Neu im Kino/Filmkritik: „Last Breath“, eine unglaubliche, aber wahre Geschichte

Mai 9, 2025

Wie gut ist „Last Breath“? Ziemlich gut. Denn auch wer das Ende der Geschichte kennt, verfolgt das Geschehen atemlos.

Am 18. September 2012 begeben sich in der Nordsee, vor der Küste von Aberdeen/Schottland, die beiden Sättigungstaucher Chris Lemons (Finn Cole) und sein erfahrener Kollege Dave Yuasa (Simu Liu) auf einen Routinetauchgang. In über neunzig Metern Tiefe sollen sie Kabel und Teile einer Anlage zur Ölförderung reparieren. Ihr Kollege Duncan Allcock (Woody Harrelson) bleibt in der Tauchglocke. Von ihrem Unterstützungsschiff, das gerade mit stürmischem Wetter kämpft, wird jede ihrer Bewegungen überwacht. Als Teile des Schiffsystems überraschend ausfallen, soll der Tauchgang abgebrochen werden. Yuasa kann zurück in die Tauchglocke schwimmen. Lemons‘ Versorgungsleine verhakt sich. Sie reißt und er bleibt zurück. Er hat noch Sauerstoff für zehn Minuten. Ohne Sauerstoff kann ein Mensch fünf Minuten überleben. Seine Kameraden versuchen ihn zu retten. Auch nachdem er keinen Sauerstoff mehr hat und sie davon ausgehen müssen, seine Leiche bergen zu müssen.

Sie können ihn ungefähr eine halbe Stunde nach dem Riss seiner Versorgungsleine bergen – und wie alle wissen, die Alex Parkinsons Dokumentarfilm „ Der letzte Atemzug – Gefangen am Meeresgrund“ (Last Breath, 2019), den er jetzt als Spielfilm verfilmte, gesehen haben, überlebte Chris Lemons diesen Tauchgang ohne bleibende Schäden. Eine wirkliche Erklärung dafür gibt es nicht. Vermutet wird, dass es an einer Kombination aus kaltem Wasser und dem Sauerstoffgemisch, das er einatmete, lag.

Parkinson verfilmte diese in der Welt der Sättigungstaucher spielende Geschichte als straffen Unterwasserthriller. Nach einer kurzen Einführung der wichtigsten Figuren und des Lebens auf dem Schiff, zeigt er ungefähr in Echtzeit diesen Tauchgang und wie Lemons gerettet wurde.

Last Breath (Last Breath, USA/Großbritannien 2025)

Regie: Alex Parkinson

Drehbuch: Mitchell LaFortune, Alex Parkinson, David Brooks

mit Woody Harrelson, Simu Liu, Finn Cole, Cliff Curtis, Mark Bonnar, MyAnna Buring, Josef Altin

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Last Breath“

Metacritic über „Last Breath“

Rotten Tomatoes über „Last Breath“

Wikipedia über „Last Breath“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Kein Tier. So Wild.“ – Shakespeares „Richard III.“ in Neukölln

Mai 9, 2025

1995 verlegte Richard Loncraine William Shakespeares Stück „Richard III.“ in die dreißigerJahre in ein faschistisches London. Wenige Monate später begab Al Pacino sich in „Looking for Richard“ in seiner sehr, sehr freien „Richard III“-Interpretation im gegenwärtigem Manhattan auf die Suche nach der Essenz des Stückes. Und jetzt verlegt Burhan Qurbani („Berlin Alexanderplatz“) in seinem neuen Film „Kein Tier. So Wild.“ das Shakespeare-Stück in das heutige Berlin, das weniger wie das heutige Berlin, sondern wie eine Mischung aus dystopischer „Gotham City“-Metropole und exzessiv genutzter Theaterbühne aussieht. Die Shakespeare-Sätze funktionieren auch in diesem Umfeld prächtig.

In diesem Kunst-Berlin kämpfen die in Neukölln residierenden arabischen Verbrecherclans York und Lancaster gegeneinander.

Im Mittelpunkt steht Rashida York (Kenda Hmeidan), die die Macht übernehmen möchte, keinerlei Skrupel hat und doch eine Ehe mit Ali Lancaster akzeptieren soll. Sie ist Burhan Qurbanis Richard III. Ihr Gebrechen ist ihr Geschlecht.

Qurbani und seine vom Theater kommende Co-Autorin Enis Maci interpretieren Shakespeare frei, dekonstruieren und rekonstruieren ihn – und das ist für Shakespeare-Kenner sicher aufregend. Für alle anderen ist ihre Interpretation ein immer wieder zwiespältiges Vergnügen, das von der Inszenierung und dem Schauspiel überzeugender als vom Inhalt ist. Die Story und die Konfliktlinien sind in den Details kaum nachvollziehbar. Dafür gibt es immer wieder große Auftritte, meistens in Innenräumen, expressives Spiel, sich in den Vordergrund drängende Bilder und ein dissonant-laut dröhnender Sound, der kaum Musik genannt werden kann.

In der zweiten Hälfte, nachdem der von Rashida befohlene Mord an zwei jugendlichen Thronfolgern, die im Tower sitzen, durchgeführt wurde, wird der Film zu einem an einem Ort spielendem Kammerspiel. Dieser Ort ist eine Theaterbühne in einer Lagerhalle, die zu einem Wüstenset mit einem Autowrack umgebaut und expressiv ausgeleuchtet wurde. In dem Auto fantasiert Rashida zwischen Gegenwart, Vergangenheit, Traum und wohl auch Irrsinn über ihr Leben. Ungefähr vierzig Minuten pausiert der Plot zugunsten eines, vor allem in dieser Länge, nicht weiter erhellenden, sondern todsterbenslangweiligen Aneinanderreihung von Gedanken- und Erinnerungsfetzen.

Schauspielerisch und visuell ist der Film dagegen durchgehend aufregend. Qurbani besetzte die Rollen fast ausschließlich mit unbekannten, oft vom Theater kommenden Gesichtern. So gehörte Rashida-Darstellerin Kenda Hmeidan, die auch in Tom Tykwers „Das Licht“ mitspielte, von 2016 bis 2024 zum Ensemble des Maxim-Gorki-Theaters. Diese Schauspieler können die Theatersätze unfallfrei, mit Verve und großer theatralischer Geste in oft langen Szenen präsentieren.

Qurbanis Stammkameramann Yoshi Heimrath findet dazu die passenden Bilder, die aus einem Gerichtssaal oder einem Büro eine große Bühne machen. Es sind Bilder, die an bildgewaltige französische Filme, wie zuletzt Gilles Lellouches „Beating Hearts“ oder die frühen Filme von Luc Besson, wie „Subway“ und „Nikita“, erinnern.

Kein Tier. So Wild.“ ist, wie sein vorheriger Film „Berlin Alexanderplatz“ (in dem er Alfred Döblins Roman in die Gegenwart verlegte), in jedem Fall mutiges und aufregendes Kino, das nichts mit dem Mittelmaß der meisten deutschen Filme zu tun haben will und das aus Bildern für die Kinoleinwand komponiert wurde. Allerdings ist nicht alles gelungen und gerade die zweite Hälfte, wenn die Geschichte sich in Rashidas Kopf abspielt, ist größtenteils unerträglich langweilig in einem Film der genau das nicht sein will.

Kein Tier. So Wild. (Deutschland/Frankreich/Polen 2025)

Regie: Burhan Qurbani

Drehbuch: Burhan Qurbani, Enis Maci

LV: William Shakespeare: Richard III., 1597 (erste Druckfassung) (Richard III.)

mit Kenda Hmeidan, Verena Altenberger, Hiam Abbass, Mona Zarreh Hoshyari Khah, Mehdi Nebbou, Meriam Abbas, Banafshe Hourmazdi

Länge: 142 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Kein Tier. So Wild.“

Moviepilot über „Kein Tier. So Wild.“

Rotten Tomatoes über „Kein Tier. So Wild.“

Wikipedia über „Kein Tier. So Wild.“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Kein Tier. So Wild.“

Meine Besprechung von Burhan Qurbanis „Berlin Alexanderplatz“ (Deutschland 2020)


TV-Tipp für den 9. Mai: Die Blechtrommel

Mai 8, 2025

3sat, 20.15

Die Blechtrommel (Deutschland/Frankreich 1979)

Regie: Volker Schlöndorff

Drehbuch: Volker Schlöndorff, Jean-Claude Carrière, Franz Seitz, Günther Grass (Dialogbearbeitung)

LV: Günter Grass: Die Blechtrommel, 1959

Die Geschichte von Blechtrommler Oskar Matzerath, der am 12. September 1927 als Dreijähriger beschließt, nicht weiter zu wachsen.

