Chile, 1948: Pablo Neruda, geachteter Dichter, Lebemann und Kommunist (beides mit großer Überzeugung) und wortgewaltiger Senator, muss aufgrund der politischen Lage untertauchen. Ein Polizist, der direkt aus einem Noir-Roman entsprungen ist, sucht ihn – und doch ist es nicht ganz so einfach.
Man muss absolut nichts über Pablo Neruda wissen, um Pablo Larraíns Film über den Dichter zu genießen, der zu einem kleinen Teil ein konventionelles Biopic und zu einem großen Teil eine erfundene Geschichte ist, die dann doch wieder viel mit Pablo Neruda und dem Zusammenhang von Fakt und Fiktion zu tun hat.
Arte, 20.15 Le Magnifique (Frankreich/Italien 1973, Regie: Philippe de Broca)
Drehbuch: Philippe de Broca, Vittorio Caprioli, Jean-Paul Rappeneau, Francis Veber (ungenannt)
Francois Merlin (Jean-Paul Belmondo) schreibt wilde Agentenromane im James-Bond-Stil und ist unsterblich in seine attraktive Nachbarin verliebt.
Bob Saint-Clair (Jean-Paul Belmondo) ist ein Geheimagent, der die absurdesten Abenteuer im James-Bond-Stil erlebt und attraktive Frauen im Dutzend hat.
Bob Saint-Clair ist die Erfindung von Francois Merlin und irgendwann geraten Realität und Fantasie durcheinander.
Überdrehte, damals in Frankreich enorm erfolgreiche Komödie.
„Mit dieser witzigen und clever strukturierten Agentenfilm-Parodie gelang Philippe de Broca erneut ein kleines Meisterwerk auf dem Gebiet der leichten Komödie, wo er ja (ebenfalls mit Belmondo als Hautdarsteller) bereits mit ‚Abenteuer in Rio‘ Maßstäbe gesetz hatte.“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon)
„eine temporeiche und mit Gags gespickte Agentenfilmparodie, die sich jedoch weitgehend mit der bloßen Aneinanderreihung komischer Szenen begnügt.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Jean-Paul Belmondo, Jacqueline Bisset, Vittorio Caprioli, Hans Meyer, Monique Tarbès, Jean Lefebvre Wiederholung: Dienstag, 11. September, 13.50 Uhr Hinweise
Wikipedia über „Le Magnifique“ (deutsch, englisch, französisch)
No Country for Old Men (No Country for Old Men, USA 2007)
Regie: Ethan Coen, Joel Coen
Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
LV: Cormac McCarthy: No Country for Old Men, 2005 (Kein Land für alte Männer)
Lewellyn Moss findet in der texanischen Wüste die Überreste eines gescheiterten Drogendeals: Leichen, Heroin und zwei Millionen Dollar. Er schnappt sich die Kohle und steht auf der Abschussliste eines gnadenlosen Killers.
Feine McCarthy-Verfilmung der Coen-Brüder, die, neben vielen anderen Preisen, auch den Oscar als bester Film des Jahres gewann und für den Edgar nominiert war (aber das war auch mit dem Gewinner “Michael Clayton”, “Tödliche Versprechen”, “Zodiac – Die Spur des Verbrechers” und “Die Regeln der Gewalt” ein starkes Jahr für Krimifreunde).
Mit Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson, Kelly Macdonald
Wenn es erfolgreich ist, wird weitergemacht. Und dass die bis jetzt nach und im Zusammenhang mit „Conjuring“, einem gut besetzten, altmodischen Geisterhaushorrorfilm von James Wan, entstandenen Filme erfolgreich sind, kann niemand bestreiten. Weltweit spielten die nicht besonders teuren Filme weit über eine Milliarde US-Dollar ein.
Das erste Spin-Off waren die beiden „Annabelle“-Filme über eine dämonisch besessene Puppe. Gary Daubermann schrieb die Drehbücher für die beiden „Annabelle“-Filme und für die unglaublich erfolgreiche Stephen King-Verfilmung „Es“ (It).
Mit „The Nun“, ebenfalls von Daubermann geschrieben, gibt es jetzt das nächste Spin-Off. Die Alpträume verursachende Nonne hatte ihren ersten Auftritt in „Conjuring 2“. Es war ein Kurzauftritt, der die „Conjuring“-Fans beeindruckte und für die gibt es auch kleine Rahmenhandlung, die die Verbindung zwischen den „Conjuring“-Geisterjägern Ed und Lorraine Warren und der Nonne erklärt. Die Hauptgeschichte spielt 1952 in Rumänien
In dem einsam gelegenen Kloster St. Carta begeht eine Nonne Suizid. Für Katholiken eine Todsünde. Zur Aufklärung werden ein Priester mit einschlägiger Erfahrung und eine Novizin, die Nonne werden möchte, nach Transsylvanien zum Ort des Geschehens geschickt. Dort treffen Vater Burke (Demian Bichir) und Schwester Irene (Taissa Farmiga, die jüngere Schwester von ‚Lorraine Warren‘ Vera Farmiga) Frenchie (Jonas Bloquet), der die Leiche gefunden hat.
Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zum Kloster, das eine sehr starke und sehr böse dämonische Präsenz beherbergt, die aus ihrem Gefängnis ausbrechen möchte.
