Mit einem Budget, das in Hollywood bei einem Blockbuster wahrscheinlich noch nicht einmal zum Bezahlen der täglichen Parkgebühren ausreicht, und einem Drehbuch, das absolut nichts mit dem üblichen bundesdeutschen Beziehungskino zu tun hat, inszenierte Guido Tölke, nach einem von ihm und Julia Dordel geschriebenem Drehbuch, den Horrorthriller „The Bitter Taste“.
In ihm wird die frühere Fünfkämpferin und jetzt desillusionierte Jagdführerin Marcia (Julia Dordel) in ein lebensgefährliches Abenteuer verwickelt. Auf einer Landstraße fährt sie eine panisch aus dem Wald vor ihr Auto laufene Frau an. Die Frau flüchtete vor einem menschenähnlichen Wesen, das auch im nachhinein am einfachsten als das Sonnenlicht nicht fürchtender, sich wahnsinnig schnell bewegender Vampir-Zombie beschrieben werden kann. Dieser und weitere dieser Vampir-Zombies haben etwas mit der Gräfin Badesky zu tun. Sie lebt in einem Schloss, das über einem seltsam aus der Zeit gefallenem Dorf thront.
Als Marcia sich auf der Suche nach der von ihr angefahrenen Frau in das Schloss begibt, entdeckt sie ein jahrhundertealtes Geheimnis. Und sie muss um ihr Leben kämpfen.
Zugegeben, die Story besteht aus Versatzstücken aus anderen Filmen, die hier nach der aus den Edgar-Wallace-Filmen bekannten Methode ‚Hauptsache, es passiert etwas‘ zusammengestellt wurden. Entsprechend unlogisch verhalten sich die Menschen immer wieder. Aber das Erzähltempo und die konstanten Überraschungen täuschen immer wieder darüber hinweg.
Das Dorf und das es beherrschende Schloss erinnert wohlig an die alten Universal-Horrorfilme, wie „Dracula“ und „Frankenstein“, und unzählige Nachahmerfilme, in denen ein Blutsauger und/oder ein alter Fluch die Dorfbewohner in Angst und Schrecken versetzt.
Die funktionalen Dialoge werden keine Drehbuchoscars erhalten. Und Tölke schneidet viel zu oft. Das führt dazu, dass in den vielen Actionszenen die Bewegungsabläufe nur noch erahnbar sind.
Aber er inszeniert die actionhaltige Schauermär so flott, mit so vielen Wendungen und Anspielungen, dass die über zwei Stunden, die der Film dauert, schnell vergehen.
Das Ergebnis ist die durchaus kurzweilige Spielfilmversion eines aus anderen Filmen zusammengeschnittenen Best-of-Horrorfilm-Heimkinoabends, das trotz unbestreitbarer Mängel neugierig auf Tölkes nächsten Film macht.
The Bitter Taste(Deutschland 2024)
Regie: Guido Tölke
Drehbuch: Julia Dordel, Guido Tölke
mit Julia Dordel, Nicolo Pasetti, John Keogh, Anne Alexander-Sieder, Imme Beccard, Simone Geißler
Nach mehreren Fortsetzungen, in denen wir immer mehr über die Welt erfuhren, in der der Killer John Wick lebt, und der ebenfalls in dieser Welt spielenden TV-Miniserie „The Continental“ geht es jetzt im Kino weiter. „From the World of John Wick: Ballerina“ heißt das Werk. Len Wiseman übernahm die Regie. Zu seinen früheren Werken gehören die ersten beiden Filme der von ihm gestarteten „Underworld“-Reihe, der vierte „Stirb langsam“-Film „Live Free or Die Hard“ und das langweilige Remake „Total Recall“. Action mit schlagkräftigen Frauen in einer Fantasiewelt kann er.
Mit einer furiosen Actionszene beginnt sein neuer Film „Ballerina“. In einem malerisch am Wasser gelegenem Palast wird in einem Feuergefecht, bei dem viele, sehr viele, wirklich sehr viele bis an die Zähne bewaffnete Angreifer sterben, wird der Vater von Eve Maccaro getötet.