Ein Klassiker des deutschen Films, ausgezeichnet, u. a., mit der Goldenen Palme in Cannes und dem Oscar als bester ausländischer Film und ein Kassenerfolg.

Mit David Bennent, Mario Adorf, Angela Winkler, Daniel Olbrychski, Katharina Thalbach, Heinz Bennent, Andrea Ferréol, Fritz Hakl, Ernst Jacobi, Otto Sander, Charles Aznavour

Hinweise

Filmportal über „Die Blechtrommel“

Rotten Tomatoes über „Die Blechtrommel“

Wikipedia über „Die Blechtrommel“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Volker Schlöndorffs „Rückkehr nach Montauk“ (Deutschland 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Jan-Ole Gersters Irgendwie-Noir „Islands“

Mai 8, 2025

Noir sei, meinte vor Jahren ein Autor, als er nach einer Definition von Noir gefragt wurde, das Gegenteil von Disney. Mit dieser damals flott formulierten, insgesamt erstaunlich zutreffenden Definition im Gepäck ist Jan-Ole Gersters neuer Film „Islands“ ein Noir. Auch wenn es in dem Film für einen klassischen Noir erstaunlich wenig bis überhaupt keine Verbrechen, keine Betrügereien und auch keine sexuellen Verwicklungen gibt.

Aber Noir ist, wie Disney, ein Blick auf die Welt. Es ist eine Haltung, die Gersters Film von der ersten bis zur letzten Minute prägt.

Auf Fuerteventura arbeitet Tom (Sam Riley) seit längerem und ohne weitere Ambitionen als Tennislehrer in einem All-Inclusive-Hotel. Schon während der Arbeit trinkt er. Den Feierabend verbringt er in der Disco und anschließend geht der Samenspender gerne für einige Stunden mit jungen Inselbesucherinnen ins Bett. Flüchtiger Urlaubssex ohne weitere Verpflichtungen eben.

Eines Tages fragt ihn die im Hotel mit ihrem Mann und Sohn urlaubende Anne (Stacy Martin), ob er ihrem siebenjährigen Sohn Anton (Dylan Torrell) Einzelunterricht geben könne. Er tut es. Er bringt sie auch, nachdem Annes Mann Dave (Jack Farthing), ein ziemliches Arschloch, sich über das Zimmer beschwerte, in einem ruhigeren Zimmer unter. Und er zeigt ihnen die schönen, von Touristen noch nicht entdeckten Seiten der Insel.

Warum er sich so ungewöhnlich intensiv um diese Hotelgäste kümmert, bleibt lange unklar. Er wird auch immer mehr zu Annes und Antons potentiellem Beschützer gegenüber Dave.

Als Dave nach einer gemeinsamen Sauftour verschwindet, beginnt die Polizei den spurlos verschwundenen Urlauber zu suchen. Er könnte ins Wasser gefallen sein. Oder jemand stieß ihn ins Wasser. Ein vom Festland abgestellter Kommissar vermutet, dass Dave ermordet wurde. Tatverdächtig sind selbstverständlich Anne und Tom.

In diesem Moment sind schon gut achtzig Minuten des zweistündigen Films vergangen, in denen für Fans eines konventionellen Noir-Krimis in dem ein Mann sich in die falsche Frau verliebt, es zu Mord und Verrat kommt, wenig bis nichts passierte. Das ändert sich auch im letzten Drittel des Films nicht. Gerster will hier keine Erwartungen erfüllen. Er benutzt Noir-Motive und lässt anschließend die Erwartungen des Publikums an eine spannende Noir-Geschichte konsequent ins Leere laufen.

Als Thriller ist „Islands“, obwohl die Macher den Film im Presseheft mehrmals so labeln, bestenfalls ein Slow-Burner, der erst mit dem Auftauchen des Kommissars, der sofort einen Mordfall mit zwei auf dem Silbertablett präsentierten Tatverdächtigen vermutet, etwas spannender wird. Wirklich spannend wird es nicht.

Aber als Noir-Charakterstudie, in der jede Person in ihrem eigenen Gefängnis gefangen ist und sie nicht aus ihrem selbstgewählte Gefängnis entkommt, ist „Islands“ ziemlich interessant. Der ehemalige Tennisprofi Tom vegetiert seit Jahren nur noch als letztklassiger Tennislehrer für Hotelgäste vor sich hin. Seine Tage sind seit Ewigkeiten nur eine immergleiche Abfolge aus Tennisstunden, Trinken und flüchtigem Sex. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen kümmert er sich um eine das Hotel besuchende Familie. Seine Gefühle gegenüber Anne sind weniger sexuell, sondern freundschaftllich und vielleicht sogar etwas beschützend. Anne ist in einer gewalttätigen Ehe gefangen. Trotzdem bleibt sie bei ihrem Mann Dave, der ebenfalls in seinem Verhalten gefangen ist.

Am Ende ist alles beim Alten – der Urlaub ist vorüber und jeder geht zurück in sein gewohntes Leben“, sagt Jan-Ole Gerster über seinen dritten Spielfilm, der im Presseheft fälschlicherweise als Noir und Thriller verkauft wird. Denn dieses Labeling weckt Erwartungen, die Gerster in seiner deprimierenden Charakterstudie über Menschen, die in ihrem Leben gefangen sind und die im Kreis herumlaufen, nicht erfüllen will.

Das ist nicht uninteressant, durchaus gut gemacht und gut gespielt. Trotzdem ist „Islands“ mit zwei Stunden als langsam erzählter Soft Noir ohne Verbrechen zu lang. Gerster hätte sich besser an der Länge seiner vorherigen und gelungeneren Charakterstudien „Oh Boy“ (83 Minuten) und „Lara“ (98 Minuten) orientieren sollen. Oder an Billy Wilders 99-minütiger Noir-Trinkerstudie „Das verlorene Wochenende“ (The lost Weekend, USA 1945).

Islands“ ist für den Deutschen Filmpreis, der am Freitag verliehen wird, in den Kategorien „Bester Film“, „Beste männliche Hauptrolle“, „Beste Filmmusik“ und „Beste Tongestaltung“ nominiert.

Islands (Deutschland 2025)

Regie: Jan-Ole Gerster

Drehbuch: Jan-Ole Gerster, Blaž Kutin, Lawrie Doran (nach einer Geschichte von Jan-Ole Gerster)

mit Sam Riley, Stacy Martin, Jack Farthing, Dylan Torrell, Pep Ambròs, Bruna Cusí, Ramiro Blas, Ahmed Boulane

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Islands“

Moviepilot über „Islands“

Rotten Tomatoes über „Islands“

Wikipedia über „Islands“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Islands“

Meine Besprechung von Jan-Ole Gersters „Lara“ (Deutschland 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: „Shadow Force – Die letzte Mission“, hoffentlich

Mai 8, 2025

Mami und Papi waren mal supergeheime und supergefährliche Geheimagenten. Seit einigen Jahren kümmern sie sich unter einer Tarnidentität um ihren Sohn. Als der Vater mit dem Sohn in einen Banküberfall gerät, wählt er keine der vernünftigen Optionen, wie einfach den Anweisungen der Bankräuber zu folgen und der Polizei die Arbeit zu überlassen. Stattdessen macht er die Bankräuber in einer schnellen Action mehr oder weniger endgültig kampfunfähig. Selbstverständlich wird diese Aktion von den Überwachungskameras aufgezeichnet und, schwuppdiwupp, erfährt der frühere Chef von Isaac Sarr (Omar Sy) und Kyrah Owens (Kerry Washington) davon. Sie gehörten zur von Jack Cinder (Mark Strong) gegründeten Shadow Force, einer multinationalen, ultrageheimen Gruppe, die Bösewichter tötet. Kyrah und Isaac verstießen gegen die Regeln der Shadwo Force, indem sie sich ineinander verliebten, ein Kind bekamen und untertauchten. Cinder will diese vor Jahren erfolgte Fahnenflucht nicht akzeptieren. Er gibt den verbliebenen Shadow-Force-Mitglieder den Befehl, die Flüchtigen zu jagen und zu töten.