„The Hallow“-Regisseur Corin Hardy inszenierte „The Nun“ als Geisterhorrorfilm, der nichts zeigt, was nicht schon zu Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Zeiten gezeigt wurde und der sehr laut ist. Einige Effekte sind besser, aber es gibt nichts, was man nicht auch vor fünfzig Jahren hätte machen können. Und es wirkt immer noch. Der kurze Schrecken, wenn, mit infernalischer Begleitung auf der Tonspur, Hände aus dem Nichts auftauchen oder der lange Schrecken, wenn man lebendig begraben wird. Das passiert Vater Burke. Natürlich mitten in der Nacht auf dem Friedhof des Klosters.
Die Menschen in dem Ort bei dem Kloster leben noch wie im 18. Jahrhundert. Im Kloster scheint sich seit dem Mittelalter nichts verändert zu haben. Entsprechend leicht konnte Hardy die Atmosphäre der alten Gruselfilme wiederbeleben, als tapfere Männer und, selten, Frauen, sich in Transsylvanien mit Vampiren, Untoten, Geistern und Fledermäusen herumschlugen. In „The Nun“ kommen jetzt als Inkarnation des Bösen noch Nonnen dazu. Und so eine Gruppe Nonnen, die in Formation einen Raum betritt und sich um die tapferen Geisterjäger versammelt, wirkt schon ziemlich furchterregend. Mit und ohne Latein.
„The Nun“ ist gut abgehangener, durchaus kurzweiliger, aber auch schnell vergessener Retro-Gothic-Horror. Er ist, wie die bisherigen vier Filme aus dem „Conjuring“-Universum, für schreckhafte Geister gemacht, die solche Filme nicht schon hundertmal gesehen haben. Wobei die sich an der Atmosphäre, den Bildern, den Schauspielern und auch den gut gemachten Schock-Sequenzen in alten Gemäuern erfreuen können.
The Nun (The Nun, USA 2018)
Regie: Corin Hardy
Drehbuch: Gary Dauberman (nach einer Geschichte von James Wan und Gary Dauberman)
mit Demian Bichir, Taissa Farmiga, Jonas Bloquet, Bonnie Aarons, Ingrid Bisu, Charlotte Hope, Sandra Teles, Maria Obretin, Patrick Wilson, Vera Farmiga
Es ist die erste Jagd, an der Keda (Kodi Smit-McPhee) teilnimmt. Obwohl er nicht fit für die Jagd ist und er der Akademiker in der Familie ist. Wenn es damals, vor 20.000 Jahren in Europa, schon Universitäten gegeben hätte. So ist er nur der Mann, der von den älteren Kriegern und Gleichaltrigen abschätzig betrachtet wird. Denn Kodi ist auch der Sohn des Häuptlings und der beschließt, dass sein Sohn fit für die Jagd ist.
Als sie eine Herde Bisons in die Enge treiben wollen, reagiert Keda panisch. Er stürzt über die Klippe. Seine Stammesbrüder und sein Vater halten ihn für tot und lassen ihn zurück.
Aber Keda hat den Sturz überlebt. Er macht sich, mehr tot als lebendig, auf den Heimweg. Es gelingt ihm einen Angriff von Wölfen abzuwehren. Anschließend kümmert er sich um den von ihm verletzten Wolf und, nun, der Rest ist sozusagen Geschichte.
Denn Albert Hughes schildert in seinem Solo-Debüt als Regisseur, wie der Wolf zum Hund und damit zum allseits geliebten Haustier des Menschen wird. Seine vorherigen Filme „Menace II Society“, „Dead Presidents“, „From Hell“ und „The Book of Eli“ inszenierte er mit seinem Bruder Allen als The Hughes Brothers. Sie waren, bei allen Unterschieden, immer spannendes Kino. Das kann über „Alpha“ nicht gesagt werden. Die vorhersehbare Geschichte schleppt sich mühsam zu ihrem Ende. Das hat mehrere Gründe.
Keda-Darsteller Kodi Smit-McPhee ist bekannt als ‚Nightcrawler‘ Kurt Wagner im vorherigen und dem nächsten „X-Men“-Film und der Junge in der Dystopie „The Road“. In „Alpha“ blickt er immer reichlich ausdruckslos in die Kamera. Man nimmt ihm, wenn er sich nach dem Sturz schwer verletzt durch die Landschaft schleppt, seine Leiden und Schmerzen nicht ab. Es wirkt immer wie ein Club-Med-Ausflug.
Auch die Kleider von Keda und seinen Stammesbrüdern und -schwestern sehen immer wie gerade erst gekaufte Designerkleider aus. Glaubwürdig – auch wenn ich die Cro-Magnon-Kleidung nicht kenne – wirkt das nicht.
Die Bilder sind schön auf der eindimensionalen Ebene einer Wandtapete. Sie sehen auch immer sehr künstlich aus. Als habe man jedes Bild im Computer kräftig nachbearbeitet. Die Tiere, denen Keda auf seiner Reise begegnet, sehen auch immer wie CGI-Kreaturen aus. So wirkt es, als ob Kodi Smit-McPhee im Studio vor einem Greenscreen seine Szenen spielte und der Rest nachher eingefügt wurde. Dabei wurde in Kanada in Vancouver und Alberta, der Mojave-Wüste und Island gedreht.
