Schlechte Stimmung im Pott: Stahlarbeiter demonstrieren gegen drohende Massenentlassungen. Die mit 500.000 DM gefüllte Streikkasse wird geklaut. Ein Gewerkschaftsfunktionär wird ermordet. Kommissar Schimanski ermittelt zwischen und hinter allen Fronten.
Mit viel Ruhrpott-Patina gesättigter Schimanski-Krimi, der seine Geschichte nah an damals aktuellen Schlagzeilen und Konflikten entlang erzählt. Rio Reiser liefert den Streikenden die revolutionäre musikalische Unterstützung.
Mit Götz George, Eberhard Feik, Ulrich Matschoss, Thomas Rech, Sabine Postel, Michael Brandner, Miroslav Nemec, Axel Götz, Ludger Pistor, Rio Reiser
Klassiker über zwei Sträflinge, die aneinandergekettet sind, und deshalb bei ihrer Flucht kooperieren müssen. Weil der eine ein Weißer, der andere ein Afroamerikaner ist, hassen sie sich. Gelingt es ihnen, ihre Vorurteile überwinden?
Stanley Kramers enorm erfolgreicher Film (außer in den Südstaaten) ist ein heute immer noch aktueller Aufruf gegen Rassismus und zur Toleranz.
„Packender, visuell starker und ausgezeichnet gespielter Film – in seinen moralischen Absichten vielleicht etwas überdeutlich.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Tony Curtis, Sidney Poitier, Theodore Bikel, Charles McGraw, Lon Chaney Jr., Claude Akins
Was bestimmt unser Leben? Zufall oder Bestimmung? In ihrem Spielfilmdebüt geht Mariko Minoguchi dieser Frage anhand eines gegensätzlichen Paares und mehrerer schicksalshafter Ereignisse nach. Nora treibt ziellos vor sich hin. Aron ist ein ambitionierter Physik-Dokorand. In seiner Arbeit, deren These er am Filmanfang ausführlich erklärt, will er beweisen, dass es keine Zufälle gibt, sondern dass alles einem vorher bestimmten Plan folgt. Zum Beispiel, dass er Nora kennen lernte. Allein schon ihre Namen Nora und, rückwärts gelesen, Aron zeigten das. (Schnelle persönliche Notiz: ich muss meinen Eltern für meinen Namen danken und meine Lexa suchen.)
Eines Tages geraten Aron und Nora in einen Banküberfall. Aron wird angeschossen und stirbt kurz darauf im Krankenhaus. Dieser Überfall ist der Kulminationspunkt für die verschiedenen Geschichten, die Minoguchi auf mehreren Zeitebenen. Dabei geht es immer um die Frage, ob Arons Tod ein dummer Zufall war oder ob er von Anfang an vorherbestimmt war. Und ob, kurz nach Arons Tod, Noras Begegnung mit Natan Zufall oder wieder Schicksal ist. Jedenfalls spürt sie eine seltsame Verbundenheit zu ihm.
Natans Geschichte ist, daraus macht der Film kein großes Geheimnis, selbstverständlich mit ihrem Leben verbunden und, ja, sie sind sich schon einmal begegnet. Durch Arons Tod und den danach folgenden Ereignissen steht Nora irgendwann vor einer Entscheidung, die Natans Leben entscheidend beeinflussen kann. Vor dieser Entscheidung steht sie allerdings nur, weil sie vorher Natan traf und Aron getötet wurde. Damit stellt sich wieder die Frage, ob alles Zufall ist oder alles einem vorher bestimmten Plan folgt.
Minoguchi erzählt die Geschichte von Nora, Aron und Natan nicht chronologisch. Sie wählte eine „elliptische, puzzleartige Erzählweise, um für den Zuschauer, für die Dauer des Films, die Zeit anders erlebbar zu machen“ (Minuguchi).
Dieses Erzählen auf mehreren Zeitebenen, die man nicht unbedingt sofort eindeutig zuordnen kann, führt dazu, dass man in „Mein Ende. Dein Anfang.“ viel Zeit damit verbringt, die einzelnen Szenen in einen zeitlichen Verlauf und in eine Dramaturgie einzuordnen, in der jedes Ereignisse eine genau definierte Ursache hat.
Gleichzeitig sind die einzelnen Szenen willkürliche Teile einer größeren Geschichte, die als einzelne Szene, manchmal auch nur wegen des Zeitpunkts, an dem sie im Film gezeigt werden, nicht überzeugen. Auch das nach gut zwei Stunden entstandene Gesamtbild überzeugt nicht. Es regt nicht zum Nachdenken an. Im Gegensatz zu Denis Villeneuves grandioser Ted-Chiang-Verfilmung „Arrival“, die uns in die Welt des nichtlinearen Denkens einführte.
Dagegen ist „Mein Ende. Dein Anfang.“ nur ambitioniertes Kunstkino.
Mein Ende. Dein Anfang. (Deutschland 2019)
Regie: Mariko Minoguchi
Drehbuch: Mariko Minoguchi
mit Saskia Rosendahl, Edin Hasanovic, Julius Feldmeier, Emanuela von Frankenberg, Hanns Zischler, Jeanette Hain
The Witch (The Witch: A New-England Folktale, Kanada/USA 2015)
Regie: Robert Eggers
Drehbuch: Robert Eggers
Neuengland, 1630: Die sehr (aber)gläubischen puritanischen Siedler glauben, dass die pubertierende Thomasin eine Hexe ist. Und was verbirgt sich im Wald?
TV-Premiere. Der Horrorfilm ist das überzeugende Regiedebüt von Robert Eggers. Sein ebenfalls überzeugender neuer Horrorfilm „Der Leuchtturm“ läuft seit Donnerstag im Kino.
Nach der Finanzkrise überlegen einige Stripperinnen, wie sie an Geld kommen können. Dabei erinnern sie sich an ihre alte Kundschaft, die spendierfreudigen Wall-Street-Banker, und an ihre Talente, die sie jetzt mit zunehmend geschärftem kriminellem Bewusstsein einsetzen.
