Einmal Filmgeschichte bitte. Komplett und mit allem!

Juni 12, 2021

Der jüngst erschienene, lang erwartete und lang angekündigte dritte Teil der „Einführung in die Filmgeschichte“ ist jetzt doch nicht der Abschluss. Denn es ist schon ein vierter Teil angekündigt, der sich mit dem „Kino der Gegenwart“ (so der aktuelle Buchtitel) beschäftigt und die Jahre zwischen den späten neunziger Jahren und, nun, ich sage mal dem ersten Post-Pandemie-Jahr abdeckt.

Wie alles begann wird in dem numerisch erstem Band (es handelt sich um den chronologisch zuletzt erschienenen Band) „Von den Anfängen des Films bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs“ geschildert.

Neben erwartbaren Texten zum Weimarer Kino, zum Nazi-Kino, zu Hollywood, u. a. über David Ward Griffith, Alan Croslands „The Jazz Singer“ (dem ersten Tonfilm) und zum frühen Film Noir, gibt es auch Texte zum französischen, russischen, skandinavischen und japanischem Stummfilm.

In „Vom Neorealismus zu den neuen Wellen – Filmische Erneuerungsbewegungen 1945 – 1968“ geht es um die Phase des Kinos, die für viele heute noch tätige und einflussreiche Regisseure und Filmkritiker stilprägend war.

Es ist die die Zeit des Film Noir (seine stilprägende Hochphase), des Neorealismus, der französischen Nouvelle Vague, des Jungen Deutschen Films (der sich von Opas Kino und Alpträumen wie „Schwarzwaldmädel“ emanzipieren wollte) und des filmischen Aufbruchs im Ostblock. Es ist auch die Zeit, in der James Bond seine ersten Kinoabenteuer erlebte – und die hier ebenfalls behandelt werden. Verbunden mit der Frage, warum ein ‚Relikt des Kalten Krieges‘ heute immer noch so beliebt ist.

Im dritten Band „New Hollywood bis Dogma 95“ geht es dann um das Kino nach „1968“. Auch hier gibt es die Mischung aus erwartbaren und überraschenderen Themen. Selbstverständlich wird sich mit New Hollywood, dem Neuen Deutschen Film, dem New British Cinema, dem jungen französischem Kino, dem US-Independent-Kino und, wie schon der Titel verrät, Dogma 95 beschäftigt. Es geht auch, ebenso selbstverständlich, um das politische, das feministische und das schwullesbische Kino. Das waren damals sehr wichtige Diskurse. Überraschender sind dagegen die Texte zu Bollywood, dem schwarzafrikanischem und dem lateinamerikanischem Kino. Dieses Kino ist, nach einer Hochphase, inzwischen fast vollkommen aus der öffentlichen Wahrnahme verschwunden. Gerade das macht diese Texte so lohnenswert,

Alle drei Bücher sind gleich aufgebaut. Sie basieren auf der Vorlesungsreihe „Einführung in die Filmgeschichte“, die seit Mitte der Neunziger im Studiengang Filmwissenschaft an der Universität Zürich den Studierenden als Teil des Grundstudiums angeboten wird. Die Bücher richten sich dementsprechend an Studierende, die eine Einführung in die Filmgeschichte benötigen, an filmhistorisch Interessierte, die einen knappen Überblick brauchen und Cineasten, die eine Mischung aus Auffrischung bekannten Wissens und Hinweisen auf gute Filme, die sie noch nicht gesehen haben, brauchen.

Vom Aufbau her ist die Sammlung von Aufsätzen mit einem Lexikon vergleichbar. Das liest auch niemand in einem Rutsch von der ersten bis zur letzten Seite durch, sondern es wird herumgeblättert, gelesen, geblättert und wieder gelesen.

Wer nicht nur Lesen möchte, kann die Komplettausgabe des Lexikons kaufen (oder sich schenken lassen). Sie enthält neben den drei Büchern die sieben DVDs umfassende DVD-Box „Filmgeschichte weltweit“. Sie enthält die sechzehn Filme, die die BBC zum hundertsten Geburtstag des Kinos bei bekannten Regisseuren, wie Martin Scorsese, Jean-Luc Godard und Edgar Reitz, in Auftrag gab. Das sind dann zusätzlich zu den Büchern zwanzig Stunden Filmgeschichte.

Thomas Christen (Hrsg.): Von den Anfängen des Films bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges – Der internationale Film von 1895 bis 1945 (Einführung in die Filmgeschichte 1)

Schüren, 2020

432 Seiten

38 Euro

Thomas Christen (Hrsg): Vom Neorealismus zu den neuen Wellen – Filmische Erneuerungsbewegungen 1945 – 1968 (Einführung in die Filmgeschichte 2)

Schüren, 2016

520 Seiten

38 Euro

Thomas Christen, Robert Blanchet (Hrsg.): New Hollywood bis Dogma 95 (Einführung in die Filmgeschichte 3)

(2. Auflage mit aktualisierten Bibliografien und Filmografien)

Schüren, 2016

520 Seiten

38 Euro

Hinweise

Schüren über die „Einführung in die Filmgeschichte“

absolut medien über die „Filmgeschichte weltweit“


TV-Tipp für den 12. Juni: Teufel in Blau

Juni 11, 2021

ZDFneo, 22.00

Der Teufel in Blau (Devil in a blue dress, USA 1995)

Regie: Carl Franklin

Drehbuch: Carl Franklin

LV: Walter Mosley: Devil in a blue dress, 1990 (Teufel in Blau)

Los Angeles, 1948: Amateurdetektiv Easy Rawlins soll Daphne finden. Aber Daphne hat es faustdick hinter den Ohren.

Franklins gelungene Verfilmung von Mosley Debütroman. „Teufel in Blau“ ist ein Film Noir, der seine Vorbilder aus der Schwarzen Serie immer deutlich zitiert und damit immer zum gut gemachten, aber auch langweiligem Ausstattungskino tendiert.