Bei der Geschichte von „Alpha“ fallen einem spontan zwei Filme ein, die erst kürzlich im Kino liefen und die gelungener sind. In „Der Mann aus dem Eis“ werden die letzten Tage des vor 5300 Jahren gestorbenen Ötzi geschildert. In „The Revenant“ schleppt sich im Wilden Westen ein Jäger, der von seinen Kameraden zum Sterben im Wald zurückgelassen wurde, zum nächsten Fort.
Verglichen mit „The Revenant“ ist „Alpha“ höchstens ein laues Lüftchen.
P. S.: In der Originalfassung des Films sprechen alle Menschen Cro-Magonon 101, eine mit wissenschaftlicher Begleitung extra für den Film für den Cro-Magnon-Menschen erfundene Sprache, die untertitelt wurde. Für die deutsche Fassung wurde Cro-Magon 101 dann anscheinend komplett synchronisiert.
Alpha (Alpha, USA 2018)
Regie: Albert Hughes
Drehbuch: Daniele Sebastian Wiedenhaupt (nach einer Geschichte von Albert Hughes)
mit Kodi Smit-McPhee, Jóhannes Haukur Jóhannesson, Natassia Malthe, Leonor Varela, Mercedes de la Zerda, Jens Hultén, Priya Rajaratnam, Marcin Kowalczyk, Morgan Freeman (Erzähler, im Original)
Für Jazz- und Musikfans muss wirklich nicht mehr über die gelungene Dokumentation von Eric Friedler über das Jazzlabel Blue Note gesagt werden. Neben Verve und Impulse ist Blue Note eines der großen Jazzlabels. Das gilt für die Musik und die Covergestaltung. Gegründet wurde Blue Note 1939 von Alfred Lion und Frank (auch ‚Francis‘) Wolff. Zwei deutschen Jungs, die im Berlin der zwanziger Jahre zu fanatischen Jazzfans wurden. In den Dreißigern flüchteten die beiden Juden in die USA. Alfred Lion (1908 – 1987) verließ Deutschland schon 1933. Zuerst emigrierte er nach Chile und später in die USA, wo er seinen Nachnamen von Loew in Lion änderte. Francis Wolff (1908 – 1971) flüchtete 1939 auf einem der letzten nicht von der Gestapo kontrollierten Schiffe aus Deutschland. In New York gründeten sie dann ein Plattenlabel, um die Musik die veröffentlichen, die sie liebten.
„Es ging ihnen nicht darum, viel Geld mit den Platten zu verdienen. Sie wollten wichtige Platten produzieren. Wichtige Platten von wichtigen Künstlern.“ (Gitarrist Kenny Burrell)
Dabei behandelten Lion und Wolff die schwarzen Musiker respektvoll. Das war ein deutlicher Unterschied zu anderen Labels, die ihre Künstler hemmungslos ausbeuteten und auch betrogen. Die Geschichten dazu sind Legion. Bei Blue Note war es anders.
Seit 1953 hatten sie mit Rudy Van Gelder einen begnadeten Toningenieur, der in seinem Tonstudio die Musiker perfekt aufnahm.
In der Doku wird schön in animierten Bildern gezeigt, wie Wolff und Lion nach Konzerten in mehreren Taxis die Musiker zu Van Gelders Studio in der lauschigen Kleinstadt Englewood Cliffs brachte und dann legendäre Aufnahmen eingespielt wurden, die heute immer noch klanglich und musikalisch überzeugen.
„Wir hatten noch immer die Energie der letzten Nacht im Kopf. Das hört man den Platten auch nach Jahren noch an.“ (Gitarrist George Benson)
Eric Friedler (Das Schweigen der Quandts, Aghet – Ein Völkermord, Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth K.?) erzählt in seiner sehenswerten Doku „It must schwing – The Blue Note Story“ chronologisch die Geschichte der beiden lebenslangen Freund Alfred Lion und Francis Wolff von ihrer Zeit in Berlin bis zu ihrem Tod. Wobei die Doku eigentlich 1965 aufhört. Damals verkauften sie ihr Label. Diese Geschichte erzählt Friedler als eine Mischung aus sprechenden Köpfen, vor allem erzählen Blue-Note-Musiker von ihrer Zeit bei dem Label, historischen Aufnahmen und, soviel Experiment darf sein, animierten Sequenzen. Friedler hat auch ein in New York geführtes NDR-Interview von 1964 mit Albert Lion und Francis Wolff ausgegraben. Es ist das einzige Interview in deutscher Sprache mit den beiden Produzenten. Und das Gespräch mit Rudy Van Gelder ist das letzte Interview, das er vor seinem Tod 2016 gab.
Formal ist diese Mischung nicht besonders aufregend oder innovativ, sondern klassisch. Wie die Cover der Blue-Note-Platten. Und sie lenkt nicht vom Inhalt dieser informativen Doku ab.