Irgendeinen Innovationspokal wird „Shadow Force – Die letzte Mission“ nicht erhalten. Es ist eine Actionkomödie mit einer vorhersehbaren, bescheuerten und sogar innerhalb der Grenzen der Filmgeschichte vollkommen sinnfreien Geschichte. Die Schauspieler, immerhin Hochkaräter, wie Kerry Washington, Omar Sy und Mark Strong (der diese Rolle schon unzählige Male spielte, aber noch nie so lustlos spielte), haben keinerlei spürbare Chemie miteinander. Es wirkt sowieso die meiste Zeit so, als hätten sie ihre Aufnahmen immer an verschiedenen Tagen gemacht. Die Action ist läppisch. Dafür sind die Drehorte in Kolumbien halbwegs exotisch.

Joe Carnahan, der Regisseur von „Narc“, „The A-Team“, „The Grey“ und „Boss Level“, macht hier nicht mehr als die Kamera an den richtigen Platz zu stellen und die Schauspieler durch das Bild laufen zu lassen.

Bei den Beteiligten hätte „Shadow Force – Die letzte Mission“ besser werden müssen. Vielleicht kein zukünftiger Klassiker, aber es hätte mindestens eine knackige Actionkomödie mit krachiger Actiion, launigen One-Linern und einem spielfreudigen Ensemble werden müssen. Herausgekommen ist generische Direct-to-Video/Streaming-Langeweile, die man sich höchstens ansieht, weil man gerade die Fernbedienung nicht findet.

Shadow Force – Die letzte Mission (Shadow Force, USA 2025)

Regie: Joe Carnahan

Drehbuch: Leon Chills, Joe Carnahan

mit Kerry Washington, Omar Sy, Jahleel Kamara, Da’Vine Joy Randolph, Method Man, Mark Strong, Marshall Cook, Ed Quinn, Marvin Jones III, Jénel Steven, Sala Baker, Natalia Reyes, Yoson An

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Shadow Force“

Metacritic über „Shadow Force“

Rotten Tomatoes über „Shadow Force“

Wikipedia über „Shadow Force“

Meine Besprechung von Joe Carnahans “The Grey – Unter Wölfen” (The Grey, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: Dag Johan Haugeruds Berlinale-Gewinner „Oslo Stories: Träume“

Mai 8, 2025

Heute startet Dag Johan Haugeruds Berlinale-Gewinner „Oslo Stories: Träume“ und ich reposte meine Gesamtbesprechung seiner „Oslo Stories„, die aus drei lose miteinander verknüpften Filmen besteht:

Das ist der Vorteil von Kinostartterminen. Im Gegensatz zu zeitlich und örtlich auseinanderliegenden Festivals können sie dicht beieinander liegen. Dag Johan Haugeruds drei „Oslo Stories“ liefen 2024 auf der Berlinale im Panorama („Sehnsucht“), einige Monate später in Venedig im Wettbewerb („Liebe“), und, zuletzt, im Februar 2025, auf der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb. „Träume“ erhielt sogar den Goldenen Bären, den Hauptpreis des Festivals. Der Bären-Gewinner läuft am 8. Mai und „Sehnsucht“ am 22. Mai an.

Den Auftakt macht diese Woche „Liebe“, der für mich gelungenste Film der Trilogie, die ich jetzt zusammen besprechen werde und bei den Kinostarts von „Träume“ und „Sehnsucht“ in, so plane ich es im Moment, leicht veränderter Form reposten werde.

„Liebe“ ist der erzählerisch offenste Film der Trilogie und der Film mit dem größten Ensemble und den meisten Handlungssträngen, die locker miteinander verflochten sind. Es geht um den in einem Krankenhaus arbeitenden sanften und verständnisvollen Pfleger Tor, der Nachts auf der Suche nach flüchtigem Sex mit Männern mit der Fähre von einem Ufer zum anderen und zurück fährt. Es geht um die im gleichen Krankenhaus arbeitende Ärztin Marianne. Sie lebt ebenfalls allein und würde gerne ihre sexuellen Bedürfnisse ausleben. Eines Nachts trifft sie Tor auf der Fähre und redet mit ihm über ihre Gefühle und Sehnsüchte. Es geht um Mariannes beste Freundin Heidi, die für eine Stadtfeier gerne die überall in der Stadt sichtbaren Skulpturen und Fresken in einem feministischen und sexuellem Zusammenhang interpretieren würde. Wie das aussehen könnte, erklärt sie am Filmanfang im Rahmen einer ziemlich schrägen Stadtführung.

Sie alle sind Großstädter auf der Suche nach Liebe. Und, soviel kann verraten werden, sie finden sie auf überraschende Weise.

In „Träume“ geht es um die minderjährige Schülerin Johanne, die sich in ihre Lehrerin verliebt. Sie schreibt darüber und gibt ihrer Großmutter ihre Texte zum Lesen. Die früher erfolgreiche Schriftstellerin ist begeistert von der Qualität von Johannes tabulosen Texten. Sie regt eine Veröffentlichung an. Johannes Mutter ist von den literarischen Geständnissen ihrer Tochter weniger begeistert.

„Sehnsucht“ kreist um zwei heterosexuelle, glücklich verheiratete Schornsteinfeger. Aber dann träumt der eine davon, in seinen Träumen David Bowie zu begegnen und der Musiker ihn ansieht, als ob er eine Frau sei. Er ist von diesem Traum und Bowies Reaktion auf ihn verunsichert. Sein im Film ebenfalls namenloser Kollege erzählt ihm von einer kürzlich erfolgten Begegnung. Nachdem er bei einem schwulen Mann den Schornstein kontrolliert hatte, hatte er Sex mit ihm. Es gefiel ihm. Aber er besteht darauf, dass er nicht homosexuell sei oder seine Frau betrogen habe.

Nach diesen gegenseitigen Geständnissen könnten die Sachen erledigt sein. Aber beide Männer denken weiter darüber nach, reden darüber und erzählen es ihren Frauen, was zu weiteren Gesprächen führt.

Regisseur und Autor Dag Johan Haugerud fasste die drei Filme, die voneinander unabhängige Geschichten mit verschiedenen Schauspielern erzählen, unter dem Titel „Oslo Stories“ zusammen.

Diese Vorgehensweise erinnert an Eric Rohmer, der seine Filme in Zyklen wie „Moralische Erzählungen“ und „Komödien und Sprichwörter“ zusammenfasste und so ein schönes Gleichgewicht zwischen Offenheit und Geschlossenheit schuf. Jeder Film stand gleichzeitig für sich und war Teil von etwas Größerem.

Der Zusammenhang zwischen den „Oslo Stories“ ergibt aus dem Handlungsort, der von Haugerud verwendeten Sprache, der Inszenierung und dem Thema. Alle drei Filme beschäftigen sich, wie die Filme von Eric Rohmer, mit unterschiedlichen Formen von Liebe, Begehren und dem Verhältnis der Geschlechter zueinander. Alle drei Filme spielen in der Gegenwart.

Die Inszenierung ist spartanisch. Haugerud inszenierte die Gespräche und Gedanken seiner Figuren in langen, oft statischen Szenen, in denen die Schauspieler unglaubliche Textmengen ohne erkennbare äußere Regungen und mit wenigen Bewegungen vortragen. Im Mittelpunkt der drei Filme steht eindeutig das gesprochene Wort, das immer wie ein sorgfältig aufgeschriebenes Wort klingt.

Insofern sind alle „Oslo Stories“ verfilmte Literatur. „Träume“ und „Sehnsucht“ mehr, „ Liebe“ weniger.

„Liebe“ ist, so Haugerud, der Abschluss der Trilogie. „Sehnsucht“ ist der erste und „Träume“ der zweite Teil. Die internationalen Premieren auf Filmfestivals folgten einer anderen Reihenfolge. Die deutschen Kinostart drehen die Chronologie einfach um, indem der Abschluss der Trilogie zuerst und der Beginn der Trilogie zuletzt startet. Aber letztendlich ist die Reihenfolge egal.

„Liebe“ ist der am meisten an Rohmer und redselige, sexuell offene französische Beziehungsfilme erinnernde Film der „Oslo Stories“. Es geht um mehrere eher jüngere Menschen, die auf der Suche nach Liebe und Sex sind.

