TV-Tipp für den 19. März: Zoomania

März 18, 2022

Disney Channel, 20.15

Zoomania (Zootopia, USA 2016)

Regie: Byron Howard, Rich Moore, Jared Bush (Ko-Regisseur)

Drehbuch: Jared Bush, Phil Johnston, Dan Fogelman (zusätzliches Material) (Nach einer Geschichte von Byron Howard, Jared Bush, Rich Moore, Phil Johnston, Jennifer Lee, Josie Trinidad und Jim Reardon)

Als Jung-Polizistin und Karnickel Judy Hopps mit dem verbrecherischen Fuchs Nick Wilde (Hey, er ist ein Fuchs!) den spurlos verschwundenen Mr. Otterton sucht, entdecken sie ein riesiges, Zoomania bedrohendes Komplott.

Äußerst gelungener Disney-Film mit sympathischer Botschaft und unzähligen Anspielungen, die jüngere Zuschauer übersehen werden. Aber die sollten um diese Uhrzeit auch im Bett sein.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit vielen Tieren und vielen Sprechern

Wiederholung: Sonntag, 20. März, 8.45 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „Zoomania“

Metacritic über „Zoomania“

Rotten Tomatoes über „Zoomania“

Wikipedia über „Zoomania“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Byron Howard/Rich Moore/Jared Bushs „Zoomania“ (Zootopia, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Petite Maman – Als wir Kinder waren“ ist kein Film für mich

März 18, 2022

Manche, auch objektiv schlechte Filme sprechen einen an. Sie gefallen trotz eklanter Fehler. Andere Filme nicht. So ein Fall ist für mich Céline Sciammas neuer Film „Petite Maman – Als wir Kinder waren“.

Es geht um die achtjährige Nelly. Mit ihren Eltern verbringt sie einige Tage in der Wohnung ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter. Sie wollen sie ausräumen. Aber Nellys Mutter Marion will nicht bleiben. Sie fährt wieder weg. Während ihr Vater sich durch die Hinterlassenschaften der Großmutter wühlt, erkundet Nelly den Wald. Sie sucht eine von ihrer Mutter erbaute Hütte. Auf ihren Streifzügen trifft sie die gleichaltrige Marion (!), die ihre eineiige Zwillingsschwester sein könnte. Sie verstehen sich. Sie bauen die Hütte, streifen durch den Wald und fahren Boot. Sie besuchen gegenseitig ihre Eltern.

Langsam begreift Nelly, dass ihre neue Freundin ihre Mutter als Kind ist. Und so verknüpfen sich Gegenwart und Vergangenheit.

Sciamma erzählt dies mit wenigen Dialogen und einem großen Desinteresse an all den mit Zeitreisen oder, präziser, dem Zusammenfallen von zwei Zeitebenen verknüpften philosophischen und logischen Fragen. „Petite Maman“ ist und will kein Science-Fiction-Film sein. Sciamma behandelt diese Begegnung von Mutter und Tochter als gleichaltrige Zwillinge als sei es etwas vollkommen alltägliches. Mutter und Tochter freuen sich über die neue Spielkameradin. Auch die anderen Menschen, mit denen Nelly und Marion interagieren, sind nicht erstaunt. Es sind wenige Menschen und menschenleere Orte, an denen sich das sehr ruhig erzählte, intime Drama abspielt.

Wenn man die Geschichte als Trauerphasen begreift und sich nicht weiter mit logischen Problemen aufhält, oder wenn man sich einfach an dem Spiel der Zwillinge Joséphine und Gabrielle Sanz, die Nelly und Marion spielen, erfreut, wird man vielleicht mehr mit „Petite Maman“ anfangen können.

Denn, wie gesagt, der Film hat mich überhaupt nicht angesprochen; – aber vielleicht habe ich ihn auch nur in der falschen Stimmung gesehen. Schließlich sind die meisten Kritiken überaus positiv.

Petite Maman – Als wir Kinder waren (Petite Maman, Frankreich 2021)

Regie: Céline Sciamma

Drehbuch: Céline Sciamma

mit Gabrielle Sanz, Joséphine Sanz, Nina Meurisse, Stéphane Varupenne, Margot Abascal

Länge: 73 Minuten

FSK: ab 0 Jahre (weil, aus der Begründung: „Der Film ist auf jeglichen Ebenen ruhig in Szene gesetzt. Ängstigungen oder anderweitige Überforderungen lassen sich daher rundweg und bei allen Altersgruppen ausschließen.“ Das ist keine Empfehlung, Kinder in den Film zu schicken.)

Hinweise

AlloCiné über „Petite Maman“

Moviepilot über „Petite Maman“

Metacritic über „Petite Maman“

Rotten Tomatoes über „Petite Maman“

Wikipedia über „Petite Maman“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (Portrait de la jeune fille en feu, Frankreich 2019)


TV-Tipp für den 18. März: French Connection – Brennpunkt Brooklyn

März 17, 2022

3sat, 22.25

French Connection – Brennpunkt Brooklyn (The French Connection, USA 1971)

Regie: William Friedkin

Drehbuch: Ernest Tidyman

LV: Robin Moore: The French Connection, 1969 (Heroin Cif New York)

Die beiden Polizisten Popeye Doyle (Gene Hackman) und Buddy Russo (Roy Scheider) sind auf der Spur einer großen, aus Frankreich kommenden, Lieferung Rauschgift.

Zeitloser, hochspannender, vor Ort gedrehter Genre-Klassiker, der auf einem wahren Fall beruht.

Der Thriller erhielt unter anderem den Edgar-Allan-Poe-Award und fünf Oscars (Bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptrolle und Schnitt).

Mit Gene Hackman, Roy Scheider, Fernando Rey, Tony LoBianco, Marcel Bozzufi

Hinweise

Rotten Tomatoes über „French Connection“

Wikipedia über „French Connection“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Nanni Morettis Ensemblefilm „Drei Etagen“

März 17, 2022

Nanni Morettis neuer Film beginnt mit einem Autounfall. Stockbesoffen fährt Andrea durch das Wohnviertel, überfährt eine Fußgängerin und kracht in die Parterrewohnung des Hauses, in dem er noch bei seinen Eltern wohnt. Seine Eltern sind Vittorio (Nanni Moretti) und Dora (Margherita Buy). Beide sind Richter. Aber nach dem Unfall hilft der rechtsprinzipientreue Vittorio seinem Sohn Andrea nicht. Er fordert, dass er die Verantwortung für seine Tat übernimmt. Und das bedeutet eine längere, auch die Ehe von Vittorio und Dora belastende, Haftstrafe für Andrea.