„It must schwing“ ist ein guter, informativer und unauffällig-elegant inszenierter Dokumentarfilm über ein legendäres Label, das Musikgeschichte schrieb und dessen Aufnahmen noch heute in jede gutsortierte Plattensammlung gehören. Friedler spricht auch den Rassismus in den USA in den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren an. Er sieht Blue Note als Vorkämpfer der Bürgerrechtsbewegung. Das ist wohl etwas übertrieben, aber es half sicher, dass damals zwei deutsche Juden die Rassenschranken ignorierten. Sie behandelten die von ihnen bewunderten afroamerikanische Musiker, ohne darüber zu reden, respektvoll. Auf ihren Plattencovers gab es Bilder der Musiker. Und die Musik wurde immer breiter rezipiert.
„Es gibt keine Revolution ohne Musik.“ (Saxophonist Bennie Maupin)
Wenn ich nicht sowieso eine heilsame Diät von mindestens einer Blue-Note-Aufnahme pro Woche verfolgen würde, würde ich jetzt eine Blue-Note-Aufnahme auflegen.
„Sie tanzten herum. Manchmal nicht im Takt der Musik, sie hatten ihre eigene Art, sich zu bewegen. Die Musik berührte sie.“ (Saxophonist Jimmy Heath)
„Es musste schwingen. Es musste dieses ‚wing tingtingtingteting haben. Ohne das – ist es kein Jazz.“ (Trompeter Charles Tolliver)
It must schwing – The Blue Note Story (Deutschland 2018)
Regie: Eric Friedler
Drehbuch: Eric Friedler
mit Herbie Hancock, Sonny Rollins, Wayne Shorter, Quincy Jones, Lou Donaldson, Ron Carter, Sheila Jordan, Rudy Van Gelder, Kenny Burrell, Jimmy Heath, George Benson, Reggie Workman, Cecil McBee, Charles Tolliver, Rolf Kühn, Bennie Maupin, Bary Singer, Dan Morgenstein, Peter-Joachim von Drenkmann, Michael Cuscuna
Im Hunsrück verdienen die Einheimischen gut an der US-Airbase. Als Robert Neidhardt seine Ex-Geliebte an der Seite eines US-Offiziers sieht, beginnt eine verhängnisvolle Entwicklung.
„Käutners düstere Moritat bietet krasse Klischees statt kritischer Ansätze (…) Auch später vorgenommene Kürzungen (…) änderten nichts an der ablehnenden Haltung von Kritik und Publikum.“ (Lexikon des internationalen Films)
Neuere Kritiken beurteilen den Noir wesentlich positiver.
3sat zeigt die 2016 restaurierte Originalfassung. Auf der Homepage gibt es die gegen Käutners Willen nach der Premiere verstümmelte Fassung.
mit Helmut Wildt, Ingmar Zeisberg, Hans Cossy, Wolfgang Büttner, Anita Häfer
2008 veröffentlichte Journalist Misha Glenny eine über fünfhundertseitige Reportage über die Globalisierung des Organisierten Verbrechens nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Denn obwohl das Organisierte Verbrechen schon immer global war, blieben die Mafia, die Cosa Nostra und die Triaden weitgehend unter sich.
2018 lief die auf Glennys Buch basierende zehnteilige TV-Serie im BBC. Eine zweite Staffel ist schon in Arbeit.
Für die in der Gegenwart spielende Serie musste natürlich einiges aktualisiert und alles dramatisiert werden. Denn eine Serie ist kein Dokumentarfilm und kein Sachbuch. Mit Drehbuchautor Hossein Amini („Drive“, „Die zwei Gesichter des Januars [auch Regie]) und James Watkins („Eden Lake“, „Die Frau in Schwarz“) schien das hoch budgetierte Projekt in den richtigen Händen zu sein. Denn die Dreharbeiten erstreckten sich über den halben Globus und mit James Norton, David Strathairn und David Dencik wurden auch international bekannte Namen verpflichtet. Und Misha Glenny schreibt im Vorwort der Neuausgabe von seinem Sachbuch „McMafia“: „Schon nach einem fünfminütigem Gespräch mit den beiden war ich überzeugt: Wenn wir eine Fernsehanstalt dazu bringen konnten, sich des Themas von ‚McMafia‘ anzunehmen, waren sie diejenigen, mit denen ich arbeiten wollte. (…) An den beiden beeindruckte mich vor allem, dass sie die Welt, die ich in dem Buch abbilden wollte, begriffen und richtig einschätzen.“
Der Kosmos des globalen Verbrechens entfaltet sich in der achtteiligen TV-Serie um Alex Godman, den Sohn eines mit seiner Familie aus Russland nach London geflohenen, sich im alkoholgetränkten Ruhestand befindenden Oligarchen. Godman will mit der Welt seines Vaters und seiner Verwandtschaft nichts zu tun haben. Er ist ein Banker und er wird, gegen seinen Willen, in die Welt des internationalen, organisierten Verbrechens involviert.
Das ist die Ausgangslage, von der Amini und Watkins vom globalen Verbrechen erzählen. Leider nicht besonders gelungen, erstaunlich zäh und langweilig. Aus den vielen, rund um den Globus verstreuten Szenen schält sich nur sehr langsam so etwas wie eine Geschichte heraus.
Ein packendes Drama entsteht allerdings nie. Denn eine Story ist nicht erkennbar und alles zieht sich elend lang hin. „McMafia“ ist kein Gangsterthriller, sondern ein verfilmtes Sachbuch, in dem jede Szene eine weitere Seite des Buchs illustriert. Weil es eine Serie ist, wurden die Informationen dann auf einige Sprechende verteilt. Die Schauspieler wirken immer so, als ob sie in die Serie gezwungen wurden und jetzt ihre Texte vom Blatt ablesen. Die Inszenierung bewegt sich, erschreckend einfallslos, auf dem Niveau einer altertümlichen, schon lange vergessenen TV-Serie.