Diese Art der Geldbeschaffung sorgt dann für andere Probleme, Ärger mit dem Gesetz und eine lange „New York Magazine“-Story, die jetzt von Lorene Scafaria nach ihrem Drehbuch, mit einem fast rein weiblichen Cast (u. a. Jennifer Lopez) und, immerhin spielt der Film in der Welt der Stripclubs, viel nackter Haut verfilmt wurde. Wobei der Anteil nackter Haut in Deutschland gerade so für eine FSK-12-Freigabe reichte. In den prüderen USA gab es ein R-Rating und ein gutes Einspielergebnis an der Kinokasse.
Den Rahmen des Films bildet ein Geständnis von Destiny (Constance Wu). Sie spricht direkt zu ihrer erst sehr spät im Film gezeigten Gesprächspartnerin. Ihr Blick ist in den Kinosaal gerichtet und damit werden wir Zuschauer zu Destinys Vertrauten und Verbündeten. Sie erzählt, wie sie zu einer Stripperin wurde. Sie braucht Geld für ihre bedürftige Großmutter und sich. Und als Stripperin scheint man sehr schnell sehr viel Geld zu verdienen. Sie wird von Ramona (Jennifer Lopez), der Königin des Clubs, unter die Fittiche genommen. Vor der Bankenkrise verdienen sie im Stripclub als glückliche Familie viel Geld.
Nach der Bankenkrise, als viele Wall-Street-Banker nicht mehr kommen und die, die doch noch kommen, sie mit 1-Dollar-Noten abspeisen, haben sie eine höchst illegale Idee um für den dringend nötigen Unterhalt zu sorgen. Denn sie sind nicht nur Stripperinnen, sondern auch Mütter, die ihre Kinder groß ziehen und ein fast schon bürgerliches Leben leben.
Scarafia zeichnet die Welt im Stripclub und die Stripperinnen als eine Frauengemeinschaft, in der die Stripperinnen sich nicht von anderen Frauen unterscheiden. Hinter der Bühne werden Gesundheits- und Schönheitstipps ausgetauscht und über die Kundschaft getratscht.
Das erinnert an Steven Soderberghs ungleich gelungeneres Drama „Magic Mike“ über die unbekannte Welt männlicher Stripper, ihre Träume und ihren Kampf ums Überleben. Bei ihm und Scarafia ist der Stripclub eine sehr offensichtliche Metapher für den US-amerikanischen Kapitalismus, bei dem sich alles um Geld dreht.
Es gibt allerdings einen gewaltigen Unterschied. Bei Soderbergh arbeiten die Stripper in einem ungewöhnlichen, gesellschaftlich nicht angesehenem Beruf, aber sie übertreten keine Gesetze.
Bei Scarafia werden die Stripperinnen zu Verbrecherinnen. Sie nehmen die reichen Wall-Street-Banker aus, die mit ihren Spekulationen das Geld von Millionen Amerikaner verbrannten und die sich durchgehend wie Arschlöcher verhalten. Zuerst indem sie sie mit Alkohol gefügig machen und sie dann überhöhte Rechnungen bezahlen lassen. Später indem sie mit Drogen nachhelfen und die Kreditkarten der Betäubten bis zum Limit ausschöpfen. Ihre Opfer zahlen und schweigen aus Scham darüber, von einer Gruppe Frauen ausgenommen worden zu sein.
Aber Ramona, Destiny und die anderen Stripperinnen tun es nicht als weibliche Robin Hoods. Sie wollen das Geld für sich haben. Sie wollen es für Luxusgüter ausgeben. Skrupel oder ein schlechtes Gewissen haben sie nicht. Letztendlich unterscheiden sich sich nicht von ihren Opfern. Entsprechend überschaubar bleibt dann die Sympathie für sie. Gleichzeitig fällt die Kritik am Kapitalismus, seinen Exzessen und seiner verlogenen Moral erstaunlich zahm aus.
So befriedigt „Hustlers“ am Ende, wie eine Stripshow, in der wohlproportionierte, junge, gutaussehende Frauen vor Geld werfenden Männern tanzen, vor allem Oberflächenreize.
Wenige Tage bevor Edward Nortons sehr freie Jonathan-Lethem-Verfilmung „Motherless Brooklyn“ (mit ihm in der Hauptrolle) bei uns am 12. Dezember anläuft, gibt es einen älteren Spielfilm mit ihm
RTL 2, 20.15
The Score (The Score, USA/Deutschland 200)
Regie: Frank Oz
Drehbuch: Kario Salem, Lem Dobbs, Scott Marshall Smith (nach einer Geschichte von Daniel E. Taylor und Kario Salem)
Hehler Max überredet den immer allein arbeitenden Profieinbrecher Nick Wells zu einem Einbruch ins ausgezeichnet gesicherte Zolllager von Montreal. Dort ist für einige Tage ein wertvolles Königszepter. Die Pläne erhält Nick dank eines Insiders. Dummerweise will der Insider bei dem Coup nicht nur helfende Hand sein.
Drei Schauspielgiganten in einem amüsanten Caper.
“The Score” ist der letzte Film von Marlon Brando. Nach mehreren, sehr höflich formuliert, schlechten Werken, gelang ihm mit dem elegant, altmodischen “The Score” ein würdevoller Abschied.
Mit Robert De Niro, Edward Norton, Marlon Brando, Angela Bassett, Gary Farmer, Paul Soles
Schon in den ersten Minuten sät Bill Condon in „The good Liar – Das alte Böse“ die Saat des Zweifel. Betty McLeish (Helen Mirren) und Roy Courtnay (Ian McKellen) erstellen, jeder für sich, rauchend und Alkohol trinkend, bei einer Online-Agentur ein Dating-Profil. Selbstverständlich sagen sie da nicht immer die Wahrheit. Als sie sich kurz darauf in London in einem noblen Café zu ihrem ersten Date treffen, gestehen sie sich einige der getätigten Schwindeleien. Aber was verbergen McLeish und Courtnay noch? Bei Courtnay wissen wir schnell, dass er ein Berufsgauner ist, dessen Leben aus Trickbetrügereien besteht. Skrupel kennt er nicht. McLeish soll sein nächstes Opfer sein.
Ian McKellen spielt diesen ebenso skrupellosen, wie charmanten, langsam in die Jahre kommenden Trickbetrüger mit sichtlicher Freude. Courtnays einzige Sorge ist, dass er wieder ein Opfer aus einem früheren Betrug trifft und dieses Opfer sich von ihm nicht bequatschen lässt. Aber da gibt es zur Not die U-Bahn.
