Das ist wahrscheinlich das notwendige Kontrastprogramm
Tele 5, 22.35
Tanz der Teufel (The Evil Dead, USA 1982)
Regie: Sam Raimi
Drehbuch: Sam Raimi (damals noch Samuel M. Raimi)
Fünf Studenten wollen ein ruhiges Wochenende in einer Berghütte verbringen und wecken durch ihre Dummheit eine Horde extrem böswilliger Dämonen. Immerhin wächst Ash (Bruce Campbell!) in dem ganzen Gemetzel über sich hinaus.
Ein Horrorfilmklassiker der wenig subtilen Schule, der damals bei der deutschen Kritik nicht gut ankam: „geradezu sensationeller Geschmacklosigkeit“ (Die Zeit), „einen Beitrag mehr zum Niedergang eines Genres geleistet (…) Bilder aus dem Schlachthaus“ (Fischer Film Almanach 1985), „dass es angeraten ist, Kotztüten bereitzuhalten“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Horrorfilms). Die US-Kritik war anscheinend durchgehend positiver und der kommerzielle Erfolg überragend.
Inzwischen kommt der „stilbildende Slapstick-Horror-Splattermovie“ (Frank Schnelle/Andreas Thiemann: Die 50 besten Horrorfilme, 2010) in einem Meta-Ranking der 50 besten Horrorfilme auf den 18. Platz.
Und heute ist die ungekürzte (!) TV-Premiere des in Deutschland lange Zeit verbotenen Films. Wer will, kann sich die damaligen Diskussionen über das damalige Verbot durchlesen. Einen Einstieg dazu ermöglicht die entsprechende Wikipedia-Seite.
mit Bruce Campbell, Ellen Sandweiss, Hal Delrich, Betsy Baker
Als Jeanette Walls in den späten achtziger Jahren in Manhattan ihre Mutter nachts im Müll nach Essbarem wühlen sieht, fährt sie im Taxi weiter und beginnt sich an ihre Kindheit zu erinnern.
Aus diesen Erinnerungen entstand ihr autobiographischer Roman „Schloss aus Glas“, der 2005 erschien und ein Bestseller wurde. Jetzt wurde er von Destin Daniel Cretton verfilmt. Aber er hat keine Idee, wie er den Roman verfilmen soll, weil er nicht weiß, welche Geschichte er aus welcher Perspektive erzählen will.
Er weiß daher auch nicht, wie er die Erinnerungen von Jeanette Walls anordnen soll, damit sie eine kraftvolle Geschichte ergeben. So plätschert der über zweistündige Film vor sich hin. Die Erinnerungen an bestimmte Ereignisse bleiben beliebig, weil sie keine Folgen haben. Es gibt keine Entwicklung, vor allem nicht bei Jeannettes Eltern. Es gibt auch keine Konflikte, die zu einer Entwicklung führen. Es gibt nur anekdotische Erinnerungen.
Der Film konzentriert sich dabei auf Jeanettes Leben in New York als Klatsch-Kolumnistin und, in zahlreichen Rückblenden, auf ihre Kindheit und Jugend in den Sechzigern und frühen Siebzigern. Die Rückblenden enden, als die 1960 geborene als Siebzehnjährige von zu Hause nach New York flüchtet. Die über zehnjährige Lücke zwischen ihrer Kindheit und ihrem jetzigen Leben wird nie ausgefüllt.
Ihre Kindheit und Jugend erlebt Jeanette mit ihren drei teils jüngeren, teils älteren Geschwister als Abenteuer. Dass sie hoch verschuldet sind und ihre Eltern die Rechnungen nicht bezahlen könnte, wissen sie nicht. Diese ständige Flucht vor ihren Gläubigern ist auch der Grund für die vielen Umzüge. Später ziehen sie in ein schon halb verfallenes Haus, in dem sie länger Leben können.
Ihre Mutter Rose Mary (Naomi Watts) wäre gerne eine Künstlerin. Ihr Vater Rex ist ein Schwätzer, der seit Ewigkeiten große Pläne hat, aus denen nichts wird. So hat er großartige Ideen für das titelgebende „Schloss aus Glas“. So nennt er sein in der Realität niemals auch nur begonnenes Traumhaus. Währenddessen verfällt ihre im Wald gelegene Hütte, in der sie Leben, immer weiter. Er ist auch ein Trinker und Spieler. Beide Eltern sind nur an sich interessierte Egoisten. Deshalb flüchten ihre Kinder auch so früh wie möglich aus der elterlichen Obhut.
Aber im Film erscheinen sie als irgendwie doch durchaus liebenswerte, fast schon vorbildliche, die bürgerliche Gesellschaft und repressive Konventionen ablehnende Eltern mit einer überschäumenden Liebe zu ihren Kindern, die sie mit ihren alternativen, aber erfolgreichen alternativen Erziehungsmethoden zu freien Menschen erziehen wollen. Ihren Egoismus thematisiert das Drama nicht. Rex‘ Alkoholismus hakt er mit ein, zwei Ausrastern und herumlungern auf der Couch ab. Seine Frau Mary kümmert sich auch nicht intensiver um ihre Kinder. Das stünde ja ihrer Selbstverwirklichung im Weg, die für sie immer wichtiger war als die Erziehung ihrer Kinder. Wenn am Filmende dieser Egoismus mit dem Glorienschein einer erfolgreichen Erziehung ummäntelt wird, will man es nicht glauben.
Dafür versammeln sich dann die Walls-Kinder vor laufender Kamera, schwelgen in Erinnerungen an ihre abenteuerliche Jugend und loben ihre Eltern.
Dass ihr Vater Rex in diesem Moment wieder, wie vor allem in den ersten Filmminuten, zu einem zweiten „Captain Fantastic“ wird, verdeutlicht noch einmal den großen Unterschied zwischen den beiden Filmen. In Matt Ross‘ Film wollte der von Viggo Mortensen gespielte Vater seinen Kindern etwas beibringen. Dafür übernahm er die Verantwortung und der Film hatte eine Haltung zu seinem Charakter und zu seiner Geschichte. Und der Vater macht eine Entwicklung durch. Kurz gesagt hat „Captain Fantastic“ alles, was „Schloss aus Glas“ nicht hat.