Das hat nichts mit Miniserien wie „The Night Manager“, „Narcos“, „Romanzo Criminale“ oder, um auch ein deutsches Beispiel zu nennen, „Im Angesicht des Verbrechens“ zu tun. An „Im Angesicht des Verbrechens“ hat mir vieles nicht gefallen, aber es hatte immer die packende „ich will wissen, wie es weitergeht“-Qualität, die „McMafia“ nie hat. Hier muss ich mich förmlich zwingen, die nächste Folge zu sehen – und nicht dabei einzuschlafen.
McMafia – Staffel 1(McMafia, Großbritannien 2018)
Regie: James Watkins
Drehbuch: Hossein Amini, James Watkins, David Farr, Laurence Coriat, Peter Harness
Erfinder: Hossein Amini, James Watkins
mit James Norton, David Strathairn, Juliet Rylance, Merab Ninidze, David Dencik, Aleksey Serebryakov, Maria Shukshina, Caio Blat, Faye Marsay, Kirill Pirogov, Nawazuddin Siddiqui, Karel Roden
–
DVD
Polyband
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: The Cast, The McMafia World, Bringing The McMafia World to Life
Länge: 450 Minuten (8 x 56 Minuten) (3 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre
–
Die Vorlage
Misha Glenny: McMafia – Die grenzenlose Welt des organisierten Verbrechens
Die alleinerziehende Amelia liest ihrem siebenjährigem, extrem verhaltensauffälligem Sohn Samuel das gruselige Kinderbuch „Mister Babadook“ vor – und dann klopft der Unhold an die Tür.
Jennifer Kent inszeniert in ihrem Horrorfilm die vertraute Geschichte vielschichtig, voller Anspielungen und mit neuen Facetten. Dafür gab es sehr viel, absolut berechtigtes Lob.
Stonehearst Asylum – Diese Mauern wirst du nie verlassen (Stonehearst Asylum, USA 2014)
Regie: Brad Anderson
Drehbuch: Joe Gangemi
LV: Edgar Allan Poe: The System of Doctor Tarr and Professor Fether, 1845 (Das System des Doktors Pech und des Professors Feder, Kurzgeschichte)
Weihnachten 1899 trifft der junge Arzt Edward Newgate in der abgelegenen Irrenanstalt Stonehearst ein. Dort haben die Patienten maximale Freiheiten. Schon beim ersten Rundgang verliebt er sich in die bildschöne Pianistin Eliza Graves. Später entdeckt er im Keller eine Gruppe Gefangener, die behaupten, von ihren Patienten gefangen gehalten zu werden.
Top besetzter, hübsch altmodischer Grusler mit einigen überraschenden Wendungen beim Ausprobieren von Therapien.
Drehbuch: Paul Schrader, Robert Towne (nach einer Geschichte von Leonard Schrader)
Buch zum Film: Leonard Schrader: The Yakuza, 1974 (Yakuza, Der Yakuza)
Privatdetektiv Harry Kilmer soll die von Yakuzas entführte Tochter eines alten Freundes befreien. Er fliegt nach Japan. Mit einem Ex-Yakuza, der in seiner Schuld steht, sucht er die Entführer. Gemeinsam geraten sie in eine blutige Auseinandersetzung.
Ein sträflich unterschätzter, weil kaum bekannter Thriller, der damals an der Kinokasse ein komerzieller Reinfall war. Die DVD wurde erst 2007 veröffentlicht und im Fernsehen läuft der Noir nur alle Jubeljahre.
„Ein vorzüglich besetzter, komplexer und suggestiver Film von außerordentlicher Bildkraft.“ (Lexikon des internationalen Films)
Leonard Schrader (Mishima, Der Kuss der Spinnenfrau) hatte die Idee für die Geschichte. Sein Bruder Paul Schrader (Taxi Driver) und Robert Towne (Chinatown) schrieben das Drehbuch. Leonard Schrader schrieb anschließend das Buch zum Film, das mehr als ein in Prosa umgeschriebenes Drehbuch ist.
„Schon Pollacks Film zeigt, wie sehr der yakuza-Code die Handlung der Protagonisten bestimmt. In Schraders Roman werden darüber hinaus die Hintergründe aufgefächert. Schrader bietet eine Sicht von innen: Er zeigt die äußeren Zwänge wie die moralische Größe, die dem rituellen Verhalten entspringt; er nimmt den Mythos als gegebene Tatsache – und lässt so sein Action-Abenteuer zugleich zu einem Abenteuer werden, das von unseren Auffassungen von der Welt und vom Leben allgemein handelt.“ (Norbert Grob: Nachwort, in „Der Yakuza“)
Mit Robert Mitchum, Ken Takakura, Brian Keith, Herb Edelman, Richard Jordan, Kishi Keiko, Okada Eiji, James Shigeta
mit Corey Hawkins, Jason Mitchell, Paul Giamatti, O’Shea Jackson Jr., Neil Brown Jr., Aldis Hodge, R. Marcos Taylor, Tate Ellington, Carra Patterson, Marlon Yates Jr., Keit Powers
Michèle Leblanc (Isabelle Huppert), die taffe Chefin einer Videogame-Firma, wird vergewaltigt. Danach reagiert sie anders als erwartet. Denn sie verweigert konsequent die Opferrolle.