Zwölf Jahre später lebt Eve (Ana de Armas) in der von der Direktorin in New York City geleiteten Ballettschule, die gleichzeitig ein Ausbildungslager der streng geheimen, seit Ewigkeiten global tätigen Verbrecherorganisation Ruska Roma ist.
Als Eve einen Hinweis auf die Identität der Mörder ihres Vaters erhält, macht sie sich von New York City über Prag auf den Weg in das verschneite, malerisch an einem See gelegene Alpendorf Hallstatt. Dort kommt es, nachdem es schon vorher viel Action gab, zu einem actionreichen Showdown, bei dem auch Flammenwerfer eine wichtige Rolle spielen.
„Ballerina“ erzählt eine actionreiche, gewohnt stylische Geschichte aus dem „John Wick“-Universum mit vielen Auftritten von aus den „John Wick“-Filmen bekannten Figuren, Orten und Regeln. In „Ballerina“ wird diese Welt weniger erweitert, sondern in noch mehr Details ausgemalt. Und das ist dann auch das Problem von diesem Film und den anderen geplanten Filmen und Serien: der Charme der „John Wick“-Welt bestand anfangs aus dem vollkommen übertriebenen Konzept einer Killergilde mit ehernen Regeln und einer seit Jahrhunderten in unserer Welt unentdeckt operienden globalen Organisation. Je genauer sie jetzt ausgemalt wird, desto mehr und öfter stellt sich die Frage, wie realistisch so eine Gilde ist. Vor allem wenn noch weitere Organisationen dazu kommen, das Regelwerk und die personellen Verflechtungen immer umfangreicher werden und immer mehr Antworten auf Fragen gegeben werden, die wir niemals wissen wollten.
Dessen ungeachtet scheinen die Killer sich inzwischen vor allem damit zu beschäftigen, sich gegenseitig umzubringen. In dem Moment stellt sich Frage nach dem Zweck der Organisation nicht mehr. Die Polizei existiert in dieser Welt nicht und es gibt einige hoffnungslos unglaubwürdige Actionszenen. Die Idee von Hallstatt als Killerstadt und Sitz des Bösewichts funktioniert gut. Aber ein von Eve in einer vollen Discothek ausgeführter Mord, der eine offensichtliche Reminiszenz an Luc Bessons „Nikita“ ist, funktioniert weniger gut. Aus einer unauffälligen Tat wird hier ein sich durch den gesamten Club ziehendes Gemetzel. Aber die Besucher tanzen munter weiter, als würden um sich schießende und schlagende Menschen zu einem normalen Discobesuch dazugehören, In „John Wick: Chapter 4“ wurde ein ähnlicher Kampf in einem berliner Nachtclub glaubwürdiger inszeniert.
Keanu Reeves ist in dem während dem dritten und vor dem vierten „John Wick“-Film spielendem Film „Ballerina“ mit zwei Auftritten, einer in der Ballettschule, einer an einem anderen Ort, dabei. Trotz einer gewissen Wichtigkeit für die Story reichen sie, kaum über die Länge eines größeren Cameos hinaus.
Das Ende von „Ballerina“ ist natürlich nicht das Ende der Welt von John Wick. Solange sich ein Publikum findet, werden die Macher weitermachen. Konkret sind aktuell – neben zahlreichen potentiellen Filmen, Serien und Crossovers – ein Film mit dem aus „John Wick: Chapter 4“ bekanntem blinden Killer Caine, ein Prequel-Film und ein fünfter „John Wick“-Film geplant. Denn – Überraschung! – John Wick ist am Ende von „John Wick 4“ doch nicht gestorben.
From the World of John Wick: Ballerina (From the World of John Wick: Ballerina, USA 2025)
Regie: Len Wiseman
Drehbuch: Shay Hatten
mit Ana de Armas, Gabriel Byrne, Anjelica Huston, Lance Reddick, Catalina Sandino Moreno, Norman Reedus, Ian McShane, Keanu Reeves
TV-Premiere. Das ist jetzt ziemlich Godard. Vor seinem Tod – ein assistierter Suizid am 13. September 2022 – arbeitete Jean-Luc Godard an seinem letzten Langfilmprojekt, das „Drehbuch“ heißen sollte. Er konnte es nicht mehr verwirklichen. Stattdessen beauftragte er seine Mitarbeiter Fabrice Aragno und Jean-Paul Battaggia mit der Fertigstellung des Kurzfilms „Scénario“, der aus den Teilen „DNA“ und „MRT“ besteht.
