine zwei Sekunden nachdenken. Ihre brutale Arbeit macht sie brutal…Und sie wissen nicht, dass sie etwas Grausames getan haben. Sie reden mit mir und ich bin ihr Freund. Das erschreckt mich.“ (Don Siegel, in Alan Lovell: Don Siegel)
Mit Richard Widmark, Henry Fonda, Inger Stevens, Harry Guardino, James Whitmore, Susan Clark, Michael Dunn
Die Verfilmungspläne sind schon etwas älter. Denn selbstverständlich hat Hollywood sich die Verfilmungsrechte für die Mitch-Rapp-Romane von Vince Flynn gesichert. Ein Bestsellerautor, der einen Agententhriller nach dem nächsten abliefert, in denen ein Held die USA vor bösen Terroristen schützt, liefert genug Geschichten für eine langlebige Serie. Dass Vince Flynn dann 2010 mit „American Assassin“ auch den Roman schrieb, der den ersten Einsatz von seinem Helden Mitch Rapp schildert, war natürlich ein fast schon natürlicher Startpunkt für eine Filmserie.
Auch Vince Flynn (1966 – 2013) hält „American Assassin“ für einen guten Einstieg in die Welt von Mitch Rapp, die nach seinem Tod von Kyle Mills fortgeschrieben wird.
Flynns Roman spielt in den frühen Neunzigern. Im Dezember 1988 stirbt Mitch Rapps Verlobte bei dem Lockerbie-Bombenanschlag, bei dem alle 259 Passagiere einer Boing 747 starben. Der Student will sie rächen, wird von der CIA – also einer dieser Abteilungen, die es offiziell nicht gibt – rekrutiert und von Stan Hurley ausgebildet. Weil im Libanon ein US-Geschäftsmann mit guten Kontakten nach Washington entführt wurde und ein CIA-Unterhändler getötet wurde, erhält die Orion-Gruppe ihren ersten Einsatzbefehl, der sie über Deutschland und die Schweiz nach Beirut führt.
Der Film verlegt die Geschichte in die Gegenwart und, sieht man von einigen vernachlässigbaren und austauschbaren Details ab, erzählt der Film eine vollkommen andere Geschichte, die dem Geist des Romans treu bleibt. Das ist in diesem Fall sogar ein Vorteil. Denn Flynns Roman ist mit seine Rückblenden und Handlungssprüngen seltsam unbeholfen erzählt. So erfahren wir, wenn man den Klappentext nicht gelesen hat, erst auf Seite 161, warum Rapp ein Killer werden will. Wobei es ein großer und nicht unbedingt selbstverständlicher Schritt ist, von einem trauerndem Liebhaber zu einem skrupellosen Racheengel zu werden. Flynn überspringt diese Entwicklung einfach. Flynn geht auch nicht auf die Phase der Trauer ein und er erzählt auch nicht, warum Rapp so gut in allem ist. Eigentlich steht Rapp in seiner Ausbildung nur vor einer Herausforderung: Hurley darf nicht erfahren, wie leicht ihm die ganzen Übungen fallen.
Später plätschert der Plot vor sich hin. Erst langsam werden die Verbindungen zwischen den verschiedenen Ereignissen offensichtlich. So sind Rapps Ermordung eines Waffenhändlers in Istanbul (sein erster Mordauftrag) und die von der Orion-Gruppe durchgeführte Ermordung eines Bankers in Hamburg und das Leeren einiger von ihm betreuter Schwarzgeldkonten isolierte Ereignisse. Auch die weiteren Morde erscheinen zunächst willkürlich, ehe Flynn die verschiedenen Handlungsfäden und Ereignisse langsam verknüpft und es zum Finale in Beirut kommt.
Dagegen erzählt der Film chronologisch Rapps Geschichte. Während eines Urlaubs stürmen Terroristen das tropische Ferienressort und schießen wild um sich. Dabei stirbt unter anderem Rapps Freundin. Rapp bildet sich als Kämpfer aus, wird zum Islamisten und versucht die Mörder seiner Freundin zu töten, indem er sich – so sein Plan – eine Terrorzelle nach der nächsten vornimmt.