Grandioser Thriller von „Basic Instinct“ Paul Verhoeven mit einer grandiosen Isabelle Huppert in der Hauptrolle.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith Magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vamila Pons
Was ist schlimmer? Wenn der Freund via SMS die Beziehung beendet oder wenn er ein Spion ist? Also kein langweiliger Sesselfurzer, sondern eher so der durchtrainierte, smarte James-Bond-Typ.
Audrey (Mila Kunis) glaubt zuerst ersteres. Aber dann eröffnet ihr ihr lange spurlos verschwundener Freund, dass er ein Spion sei und gerade mächtig Ärger habe. Angesichts der wilden Schießerei in ihrer Wohnung hätte sie das eh vermutet. Kurz bevor er vor ihren Augen erschossen wird, bittet er sie, einen superwichtigen USB-Stick nach Wien zu bringen. Die supergeheimen und in den falschen Händen extrem gefährlichen Informationen dürfen unter keinen Umständen in die falschen Hände fallen.
Zusammen mit ihrer Kindergartenfreundin Morgan (Kate McKinnon) macht Audrey sich von den USA auf den Weg nach Europa zu dem Übergabeort: ein nobles Café in Wien.
Dort geraten sie in die nächste Schießerei. Denn alle Restaurantgäste sind schwerbewaffnete und extrem tötungswillige Agenten., Killer und Verbrecher. So genau kann man das nicht auseinanderhalten.
Audrey und Morgan können unverletzt entkommen und beginnen ihre Tour durch Europa als extrem schusseliges Damenduo, das den extrem gefährlichen Agenten zeigt, dass „Bad Spies“ in diesem Fall die besseren Spione sind. Dabei haben die beiden chaotischen Quasselstrippen die meiste Zeit überhaupt keine Ahnung davon, in welchen Schlamassel sie hineingeraten sind, wer die Guten und wer die Bösen sind, wem sie vertrauen können und gegen wen sie kämpfen.
Vor drei Jahren schickte Paul Feig Melissa McCarthy in „Spy – Susan Cooper Undercover“ (Spy, USA 2015) auf eine ähnliche Mission und sein Film ist ungleich gelungener als Susanna Fogels „Bad Spies“. Das liegt vor allem an den Witzen, die in „Bad Spies“ nicht besonders witzig sind und oft sogar nerven, wenn Mila Kunis und Kate McKinnon ewig improvisieren, ohne zu einem Punkt zu kommen. Es ist der auch aus anderen US-Komödien bekannte Impro-Klamauk.
Die Action ist dagegen gut gemacht, knackig und ziemlich brutal. Das liegt sicher auch daran, dass Stunt-Koordinator und Second-Unit-Regisseur Gary Powell verpflichtet wurde. Er war bei „Ready Player One“, „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“, den letzten James-Bond-Filmen und den Jason-Bourne-Filmen für die Stunts verantwortlich. Und auch für „Bad Spies“ inszenierte er einige beeindruckende Stunt-Sequenzen. Die Härte bei diesen Szenen war von Regisseurin Fogel gewollt: „Es war mir wichtig, dass die Action genauso skrupellos ist wie in einem Film mit männlichen Helden und dass wir nichts zurückhalten oder abmildern.“.
Diese Härte verträgt sich dann nicht besonders gut mit dem leichten Ton der Comedy.
Die Story bemüht sich gar nicht, mehr als der lose Kitt zwischen Action und Blödeleien zu sein. So ist die Actionkomödie mäßig unterhaltsam und schnell vergessen.
Bad Spies (The Spy who dumped me, USA 2018)
Regie: Susanna Fogel
Drehbuch: David Iserson
mit Mila Kunis, Kate McKinnon, Justin Theroux, Gillian Anderson, Sam Heughan, Hasan Minhaj, Ivanna Sakhno, Paul Reiser, Jane Curtin
Henry ist eine arme Sau, die von allen herumstoßen wird. Als er eines Tages mit einer weißen Maske im Gesicht aufwacht, benutzt er seine neu gewonnene Anonymität, um sich zu rächen.
Zombieloser Romero-Horrorfilms, der bei uns nur auf DVD veröffentlicht wurde.
„Interessant besetzter Horrorthriller, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt.“ (Lothar R. Just: Film-Jahrbuch 2003)
„Stimmungsvolles Kino des Schreckens, freilich nicht frei von Längen.“ (Lexikon des internationalen Films)
„Es ist, als würde Romero versuchen, eine ‚Creepshow‘-Episode mit besonderem Ernst zu erzählen. Die Verknüpfung von Horror und sozialer Metapher ist so brillant wie in Romeros besten Filmen zuvor.“ (Georg Seeßlen: George A. Romero und seine Filme)
mit Jason Flemyng, Peter Stormare, Leslie Hope, Tom Atkins
Regie führte Rudi Gaul. Von ihm ist die Doku „Wader Wecker Vater Land“.