Schloss aus Glas (The Glass Castle, USA 2017)
Regie: Destin Daniel Cretton
Drehbuch: Destin Daniel Cretton, Andrew Lanham
LV: Jeannette Walls: The Glass Castle, 2005 (Schloss aus Glas)
mit Brie Larson, Woody Harrelson, Naomi Watts, Ella Anderson, Chandler Head, Max Greenfield, Josh Caras, Charlie Shotwell, Iain Armitage, Sarah Snook, Sadie Sink, Olivia Kate Rice, Brigette Lundy-Paine, Shree Crooks, Eden Grace Redfield
Confidence – Coup in L. A. (USA/Kanada/Deutschland 2003, Regie: James Foley)
Drehbuch: Doug Jung
Weil Profidieb Jake zufällig einen Mafiosi beklaut hat, bietet er ihm bei seinem nächsten Trickbetrug Teil der Beute an. Nur: wer kann hier wem trauen und wer betrügt wen?
Gelungener Neo-Noir-Gangsterkrimi.
„mehr David Mamet als Ocean’s Eleven“ (Gerald Jung, Zitty 2/2004)
mit Edward Burns, Rachel Weisz, Andy Garcia, Dustin Hoffman, Paul Giamatti, Donal Logue, Luis Guzmán, John Carroll Lynch, Morris Chestnut
Henry (Jaeden Lieberher) ist ein hochintelligenter Junge, der entdeckt, dass die Nachbarstochter von ihrem Stiefvater missbraucht wird. Dummerweise ist Glenn (Dean Norris) der Polizeichef der Kleinstadt und alle Versuche von Henry, die Obrigkeiten über den Missbrauch zu informieren, versanden. Also entschließt er sich, ihn umzubringen. In dem titelgebenden „Book of Henry“ schreibt er seinen Plan bis ins letzte Detail auf.
So beginnt „The Book of Henry“ und die Verwirklichung dieses Plans steht auch im Mittelpunkt des Films. Aber anders, als man es nach diesem Anfang erwartet.
Das Drehbuch für „The Book of Henry“ ist von Gregg Hurwitz, der vor allem als Thrillerautor bekannt und erfolgreich ist. Er schrieb die erste Version des Drehbuchs vor fast zwanzig Jahren. „Es lebte die ganze Zeit in mir fort. Tatsächlich bin ich mit dem dem Drehbuch erwachsen geworden. Es hat diese jugendliche Energie und über die Jahre, die ich es überarbeitet habe, war ich in der Lage all diese Dinge, die ich gelernt habe, darin unterzubringen. Eines Tages hatte ich Kinder und ich konnte das einbringen, was ich als Elternteil gelernt habe.“
Colin Trevorrow inszenierte vor „The Book of Henry“ die hochgelobte Indie-Komödie „Journey of Love – Das wahre Abenteuer ist die Liebe“ (Safety Not Guaranteed) und den Blockbuster „Jurassic World“. Vor wenigen Tagen wurde er als Regisseur von „Star Wars Episode IX“ gefeuert.
Mit „The Book of Henry“ drehte er eine herrlich abgedrehten Offbeat-Komödie, deren Charme im ständigen Durchbrechen der Erwartungen, dem Wechsel von Genres und Genreerwartungen, ihrem Humor und ihren Charakteren liegt. So ist Henry quasi das unumstrittene, vernünftige Familienoberhaupt. In der Schule beschützt er seinen jüngeren Bruder Peter (Jacob Tremblay). Auch das Nachbarmädchen Christina (Maddie Ziegler) will er, wie gesagt, beschützen. Nebenbei organisiert er die familiären Finanzen so gut, dass ihre Mutter nicht mehr arbeiten müsste. Aber Susan (Naomi Watts) will in einem Diner weiterarbeiten, wenn sie nicht gerade begeistert Computerspiele spielt. Sie ist das Kind der Familie – und ein Teil des Humors von „The Book of Henry“ besteht darin, dass Menschen Dinge tun, für die sie zu jung oder zu alt sind oder Dinge wissen, für die sie zu jung sind. Zum Beispiel wenn Henry sich mit seinem Doktor fachmännisch über eine für ihn gestellte Diagnose unterhält, während Susan sich verzweifelt fragt, was sie ohne Henry tun soll. Ein anderer Teil des Humors kommt aus der liebevollen Versponnenheit seiner Charakter. Denn so richtig „normal“ ist in „The Book of Henry“ niemand, aber jeder lebt in seiner Fantasiewelt oder jagt seinem Traum hinterher.
Und die Geschichte mit ihren überraschenden Wendungen und damit verbundenen Stimmungs- und Genrewechseln spricht vieles an, was zum Erwachsenwerden dazugehört. Neben der ersten Liebe gehören auch Tod und Verlust dazu. Allerdings gehen Hurwitz und Trevorrow mit diesen Problemen anders um, als man es erwarten würde.
Denn „The Book of Henry“ steht näher bei Filmen wie Emir Kusturicas „Arizona Dream“ oder Hal Ashbys „Harold und Maude“ oder, um mal das Genre zu wechseln, an Alfred Hitchcocks „Psycho“ (wo die Protagonistin nach 45 Minuten in der Dusche ermordet wird) als an aktuelle Feelgood- und Comig-of-Age-Filme, deren Geschichte man nach dem Ansehen des Trailers kennt. „The Book of Henry“ beginnt als Schulkomödie für Kinder und Jugendliche, wird zum Sterbedrama und endet, immer weniger für Kinder geeignet, als Thriller, den man nicht zu ernst nehmen sollte.
Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb „The Book of Henry“ bei der US-Kritik so schlecht ankam.
Denn „The Book of Henry“ ist ein höchst unterhaltsamer Film. Für eine bestimmte Klientel, die Offbeat-Humor und Filme liebt, die sich bewusst zwischen alle Stühle setzen. Für die könnte er zu einem Kultfilm werden.
*
(unsichtbarer Infokasten) Naomi Watts ist aktuell auch in „Schloss aus Glas“, der Verfilmung von Jeanette Wallis‘ autobiographischem Roman, zu sehen.
Ihre beiden Filmkindern kennt sie aus „Shut in“ (Jacob Tremblay) und „St. Vincent“ (Jaeden Lieberher).