Was McLeish verbirgt, ist lange, sehr lange, unklar. Klar ist allerdings, dass McLeish nicht die vertrauensselige, leicht tütelige, begüterte alte Dame ist, als die sie auftritt. Das zeigt Helen Mirren mit kleinsten Gesten und minimal irritierenden Gesichtsausdrücken. Außerdem kennen wir sie seit „RED“ und „Fast & Furious“ als Dame, die ohne erkennbare Skrupel ihren Willen durchsetzt. Auch als Alma Reville in „Hitchcock“ hatte sie es faustdick hinter den Ohren. So eine Frau ist nicht das Opfer eines Heiratsschwindlers.
Dieses Duell zwischen Helen Mirren und Ian McKellen steht im Zentrum von „The good Liar – Das alte Böse“. Bill Condon inszenierte das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden alten Herrschaften als betuliches Schauspielerkino, das sich vor allem auf Mirren und McKellen blind verlassen kann und verlässt.
Ihr Spiel ist so unterhaltsam und Condons Regie so souverän unauffällig, dass man gerne über die unglaubwürdigeren Momente der Geschichte hinwegsieht. Diese häufen sich in der zweiten Hälfte, wenn wir mehr über Betty McLeish und ihre Vergangenheit erfahren.
Und, soviel kann verraten werden, es hat einen Grund, weshalb die Geschichte 2009 spielt.
The good Liar – Das alte Böse (The good Liar, USA 2019)
Regie: Bill Condon
Drehbuch: Jeffrey Hatcher
LV: Nicholas Searle: The good Liar, 2016 (Das alte Böse)
mit Helen Mirren, Ian McKellen, Russell Tovey, Jim Carter, Mark Lewis Jones, Laurie Davidson, Phil Dunster, Lucian Msamati, Aleksandar Jovanovic
Nach all den unterschiedlich schlechten Teenie-Slasher-Folter-Horrorfilmen, die jedes Jahr zu Halloween die Kinosäle fluten, ist „Der Leuchtturm“ ein Horrorfilm für den Cineasten, der regelmäßig Arte sieht.
Im Mittelpunkt des 1890 an der Küste Neuenglands spielenden Schauermärchens mit viel Seemansgarn stehen zwei Männer, die auf einer einsamen Insel mit „einem gigantischen Phallussymbol-Leuchtturm“ (Regisseur Robert Eggers) gemeinsam einige Wochen miteinander verbringen müssen. Es sind Ephraim Winslow (Robert Pattinson) und Thomas Wake (Willem Dafoe). Der alte Leuchtturmwärter Wake ist ein knurriger und herrischer Trinker, der von Anfang an festlegt, wer hier Chef und wer Diener ist.
Winslow ist zum ersten Mal auf der Insel. Vorher war er Holzfäller mit zweifelhafter Vergangenheit. Er muss die körperlich anstrengenden Handlangerdienste machen. Manchmal sieht er dabei eine Meerjungfrau, die er sexuell begehrt. Abends fließt reichlich Alkohol.
Dass diese ungute Mischung aus Alkohol, unterdrückten sexuellen Trieben, Todesahnungen, physischen und psychischen Repressalien, gegenseitiger, sich steigernder Abneigung und sich ebenfalls steigerndem Wahnsinn kein gutes Ende nimmt, ist von Anfang an absehbar.
Für Robert Eggers („The Witch“) ist diese Geschichte das Vehikel für seine Liebeserklärung an den Stummfilm und die Ästhetik des Stummfilms. Deshalb ist „Der Leuchtturm“ ein SW-Film, gedreht im fast quadratischen 1,19:1-Bildformat mit einer Panavision Millennium XL2-Kamera und Baltar-Linsen aus den 1930er Jahren. Das führt zu kontrastreichen Bildern, wie man sie aus Stummfilmen und frühen Tonfilmen kennt. Die bärtigen Gesichter von Robert Pattinson und Willem Dafoe erinnern an damalige Porträts. Auch die Kamerabewegungen und das Schnitttempo passen sich dieser aus Stummfilmen bekannten Ästhetik an. Oft beobachtet die Kamera Winslow oder Wake über eine längere Zeit. Die regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten der beiden Leuchtturmwärter bestehen aus Halbtotalen und Nahaufnahmen, in denen sich über mehrere Minuten die Spannung zwischen ihnen steigert.
Auf das Einblenden von Texttafeln verzichtet Eggers dann doch in seinem dialogarmen Film. Diese Dialoge sind dann von Herman Melville, Robert Louis Stevenson, H. P. Lovecraft und Algernon Blackwood inspiriert.
Die Symbole, vor allem die für sexuelles Begehren und den Tod, sind aufgrund der gewählten Stummfilmästhetik teilweise störend überdeutlich. Zum Glück fehlt im Film die in Cannes bei der Premiere gezeigte Szene, in der der Leuchtturm zu einem erigiertem Penis wird. Dieses Bild überschreitet schon in meiner Fantasie die Grenze von überdeutlich zu pubertär.
„Der Leuchtturm“ ist ein intensives, glänzend gespieltes und inszeniertes Schauermärchen, das vor allem eine Liebeserklärung an den Stummfilm ist. Für Cineasten ist diese Reise in den Wahnsinn ein Pflichttermin, der in einem dunklen Kinosaal auf einer großen Leinwand mühelos seine klaustrophobische Wirkung entfalten kann.
Der Leuchtturm (The Lighthouse, USA 2019)
Regie: Robert Eggers
Drehbuch: Robert Eggers, Max Eggers
mit Robert Pattinson, Willem Dafoe, Valeriia Karaman
Der Krieg des Charlie Wilson (Charlie Wilson’s War, USA 2007)
Regie: Michael Nichols
Drehbuch: Aaron Sorkin
LV: George Crile: Charlie Wilson’s War: The Extraordinary Story of the Largest Covert Operation in History, 2003 (Der Krieg des Charlie Wilson)
Auf Tatsachen basierende, von der Kritik abgefeierte und für viele Preise nominierte Polit-Komödie über den liberal-demokratischen Kongressabgeordneten Charlie Wilson, der in den Achtzigern half den afghanischen Widerstand gegen die Sowjets finanziell und mit Waffen zu unterstützten.