„DNA“ steht dabei für den Anfang und „MRT“ für das Ende des Lebens. Nachgedacht wird dabei im typischen Godard-Stil von assoziativ zusammengestellten Bildern und Texten. „Die Geschichte von ‚Drehbuch’“ ist der Versuch der Beteiligten, den zeitlichen Ablauf des Projekts nachzuzeichnen.
Anscheinend zeigt Arte Godards Kurzfilm „Scénarios“ und den ‚begleitenden‘ Film „Exposé du film annonce du film Scénario“.
Steven Spielberg, Hollywoods ewiges Wunderkind(Frankreich 2024)
Regie: Michaël Prazan
Drehbuch: Michaël Prazan
Fünfzigminütige Doku, bestehend aus bislang unveröffentlichtem Archivmaterial, Filmausschnitten, Making-ofs und Interviewauszügen, die ein Porträt des Regisseurs ergeben.
Die Klapperschlange (Escape from New York, USA 1981)
Regie: John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter, Nick Castle
USA, 1997: Manhattan wurde zum Gefängnis umfunktioniert, in dem Verbrecher den Ton angeben. Durch einen dummen Zufall muss das Flugzeug des US-Präsidenten in Manhattan notlanden. Da hat der Polizeichef eine geniale Idee: Er bietet dem rauhbeinigen Knacki Snake Plissken die Freiheit an, wenn er den US-Präsidenten lebendig aus Manhattan herausholt. Zur Motivationsförderung lässt er Plissken zwei Sprengkapseln implantiert.
Ein schön zynischer, dystpischer SF-Klassiker und ein John-Carpenter-Klassiker.
„einer der spannendsten Filme der letzten Jahre, sorgfältig inszeniert, wenn auch recht gewalttätig.“ (Fischer Film Almanach 1982)
mit Kurt Russell, Lee Van Cleef, Ernest Borgnine, Donald Pleasence, Isaac Hayes, Harry Dean Stanton, Adrienne Barbeau, Tom Atkins
The Outsiders: The complete Novel (The Outsiders, USA 1983/2005)
Regie: Francis Ford Coppola
Drehbuch: Kathleen Knutsen Rowell
LV: S. E. Hinton: The Outsiders, 1967 (Die Outsider)
Tulsa, Oklahoma, sechziger Jahre (mit fünfziger Jahre Feeling): Die proletarischen Greaser und die aus dem wohlhabenden Teil der Stadt stammenden Socs leben ihre Feindschaft immer wieder in Schlägereien aus. Als dabei einer der Socs zufällig stirbt, müssen zwei in die Tat involvierte Mitglieder der Greasers aus der Stadt flüchten.
Jugendrama, das damals bei der Kritik nicht gut ankam. Die längere „The complete Novel“-Fassung rehabilierte das aus heutiger Sicht sehr prominent besetzte, edel fotografierte Jugenddrama vollständig.
mit C. Thomas Howell, Matt Dillon, Ralph Macchio, Patrick Swayze, Rob Lowe, Diane Lane, Emilio Estevez, Tom Cruise, Leif Garrett, Glenn Withrow, Tom Waits, S. E. Hinton
auch bekannt als „Coppola’s The Outsiders – Rebellen ohne Grund“ (Kinotitel) bzw. „Die Outsider“ (Kinotitel)
Oliver Stone, Regisseur der Kontroversen (Frankreich 2025)
Regie: Amine Mestari
Drehbuch: Amine Mestari
Brandneue 55-minütige Doku über Oliver Stone, dessen große Zeite in den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war, als er den Vietnamkrieg aufarbeitete („Platoon“, „Geboren am 4. Juli“), die „Doors“ ins Kino schickte, uns die „Wall Street“ erklärte, den Mord an „JFK.“ aufklärte und die „Natural Born Killers“ losließ.
Davor, um 21.40 Uhr, zeigt Arte Stones Kriegsdrama „Geboren am 4. Juli“ über den Vietnamveteran Ron Kovic (im Film gespielt von Tom Cruise), der vom Kriegsbefürworter zum Kriegsgegner wurde.