Die Wohnung die Andrea zerstörte, ist das Arbeitszimmer von Lucio (Riccardo Scamarcio). Seine siebenjährige Tochter wird öfter von einem älteren Ehepaar behütet. Nachdem der schon leicht demente ‚Großvater‘ mit Lucios Tochter im Wald ein kindisches Spiel spielte, hält er ihn für einen Pädophilen. Er beginnt Beweise für seine wilde Vermutung zu suchen und gefährdet dabei seine Ehe, seine Familie und auch sein gesamtes Leben.

Andreas Unfall wurde von Monica (Alba Rohrwacher) beobachtet. Die psychisch instabile Schwangere war auf dem Weg zum Krankenhaus. Später muss sie ihre Tochter weitgehend allein aufziehen. Ihr Mann ist als Bauleiter bei großen Projekten beruflich viel unterwegs. Monicas Leben verändert sich, als ihr Schwager auftaucht.

Diese im Film porträtierten vier Familien leben in Rom in den titelgebenden „Drei Etagen“ eines bürgerlichen Wohnhauses. Über ein Jahrzehnt, von 2010 bis 2020, beobachtet Nanni Moretti („Liebes Tagebuch“) deren Leben und wie sehr sie mehr nebeneinander als miteinander leben. Das ist aus der Perspektive dramaturgischer Verdichtung natürlich enttäuschend. Aber halt realistisch. Die meisten Nachbarn kann man, im Gegensatz zur eigenen Familie, ignorieren und meistens tut man genau das. Schließlich ist die Adresse die einzige offensichtliche Gemeinsamkeit. Auch der Aufbau des Films – die erste Stunde des Films spielt 2010, die nächste halbe Stunde fünf Jahre später und die letzte halbe Stunde wieder fünf Jahre später – lädt zu einem episodischem Erzählen ein. In diesem Drama gibt es nicht die klaren, Hollywood-Dramaturgieregeln gehorchenden, sich gegenseitig verdichtenden Spannungsbögen.

Moretti beobachtet, feinfühlig wie gewohnt, seine Figuren mit großer Sympathie und ohne sie zu verurteilen. Das ist nicht schlecht, aber letztendlich bleibt alles doch etwas zu sehr an der Oberfläche, im Plakativen und im Ungefähren. Nur einmal wird ein konkretes Datum genannt, ansonsten sind die Ereignisse in diesem römischen Haus vollkommen von aktuellen Entwicklungen abgekoppelt.

So ist der Ensemblefilm ein schöner und auch in vielen Szenen immer wieder berührender Film. Am Ende bleibt allerdings das Gefühl, dass man nur das filmische Äquivalent zum Blättern in einem Fotoalbum erhalten hat.

Drei Etagen (Tre Piani, Italien/Frankreich 2021)

Regie: Nanni Moretti

Drehbuch: Nanni Moretti, Federica Pontremoli, Valia Santella

LV: Eshkol Nevo: Shalosh komot, 2015 (Über uns)

mit Riccardo Scamarcio, Margherita Buy, Alba Rohrwacher, Adriano Giannini, Elena Lietti, Nanni Moretti, Denise Tantucci, Alessandro Sperduti

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Italienische Homepage zum Film

Moviepilot über „Drei Etagen“

Rotten Tomatoes über „Drei Etagen“

Wikipedia über „Drei Etagen“ (deutsch, englisch, italienisch)

Meine Besprechung von Nanni Morettis „Mia Madre“ (Mia Madre, Italien/Frankreich 2015)


TV-Tipp für den 17. März: Der Baader Meinhof Komplex

März 16, 2022

Als Vorbereitung für „Bis wir tot sind oder frei“ (Kinostart: 31. März 2022; das mit Zeit- und Lokalkolorit gesättigte sehenswerte Drama spielt in den frühen Achtzigern in der Schweiz und erzählt wie eine linke Kanzlei den Ausbrecherkönig Walter Stürm verteidigt und wie er dabei in linken Kreisen zum Symbol für die Freiheit und Würde des Einzelnen wird) empfehle ich

Tele 5, 20.15

Der Baader Meinhof Komplex (Deutschland 2008)

Regie: Uli Edel

Drehbuch: Bernd Eichinger

LV: Stefan Aust: Der Baader Meinhof Komplex, 1985 (danach mehrere überarbeitete Neuausgaben)

Buch zum Film: Katja Eichinger: Der Baader Meinhof Komplex – Das Buch zum Film, 2008

Von der Länge her epische, vom Tempo her hektische Verfilmung der Geschichte der RAF von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende. Da stimmt die Ausstattung, aber für die Vertiefung der einzelnen Charaktere bleibt wenig Zeit.

Mit Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Johanna Wokalek, Bruno Ganz, Simon Licht, Jan Josef Liefers, Alexandra Maria Lara, Heino Ferch, Nadja Uhl, Hannah Herzsprung, Niels-Bruno Schmidt, Stipe Erceg, Daniel Lommatzsch, Volker Bruch, Bernd Stegemann, Tom Schilling, Katharina Wackernagel, Anna Thalbach, Jasmin Tabatabai, Hans Werner Meyer

Hinweise

Filmportal über „Der Baader Meinhof Komplex“

Rotten Tomatoes über „Der Baader Meinhof Komplex“

Wikipedia über „Der Baader Meinhof Komplex“ (deutsch, englisch)

Hollywood Interview: mit Uli Edel über den Film


George Orwells „1984“, dieses Mal adaptiert und gezeichnet von Fido Nesti

März 16, 2022

Die Geschichte von George Orwells „1984“ dürfte bekannt sein. Winston Smith verliebt sich in die Arbeitskollegin Julia. Der Große Bruder, das Regierungsoberhaupt von Ozeanien, ist gegen diese Beziehung. Sie werden verhaftet, gefoltert und, nachdem ihr Wille gebrochen ist, entlassen. Sie ist banal und dient Orwell dazu, eine eindrückliche Warnung vor totalitärem Denken und Regimen zu zeichnen. Seine Dystopie beschreibt eine Diktatur, die ihre Untertanen ständig beobachtet, kontrolliert, drangsaliert und die Vergangenheit ständig fälscht. Der Roman ist ein Klassiker.

In seiner Comicinterpretation konzentriet der Brasilianer Fido Nesti sich auf die Welt, in der Winston Smith lebt. Über viele Seiten zeichnet er die Strukturen und Regeln dieser Welt nach. Dabei dominiert der Text eindeutig über die Bilder.

Die Liebesgeschichte wird notgedrungen mitgeschleppt, ohne jemals im Mittelpunkt zu stehen. Das ist nicht schlecht gemacht, aber deutlich konventioneller als Sybille Titeux de la Croix/Amazing Amezianes überragende Interpretation des Romans.

Gegen ihr Werk ist Nestis Interpretation nur eine farblose Nacherzählung des Romans.

(Diese Kurzbesprechung ergänzt meine längere Besprechung von George Orwells „1984“ und „Farm der Tiere“ und zweier Comicinterpretationen.)

