TV-Tipp für den 9. Oktober: Mein fabelhaftes Verbrechen

Oktober 8, 2025

RBB, 20.15

Mein fabelhaftes Verbrechen (Mon Crime, Frankreich 2023)

Regie: François Ozon

Drehbuch: François Ozon, (in Zusammenarbeit mit) Philippe Piazzo

LV: Georges Berr, Louis Verneuil: Mon Crime, 1934 (Theaterstück)

TV-Premiere. Paris, 30er Jahre: zwei junge, in einer Absteige zusammen lebende Frauen – eine Schauspielerin und eine Anwältin – wollen den Tod eines einflussreichen Theaterproduzenten als Karrierebooster benutzen. Die Schauspielerin gesteht den Mord, die Anwältin verteidigt sie und alles läuft nach Plan, bis die echte Mörderin auftaucht und ihren Anteil will.

Ein fabelhaftes Vergnügen, diese Screwball-Comedy

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Nadia Tereszkiewicz, Rebecca Marder, Isabelle Huppert, Dany Boon, Fabrice Luchini, André Dussollier, Édouard Sulpice, Régis Laspalès, Olivier Broche

Wiederholung: Freitag, 10. Oktober, 23.30 Uhr

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Mein fabelhaftes Verbrechen“

AlloCiné über „Mein fabelhaftes Verbrechen“

Rotten Tomatoes über „Mein fabelhaftes Verbrechen“

Wikipedia über „Mein fabelhaftes Verbrechen“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Francois Ozons “In ihrem Haus” (Dans la Maison, Frankreich 2012)

Meine Besprechung von Francois Ozons ”Jung & Schön” (Jeune & jolie, Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Francois Ozons „Eine neue Freundin“ (Une nouvelle amie, Frankreich 2014)

Meine Besprechung von François Ozons „Frantz“ (Frantz, Deutschland/Frankreich 2016)

Meine Besprechung von François Ozons „Der andere Liebhaber“ (L’Amant Double, Frankreich/Belgien 2017)

Meine Besprechung von François Ozons „Gelobt sei Gott“ (Grâce à Dieu, Frankreich 2019)

Meine Besprechung von François Ozons „Alles ist gutgegangen“ (Tout s’est bien passé, Frankreich 2021)

Meine Besprechung von François Ozons „Peter von Kant“ (Peter von Kant, Frankreich 2022)

Meine Besprechung von François Ozons „Mein fabelhaftes Verbrechen“ (Mon Crime, Frankreich 2023)


Juoko Kawakami verbreitet wieder „Furcht“ im heutigen Japan

Oktober 8, 2025

Es sind kurze Geschichten, die Juoko Kawakami in seiner Manga-Kurzgeschichtenreihe „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan“ erzählt und zeichnete. Vor wenigen Tagen erschien der dritte Band. Er enthält auf unter zweihundert Seiten zwölf Kurzgeschichten, die einige Gemeinsamkeiten haben und vollkommen unabhängig voneinander gelesen werden können. Es sind, wie der Titel verrät, kurze Horrorgeschichten, die im heutigen Japan spielen. Trotzdem spielen sie immer wieder, für uns wenig bis nicht erkennbar, auf japanische Traditionen an. Das Wissen über diese Traditionen steigert dann das Lesevergnügen, aber für das Verständnis der meisten Geschichten (ein, zweimal dachte ich, dass ich die Pointe nicht verstehe, weil ich die angesprochene Riten, Sitten und Erzählungen nicht kenne) ist es egal. Sie sind universell verständlich.

Im Mittelpunkt der Geschichten steht das Leben im heutigen Japan, meistens mit Protagonisten zwischen Schule und Studium und ihren Problemen. Computer, Handys, die Wirkung von Influencern und das Leben in einer anonymen Großstadt stehen immer wieder im Zentrum der mal mehr, mal weniger übernatürlichen Geschichten.

In der ersten Geschichte bemerkt ein schönheitsversessener Junge plötzlich einen Pickel an seinem Hals und Haare an den Beinen. Was für einen normalen Jugendlichen höchstens ärgerlich wäre, ist für ihn eine Katastrophe. Das Ende ist – überraschend.

In anderen Geschichten geht es um den nächtlichen Besuch in einem leer stehendem Haus, das möglicherweise doch nicht so leer steht. Oder um den Betreiber von einem Okkult-TV-Kanal, der eine Veranstaltung einer Netzwerk-Marketing-Firma besucht – und sich irgendwann denkt, er hätte wohl doch besser eine weitere Geistervilla erkundet. Es geht um den Besuch bei den seltsamen Eltern des künftigen Gatten. In einer anderen Geschichte geht es um eine Hochzeit und die Planungen vor der Hochzeit. Eine andere Geschichte beschäftigt sich mit den körperlichen Veränderungen eines schmächtigen Jungen bei dem Training in einem Fitnessstudio. Einmal geht es um die moderne urbane Legende Ushigisan, die gerade im Netz trendet; ein anderes Mal um eine KI-Cosplayerin und einmal um eine Telefonzelle, die als Müllabladeplatz benutzt wird.

Auch der dritte „Furcht“-Sammelband ist eine schön schwarzhumorige Lektüre.

Der vierte Band ist für November angekündigt. Das klingt doch nach einem Weihnachtsgeschenk für den Horrorfan.

Juoku Kawakami: Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 3

(übersetzt von Gregor Wakounig)

Panini Manga, 2025

200 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 3

Shogakukan, 2025

Hinweise

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 1“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 1, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 2“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 2, 2025)


TV-Tipp für den 8. Oktober: Die purpurnen Flüsse

Oktober 7, 2025

Kabel 1, 22.35

Die purpurnen Flüsse (Les Rivières pourpres, Frankreich 2000)

Regie: Mathieu Kassovitz

Drehbuch: Mathieu Kassovitz, Jean-Christophe Grangé

LV: Jean-Christophe Grangé: Les Rivières pourpres, 1997 (Die purpurnen Flüsse)

Wer bringt in einer abgeschiedenen Alpenuni Menschen um? Kommissar Niémans ermittelt und deckt dabei eine gigantische Verschwörung auf.