Ein beliebter Sportlehrer in einem Nobelort in Florida weist die sexuellen Avancen einer reichen Schülerin zurück. Danach behauptet sie, er habe sie vergewaltigt. Die Polizei glaubt ihr nicht, bis eine zweite Schülerin den gleichen Vorwurf erhebt.
Und das ist nur eine der ersten überraschenden Wendungen in diesem kleinen Thriller, bei dem die Stars lustvoll ihr Image ausfüllen, gegen es anspielen und sich (und uns) letztendlich fast ständig belügen. Denn in „Wild Things“ ist, unter der Sonne Floridas, nichts so wie es scheint. Eine schöne „Sommernachtsfantasie“.
Mit Kevin Bacon, Matt Dillon, Neve Campbell, Theresa Russell, Denise Richards, Robert Wagner, Bill Murray
Touda lebt in der Provinz, ist alleinerziehende Mutter eines stummen Kindes und sie hat einen Traum: sie will eine Sheikha sein und so als traditionelle marokkanische Künstlerin mit ihren Liedern über starke und selbstbewusste Frauen die Menschen in großen und guten Locations begeistern.
Jetzt singt sie noch in billigen Provinz-Nachtclubs und sie wird in den ersten Minuten von Nabil Ayouchs Drama „Alle lieben Touba“ nach einem Auftritt vergewaltigt. Diese Vergewaltigung hat – und das ist eines der Probleme des Films – keinerlei Auswirkung auf die Geschichte. Es handelt sich nur um einen Schockmoment, der Interesse wecken soll.
Ein anderes Problem ist die Geschichte. Ayouch wechselt zwischen Toubas ausführlich gezeigten Gesangsnummern auf der Bühne und wenig informativen Szenen aus ihrem Leben. So plätschert die erste Stunde der Charakterstudie, bis zu ihrer Ankunft in Casablanca, ereignislos vor sich hin. Auf dem Weg nach Casablanca besucht Touda ihre Eltern und gibt ihren Sohn in deren Obhut. Sie will ihn später nachholen.
Und es gibt immer wieder ärgerliche Schlampereien im Drehbuch. So wird Toubas Sohn lange Zeit als taubstumm präsentiert. Aber er ist nur stumm. Sonst wäre ein Telefonat, bei dem sie mit ihm redet, er aber nicht antworten kann, vollkommen unsinnig. So will sie nach ihrer Ankunft in Casablanca zu einem legendären Theater gefahren werden und dort vorsingen. Dummerweise ist das Cabaret, wie ihr der Taxifahrer verrät, seit dreißig Jahren geschlossen. Umgekehrt hat sie eine Schule für ihren Sohn ausgesucht, die es gibt und in der sie auch – erfolglos – vorstellig wird. Beides, also das Wissen über eine Schule, die speziell für die Bedürfnisse ihres stummen Sohnes ausgerichtet ist, und die komplette Unwissenheit über ein seit Jahrzehnten geschlossenes Theater geht nicht. Weil dieses Theater für Sheikas der heilige Gral sein soll, sollte sie doch über das aktuelle Programm und die dort auftretenden Künstler informiert sein.
In Casablanca, immerhin ist bereits die erste Stunde des knapp hundertminütigen Films (ohne Abspann) rum, geht für Touba dann alles ziemlich schnell und mühelos von Auftritten in kleinen Bars, die sich nicht von den ihr bekannten Provinzbars unterscheiden, bis zu einem großen Auftritt in einem Luxushotel. Fast ist es, als ob die Stadt nur auf Touba gewartet hätte.
„Alle lieben Touba“ ist eine spannungsfrei vor sich hin plätschernde Charakterstudie, die uns wenig über den porträtierten Charakter verrät. Immerhin erfahren wir, dass es eine Kluft gibt zwischen ihrem Wunsch, eine ernste und ernstgenommene Künstlerin zu sein und der tristen Wirklichkeit, in der sie fröhliche Schlager für betrunkene Männer singt, die Sex haben wollen.
Vielleicht wäre ein Konzertfilm die bessere Wahl gewesen.