Fido Nesti: 1984

(übersetzt von Michael Walter)

Ullstein, 2021

224 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

1984

Companhia das Letras, 2020

Hinweise

Homepage von Fido Nesti

Wikipedia über George Orwell (deutsch, englisch), „Farm der Tiere“ (deutsch, englisch) und „1984“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Orwells „Farm der Tiere – Ein Märchen“ (Animal Farm. A Fairy Story, 1945) und „1984“ (Nineteen Eighty-Four, 1949), Odyrs Comic-Adaption „Farm der Tiere – Die Graphic Novel“ (A revolucao dos bichos, 2018), Sybille Titeux de la Croix/Amazing Amezianes Comic-Adaption „1984“ (1984, 2021)


TV-Tipp für den 16. März: Moonlight

März 15, 2022

Arte, 20.15

Moonlight (Moonlight, USA 2016)

Regie: Barry Jenkins

Drehbuch: Barry Jenkins

LV: Tarell Alvin McCraney: In Moonlight Black Boys look Blue (Theaterstück)

2017 der verdiente, aber auch überraschende Gewinner des Oscars für den besten Film des Jahres: ein in jeder Beziehung beeindruckendes Drama über das Erwachsenwerden. In drei in sich abgeschlossenen Kapiteln erzählt Barry Jenkins die Geschichte von Chiron, einem schwarzen, in ärmlichsten Verhältnissen in Miami lebendem Jungen, und seiner Beziehung zu seiner drogensüchtigen Mutter, einem Drogendealer, der zu seinem Ersatzvater wird, und einem Schulkameraden, der mehr als ein Freund ist. Chiron wird gespielt von Alex Hibbert (in „Little“), Ashton Sanders (in „Chiron“) und Trevante Rhodes (in „Black“).

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Alex Hibbert, Ashton Sanders, Trevante Rhodes, Naomie Harris, Mahershala Ali, Janelle Monáe, Jaden Piner, Jharrel Jerome, André Holland

Hinweise

Moviepilot über „Moonlight“

Metacritic über „Moonlight“

Rotten Tomatoes über „Moonlight“

Wikipedia über „Moonlight“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Barry Jenkins‘ „Moonlight“ (Moonlight, USA 2016) und der DVD

Meine Besprechung von Barry Jenkins‘ „Beale Street“ (If Beale Street could talk, USA 2018) und der DVD


Cover der Woche

März 15, 2022


Schön gesammelt: die ersten „Catwoman“-Geschichten von Ed Brubaker und Darwyn Cooke – und Ed Brubakers „Der Tod von Captain America“ ist wieder erhältlich

März 15, 2022

Es ist schon zwanzig Jahre her, als Ed Brubaker und Darwyn Cooke ‚Catwoman‘ Selina Kyle neu definierten. Aus der Meisterdiebin und Freundin von Batman wurde eine Beschützerin der Frauen im East End von Gotham City.

Ed Brubaker und Darwyn Cooke sind zwei Meister des Noir-Krimis, die in ihren Hardboiled-Geschichten nie einen Hehl aus ihrer Bewunderung für Donald E. Westlake machen. Besonders seine als Richard Stark geschriebenen Parker-Gangsterromane gefallen ihnen. Der viel zu früh und zu jung verstorbene Darwyn Cooke adaptierte ab 2009 sogar vier Parker-Romane. Ins Deutsche übersetzt wurden lediglich „Parker“ (The Hunter) und „Das Syndikat“ (The Outfit).

Selinas großer Coup“, die erste Geschichte in dem jetzt veröffentlichtem Sammelband „Catwoman – Band 1“, kann als Vorstudie oder gleich als Parker-Geschichte gelesen werden. Selina will 24 Millionen aus einem fahrendem Zug rauben. Das Geld gehört der Mafia. Für diesen Diebstahl stellt sie ein Team zusammen. Zu dem Team gehört auch ein alter Profigangster namens Stark. Er ist eindeutig Parker unter einem anderen Namen. Aussehen tut er wie Lee Marvin, der Parker als Walker in dem Klassiker „Point Blank“ spielte. Die gut hundertseitige Geschichte „Selinas großer Coup“ ist auch aufgebaut wie ein Parker-Roman und die Verwicklungen (Merke: kein Plan ist so gut, dass er nicht doch schiefgehen kann) könnten aus einem Parker-Roman stammen.

Selinas großer Coup“ gehört zu Cookes Lieblingsgeschichten – und allein diese knapp hundertseitige Geschichte würde den Kauf des dicken Sammelbandes rechtfertigen.

Auch die zweite Geschichte – „Slam Bradley: Spur der Katzenfrau“ – ist eine waschechte Hardboiled-Geschichte. In ihr beauftragt der Bürgermeister von Gotham City den Privatdetektiv Slam Bradley Catwoman zu suchen. Es gibt nur zwei Probleme. Catwoman will nicht gefunden werden und sie soll seit einigen Wochen tot sein.

Die nächsten drei Geschichten erschienen zwischen Januar 2002 und September 2002 als Hefte # 1 – 9 der monatlichen „Catwoman“-Comics. Es handelt sich dabei um die jeweils vier Hefte umfassenden Geschichten „Kraftlos“ und „Verkleidungen“ und „Die Sandkorn-Theorie“.

In „Kraftlos“, der letzten von Cooke gezeichneten „Catwoman“-Geschichte, jagt Catwoman einen Mann, der im East End Prostituierte ermordet. Die Polizei interessiert sich nicht für diese Fälle. Außerdem hat bis jetzt niemand das Gesicht des Mörders gesehen.

Mit dieser Geschichte beginnen Brubaker und Cooke Catwoman neu zu definieren. Die Diebin will nämlich den Menschen in ihrem Viertel helfen. Sie beginnt Verbrecher zu jagen. Weil sie das nicht allein tun kann, baut sie in den folgenden Heften ein Netz von Vertrauten auf. Auch Bradley gehört dazu.

In „Die Sandkorn-Theorie“ (gezeichnet von Brad Rader und Cameron Stewart) wird Brendan Skinner, ein zwölfjähriger Junge aus der Nachbarschaft, als Drogenmuli benutzt. Die Drogenpäckchen öffnen sich während des Transport in seinem Magen. Jetzt liegt er im Koma im Krankenhaus und Catwoman will den Urheber des Schmuggels bestrafen.

In „Verkleidungen“ (gezeichnet von Brad Rader) sucht Holly, die Selina Kyle hilft, einen aufstrebenden Dealer, der über gute Beziehungen verfügen soll. Als Holly ihn das erste Mal sieht, weiß sie sofort, dass er ein Undercover-Polizist ist. Sie verfolgt ihn und beobachtet, wie er ermordet wird. Von anderen Polizisten, die ihn kannten. Sie bemerken die Zeugin und wollen sie umbringen.