Das Drehbuch ist von Rudi Gaul und Friederike Klingholz. Frei nach Arthur Schnitzlers „Reigen“. Naja, Tote können sich nicht mehr wehren. Und der Film ist ein Reigen von Liebesgeschichten und sexuellen Begegnungen in der Großstadt.
Justus von Dohnányi, Sunnyi Melles, Elisa Schlott, Juliane Köhler, Friederike Kempter, Max Mauff, Sebastian Bezzel, Patrick Abozen und Janina Fautz spielen die beziehungssuchenden Großstädter. Wobei sie eher nicht nach der großen Liebe, sondern dem schnellen Sex suchen. Früher funktionierte das über Kleinanzeigen und „Fisch sucht Fahrrad“-Abende. Heute gibt es dafür die titelgebende App „Safari“, die Männlein und Weiblein nach ihren individuellen Vorlieben perfekt zusammenbringen soll. Dass ihre Selbstbeschreibung nicht immer der Realität entspricht: geschenkt. Und dass im Lauf des Films diese Lügen und Selbsttäuschungen aufgedeckt werden, gehört ebenfalls zum Genre. Aber es sollte dann schon etwas interessanter, überraschender und, immerhin will „Safari – Match me if you can“ (es geht doch nichts über einen guten deutschen Titel) eine Komödie, witziger sein.
Denn Gauls Ensemblekomödie ist das filmische Äquivalent zu einem dieser gottseidank der Vergangenheit angehörenden Abende, an denen die Privatsender in unzähligen Sketchshows einen unwitzigen Sketch nach dem nächsten präsentierten. Die Sketche waren fast ausschließlich Blindgänger. Die Sets hatten mit der Realität nichts zu tun und die Schauspieler hatten wahrscheinlich ihren Spaß. Ein größerer Zusammenhang zwischen den Witzen war auch nicht erkennbar.
Aber in einem Spielfilm nervt es, wenn nichts zusammenpasst. So gibt es in „Safari“ einen Tramfahrer, der für seine Sexabenteuer als Pilot auftritt. Er ist mit einer Psychologin, bzw. genaugenommen einer französischen Sex-Therapeutin, verheiratet. Und jetzt sollen wir glauben, dass dieses Ehepaar jemals zusammengefunden hat und dass der Tramfahrer ungestört und unentdeckt in seiner Heimatstadt München unzählige Sexabenteuer haben kann. Denn alle seine Sexabenteuer werden auf der titelgebenden und unglaublich beliebten „Safari“-App zum Besten gegeben. Die App-Nutzer haben Profilfotos von sich hochgeladen und sie bewerten sich gegenseitig nach ihrem, ähem, Geschlechtsverkehr. München ist zwar eine Großstadt, aber so groß ist die Landeshauptstadt von Bayern dann doch nicht.
Außerdem sind alle „Safari“-User auf der Suche nach der normalheterosexuellen Liebe unter weißen Deutschen. Als Alibiausländer darf ein sehr südländischer Kleinstadtgigolo Verführungstipps geben, die er – Überraschung! – nicht aus eigener Erfahrung hat.
„Safari – Match me if you can“ ist ein unwitziges Desaster, bei dem ich mich fragte, wer sich so etwas ansehen soll. Denn die moderne Smartphone-Oberfläche verdeckt den Muff und die biedere Sexualmoral der fünfziger Jahre noch nicht einmal notdürftig.
Safari – Match me if you can (Deutschland 2018)
Regie: Rudi Gaul
Drehbuch: Rudi Gaul, Friederike Klingholz (frei nach Arthur Schnitzlers „Reigen“)
mit Justus von Dohnányi, Sunnyi Melles, Elisa Schlott, Juliane Köhler, Friederike Kempter, Max Mauf, Sebastian Bezzel, Patrick Abozen, Janina Fautz
Familienrichterin Fiona Maye (Emma Thompson) ist seit über dreißig Jahren glücklich verheiratet. Ihre Ehe ist kinderlos; vor allem weil für die brillante Juristin die Karriere immer wichtiger war. Ihr Mann Jack (Stanley Tucci) ist Universitätsprofessor und viel mehr erfahren wir über seinen Beruf nicht. Er ist unzufrieden, weil sie inzwischen nebeneinander her leben. Er möchte noch einmal ‚Leben‘. Eines Abends kündigt er ihr daher an, dass er mit einer Studentin eine außereheliche Beziehung beginnen werde. Noch ehe der Ehestreit richtig eskalieren kann, erhält Fiona Maye einen neuen Fall: sie soll entscheiden, ob ein fast achtzehnjähriger Junge, der Leukämie hat, eine lebensrettende Bluttransfusion erhalten soll. Das ist eine medizinischen Routinemaßnahme, die nur deshalb vor Gericht landet, weil die Eltern strenggläubige Zeugen Jehovas sind und aufgrund ihres Glaubens die Bluttransfusionen ablehnen.