Lieberher hat in der nächste Woche startenden, sehr gelungenen und an der US-Kinokasse sehr erfolgreichen Stephen-King-Verfilmung „Es“ eine Hauptrolle.
*
The Book of Henry (The Book of Henry, USA 2017)
Regie: Colin Trevorrow
Drehbuch: Gregg Hurwitz
mit Naomi Watts, Jaeden Lieberher, Jacob Tremblay, Lee Pace, Dean Norris, Sarah Silverman, Bobby Mynihan, Maxwell Simkins
Norman Oppenheimer ist – Ja, was eigentlich? Spät im Film sagt eine Frau zu ihm, sie habe mit viele Menschen gesprochen, aber niemand habe ihr sagen können, wer er sei, was er tue und ob er überhaupt eine Familie habe. Dabei kennen ihn viele Leute und er bemüht sich immer, Kontakte zu vermitteln und ihnen zu helfen. Nur: warum eigentlich?
Diese Frage beantwortet Joseph Cedar in seinem neuesten Film „Norman“ nur durch die Blume und im Rahmen einer im modernen New York im jüdischen Milieu spielenden Geschichte, die von der Figur des Hofjuden inspiriert ist. Der Hoffaktor war ein an einem höfischen Herrschaftszentrum beschäftigter Kaufmann, der Luxuswaren und Geld für den Herrscher beschaffte. In der Literatur und dem Theater findet man diese Figur bereits in der Bibel in der Geschichte von Josef oder in Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ oder in „Jud Süß“. Ein nicht vollendetes Filmprojekt über Veit Harlans antisemitischen Film war für Cedar die Inspiration für seine Charakterstudie „Norman“.
Dieser von Richard Gere grandios in all seinen Facetten, seiner Größe und auch, vor allem, seiner Erbärmlichkeit, gespielte Norman Oppenheimer ist ein Problemlöser, der sich anderen Menschen mit höflicher Penetranz aufdrängt und ihnen anbietet, ihnen zu helfen, sie mit jemand anderes in Kontakt zu bringen. Das tut er auch bei Micha Eshel (Lior Ashkenazi), dem er in einem New Yorker Schuhgeschäft ein Paar Schuhe schenkt.
Jahren später, als Micha Premierminister von Israel wird, erinnert Micha sich bei einem US-Besuch an Norman und er begrüßt ihn bei einem offiziellem Empfang überschwänglich. Dass seine Vertrauten ihn immer wieder vor Norman warnten und warnen, ignoriert er. Denn Norman ist doch eine grundgute Seele. Nach dieser neuen Begegnung von Micha und Norman beginnt ‚Der bescheidene Aufstieg und tragische Fall eines New Yorker Geschäftsmanns‘ (Untertitel).
Aber noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Schließlich kennt Norman viele wichtige Menschen und er will doch nur helfen.
Ruhig, fast schon bedächtig erzählt der in New York geborene, in Israel aufgewachsene und lebende Regisseur Joseph Cedar (Beaufort, Hearat Shulayim), unterstützt von einem fantastischen Ensemble und Jun Miyakes beschwingter Musik, seine subtile und in jeder Beziehung sehr schlaue Tragikomödie mit einem freundlichen Blick auf die fehlbaren Menschen, viel subtilem jüdischen Humor und etlichen Fremdschäm-Momente. Eigentlich ist fast jede Minute mit Norman ein solcher Fremdschäm-Moment. Denn Norman biedert sich immer wieder, ohne einen Unterschied zu machen oder auch nur einen Hauch erkennbarer Selbstachtung zu haben, bei anderen Menschen an und er wird immer wieder, höflich, aber bestimmt abgewiesen oder hinauskomplimentiert. Man möchte ihn schütteln und einen anderen Beruf empfehlen, aber irgendwie ist Norman auch ein glücklicher Mann, der genau das tut, was er will.
Norman (Norman: The Moderate Rise and Tragic Fall of a New York Fixer, USA/Israel 2016)
Regie: Joseph Cedar
Drehbuch: Joseph Cedar
mit Richard Gere, Lior Ashkenazi, Michael Sheen, Steve Buscemi, Charlotte Gainsbourg, Dan Stevens, Hank Azaria, Harris Yulin
3sat, 22.25 Moon – Die dunkle Seite des Mondes (Moon, Großbritannien 2009)
Regie: Duncan Jones
Drehbuch: Nathan Parker (nach einer Idee von Duncan Jones)
Sam baut für einen Konzern auf dem Mond Helium ab. Sein einziger Gefährte ist der Roboter Gerty (im Original: Kevin Spacey). Nach einem Unfall trifft er in der Mondstation auf seinen Doppelgänger.
Sam Rockwell in einer Doppelrolle. Das ist schon mehr als die halbe Miete. Aber Duncan Jones hat in seinem Langfilmdebüt auch eine überzeugende Geschichte und, trotz des überschaubaren Budgets, überzeugende Tricks. All das macht „Moon“ zu einem der besten Science-Fiction-Filme der vergangenen Jahre.
„Moon“ wurde unter anderem mit dem Hugo-Award und etlichen normalen Filmpreisen, wie dem British Independent Film Awards als bester Film des Jahres, ausgezeichnet.
mit Sam Rockwell, Kevin Spacey, Dominique McElligott, Kaya Scodelario, Benedict Wong, Matt Berry, Malcolm Stewart
Der erste „Kingsman“-Film „The Secret Service“ war der etwas andere James-Bond-Film, der alles hatte, was alte James-Bond-Fans von einem James-Bond-Film erwarten. Und noch etwas mehr.
Der zweite „Kingsman“-Film „The Golden Circle“ schreibt die Geschichte der Kingsman und von Eggsy (Taron Egerton), der jetzt den Codenamen ‚Galahad‘ hat, fort. Allerdings weniger im Modus eines James-Bond-Films, sondern mehr „eigenständig“ als vergnügliche, mit über hundertvierzig Minuten auch zu lang geratene Nummernrevue mit viel Action. Denn die Story, ein Mix aus Agenten- und Kriminalgeschichte mit einer größenwahnsinnigen Schurkin, ist überall und nirgends.