Catwoman kann Holly in letzter Sekunde retten. Danach will sie die Mörder überführen, die währenddessen Himmel und Hölle in Bewegung setzten, um Holly aus dem Weg zu schaffen.

Die fünf im ersten „Catwoman“-Sammelband enthaltenen Geschichten sind alle spannende und rundum empfehlenswerte Hardboiled-Geschichten.

Der zweite, über vierhundert Seiten dicke „Catwoman“-Sammelband soll diese Woche erscheinen. Er enthält Catwoman (2002) # 10 – 24 und Catwoman Secret Files 1.

Ebenfalls schon etwas älter, aber vor kurzem wieder in der Reihe „Marvel Must-Have“ erschienen ist Ed Brubakers „Der Tod von Captain America“. Es handelt sich dabei genaugenommen um „Der Tod eines Traums“ (The Death of a Dream), dem ersten Teil der längeren Geschichte „Der Tod von Captain America“, die ursprünglich von April 2007 bis November 2008 in den „Captain America (2005)“-Heften 25 bis 42 erschien und anschließend in drei Sammelbänden veröffentllicht wurde. Insofern dürfte verständlich sein, warum „Der Tod von Captain America“ (ich beziehe mich jetzt auf die Must-Have-Ausgabe) mitten in der Geschichte endet.

Nachdem Superhelden bei einer ihrer die Welt vor Bösewichtern rettenden Aktionen über sechshundert Menschen, darunter auch Schulkinder, töteten, erließ die Regierung ein Gesetz, das Superhelden zu einer Regstrierung mit ihrer bürgerlichen Identität zwang. Über das Gesetz kam es zu einem Bürgerkrieg zwischen den Superhelden. ‚Captain America‘ Steve Rogers, der gegen das Gesetz war, führte den Widerstand an und ergab sich letztendlich.

Ed Brubakers „Der Tod von Captain America“ beginnt in diesem Moment. Als der bei der Bevölkerung immer noch überaus beliebte Steve Rogers zur Verhandlung vor das Bundesgericht gebracht wird, wird er auf der Treppe des Gerichtsgebäudes erschossen.

Danach zeichnet Ed Brubaker die Reaktionen seiner Freunde nach. Dabei bemerkt sein Freund ‚Winter Soldier‘ Bucky Barnes, dass die Welt Hoffnung braucht und Captain America eben diese Hoffnung verkörperte. Er stiehlt Captain Americas Schild aus einer Ausstellung und übernimmt die Rolle von Captain America.

Im Gegensatz zu seinen „Catwoman“-Geschichten ist Ed Brubakers „Captain America“-Geschichte tief im Marvel-Kosmos verwurzelt. Deshalb dürften Menschen, die eine ordentliche Dosis Marvel genossen haben (ob als Film oder Comic ist egal), mit „Der Tod von Captain America“ mehr anfangen können als Neulinge.

Davon abgesehen, eine vorzügliche Lektüre über Trauer und die Bedeutung von Helden.

Für Krimifans ist „Catwoman“ natürlich die erste und bessere Wahl.

Ed Brubaker/Darwyn Cooke/Mike Allred/Cameron Stewart: Catwoman – Band 1

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini Comics, 2021

336 Seiten

34 Euro

Originalausgabe

Catwoman Vol. 1: Trail of the Catwoman

DC Comics, 2012

enthält

Catwoman: Selinas großer Coup (Catwoman: Selina’s big score, September 2002)

Slam Bradley: Spur der Katzenfrau – Teil 1 – 4 (Slam Bradley: Trail of the Catwoman – Part 1 – 4, Detective Comics # 759 – 762, August 2001 – November 2001)

Kraftlos – Teil 1 – 4 (Catwoman: Anodyne – Part 1 – 4, Catwoman # 1 – 4, Januar 2002 – April 2002)

Die Sandkorn-Theorie (Trickle Down Theory, Catwoman # 5, Mai 2002)

Verkleidungen – Teil 1 – 4 (Disguises – Part 1 – 4, Catwoman # 6 – 9, Juni 2002 – September 2002)

Ed Brubaker/Steve Epting/Mike Perkins: Marvel-Must-Have: Captain America: Der Tod von Captain America

(übersetzt von Reinhard Schweizer und Michael Strittmatter)

Panini, 2021

172 Seiten

19 Euro

Originalausgabe

The Death of a Dream – Part 1 – Part 6 (Captain America (2005) 25-30)

Marvel, April 2007 – November 2007

Hinweise

Wikipedia über Catwoman (deutsch, englisch), Captain America (deutsch, englisch), Darwyn Cooke (deutsch, englisch) und Ed Brubaker (deutsch, englisch)

Homepage von Ed Brubaker

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 4 – Obsession“ (Criminal Vol. 4: Bad Night, 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 5 – Sünder“ (Criminal: The Sinners, 2010)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 6 – Unschuld“ (Criminal: The Last of the Innocent, Vol. 1 – 4, 2011)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 4 – Das lange Erwachen“ (Sleeper 4: The long walk home, 2005)

Meine Besprechung von Ed BrubakerSean Phillips’ „Incognito 1 – Stunde der Wahrheit“ (Incognito, 2008/2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker (Autor)/Sean Phillips (Zeichner) „Incognito 2: Schlechter Einfluss“ (Incognito: Bad Influences, Vol. 1 – 5, 2010/2011)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Fatale: Den Tod im Nacken (Band 1)“ (Fatale # 1 – 5, 2012)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Greg Ruckas „Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)“ (Gotham Central # 1 – 5, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Fatale: Hollywood Babylon (Band 2)“ (Fatale # 6 – 10, 2012)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Fatale: Westlich der Hölle (Band 3)“ (Fatale # 11 – 15, 2013)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Steve Epting/Butch Guice/Mike Perkins‘ „Der Tod von Captain America (Band 2)“ (Captain America: The Burden of Dreams, Part 1 – 6 (# 31 – 36), 2007/2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Steve Epting/Roberte De La Torre/Luke Ross“ „Der Tod von Captain America (Band 3)“ (Captain America: The Man who bought America, Part 1 – 6 (# 37 – 42), 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Greg Ruckas „Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)“ (Gotham Central # 1 – 5 , 2003)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Ed Brubakers „Gotham Central: Im Fadenkreuz des Jokers (Band 3)“ (Gotham Central # 11 – 15)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Ed Brubakers „Gotham Central: Bullocks letzter Fall (Band 4)“ (Gotham Central # 16 – 22)

Meine Besprechung von Ed Brubakers „Batman/Joker: Der Mann, der lacht“ (Batman: The Man who laughs, 2005; Made of Wood, 2003)

Ed Brubaker in der Kriminalakte

Almost Blog von Darwyn Cooke

Meine Besprechung von Darwyn Cooke/J. Bone/Dave Stewarts “Will Eisner’s The Spirit – 1” (The Spirit, No. 1 – 6, 2007)