Spannender, nicht sonderliche plausibler Thriller: „aufwändig inszenierter Trashfilm“ (tip).

mit Jean Reno, Vincent Cassel, Nadia Fares, Dominique Sanda, Karim Belkhadra, Jean-Pierre Cassel

Wiederholung: Donnerstag, 9. Oktober, 02.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

AlloCiné über „Die purpurnen Flüsse“

Rotten Tomatoes über „Die purpurnen Flüsse“

Wikipedia über „Die purpurnen Flüsse“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Sylvain Whites Jean-Christophe-Grangé-Verfilmung „Choral des Todes“ (La Marque des anges – Miserere, Frankreich/Belgien 2013)


Cover der Woche

Oktober 7, 2025


TV-Tipp für den 7. Oktober: Match Point

Oktober 6, 2025

HR, 22.30

Match Point (Match Point, Großbritannien 2005)

Regie: Woody Allen

Drehbuch: Woody Allen

Ein Woody-Allen-Film ohne New York? Geht das? Wie sein erster im Ausland gedrehter Film “Match Point” zeigt, geht das sehr gut. Für Allen scheint es sogar eine Frischzellenkur gewesen zu sein. Denn er drehte seine nächsten Filme, weitgehend ohne die gewohnten Allen-Wortkaskaden, in Europa.

Die Geschichte von „Match Point“ ist die alte Geschichte vom Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen, der für seine Ziele über Leichen geht. Denn seine große Liebe ist nicht seine Ehefrau und er denkt nicht an eine Scheidung, die ihn selbstverständlich seine gerade mühsam erreichte gesellschaftliche Stellung kosten würde.

„Match Point“ wurde von den Kritikern abgefeiert, erhielt Preise und wurde für wichtige Preise, unter anderem den Oscar und den Edgar Allan Poe Award als bestes Drehbuch, nominiert. Der Film ist ein schön gemeines Thrillerdrama mit einer bitterbösen Schlusspointe.

Mit Scarlett Johansson, Jonathan Rhys Meyer, Emily Mortimer, Emily Mortimer, Matthew Goode, Mark Gatiss, Brian Cox, Ewen Bremner, James Nesbitt

Hinweise

Guardian: Interview mit Woody Allen (20. Dezember 2005)

Total Film: Interview mit Woody Allen (30. Dezember 2005)

Die Welt: Interview mit Woody Allen (23. Dezember 2005)

Roten Tomatoes über „Match Point“

Wikipedia über „Match Point“ (deutsch, englisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Meine Besprechung von Woody Allens “Magic in the Moonlight” (Magic in the Moonlight, USA 2014)

Meine Besprechung von John Turturros “Plötzlich Gigolo” (Fading Gigolo, USA 2013 – mit Woody Allen)

Meine Besprechung von Woody Allens “Irrational Man” (Irrational Man, USA 2015)

Meine Besprechung von Woody Allens „Café Society“ (Café Society, USA 2016)

Meine Besprechung von Woody Allens „Wonder Wheel“ (Wonder Wheel, USA 2017)

Meine Besprechung von Woody Allens „A rainy Day in New York“ (A rainy Day in New York, USA 2019)

Meine Besprechung von Woody Allens „Rifkin’s Festival“ (Rifkin’s Festival, USA 2020)

Meine Besprechung von Woody Allens „Ein Glücksfall“ (Coup de Chance, Frankreich/USA/Großbritannien 2023)

Woody Allen in der Kriminalakte  


Satu Rämö liest zu Lande und zu Wasser „Hildur – Die Toten am Meer“ vor

Oktober 6, 2025

Island:

396.960 Einwohner (da hat Bochum deutlich weniger und der Berliner Bezirk Pankow über zehntausend Einwohner mehr)

Größe der Insel: 103.000 Quadratkilometer

Bevölkerungsdiche: 4 Einwohner pro km² – oder, anders ausgedrückt: Island ist in Europa der am dünnsten besiedelte Staat

Die Verbrechensrate ist sehr niedrig. Im Durchschnitt werden auf der Insel zwei Morde pro Jahr verübt. Manchmal gibt es innerhalb eines Jahres keinen einzigen Mord. Nach Vergleichsrankings ist Island das sicherste Land der Welt.

Die Zahl der jährlich verübten Morde ist natürlich nur für Journalisten und Wissenschaftler interessant. Autoren fiktionaler Geschichten müssen sich, zum Glück für das verbrechensgierige Lesepublikum, nicht darum kümmern. Denn dann gäbe es in Island höchstens einen Krimiautor, der auch nur alle zwei Jahre einen Krimi veröffentlichen darf. Serienkiller wären, wegen der vielen von ihnen verübten Morde, tabu.

Satu Rämö kümmert sich, wie ihre isländischen Autorenkollegen, nicht um diese Zahlen. „Die Spur im Fjord“, ihr erster Roman mit ihrer Kriminalpolizistin Hildur Rúnarsdóttir, erschien 2022; die deutsche Übersetzung 2023. „Das Grab im Eis“ und „Der Schatten des Nordlichts“ folgten. In ihrem vierten und somit neuesten Roman „Hildur – Die Toten am Meer“ muss ihre Serienheldinn Hildur gleichzeitig mehrere Fälle aufklären. Harmlos sind die Einbrüche in leer stehende Ferienhäuser. Dazu kommen noch ungefähr ein halbes Dutzend Morde. Und ein alter Fall. Und der seltsame Tod eines Babys. Oh, und ein Mann stolpert mit einem blutverschmierten Gesicht von einem Touristenschiff.

Das sind viele Fälle, von denen am Ende auch einige, mehr oder weniger, miteinander zusammenhängen und, was quasi unvermeidbar bei den wenigen Inselbewohnern ist, die Kommissarin kennt einige der Verdächtigen gut. Ein Fall wird ihr sogar aus der Hand genommen. Die vier Menschen, die vor Jahrzehnten in der Erde vergraben wurden, wurden auf dem Hof von Hildurs Eltern vergraben. Ihre toten Eltern könnten etwas mit den Toten zu tun haben.

Wer die Toten sein könnten und warum sie dort vergraben wurden, wird in zahlreichen, in den Neunzigern spielenden Rückblenden, in denen es vor allem um das Leben von Hildurs Eltern geht, angedeutet.

Auf „Die Toten am Meer“ trifft die Kritik zu, die schon zu ihrem ersten Kriminalroman „Die Spur im Fjord“ geäußert wurde. Im Umkehrschluss heißt das: wem die vorherigen Hildur-Romane gefielen, dürfte auch der neueste Hildur-Roman gefallen.