Es beginnt mit einem Mordanschlag auf Eggsy (Taron Egerton), der uns gleich eine große Actionszene auf den nächtlichen Straßen Londons mit zahlreichen Kollateralschäden beschert, die auch gut in einen James-Bond-Film gepasst hätte. Wenn die Inszenierung der Action nicht zu sehr auf den Kollegen Computer bauen würde.
Dann werden alle Kingsman gleichzeitig bei mehreren explosiven Anschlägen ermordet. Nur Eggsy und Merlin (Mark Strong) überleben. In einem Notfallsafe finden sie einen Hinweis, der sie in die USA nach Kentucky in eine gigantische Whiskey-Destillerie zu ihrer Bruderorganisation ‚Statesman‘ führt und in deren Venen Americana fließt. Die dortigen Agenten Tequila (Channing Tatum, der wegen seines Drogenkonsums schnell tiefgekühlt gelagert wird), sein Kollege Whiskey (Pedro Pascal, „Game of Thrones“, „Narcos“), Ginger Ale (Halle Berry) und ihr Chef Champagne (Jeff Bridges) helfen ihnen gegen den Golden Circle, der für die Anschläge auf die Kingsman verantwortlich ist, vorzugehen.
Der Golden Circle ist eine global aktive Drogenschmuggelorganisation, deren Chefin Poppy (Julianne Moore) nach höheren Weihen strebt. Dafür vergiftet sie jetzt alle ihre Kunden. Das Gegengift gibt es, wenn ihre Forderung nach einer vollständigen Freigabe von Drogen (Hey, klingt vernünftig!) erfüllt wird. Der Präsident der USA (Bruce Greenwood) denkt nicht daran und die Kingsman und die Statesman, vor allem Eggsy und Whiskey, beginnen, quer über den Globus reisend, Poppy und ihr Versteck zu suchen. Das liegt in Südostasien im Dschungel und sieht wie eine US-amerikanische Fünfziger-Jahre-Kleinstadt aus. Mit Diner, Kino und Konzertsaal, mit Elton John als Hauspianisten.
Bis dahin vergeht allerdings viel Filmzeit. Durchaus vergnüglich, aber auch deutlich mehr an einzelnen Episoden, Gags, teils gelungen, teils idiotisch (wie die Roboterhunde), teils geschmacklos, und Subplots zwischen Therapie für ‚Galahad‘ Harry Hart (Colin Firth) und Liebesknatsch zwischen Eggsy und seiner Freundin Prinzessin Tilde (Hanna Alström) interessiert, als am vorantreiben der erschreckend sinnfreien Haupthandlung.
Die Action ist zwar furios im derzeit gängigen, aus Superheldenfilmen bekannten Standard gefilmt, aber sie berührt oft nicht. Denn zu oft ist zu offensichtlich, dass die Szenen nur dank dem großflächigen CGI-Einsatz so aussehen, wie sie aussehen. Dabei haben zuletzt „John Wick: Kapitel 2“, „Atomic Blonde“ und „Baby Driver“ gezeigt, wie mitreisend handgemachte Action ist. Auch der erste „Kingsman“-Film „The Secret Service“ hatte da mit Harry Harts Kampf in einem Pub und einer Kirche Standards gesetzt, die in diesem Film nicht überboten werden. Die Pubszene wird in „The Golden Circle“ zitiert, aber am Ende ist ein Lasso nur ein kläglicher Ersatz für einen Regenschirm.
So ist „Kingsman: The Golden Circle“ ein deutlich zu lang geratener Nachschlag zum ersten „Kingsman“-Film, dem genau der Witz, Stil, erzählerische Stringenz und Überraschungseffekt des ersten Teils fehlt.
Kingsman: The Golden Circle (Kingsman: The Golden Circle, USA 2017)
Regie: Matthew Vaughn
Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn
LV: Mark Millar/Dave Gibbons: The Secret Service, 2012/2013 (Secret Service) (naja, eigentlich „Inspiration“)
mit Taron Egerton, Julianne Moore, Colin Firth, Mark Strong, Channing Tatum, Halle Berry, Jeff Bridges, Pedro Pascal, Edward Holcroft, Elton John, Hanna Alström, Tom Benedict Knight, Michael Gambon, Sophie Cookson, Björn Granath, Lena Endre, Poppy Delevingne, Bruce Greenwood, Emily Watson
Pünktlich zum Filmstart (obwohl der Comic nichts mit dem Film zu tun hat) erschien bei Panini als vierter Band der „Mark Millar Collection“. „Genosse Superman“ ist Mark Millars Interpretation der Geschichte von Superman. Nur dass der Sohn Kryptons in den Fünfzigern nicht in den USA, sondern einige Kilometer weiter, in der Sowjetunion landete und der, – man beachte das Zeichen auf Supermans Brust -, für andere Werte kämpft.
„Genosse Superman“ war für den Eisner Award nominiert.
–
Mark Millar/Dave Johnson/Kilian Plunket: Genosse Superman (Mark Millar Collection Band 4)
Burn after reading – Wer verbrennt sich hier die Finger? (USA 2008, Regie: Joel Coen, Ethan Coen)
Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen
Nach dem düsteren “No Country for old Men” lieferten die Coen-Brüder wieder eine ihrer schwarzhumorigen Komödie à la “Fargo” und “The Big Lebowski” ab. Wenn auch nicht so gelungen kultig.
In „Burn after reading“ will ein CIA-Agent sich für seine Entlassung rächen. Er schreibt seine unverhüllten Memoiren und verliert das sich auf einer CD befindende Manuskript. Es fällt, wenig überraschend, in die Hände eines Fitness-Trainers, der endlich das große Geld machen will. Einige andere Trottel versuchen ebenfalls ihren Schnitt zu machen.
Mit George Clooney, Brad Pitt, Frances McDormand, John Malkovich, Tilda Swinton, Richard Jenkins, David Rasche, J. K. Simmons, Olek Krupa
Drehbuch: Hans Noever, Wolfgang Hesse, Uwe Erichsen
Als Horst Schimanski bei einem Überfall auf Giovannis Restaurant den Dirty Harry gibt, erschießt er seine Freundin. Einer der Verbrecher hat sie in die Schusslinie gestoßen. Erschüttert gibt Schimanski seine Dienstwaffe ab. Erst als sein Kollege Thanner bei der Jagd nach den Verbrechern schwer verletzt wird, beginnt Schimanski die Täter zu suchen.