Der Berlinale-Gewinner „Träume“ ist der anspruchsvollste und literarischste Film der Trilogie. Eigentlich handelt es sich um ein auf mehreren Zeit- und damit verbundenen Interpretationsebenen spielendes Gedankenspiel über Begehren, Tabubrüche, ihre literarische Verarbeitung und wie diese Verarbeitung von anderen Menschen aufgenommen wird. Intellektuell ist das interessant, aber keine dieser nur auf dem Papier existierenden Figuren interessierte mich.

„Sehnsucht“ ist letztendlich ein Zwei-Personenstück über zwei in ihrer Sexualität verunsicherte Männer, die stundenlang darüber reden. Auch diesem Film fehlt die französische Leichtigkeit von „Liebe“. Dafür ist es der queerste Film der Trilogie, in dem die beiden Protagonisten ständig betonen, dass sie das nicht sind.

Haugerud schuf drei sehenswerte Filme, die eher bebilderte Hörspiele sind. Falls man die „Oslo Stories“ im Original mit Untertiteln sieht, muss man jeweils zwei Stunden ununterbrochen Untertitel lesen und sich dabei möglichst wenig von den Bildern und Geräuschen stören lassen. Insofern rate ich in diesem Fall zur mir unbekannten synchronisierten Fassung.

Oslo Stories: Träume (Drømmer, Norwegen 2024)

Regie: Dag Johan Haugerud

Drehbuch: Dag Johan Haugerud

mit Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Kinostart: 8. Mai 2025

Oslo Stories: Liebe (Kjærlighet, Norwegen 2024)

Regie: Dag Johan Haugerud

Drehbuch: Dag Johan Haugerud

mit Andrea Bræin Hovig, Tayo Cittadella Jacobsen, Thomas Gullestad, Lars Jacob Holm, Marte Engebrigtsen

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Kinostart: 17. April 2025

Oslo Stories: Sehnsucht (Sex, Norwegen, 2024)

Regie: Dag Johan Haugerud

Drehbuch: Dag Johan Haugerud

mit Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, Birgitte Larsen, Theo Dahl

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Kinostart: 22. Mai 2025

Hinweise

Deutsche Homepage zur Trilogie

Moviepilot über „Liebe“, „Träume“ und „Sehnsucht“

Metacritic über „Liebe“ und „Sehnsucht“

Rotten Tomatoes über „Liebe“, „Träume“ und „Sehnsucht“

Wikipedia über „Liebe“ (deutsch, englisch, norwegisch), „Träume“ (deutsch, englisch, norwegisch) und „Sehnsucht“ (deutsch, englisch, norwegisch)


TV-Tipp für den 8. Mai: Das Urteil von Nürnberg

Mai 7, 2025

Arte, 20.15

Das Urteil von Nürnberg (Judgment at Nuremberg, USA 1961)

Regie: Stanley Kramer

Drehbuch: Abby Mann

LV: Abby Mann: Judgment at Nuremberg, 1959 (in Playhouse 90)

Drei Stunden Geschichtsunterricht: Stanley Kramers Gerichtsfilm über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse.

Ein Klassiker des Gerichtsfilms mit hervorragenden Darstellern und perfekter Dramaturgie.“ (Lexikon des Internationalen Films)

mit Spencer Tracy, Burt Lancaster, Richard Widmark, Marlene Dietrich, Maximilian Schell, Judy Garland, Montgomery Clift, William Shatner, Edward Binns, Kenneth MacKenna

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Das Urteil von Nürnberg“

Wikipedia über „Das Urteil von Nürnberg“ (deutsch, englisch)


DVD-Kritik/Filmkritik: Nicolas Cage hat „The Retirement Plan“

Mai 7, 2025

Seit zehn Jahren haben Matt (Nicolas Cage) und seine Tochter Ashley keinen Kontakt mehr. Er war, wie er unumwunden zugibt, ein schlechter Vater, der ständig im Ausland war und nicht über seine Arbeit sprach. Als seine fast zwölfjährige, naseweise Enkeltochter Sarah bei auf den Cayman Inseln am Strand auftaucht, erkennt er sie selbstverständlich zunächst nicht. Und schnell, als zwei Schläger bei ihm auftauchen und nach ihr und einem USB-Stick suchen, erfährt er, dass Ashley und ihr Mann tief in der Klemme stecken. Denn er stahl von einem Gangstersyndikat einen USB-Stick mit wichtigen Informationen. Die ursprünglichen Besitzer wollen ihn wieder haben. Eine US-Strafverfolgungsbehörde will ihn ebenfalls unbedingt haben. Und schon ist die Hölle los auf der Insel.

Zum Glück verfügt Matt als ehemaliger CIA-Killer über ‚besondere Fähigkeiten, die den Bösewichtern das Leben zur Hölle machen.

The Retirement Plan“ ist ein launig-okayer vor Ort gedrehter Action-Thriller mit überschaubarer Action, einigen Lachern und einer weitgehend vorhersehbaren Handlung. Das ist die Art von Thrillern, die in den siebziger Jahren als wertig produzierter „Film der Woche“ im US-Fernsehen liefen.

Als Bonusmaterial gibt es ein knapp zwanzigminütiges, primär werbliches „Making of“.

The Retirement Plan (The Retirement Plan, USA 2023)

Regie: Tim Brown

Drehbuch: Tim Brown

mit Nicolas Cage, Ron Perlman, Ashley Greene Khoury, Jackie Earle Haley, Joel David Moore, Grace Byers, Ernie Hudson, Rick Fox, Lynn Whitfield, Thalia Campbell

DVD

Leonine Studios

Bild: 2,00:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Making of, Trailer

Länge: 99 Minuten

FSK. ab 16 Jahre

Blu-ray identisch. Außerdem digital erhältlich.

Hinweise

Moviepilot über „The Retirement Plan“

Metacritic über „The Retirement Plan“

Rotten Tomatoes über „The Retirement Plan“

Wikipedia über „The Retirement Plan“


TV-Tipp für den 7. Mai: King Kong, Monster und Mythos

Mai 6, 2025

Arte, 22.05

King Kong, Monster und Mythos (Frankreich 2024)

Regie: Laurent Herbiet

Drehbuch: Laurent Herbiet

Brandneue einstündige Doku über „King Kong und die weiße Frau“, seine Entstehung und seinen Einfluss auf das Genre.

Hinweise

Arte über die Doku (bis zum 9. 12. 2025 in der Mediathek)

Wikipedia über „King Kong“ (deutsch, englisch)

Filmsite über “King Kong”

The Stop Button über “King Kong”

 


Cover der Woche

Mai 6, 2025

Die Hardcover-Ausgabe


TV-Tipp für den 6. Mai: Auslöschung

Mai 5, 2025

Tele 5, 22.25

Auslöschung (Annihilation, USA 2018)

Regie: Alex Garland

Drehbuch: Alex Garland

LV: Jeff VanderMeer: Annihilation, 2014 (Auslösung)

Seit drei Jahren verhält sich im Süden der USA die Natur in einem Gebiet seltsam. Bisherige Expeditionen in das Gebiet verschwanden spurlos. Jetzt schickt die das Gebiet überwachende Regierungsorganisation „Southern Reach“ eine aus fünf Wissenschaftlerinnen bestehende Expedition los.

TV-Premiere. Fantastischer Science-Fiction-Film, der eindeutig für das Kino inszeniert wurde und von den Produzenten schon vor einer Kinoauswertung bei Netflix versenkt wurde.