Die Ermittlungen erfolgen hauptsächlich in der Form von Infodumps. Selten begleiten wir die Ermittler bei ihrer Arbeit. Oft erzählen sie sich gegenseitig, was sie ermittelten. Manchmal endet ein Kapitel mit einer für die Ermittlungen wichtigen Entdeckung. Später erzählt dann der eine Ermittler dem anderem, was er entdeckte und was er danach unternahm. Das ist nur mäßig spannend.

Es gibt zu viele Fälle, die sich dann gegenseitig im Weg stehen und teilweise über viele, sehr viele Seiten aus der Geschichte verschwinden. Der mögliche Mord an dem Baby verschwindet sogar vollkommen aus der Geschichte; oder er wurde in einem von mir überlesenem Halbsatz aufgeklärt. Die Rückblenden in das Leben von Hildurs Mutter Rakel (gleichzeitig der doch etwas in die Irre führende Originaltitel) haben mit den aktuellen Fällen nichts zu tun; – der Krimifan hofft natürlich auf einen Zusammenhang und sucht begierig in jeder Rückblende nach entsprechenden Hinweisen. Die für die Lösung nicht vollkommen unwichtigen Einbrüche werden zum ersten Mal wenige Seiten vor der Buchmitte erwähnt. Sowieso gelingt Rämö nie eine vernünftige Balance zwischen den verschiedenen, ungefähr gleich wichtigen Fällen und dem Privatleben der Hauptfiguren zu finden.

Und damit kämen wir zum letzten Punkt: Es gibt zu viele belanglose Informationen über das Privatleben von Hildur und ihrem Kollegen Jakob. Auch das ist nur mäßig spannend, aber die Zeiten von Columbo und anderen Ermittlern, über deren Privatleben wir nichts wissen (und das auch nie vermissten), sind vorbei. Zur Erinnerung: Columbo hat den Vornamen Lieutenant und es ist immer noch unklar, ob er wirklich verheiratet ist oder seine Frau nur aus ermittlungstaktischen Gründen gegenüber den Verdächtigen erwähnt.

Satu Rämö: Hildur – Die Toten am Meer

(übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara)

Heyne, 2025

368 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

Rakel

Werner Söderström Ltd (WSOY), Helsinki, 2024

Die Lesetour (weitere Informationen und Möglichkeit, ein Ticket zu kaufen)

Montag, 27. Oktober 2025, Lüneburg, 20.00 Uhr, Lüneburger Krimifestival

Dienstag, 28. Oktober 2025, Braunschweig, 19.30 Uhr, Braunschweiger Krimifestivals

Mittwoch, 29. Oktober 2025, Hannover, 19.30 Uhr

Donnerstag, 30. Oktober 2025, Berlin, 18.00 Uhr

Donnerstag, 6. November 2025 – Sonntag, 9. November 2025, viertägige Literatur Cruise von Travemünde nach Helsinki und zurück

 

Hinweise

Heyne über Satu Rämö

Krimi-Couch über Satu Rämö

Wikipedia über Satu Rämö (englisch)


TV-Tipp für den 6. Oktober: Eo

Oktober 5, 2025

Arte, 23.10

Eo (Eo, Polen/Italien 2022)

Regie: Jerzy Skolimowski

Drehbuch: Ewa Piaskowska, Jerzy Skolimowski

TV-Premiere. Die Welt aus der Sicht eines Esel, der in Polen von Tierschützern aus einem Zirkus berfreit wird und, quer durch Europa wandernd, die Welt der Menschen erkundet.

Köstlich!

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Sandra Drzymalska, Tomasz Organek, Mateusz Kosciukiewicz, Lorenzo Zurzolo, Isabelle Huppert

Hinweise

Moviepilot über „Eo“

Metacritic über „Eo“

Rotten Tomatoes über „Eo“

Wikipedia über „Eo“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jerzy Skolimowskis „Eo“ (Eo, Polen/Italien 2022)


TV-Tipp für den 5. Oktober: Frenzy

Oktober 4, 2025

Arte, 20.15

Frenzy (Frenzy, Großbritannien 1972)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Anthony Shaffer

LV: Arthur La Bern: Goodbye Piccadilly, Farewell Leicester Square, 1966 (Frenzy)

Ein Frauenmörder versetzt ganz London in Panik. Die Polizei tappt im Dunkeln. Und ein Unschuldiger kennt den richtigen Täter: seinen besten Freund.

Oder in Hitchcocks Worten: „Frenzy ist die Geschichte eines Mannes, der impotent ist und sich deshalb durch Mord ausdrückt.“

Hitchcocks vorletzter Film, seine Rückkehr nach London und seine Rückkehr in die Kritikerherzen, nachdem er seit „Die Vögel“ (1963) nichts wirklich weltbewegendes präsentierte. Zum Beispiel: „wunderbar komisches Drehbuch“ (New York Times), „Der strahlende Beweis, dass jeder, der einen spannenden Film macht, immer noch ein Lehrling dieses Meisters ist“ (Time Magazine), „Frenzy ist das reine Hitchcock-Festival“ (Harris/Lasky) – Ich konnte diese Euphorie nie teilen. Denn alle Beziehungen sind steril oder enden mit Mord. „Frenzy ist bis zum letzten Bild eine hermetische und kalt negative Vision des menschlichen Daseins.“ (Donald Spoto)

Mit Jon Finch, Barry Foster, Barbara Leigh-Hunt

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Frenzy“

Wikipedia über „Frenzy“ (deutsch, englisch) und Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock” (2010)

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Henry Keazors (Hrsg.) “Hitchcock und die Künste” (2013)

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte


Die Krimibestenliste Oktober 2025

Oktober 4, 2025

Während des Wetterumschwungs von Lesen auf der Parkbank zu Lesen auf der Couch präsentiert Deutschlandfunk Kultur seine monatliche Krimibestenliste:

1 (–) Lilia Hassaine: Tödliche Transparenz

Aus dem Französischen von Anne Thomas

Lenos, 249 Seiten, 26 Euro

2 (1) Zoran Drvenkar: Asa

Suhrkamp, 697 Seiten, 23 Euro

3 (7) Jerome Charyn: Ravage & Son

Aus dem Englischen von Jürgen Bürger

Suhrkamp, 336 Seiten, 18 Euro

4 (–) Susanne Tägder: Die Farbe des Schattens

Tropen, 314 Seiten, 17 Euro

5 (4) Gustavo Faverón Patriau: Unten leben

Aus dem Spanischen von Manfred Gmeiner

Droschl, 600 Seiten, 34 Euro

6 (2) Jonathan Coe: Der Beweis meiner Unschuld

Aus dem Englischen von Cathrine Hornung

Folio, 409 Seiten, 28 Euro

7 (–) James Lee Burke: Im Süden

Aus dem Englischen von Alexander Wagner

btb, 351 Seiten, 15 Euro

8 (–) James Lee Burke: Clete

Aus dem Englischen von Jürgen Bürger

Pendragon, 346 Seiten, 24 Euro

9 (–) Jake Lamar: Viper’s Dream

Aus dem Englischen von Robert Brack

Edition Nautilus, 205 Seiten, 20 Euro

10 (–) Mathijs Deen: Die Lotsin

Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke

Mare, 362 Seiten, 23 Euro

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat


TV-Tipp für den 4. Oktober: Sorry we missed you

Oktober 3, 2025

3sat, 23.10

Sorry we missed you (Sorry we missed you, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2019)

Regie: Ken Loach

Drehbuch: Paul Laverty

Im Mittelpunkt des Dramas steht Ricky, der versucht als selbstständiger Paketbote zu überleben. Ein ziemlich unmögliches Unterfangen.

Gewohnt überzeugender Film von Ken Loach und Paul Laverty.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone, Katie Proctor, Ross Brewster, Charlie Richmond, Julian Ions

Hinweise

Moviepilot über „Sorry we missed you“

Metacritic über „Sorry we missed you“

Rotten Tomatoes über „Sorry we missed you“

Wikipedia über „Sorry we missed you“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Jimmy’s Hall“ (Jimmy’s Hall, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Ich, Daniel Blake“ (I, Daniel Blake, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2016)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Sorry, we missed you“ (Sorry we missed you, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2019)

Meine Besprechung von Ken Loachs „The Old Oak“ (The Old Oak, Großbritannien 2023)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Zur neuen Verfilmung von Michael Endes „Momo“

Oktober 3, 2025

Nachdem ich in meinen Besprechungen langsam die ungute Tendenz bemerke, Filmen vorzuwerfen, dass sie unlogisch und unrealistisch seien, kann ich jetzt mit Fug und Recht und großer Geste einen Tsunami an Empörung über Unlogik und Unrealismus entfachen. Oder einfach darauf hinweisen, dass es immer um Logik und Realismus innerhalb der Geschichte und der in ihr gesetzten Grenzen geht. Wenn in „Momo“ behauptet wird, dass es zigarrenrauchende Zeit stehlende graue Herren gibt, dann bin ich durchaus bereit zu akzeptieren, dass es diese Zeit-Diebe und die Zeit-Spar-Kasse gibt.

Michael Ende, der Erfinder von Jim Knopf und Erzähler der „unendlichen Geschichte“ erfand diese Männer und erzählte in dem 1973 erschienenem Kinderbuch „Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte – Ein Märchen-Roman“ ihre Geschichte. Die Zeit-Diebe sind die Bösewichter. Die Heldin ist Momo, ein aus dem Nichts aufgetauchtes Waisenmädchen, das allein in einem Amphitheater lebt und gut zuhören kann. Sie hat Zeit und schenkt anderen Menschen ihre Zeit. Niemand hat viel Geld. Aber alle sind glücklich und zufrieden. In dieser Welt tauchen die Zeit-Diebe auf. Die grauen Herren bequatschen die Menschen, ihnen ihre Zeit zu geben. Sie würden sie später mit Zinsen zurückerhalten. Wenn die Menschen einmal in den Fängen der Zeit-Diebe sind, haben sie keine Zeit mehr. Immer mehr Menschen unterwerfen sich dem Regime der Zeit-Diebe.

Momo will ihre Freunde und alle Bewohner der Stadt retten. Die Menschen sollen wieder Zeit für sich und andere Menschen haben. Zusammen mit Meister Hora, dem im Nirgend-Haus lebendem Hüter der Zeit (der seinen ersten Auftritt ziemlich genau in der Buchmitte hat), und seiner Schildkröte Kassiopeia nimmt sie den Kampf auf.

Endes Buch wurde ein immer noch erhältlicher Bestseller und ist anscheinend für Viele eine wohlige Kindheitserinnerung. Ich hielt schon als Kind einen wohltuenden Abstand zu Fantasy-Geschichten und gehörte eindeutig zum Winnetou-Edgar-Wallace-James-Bond-Lager (als ob das realistische Geschichten sind). 1986 verfilmte Johannes Schaaf, mit Billigung des Autors den Roman. Ihm gefiel die Verfilmung von seinem Roman „Die unendliche Geschichte“ nicht.

Und jetzt verfilmte Christian Ditter wieder den Roman als internationale Produktion, die mit einer internationalen Besetzung und bekannten Namen auf einen internationalen Markt schielt. Alexa Goodall, eine zwölfjährige englische Schauspielerin in ihrer siebten Rolle, spielt Momo. Kim Bodnia spielt Beppo Straßenkehrer, Martin Freeman Meister Hora und Claes Bang den Anführer der grauen Herren, die im Film Greys heißen und nicht mehr nur aus Männern bestehen. Die Geschichte wurde an einigen weiteren Stellen modernisiert. Aber insgesamt halten die Macher sich an den Roman.

Das Ergebnis ist ein durchaus unterhaltsamer, CGI-lastiger Fantasyfilm für Kinder mit einem sympathischen Ensemble und einem wohligen Retro-Feeling. Die aus der Zeit gefallene Welt, in der „Momo“ spielt, erinnert an das aus Filmen bekannte Italien der fünfziger und sechziger Jahre, mit einigen Insignien der Gegenwart. Die Botschaft ist begrüßenswert und heute, zwischen gnadenloser Zeit-Optimierung im Beruf/Schule und in der Freizeit und sinnfreier Zeitvertrödelei vor dem Computer mit automatisch generierten Listen belangloser Posts, aktueller als damals.