Meine Besprechung von Darwyn Cooke/Walter Simonson/Jimmy Palmiottis “Will Eisner’s The Spirit – 2” (The Spirit, No. 7 – 12, 2007/2008)

Meine Besprechung von Darwyn Cookes Richard-Stark-Comic „Parker“ (Richard Stark’s Parker – The Hunter, 2009)

Meine Besprechung von Darwyn Cookes „Before Watchmen: Minutemen“ (Before Watchmen: Minutemen (Chapter One – Six), 2012/2013)

 


TV-Tipp für den 15. März: Der namenlose Tag

März 14, 2022

3sat, 20.15

Der namenlose Tag (Deutschland 2018)

Regie: Volker Schlöndorff

Drehbuch: Volker Schlöndorff

LV: Friedrich Ani: Der namenlose Tag, 2015

Als Doris Winther sich erhängt, rollt der pensionerte Kommissar Jakob Franck einen alten Fall wieder auf: vor Jahren hatte Doris Winthers Tochter Esther Suizid begangen. Franck fragt sich jetzt, ob er damals etwas übersehen hatte und Esther ermordet wurde.

Schlöndorff verfilmt Ani. Was kann da schief gehen?

„Die Inszenierung des ungewöhnlich atmosphärischen, vielschichtigen Krimis fällt insbesondere durch eine eindrucksvolle, durchdachte Bildsprache auf.“ (Lexikon des internationalen Films)

Mit Thomas Thieme, Devid Striesow, Ursina Lardi, Jan Messutat, Stephanie Amarell, Ursina Lardi

Die Vorlage

Friedrich Ani: Der namenlose Tag

Suhrkamp, 2016

304 Seiten

10,99 Euro

Hinweise

ZDF über „Der namenlose Tag“

Filmportal über „Der namenlose Tag“

Meine Besprechung von Volker Schlöndorffs „Rückkehr nach Montauk“ (Deutschland 2017)

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden“ (2011, mit Interview)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und die Schlüsselkinder” (2011)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und das heimliche Leben” (2012)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden und die Stimme der Angst“ (2013, neuer Titel von „Verzeihen“)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „M – Ein Tabor-Süden-Roman“ (2013)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der namenlose Tag“ (2015)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der einsame Engel“ (2016)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der Narr und seine Maschine“ (2018)

Friedrich Ani in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Über Justin Chons Melodrama „Blue Bayou“

März 14, 2022

Antonio LeBlanc hatte schon Probleme mit dem Gesetz. Zweimal wurde der Mittdreißiger wegen Motorraddiebstahl verurteilt. Inzwischen ist er ein gesetzestreuer Bürger, der sich liebevoll um seine siebenjährige Stieftochter Jessie kümmert, als Tätowierer arbeitet und einen zweiten Job sucht. Denn seine Frau und große Liebe Kathy ist schwanger.

Als er in einem Supermarkt von einem Polizisten provoziert wird und aus der Provokation ein Handgemenge wird, landet er zuerst im Gefängnis und kurz darauf auf der Liste von Ausländern, die abgeschoben werden sollen. Denn Antonio wurde als Dreijähriger adoptiert und war seitdem nie wieder in seinem Geburtsland Korea. Seine Eltern und er beantragten niemals formal die US-Staatsbürgerschaft für ihn. Sie wussten nicht, dass sie das hätten tun müssen.

Die Polizei kann ihn deshalb in sein Geburtsland, das er nicht kennt, abschieben. Von dort kann er, auch wenn die Chancen äußerst gering sind, seine Wiedereinreise beantragen. Seine Familie kann ihn begleiten oder in den USA bleiben. Das ist der Justiz egal.

Die andere Möglichkeit ist, wie ein Anwalt ihm und Kathy erklärt, gegen die Abschiebung zu klagen. Wenn er Recht bekommt, kann er bleiben. Wenn nicht, muss er nach Korea ausreisen und darf nie wieder in die USA zurückkommen.

In jedem Fall will der Anwalt für seine Arbeit bezahlt werden. Zunächst versucht Antonio das Geld durch ehrliche Arbeit zusammen zu bekommen. Aber so kann er niemals genug Geld für den Anwalt verdienen. Letztendlich muss er sich an seine alten Freunde wenden und wieder Verbrechen begehen.

Das in und um New Orleans spielende intensive und nah an seinem Protagonisten erzählte Independent-Drama „Blue Bayou“ ist der vierte Spielfilm von Justin Chon und der erste, der bei uns im Kino läuft. Er schrieb auch das Drehbuch und übernahm die Hauptrolle. Weil er öfter als Schauspieler arbeitet, könnten einige sein Gesicht kennen. So spielte er in den „Twilight“-Filmen Eric Yorkie.

Antonios drohende Abscheigung, die die Filmgeschichte vorantreibt (wenn auch nicht so sehr, wie sie es eigentlich sollte), basiert auf einer realen, immer noch nicht behobenen Gesetzeslücke. Denn der Child Citizenship Act aus dem Jahr 2000 gilt nicht für adoptierte Kinder, die in dem Moment bereits 18 Jahre waren. Sie können ausgewiesen werden. In den vergangenen Jahren war eine unbekannte Zahl von adoptierten Kindern davon betroffen. Sie hielten sich sozusagen illegal in den USA auf. Im Abspann werden einige von ihnen gezeigt.

Aber um dieses Gesetz geht es in dem Film kaum. „Blue Bayou“ ist nämlich kein Justizthriller, sondern ein Drama, in dem ein Mann versucht, ein ehrliches Leben zu führen. Und ob das jetzt durch eine Abschiebung, einen rachsüchtigen Polizisten oder die falschen Freunde bedroht ist, ist egal. Ebenso die Gründe, aus denen der Protagonist unbedingt Geld braucht.