Auslöschung“ ist ein zum Nachdenken anregender, rätselhafter Science-Fiction-Film mit wunderschön-beängstigenden Bildern eines Südstaaten-Urwalds, der sich die von Menschen gebauten Wege und Häuser zurückerobert und in dem die Expeditionsteilnehmerinnen auf Pflanzen treffen, die wie Menschen aussehen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Davor, um 20.15 Uhr, und danach, um 00.50 Uhr, zeigt Tele 5 Garlands ebenfalls sehenswerters Regiedebüt „Ex Machina“.

mit Natalie Portman, Jennifer Jason Leigh, Gina Rodriguez, Tessa Thompson, Tuva Novotny, Oscar Isaac, Benedict Wong, Sonoya Mizuno, David Gyasi, John Schwab

Wiederholung: Freitag, 9. Mai, 23.50 Uhr

Die Vorlage

Jeff VanderMeer: Auslöschung – Southern-Reach-Trilogie I

(übersetzt von Michael Kellner)

Knaur, 2017

240 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Annihilation

Farrar, Straus & Giroux, New York, 2014

Deutsche Erstausgabe

Verlag Antje Kunstmann, 2014

Hinweise

Homepage von Jeff VanderMeer

Perlentaucher über Jeff VanderMeer

Moviepilot über „Auslöschung“

Metacritic über „Auslöschung“

Rotten Tomatoes über „Auslöschung“

Wikipedia über Jeff VanderMeer (deutsch, englisch), die Southern-Reach-Trilogie und die Verfilmung (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jeff VanderMeers „Auslöschung – Southern-Reach-Trilogie I“ (Annihilation, 2014)

Meine Besprechung von Alex Garlands „Ex Machina“ (Ex Machina, USA/Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Alex Garlands Jeff-VanderMeer-Verfilmung „Auslöschung“ (Annihilation, USA 2018)

Meine Besprechung von Alex Garlands „Men – Was dich sucht, wird dich finden“ (Men, Großbritannien 2022)

Meine Besprechung von Alex Garlands „Civil War“ (Civil War, USA 2024)

Meine Besprechung von Alex Garland/Ray Mendozas „Warfare“ (Warfare, USA/Großbritannien 2025)


TV-Tipp für den 5. Mai: Buffalo Bill und die Indianer

Mai 4, 2025

Arte, 22.30

Buffalo Bill und die Indianer (Buffalo Bill and the Indians, or Sitting Bull’s History Lesson, USA 1976)

Regie: Robert Altman

Drehbuch: Alan Rudolph, Robert Altman

LV: Arthur Kopit: Indians, 1969 (Indianer, Theaterstück)

1880: Die Wildwest-Show von Buffalo Bill läuft nicht mehr. Deshalb holt Buffalo Bill den Sioux-Häuptling Sitting Bull ins Boot. Doch der Indianer ist an historischer Wahrheit und nicht an blinder Heldenverehrung für Buffalo Bill interessiert.

Altman demontiert in seinem im Fernsehen seltenst gezeigtem Western den Nationalmythos von der heroischen Erschließung des Wilden Westens als eine eitle Lüge.

„Hätte er für ‚Buffalo Bill’ eine andere Form gefunden als die einer überquellenden Fülle von Genrebildern, die zu oft an die historischen Western-Maler erinnert, hätte er auf allzu bequeme Wiederholungen ähnlicher kabarettistischer Einfälle verzichtet und eine so konzentrierte Erzählstruktur entwickelt wie bei ‚Nashville’, so hätte dieser Film sein vielleicht wichtigster überhaupt werden können und weit mehr als ‚nur’ sarkastisch, kluges und krudes Kabarett.“ (Hans Günther Pflaum in „Robert Altman“, Hanser Reihe Film 25)

„Buffalo Bill ist der erste Western, der bei einem A-Festival einen 1. Preis gewann (Goldener Bär der Berlinale 1976). Kommerziell war der Film ein katastrophaler Misserfolg.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon) Schließlich waren die Amis damals gerade mit ihren Zweihundert-Jahr-Feiern beschäftigt.

Davor, um 20.15 Uhr, zeigt Arte den ebenfalls sehenswerten, öfter im Fernsehen laufenden Western „Little Big Man“.

Mit Paul Newman, Burt Lancaster, Joel Grey, Kevin McCarthy, Harvey Keitel, Geraldine Chaplin, Shelley Duvall, E. L. Doctorow, Arthur Kopit

Hinweise:

Rotten Tomatoes über „Buffalo Bill und die Indianer“

Wikipedia über „Buffalo Bill und die Indianer“ (deutsch, englisch)

Don Shewey: Arthur Kopit – A life on Broadway

Meine Besprechung von Ron Manns Doku „Altman“ (Altman, Kanada 2014)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“ und Michael Lockshins Verfilmung

Mai 4, 2025

Im Buch besucht der Teufel in den dreißiger Jahren Moskau. In Michael Lockshins in Russland an der Kinokasse erfolgreichen Verfilmung ist das nicht so.

In Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“, einem Kultbuch, das er von 1928 bis zu seinem Tod 1940 schrieb und dasin der Sowjetunion erstmals, in einer radikal gekürzten Fassung 1966 veröffentlicht und schnell in Lesezirkeln, mit den gekürzten Teilen, zu einem Erfolg wurde, besucht der Teufel Moskau und sorgt für eine ordentliche Portion Chaos. So tritt er als Woland, Professor für Schwarze Magie, in einer Varietéshow auf und beglückt die Anwesenden mit Zehn-Rubel-Geldscheinen, Begleitet wird er unter anderem von dem riesigen menschenähnlichem Kater Begemot. Der titelgebende Meister ist ein Schriftsteller, der einen Roman über Pontius Pilatus schreibt. Margarita ist seine Muse und eine Hexe, die nackt auf einem Besen durch die Nacht reitet und in der Wohnung Nr. 50, die viele verschiedene Mieter hat, einen Zeit und Raum sprengenden Ball mit ihr als Stargast besucht. Und ein Schrifsteller rutscht, wie Woland es vorhersagte, auf einer Lache aus Sonnenblumenöl aus und wird von einer Straßenbahn enthauptet.

Das alles gibt es auch in Michael Lockshins Verfilmung des Romans. Aber er erzählt diese Ereignisse nicht in der Chronologie des Romans, er variiert sie auch – so reitet Margarita auch im Film nackt durch die Nacht, aber sie ist unsichtbar, die Wohnung Nr. 50 ist weniger präsent und Wolands Magiershow konzentriert sich auf seinen sehr pompösen Auftritt – und er erfindet neue Szenen dazu.

Er erfindet eine Rahmenhandlung, in der der Meister in einer Irrenanstalt ein Buch schreibt, das wir dann sehen und wir sehen, wie er ein anderes Buch schreibt und sich mit Margarita darüber unterhält, und wir sehen die vom Meister aufgeschriebene Pilatus-Geschichte. Durch diese Rahmung wird die Filmgeschichte eindeutig in der Fantasie des Autors verortet. Während in Bulgakows Roman der Teufel Moskau besucht, ist in Lockshins Film der Teufel eine nur im Kopf des Meisters existierende Figur, mit der er sich literarisch an Widersachern rächt.

Und er fügt immer wieder Bezüge zur Gegenwart ein. Sein Dreißiger-Jahre-Moskau ist ein retrofuturistisches Moskau, das immer auch ein Bild des heutigen Moskaus ist. Damals herrschte Stalin, heute Putin. Der Name des Dikators änderte sich, aber nicht die Methoden seiner Herrschaftsausübung.

Lockshins satirische Komödie „Der Meister und Margarita“ist zugleich sich Freiheiten nehmende Romanverfilmung und Making of zu dem Roman.

Die Geschichte inszenierte er als in einer Steampunk-Welt spielende Mischung aus Trash und Hochkultur. Es gibt literarische und filmische Anspielungen und Exzesse. Es gibt auch eine CGI-Fantasywelt, die wir so ähnlich aus anderen russischen Filmen kennen.

Dieser Stil und die guten Schauspieler (August Diehl als Teufel ist köstlich!) gefallen. Weniger gefällt, dass Lockshins Verfilmung schnell zu einer Reihe unzusammenhängender, gut aussehender, mal mehr, mal weniger gelungener, für sich stehender, oft in verschiedenen imaginierten Welten spielenden Episoden wird. Und mit knapp drei Stunden ist seine episodische, oft vor sich hin mäandernde Schwarze Komödie zu lang geraden.

Der Roman hat mit dem gleichen Problem zu kämpfen. Nach einer ziemlich gelungenen ersten Hälfte folgt eine unglaublich zähe zweite Hälfte. Im ersten Teil geht es um die Taten des Teufels und die Auswirkungen seiner Taten. Im zweiten Teil, der knapp die Hälfte des Buchs umfasst, geht es um Margarita, die als Hexe durch die Nacht reitet und eine Party besucht.

Die in dem Roman vorhandene Systemkritik, die den Erfolg des Romans in der Sowjetunion begründete, ist aus westlicher und heutiger Perspektive ohne Hintergrundwissen kaum nachvollziehbar. Im Film ist diese Kritik an totalitären Systemen deutlicher.

In Russland war der zu den teuersten russischen Filmen zählende Film ein Kassenerfolg. Sechs Millionen zahlende Besucher sahen sich im Kino das systemkritische Werk an. Aktuell ist Lockshins Verfilmung der finanziell erfolgreichste R-Ratet-Film der russischen Kinogeschichte und einer der zehn erfolgreichsten Kinofilme Russland.