Ein Schimanski-Tatort. Muss ich noch mehr sagen?
mit Götz George, Eberhard Feik, Chiem van Houweninge, Klaus Behrendt, Nina Petri, Remo Remotti, Martin Halm
Auf einem Laster, der Schrott nach Polen transportieren soll, wird die Leiche eines Tischlers gefunden, der im Scheunenviertel lebte. Das Wohn- und Gewerbegebiet in Berlin-Mitte soll luxussaniert werden. Deshalb wollen der Besitzer des Hauses und ein Makler die alten Mieter aus dem Wohnblock vertreiben. Kommissar Markowitz glaubt, dass der Tote etwas gegen sie in der Hand hatte.
Dichte Milieustudie, die die Veränderungen im Nachwendeberlin reflektiert. Denn schon damals wurde gnadenlos gentrifiziert.
Die acht Markowitz-“Tatorte“ sind immer noch ein Rätsel. Denn der SFB (heute RBB) produzierte von 1991 bis 1995 eine Reihe hochkarätiger „Tatorte“, die die damaligen Veränderungen in Berlin reflektierten. Und das in einer Qualität, die davor und danach nicht erreicht wurde. Denn davor ermittelte Heinz Drache als Kommissar Bülow (Gähn!), danach Winfried Glatzeder als Kommissar Roiter (Grusel! Zwei Giftschrankfolgen und „Ein Hauch von Hollywood“, der so schlecht war, dass er an einem Montag um 23.00 Uhr versendet wurde).
mit Günther Lamprecht, Hans Nitschke, Claudia Balko, Thomas Schendel, Renate Küster
Apocalypse Now Redux (USA 1979, Regie: Francis Ford Coppola)
Drehbuch: John Milius, Francis Ford Coppola
LV: Joseph Conrad: Heart of Darkness, 1899 (Herz der Finsternis)
Während des Vietnamkrieges soll Captain Willard (Martin Sheen) Colonel Kurtz (Marlon Brando), der im Dschungel sein Reich errichtete, suchen und töten.
Anschließend, um 00.15 Uhr, zeigt Arte die spielfilmlange, sehenswerte Doku „Im Herz der Finsternis: Apokalypse eines Filmregisseurs“ (USA 1991) über die Dreharbeiten.
Am Montag, den 25. September, zeigt Arte um 21.55 Uhr, als TV-Premiere, Francis Ford Coppolas „Jugend ohne Jugend“ (USA/D/F/I/Rumänien 2007).
mit Martin Sheen, Robert Duvall, Marlon Brando, Fred Forrest, Sam Bottoms, Albert Hall, Larry Fishburne, Dennis Hopper, Harrison Ford, G. D. Spradlin, Bill Graham
Misako Ozaki liebt Filme und verdient ihr Geld als Schreiberin von Hörfilmfassungen. Ihre Texte werden vorher mit ausgewählten Sehbehinderten besprochen. Was ist verständlich? Was nicht? Sind die Beschreibungen zu genau? Oder zu ungenau, um bei den Hörenden die Bilder heraufzubeschwören, die auf der Leinwand zu sehen sind? Und wie sehr ist die Hörfilmfassung schon eine Interpretation Misakos?
Bei den Besprechungen ihrer Texte übt Masaya Nakamori deutliche Kritik. Im Gegensatz zu den anderen Teilnehmenden ist er nicht von Geburt an sehbehindert. Er ist ein erfolgreicher Fotograf, der jetzt langsam erblindet. In seiner Wohnung versucht er immer noch, alles alleine zu machen und, selbstverständlich, hadert er mit seinem Schicksal. Immerhin verliert er jetzt gerade die Fähigkeit, die bisher sein Leben, seine Identität, definierte.
In ihrem neuen Film „Radiance“ erzählt Naomi Kawase (zuletzt „Still the Water“ und „Kirchblüten und rote Bohnen“), wie diese beiden Menschen sich während der Arbeit an einer Hörfilmfassung annähern. Viel mehr passiert nicht. Denn Kawase geht es hier nicht um das Erzählen einer vertrackten Geschichte voller Wendungen und Überraschungen, sondern – und das dürfte niemand erstaunen, der ihre früheren Filme kennt – um die Poesie des Moments. Entsprechend ausdauernd beobachtet sie ihre Figuren und der Film ähnelt mehr einem Gedicht oder einer Kurzgeschichte, die immer auf mehr verweist, aber auch viele Fragen offenlässt. Schließlich erzählt sie nur einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben von Misako und Nakamori. Es ist ein Moment, eine Situation, eine Begegnung, die für ihr weiteres Leben bedeutsam sein kann.
„Radiance“ ist ein zarter, poetischer, impressionistischer Film, der Interpretation mehr anbietet als vorgibt. In Cannes erhielt er dafür den Preis der Ökumenischen Jury.
Und wenn wir nur eine Sache aus dem Film mitnehmen: jetzt wissen wir, wie Hörfilmfassungen entstehen – und ich sollte mir mal so eine Fassung anhören.
Radiance (Hikari, Japan 2017)
Regie: Naomi Kawase
Drehbuch: Naomi Kawase
mit Ayame Misaki, Masatoshi Nagase, Tatsuya Fuji, Kazuko Shirakawa
Düsterer Cop-Krimi über Gangkriminalität und ihre Bekämpfung in Los Angeles: Alonzo Harris zeigt Jake Hoyt am ersten Arbeitstag wie die Arbeit eines Undercover-Cop gegen Drogen- und Gangkriminalität abläuft. Dummerweise ist Harris selbst ein Gangster mit Dienstmarke, der nach dem Motto „Nur wenn du selbst wie ein Wolf bist, kannst du einen Wolf fangen“ arbeitet.
„Ein rasant und konsequent inszenierter Film voll Gewalt und Brutalität. Konsumierbar einerseits als zynisches Actionspektakel, das bloß altbekannte Genretypen weiterentwickelt, aber auch verstehbar als Spiegelung und Reflexion aktueller Debatten über Polizeimethoden, moralische Dilemmata und die Durchsetzbarkeit demokratischer Spielregeln gegenüber Clannormen, die sich freilich potenziellen Missverständnissen aussetzt.“ (Multimedia, 13. Dezember 2001)
Denzel Washington erhielt für seine Rolle als Cop Harris den Oscar für die beste Hauptrolle und einige weitere Preise. David Ayer schrieb danach den ähnlich gelagerten Cop-Thriller „Dark Blue“.