So verschwindet die drohende Abschiebung und die Frage, wie die in New Orleans lebende Familie LeBlanc künftig leben möchte, immer wieder, über lange Strecken im Hintergrund zugunsten eines Melodramas, in dem der Protagonist viel Motorrad fährt, eine krebskranke Frau kennen lernt, ein liebevoller Vater, hart arbeitender Tätowierer und Pechvogel ist. Die widrigen Umstände, personifiziert von zwei Polizisten, Kathys Ex und sein rassistischer Partner, und ein gnadenlos mahlendes Justizsystem, treiben Antonio immer weiter in sein altes Leben zurück. Das ist als durchaus dick auftragendes Melodrama mit einem Taschentuch-Ende gelungen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Blue Bayou (Blue Bayou, USA 2021)

Regie: Justin Chon

Drehbuch: Justin Chon

mit Justin Chon, Alicia Vikander, Sydney Kowalske, Mark O’Brien, Linh-Dan Pham, Emory Cohen, Vondie Curtis-Hall, Toby Vitrano

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Blue Bayou“

Metacritic über „Blue Bayou“

Rotten Tomatoes über „Blue Bayou“

Wikipedia über „Blue Bayou“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 14. März: Der Mörder kam um Mitternacht

März 13, 2022

Arte, 20.15

Der Mörder kam um Mitternacht (Un témoin dans la ville, Frankreich/Italien 1959)

Regie: Edouard Molinaro

Drehbuch: Gérard Oury, Alain Poiré, Edouard Molinaro, André Tabet (Dialoge), Georges Tabet (Dialoge) (nach einem Szenario von Pierre Boileau und Thomas Narcejac)

Der Industrielle Pierre Verdier ermordet seine Geliebte, die Frau des Lastwagenfahrers Ancelin (Lino Ventura). Der will sich rächen, erwürgt Verdier und glaubt, dass ein Taxifahrer ihn bei der Tat beobachtet hat. Also muss er auch den Zeugen umbringen. Er verfolgt ihn durch das nächtliche Paris.

En früher Film von Lino Ventura, der heute anscheinend zum ersten Mal im TV gezeigt wird.

Ein eiskalter Reißer, filmisch gekonnt.“ (Katholischer Film-Dienst)

Spektakulärste Szene ist die Verfolgungsjagd der Taxis durch Paris, an der zum Ende 400 Wagen beteiligt sind.“ (Meinolf Zurhorst/Lothar Just: Lino Ventura)

mit Lino Ventura, Sandra Milo, Franco Fabrizzi, Jacques Berthier, Robert Dalban, Micheline Luccioni, Françoise Brion

Wiederholung: Sonntag, 20. März, 09.25 Uhr

Hinweise

AlloCiné über „Der Mörder kam um Mitternacht“

Wikipedia über „Der Mörder kam um Mitternacht


TV-Tipp für den 13. März: The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz

März 12, 2022

Arte, 21.45

The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz (The Wild Bunch, USA 1969)

Regie: Sam Peckinpah

Drehbuch: Walon Green, Sam Peckinpah

Texas 1913: nach einem missglückten Überfall auf die Kasse der Eisenbahngesellschaft flüchten Pike Bishop und seine Revolvermänner nach Mexiko und geraten in die dortigen Revolutionswirren.

Auf ihrer Flucht verfolgt Pikes ehemaliger Kumpel Deke Thornton sie gnadenlos. Er arbeitet inzwischen für die Eisenbahngesellschaft.

Peckinpah-Klassiker, der ist einer der besten Western und für zahlreiche Filmfans auch einer der besten Filme überhaupt: „Sam Peckinpahs definitiver Film über die verlorenen Helden des späten Westens und über die Gewalttätigkeit in Amerika.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)

Für George P. Pelecanos ist „The Wild Bunch“ einer der sieben besten Western: „Peckinpah’s stunner was a parable for Vietnam that turned peace-loving audiences on with its cathartic violence, in the process burning down the genre itself. Concludes with the Battle of Bloody Porch, perhaps the most visceral, mindblowing action sequence ever committed to film. Oddly enough, it’s the quiet moments that stick with you.”

Mit William Holden, Ernest Borgnine, Robert Ryan, Edmond O´Brien, Warren Oates, Ben Johnson, L. Q. Jones, Bo Hopkins

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Wild Bunch“

Wikipedia über „The Wild Bunch“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Gefährten des Todes“ (The deadly Companions, USA 1961)

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Steiner – Das eiserne Kreuz“ (Cross of Iron, Deutschland/Großbritannien 1977)

Meine Besprechung von Mike Siegels Dokumentation „Sam Peckinpah: Passion & Poetry“ (Deutschland 2005)

Sam Peckinpah in der Kriminalakte

 


Neu im Kino/Filmkritik: Wo ist „Der Schneeleopard“?

März 12, 2022

Im zentralasiatischen Hochgebirge lebt der Schneeleopard und er gehört zu den gefährdeten Arten. Es ist also nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich einen Schneeleoparden zu sehen. Schließlich ist ihr Jagdrevir groß und sie laufen nicht in Massen durch die Berge.

Trotzdem, oder gerade deswegen, will der Tierfotograf Vincent Munier im Tibet einen solchen Leoparden fotografieren. Dafür verbringt er mehrere Monate in den Bergen, ohne einen Schneeleoparden zu sehen. Er sieht nur Spuren von ihm.

Dieses Mal möchte er seine Reise auch filmisch und schreibend dokumentieren. Darum begleiten ihn ein kleines Kamerateam und der Reiseschriftsteller Sylvain Tesson. Tessons Buch „Der Schneeleopard“ über diese Tibetreise ist schon seit einem Jahr auf Deutsch erhältlich. Der Film von Munier und Marie Amiguet läuft jetzt in den Kinos an.

Schon die ersten Bilder zeigen, wie wahnsinnig Muniers Vorhaben ist. Denn das Gebiet, in dem der Leopard sein soll, ist riesig, öd und menschenleer. Ein Mann allein kann nur zufällig (und mit dem Wissen der Einheimischen und der Fähigkeit, Fährten zu lesen) das Raubtier finden. Aber auf dem Weg dahin, kann Munier andere Tiere fotografieren.

Der aus der Reise entstandene Dokumentarfilm „Der Schneeleopard“ ist sehr ruhig, eigentlich schon medidativ mit seinen langen Aufnahmen von menschenleeren Landschaften und den wenigen Gesprächen zwischen Munier und Tesson. Sobald Munier stundenlang bewegungslos auf der Lauer liegt und darauf hofft, einen Schneeleoparden vor sein Kameraobjekt zu bekommen, schweigt er.

Die Musik ist von Nick Cave und Warren Ellis. Beide spielen schon seit Ewigkeiten in der Indie-Rockband „Nick Cave & The Bad Seeds“ zusammen, die einen Hang zum gepflegten Lärm hat. Ihre Filmmusiken sind anders. Auch für „Der Schneeleopard“ schrieben sie einen sehr reduzierten, minimalistischen und, der Landschaft entsprechenden, kargen Soundtrack.

Am Ende des Films ist man nicht unbedingt klüger, aber sehr entspannt. Und das ist doch auch etwas.