Die Folgen – nun, heute kennen wir die weitere Geschichte von Afghanistan, den Taliban und von Al-Qaida.
Mit Tom Hanks, Julia Roberts, Philip Seymour Hoffmann, Amy Adams, Ned Beatty, Emily Blunt, Michael Spellman
Am 13. und 14. Januar 1972 gab Aretha Franklin in der Missionary Baptist Church in Watts, Los Angeles, zwei Konzerte, die aufgezeichnet wurden. Die aus den an den Abenden gesungenen Liedern zusammengestellte Doppel-LP „Amazing Grace“ wurde kurz danach veröffentlicht und sie verkaufte sich wie geschnitten Brot. Bis heute ist sie das meistverkaufte Live-Gospelalbum aller Zeiten und Aretha Franklins erfolgreichstes Album. Der ebenfalls geplante Film verschwand dagegen in den Archiven.
Spielfilmregisseur Sydney Pollack, der als Fan von Aretha Franklin unbedingt den Film machen wollte und der keine Erfahrung mit Dokumentar- und Konzertfilmen hatte, hatte Bild und Ton unabhängig voneinander aufgenommen. Weil es keine Markierungen gab, die Bild und Ton eindeutig zuordneten, war es nachträglich fast unmöglich die einzelnen Bilder bestimmten Tönen zuzuordnen. 2007 wurde, auf Pollacks Drängen, ein neuer Versuch unternommen, aus dem Material eine Film herzustellen. Der mit Pollack befreundete Produzent Alan Elliott übernahm die Verantwortung. Pollack starb am 26. Mai 2008. Mit neuen digitalen Techniken gelang die Synchronisation von Bild und Ton. 2011 sollte der Film öffentlich aufgeführt werden.
Aber in dem Moment und den folgenden Jahren verweigerte Aretha Franklin aus nie restlos geklärten Gründen diese Veröffentlichung. Franklin starb am 16. August 2018. Ihre Familie stimmte jetzt einer Veröffentlichung des Konzertfilms zu.
Und das Warten hat sich, auch wenn man die Musik bereits kennt, gelohnt.
Denn „Aretha Franklin: Amazing Grace“ ist eine Zeitkapsel, die einen Blick in eine Zeit eröffnet, als Zuschauer und Konzertbesucher noch einen ganz anderen Umgang mit Kameras hatten. Und ein richtiger Konzertfilm ist er auch nicht. Es handelt sich um eine Mischung aus öffentlichen Proben und den Aufnahmen für eine LP vor Live-Publikum. Die Konzertbühne steht mitten im Kirchensaal und die Kirche sieht wie eine Lagerhalle aus, in die einige Bänke gestellt wurden. Ein Konzertbeleuchtung gibt es nicht. Dafür ist der gesamte Saal hell erleuchtet. Die wenigen Reihen der Kirche sind sogar erstaunlich spärlich besetzt. Und während des Konzert bricht Aretha Franklin immer wieder mitten im Lied ab, um danach noch einmal zu beginnen. Oder sie bespricht mit ihren Musikern, wie das nächste Lied gespielt werden soll.
Vor dem Konzert erklärt Reverend James Cleveland in seiner Kirche, dass die Konzerte aufgezeichnet würden, das Publikum trotzdem wie bei einem normalen Gospelgottesdienst mitsingen und -klatschen solle und sich dabei nicht von den Kameras stören lassen solle. Das funktioniert nur teilweise. Immer wieder blicken die Zuschauer irritiert in die Kameras und überlegen, wie sehr sie sich von der Musik mitreisen lassen sollen. Dass irgendwann Mick Jagger und Charlie Watts am Eingang stehen und ruhig zuhören, bemerken sie nicht.
Währenddessen sind Pollack und die Kameramänner, denen er mit seinen Händen Anweisungen gibt, immer wieder deutlich sichtbar im Bild. Teilweise laufen sie auch durch das Bild. Solche Bilder sind heute auch bei Konzertmitschnitten fast undenkbar.
Aretha Franklin (vocal, piano), ihre Band (Cornell Dupree [guitar], C.L. Franklin [vocals], Kenneth ‚Ken‘ Lupper [organ], Pancho Morales [congas, percussion], Bernard Purdie [drums], Chuck Rainey [bass]), Reverend James Cleveland (piano), der Southern California Community Choir (unter der Leitung von Alexander Hamilton) und einige Überraschungsgäste singen sattsam bekannte Gospelsongs wie „What a Friend we have in Jesus“, „How I got over“, „You’ve got a Friend“, „Mary don’t you weep“, „My sweet Lord“ und, selbstverständlich, „Amazing Grace“. Dabei sind nicht alle Lieder auf der Doppel-LP (inzwischen CD) und dem Film identisch. Außerdem unterscheidet sich die Abfolge der Lieder im Film von der Reihenfolge auf der Doppel-LP. Aber weil die Abende öffentliche Aufnahmen vor einem Live-Publikum waren, stört das nicht. Auch dass Aretha Franklins Garderobe manchmal innerhalb eines Liedes wechselt, stört nicht. Die Musik trägt mühelos darüber hinweg. Es sind Details, die die Authentizität des Gezeigten steigern und einen Blick in eine andere Zeit ermöglichen.
Aretha Franklin: Amazing Grace (Amazing Grace, USA 2018)
Regie: Alan Elliottt, Sydney Pollack
Drehbuch: Alan Elliott, Sydney Pollack
mit Aretha Franklin, James Cleveland, C. L. Franklin, Mick Jagger, Alexander Hamilton, Southern California Community Choir, Cornell Dupree, Kenneth Lupper, Pancho Morales, Bernard Purdie, Chuck Rainey, Clara Ward, Sydney Pollack, Charlie Watts
Die Klapperschlange (Escape from New York, USA 1981)
Regie: John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter, Nick Castle
USA, 1997: Manhattan wurde zum Gefängnis umfunktioniert, in dem Verbrecher den Ton angeben. Durch einen dummen Zufall muss das Flugzeug des US-Präsidenten in Manhattan notlanden. Da hat der Polizeichef eine geniale Idee: Er bietet dem rauhbeinigen Knacki Snake Plissken die Freiheit an, wenn er den US-Präsidenten lebendig aus Manhattan herausholt. Zur Motivationsförderung lässt er Plissken zwei Sprengkapseln implantiert.