Das Konzept der Zeit-Spar-Kasse und wie Momo die Zeit-Diebe besiegen kann ist, nun, etwas einfach. Sowieso ist der gesamte Film, jedenfalls für Erwachsene, etwas einfach geraten. Kinder dürften das anders sehen. Und für sie wurde der Film gemacht.

Mit neunzig Minuten hat Christian Ditters „Momo“ auch die richtige kindgerechte Länge.

Momo (Deutschland 2025)

Regie: Christian Ditter

Drehbuch: Christian Ditter

LV: Michael Ende, Momo, 1973

mit Alexa Goodall, Martin Freeman, Araloyin Oshunremi, Kim Bodnia, Claes Bang, Laura Haddock, Jennifer Amaka Pettersson, David Schütter, Skylar Blu Copeland, Maxwell Smith

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Die Vorlage (aktuell auch als Filmausgabe mit Fotos aus dem Film erhältlich)

Michael Ende: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte – Ein Märchen-Roman

Thienemann, 2025

288 Seiten

15 Euro

Erstausgabe

Thienemann, 1973

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Momo“

Moviepilot über „Momo“

Wiikipedia über „Momo“ (Film 2025, Roman: deutsch, englisch)

Homepage von Michael Ende

Thienemann über Michael Ende

Meine Besprechung von Dennis Gansels Michael-Ende-Verfilmung „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (Deutschland 2018)


TV-Tipp für den 3. Oktober: Oppenheimer

Oktober 2, 2025

Pro7, 20.15 

Oppenheimer (Oppenheimer, USA 2023)

Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan

LV: Kai Bird/Martin J. Sherwin: American Prometheus: The Triumph and Tragedy of J. Robert Oppenheimer, 2005 (J. Robert Oppenheimer – Die Biographie)

TV-Premiere. Christopher Nolans überzeugendes Biopic über den Physiker J. Robert Oppenheimer, den „Vater der Atombombe“. Keine leichte Kost.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey Jr., Florence Pugh, Josh Hartnett, Kenneth Branagh, Benny Safdie, Dylan Arnold, Gustaf Skarsgård, David Krumholtz, Matthew Modine, David Dastmalchian, Tom Conti, Casey Affleck, Rami Malek, Jason Clarke, Alden Ehrenreich, Dane DeHaan, Gary Oldman, James Remar, James D’Arcy, Matthias Schweighöfer

Wiederholung: Samstag, 4. Oktober, 01.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Oppenheimer“

Metacritic über „Oppenheimer“

Rotten Tomatoes über „Oppenheimer“

Wikipedia über „Oppenheimer“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Interstellar“ (Interstellar, USA/Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Dunkirk“ (Dunkirk, USA/Frankreich/Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Tenet“ (Tenet, USA 2020)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Oppenheimer“ (Oppenheimer, USA 2023)


Neu im Kino/Filmkritik: „Karla“, 12 Jahre, klagt ihren Vater als Vergewaltiger an

Oktober 2, 2025

Wenige Minuten vor seinem Feierabend taucht Karla (Elise Kripes) bei Richter Lamy (Rainer Bock) auf. Das zwölfjährige Mädchen behauptet, dass ihr Vater sie seit Jahren vergewaltige. Sie will, dass er dafür bestraft wird. Damals – der Film spielt 1962 in Bayern – wurde über so etwas nicht gesprochen, geschweige denn angeklagt und verurteilt. Was in der Familie geschah, blieb in der Familie.

Lamy beginnt mit der Befragung. Er glaubt der intelligenten und selbstbewusst auftretenden Karla und er beginnt für sie Partei zu ergreifen. Weil sie über die Taten ihres Vaters nicht reden will, gibt Lamy, ganz verständnisvoller Sozialarbeiter des 21. Jahrhunderts, ihr eine Stimmgabel. Sie ist zwischen ihnen fortan das Zeichen für ‚unzüchtige Handlung‘. Über die Handlung muss sie dann nichts mehr sagen.

Diese Gespräche inszeniert die 1992 geborene Christina Tournatzẽs in ihrem Debütspielfilm als intimes, zurückhaltend und trocken inszeniertes Kammerspiel mit einem Gespür für Pausen und Zwischentöne. Im Mittelpunkt stehen Karla, Richter Lamy und seine Sekretärin. Zusätzliche Glaubwürdigkeit gewinnt das psychologische Drama „Karla“ auf den ersten Blick durch den Hinweis, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Allerdings führen die Macher das nicht genauer aus. Sie belassen es bei dem allgemeinen und entsprechend nichtssagendem Hinweis. Insofern betrachtet man „Karla“ wohl besser als eine hundertprozentig fiktionale Geschichte, die Mut machen soll und die in einer repressive Zeit spielt, in der Kinder noch nicht als vollwertige Menschen wahrgenommen wurden.

Irgendwann hat Lamy sich lange genug mit Karla unterhalten. Er formuliert eine Anklage gegen ihren Vater. Die Gerichtsverhandlung ist dann nur noch ein todernst inszenierter schlechter SNL-Sketch. Lamy, der vorher die anscheinend nur aus Gesprächen mit Karla bestehenden Ermittlungen durchführte und die entsprechend luftige Anklage formulierte, ist jetzt auch der vorsitzende Richter. Er leitet das Verfahren so, dass es nur ein Ergebnis geben kann: einen Schuldspruch. Das Verfahren manipuliert er entsprechend. Beweise sind egal. Die Behauptung eines Kindes und ihr Wunsch, nach einer Verurteilung, reichen aus für eine Verurteilung. Solche Verfahren kennen wir sonst nur aus Diktaturen. Im Film wird diese Travestie einer Gerichtsverhandlung als ein gerechtfertigtes und auch begrüßenswertes Verfahren gesehen.

Ob so eine Klage eines Kindes gegen seinen Vater 1962 überhaupt möglich gewesen wäre, steht auf einem anderen Blatt. Die große Diskussion über sexuelle Gewalt in der Familie gegenüber Ehefrauen und Kindern begann erst viele Jahre später. Vergewaltigung in der Ehe wurde in Deutschland erst im Mai 1997 strafbar.

Und so ist „Karla“ ein Film mit guten Absichten, der an den entscheidenden Stellen ärgerlich unglaubwürdig ist.