Bei den diesjährigen César- und Lumiere-Preisverleihungen wurde „Der Schneeleopard“ als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Der Schneeleopard (La Panthère des Neiges, Frankreich 2021)

Reige: Marie Amiguet, Vincent Munier

Drehbuch: Marie Amiguet, Vincent Munier

mit Vincent Munier, Sylvian Tesson, Schneeleopard, weitere Wildtiere und Einheimische

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Hoemapge zum Film

AlloCiné über „Der Schneeleopard“

Moviepilot über „Der Schneeleopard“

Metacritic über „Der Schneeleopard“

Rotten Tomatoes über „Der Schneeleopard“

Wikipedia über „Der Schneeleopard“


TV-Tipp für den 12. März: Broadway Therapy

März 11, 2022

Für den am 6. Januar 2022 verstorbenen Peter Bogdanovich

ZDFneo, 20.15

Broadway Therapy (She’s funny that way, USA 2014)

Regie: Peter Bogdanovich

Drehbuch: Louise Stratten, Peter Bogdanovich

Ein verheirateter Theaterregisseur bietet einer Prostituierten nach einer Liebesnacht 30.000 Dollar, wenn sie ihren Beruf aufgibt und ihre Träume verfolgt. Etwas später bewirbt sie sich um eine Rolle in einem Stück des Regisseurs – und schon müssen sich alle mit all den Problemen, die wir aus alten Screwball-Komödien kennen, herumschlagen.

Wunderschöne, flotte, zitatreiche Liebeserklärung an die Screwball-Komödie, die im Kino etwas unterging.

mit Imogen Poots, Owen Wilson, Jennifer Aniston, Rhys Ifans, Cybill Shepherd, Will Forte, Kathryn Hahn, Tatum O’Neal, Michael Shannon, Quentin Tarantino

Wiederholung: Montag, 14. März, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Broadway Therapy“

Wikipedia über „Broadway Therapy“ (deutsch, englisch)

Peter Bodganovich über den Film

Peter Bogdanovich über den Film und den ganzen Rest


Neu im Kino/Filmkritik: Pedro Almodóvar erzählt über „Parallele Mütter“ und die spanische Vergangenheit

März 11, 2022

In seinem letzten Film „Leid und Herrlichkeit“ blickt ein älterer Regisseur auf sein Leben zurück und selbstverständlich lud diese Geschichte sofort zu wahrscheinlich vollkommen fehlgeleiteten autobiographischen Deutungen ein.

Diese Frage nach dem autobiographischen Anteil stellt sich bei Pedro Almodóvars neuem Film „Parallele Mütter“ so nicht. Dieses Mal geht es um Frauen, Mütter und Schwangerschaften. Eine dieser Frau wird von Penélope Cruz gespielt. Rossy de Palma und Julieta Serrano, die ebenfalls schon in vielen Almodóvar-Filmen mitspielten, sind in kleineren Rollen wieder dabei. Die zweite Hauptrolle wird von der Neuentdeckung Milena Smit gespielt.

Cruz spielt Janis. Bei einem Fotoshooting verliebt sich die allein lebende Fotografin in Arturo, einen verheirateten forensischen Anthropologen. Ihre Schwangerschaft ist nicht geplant. Arturo will seine kranke Frau nicht verlassen. Janis entschließt sich ohne zu zögern, Arturo nie wieder zu sehen (das ändert sich später) und ihr gemeinsames Kind allein groß zu ziehen.

Im Krankenhaus trifft sie die erheblich jüngere Ana (Milena Smit). Die Siebzehnjährige ist von der Schwangerschaft überfordert, unglücklich und verängstigt. Ihre Mutter ist ihr keine Hilfe. Außerdem muss sie, wie Janis, ihr Kind ebenfalls ohne den Vater großziehen. Janis spendet Mut und nimmt ihr gegenüber die Rolle der Mutter ein. Jedenfalls für die Zeit im Krankenhaus.

Als Janis mehrere Monate später durch einen DNA-Test erfährt, dass sie nicht die Mutter ihrer Tochter Cecilia ist, bricht sie den Kontakt zu Ana ab. In dem Moment vermuten wir, dass im Krankenhaus ihr und Anas Baby vertauscht wurden.

Wieder einige Monate später trifft Janis Ana in der sich vor ihrer Wohnung befindenden Bar. Ana arbeitet dort als Bedienung. Sie erzählt ihr, dass ihre Tochter Anita tot ist. Janis bietet ihr an, bei ihr als Mitbewohnerin einzuziehen. Und auch was jetzt passiert, können wir uns ungefähr denken.

Das ist aber kein Problem. Denn Almodóvar benutzt diesen Thriller-Plot nur, um feinfühlig über einen Zeitraum von drei Jahren aus dem Leben der beiden Frauen und ihrer auf echter Zuneigung, Lügen und Schweigen aufbauenden Freundschaft zu erzählen.

Almodóvar erzählt dies als ein komplexes dialoglastiges Zwei-Personen-Kammerspiel, das für meinen Geschmack immer zu sehr in Richtung TV- oder sogar Smartphone-Bildschirm hin geschrieben und inszeniert ist. In den Großaufnahmen verlangt nichts nach der großen Leinwand. Almodóvar erzählt dieses Melodrama erstaunlich unterkühlt.

In einem zweiten Erzählstrang, der eigentlich nur am Anfang und Ende des Films wichtig ist, geht es um den Umgang mit der Franco-Diktatur. Arturo, den Janis gegen Filmende wieder trifft, will ihr bei der Exhumierung von Opfern der Franco-Diktatur helfen. Um die dafür nötigen Genehmigungen zu erhalten sind langwierige Verfahren und Anträge nötig. Diese Frage der Vergangenheitsbewältigung ist wichtig, aber sie wirkt, als komme sie aus einem vollkommen anderen Film.

Parallele Mütter (Madres paralelas, Spanien 2021)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

mit Penélope Cruz, Milena Smit, Israel Elejalde, Aitana Sánchez-Gijón, Julieta Serrano, Rossy de Palma

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Parallele Mütter“

Metacritic über „Parallele Mütter“

Rotten Tomatoes über „Parallele Mütter“

Wikipedia über „Parallele Mütter“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars “Fliegende Liebende” (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Leid und Herrlichkeit“ (Dolor y gloria, Spanien 2019)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 11. März: Geheimring 99

März 10, 2022

BR, 00.35

Geheimring 99 (The big Combo, USA 1955)

Regie: Joseph H. Lewis

Drehbuch: Philip Yordan

Lieutenant Diamond will den Gangsterboss Mr. Brown unschädlich machen. Der Krieg zwischen beiden eskaliert immer weiter.

Dieses späte Noir-Juwel ist vom ersten bis zum letzten Moment mit sexueller Spannung aufgeladen. „Nahezu unverhüllt thematisierte B-Film-Regisseur Joseph H. Lewis den engen Zusammenhang zwischen unterdrückter Sexualität, sexueller Frustration und exzessiver Gewalt. (…) Es ist eine Welt sexueller Perversion und fatalistischer Abhängigkeit.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)

Mit Cornel Wilde, Richard Conte, Lee Van Cleef, Brian Donlevy, Jean Wallace, Robert Middleton, Earl Holliman

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Geheimring 99”

Wikipedia über “Geheimring 99” (deutsch, englisch)

Noir of the Week über “Geheimring 99”

Film Noir über “Geheimring 99” (mächtig begeistert)

Archive.org: der Film


TV-Tipp für den 10. März: 8 Frauen

März 9, 2022

RBB, 20.15

8 Frauen (8 Femmes, Frankreich 2002)

Regie: François Ozon

Drehbuch: François Ozon, Marina de Van

LV: Robert Thomas: Huit Femmes, 1958/1962 (Theaterstück)

Weihnachten in einem verschneiten Landhaus: In der Nacht wird der Hausherr ermordet. Die Täterin ist eine der acht Frauen, die im Haus sind. Selbstverständlich hat jede von ihnen ein gutes Motiv das Ekel umzubringen. Und ein todsicheres Alibi.