Für die stellvertretende CIA-Direktorin Irene Kennedy ist das eine fantastische Voraussetzung, um Rapp zu rekrutieren und ihn in das Trainingslager von Stan Hurley zu schicken.
Als 15 Kilo Plutonium und einige Komponenten für den Bau einer Atombombe verschwinden, der totgeglaubte Auftragsmörder und Söldner Ghost auftaucht und der Iran (Wer sonst?) die Bombe kaufen will, muss die Orion-Gruppe zu ihrem ersten Einsatz ausrücken.
An dem in den USA, Großbritannien, Malta, Thailand und Italien von Michael Cuesta gedrehtem Actionthriller gefällt vor allem die handgemachte Action. Sie wirkt, bis auf das bombige Finale im Mittelmeer, realistisch. Dazu trägt auch bei, dass Cuesta in diesen Szenen selten schneidet und man so die Kämpfe gut verfolgen kann.
Auch der Plot gefällt in seinem altmodischen Gestus.
Aber der Film ist, wie die Vorlage, eine reaktionäre Männerfantasie, in der tapfere US-Amerikaner skrupellos böse Menschen töten. Die Terroristen sind allesamt Islamisten der besonders bösen Sorte. Im Film kommt das Böse daher aus dem Iran, dem neuen Hort des Bösen. Im Roman ist es der Nahost-Konflikt. Das ändert aber nichts daran, dass Rapp jedes Recht der Welt hat, die Bösewichter abzumurksen. Er ist, wie Mike Hammer, Ankläger, Jury, Richter und Vollstrecker.
Im Film gibt es aber noch einige gute Iraner und einer der Bösewichter ist schon auf den ersten Blick kein Araber. Und kein Russe; die waren im Roman wichtig, im Film nicht mehr.
Insofern fällt die Verfilmung des Pulp-Romans (und das ist „American Assassin“ trotz seiner fünfhundert Seiten) etwas liberaler und bei den Bösewichtern, durch die Hinzuerfindung von Ghost, differenzierter als die Vorlage aus. Der Held selbst bleibt ein von keinerlei Zweifeln geplagter Racheengel, der die arabisch aussehenden Bösewichter ermordet und, weil er das Richtige tut, gegebenenfalls die Bedenken und Vorgaben der Politiker aus Washington, ignoriert.
Insgesamt ist „American Assassin“ ein durchaus ansehbarer, wenig überraschender Actionfilm, der in jeder Beziehung durchschnittlich ist. „American Assassin“ ist kein Jason-Bourne- oder „Mission Impossible“-Nachfolger und auch keine Reinkarnation von Jack Bauer für die große Leinwand. In „American Assassin“ wird alles eine Nummer kleiner und konservativer gebacken. Aber Dylan O’Brien macht seine Sache als Mitch Rapp gut und Michael Keaton (mit Sonnenbrille) hat auch seinen Spaß.
American Assassin (American Assassin, USA 2017)
Regie: Michael Cuesta
Drehbuch: Stephen Schiff, Michael Finch, Edward Zwick, Marschall Herskovitz
LV: Vince Flynn, American Assassin, 2010 (American Assassin)
mit Dylan O’Brien, Michael Keaton, Taylor Kitsch, Sanaa Lathan, Shiva Negar, David Suchet, Navid Negaban, Scott Adkins
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–
Die Vorlage
Vince Flynn: American Assassin
(übersetzt von Alexander Rösch)
Festa Verlag, 2017
512 Seiten
12,99 Euro
–
Originalausgabe
American Assassin
Atria Books, Simon & Schuster, New York 2010
–
Festa will alle Mitch-Rapp-Romane veröffentlichen. Einige sind bereits erschienen.
Vor Jahren erschienen im Heyne-Verlag mehrere Mitch-Rapp-Romane, die bis auf zwei Romane (und ein E-Book) nur noch antiquarisch erhältlich sind.