Während Mosley in den USA regelmäßig neue Romane (auch mit Easy Rawlins) veröffentlich, sind die deutschen Verlage wieder ausgestiegen.

Am 8. Juli 2021 läuft Denzel Washingstons neuer Film, der Neo-Noir-Serienkillerthriller „The little Things“ (Regie: John Lee Hancock, nach seinem Drehbuch), bei uns an.

Mit Denzel Washington, Tom Sizemore, Jennifer Beals, Don Cheadle

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Teufel in Blau“

Wikipedia über „Teufel in Blau“ (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Easy Rawlins

Homepage von Walter Mosley

Meine Besprechung von Walter Mosleys Kurzroman „Archibald Lawless: Freier Anarchist“ in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)


TV-Tipp für den 11. Juni: Mein großer Freund Shane

Juni 10, 2021

3sat, 23.10

Mein großer Freund Shane (Shane, USA 1953)

Regie: George Stevens

Drehbuch: A. B. Guthrie jr., Jack Sher

LV: Jack Schaefer: Shane, 1949 (Mein großer Freund Shane)

Revolverheld Shane hilft einigen Siedlern gegen einen bösen Viehzüchter.

Ein Westernklassiker für Erwachsene mit einem mythologischen Helden. Sowohl Roman als auch Film eroberten Publikum und Kritik im Sturm.

Mit Alan Ladd, Jean Arthur, Van Heflin, Brandon De Wilde, Jack Palance, Ben Johnson, Elisha Cook jr.

Hinweise

Wikipedia über „Mein großer Freund Shane“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über “Shane”

Rotten Tomatoes über „Shane“

Filmsite: Tim Dirks über “Shane”

Western-Autor Richard S. Wheeler über „Shane“ von Jack Schaefer


Ankündigung: Vesper – Menschenrechte aktuell: Wann und wie können wir wieder durch die Nacht tanzen? – am Donnerstag, den 24. Juni 2021

Juni 10, 2021

Was habe ich die Tage getan? Pressevorführungen besucht (u. a. Fabian, Godzilla vs Kong, Possessor, Freaky, Nobody) (Ja, das Kino kehrt zurück!! Und Godzilla gehört wirklich auf die wirklich große Leinwand.), fotografiert (z. B. diese Küken vor dem C/O Berlin) und eine Veranstaltung organisiert (mit sehr guten Gästen; ach lest selbst unter dem Bild)

Vesper- Menschenrechte aktuell: Wann und wie können wir wieder durch die Nacht tanzen?

Podiumsdiskussion am Donnerstag, den 24. Juni 2021, um 19.00 Uhr, online

mit

Myriam (SO36)

Olaf Kretschmar (Geschäftsführer Berlin Music Commission)

‚MAD Marc‘ Nickel (Geschäftsführer M.A.D. Tourbooking)

Pamela Schobeß (1. Vorstandsvorsitzende Clubcommission, Betreiberin Club Gretchen) und

Torsten Wöhlert (Staatssekretär, Senatsverwaltung für Kultur und Europa)

„Wir sind die ersten, die schließen, und die letzten, die wieder öffnen dürfen.“ hieß es vor über einem Jahr, als wegen der Coronavirus-Pandemie Lokale, Clubs und Konzerthallen schlossen und Tourneen abgesagt wurden. Wann und wie Bands und Musiker:innen wieder wie früher auftreten können, ist vollkommen unklar. Die Musikzeitschrift „Rolling Stone“ schreibt: „Ein komplett normalisiertes Konzertgeschehen wird es wohl erst 2023 wieder geben.“ Und konstatiert nüchtern: „Es geht um das Überleben unserer Kultur.“

Denn die in Clubs auftretenden Künstler:innen definieren die Gesellschaft und fordern sie heraus. Clubs waren und sind ein Ort der Freiheit. Sie akzeptieren Minderheiten. Sie schließen niemand aus. Sie tragen dazu bei, dass die Gesellschaft über sich nachdenkt und sie verändern die Gesellschaft. Sie sind systemrelevant für eine offene Gesellschaft.

Vor der Pandemie sorgten sie für das positive Image von Berlin als weltoffene Großstadt. Fast ein Viertel der Touristen besuchten Berlin nur wegen der Clubs. Damit sind sie auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Allein die Club- und Veranstaltungsszene setzte vor der Pandemie jährlich ungefähr 170 Millionen Euro brutto um und beschäftigte direkt neuntausend Menschen. Viele von ihnen können seit über einem Jahr ihren Beruf nicht mehr ausüben. Zu ihrer Sicherung gibt es verschiedene, normalerweise befristete Hilfsprogramme.

Im Moment ist unklar, wie Clubs und Konzerthallen wieder eine wichtige Impulse für die gesamte Gesellschaft setzende Sub- und Gegenkultur werden können. Denn ein Rockkonzert mit Abstandsregeln ist kein Rockkonzert, ein Punkkonzert, bei dem jeder auf seinem Sitzplatz sitzen bleibt, kein Punkkonzert, eine Clubnacht mit Maske und viel Abstand keine Clubnacht. Und natürlich müssen die Konzertgänger:innen und Clubbesucher:innen sich wieder trauen, ihre Wohnung zu verlassen.

Deshalb muss es einen Plan für den Übergang von den aktuellen Mini-Öffnungen und Pilotprojekten hin zum Normalbetrieb geben. Tourneen von Bands durch Deutschland oder Europa, teils mit nicht in Europa lebenden Künstler:innen, werden über viele Wochen und Monate geplant und sie brauchen Orte, an denen sie auftreten können.

Mit Fachleuten und der Politik wollen wir über die aktuelle Situation und die Perspektiven der Veranstaltungsbranche reden. Denn ohne die Clubs und die vielen Menschen, die in ihnen arbeiten, gibt es keine Live-Veranstaltungen und für Künstler:innen keine Möglichkeit ihr Werk vor einem Publikum zu präsentieren. Oder, anders gesagt: ohne sie gibt es nicht das Berlin, das wir kennen und lieben.