Karla (Deutschland 2025)

Regie: Christina Tournatzẽs

Drehbuch: Yvonne Görlach

mit Elise Krieps, Rainer Bock, Imogen Kogge, Torben Liebrecht, Katharina Schüttler, Robert Hunger-Bühler

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Karla“

Moviepilot über „Karla“

Wikipedia über „Karla“


Neu im Kino/Filmkritik: Willst du auf „A big bold beautiful Journey“ mitkommen?

Oktober 2, 2025

Selbstverständlich wissen wir, was passiert, wenn David (Colin Farrell) und Sarah (Margot Robbie) sich auf der Hochzeit eines Freundes begegnen. Eigentlich wissen wir das schon beim Ansehen des Plakats. „A big bold beautiful Journey“ ist eine romantische Liebesgeschichte, möglicherweise auch eine RomCom.

Und so ist es. Als die beiden Singles sich nach der Hochzeit auf den Heimweg begeben, begegnen sie sich kurz darauf in einem Diner. Das ist die erste Station der titelgebenden „big bold beautiful Journey“, die von dem betont altmodischem GPS, das sich in ihren schon etwas älterem Leihwagen befindet, organisiert wird. Und weil David und Sarah, ohne davon zu wissen, dem Vorschlag des GPS zustimmten, sitzen sie jetzt in dem Diner und reden miteinander. Das GPS hat auch magisch organisiert, dass sie fortan gemeinsam weiterfahren müssen in Davids gemietetem 1994 Saturn SL. Das GPS leitet sie zu weiteren Stationen, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass mitten in der Natur Türen stehen. Sobald sie sie öffnen, betreten sie eine andere Welt. Mal geht es in Davids Vergangenheit, mal in Sarahs Vergangenheit. Zwischen den Besuchen in ihrer Vergangenheit unterhalten sie sich auf der Fahrt zurück in die heimatliche Großstadt über ihre Vergangenheit und ihr Leben.

Kogonadas neuer Film, sein dritter Spielfilm und der erste, den er nach einem fremden Drehbuch realisierte, erzählt eine fantastisch angehauchte Liebesgeschichte, in der ihr fantastisches Element (die Türen) schnell zu einem immer weniger beachteten, das Auge erfreundem Gimmick wird. Denn sie finden immer weniger Türen. Hinter den Türen ist nur ein kurzer Blick in die Vergangenheit von David oder Sarah. Nur einmal greifen sie mit ihrem heutigen Wissen in die Vergangenheit ein. Es hat keine Folgen; auch weil natürlch niemand einem Teenager glaubt, wenn er seiner Highschoolliebe sagt, sie werde den falschen Mann wählen.

Zwischen den Blicken hinter Türen, die in ihre Vergangenheit führen, sitzen sie im Auto und unterhalten sich über die Dinge, über die man mit einer fremden Person spricht. Es sind weitgehend banale, nicht besonders in Erinnerung bleibende Plaudereien mit der Tendenz zum Monolog. Dabei hat Seth Reiss, der Drehbuchautor von „The Menu“ und langjähriger Autor bei „Late Night with Seth Meyers“ und „The Onion“, sie geschrieben.

Colin Farrell und Margot Robbie spielen in diesen Momenten betont unterkühlt; als ob Kogonada sie anwies, möglichst wenig zu spielen und möglichst keine Emotion zu zeigen. Auch die Bilder, die Kogonadas Kameramann Benjamin Loeb („Sick of myself“, „Dream Scenario“ und auch Kogonadas „After Yang“) in diesem Moment findet, sind vollkommen beliebig. Ganz im Gegensatz zu den wunderschönen, plakatwürdigen Bildern von den in der Landschaft stehenden Türen und den überlegten Bildkompositionen außerhalb des Autos. Beispielsweise während der Hochzeit oder in der Autovermietung, die sich in einer riesigen, leer stehenden Halle befindet.

Eine besondere Erwähnung verdienen Phoebe Waller-Bridge und Kevin Kline, die die beiden Autovermieter spielen und sich sehr seltsam verhalten. Bei ihnen entfalten, wenn sie dem Affen ordentlich Zucker geben, die betont künstlichen Dialoge ein ungeahntes komisches Potential. Sie sollten eine eigene TV-Serie bekommen, in der sie jede Woche versuchen, Paare zusammen zu bringen und die Welt zu einem besseren Platz machen wollen.

A big bold beautiful Journey“ ist ein sehr minimalistischer, unterkühlter, sich auf seine Dialoge vertrauender Liebesfilm, der in seiner betont unaufgeregten Machart an Celine Songs RomCom „Was ist Liebe wert – Materialists“ erinnert und frustriert. Denn für jede gute Entscheidung, die Kogonada in seinem Film getroffen hat, gibt es mindestens eine falsche Entscheidung.

A big bold beautiful Journey (A big bold beautiful Journey, USA 2025)

Regie: Kogonada

Drehbuch: Seth Reiss

mit Colin Farrell, Margot Robbie, Kevin Kline, Phoebe Waller-Bridge, Lily Rabe, Hamish Linklater, Jennifer Grant, Jodie Turner-Smith (GPS-Stimme im Original)

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „A big bold beautiful Journey“

Metacritic über „A big bold beautiful Journey“

Rotten Tomatoes über „A big bold beautiful Journey“

Wikipedia über „A big bold beautiful Journey“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Dwayne Johnson ist „The Smashing Machine“ Mark Kerr

Oktober 2, 2025

Während des diesjährigen Wettbewerbs bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig, wo „The Smashing Machine“ seine Premiere hatte, wurde sogar gemunkelt, dass Dwayne Johnson den Preis als bester Schauspieler erhalten könnte. Das geschah nicht. Dafür erhielt Benny Safdie den Preis als bester Regisseur für sein Sportlerbiopic.

In dem Biopic erzählt Safdie einige wichtige Jahre in dem Leben von MMA-Kämpfer und UFC-Champion Mark Kerr (Dwayne Johnson). MMA steht für Mixed Martial Arts oder, jedenfalls in den Anfangstagen, Schlagen ohne Regeln.

Der Film beginnt 1997 mit Kerrs erstem MMA-Kampf. Ohne zu Zögern greift er mit maximaler Wucht an. Nach zwei Minuten liegt sein Gegner auf dem Boden.