Die Geschichte ist, wie bei Raymond Chandler, der als Inspiration diente, kaum nacherzählbar, labyrinthisch, voller grandioser Szenen und Sätze und wahrscheinlich bar jeder Logik. Im wesentlichen geht es darum, dass der Dude mit seinem ihm bis dahin unbekannten, stinkreichen, herrischen, querschnittgelähmten Namensvetter verwechselt wird und er in eine undurchsichtige Entführungsgeschichte hineingezogen wird.
mit Jeff Bridges, John Goodman, Julianne Moore, Steve Buscemi, David Huddleston, Philip Seymour Hoffman, Tara Reid, Philip Moon, Mark Pellegrino, Peter Stormare, Flea, John Turturro, Sam Elliott, Ben Gazzara
Ein Mittel gegen Überbevölkerung und die damit verbundenen Probleme ist eine radikale Geburtenkontrolle. Auch in der Europäischen Föderation wird 2073 so versucht, die Probleme in den Griff zu bekommen. Das von Nicolette Cayman (Glenn Close) geleitete Kinder-Zuteilungsbüro wacht erbarmungslos über die Einhaltung des Gesetzes.
Als Terrence Settman (Willem Dafoe) durch den Tod seiner Tochter Großvater wird, beschließt er die Geburt der Kinder vor dem Kinder-Zuteilungsbüro, das sechs der Kinder einfrieren würde, zu verschweigen. Dabei muss er sich nicht mit Zwillingen, sondern mit eineiigen Siebenlingen herumärgern, die er kurzerhand nach den Wochentagen benennt. Das erweist sich später als nützlich, weil der Name des Kindes auch der Tag ist, an dem das Kind die Wohnung verlassen darf, während ihre sechs Schwestern das Haus hüten müssen. Dieses, zugegeben, wenn man auch nur eine Millisekunde darüber nachdenkt, absurde und vollkommen unglaubwürdige Arrangement, hält bis die Schwestern Ende Zwanzig sind.
Dann kehrt Monday von ihrem Bürojob nicht zurück. Ihre Schwestern fragen sich, was sie tun sollen und warum ihre Schwester spurlos verschwunden ist. Der einzige Weg, das herauszufinden ist, dass am nächsten Tag eine weitere Schwester in die Öffentlichkeit geht. Auch wenn in der komplett überwachten Welt dann plötzlich zwei Karen Settmans, so das gemeinsame Pseudonym von Monday, Tuesday, Wednesday, Thursday, Friday, Saturday und Sunday, sind.
Die sieben Schwestern werden von Noomi Rapace gespielt und sie sind, auch weil „What happened to Monday?“ ein SF-Actionthriller ist, sieben Schattierungen von Lisbeth Salander: zurückgezogen lebend, Computercracks und Kampfsportlerinnen, die die zahlreichen Schergen des Kinder-Zuteilungsbüros über den Jordan befördern. Mal einfallsreich, mal brachial, mal mit dem, was der Haushalt halt so hergibt an potentiell tödlichen Waffen. Dazwischen treffen sie sich zum gemeinsamen Abendessen und all die Szenen mit den Schwestern sind so elegant gefilmt, dass man glaubt, dass sieben verschiedene Personen am Tisch sitzen.
Tommy Wirkola („Dead Snow“, „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“) inszenierte die Geschichte flott als Leistungsschau für Noomi Rapace und Actionthriller, der die bekannten dystopischen Topoi oberflächlich bedient. Auf dieser Ebene enthält der Film für den Science-Fiction-Kenner wenige bis keine Überraschungen.
Insgesamt ist „What happened to Monday?“ kein großartiger, aber ein großartig unterhaltsamer Film, erzählt mit mehr als einem Augenzwinkern.
What happened to Monday? (What happened to Monday?, Großbritannien 2017)
Regie: Tommy Wirkola
Drehbuch: Max Botkin, Kerry Williamson
mit Noomi Rapace, Glenn Close, Willem Dafoe, Marwan Kenzari, Chrstian Rubeck, Pal Sverre Hagen, Clara Read
Am 20. Oktober veröffentlicht Universum Film auf DVD und Blu-ray „Unlocked“. In dem Spionagethriller spielt Noomi Rapace eine Ex-CIA-Verhörspezialistin, die in London von einem geplanten Anschlag erfährt und schnell in eine Verschwörung involviert wird. Denn die CIA wurde unterwandert.