Alle lieben Touda (Everybody loves Touda, Frankreich/Marokko/Dänemark/Niederlande/Belgien 2024)
Regie: Nabil Ayouch
Drehbuch: Nabil Ayouch, Maryam Touzani
mit Nisrin Erradi, Joud Chamihy, El Moustafa Boutankite Jalila Tlemsi, Lahcen Razzougui
Düsterer Cop-Krimi über Gangkriminalität und ihre Bekämpfung in Los Angeles: Alonzo Harris zeigt Jake Hoyt am ersten Arbeitstag wie die Arbeit eines Undercover-Cop gegen Drogen- und Gangkriminalität abläuft. Dummerweise ist Harris selbst ein Gangster mit Dienstmarke, der nach dem Motto „Nur wenn du selbst wie ein Wolf bist, kannst du einen Wolf fangen“ arbeitet.
„Ein rasant und konsequent inszenierter Film voll Gewalt und Brutalität. Konsumierbar einerseits als zynisches Actionspektakel, das bloß altbekannte Genretypen weiterentwickelt, aber auch verstehbar als Spiegelung und Reflexion aktueller Debatten über Polizeimethoden, moralische Dilemmata und die Durchsetzbarkeit demokratischer Spielregeln gegenüber Clannormen, die sich freilich potenziellen Missverständnissen aussetzt.“ (Multimedia, 13. Dezember 2001)
Denzel Washington erhielt für seine Rolle als Cop Harris den Oscar für die beste Hauptrolle und einige weitere Preise. David Ayer schrieb danach den ähnlich gelagerten Cop-Thriller „Dark Blue“.
Die in „Training Day“ und „Dark Blue“ angesprochenen Themen werden in der grandiosen Cop-Serie „The Shield“ noch konsequenter und pessimistischer durchbuchstabiert.
Mit Denzel Washington, Ethan Hawke, Scott Glenn, Cliff Curtis, Dr. Dre, Snoop Dogg, Tom Berenger, Eva Mendes, Macy Gray
1930 arbeitet Antoine de Saint-Exupéry (Louis Garrel), der später den Kinderbuchklassiker „Der kleine Prinz“ schreibt, in Argentien als Pilot für den französischen Luftpostdienst. Seine und die Mission seiner Kollegen ist die pünktliche Zustellung der Post. Dabei zählt jede Minute. Die Dunkelheit ist, mangels der heute vorhandenen Technik, der Feind. Das Wetter ebenso und über die Anden können sie nicht fliegen, weil sie zu hoch für ihre Flugzeuge sind. Trotzdem versuchen Saint-Exupéry und sein bester Freund Henri Guillaumet (Vincent Cassel) es. Nach einer Idee von Saint-Exupéry, wie eine Andenüberquerung möglich sein könnte, versucht Guillaumet die Überquerung. Während des Flugs verschwindet er spurlos.
Saint-Exupéry sucht ihn. Er hat eine ungefähre Vorstellung von der von Guillaumet gewählten Flugroute und er weiß, dass Guillaumet einige Notlandeplätze hatte.
Gut, wer „Der kleine Prinz“ gelesen hat und sich ein wenig über die Hintergründe informierte, kann einige Verbindungen zwischen dem Buch und den von Pablo Agüero in „Saint-Exupéry – Die Geschichte vor dem kleinen Prinzen“ geschilderten Ereignissen ziehen. Diese Verbindungen sind allerdings sehr lose, fast schon willkürlich. Denn letztendlich schildert Agüero nur, wie ein Mann seinen in den Bergen verschollenen Freund sucht. Das ist eine klassische Abenteuergeschichte, die Agüero auch klassisch erzählt. Es gibt die tapferen Piloten, die Kollegen, die ängstlich wartende Frau des Verschollenen (Diane Kruger), während Saint-Exupérys Suche Begegnungen mit anderen Menschen und Tieren und natürlich einige schöne Landschaftsaufnahmen. Es gibt auch immer wieder so offensichtlich schlechte Trickaufnahmen, dass es nach Absicht aussieht. Denn das geht heute auch ohne ein Multi-Millionen-Dollar-Hollywood-Budget besser.