Weitere Informationen

Berlin Music Commission: https://www.berlin-music-commission.de/

Clubcommission: https://www.clubcommission.de/

M.A.D. Tourbooking: https://www.mad-tourbooking.de/

Senatsverwaltung für Kultur und Europa: https://www.berlin.de/sen/kulteu/

SO36: https://www.so36.com/tickets

Mit dieser Vesper, die auch die letzte vor der Sommerpause ist, wird die monatliche „Vesper: Menschenrechte aktuell“-Veranstaltungsreihe virtuell fortgesetzt. Am Donnerstag, den 30. September, geht es weiter. Voraussichtlich mit einer Diskussion die Wahlen zum Bundestag und Abgeordnetenhaus und über den Zustand der bundesdeutschen Demokratie.

Veranstaltende: Internationale Liga für Menschenrechte e. V., Humanistische Union e. V., Eberhard-Schultz-Stiftung für soziale Menschenrechte & Partizipation und Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte

 

 


TV-Tipp für den 10. Juni: Die Fürsten der Dunkelheit

Juni 9, 2021

Arte, 00.15

Die Fürsten der Dunkelheit (Prince of Darkness, USA 1987)

Regie: John Carpenter

Drehbuch: Martin Quatermass (Pseudonym von John Carpenter)

Im Gewölbe einer seit dreißig Jahren geschlossenen Kirche in Los Angeles will Priester Loomis zusammen mit einigen Studierenden herausfinden, was das Geheimnis einer sich in einem sieben Millionen Jahre altem Behälter befindenden grünen Flüssigkeit ist. Schnell stellen sie fest, dass es sich um den Sohn Satans handelt.

Der Fischer Film Almanach war nicht begeistert: „kruden Geschichte…dominiert der schlechte Geschmack…ekelerregende Kreationen…John Carpenter…hat seinen Ruf als Kultregisseur verwirkt.“

So schlecht ist der Horrorfilm nicht. Auch wenn es sich nicht um einen der besten und bekanntesten Filme des Regisseurs handelt.

Der Film läuft im Rahmen einer kleinen John-Carpenter-Reihe.

mit Donald Pleasence Jameson Parker, Victor Wong, Lisa Blount, Dennis Dun, Susan Blanchard, Thom Bray, Alice Cooper

Hinweise

Arte über die Doku „John Carpenter – Fürst der Dunkelheit“ (bis zum 1. Februar 2022 in der Mediathek) und das Universum von John Carpenter

Rotten Tomatoes über „Die Fürsten der Dunkelheit“

Wikipedia über „Die Fürsten der Dunkelheit“ (deutsch, englisch) und über John Carpenter (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Carpenters „Assault – Anschlag bei Nacht“ (Assault on Precinct 13, USA 1976)

John Carpenter in der Kriminalakte

 


Das sind die „SommerKino im Ersten“-Filme

Juni 9, 2021

Stifte raus und im Kalender vormerken! Im Juli und August laufen im „SommerKino im Ersten“ einige ausgezeichnete Filme.

Nämlich – und jetzt übernehme ich einfach die Pressemitteilung und verlinke auf meine Besprechungen der durchgehend sehenswerten TV-Premieren (also gut, auf „Trautmann“ und „Monsieur Claude 2“ habe ich dankend verzichtet. Fand den ersten „Monsieur Claude“-Film schon furchtbar.):

TRAUTMANN, Fußballdrama von Marcus H. Rosenmüller mit David Kross

am 5. Juli um 20.15 Uhr, im Rahmen eines Themenabends zeigt das Erste im Anschluss an den Kinofilm eine Dokumentation über Bernhard Carl „Bert“ Trautmann

MONSIEUR CLAUDE 2, Fortsetzung der erfolgreichen französischen Culture Clash-Komödie

12. Juli 2021 um 20.15 Uhr

DIE FRAU DES NOBELPREISTRÄGERS mit einer überragenden Glenn Close

am 13. Juli um 22.45 Uhr

GREEN BOOK – EINE BESONDERE FREUNDSCHAFT, Oscargewinner mit Viggo Mortensen und Mahershala Ali

am 19. Juli um 20.15 Uhr

GLORIA – DAS LEBEN WARTET NICHT mit Julianne Moore und toller Musik

am 20. Juli um 22.45 Uhr

THE MULE von und mit Altmeister Clint Eastwood

am 26. Juli um 20.15 Uhr

PARASITE, der Überraschungshit des letzten Jahres

am 27. Juli um 22.45 Uhr

DER FALL COLLINI, starbesetztes deutsches Justizdrama nach Ferdinand von Schirachs Bestseller

am 2. August um 20.15 Uhr

GEHEIMNIS EINES LEBENS, Spionagedrama mit Judi Dench

am 3. August um 22.45 Uhr

SHORTA – DAS GESETZ DER STRAßE, Actionthriller aus Dänemark

am 10. August um 22.45 Uhr

BERLIN, BERLIN – DER KINOFILM, Fortsetzung der gleichnamigen Kultserie um Neuberlinerin Lolle

am 16. August um 20.15 Uhr

Einige Filme sind anschließend in der ARD-Mediathek verfügbar.

 

 


TV-Tipp für den 9. Juni: Die Auserwählten

Juni 8, 2021

ARD, 20.15

Die Auserwählten (Deutschland 2014)

Regie: Christoph Röhl

Drehbuch: Sylvia Leuker, Benedikt Röskau

Als die junge, idealistische Petra Grust in den späten Siebzigern eine Stelle als Lehrerin an der Odenwaldschule erhält, ist sie begeistert. Die Odenwaldschule war damals das reformpädagogische Vorzeigeinternat. In ihr wurden Zwang und Strafen abgelehnt. Stattdessen sollte sich die Persönlichkeit frei entfalten können. Schnell bemerkt Grust, dass in der nach außen heilen Welt der Odenwaldschule nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist.