Neben Noomi Rapace spielen Orlando Bloom, Toni Collette, John Malkovich und Michael Douglas mit. Michael Apted („Gorillas im Nebel“, „James Bond – Die Welt ist nicht genug“) verfilmte das Drehbuch von Peter O’Brien.
Die Gesetzeshüter Virgil Cole und Everett Hitch sollen in Appaloosa für Recht und Ordnung sorgen. Denn Farmer Bragg terrorisiert die Einwohner und er hat auch den vorherigen Marshall erschossen.
Gelungene, werkgetreue Verfilmung eines Westerns von Robert B. Parker, dem Autor der Spenser- und Jesse-Stone-Kriminalromane, der seine bekannten Themen von Freundschaft, Loyalität, Recht und Gesetz in einem anderen Setting ausprobiert.
„Appaloosa“ erhielt beim Boston Film Festival den Preis für den besten Film und das beste Drehbuch.
Einen typischen Feelgood-Film erwartet niemand von Michael Haneke, dem Regisseur von „Benny’s Video“, „Funny Games“ und, zuletzt, den Erfolgen „Das weiße Band“ und „Liebe“. Der Film erhielt vorn fünf Jahren die Palme d’Or in Cannes und in einem kurzen Moment, auch weil Isabelle Huppert wieder die Tochter von Jean-Louis Trintignant spielt, kann man glauben, dass „Happy End“ eine Fortsetzung von „Liebe“ ist. Es wird nämlich ein Ereignis erwähnt, das es auch in „Liebe“ gab: George erstickte seine todkranke Frau. In dem Moment erscheint „Happy End“ die Geschichte von „Liebe“ über die letzten Tage eines großbürgerlichen Pariser Ehepaares fortzusetzen.
Aber das ist Quatsch.
Denn im Mittelpunkt von „Happy End“ steht die Familie Laurent. Seit Jahrzehnten besitzt sie in Calais ein Bauunternehmen und lebt in einem Anwesen. Der Patriarch Georges (Jean-Louis Trintignant) leidet an Demenz und hegt Suizidgedanken, die er beharrlich, aber erfolglos in die Tat umsetzen will. Seine Tochter Anne (Isabelle Huppert) führt das Unternehmen straff und zielgerichtet. Ihr Sohn Pierre (Franz Rogowski) ist der designierte, aber ungeeignete Nachfolger. Ihr Bruder Thomas (Mathieu Kassovitz) ist Arzt, der jetzt seine zwölfjährige Tochter Ève (Fantine Harduin) bei sich und damit den Laurents aufnimmt. Èves Mutter hat sich mit Tabletten vergiftet.
Georges erblickt in ihr eine Verbündete. Dabei passt sie, wie er erst später feststellt, hervorragend in die dysfunktionale Familie Laurent, in der Humanität sich als gutes Angebot für eine außergerichtliche Einigung an die Angehörigen eines bei einem Bauunfall umgekommenen Arbeiters versteht.
Über zwei Stunden entwirft Haneke die „Momentaufnahme einer bürgerlichen europäischen Familie“. Es ist ein satirisches Porträt. Eine Abfolge von mehr oder weniger eindeutig zuordenbarer Szenen, die in sich gelungen sind, insgesamt aber emotional wenig bewegen oder neue Erkenntnisse liefern. Die Reichen sind amoralisch und unfähig zu irgendeiner Form von Mitgefühl oder menschlicher Nähe. Das kennt man aus älteren Haneke-Filmen. Aber dieses Mal verzichtet er auf eine Geschichte. Fast alle für die Handlung wichtigen Ereignisse sieht man nicht, sondern erfährt erst später von ihnen, wenn eine Person einer anderen davon erzählt. Nie schält sich so etwas wie ein Hauptplot heraus, weil „Happy End“ überhaupt nicht daran interessiert ist. Und selbstverständlich ist kein Mitglied der Familie Laurent sympathisch oder taugt zum Sympathieträger. Das war auch in den anderen Haneke-Filmen nicht anders. Aber dieses Mal interessiert man sich für keinen Charakter und keiner hat im Film eine dramaturgische Fallhöhe oder macht eine Entwicklung durch. Das würde Hanekes Botschaft stören und würde natürlich auch der Absicht eines durch und durch pessimistischen Sittenbildes einer normalen bürgerlichen, sich selbst genügenden Familie zuwiderlaufen. Oder in den Worten der offiziellen Synopse: „’Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind.‘ Die Momentaufnahme einer bürgerlichen europäischen Familie.“
Bei Michael Haneke weiß man, was man erhält. Auch wenn sein neuester Film die Geschlossenheit früherer Werke vermissen lässt zugunsten eines Haneke-Best-of, bei dem selbstverständlich auch die Medienkritik nicht fehlt. Das ist nicht schlecht, aber auch enttäuschend.