Nach diesem Auftakt konzentriert der restliche Film sich auf die Jahre 1999 und 2000. Er endet am 1. Mai 2000 mit dem Finalkampf des Pride Grand Prix in Tokio. Das ist eine kurze Spanne im Leben eines Menschen. Es ist also möglich, in die Tiefe zu gehen und einen bestimmten Punkt im Leben der porträtierten Person oder ein Ziel, das sie unbedingt erreichen möchte, genau zu beleuchten.

Dieses Ziel ist, ist in „The Smashing Machine“ über weite Strecken eher unklar. Vieles wird in den zwei Kinostunden angesprochen, aber nur wenig wird konsequent fortgeführt. Es werden viele Kämpfe gezeigt. Ob sie für bestimmte Qualifizierungen wichtig sind, bleibt eher unklar. Meistens gewinnt Kerr. Selten verliert er und das gefällt ihm nicht. Er nimmt Schmerzmittel und wird abhängig von ihnen. Der Sport professionalisiert sich. Es gibt mehr Geld. Die Kampforte werden glamouröser. Es gibt immer mehr Regeln für die Kämpfe. Hinter den Kulissen ändert sich wenig. Hinterzimmer und Gänge, die normalerweise nur vom Personal benutzt werden, bleiben Gänge, die nur vom Personal benutzt werden. Kerr ist befreundet mit MMA-Kämpfer Mark Coleman (Ryan Bader), der auch sein Trainer wird. Kerr heiratet. Wenn er sich mit seiner Freundin Dawn Staples (Emily Blunt) streitet, zertrümmert er eine Tür. Und hat danach ein schlechtes Gewissen.

Bei diesen Kämpfen lernt Kerr, der als strahlender Gewinner eingeführt wird, dann mit Verlusten umzugehen. So ist der erste Kampf, den er verliert, für ihn ein welterschütternder Schock. Es ist etwas eingetreten, was er bis dahin nicht kannte. Und das ist dann auch ungefähr das, was Kerr lernen muss: zu verlieren und damit umzugehen.

Dwayne Johnson spielt Mark Kerr als eine Art übergroßen Teddybär, der im Ring einen brutalen Sport ausübt. Abseits des Rings ist er ein hart trainierender Perfektionist und netter Mensch. Er geht Streit aus dem Weg. Wenn er dann doch mal explodiert, schlägt er nicht seine Freundin, sondern zerstört eine billige Tür und zergeht danach in Selbstmitleid. Das unterscheidet sich nicht so wahnsinnig von Johnsons schauspielerischen Leistungen in anderen Filmen und auch nicht von seinen öffentlichen Auftritten. Außer dass Kerr wie eine mit Beruhigungsmitteln ruhiggestellte Version von Johnson wirkt.

Regisseur und Drehbuchautor Benny Safdie drehte mit seinem Bruder Josh „Good Time“ und „Der schwarze Diamant“ (Uncut Gems). In seinem stark inszeniertem Solo-Regiedebüt bleibt er dem aus seinen vorherigen Filmen bekannten realistisch-dokumentarischem Stil treu. „The Smashing Machine“ ist durchgehend deutlich näher an New-Hollywood-Dramen und Darren Aronofskys interessanterem „The Wrestler“ als an den gängigen, mit einem strahlenden Sieg des Helden endenden Hollywood-Biopics. Er ist aber auch gleichzeitig überaus konventionell erzählt als Abfolge von Schnappschüssen aus einem Jahr aus dem Leben eines Sportlers.

Für MMA-Fans ist „The Smashing Machine“ ein Rückblick in die Zeit, als der Sport noch nicht das heutige Riesengeschäft war. Alle anderen werden sich fragen, warum über Kerr ein Biopic gemacht wurde; also was seine besondere Leistung für den Sport und darüberhinaus war. Für sie bleibt am Ende nur ein betont freundliches Porträt eines überaus netten Menschen.

The Smashing Machine (The Smashing Machine, USA/Japan/Kanada 2025)

Regie: Benny Safdie

Drehbuch: Benny Safdie

mit Dwayne Johnson, Emily Blunt, Ryan Bader, Bas Rutten, Oleksandr Usyk, Lyndsey Gavin

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „The Smashing Machine“

Metacritic über „The Smashing Machine“

Rotten Tomatoes über „The Smashing Machine“

Wikipedia über „The Smashing Machine“ (deutsch, englisch) und Mark Kerr (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben und Joshua Safdies „Good Time – Wettlauf gegen die Zeit“ (Good Time, USA 2017)


TV-Tipp für den 2. Oktober: Midsommar

Oktober 1, 2025

ZDF, 02.35 Uhr

Midsommar (Midsommar, USA 2019)

Regie: Ari Aster

Drehbuch: Ari Aster

Der in den USA studierende Pelle lädt seine Mitstudierenden ein, an dem nur alle neunzig Jahre stattfindendem Mittsommerfest seiner Gemeinde teilzunehmen. Sie begeben sich in die schwedische Einöde und erleben dort freundliche Eingeborene, drogengeschwängerten Freigeist und mittelalterliche Mystik. Dass es sich dabei um ein Opferritual handelt, ignorieren sie.

Extrem langsam, in wunderschönen Bildern erzählter Mix aus Folk Horror und Ingmar Bergman. Das ist, in der richtigen Stimmung genossen, ein beeindruckender Horrorfilm der anderen Art. In der falschen Stimmung ist dann sogar das Beobachten trocknender Farben spannender.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Florence Pugh, Jack Reynor, William Jackson Harper, Will Poulter, Vilhelm Blomgren, Gunnel Fred, Ellora Torchia, Archie Madekwe

Hinweise

Moviepilot über „Midsommar“

Metacritic über „Midsommar“

Rotten Tomatoes über „Midsommar“

Wikipedia über „Midsommar“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ari Asters „Hereditary – Das Vermächtnis“ (Hereditary, USA 2018)

Meine Besprechung von Ari Asters „Midsommar“ (Midsommar, USA 2019)

Meine Besprechung von Ari Asters „Beau is afraid“ (Beau is afraid, USA 2023)

 


Über „Blade Runner 2039: Luv (Band 1)“ und „Blade Runner 2039: Upgrade (Band 2)“

Oktober 1, 2025

1968 schrieb Philip K. Dick einen Science-Fiction-Roman, der heute längst vergessen wäre, wenn Ridley Scott den Roman nicht 1982 verfilmt hätte. Seine Verfilmung wurde schnell zu einem Kultfilm und Klassiker. Und der Grundstein für ein seitdem expandierendes Franchise mit bislang nur einer (überflüssigen) Filmfortsetzung, Computerspielen, Romanen und Comics, die sich an Scotts Film orientieren. Hauptautor der aktuell erscheinenden „Blade Runner“-Comics ist Mike Johnson.