Auf Tatsachen basierendes Drama, das den sexuellen Missbrauch von Kindern durch die Lehrer der Odenwaldschule behandelt. Regisseur Christoph Röhl war von 1989 bis 1991 Englisch-Tutor an der Odenwaldschule. Bereits 2010 beschäftigte er sich in dem beeindruckendem Dokumentarfilm „Und wir sind nicht die Einzigen“ mit dem Thema. 

Brillant gespieltes (Fernseh-)Drama, das mit beklemmender Eindringlichkeit die Mechanismen des Verdrängens, Verschweigens und der Einschüchterung an einer Schule zeigt, die als reformpädagogische Vorzeigeanstalt galt.“ (Lexikon des internationalen Films)

Der Film wurde in der Odenwaldschule gedreht.

mit Ulrich Tukur, Julia Jentsch, Leon Seidel, Béla Gabor Lenz, Rainer Bock, Bernd Stegemann, Christian Friedel, Lena Stolze

Wiederholung: Donnerstag, 10. Juni, 00.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

ARD über „Die Auserwählten“ (bis 13. September 2021 in der Mediathek)

Wikipedia über „Die Auserwählten“ und die Odenwaldschule


Cover der Woche

Juni 8, 2021


TV-Tipp für den 8. Juni: Der Gefangene von Alcatraz

Juni 7, 2021

Servus TV, 22.15

Der Gefangene von Alcatraz (Birdman of Alcatraz, USA 1962)

Regie: John Frankenheimer

Drehbuch: Guy Trosper

LV: Thomas E. Gaddis: Birdman of Alcatraz, 1955 (Der Gefangene von Alcatraz)

Frankenheimer inszenierte in einem nüchternen Reportagestil die Lebensgeschichte von Robert F. Stroud, einem Doppelmörder, der sich während seiner Haftzeit charakterlich wandelte und zu einem anerkannten Vogelkundler wurde.

Im Januar 1909 erschoss er in Alaska im Streit einen Menschen, stellte sich danach und wurde zur Höchststrafe, zwölf Jahre Zuchthaus, verurteilt. Später wurde er nach Leavenworth verlegt. Dort brachte er am 26. März 1916 den Wärter Turner (über den gesagt wurde, er habe bereits zwei Häftlinge in Atlanta getötet) um. Innerhalb von vier Tagen kam ein Geschworenengericht zu dem Urteil, dass Stroud des Mordes ersten Grades schuldig sei. Er sollte erhängt werden. Aufgrund von Verfahrensfehlern war allerdings Strouds Berufung erfolgreich und das Todesurteil wurde in Lebenslänglich geändert. In den folgenden Jahren wurde Stroud zu einem zu einem anerkannten Vogelkundler. Im Dezember 1942 wurde Robert Stroud nach Alcatraz verlegt. Er starb im November 1963 im Gefängniskrankenhaus von Springfield, Missouri, im Alter von 74 Jahren.

Mit Burt Lancaster, Thelma Ritter, Karl Malden, Telly Savalas

Wiederholung: Mittwoch, 9. Juni, 02.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Gefangene von Alcatraz“

Wikipedia über „Der Gefangene von Alcatraz“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Frankenheimers „Die jungen Wilden“ (The Young Savages, USA 1960)


„Neues Glück“ für die Fans von Black Widow

Juni 7, 2021

Zuerst: Es gibt einen Starttermin für den „Black Widow“-Film mit Scarlett Johansson. Es ist der 8. Juli – und angesichts der aktuellen Entwicklung dürfte es dann ein ziemlich spektakuläres Abenteuer im Kino geben.

Bis dahin

können die Fans von Natasha Romanoff den Comic „Neues Glück“ lesen, der, soweit wir das in Unkenntnis der bei dem Marvel-Filmen gewohnt geheimnisumwitterten Filmgeschichte sagen können, nichts mit dem Film zu tun hat.

In der von Autorin Kelly Thompson und Zeichnerin Elena Casagrande erzählten Geschichte hat Natasha Romanoff in San Francisco ein neues Leben begonnen. Sie ist glücklich verheiratet, hat einen kleinen Sohn, einen bürgerlichen Beruf, einen neuen Namen und sie ist glücklich. Von ihren Freunden hat sie sich nicht verabschiedet. Sie ist einfach verschwunden.

Als ihre Freunde Hawkeye Clint Barton und Winter Soldier Bucky Barnes sie zufällig im Fernsehen sehen, wollen sie herausfinden, warum sie seit drei Monaten nichts mehr von ihr gehört haben. Sie entdecken, dass Natasha keinen ‚Nikita‘ gemacht hat. Sie erinnert sich nicht mehr an ihre Vergangenheit. Sie erkennt ihre alten Freunde nicht mehr.

Zusammen mit Yelena Belova wollen Clint und Bucky herausfinden, warum und von wem Natashas Gedächtnis gelöscht wurde.

Die in sich abgeschlossene Geschichte „Neues Glück“ ist ein spannender Thriller mit einer ordentlichen Verschwörung und viel Action. Vor allem wenn am Ende Natasha und ihre Freunde gegen die Bösewichter, die zuerst Natashas Gedächtnis manipulierten und sie jetzt umbringen wollen, kämpfen. Im Mittelpunkt steht allerdings die Frage, welches Leben Natasha leben möchte: ein braves, unauffälliges bürgerliches Leben mit liebendem Ehemann und Kind oder ein ungebundenes, abenteuerliches Leben, das jederzeit für sie und ihre wenigen Freunde mit dem Tod enden kann. Kelly Thompson und Elena Casagrande behandeln diese Frage immer anhand der Entscheidungen, die Natasha trifft. So geht sie eines Abends, als sie Hilfeschreie aus einer dunklen Gasse hört, in diese Gasse, sieht eine Gruppe Halbstarker, die eine Frau vergewaltigen wollen und kämpft, ohne Nachzudenken, gegen sie.