Die in „Training Day“ und „Dark Blue“ angesprochenen Themen werden in der grandiosen Cop-Serie „The Shield“ noch konsequenter und pessimistischer durchbuchstabiert.
Mit Denzel Washington, Ethan Hawke, Scott Glenn, Cliff Curtis, Dr. Dre, Snoop Dogg, Tom Berenger, Eva Mendes, Macy Gray
Das Beste, was „Porto“ passieren konnte war Anton Yelchin.
Das Schlimmste, was „Porto“ passieren konnte, war Anton Yelchin.
Denn „Porto“ ist eine der letzten Filme von Anton Yelchin („Green Room“, Pavel Chekov in den neuen „Star Trek“-Filmen). Am 19. Juni 2016 starb er bei einem wirklich bescheuerten Autounfall: er wurde in der Einfahrt seines Hauses von seinem Auto überrollt.
Er spielt Jake, einen in der portugiesischen Hafenstadt Porto mehr oder weniger freiwillig gestrandeten Amerikaner. Eines Tages trifft er die Archäologiestudentin Mati (Lucie Lucas) und sie verbringen die Nacht zusammen.
Der Film hatte seine Weltpremiere nach Yelchins Tod am 19. September 2016 beim San Sebastián International Film Festival und selbstverständlich wird die Rezeption des Films und all seiner Fehler von seinem Tod überschattet. Auf der einen Seite ist faszinierend, wie Anton Yelchin sich in die Rolle hineinsteigert und Jake, abgemagert und mit tiefliegenden Augen, als den introvertierten, manischen Quartalsirren spielt, mit dem man sich in der Kneipe nicht unterhalten will.
Auf der anderen Seite ist durch Yelchins Tod auch vollkommen unklar, wie sehr der Tod den Film beeinflusste. Denn viele Szenen wirken improvisiert, vieles wiederholt sich aus verschiedenen Perspektiven, Realität und Fantasie, Vor- und Rückblenden sind unklar und Gabe Klinger wechselte in seinem Spielfilmdebüt zwischen 35 mm, 16 mm und Super-8-Film, ohne dass ein wirkliches Konzept erkennbar wird. Das kann schon so im Drehbuch, das Klinger mit Larry Gross („48 Stunden“, „Streets of Fire“) schrieb, gestanden haben. Das kann auch daran liegen, dass die Dreharbeiten noch nicht wirklich abgeschlossen waren und jetzt aus den vorhandenen Bildern ein Film zusammengeschnitten wurde, der es durch zahlreiche Wiederholungen und impressionistische Bilder auf 74 Minuten bringt.
Jim Jarmusch ist Executive Producer. Klinger nennt ihn „spirit guide“ und der Jarmusch-Einfluss ist im ganzen Film spürbar. Jake ist ein typischer, zielloser Jarmusch-Charakter, der durch Porto driftet. Er ist auf Permanent Vacation. Und als „spirit guide“ hat Jarmusch Klinger sicher einige Tipps gegeben, was er aus dem vorhandenen Material machen kann. Ein Torso bleibt „Porto“ trotzdem. Ob gewollt oder ungewollt, ist unklar.
Am Ende gibt es nur zwei Gründe, sich „Porto“ anzusehen: eine lange, sich stilistisch fundamental vom restlichen Filmstil unterscheidende, auf der großen Leinwand ihre volle Wirkung entfaltende Plansequenz, in der Jake und Mati sich in einem Diner anscheinend zum ersten Mal begegnen (später wird deutlich, dass sie sich schon vorher gesehen haben) und Anton Yelchins intensives Spiel, das durch seinen Tod eine neue Dimension erhielt. Denn er sieht weniger wie ein Dauerurlauber, sondern wie ein lebender Toter aus.
Porto(Porto, Portugal/USA/Frankreich/Polen 2016)
Regie: Gabe Klinger
Drehbuch: Larry Gross, Gabe Klinger
mit Anton Yelchin, Lucie Lucas, Francoise Lebrun, Paulo Calatré
Die ersten Minuten von „Mr. Long“ sind nicht repräsentativ für den gesamten Film. Aber grandios. Zuerst tötet ein Auftragskiller in Taiwan in einem Lagerraum eine Gruppe Männer. Dann wird er mit einem neuen Auftrag nach Japan geschickt. In Tokio soll er in einem Nachtclub einen Gangster ermorden. Aber der Anschlag geht schief und, als die Schergen des Gangsters ihn ermorden wollen, kann er flüchten.
In einer verlassenen Wohnsiedlung taucht er unter und ab jetzt verlässt SABU („Unlucky Monkey“, „Monday“, „Happiness“) in seinem neuesten Film „Mr. Long“ die Gefilde des düsteren Hongkong-Thrillers der John-Woo-Schule, die er in den Minuten makellos bediente. Bis zum blutigen Finale porträtiert SABU eine Geheimschaft armer, aber hilfsbereiter und freundlicher Menschen, die den schweigsamen Killer, den sie Mr. Long nennen, in ihre Gemeinschaft aufnehmen und, weil Mr. Long ein begnadeter Koch ist, verhelfen sie ihm zu einer fahrbaren Garküche. Damit eröffnet sich für ihn eine neue berufliche Perspektive und die Möglichkeit auf ein neues Leben. Weil Mr. Long kein japanisch spricht, erfolgt diese Annäherung an einen Jungen, seine Mutter und die Bewohner des Viertels stumm, mimisch und mit Gesten.
Mr. Long beginnt, nachdem er bis jetzt niemals über sein Leben nachdachte, über sein Leben nachzudenken. Gleichzeitig will er zurück nach Taiwan. Das nächste Schiff, das er benutzen kann, verlässt den Hafen erst in fünf Tagen.
Diesen über mehrere Tage anhaltenden Schwebezustand, in dem der Killer sich langsam öffnet, erzählt SABU feinfühlig,mit viel Humor, einem tiefen Humanismus und Glauben an das Gute im Menschen. Das ist dann mehr ein Märchen und weit ab von dem eiskalten Gangsterthriller, den man in den ersten Minuten erwartet.