Sein neuestes Werk ist die Miniserie „Blade Runner 2039“. „Luv“, der erste Sammelband, und „Upgrade“, der zweite Sammelband, sind kürzlich erschienen. Der dritte Band „Ash“ ist für den 16. Dezember angekündigt.

Vor zwanzig Jahren half die Replikantenjägerin Aahna „Ash“ Ashina dem Kind Cleo Selwyn und ihrer Replikanten-Ersatzmutter Isobel Selwyn bei ihrer Flucht auf den Kolonialplaneten Arcadia. Dort waren sie sicher vor Cleos Vater, dem Wirtschaftmagnaten Alexander Selwyn. Und dort sollten sie auch bleiben.

Aber jetzt ist Isobel verschwunden. Cleo glaubt, dass sie auf Befehl von Konzernchef Niander Wallace entführt wurde. Er hat die Tyrell Corporation, die für ihre Replikanten-Produktion bekannt war, übernommen und führt die Produktion mit neuen Modellen fort.

Cleo glaubt, dass die Entführer ihre Mutter zur Erde brachten. Sie folgt diesem Verdacht. Auf der Erde benötigt sie für die Suche Hilfe von Ash, die seit zehn Jahren untergetaucht ist.

Verfolgt werden sie von Luv. Sie gehört zu den neuen von Wallace erschaffenen Replikanten, die sich durch blinden Gehorsam auszeichnen. Sie ist ein Prototyp, der von der vom LAPD im Dienst erprobt wird, und die erste Blade-Runner-Replikantin. Sie soll Cleo finden. Wallace glaubt, dass sie den Schlüssel zur Fruchtbarkeit der Replikanten besitzt.

Die von Autor Mike Johnson, Zeichner Andrés Guinaldo und Kolorist Marco Lesko erfundene Geschichte spielt zwanzig Jahre nach Scotts Film. Die damalige Noir-Welt ist immer noch gut erkennbar. Aber mit einem Ausflug in das gefährliche, an einen Rural Noir erinnernde Hinterland und die noch gefährlichere Stadtruine San Francisco erweitern sie diese Welt klug. Ash vermutet, dass sie dort Isobel finden wird.

Johnson, Guinaldo und Lesko erzählen ihre Geschichte mit wenig Text, knackigen Actionszenen, einem prägnanten Ensemble verschiedener Figuren und zwischen mehreren Handlungssträngen wechselnd. So zeigen sie anfangs Luv bei der Arbeit, ehe die Suche nach Cleos Mutter wichtig wird und der Plan von Niander Wallace immer deutlicher wird.

Wie die Geschichte endet, erfahren wir Mitte Dezember.

Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Lesko: Blade Runner 2039 – Luv (Band 1)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2025

112 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Blade Runner 2039 vol. 1: Luv

Titan Publishing, 2025

Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Lesko: Blade Runner 2039 – Upgrade (Band 2)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2025

112 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Blade Runner 2039 vol. 2: Upgrade

Titan Publising, 2025

Hinweise

Wikipedia über „Blade Runner“ (deutsch, englisch) und das Blade-Runner-Franchise

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Los Angeles“ (Blade Runner 2019 # 1- 4, 2020)

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Off-World – Jenseits der Erde (Band 2)“ (Blade Runner 2019 # 5 – 8, 2020)

Meine Besprechung von Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2029 – Alte Bekannte (Band 1)“ (Blade Runner 2029 # 1 – 4, 2020/2021)


TV-Tipp für den 1. Oktober: Die Unbeugsamen 2 – Guten Morgen, ihr Schönen!

September 30, 2025

3sat, 20.15

Die Unbeugsamen 2 – Guten Morgen, ihr Schönen! (Deutschland 2024)

Regie: Torsten Körner

Drehbuch: Torsten Körner

TV-Premiere. Sehenswerter spielfilmlanger Dokumentarfilm über Frauen in der DDR. Auf dem Papier waren dort die Frauen gleichberechtigt. Die Realität sah anders aus. Mit historischen Aufnahmen und aktuellen Interviews.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Amrei Bauer, Kerstin Bienert, Anke Feuchtenberger, Marina Grasse, Brunhilde Hanke, Katja Lange-Müller, Annette Leo, Solveig Leo, Barbara Mädler, Ulrike Poppe, Tina Powileit, Katrin Sass, Katrin Seyfarth, Gabriele Stötzer, Doris Ziegler

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Unbeugsamen 2“

Moviepilot über „Die Unbeugsamen 2“

Wikipedia über „Die Unbeugsamen 2″

Meine Besprechung von Torsten Körners „Die Unbeugsamen“ (Deutschland 2020)

Meine Besprechung von Torsten Körners „Die Unbeugsamen 2 – Guten Morgen, ihr Schönen!“ (Deutschland 2024)


Cover der Woche

September 30, 2025


TV-Tipp für den 30. September: Tatort: Vorstadtballade

September 29, 2025

BR, 20.15

TATORT: Vorstadtballade (Deutschland 2004)

Regie: Martin Enlen

Drehbuch: Rorbert Hültner

In einer Kneipe im Münchner Schlachthofviertel geschieht ein Mord. Die Kommissare Batic und Leitmayr mischen sich unter die Stammtischler.

Für diesen Tatort mit dem vorzüglichen Münchner Team schrieb der Glauser- und Deutschen-Krimi-Preisträger Hültner das Buch. Das Ergebnis ist ein angenehm altmodischer Tatort, der sich viel Zeit für seine intensive Milieuzeichnung nimmt. Denn das Ende ist sehr vorhersehbar.

Mit Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Michael Fitz, Franz Buchriesner, Anna Brüggemann, Ernst Stankovski, Johann von Bülow

Hinweise

Wikipedia über „Tatort: Vorstadtballade“ und Robert Hültner

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Robert Hültner

Meine Besprechung von Robert Hültners „Ende der Ermittlungen“ (2007)

Meine Besprechung von Robert Hültners „Am Ende des Tages“ (2013)