Kelly Thompson schrieb Geschichten für Captain Marvel, Deadpool, Jessica Jones, Nancy Drew und Star Wars. Elena Casagrande zeichnete Geschichten für Doctor Who, Catwoman und Angel.

In den USA erschienen bereits weitere von ihnen erzählte Abenteuer von Natasha Romanoff. In Deutschland ist der zweite von ihnen geschriebene „Black Widow“-Band für Dezember angekündigt.

Kelly Thompson/Elena Casagrande: Black Widow: Neues Glück

(übersetzt von Carolin Hidalgo)

Panini Comics, 2021

124 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Black Widow (2020): The Ties that bind # 1 – 5

Marvel, November 2020 – April 2021

Zur weiteren Vorbereitung gibt es die umfangreiche Black-Widow-Anthologie, die einen Überblick über ihre wichtigsten Comicabenteuer gibt

Black Widow: Agentin und Avenger – Die Black Widow-Anthologie

Panini, 2020

324 Seiten

29 Euro

Hinweise

Marvel über Black Widow

Wikipedia über Black Widow 

Meine Besprechung von Greg Rucka/J. G. Jones‘ „Marvel Knights: Black Widow – Tödliche Schwestern“ (Black Widow (1999) # 1 – 3: The Itsy-Bitsy Spider; Black Widow (2001) # 1 – 3: Breakdown; Black Widow (2002) # 1- 3: Pale Blue Spider)

Meine Besprechung von „Black Widow: Agentin und Avenger – Die Black Widow-Anthologie“ (2020)


TV-Tipp für den 7. Juni: John Carpenter – Fürst der Dunkelheit

Juni 6, 2021

Arte, 23.55

John Carpenter – Fürst der Dunkelheit (Big John, Frankreich 2006)

Regie: Julien Dunand

Drehbuch: Julien Dunand

TV-Premiere einer schon etwas älteren spielfilmlangen Doku über John Carpenter.

Sie ist Teil einer kleinen John-Carpenter-Reihe mit der „Klapperschlange“, den „Fürsten der Dunkelheit“ (Freitag, 11. Juni, 00.15 Uhr [Taggenau!]) und der erschreckenden Erkenntnis „Sie leben!“ (Montag, 14. Juni, 21.45 Uhr).

Davor, um 22.20 Uhr, zeigt Arte John Carpenters „Die Klapperschlange“. Besser hätten sie zuerst die Doku und anschließend den bekannten SF-Klassiker gezeigt.

Danach können Cineasten dranbleiben. Um 01.20 Uhr zeigt Arte die Doku „Kirk Douglas – Der Unbeugsame“ und danach, um 02.15 Uhr, „Milos Forman, ein freies Leben“ („Einer flog übers Kuckucksnest“, „Hair“, „Amadeus“, „Larry Flynt – Die nackte Wahrheit“ [Uh, den Spielfilm zeigt Arte um 20.15 Uhr.])

mit John Carpenter, Adrienne Barbeau, Larry J. Franco, Keith Gordon, Debra Hill, Alan Howarth, Peter Jason, Nicolas Saada, Melvin Sloan, Austin Stoker, Jean-Baptiste Thoret

Hinweise

Arte über die Doku (bis zum 1. Februar 2022 in der Mediathek) und das Universum von John Carpenter

Wikipedia über John Carpenter (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Carpenters „Assault – Anschlag bei Nacht“ (Assault on Precinct 13, USA 1976)

John Carpenter in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 6. Juni: Sing Street

Juni 5, 2021

Sixx, 20.15

Sing Street (Sing Street, Irland/USA/Großbritannien 2016)

Regie: John Carney

Drehbuch: John Carney

Dublin in den Achtzigern: Der schüchterne 15-jährige Conor verliebt sich in überirdisch schöne und unerreichbar coole Raphina. Um sie zu beeindrucken, bietet er ihr sofort eine Rolle in einem Musicclip seiner Band an. Dummerweise hat er noch keine Band und auch noch keine Freunde an der neuen Schule. Conor will alle diese Probleme lösen. Außerdem stehen seine Chancen bei Raphina gar nicht so schlecht. Denn ihr Freund hört Phil Collins.

TV-Premiere. Wunderschöner Coming-of-Age-Film, Musikfilm, Bandbiopic (einer fiktiven Schülerband), eine halbe Kulturgeschichte (vor allem die Rock- und Popmusik der achtziger Jahre) und Liebesfilm.

Mehr Begeisterung in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ferdia Walsh-Peelo, Lucy Boynton, Jack Reynor, Maria Doyle Kennedy, Aiden Gillen, Kelly Thornton, Ben Carolan, Mark McKenna, Percy Chamburuka

Wiederholung: Montag, 7. Juni, 00.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Sing Street“

Metacritic über „Sing Street“

Rotten Tomatoes über „Sing Street“

Wikipedia über „Sing Street“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Carneys „Can a Song save your Life?“ (Begin again, USA 2013)

Meine Besprechung von John Carneys „Sing Street“ (Sing Street, Irland/USA/Großbritannien 2016) (und dem Soundtrack) und der DVD


Die Krimibestenliste Juni 2021

Juni 5, 2021

Welche literarischen Morde sind im Juni nach Ansicht der vom Deutschlandfunk Kultur präsentierten Krimibestenliste keine Schandtaten, sondern mörderische Lesebefehle?