Der Meister und Margarita (Master i Margarita, Russland/Kroatien 2024)

Regie: Michael Lockshin

Drehbuch: Michael Lockshin, Roman Kantor

LV: Michail Bulgakow: Master i Margarita, 1966 (Der Meister und Margarita)

Mit August Diehl, Julia Snigir, Jewgeni Zyganow, Polina Aug, Claes Bang, Juri Kolokolnikow, Alexei Rosin, Dmitri Lysenkow, Alexei Guskow, Jewgeni Knjasew, Danil Steklow, Alexander Jazenkow

Länge: 156 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita

(übersetzt von Alexandra Berlina)

Anaconda, 2020/2024

576 Seiten

7,95 Euro

Diese Übersetzung ist auch in einer illustrierten Schmuckausgabe, die 18 Euro kostet, erhältlich. Wer also ein Geschenk sucht.

Originalausgabe

Master i Margarita

Erste Veröffentlichung ab November 1966 als Fortsetzungsroman in einer um ein Achtel gekürzten Fassung in der Literaturzeitschrift Moskwa

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Der Meister und Margarita“

Rotten Tomatoes über „Der Meister und Margarita“

Wikipedia über „Der Meister und Margarita“ (Film: deutsch, englisch; Roman: deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 4. Mai: Die Verlegerin

Mai 3, 2025

Arte, 20.15

Die Verlegerin (The Post, USA 2017)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Liz Hannah, Josh Singer

Die Washington Post vor Watergate: Trauen sich Verlegerin Kay Graham und ihr Chefredakteur Ben Bradlee die Pentagon Papiere, die geheime Informationen über den Vietnamkrieg enthalten, zu veröffentlichen?

Starkes, auf historischen Fakten beruhendes Drama.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Anschließend zeigt Arte um 22.05 Uhr die brandneue Doku „Steven Spielberg, Hollywoods ewiges Wunderkind“ (Frankreich 2024), und danach die ebenfalls brandneue, ebenfalls 55-minütige Doku „Der weiße Hai – Kultfilm mit Biss“ (Frankreich 2024).

mit Meryl Streep, Tom Hanks, Sarah Paulson, Bob Odenkirk, Tracy Lettts, Bradley Whitford, Bruce Greenwood, Matthew Rhys, Alison Brie, Michael Stuhlbarg

Hinweise

Moviepilot über „Die Verlegerin“

Metacritic über „Die Verlegerin“

Rotten Tomatoes über „Die Verlegerin“

Wikipedia über „Die Verlegerin“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Die Verlegerin“

Tagespiegel über Katharine Graham

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (The Post, USA 2017)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Ready Player One“ (Ready Player One, USA 2018)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „West Side Story“ (West Side Story, USA 2021)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Fabelmans“ (The Fabelmans, USA 2022)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


Die Krimibestenliste Mai 2025

Mai 3, 2025

Neuer Monat, neue Krimibestenliste, wie gewohnt präsentiert von Deutschlandfunk Kultur:

1 (–) Uketsu: HEN NA E – Seltsame Bilder

Aus dem Japanischen von Heike Patzschke

Lübbe, 271 Seiten, 24 Euro

2 (2) Liz Moore: Der Gott des Waldes

Aus dem Englischen von Cornelius Hartz

C. H. Beck, 590 Seiten, 26 Euro

3 (5) Frank Göhre: Sizilianische Nacht

CulturBooks, 162 Seiten, 17 Euro

4 (4) Dirk Schmidt: Die Kurve

Suhrkamp, 275 Seiten, 17 Euro

5 (–) Tom Hillenbrand: Thanatopia

Kiepenheuer & Witsch, 380 Seiten, 18 Euro

6 (–) Dolores Redondo: Wenn das Wasser steigt

Aus dem Spanischen von Anja Rüdiger

btb, 556 Seiten, 17 Euro

7 (–) Candice Fox: Devil’s Kitchen

Aus dem Englischen von Andrea O’Brien

Suhrkamp, 432 Seiten, 18 Euro

8 (–) Leye Adenle: Spur des Geldes

Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer

InterKontinental, 370 Seiten, 24,50 Euro

9 (–) Susanne Kaiser: Riot Girl

Wunderlich, 413 Seiten, 24 Euro

10 (–) Jérôme Leroy: Die letzte Französin

Aus dem Französischen von Cornelia Wend

Edition Nautilus, 101 Seiten, 16 Euro

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Viel Stoff, den du beim Dealer deines Vertrauens bestellt und anschließend auf einer Parkbank genossen werden kann.


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Musikdoku „Einfach machen! She-Punks von 1977 bis heute“

Mai 3, 2025

Der Untertitel „She-Punks von 1977 bis heute“ ist schon etwas irreführend. Denn Reto Caduff erzählt in seinem Dokumentarfilm „Einfach machen!“ nicht die Geschichte von fast fünfzig Jahren Frauen in der Punkmusik. Er versucht es noch nicht einmal. Er erzählt die Geschichte von drei Frauenpunkbands damals und heute. Es handelt sich um Östro 430 (aus Düsseldorf), Mania D, die sich in Malaria! umbenannten (West-Berlin) und Kleenex, die später zu LiLiput wurde (Zürich). Sie waren Exotinnen. Denn damals war die Rockmusik in ihrer gesamten Breite männlich dominiert. Aber sie wollten endlich einen Platz auf der Bühne haben und sich dabei, dem revolutionären Zeitgeist folgend, von Männern nicht mehr vorschreiben lassen, was sie zu tun hatten. Sie wollten über die Dinge singen, die sie interessierten. Diesen Raum nahmen sie sich. Die in „Einfach machen!“ porträtierten Bands und einige andere Musikerinnen ebneten den Weg für weitere Frauenrockbands.

In den folgenden Jahren kam es in den drei im Film porträtierten Bands zu der üblichen Abfolge von Auflösungen, Weiterarbeit in verschiedenen anderen Konstellationen und Reunions. Einige der Musikerinnen zogen sich auch über viele Jahre aus dem Musikgeschäft zurück und zogen Kinder groß. Heute stehen sie als Musikerinnen wieder auf der Bühne.

Für seine Doku unterhielt Caduff sich mit den Musikerinnen. Anschließend schnitt er die Interviews mit historischen und aktuellen Aufnahmen und Liveaufnahmen zu einem netten Porträt über drei Frauenpunkbands.

Das ist kurzweilig und informativ ohne jemals zu sehr in die Tiefe zu gehen. Das gilt vor allem für den viel zu kurz geratenen Rückblick in die siebziger Jahre, als E-Gitarre spielende Frauen noch Exotinnen waren. Und natürlich ist „Einfach machen!“ keine Geschichte von fünfzig Jahren Frauen in der Punkmusik.

Trotzdem ist Caduffs Doku für Musikfans sehenswert. Und Musikerinnen, die überlegen, ob sie auf der Bühne ein Instrument spielen können, können sich an das Motto aller Punkmusiker*innen halten: „Einfach machen!“

Einfach machen! She-Punks von 1977 bis heute (Deutschland/Schweiz 2024)

Regie: Reto Caduff

Drehbuch: Christine Franz

mit Beate Bartel, Sandy Black, Bettina Flörchinger, Gudrun Gut, Christine Hahn, Carmen Knoebel, Bettina Köster, Madlaina Peer, Anja Peterssen, Elisabeth Recker, Sara Schär, Klaudia Schifferle, Martina Weith

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Einfach machen! She-Punks von 1977 bis heute“

Moviepilot über „Einfach machen! She-Punks von 1977 bis heute“

 


TV-Tipp für den 3. Mai: Spiel mir das Lied vom Tod

Mai 2, 2025

One, 20.15

Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il west, Italien/USA 1968)

Regie: Sergio Leone

Drehbuch: Sergio Leone, Sergio Donati (nach einer Geschichte von Dario Argento, Bernardo Bertulucci und Sergio Leone)

Die Story – Killer Frank will für die Eisenbahn an das Land der Exhure Jill gelangen, während ‚Mundharmonika‘ ihm einen Strich durch die Rechnung macht – ist eher Nebensache gegenüber den von Ennio Morricone untermalten Bildern von Tonino Delli Colli.