Ein Cozy mit Gesang und einem Darstellerinnenensemble, das über jeden Zweifel erhaben ist und die Crème de la Crème des französischen Films versammelt.

mit Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, Emmanuelle Béart, Fanny Ardant, Virginie Ledoyen, Danielle Darrieux, Ludivine Sagnier, Firmine Richard, Dominique Lamure

Wiederholung: Freitag, 11. März, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „8 Frauen“

Wikipedia über „8 Frauen“ (deutschenglischfranzösisch)

Spiegel: Interview mit Francois Ozon über „8 Frauen“

Blickpunkt Film: Interview mit Francois Ozon über „8 Frauen“

Meine Besprechung von Francois Ozons “In ihrem Haus” (Dans la Maison, Frankreich 2012)

Meine Besprechung von Francois Ozons ”Jung & Schön” (Jeune & jolie, Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Francois Ozons „Eine neue Freundin“ (Une nouvelle amie, Frankreich 2014)

Meine Besprechung von François Ozons „Frantz“ (Frantz, Deutschland/Frankreich 2016)

Meine Besprechung von François Ozons „Der andere Liebhaber“ (L’Amant Double, Frankreich/Belgien 2017)

Meine Besprechung von François Ozons „Gelobt sei Gott“ (Grâce à Dieu, Frankreich 2019)


Ohne Worte

März 9, 2022

Gestern in Berlin-Reinickendorf entdeckt.


Mark Benecke ist im „Viral. Blutrausch“

März 9, 2022

Ich kann zwar nicht sagen, welches Buch ich genau erwartet hätte, aber ich kann sagen, dass ich dieses Buch von Mark Benecke nicht erwartet hätte. Benecke ist bekannt als Kriminalbiologe. Er schreibt Bestseller über seine Arbeit. Er tritt im Fernsehen auf. Er kandidierte in mehreren Wahlen für „Die Partei“ (yep, die Satireveranstaltung). Er ist, um diesen altmodischen Begriff zu gebrauchen, ein bunter Vogel. Seine Lesungen – ich war vor Jahren bei einer dabei – sind kurzweilige, informative Veranstaltungen. „Viral. Blutrausch“ ist sein jetzt erschienenes Romandebüt. Es ist ein Kriminalroman, der vom Verleih als „mitreisende moderne Crime-Noir-Geschichte“ angekündigt wird.

Sie beginnt mit einer Frauenleiche, die mitten auf einer viel befahrenen Hauptstraße hingelegt wurde. Die zweite ermordete Frau wird auf dem Dach eines Parkhauses gefunden. Beide Frauen sind jung, tragen einen weißen Bademantel, haben einen Totenkopf und eine verwelkte Blume in der Hand und sie wurden ausgepumpt. In ihrem Körper befindet sich kein Blut mehr. Es wurde ihnen mit der Hilfe fachkundig benutzter chirurgischer Instrumente entnommen. Die Zeitungen sprechen schnell von Vampir-Morden.

Das Ermittlerteam, das den perversen Serienmörder sucht, besteht aus der fünfundfünfzigjährigen Hauptkommissarin Christine Peterson, ihrer ehrgeizigen jüngeren Kollegin Alina Brinkmeier, ihrem jetzt als Privatermittler arbeitendem, selbstverständlich legendärem Ex-Kollegen Bastian Becker und seiner Partnerin Janina Funke.

Im Zug ihrer Ermittlungen verhaften sie Dulac. Er hält sich für einen Vampir und er veranstaltet entsprechende Motto-Partys. Auf einer dieser Partys arbeitete eine der Toten als Kellnerin. Aber Becker ist überzeugt, dass Dulac, ohne uns irgendeinen Grund zu nennen, nicht der Täter ist.

Wer glaubt, dass Benecke die Morde nimmt, um uns viel über den Zustand von Leichen, Verwesungen und Obduktionen zu erzählen, wird enttäuscht sein. Im Gegensatz zu anderen Fachleuten, die ihr Belletristik-Debüt benutzen, um von ihrer Arbeit zu erzählen, tut Benecke das nicht. Alles, was irgendwie kriminalbiologisch oder forensisch wichtig sein könnte, wird konsequent ignoriert. Und wer, ausgehend von Beneckes Biographie und seinen zahlreichen Mitgliedschaften (die ja auch etwas über Interessen verraten), einen irgendwie ‚ungewöhnlichen Krimi‘ erwartet, wird ebenso enttäuscht sein.

Denn „Viral. Blutrausch“ ist ein typischer deutschsprachiger Krimi, der beliebig Plotelemente aneinderreiht ohne dass daraus eine Story entsteht oder glaubwürdige Figuren miteinander interagieren. Stattdessen wird behauptet („Dulac ist nicht der Täter“, aber warum das so ist, wird einem nicht verraten) und Ermittlungsergebnisse werden uns mitgeteilt. Dabei wäre es viel interessanter, mitzuerleben, wie die Ermittler zu ihren Kenntnissen gelangen. Sowieso finden die entscheidenden Ermittlungen und Ereignisse zwischen den einzelnen Kapiteln des Romans statt. Am Ende wird der Täter aus dem Hut gezaubert. Ein Motiv hat er nicht. Es wird über wichtige Erlebnisse in der Vergangenheit von Becker geraunt, weil heutzutage jeder Kriminaler eine problematische Vergangenheit hat. Auch wenn sie mit dem aktuellen Fall nichts zu tun hat. Das liest sich wie das angewandte Produktionshandbuch für den nächsten TV-Krimi, irgendwo zwischen dem allwöchentlichem „Tatort“ und einer beliebigen „Soko“-Folge.

Schon bei der Lektüre fragte ich mich, warum Benecke ein so langweiliges Buch schreibt, das, wenn es in einer irgendwann einmal namentlich genannten oder erkennbaren Stadt spielen würde, ein bestenfalls durchschnittlicher Regiokrimi wäre.

Ach ja, und Noir ist an dem Werk nichts.

Mark Benecke (mit Dennis Sand): Viral. Blutrausch

Benevento, 2022

232 Seiten

20 Euro

Hinweise

Homepage von Mark Benecke

Wikipedia über Mark Benecke