In der Reihenfolge ihrer Begeisterung empfehlen die Damen und Herren Krimikritiker folgende Romane, von denen viele von den üblichen Verdächtigen geschrieben wurden:

1 (1) David Peace: Tokio, neue Stadt

Aus dem Englischen von Peter Torberg

Liebeskind, München 2021

432 Seiten, 24 Euro

2 (3) Colin Niel: Nur die Tiere

Aus dem Französischen von Anne Thomas

Lenos, Basel 2021

286 Seiten, 22 Euro

3 (-) Johannes Groschupf: Berlin Heat

Suhrkamp, Berlin 2021

254 Seiten, 14,95 Euro

4 (10) Kate Atkinson: Weiter Himmel

Aus dem Englischen von Anette Gruber

Dumont, Köln 2021

476 Seiten, 24 Euro

5 (6) Louisa Luna: Tote ohne Namen

Aus dem Englischen von Andrea O‘Brien

Suhrkamp, Berlin 2021

444 Seiten, 15,95 Euro

6 (-) Friedrich Ani: „Letzte Ehre“

Suhrkamp, Berlin 2021

270 Seiten, 22 Euro

7 (2) Simone Buchholz: „River Clyde“

Suhrkamp, Berlin 2021

230 Seiten, 15,95 Euro

8 (-) Sara Paretsky: Landnahme

Aus dem Englischen von Else Laudan

Ariadne im Argument Verlag, Hamburg 2021

544 Seiten, 24 Euro

9 (-) Beth Ann Fennelly/Tom Franklin: Das Meer von Mississippi

Aus dem Englischen von Eva Bonné

Heyne Hardcore, München 2021

384 Seiten, 22 Euro

10 (-) Richard Osman: Der Donnerstagsmordclub

Aus dem Englischen von Sabine Roth

List, Berlin 2021

458 Seiten, 15,99 Euro

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.


TV-Tipp für den 5. Juni: Mid 90s

Juni 4, 2021

One, 21.45

Mid90s (Mid90s, USA 2018)

Regie: Jonah Hill

Drehbuch: Jonah Hill

Los Angeles, neunziger Jahre, die coole Skaterszene und wie sie ihre Tage verbummeln. Jonah Hills Regiedebüt ist ein Film wie eine Zeitkapsel.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Sunny Suljic, Katherine Waterston, Lucas Hedges, Na-kel Smith, Olan Prenatt, Gio Galicia, Ryder McLaughlin, Alexa Demie, Harmony Korine

Hinweise

Moviepilot über „Mid90s“

Metacritic über „Mid90s“

Rotten Tomatoes über „Mid90s“

Wikipedia über „Mid90s“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jonah Hills „Mid90s“ (Mid90s, USA 2018)


TV-Tipp für den 4. Juni: Edge of Tomorrow

Juni 3, 2021

Pro7, 20.15

Edge of Tomorrow (Edge of Tomorrow, USA 2014)

Regie: Doug Liman

Drehbuch: Christopher McQuarrie, Jez Butterworth, John-Henry Butterworth

LV: Hiroshi Sakurazaka: All you need is Kill, 2004

Nachdem Major Bill Cage (Tom Cruise) von den außerirdischen, scheinbar unbesiegbaren Mimics ermordet wird, hat er danach ein Erlebnis der besonderen Art. Er erlebt seine letzten Stunden vor dem Tod noch einmal – und mit der bekannten Kämpferin Rita Vrataski (Emily Blunt), die ihn zu einem Kämpfer ausbildetet, nehmen sie den Kampf auf.

Unglaublich flotter, dicht erzählter Action-Science-Fiction-Thriller mit einer ordentlichen Portion schwarzen Humors und einem klugen Umgang mit den Paradoxien der Zeitreise (was hier eigentlich nur eine kleine Zeitschleife ist), der etwas zu unpolitisch geraten ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tom Cruise, Emily Blunt, Bill Paxton, Brendan Gleeson, Jonas Armstorng, Tony Way, Kick Gurry, Franz Drameh, Dragomir Mrsic, Charlotte Riley

auch bekannt als „Live.Die.Repeat.“ (mehr oder weniger der DVD-Titel)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Edge of Tomorrow“

Metacritic über „Edge of Tomorrow“

Rotten Tomatoes über „Edge of Tomorrow“

Wikipedia über „Edge of Tomorrow“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Doug Limans „Edge of Tomorrow“ (Edge of Tomorrow, USA 2014) und der DVD

Meine Besprechung von Doug Limans „Barry Seal – Only in America“ (American Made, USA 2017)


TV-Tipp für den 3. Juni: Das Ende der Wahrheit

Juni 2, 2021

Arte, 21.45

Das Ende der Wahrheit (Deutschland 2019)

Regie Philipp Leinemann

Drehbuch: Philipp Leinemann

BND-Mitarbeiter Martin Behrens will herausfinden, warum seine heimliche Geliebte, die investigative Journalistin Aurice Köhler, bei einem Bombenanschlag auf ein Münchner Café starb. Denn es ist möglich, dass sie wegen seiner Arbeit und Informationen, die sie von ihm erhielt, gezielt ermordet wurde.

TV-Premiere. Gelungener deutscher Polit-Thriller mit zahlreichen vertrauten Wendungen und einem arg naiven Helden. Immerhin ist der BND-Zentralasienexperte Behrens knietief in den Kampf gegen den Terrorismus verwickelt. 

mit Ronald Zehrfeld, Alexander Fehling, Katharina Lorenz, Claudia Michelsen, Axel Prahl, Antje Traue, August Zirner

Hinweise

Filmportal über „Das Ende der Wahrheit“

Moviepilot über „Das Ende der Wahrheit“

Wikipedia über „Das Ende der Wahrheit“


TV-Tipp für den 2. Juni: Das ewige Leben

Juni 1, 2021

3sat, 23.25

Das ewige Leben (Österreich 2015)

Regie: Wolfgang Murnberger

Drehbuch: Josef Hader, Wolfgang Murnberger, Wolf Haas

LV: Wolf Haas: Das ewige Leben, 2003

Jetzt ist schon wieder was passiert und der Brenner muss wieder ermitteln. Dieses Mal in seinem Geburtsort.