Ein schön zynischer, dystpischer SF-Klassiker und ein John-Carpenter-Klassiker.
„einer der spannendsten Filme der letzten Jahre, sorgfältig inszeniert, wenn auch recht gewalttätig.“ (Fischer Film Almanach 1982)
mit Kurt Russell, Lee Van Cleef, Ernest Borgnine, Donald Pleasence, Isaac Hayes, Harry Dean Stanton, Adrienne Barbeau, Tom Atkins
Das Wunder von Wörgl (Österreich/Deutschland 2018)
Regie: Urs Egger
Drehbuch: Thomas Reider
1932 war auch in Österreich die Arbeitslosigkeit hoch. In dem Moment entschließt sich in Tirol der Bürgermeister von Wörgl, Michael Unterguggenberger, zu einem Großexperiment. Ausgehend von den Ideen des Finanztheoretikers Silvio Gesell wagt er für die gesamte Stadt ein Finanzexperiment: damit Geld nicht gehortet wird, sondern investiert wird, wird es jeden Monat um einen bestimmten Betrag entwertet. Die Idee dahinter ist, dass die Menschen dann das Geld investieren, die Wirtschaft zum Laufen bringen und Arbeitsplätze schaffen.
Ökonomisch Interessierte haben von dem erfolgreichen Freigeld- bzw. Schwundgeldexperiment schon gehört. In seinem Drama erzählt Regisseur Urs Egger diese Geschichte jetzt für die breite Öffentlichkeit und das anscheinend sehr gut.
mit Karl Markovics, Verena Altenberger, Aaron Friesz, Gerhard Liebmann, Harald Windisch, Andreas Lust, Johannes Herrschmann, Konstanze Dutzi, Reinhard Forcher
„Im Stil der Pulp Fiction, der Groschenromane und B-Pictures aus den 30er und 40er Jahren, komprimiert Quentin Tarantino eine Handvoll Typen und Storys zu einem hochtourigen Film noir (…) Ein ausgezeichnetes Darsteller-Ensemble, eine intelligente Inszenierung und ein gutes Timung durch flotte Schnitte tragen dazu bei, dass Blutorgien mit Slapstick und bitterer Zynismus mit leichter Ironie so raffiniert ineinander übergehen oder aufeinander folgen, dass die Brüche und Übergänge nicht stören.“ (Fischer Film Almanach 1995)
Tarantino erzählt von zwei Profikillern, die zuerst Glück und dann Pech bei ihrer Arbeit haben, einem Boxer, der entgegen der Absprache einen Boxkampf gewinnt und sich dann wegen einer Uhr in Lebensgefahr begibt, einem Gangsterpärchen, das ein Schnellrestaurant überfällt, einem Killer, der die Frau seines Chefs ausführen soll und in Teufels Küche gerät, einer Gangsterbraut, die eine Überdosis nimmt, einem Killer, der zum Christ wird und von einem Tanzwettbewerb.
Kurz: wir haben mit einem Haufen unsympathischer Leute eine verdammt gute Zeit.
Der Kassenknüller erhielt zahlreiche Preise, aber für Krimifans zählt natürlich nur der gewonnene Edgar.
Mit Tim Roth, Harvey Keitel, Uma Thurman, Amanda Plummer, John Travolta, Samuel L. Jackson, Bruce Willis, Rosanna Arquette, Ving Rhames, Eric Stoltz, Christoper Walken, Quentin Tarantino, Steve Buscemi
Südamerika, 1750: Pater Gabriel will im Urwald Indios bekehren. Begleitet wird er bei seiner gefährlichen Reise von einem bekehrten ehemaligen Sklavenhändler. Gemeinsam geraten sie in politische Machtkämpfe.
Bildgewaltiges Epos, das in Cannes die Goldene Palme erhielt.
„‚Mission‘ ist totales Kino mit Pathos und moralischem Anspruch. Der Film erinnert an ein unrühmliches Kapitel der europäischen Kolonialgeschichte und steht auf Seiten der Missionare und Indianer.“ (Fischer Film Almanach 1988)
Ennio Morricone schrieb einen hochgelobten Soundtrack.
Robert Bolt schrieb auch die Drehbücher für „Lawrence von Arabien“, „Doktor Schiwago“, „Ryans Tochter“ (läuft am Sonntag, den 1. Dezember, um 20.15 Uhr auf Arte) und „Die Bounty“.
mit Robert De Niro, Jeremy Irons, Liam Neeson, Aidan Quinn
LV: Patricia Highsmith: The Price of Salt, 1952 (Erstveröffentlichung unter dem Pseudonym Claire Morgan; Wiederveröffentlichung unter ihrem Namen als „Carol“, deutsche Titel „Salz und sein Preis“ und „Carol oder Salz und sein Preis“)
New York, 1950: zwei Frauen verlieben sich ineinander – und verstoßen damit gegen die gesellschaftlichen Konventionen.
Gelungene, sehr stilbewusste und sensible Patricia-Highsmith-Verfilmung, die kein Kriminalfilm (was man bei Highsmith ja erwartet), sondern eine tragische Liebesgeschichte ist.
Bernadette Fox (Cate Blanchett) verlässt ihr Haus in Seattle nur selten; – wobei Haus die falschen Assoziationen weckt. Es ist ein von Brombeerhecken umranktes herrschaftliches Anwesen, das inzwischen eine richtiggehende Bruchbude ist. Dort lebt die ehemalige Stararchitektin mit ihrem liebevollen Mann Elgie (Billy Crudup), einem IT-Manager bei Microsoft, und ihrer fünfzehnjährigen, sehr, sehr begabten Tochter Bee (Emma Nelson). Sie sind eine wirklich harmonische Familie, die immer auch Raum für Fantasie und etwas, fast schon britische Schrulligkeit hat. Wobei Bernadettes Schrulligkeit auch von ihrer Psyche und den Tabletten kommen kann.
Jetzt wünscht Bee sich eine gemeinsame Reise in die Antarktis. Bernadette ist entsetzt, weil sie dafür ihr sie beschützendes Haus verlassen müsste.