Und so ist „Saint-Exupéry“ kein irgendwie geartetes Biopic, sondern eine unterhaltsame, warmherzige, die Freundschaft zwischen Männern beschwörende Abenteuergeschichte, die in einigen Jahren im Nachmittagsprogramm (wenn es das dann noch gibt) gerne öfter angesehen werden kann.
Saint-Exupéry – Die Geschichte vor dem kleinen Prinzen(Saint-Ex, Frankreich 2024)
Nach dem 1991 spielenden Prolog dauert es einige Zeit, bis der titelgebende „Clown in a Cornfield“ wieder zuschlägt und sich durch die vergnügungssüchtige Jugend von Kettle Springs mordet. Dazu benutzt er munter alle Gegenstände, die in einer gut sortierten Scheune zu finden sind und die sich für einen Mord eignen.
Bis dahin führt Regisseur Eli Craig („Tucker and Dale vs Evil“) uns und die siebzehnjährige Großstadtpflanze Quinn Maybrook in das Leben in der Kleinstadt Kettle Springs ein. Sie ist gerade mit ihrem Vater, der die vakante Stelle des Dorfdoktors angenommen hat, nach Kettle Springs gezogen.
Der aus dem titelgebenden Maisfeld heraus mordende Clown, Frendo genannt, war vor Ewigkeiten das kindgerechte Werbegesicht der Baypen Corn Factory. Sie sorgte für Wohlstand. Heute ist dieser Wohlstand nur eine Erinnerung an bessere Zeiten. Kettle Springs ist, wie Quinn auf den ersten Blick feststellt, eine von Armut und Verfall gezeichnete kleine Gemeinde im Mittleren Westen. Sie will hier nur ihren Schulabschluss machen und dann sofort in Richtung College verschwinden.
Trotzdem befreundet sie sich schnell mit den sogenannten aufsässigen Jugendlichen des Dorfes. Sie lernt sie beim gemeinsamen Nachsitzen in der Schule kennen. Deren Protest äußerst sich vor allem in Saufgelagen bei einer an einem Maisfeld gelegenen Scheune, Sex und, auch in Kettle Springs ist das 21. Jahrhundert angekommen, drehen von Horrorvideos für ihren YouTube-Kanal.
Diese Einführung in das Leben in einem Provinzdorf, aus dem jeder so schnell wie möglich flüchtet, gelingt Craig ziemlich gut. Wenn Frendo dann die Kettensäge anwirft, gibt es auch einige blutige Morde – und natürlich etwas Rätselraten über Identität und Motiv des Täters.
Mit etwas über neunzig Minuten ist „Clown in a Cornfield“ ein angenehm kurzer und auch kurzweiliger, liebevoll gemachter Old-School-Slasher. Über weite Strecken ist die Handlung und die Abfolge der Mordopfer absolut vorhersehbar. Aber Craig erzählt sie konzentriert und mit einigen kleinen Variationen, die das Herz des Slasher-Fans erfreuen.
Craigs Film basiert auf Adam Cesares mit dem Bram Stoker Award als bester Jugendroman ausgezeichnetem Buch. Inzwischen veröffentlichte Cesare zwei weitere Horrorromane mit Frendo. Für Nachschub wäre also gesorgt.
Clown in a Cornfield(Clown in a Cornfield, USA 2025)
Regie: Eli Craig
Drehbuch: Carter Blanchard, Eli Craig
LV: Adam Cesare: Clown in a Cornfield, 2020 (Clown im Maisfeld)
mit Katie Douglas, Aaron Abrams, Carson MacCormac, Vincent Muller, Kevin Durand, Will Sasso
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–
Die Vorlage (Nachtrag, einige Maisfelder später)
Seinen ersten Auftritt hatte Clown Frendo in Adam Cesares „Clown im Maisfeld“. Der Jugendhorrorroman kam gut an. In Kritiken wurde die Sprache und die Retro-Slasher-Elemente (die wahrscheinlich nur ältere Semester sofort erkennen) gelobt. Cesare schrieb bislang zwei weitere Romane mit dem Horrorclown.
Frendos erster Auftritt, „Clown im Maisfeld“, wurde 2020 in der Kategorie ‚Bester Jugendroman‘ mit dem Bram Stoker Award ausgezeichnet.