„Mr. Long“ erlebte seine Premiere auf der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb.
Mr. Long (Mr. Long, Japan/Taiwan/Hongkong, China/Deutschland 2017)
Der Gefangene von Alcatraz (USA 1962, Regie: John Frankenheimer)
Drehbuch: Guy Trosper
LV: Thomas E. Gaddis: Birdman of Alcatraz, 1962 (Der Gefangene von Alcatraz)
Frankenheimer inszenierte in einem nüchternen Reportagestil die Lebensgeschichte von Robert F. Stroud, einem Doppelmörder, der sich während seiner Haftzeit charakterlich wandelte und zu einem anerkannten Vogelkundler wurde.
Im Januar 1909 erschoss er in Alaska im Streit einen Menschen, stellte sich danach und wurde zur Höchststrafe, zwölf Jahre Zuchthaus, verurteilt. Später wurde er nach Leavenworth verlegt. Dort brachte er am 26. März 1916 den Wärter Turner (über den gesagt wurde, er habe bereits zwei Häftlinge in Atlanta getötet) um. Innerhalb von vier Tagen kam ein Geschworenengericht zu dem Urteil, dass Stroud des Mordes ersten Grades schuldig sei. Er sollte erhängt werden. Aufgrund von Verfahrensfehlern war allerdings Strouds Berufung erfolgreich und das Todesurteil wurde in Lebenslänglich geändert. In den folgenden Jahren wurde Stroud zu einem zu einem anerkannten Vogelkundler. Im Dezember 1942 wurde Robert Stroud nach Alcatraz verlegt. Er starb im November 1963 im Gefängniskrankenhaus von Springfield, Missouri, im Alter von 74 Jahren.
Mit Burt Lancaster, Thelma Ritter, Karl Malden, Telly Savalas
Die Prämisse von „High Society – Gegensätze ziehen sich an“ ist altbekannt und, auch wenn Regisseurin Anika Decker im Presseheft sagt, sie sei vor zweieinhalb Jahren durch die Lektüre eines Zeitungsartikels über vertauschte Babys in Frankreich darauf gekommen, schon in zahlreichen Spielfilmen durchgespielt worden. Denn sie ist ein wundervolles „was wäre wenn“-Gedankenexperiment: Was wäre, wenn du nach deiner Geburt vertauscht worden wärst? Üblicherweise sind die Familien vollkommen gegensätzlich. Üblicherweise ist eine Familie sehr arm und die andere sehr reich. Die Fragen und Konflikte ergeben sich aus dieser Prämisse fast von selbst: Was ist Erziehung? Was Vererbung? Wer sind deine Eltern? Die biologischen oder die, die dich erzogen haben? Soll der Tausch wieder rückgängig gemacht werden? Oder wäre das ein noch größeres Unrecht? Undsoweiter, undsofort. Eigentlich ist es kaum möglich, eine solche Verwechslungsgeschichte zu vergeigen.
Anika Decker gelingt das in ihrem neuen Film „High Society“, den sie eine Familien- und Gesellschaftskomödie nennt, mit einer fast schon beeindruckenden Konsequenz.
In „High Society“ werden Anabel und Aura in der Geburtsklinik vertauscht. 25 Jahre später wird der Tausch entdeckt und, schwuppdiwupp, ist die reiche Anabel (Emilia Schüle) in der Familie von Carmen Schlonz (Katja Riemann) im Plattenbau (mit importiertem Ghetto-Feeling) und die arme Aura (Caro Cult) in der Familie von Trixie von Schlacht (Iris Berben) in der noblen Industrieellenvilla, in der Menschen mit offensichtlichen Geschmacksverirrungen leben dürfen. Wie im Plattenbau am anderen Ende von Berlin.
Beginnen wir mit dem Positiven: Iris Berben und Katja Riemann werfen sich mit einer Verve in ihre Rollen, dass man sich schnell fragt, warum sie das tun. Vielleicht wollten sie einfach ihren Spaß haben. Denn, und schon sind wir beim Negativen, das Drehbuch ist eine willkürliche Aneinanderreihung von Szenen, die höchstens für einen unlustigen Sketchabend taugen. Die gezeigten Milieus und Konflikte stammen dann auch aus genau dieser wirklichkeitsfernen TV-Soap- und Sketch-Welt mit ihren billigen Kulissen und unglaubwürdigen Charakteren. Stringenz in der Geschichte und Figurenzeichnung sind hier Fremdworte. Der Film ist ein einziger Kladderadatsch, der wirkt, als habe man einfach Szenen aus verschiedenen Drehbüchern zusammengeworfen und danach nicht einmal geprüft, ob das irgendwie auch nur halbwegs stimmig ist. Dass keine einzige Pointe zündet, verwundert in dieser kopflosen Fremdschäm-Veranstaltung, nicht. Wegen des Timings, wegen der Qualität der Pointen und wegen der Abwesenheit irgendeiner Idee, wie das Material sinnvoll angeordnet werden kann.
Dass es Anika Decker nicht gelingt, aus der Prämisse eine Geschichte zu entwickeln, verwundert dann doch. Denn bei der Prämisse schreibt sich die Geschichte wie von selbst. Wenn man denn ein Thema hat.
Anika Decker schrieb die Drehbücher für „Keinohrhasen“, „Zweiohrhasen“, „Rubbeldiekatz“ und „Traumfrauen“, ihrem Regiedebüt.
High Society – Gegensätze ziehen sich an (Deutschland 2017)
Regie: Anika Decker
Drehbuch: Anika Decker
mit Emilia Schüle, Jannis Niewöhner, Iris Berben, Katja Riemann, Caro Cult,Jannik Schümann, Manuel Rubey, Marc Benjamin, Rick Kavanian
Hätte Steven Soderbergh nicht vor vier Jahren, nach „Liberace“, pompös seinen Abschied vom Kino und dem Regieführen verkündet, wäre es niemand aufgefallen. Denn nach „Liberace“ drehte er zwei Staffeln der Krankenhausserie „The Knick“ und er bereitete schon bei „Magic Mike XXL“, der vor zwei Jahren bei uns anlief und bei dem Soderbergh als Peter Andrews Kameramann war, „Logan Lucky“ vor. „Logan Lucky“ wurde dann ab dem 24. August 2016 an 35 Tagen gedreht. Inzwischen sind zwei weiter Filme von Soderbergh, bei denen er Regie führte, in der Postproduktion und ein weiterer Film ist angekündigt. Ein Rückzug von der Regie sieht wahrlich anders aus. Vor allem weil bei anderen Regisseuren der Abstand zwischen zwei Filmen teilweise länger als Soderberghs Rückzug vom Regieführen ist.