Happy End (Happy End, Frankreich/Deutschland/Österreich 2017)
Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
mit Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz, Fantine Harduin, Franz Rogowski, Laura Verlinden, Toby Jones, Hassam Ghancy, Nabiha Akkari
Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il west, Italien/USA 1968)
Regie: Sergio Leone
Drehbuch: Sergio Leone, Sergio Donati (nach einer Geschichte von Dario Argento, Bernardo Bertulucci und Sergio Leone)
Die Story – Killer Frank will für die Eisenbahn an das Land der Exhure Jill gelangen, während ‚Mundharmonika‘ ihm einen Strich durch die Rechnung macht – ist eher Nebensache gegenüber den von Ennio Morricone untermalten Bildern von Tonino Delli Colli.
Ein Western-Klassiker, der eigentlich auf die große Leinwand gehört.
mit Charles Bronson, Henry Fonda, Claudia Cardinale, Jason Robards, Frank Wolff, Gabriele Ferzetti, Keenan Wynn, Lionel Stander, Jack Elam, Woody Strode
Die vierzehnjährige Mattie Ross will den Mörder ihres Vaters, den Feigling Tom Chaney, finden. Für die Jagd engagiert sie den versoffenen, aber furchtlosen Marschall Rooster Cogburn.
Ein zukünftiger Western-Klassiker
mit Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper
No Country for Old Men (USA 2007, Regie: Ethan Coen, Joel Coen)
Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
LV: Cormac McCarthy: No Country for Old Men, 2005
Lewellyn Moss findet in der texanischen Wüste die Überreste eines gescheiterten Drogendeals: Leichen, Heroin und zwei Millionen Dollar. Er schnappt sich die Kohle und steht auf der Abschussliste eines gnadenlosen Killers.
Feine McCarthy-Verfilmung der Coen-Brüder, die, neben vielen anderen Preisen, auch den Oscar als bester Film des Jahres gewann und für den Edgar nominiert war (aber das war auch mit dem Gewinner “Michael Clayton”, “Tödliche Versprechen”, “Zodiac – Die Spur des Verbrechers” und “Die Regeln der Gewalt” ein starkes Jahr für Krimifreunde).
Mit Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson, Kelly Macdonald
Der alleinstehende Florist Fiorante (John Turturro) ist mit seinem Leben zufrieden. Da schlägt ihm sein Freund Murray (Woody Allen), ein Buchhändler, der nachdem er sein Geschäft schließen musste, viel Zeit und viele Ideen hat, ein wundervolles Geschäft vor. Fiorante soll mit seiner Hautärztin und deren Freundin ins Bett gehen. Für Geld. Aus der einmaligen Sache entwickelt sich schnell mehr, viel mehr als Fiorante und Murray sich in ihren kühnsten Träumen ausgemalt haben.
TV-Premiere einer wundervollen New-York-Liebeskomödie zu einer unmöglichen Uhrzeit.
Obwohl Woody Allen nur mitspielt, John Turturro die Hauptrolle hat, das Drehbuch schrieb und die Regie übernahm, ist „Plötzlich Gigolo“ eine waschechte Woody-Allen-Komödie mit dem vertrauten Woody-Allen-New-York-Flair.