Ab diesem Moment wartet man auf den Beginn der Reise. Oder wenigstens wie Bernadette versucht, diese Reise zu verhindern. Stattdessen reiht Richard Linklater zunehmend redundante Szenen aus dem Leben von Bernadette, Elgie und Bee aneinander. Das ist immer witzig, genau beobachtet und gut gespielt. Vor allem Cate Blanchett kann als Bernadette brillieren.
Aber es ist ein Stillstand, in dem Bernadette sich gut eingerichtet hat. Denn nichts deutet darauf hin, dass sie ihre momentane Lebenssituation verändern möchte. Das augenfälligste Symbol dafür ist das Haus, in dem sie leben. Es ist ein Ruine, ein Schandfleck in dem noblen Viertel. Bernadette unternimmt noch nicht einmal halbherzige Versuche, es zu renovieren. Stattdessen telefoniert sie ständig mit ihrer abwesenden Sekretärin, lässt sich Pakete anliefern und fährt Bee zur Schule. Ihre Vergangenheit als große Hoffnung der Architektur hat sie hinter sich gelassen zugunsten eines privilegierten Lebens in der Provinz (Sorry, Seattle.). Der Grund für diesen Rückzug wird erst spät enthüllt und er überzeugt nicht wirklich. Oder anders gesagt: wenn das der Grund war, ist bei ihrem nächsten Architekturprojekt für einen fremden Auftraggeber die nächste Katastrophe schon vorprogrammiert.
Dieser Stillstand wird erst spät in dem Film überwunden, wenn Bernadette ohne sich von Elgie und Bee zu verabschieden in Richtung Antarktis verschwindet. Elgie und Bee verfolgen sie und auf dieser Reise scheinen sie sich immer nur um Tage und Stunden zu verpassen.
„Bernadette“ ist ein Feelgood-Roadmovie, das sich viel zu spät auf die Reise begibt.
Bernadette (Where’d you go, Bernadette, USA 2019)
Regie: Richard Linklater
Drehbuch: Richard Linklater, Holly Gent Palmo, Vincent Palmo
LV: Maria Semple: Where’d you go, Bernadette, 2012 (Wo steckst du, Bernadette?)
mit Cate Blanchett, Kristen Wiig, Billy Crudup, Emma Nelson, Laurence Fishburne, Troian Bellisario, Judy Greer, Steve Zahn
Die Erinnerungen eines erblindeten Drehbuchautoren an eine nicht fertig gestellte Komödie, seine große Liebe und einen für sie tödlichen Autounfall dienen Almodóvar als Ausgangspunkt für einen Film im Film im Film – und wir Zuschauer sind nie verwirrt, sondern verzaubert, wenn flugs und zitatreich die Zeitebenen und Genres gewechselt werden.
Für das „Lexikon des internationalen Films“ gehört „Zerrissene Umarmungen“ „zum Anrührendsten und Schönsten, was das europäische Kino aktuell zu bieten hat“.
mit Penélope Cruz, Lluís Homar, Blanca Portillo, José Luis Gómez, Rubén Ochandiano, Tamar Novas
Katharine Gun (Keira Knightley) ist eine junge Übersetzerin beim britischen Nachrichtendienst GCHQ. Am 31. Januar 2003 liest sie bei ihrer Arbeit eine streng geheime E-Mail des US-amerikanischen Geheimdienstes NSA. Mit der Mail werden sie aufgefordert, fünf Mitgliedstaaten des UN-Sicherheitsrats auszuspionieren. Mit dem Material sollen diese Staaten zur Zustimmung einer UN-Resolution für den Irakkrieg erpresst werden. Damals war die von den USA forcierte Invasion in den Irak heftig umstritten. Die von der amerikanischen Regierung unter Präsident George W. Bush präsentierten Beweise für die irakischen Massenvernichtungsmittel waren schon damals sehr dünn und viele bezweifelten sie. Heute ist bekannt, dass sie falsch waren. Die britische Regierung unter Premierminister Tony Blair bemüht sich in den Monaten um möglichst blinden Gehorsam gegenüber den USA. Beide Länder wollten eine UN-Resolution, um eine völkerrechtliche Legitimation für den Angriff auf den Irak zu haben.
Als Gun das Memo liest, ist sie schockiert und empört über den Rechtsbruch zu dem sie aufgefordert werden.
Nach längerem Zögern gibt sie eine Kopie der E-Mail an die Anti-Kriegs-Aktivistin Yvonne Ridley, die es an einen vertrauenswürdigen Journalisten weitergeben soll. Nach einer ausführlichen Recherche veröffentlicht der „Observer“ am 2. März 2003 die Geschichte.
Sofort danach beginnt im Nachrichtendienst die Jagd nach dem Verräter. Offiziell wird die Echtheit des NSA-Memos bestritten.
Damit ihr Geheimnisverrat nicht umsonst war, gesteht Gun ihre Tat. Sie wird wegen eines Verstoßes gegen den „Official Secrets Act“ angeklagt und zum Schweigen verdonnert. Auch gegenüber ihren Anwälten.
Und auch wenn Gavin Hood in seinem spannenden, auf Tatsachen basierendem Thriller „Official Secrets“, noch erzählt, wie Katharine Gun mit der auf Menschenrechtsverletzungen spezialisierten Kanzlei Liberty und dem erfahrenen Anwalt Ben Emmerson (Ralph Fiennes) gegen ihre Verurteilung kämpft, sagte ich mir in diesem Moment, philosophisch, nicht juristisch geschult, dass die Ankläger mit ihrer Klage in eine Falle gelaufen waren, die sie selbst aufgestellt hatten. Sie behaupteten, dass Gun Geheimnisse verraten habe. Sie leugneten im gleichen Moment, dass das NSA-Memo echt sei; – was dann ja hieße, dass sie kein Geheimnis verraten habe und damit die Anklage nichtig sei.
Gleichzeitig verweigerten sie ihr für ihre Verteidigung den Zugriff auf Dokumente, die ihre Unschuld beweisen könnten, weil alle diese Dokumente geheim sein. Und sie sagten, dass sie nichts über und gegen die Anklage sagen dürfe, weil sie aufgrund der von ihr unterschriebenen Arbeitsverträge zum Stillschweigen verpflichtet sei.
Die Verteidigung plant dann eine andere Verteidigungsstrategie. Am 25. Februar 2004 steht sie vor Gericht. Angeklagt als Geheimnisverräterin.