Der vierte Brenner-Film zeigt den Privatdetektiv ganz unten. Aber Aufgeben tut er nicht und wir bekommen einen weiteren höchst vergnüglichen Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Josef Hader, Tobias Moretti, Nora von Waldstätten, Roland Düringer, Margarethe Tiesel, Christopher Schärf, Sasa Barbul, Johannes Silberschneider, Wolf Haas (Cameo)

Die selbstverständlich lesenswerte Vorlage

Haas - Das ewige Leben - Movie-Tie-In

Wolf Haas: Das ewige Leben
dtv, 2015
208 Seiten
8,95 Euro

Erstausgabe
Hoffmann und Campe Verlag, 2003

Hinweise

Film-Zeit über „Das ewige Leben“

Moviepilot über „Das ewige Leben“ 

Wikipedia über „Das ewige Leben“

Krimi-Couch über Wolf Haas

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Wolf Haas

Wikipedia über Wolf Haas

Meine Besprechung von Wolf Haas’ “Brenner und der liebe Gott” (2009)

Meine Besprechung von Wolf Haas‘ „Brennerova“ (2014)

Meine Besprechung von Wolfgang Murnberges „Das ewige Leben“ (Österreich 2015)


Cover der Woche

Juni 1, 2021


George Orwells Klassiker „1984“ und „Farm der Tiere“ neu übersetzt – und als Graphic Novel

Juni 1, 2021

Das nennt man wohl Nachruhm: auch wer „Farm der Tiere“ und „1984“ nicht gelesen hat, dürfte beide Geschichten und ihre Aussage halbwegs kennen. In „Farm der Tiere“ übernehmen die Tiere eine Farm. Die Utopie, dass alle Tiere gleich sind verändert sich immer mehr zu einer Gesellschaft, in der einige Tiere gleicher sind und die Schweine über den Hof und die anderen Tiere herrschen. In „1984“ beschreibt George Orwell eine Negativutopie, in der der Große Bruder über alles wacht, Neusprech unsere Sprache abgelöst hat, die Wahrheit endlos manipuliert wird und es keine Beziehungen mehr gibt. Da verliebt sich Winston Smith, Mitarbeiter im Ministerium der Wahrheit und für die Berichtigung der Vergangenheit zuständig, in seine Arbeitskollegin Julia. Gemeinsam beginnen sie gegen das ihr Leben und ihre Gedanken kontrollierende Terrorregime zu rebellieren. Es ist eine von Anfang an aussichtslose, rein private Revolte.

In beiden Büchern spricht George Orwell sich gegen den Totalitarismus aus. Damals war unüberlesbar, dass er mit dem Stalinismus abrechnete. Heute, auch weil beide Bücher als „Märchen“ und „Dystopie“, nicht ein bestimmtes totalitäres System, sondern das Funktionieren totalitärer Systeme beschreiben, drängen sich andere Vergleiche auf. So dachte ich bei der wiederholten Lektüre von „Farm der Tiere“ immer wieder an die DDR. Obwohl, als Orwell den Roman während des Zweiten Weltkriegs schrieb, es die DDR noch nicht gab und er nicht wissen konnte, wie sie sich entwickeln würde. Er wusste allerdings aus eigener Erfahrung, wie sehr sich kommunistische Bewegungen von ihren Idealen entfernen. Einige Worte und Slogans aus „1984“, wie „Big Brother is watching you“, sind Teil unserer Alltagssprache. Es gibt auch einen Big-Brother-Preis, der jährlich die größten Datenkraken auszeichnet.

Eine andere Form von Nachruhm, die auch zeigt, wie relevant diese beiden Romanen von George Orwell für die Gegenwart sind, sind die zahlreichen Neuauflagen, Übersetzungen und Interpretationen; – wobei eine Übersetzung selbstverständlich auch eine Interpretation ist. Diese sollte allerdings möglichst nahe beim Originaltext bleiben und ihn in möglichst allen Facetten und Bedeutungsebenen in eine andere Sprache übertragen. Jüngst erschienen bei Manesse und Anaconda neue Übersetzungen (es ist möglich, dass fast zeitgleich noch weitere Neuüberetzungen erschienen sind) und bei Panini und Splitter Comicversionen von „Farm der Tiere“ und „1984“.

Beginnen wir mit den Comics und kommen dann zu den Übersetzungen von Ulrich Blumenbach, Heike Holtsch (beide „Farm der Tiere“), Gisbert Haefs und Jan Strümpel (beide „1984“).

Sybille Titeux de la Croix und Amazing Ameziane haben „1984“ äußerst überzeugend in das Comicformat übertragen.

Es ist eine eigenständige Interpretation, die vom Respekt vor der Vorlage getragen ist, aber nie wie eine mit Zeichnungen aufgepeppte Zusammenfassung des in den aktuellen deutschsprachigen Ausgaben ungefähr vierhundertseitigen Romans wirkt. Sie visualisieren die Welt von „1984“, ein London, das immer noch wie das im Zweiten Weltkrieg zerbombte London mit einigen modernistischen Betongebäuden aussieht, in einem atemberaubenden Mix unterschiedlicher Zeichenstilen, ständig variierenden Panelgrößen und -anordnungen und einer unübersehbaren Tendenz zu wenigen, auf einzelnen Seiten und Doppelseiten fast schon durchgehend monochromen Farbgebung. Die Textanordnung ist ähnlich variabel. Dazwischen gibt es immer wieder Plakate, die die Regierungspoltik verkünden. Das ist, in jeder Beziehung, gleichzeitig äußerst modern und retro. Ein Meisterwerk.

Odyrs Interpretation der „Farm der Tiere“ liest sich eher wie die Reader’s-Digest-Version der kurzen Geschichte. Die Bilder, schöne meist naturalistische, seltener mild satirisch überspitzte Aquarelle, wirken wie Buchillustrationen. Die Texte wie eine gekürzte Version des Romantextes. Durch die Kürzungen entfallen dann einige Schattierungen des Romans und einige Entwicklungen erfolgen überraschend schnell. Das ist nicht wirklich schlecht, auch weil der Respekt gegenüber und die Bewunderung für die Vorlage auf jeder Seite spürbar ist, aber im Gegensatz zur überragenden „1984“-Interpretation von Sybille Titeux de la Croic und Amazing Ameziane enttäuschend.

Bei den Neuübersetzungen stellt sich natürlich die Frage, welche Ausgabe empfehlenswerter ist.