In „Logan Lucky“ kehrt der enorm produktive Regisseur in vertrautes Terrain zurück. „Es ist wie ein Cousin der Ocean’s-Filme, gleichzeitig stellt es diese Filme auch auf den Kopf, weil den Hauptfiguren in diesem Fall nicht beliebig viel Geld und keine Technologie zur Verfügung steht. Sie befinden sich wirtschaftlich in prekären Verhältnissen. Ein paar Mülltüten voller Geld würden ihr Leben komplett verändern“, sagt Soderbergh zu seinem Film.
Den Plan für den Diebstahl heckt Jimmy Logan (Channing Tatum) aus, nachdem er wegen seiner alten Beinverletzung von der Baufirma entlassen wird. Bei der Arbeit entdeckte er ein Rohrpostsystem, das unter dem Charlotte Motor Speedway bei Charlotte, North Carolina, liegt und in dem während Rennen das Geld von den Kassen in den Zentralsafe befördert wird. Am meisten Geld wird bei dem Coca Cola Cup 600, einem legendären und prestigeträchtigen NASCAR-Rennen am „Memorial Day“-Wochenende, umgesetzt.
Die Beute würde all seine finanziellen Sorgen auf einen Schlag beenden.
Den Diebstahl kann er nicht allein durchführen und er möchte, immerhin ist er ein gesetzestreuer Bürger, bei dem Diebstahl niemand verletzten und auch keine Gewalt anwenden. Also überzeugt er seinen einarmigen Bruder Clyde (Adam Driver), der als Barkeeper sein Geld verdient, und den Gangster Joe Bang (Daniel Craig), der allerdings gerade inhaftiert ist, ihm zu helfen. Bang ist einverstanden, wenn seine beiden Brüder Fish (Jack Quaid) und Sam (Brian Gleeson) dabei sind. Dummerweise vereinigen die beiden Meth-Nasen kongenial alle Eigenschaften auf sich, die den Plan zum Scheitern bringen könnten. Und Jimmys Schwester Mellie (Riley Keough) ist auch noch dabei.
Jimmy entwirft einen Plan, den man ihm in dieser Komplexität niemals zugetraut hätte. Immerhin ist er noch nicht einmal fähig, seine Telefonrechnung pünktlich zu bezahlen.
Wie es sich für ein Heist-Movie gehört, gibt es immer wieder neue Probleme, die den perfekten Plan gefährden können und überraschende Wendungen, weil die Verbrecher sich auf alle Eventualitäten vorbereiten und sie sich nicht so richtig trauen können. Aber im Gegensatz zu der smarten Gang um Danny Ocean sind die Logan- und Bang-Geschwister als waschechte Hillbillies keine Geistesgrößen. Pechvögel sind sie, nach Clydes Theorie über den Fluch der Logans, auch. Da scheint nur das sprichwörtliche Deppenglück den Plan vor einem grandiosen Scheitern bewahren zu können.
Aber, und das kann hier verraten werden, so einfach macht Soderbergh es dann doch nicht für die Logan-Bang-Gang.
Mit seiner Kinorückkehr „Logan Lucky“ hat Steven Soderbergh eine wundervoll leichtfüßige und vertrackte Gaunerkomödie inszeniert, die von ihren Charakteren, dem Milieu und dem Plan lebt. Da ist es egal, dass die minutiös präsentierte und durchgeführte Plan für den Diebstahl in der Realität so wahrscheinlich funktionieren würde.
Die Schauspieler hatten jedenfalls ihren Spaß und in der Originalfassung baden sie im fast unverständlichen regionalen Dialekt von West Virginia und den Appalachen.
Und Soderbergh setzt bei den Credits die Flunkereien, die den gesamten Film beherrschen, fort. Als Peter Andrews war er für die Kamera und als Mary Ann Bernard für den Schnitt zuständig. Das sind zwei von ihm oft benutzte Pseudonyme. Ob Rebecca Blunt ein Pseudonym ist und, wenn ja, wer sich dahinter verbirgt, ist noch unklar. Jedenfalls tritt sie nicht öffentlich auf und die Hauptdarsteller kommunizierten nur elektronisch mit ihr. Es wurde vermutet, dass Soderbergh selbst, oder seine Frau Jules Asner oder der Komiker John Henson das Buch geschrieben haben. Im Presseheft wird, was dann aber eine arg dusselige Enttarnung wäre, Reid Carolin, neben Rebecca Blunt, als Drehbuchautor genannt. Carolin schrieb auch die Bücher für „Magic Mike“ und „Magic Mike XXL“.
Wie heißt es so schön? Alles bleibt in der Familie.
Logan Lucky (Logan Lucky, USA 2017)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Rebecca Blunt
mit Channing Tatum, Adam Driver, Daniel Craig, Seth MacFarlane, Riley Keough, Katie Holmes, Katherine Waterston, Dwight Yoakam, Sebastian Stan, Jack Quaid, Brian Gleeson, Farrah Mackenzie, Hilary Swank
Mitternachtskino (und weil heute „Porto“ mit Anton Yelchin anläuft)
RBB, 23.45
Only Lovers left alive (Only Lovers left alive, Deutschland/Großbritannien/Frankreich/Zypern/USA 2013)
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Jim Jarmuschs wundervoller, grandios besetzter Film über die Welt der Vampire, der zu einer vampirfreundlichen Uhrzeit gezeigt wird.
Im Mittelpunkt des Films stehen die in Tanger lebende Eve (Tilda Swinton) und ihr in Detroit lebender Mann Adam (Tom Hiddleston), der mal wieder die Lust am Leben verloren hat. Eve will ihm helfen – und wir bekommen eine der schönsten Liebesgeschichten des Kinos, trockenen Humor und etliche popkulturelle Anspielungen. Einer von Jarmuschs schönsten Filmen.