Wer jetzt glaubt, in „Kindeswohl“ stünde die mit allen juristischen Finessen vor Gericht ausgetragene Schlacht um das Kindeswohl und die damit verbundene Abwägung, welche Prinzipien wichtiger sind, im Mittelpunkt, irrt sich. Zuerst dauert es in Ian McEwans Roman und jetzt in Richard Eyres Romanverfilmung (nach einem Drehbuch von McEwan) sehr lange, bis die Gerichtsverhandlung, also der erste Vortrag der beiden Konfliktparteien, beginnt und dann ist der Fall ziemlich schnell entschieden. Maye entscheidet, dass Adam Henry (Fionn Whitehead) die lebensrettende Bluttransfusion erhält und damit wieder gesund wird. Diese Entscheidung folgt dem in Großbritannien geltendem Children Act von 1989, wonach die Bedürfnisse von Kindern über die von Erwachsenen gestellt werden. Also das Bedürfnis des Kindes nach Leben ist höher einzustufen als das Bedürfnis der Eltern, einem religiösen Ritus zu folgen, der in diesem Fall zum Tod des Kindes führen wird. Dass Adam in einigen Tagen erwachsen ist und sich dann so entscheiden kann, wie er sich entscheiden möchte, ist für die Urteilsfindung unerheblich. Noch ist Adam ein Kind.
Durch ihre Entscheidung wird Adams Leben gerettet. Kurz darauf versucht er, Kontakt mit ihr aufzunehmen.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Maye und ihr perfekt durchgeplantes Leben, das auf die Probe gestellt wird. Einerseits ihr Privatleben, in dem ihr Mann – grandios gespielt von Stanley Tucci – die Rolle der Ehefrau übernimmt. Es geht auch um ihre Freunde, wie Kronanwalt Mark Berner (Anthony Cox), mit dem sie musiziert. Hausmusik mit dem Anspruch, vor den kritischen Arbeitskollegen aufzutreten. Sie will die Musik, wie alles in ihrem Leben, möglichst perfekt spielen. Für sie heißt das auch: ohne das Spiel störende Emotionen. Und natürlich und vor allem um ihre Arbeit. Autor McEwan und Regisseur Eyre führen uns hinter die Kulissen eines Familiengerichts. Sie zeigen uns die Abläufe in einem großen Gericht, wie Richter Entscheidungen fällen und wie sie bei der Arbeit miteinander umgehen.
In der Originalfassung werden die Klassenschranken zwischen Maye und ihrem langjährigen juristischen Sekretär Nigel Pauling (Jason Watkins) schon an der Sprache deutlich. Als Sekretär macht er für sie genau das, was früher eine Sekretärin für ihren Chef getan hat. Er kümmert sich um alles, damit sie in Ruhe arbeiten kann und bemüht sich ansonsten, möglichst nicht aufzufallen.
In dieses wohlgeordnete, durchstrukturierte Leben voller rationaler, juristisch gut begründeter Entscheidungen gerät plötzlich auf privater und beruflicher Ebene die Emotio. Einerseits, weil ihr Mann sie verlassen will; andererseits weil sie, entgegen dem normalen Verfahren, Adam am Krankenbett besucht und der feinfühlige, musisch begabte, für sein Alter schon sehr reife Junge sie nach seiner Genesung stalkt. Jetzt steht sie vor Entscheidungen, die, weil sie persönlich davon betroffen ist, nicht mehr mit juristischen Sprüchen verhandelbar sind. Im Roman, der ausschließlich aus Mayes Perspektive erzählt ist, erzählt McEwan, wie Maye sich öfter sagt, dass sie jetzt genauso falsch und emotional (was für sie noch schlimmer ist) handele, wie die betrogene Ehefrau in einer ihrer Gerichtsverhandlungen. Im Film spielt Emma Thompson diesen Konflikt grandios.
„Kindeswohl“ ist ein Schauspielerfilm, der eine fein komponierte Geschichte erzählt, die man so eher in einem Roman findet.
Kindeswohl (The Children Act,Großbritannien 2017)
Regie: Richard Eyre
Drehbuch: Ian McEwan
LV: Ian McEwan: The Children Act, 2014 (Kindeswohl)
mit Emma Thompson, Stanley Tucci, Fionn Whitehead, Anthony Calf, Jason Watkins, Ben Chaplin, Nikki Amuka-Bird, Rosie Cavaliero, Eileen Walsh
Gefühlt Mitte Zwanzig (While we’re young, USA 2014)
Regie: Noah Baumbach
Drehbuch: Noah Baumbach
Dokumentarfilmer Josh doktert seit zehn Jahren an seinem neuen Dokumentarfilm herum. Als er und seine Frau ein zwanzig Jahre jüngeres Hipster-Paar kennen lernen, verändert sich ihr Leben. Zunächst entdecken sie ihre Jugend wieder.
TV-Premiere einer sehr lebensweisen, traurigen und gleichzeitig vergnüglichen Midlife-Crisis-Komödie.
Es gibt diese Tage, an denen man einfach genug hat und zurückschlägt. Damián Szifrón erzählt in seinem argentinischen Kinohit sechs solcher Geschichte, die alle überzeugen und nicht nachgeahmt werden sollten. „Wild Tales“ ist ein großer Spaß, der heute zum ersten Mal im Fernsehen läuft.
mit Ricardo Darin, Dario Grandinetti, Oscar Martinez, Leonardo Sbaraglia, Érica Rivas, Rita Cortese, Julieta Zylberberg, Maria Marull, Mónica Villa, César Bordón, Walter Donado, Ricardo Darín, Nancy Dupláa, María Onetto, Alan Daicz, Osmar Núnez, German de Silva, Diego Gentile