Schon auf den ersten Blick sind einige Unterschiede offensichtlich. Die Manesse—Ausgaben sind teurer, haben die bekannteren Übersetzer (Ulrich Blumenbach und Gisbert Haefs) und teils umfangreiches Bonusmaterial. Bei „1984“ handelt es sich um ein ausführliches Nachwort von Mirko Bonné und eine editorische Notiz, die auch einiges zur Übersetzung verrät. Bei „Farm der Tiere“ gibt es ebenfalls eine editorische Notiz und ein Nachwort. Dieses Mal geschrieben von Eva Menasse. Außerdem gibt es das von George Orwell 1947 geschriebene Vorwort zur ukrainischen Ausgabe von „Farm der Tiere“ und sein Essay „Die Pressefreiheit“ (The Freedom of the Press“), das ursprünglich als Vorwort des Märchens erscheinen sollte. Als das Buch wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschien, hatte der Inhalt des Essays erledigt. Es verschwand im Archiv. Erst 1972 wurde der Text im „Times Literary Supplement“ erstmals veröffentlicht. In beiden Texten schreibt Orwell über die Hintergründe der Geschichte und die komplizierte Veröffentlichungsgeschichte.

Die Anaconda-Ausgabe beschränkt sich dagegen in beiden Fällen auf den Text. D. h. wer nur die Romane von Orwell lesen und keine weiteren Informationen haben will, sollte die billigeren Anaconda-Ausgaben kaufen.

Die Übersetzungen unterscheiden sich in Details. Trotzdem gefallen mir die Manesse-Übersetzungen im direkten Vergleich und im Vergleich mit dem Original etwas besser. Vor allem die Übersetzung von Ulrich Blumenbach ist sehr gelungen. Er bleibt nah am Originaltext und überträgt ihn und Orwells Intentionen äußerst elegant ins Deutsche. Das zeigt sich beispielsweise an den Namen der drei, den Hof führenden Schweine Napoleon, Snowball und Squealer. Er hat sie eingedeutscht in Napoleon, Schneeball und Petzwutz, dessen Name „Squealer“ schon im Original eine Kritik am Denunziantentum ist.

Heike Holtsch entfernt sich dagegen in ihrer Übersetzung etwas mehr vom Originaltext. Die Namen der Tiere übersetzt sie nicht, was gerade bei Petzwutz (der in früheren Übersetzungen Quiekschnauz und Schwatzwutz hieß) schade ist.

Bei „1984“ ist es ähnlich und oft nur eine Frage, welche Interpretation man bevorzugt. Also ob man lieber „Freiheit ist Knechtschaft“ (Haefs) oder „Freiheit ist Sklaverei“ (Strümpel) oder ob man lieber „Der Große Bruder beobachtet Dich“ (Haefs) oder, doch etwas verharmlosend im Neusprech, „Der Große Bruder wacht über Dich“ (Strümpel) liest. Persönlich würde ich im direkten Vergleich die Übersetzung von Haefs bevorzugen, weil er etwas näher an der Nachkriegssprache und dem damaligen Denken ist. Aber in einigen Stunden könnte ich mich für die Strümpel-Übersetzung entscheiden.

Aber letztendlich sind alle Übersetzungen gelungen. Trotzdem würde ich bei der „Farm der Tiere“, allein schon wegen des Bonusmaterials, die Manesse-Ausgabe empfehlen.

Die verschiedene Akzente setzenden Covers sind ebenfalls alle äußerst gelungen.

Odyr: Farm der Tiere – Die Graphic Novel

(übersetzt von Kerstin Fricke)

Panini Comics, 2021

176 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

A revolucao dos bichos

2018

Sybille Titeux de la Croix/Amazing Ameziane: 1984

(übersetzt von Harald Sachse)

Splitter, 2021

232 Seiten

29,80 Euro

Originalausgabe

1984

Editions du Rocher, 2021

George Orwell: Farm der Tiere – Ein Märchen

(übersetzt von Ulrich Blumenbach)

Manesse, 2021

192 Seiten

18 Euro

George Orwell: Farm der Tiere – Ein Märchen

(übersetzt von Heike Holtsch)

Anaconda, 2021

144 Seiten

4,95 Euro

Originalausgabe

Animal Farm. A Fairy Story

Martin Secker & Warburg Ltd., 1945

George Orwell: 1984

(übersetzt von Gisbert Haefs)

Manesse, 2021

448 Seiten

22 Euro

George Orwell: 1984

(übersetzt von Jan Strümpel)

Anaconda, 2021

400 Seiten

6,95 Euro

Originalausgabe

Nineteen Eighty-Four

Martin Secker & Warburg Ltd., 1949

Hinweise

Homepage von Amazing Ameziane

Wikipedia über George Orwell (deutsch, englisch), „Farm der Tiere“ (deutsch, englisch) und „1984“ (deutsch, englisch)

Die Zukunft redet mit den Übersetzern


TV-Tipp für den 1. Juni: Limbo

Mai 31, 2021

ARD, 22.50

Limbo (Deutschland 2019)

Regie: Tim Dünschede

Drehbuch: Anil Kizilbuga

TV-Premiere. Formal beeindruckender Uni-Abschlussfilm. Tim Dünschede erzählt die Geschichte ohne einen Schnitt. Dummerweise ist die Gangstergeschichte (es geht um eine Compliance-Managerin, die unsaubere Zahlungen entdeckt, einen Undercover-Polizisten, der ein Geldwäsche-Netzwerk enttarnen soll und um illegale Boxkämpfe) eine Ansammlung von Klischees, schlechten Entscheidungen und schlechten Dialogen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Elisa Schlott, Tilman Strauß, Martin Semmelrogge, Christian Strasser, Matthias Herrmann, Steffen Wink

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Limbo“

Moviepilot über „Limbo“

Wikipedia über „Limbo“

Meine Besprechung von Tim Dünschedes „Limbo“ (Deutschland 2019)