Ein Western-Klassiker, der eigentlich auf die große Leinwand gehört.

mit Charles Bronson, Henry Fonda, Claudia Cardinale, Jason Robards, Frank Wolff, Gabriele Ferzetti, Keenan Wynn, Lionel Stander, Jack Elam, Woody Strode

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Spiel mir das Lied vom Tod“

Wikipedia über „Spiel mir das Lied vom Tod“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Rust – Legende des Westens“, der Western, für den eine Frau starb

Mai 2, 2025

Ganz kommen wir um die tragische Entstehungsgeschichte von Joel Souzas Western „Rust – Legende des Westens“ nicht herum. Denn sie ist der Grund, warum der Western nach einer Unterbrechung fertig gedreht wurde und jetzt sogar im Kino läuft.

Bei den ursprünglichen Dreharbeiteten erschoss Hauptdarsteller Alec Baldwin am 21. Oktober 2021 am zwölften Drehtag Kamerafrau Halyna Hutchins. Entgegen den Sicherheitsbestimmungen war der Revolver mit scharfer Munition geladen. Baldwin sollte den Revolver auf die Kamera richten und abdrücken. Das tat er. Hutchins starb. Souza wurde von der gleichen Kugel verletzt.

Danach wurden die Dreharbeiten zuerst unter-, später abgebrochen. In den folgenden Tagen wurde mehr über die chaotischen Dreharbeiten bekannt. Unter anderem gab es mehrere Klagen und Kündigungen von Crewmitgliedern wegen der Nichtbefolgung von Sicherheitsvorschriften, die solche tödlichen Unfälle verhindern sollten. Es kam zu Gerichtsverfahren, Urteilen und außergerichtlichen Einigungen.

Am 20. April 2023 wurden die Dreharbeiten fortgesetzt. Teils mit anderen Schauspielern und Crewmitgliedern. Regisseur Souza sagte, er wolle möglichst viel von Halyna Hutchins gedrehtem Material verwenden. Wie viele von Hutchins gemachten Aufnahmen jetzt in „Rust – Legende des Westens“ verwendet wurden, ist unklar. Es ist auch unklar, wie umfangreich der Nachdreh, der am 22. Mai 2023 endete, war.

Am Ende des Abspanns wird gesagt, dass alle Einnahmen aus dem Film der Familie von Halyna Hutchins zugute kommen sollen.

Wer mehr über den tödlichen Unfall lesen will, findet auf der deutschen und der englischen Wikipedia-Seite umfangreiche Informationen dazu.

Ob man die Fertigstellung und kommerzielle Verwertung das Films als eine ablehnenswerte Pietätlosigkeit oder als eine letzte Ehrerbietung gegenüber der Toten wertet, liegt im Auge des Betrachters. Das ändert nichts daran, dass in der Vergangenheit auch nach tödlichen Unglücken die Filme nach mehr oder weniger kurzer Zeit ins Kino kamen. Bei „The Crow“ (dem Original, nicht dem schon jetzt vergessenem Remake) war der Tod von Hauptdarsteller Brandon Lee, ebenfalls mit einer scharfen Schusswaffe während der Dreharbeiten, das Marketing-Tool um den Fantasy-Horrorfilm, auch wegen der Filmgeschichte und der Inszenierung, zu einem Kultfilm zu machen.

Im Fall von „Rust – Legende des Westens“ ist der durch den Hauptdarsteller, der gleichzeitig einer der Produzenten des Films ist, verursachte Tod der Kamerafrau eine Tatsache, die zu wichtig ist, um sie in Besprechungen nicht anzusprechen, aber für den Film an sich ist sie unerheblich.

Und eben diesem Film wollen wir uns jetzt zuwenden.

Der von Joel Souza inszenierte Western spielt in den frühen 1880er Jahren in Kansas. Dort versucht der 13-jährige friedfertige Lucas Hollister (Patrick Scott McDermott) mit seinem jüngerem Bruder in einer einsam gelegenen Holzhütte und etwas Subsistenzland- un Viehwirtschaft zu überleben. Als er einen Kojoten erschießen will, erschießt er zufällig einen Mann. Er wird zum Tod durch den Strang verurteilt. Sein jüngerer Bruder kommt, auch mit der Hilfe einer ihm bislang unbekannten Tante, in ein Kinderheim.

Kurz darauf – in dem Moment ist die erste halbe Stunde des 140-minütigen Films bereits um – taucht aus heiterem Himmel der uns bislang gänzlich unbekannte Harland Rust (Alex Baldwin) auf. Der berüchtigte Outlaw und Großvater von Lucas befreit den Jungen. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg Richtung Mexiko. Verfolgt werden sie von dem Sheriff, seinen Männern und vielen Kopfgeldjägern, die das hohe, auf Harland ausgetzte Kopfgeld haben wollen.

Was spätestens jetzt zu einem zünftigen Western werden könnte, plätschert weiter bedeutungsschwanger vor sich hin. Die Story ist aus unzähligen Western bekannt. Souza, der auch das Drehbuch schrieb, reiht die bekannten Versatzstücke aneinander. Er spricht immer wieder interessante Aspekte an, die aus einem anspruchlosem B-Picture einen besseren Film hätten machen können. Es sind Momente, in den der Western-Fan sich sehnsüchtig einen Sam Peckinpah oder Walter Hill als Regisseur wünscht. Bei Souza reicht es nur für ein überlanges B-Picture. Er benötigt epische hundertvierzig Minuten für eine Geschichte, die in den fünfziger Jahren ein routinierter Western-Regisseur in der halben Zeit besser erzählt hätte.

Die Kameraarbeit von Halyna Hutchins und Bianca Cline, die nach ihrem Tod den Posten übernahm, ist gelungen und deutlich besser als in vergleichbar budgetierten B-Western. Vor allem die Landschaftsaufnahmen gefallen. Bei den gut ausgeleuchteten Innenaufnahmen nervt die Marotte, als sei man auf einer John-Ford-Gedächtnisveranstaltung, immer mindestens eine Aufnahme einzufügen, in der die Kamera aus dem Raum auf eine im Tageslicht vor der offenen Tür stehenden Person blickt. Vor allem bei den Innenaufnahmen bevorzugen Hutchins und Cline wenig Licht und eine monochrome Farbgestaltung in verschiedenen Brauntönen. Gerne nehmen sie Menschen aus einer leichten Untersicht auf. Auch wenn einges über die gesamte Laufzeit nervt, ist das nicht ihre, sondern die Schuld des Regisseurs, der nicht in der Lage war, „Rust“ auf eine Laufzeit von deutlich unter zwei Stunden zu kürzen.

Rust – Legende des Westens“ ist ein okayer, wenn auch deutlich zu lang geratener B-Western, bei dem die überlegte Bildgestaltung positiv auffällt. Ohne den Todesfall bei den Dreharbeiten wäre der Western bei uns irgendwann direkt auf DVD erschienen.

Rust – Legende des Westens (Rust, USA 2024)

Regie: Joel Souza

Drehbuc: Joel Souza

mit Alec Baldwin, Patrick Scott McDermott, Travis Fimmel, Frances Fisher, Josh Hopkins, Jake Busey, Devon Werkheiser

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Rust“

Metacritic über „Rust“

Rotten Tomatoes über „Rust“

Wikipedia über „Rust“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Mux ist zurück in „MuxmäuschenstillX“

Mai 2, 2025

2004 war „Muxmäuschenstill“ ein Überraschungserfolg. Jan Henrik Stahlberg spielte Mux in der Rolle seines Lebens. Dieser Mux war ein bieder aussehender junger Mann mit dem Charme eines Bankangestellten einer kleineren Provinzbank. Der potentielle Lieblingsschwiegersohn lebte in Berlin, geht gegen Regelbrecher vor und, wir befinden uns noch in den Anfängen von Social Media, stellt Videos seiner Aktionen online. Diese Videos lösen eine Bewegung aus. Denn endlich unternimmt jemand etwas gegen nervige Verbrecher wie Schwimmbadpinkler, Hundehalter, die sich nicht um die auf dem Bürgersteig liegende Kacke ihrer Hunde kümmern und um Menschen, die rote Ampeln ignorieren. Er überwacht auch die Müllentsorgung im Hinterhof. Kurz: Mux ist ein selbsternannter Ordnungswächter, den wir in der Realität als Blockwart hassen, aber in unserer Fantasie manchmal gerne für fünf Minuten wären. Gerade dieses Ausleben unserer niederen Gefühle im Kino macht den Charme und das damit verbundene Unbehagen von „Muxmäuschenstill“ aus.

Gegen die großen Ungerechtigkeiten und gegen echte Verbrecher unternahm der selbsternannte Ordnungsfanatiker nichts.