Hood erzählt diese Geschichte chronologisch, den verschiedenen Verästelungen folgend und immer nah an den Fakten. Das gute Drehbuch, das die komplexen Vorgänge, Dilemma und Überlegungen der einzelnen Figuren nachvollziehbar erzählt, und die guten Schauspieler tragen zum Verständnis der damaligen Ereignisse bei.
Hoods Aufruf zur Zivilcourage ist, wie bei Scott Z. Burns vor wenigen Tagen gestartetem, ebenso sehenswertem Drama „The Report“ (über das CIA-Folterprogramm nach dem 11. September 2001), konventionell inszeniert. Nichts soll von der Geschichte und den erschreckenden Fakten ablenken.
„Official Secrets“ ist eine sehenswerte Geschichtsstunde, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat und die eindrucksvoll zeigt, wie wichtig Whistleblower für eine demokratische Gesellschaft sind.
Das sagt auch „Observer“-Journalist Martin Bright: „Dieser Krieg hat all unsere zentralen Institutionen zersetzt: unser Justizsystem, unser politisches System, die Geheimdienste und die Presse. Der Krieg hat also weiterhin einen großen Einfluss auf unser öffentliches Leben. Das ist der Kern dieser Geschichte. Katharine enthüllte nicht einfach nur einen Rechtsverstoß. Sie enthüllte, dass in unseren nationalen und internationalen Institutionen etwas ganz grundlegend nicht stimmt.“
Official Secrets (Official Secrets, Großbritannien/USA 2019)
Regie: Gavin Hood
Drehbuch: Gregory Bernstein, Sara Bernstein, Gavin Hood
LV: Marcia Mitchell, Thomas Mitchell: The Spy who tried to stop a War: Katharine Gun and the secret plot to sanction the Iraq Invasion, 2008
mit Keira Knightley, Matt Smith, Adam Bakri, Matthew Goode, Ralph Fienes, Rhys Ifans
Als der zehnjährige Jack nicht von seiner Mutter aus dem Heim abgeholt wird, haut er ab. In Berlin wartet allerdings niemand auf ihn. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder beginnt Jack seine, mal wieder, spurlos verschwundene Mutter zu suchen.
Mitreisendes, mehrfach ausgezeichnetes Sozial- und Jugenddrama, das immer auf Jacks Augenhöhe bleibt, während er durch die große Stadt läuft.
Keine Ahnung, wie es der Werbeabteilung gelang, den Verleih von dem Titel „Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen“ zu überzeugen. Denn der Originaltitel ist, wie der Buchtitel „Doctor Sleep“ und unter diesem Titel erschien auch die deutsche Ausgabe von Stephen Kings Roman. An der Kinokasse wird wahrscheinlich immer nach „Doctor Sleep“ gefragt werden und so werde ich den Horrorfilm fortan nennen.
„Doctor Sleep“ ist die jetzt von Mike Flanagan verfilmte, 2013 erschienene Fortsetzung von „Shining“ und es hilft, sich vor dem Kinobesuch noch einmal Stephen Kings Roman und Stanley Kubricks Verfilmung ins Gedächtnis zu rufen. Der Roman bezieht sich, weil King Kubricks Verfilmung nicht gefällt, nur auf den Roman. Flanagans Verfilmung auf den Roman und auf Kubricks Film. Denn er bewundert den Roman und die Verfilmung und er will in seinem Film beide Visionen miteinander vereinigen und in seinen Film einfließen lassen.
In „Shining“ nimmt Jack Torrance über den Winter eine Stelle als Hausmeister des abgelegen in den Bergen liegenden Overlook Hotels an. In diesen Monaten sind nur er, seine Frau Wendy und sein fünfjähriger Sohn Danny im Hotel. Jack will in dieser Zeit ein Theaterstück schreiben. Kurz darauf verliert Jack, ein Alkoholiker, den Verstand in dem von Geistern bevölkerten Hotel. Er will seine Familie töten. Wendy und Danny gelingt die Flucht. Jack verbrennt im Hotel.
1980 verfilmte Stanley Kubrick Stephen Kings Roman. Der Film mit Jack Nicholson als schon von der ersten Minute an verrücktem Jack Torrance war ein Hit und gilt als einer der besten Horrorfilme aller Zeiten. Stephen King war mit den von Kubrick vorgenommenen Änderungen und der Verfilmung allerdings immer unzufrieden. Vor allem gefiel ihm nicht, dass der Film-Jack-Torrance von Anfang an verrückt ist und er daher keine emotionale Entwicklung hat.
2013 veröffentlichte King „Doctor Sleep“. In dem Roman erzählt er die Geschichte von Dan ‚Danny‘ Torrance weiter und in all den Flashbacks und Erinnerungen, die Dan an seine Eltern und das Overlook Hotel hat, bezieht er sich auf die Ereignisse aus dem Roman. Flanagan auf die Ereignisse aus dem Roman und dem Film.
King und Flanagan erzählen in „Doctor Sleep“ zuerst in epischer Breite, was Dan Torrance (Ewan McGregor) in den Jahren nach den Ereignissen im Overlook Hotel zustieß, wie er Alkoholiker wurde und in der New-Hampshire-Kleinstadt Frazier eine Heimat fand. Dort arbeitet er in einem Hospiz und hilft den Menschen beim Sterben. Deshalb wird er auch ‚Doctor Sleep‘ genannt.
Zur gleichen Zeit fährt der „Wahre Knoten“ durch die USA. Sie sind, angeführt von Rose the Hat (Rebecca Ferguson, charismatisch), eine vampirähnliche Gruppe, die durch das Steam, was der letzte Atemzug von Menschen mit dem Shining ist, ewig leben können. Der Steam ist bei jungen Menschen besonders stark. Als sie den ‚Baseball-Jungen‘ töten, werden sie von der mehrere hundert Meilen entfernt lebenden Abra Stone (Kyliegh Curran) beobachtet. Abra verfügt über ein besonders starkes Shining und sie will nicht, dass der Wahre Knoten weitere Kinder tötet, foltert (das verstärkt den Steam) und ihren Steam einatmet. Sie trifft sich mit Dan. Mit ihm unterhielt sie sich bislang nur mental. Aber er ist der einzige Mensch, den sie kennt, der ihre Fähigkeiten versteht und der ihr helfen kann, damit umzugehen.