Am Ende von „Muxmäuschenstill“ läuft Mux in Italien vor ein zu schnell fahrendes Auto.

Am Anfang von „MuxmäuschenstillX“ erfahren wir, dass Mux diesen Unfall wider Erwarten überlebte und die nächsten Jahre im Koma verbrachte. Jetzt ist er zurück – und die Skepsis ist groß. Schließlich sind die meisten Fortsetzungen von früheren Erfolgen enttäuschend und oft auch überflüssig, weil das damals erfolgreiche Gericht einfach wieder aufgekocht wird. So als sei zwischen damals und heute keine Zeit vergangen.

Insofern erfreuen die ersten Minuten von „MuxmäuschenstillX“. Mux schreibt nämlich ein Manifest und er will in der ostdeutschen Provinz beginnen, Deutschland mit seiner Philosophie, dem Muxismus, und der von ihm gegründeten Partei zu verändern. Das Ziel ist der Bundestag. Sein revolutionäres Manifest liest sich, ohne Umsturzfantasien, wie ein linkes Parteiprogramm der Linkspartei. Das könnte der Beginn für einen ordentlichen Klassenkampf sein.

Aber dann zerfasert der Film in Wiederholungen von „Muxmäuschenstill“ und Pillepalle-Aktionen, wie das Stürmen der ersten Klasse im Zug. Das sind nette Sponti-Aktionen, die nichts bewirken.

Gleiches gilt für die von Mux forcierten Begegnungen zwischen Hartz-IV-Empfängern und Vermögenden, die sich gegenseitig versichern, dass sie Menschen seien. Das hat noch nicht einmal das Niveau eines „Wir sind alle Brüder“-Gottesdienstes.

Der am Anfang im Zentrum des Films stehende Wahlkampf wird atemberaubend schnell zu einer nebensächlichen Nebensache. Der tiefere Einblicks in die Mechanismen eines Wahlkampfs und eine umfassendere Gesellschaftsanalyse fehlen vollständig. Hier verbleibt auf theoretischer Ebene alles in etwas linker Revolutionsromantik und auf praktischer Ebene in einer durchgehend negativen Zeichnung der im Film gezeigten Hartz-IV-Empfänger als stumpf-dumme Masse. Das führt immerhin zu der ironischen Volte, dass Mux für Menschen kämpft, die er zutiefst verachtet.

Gleichzeitig beherrscht von der ersten Minute an eine übergroße Angst vor Kritik die Komödie. Diese Vorsicht ist in Stalbergs früheren Werken „Muxmäuschenstill“ und „Fikkefuchs“ (2017), wo er ebenfalls das Drehbuch schrieb, Regie führte und die Hauptrolle übernahm, nicht vorhanden. Da wurde jede Gelegenheit für eine Provokation genutzt. In „MuxmäuschenstillX“ ist es anders. Es ist eine Komödie, die behauptet, zu provozieren, es dann aber niemals tut. Exemplarisch können wir hier die Szene nehmen, in der Mux‘ übergewichtige, ältere Sekretärin zu ihm ins Bett geht und Sex mit ihm möchte. Mux lehnt panisch ab. Im Voice-Over erklärt er dann, dass er nichts gegen dicke Frauen habe, er aber als Parteiführer Beziehungen mit von ihm angestellten Menschen ablehne. Anstatt jetzt in der nächsten Szene seine von uns vermutete Bigotterie zu entlarven, indem er eine Beziehung mit einer den gängigen Schönheitsidealen entsprechenden Frau eingeht und dabei seine Macht als Parteiführer ausnutzt, beginnt er eine Beziehung mit einer ähnlich übergewichtigen Musikerin, die zu seiner Muse wird.

Zu dieser Ängstlichkeit passt, dass Mux in „MuxmäuschenstillX“ nicht mehr der selbsternannte Ordungsfanatiker und ressentimentgetriebene Kleinbürger des ersten Films ist. Jetzt will er die Welt mit Argumenten, einem Parteiprogramm und einer Partei verbessern, die ein normallinkes Programm hat. Dieser Mux provoziert nicht mehr.

Das macht „MuxmäuschenstillX“ zu einer überflüssigen Wiederauferstehung.

MuxmäuschenstillX (Deutschland 2024)

Regie: Jan Henrik Stahlberg

Drehbuch: Jan Henrik Stahlberg

mit Jan Henrik Stahlberg, Bettina Hoppe, Sophie Roeder, Tilman Vellguth, Henriette Simon

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „MuxmäuschenstillX

Moviepilot über „MuxmäuschenstillX

Meine Besprechung von Jan Henrik Stahlbergs „Fikkefuchs“ (Deutschland 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Death of a Unicorn“ – und die Probleme beginnen

Mai 2, 2025

Einhörner gibt es, jedenfalls will uns das Alex Scharfman in seiner Horrorkomödie „Death of a Unicorn“ glauben machen, in den einsamen Wäldern von Nordamerika. Auf dem Weg zu einem wichtigen Wochenende mit seinem Chef, einem vom Tod gezeichneten Pharmamogul, der seine Geschäfte abgeben möchte, überfährt Elliot Kintner (Paul Rudd) in einem unachtsamen Moment ein auf der Landstraße stehendes Einhorn. Seine Tochter Ridley (Jenna Ortega) berührt das Horn des Einhorns und baut so eine besondere Beziehung zu dem sterbenden Tier auf. Später wollen sie das Einhorn begraben. Bis dahin verstecken sie es im Kofferraum ihres Mietwagens.

Zuerst müssen sie allerdings weiter zu Elliots Chef Odell Leopold (Richard E. Grant) fahren. Er und seine Familie erwarten sie bereits auf ihrem einsam in den Rocky Mountains gelegenem Luxusanwesen.

Als die Leopolds das Einhorn entdecken, erahnen sie sofort das in dem Horn des Tieres schlummernde Potential für künftige Geschäfte.

Vor allem Ridley, die sich gerade in ihrer antikapitalistischen Phase befindet, lehnt das vehement ab.

Und wo ein Einhorn ist, gibt es weitere Einhörner.

In seinem Spielfilmdebüt „Death of a Unicorn“ setzt Autor/Regisseur Alex Scharfman sich unglücklich zwischen die Stühle ‚Komödie für Kinder‘ und ‚Fun-Splatter für das Fantasy-Filmfest-Publikum‘. Einhörner sind heute vor allem nette Fabelwesen in Kindergeschichten und Spielzeug für Kinder. Aber „Death of a Unicorn“ ist, auch wenn es um die Beziehung zwischen einem Teenager und einem Einhorn geht, kein Kinderfilm. Bei uns ist er „frei ab 16 Jahre“ und das ist eine durchaus nachvollziehbare Einstufung der FSK. Nach einem humoristischen Anfang, in dem die Schauspieler spielfreudig und gleichzeitig immer etwas zu übertrieben spielen, geht es schnell in Richtung Splatter. Blut spritzt, Gedärme und Körperteile fliegen durch das Bild. Die Kamera zeigt möglichst jedes Detail. Der Kampf zwischen den in der Nacht die Leopold-Villa eingreifenden Einhörnern und den Eingeschlossenen, zu denen sich auch Leopolds schweigsame No-Nonsense-Sicherheitschefin gesellt, eskaliert schnell. Die Menschen wehren sich unter Verwendung der aus „Alien“ und „Predator“ bekannten Methoden. Denn wenn es blutet, kann es getötet werden.

Das Ergebnis ist ein in Teilen durchaus unterhaltsamer, letztendlich aber enttäuschender und gescheiterter Mix aus Fantasy-Filmkomödie für Kinder mit netten Einhörnern und eindimensionalen Figuren und deftigem Fun-Splatter für Jugendliche, die sich keine Kinderfilme mit Einhörnern ansehen wollen, wenn sie sich gleichzeitig einen zünftigen Fun-Splatter mit Monsterbären oder Zombies ansehen können.

Death of a Unicorn (Death of a Unicorn, USA 2025)

Regie: Alex Scharfman

Drehbuch: Alex Scharfman

mit Paul Rudd, Jenna Ortega, Will Poulter, Anthony Carrigan, Sunita Mani, Jessica Hynes, Tea Leoni, Richard E. Grant

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Death of a Unicorn“

Metacritic über „Death of a Unicorn“

Rotten Tomaotoes über „Death of a Unicorn“

Wikipedia über „Death of a Unicorn“ (deutsch, englisch)