Gemeinsam beschließen sie und ein, zwei Freunde, gegen Rose the Hat und ihre Bande vorzugehen.
An diesem Punkt ist man ungefähr in der Mitte des siebenhundertseitigen Romans, der über viele Seiten Dan Torrances Lebensgeschichte erzählt. Im Mittelpunkt steht, wie er zum Alkoholiker und Ex-Alkoholiker wird und über viele Jahre das 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker absolviert. „Doctor Sleep“ ist vor allem die Geschichte eines Kampfes gegen die Sucht (was vor allem ein Kampf gegen verschiedene innere Dämonen ist) und vom Finden des Sinn des Lebens. Die Horrorgeschichte verdeckt das kaum. Für eine Verfilmung ist diese epische Struktur denkbar ungeeignet. Zu viele Episoden sind schon auf den ersten Blick für die Hauptgeschichte (den Kampf von Dan und Abra gegen Rose the Hat) vollkommen unwichtig. Die wenigen Informationen, die wirklich wichtig sind, um den Kampf von Dan und Abra gegen Rose the Hat und den Wahren Knoten zu verstehen, könnten auch mühelos in die Hauptgeschichte eingefügt werden.
Der Roman ist ein langes, sich langsam entwickelndes sinfonisches Werk, in dem bestimmte Motive immer wieder auftauchen und wichtiger werden. Dank Stephen Kings Schreibstil liest man das gerne, aber auch etwas desinteressiert auf der Suche nach dem schon im Klappentext angekündigtem Plot.
In seiner Verfilmung behielt Flanagan die Struktur des Romans bei. Auch wenn er einige Figuren strich und einige Ereignisse in der Chronologie etwas verschob. Einige Figuren und Orte, die im Roman wichtig sind, werden auch im Film groß eingeführt und dann nicht weiter beachtet. Das gilt für eine Drogensüchtige und ihr Kleinkind und, in Frazier, Dr. John Dalton (Bruce Greenwood) und Orte, wie die Teenytown Railway in Frazier. Einige Personen und mit ihnen verbundene Handlungsstränge, wie Abras Urgroßmutter, fehlen.
Das ändert aber nichts daran, dass die ersten 75 Minuten des 150-minütigen Films reichlich spannungsfrei vor sich hin plätschern. Wer den Roman nicht kennt, wird diese Hälfte vor allem als eine Abfolge aus weitgehend zusammenhanglos aufeinander folgenden Szenen wahrnehmen und sich fragen, wann endlich die Geschichte beginnt.
In der zweiten Hälfte wird es dann spannender und beim Finale setzt Flanagan dann eigene Akzente. Im Roman ist die finale Konfrontation in der Overlook Lodge. Im Film treffen sie im immer noch stehenden Overlook Hotel aufeinander. Das seit Jahrzehnten verlassene Hotel sieht noch genauso aus wie in Kubricks Film. Flanagan verbindet hier Kings Roman mit Kubricks Film zu einem eigenständigem Ende, das deutlich Kubricks Film zitiert. Dan stellt sich seinen Dämonen, tritt in die Fußstapfen seines Vaters (ohne nach der nächsten Schnapsflasche zu greifen) und versucht mit seinem Shining und den Dämonen, die er in den vergangenen Jahrzehnten in seinem Gehirn in Kassetten einschloss, und den im Hotel lebenden Geistern Rose the Hat zu besiegen.
Dieses Finale ist dann vielleicht nicht hundertprozentig gelungen und das Ende ist, nun, diskussionswürdig. Mir gefällt das aus meiner Sicht positivere Romanende besser. Aber immerhin hört Flanagan in diesen Minuten endlich auf, den Roman zu bebildern.
Von genau dieser Eigenständigkeit hätte ich mir während des gesamten Films mehr gewünscht. So ist der Film eine gekürzte Version des Romans, bei der immer unklar ist, worum es ihm eigentlich geht. Er findet nie die richtige Balance zwischen Alkoholikerdrama, Horrorgeschichte und Coming-of-Age-Geschichte.
Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen (Doctor Sleep, USA 2019)
Regie: Mike Flanagan
Drehbuch: Mike Flanagan
LV: Stephen King: Doctor Sleep, 2013 (Doctor Sleep)
mit Ewan McGregor, Rebecca Ferguson, Kyliegh Curran, Cliff Curtis, Zahn McClarnon, Emily Alyn Lind, Selena Anduze, Robert Longstreet, Carl Lumbly, Bruce Greenwood, Jacob Tremblay, Henry Thomas
Länge: 152 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage, jetzt mit dem Filmcover
Stephen King: Doctor Sleep
(übersetzt Bernhard Kleinschmidt)
Heyne, 2019 (Filmausgabe)
720 Seiten
12,99 Euro
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Deutsche Erstausgabe
Heyne, 2013
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Originalausgabe
Doctor Sleep
Scribner, New York, 2013
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Die Vorgeschichte, wieder erhältlich mit neuem Cover
Stephen King: Shining
(übersetzt von Harro Christensen)
Bastei-Lübbe, 2019
624 Seiten
11 Euro
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Deutsche Erstausgabe 1980, seitdem unzählige Neuauflagen.
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Originalausgabe
The Shining
Doubleday & Co, 1977
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Stephen Kings neuer Roman, geeignet für lange Herbst- und Winterabende am Kaminfeuer
Seit einigen Tagen käuflich erhältlich: In „Das Institut“ werden paranormal begabte Kinder in einem hermetisch abgeschirmten Institut in Maine (Wo sonst?) gefangen gehalten. Als der zwölfjährige Luke Ellis dorthin entführt wird, beginnt er seine Flucht zu planen. Das einzige Problem ist, dass das bislang noch niemandem gelungen ist.
Die ersten Kritiken über diesen Thriller sind weitgehend positiv, auch wenn Kirkus Reviews meint, „Das Institut“ sei nicht so furchteinflößend wie „Shining“ oder „Es“. Der Boston Globe schreibt, „Das Institut“ lese teilweise wie eine Neu-Interpretation von „Feuerkind“ für die Gegenwart.
Im Moment ist eine Verfilmung als TV-Miniserie geplant. Aber weil von ungefähr jedem King-Werk eine Verfilmung geplant ist, sagt das wenig.