Und weil Vergleiche zwischen Buch und Film und Hinweise auf die Story des zweiten und dritten Frendo-Romans massive Spoiler wären, lasse ich es dabei, mit einem angstvoll nach oben gereckten Daumen, bleiben. Denn wer sagt, dass Frendo nur in Maisfeldern zusticht?
„Im Stil der Pulp Fiction, der Groschenromane und B-Pictures aus den 30er und 40er Jahren, komprimiert Quentin Tarantino eine Handvoll Typen und Storys zu einem hochtourigen Film noir (…) Ein ausgezeichnetes Darsteller-Ensemble, eine intelligente Inszenierung und ein gutes Timung durch flotte Schnitte tragen dazu bei, dass Blutorgien mit Slapstick und bitterer Zynismus mit leichter Ironie so raffiniert ineinander übergehen oder aufeinander folgen, dass die Brüche und Übergänge nicht stören.“ (Fischer Film Almanach 1995)
Tarantino erzählt von zwei Profikillern, die zuerst Glück und dann Pech bei ihrer Arbeit haben, einem Boxer, der entgegen der Absprache einen Boxkampf gewinnt und sich dann wegen einer Uhr in Lebensgefahr begibt, einem Gangsterpärchen, das ein Schnellrestaurant überfällt, einem Killer, der die Frau seines Chefs ausführen soll und in Teufels Küche gerät, einer Gangsterbraut, die eine Überdosis nimmt, einem Killer, der zum Christ wird und von einem Tanzwettbewerb.
Kurz: wir haben mit einem Haufen unsympathischer Leute eine verdammt gute Zeit.
Der Kassenknüller erhielt zahlreiche Preise, aber für Krimifans zählt natürlich nur der gewonnene Edgar.
Mit Tim Roth, Harvey Keitel, Uma Thurman, Amanda Plummer, John Travolta, Samuel L. Jackson, Bruce Willis, Rosanna Arquette, Ving Rhames, Eric Stoltz, Christoper Walken, Quentin Tarantino, Steve Buscemi
Wenige Tage nach seiner Premiere beim Filmfest in Cannes im Wettbewerb läuft Wes Andersons neuer Film „Der phönizische Meisterstreich“ bei uns im Kino an. Und es ist ein typischer Anderson-Film mit einigen Minuspunkten.
Wie in seinen vorherigen Filmen treten viele bekannte Schauspieler, die teils zum wiederholten Male in einem Wes-Anderson-Film mitspielen, in teilweise absurd kurzen Rollen auf. Es gibt den bekannten Anderson-Humor und die aus seinen vorherigen Komödien bekannten präzisen Bildkompositionen. Sie sind sofort als Bilder aus einem Wes-Anderson-Film erkennbar. Es gibt eine schnell freidrehende Geschichte, die hier noch mehr als früher alle erzählerischen Regeln ignoriert.
Im Mittelpunkt des 1950 spielenden Films steht Anatole ‚Zsa-zsa‘ Korda (Benicio del Toro), einer der reichsten Männer Europas und ein vollkommen skrupelloser Mogul. Jetzt will der Industrielle sein größtes Projekt, den „Korda Land und Meer Phönizische Infrastruktur Meisterstreich“ verwirklichen. Hinter dem umständlich-pompösen Projektnamen, der für den Filmtitel radikal zusammengestrichen wurde, verbirgt sich ein großes Infrastrukturprojekt in einer vergessenen, aber potentiell ertragreichen Region. Viel mehr muss man über das Projekt nicht wissen und mehr erfahren wir auch nicht darüber.
Als die Preise für verformbare Nieten, die für das Projekt von essentieller Wichtigkeit sind, sich plötzlich astronomisch verteuern, muss Korda mit einigen Investoren über ihre Beteiligung an seinem ‚Meisterstreich‘ neu verhandeln.
Dies gelingt ihm immer wieder mit absurden Wettkämpfen. Oder indem sie einfach ihre Meinung ändern.
Begleitet wird er bei dieser Reise von seiner zwanzigjährigen Tochter Liesl (Mia Threapleton), die er seit sechs Jahren nicht gesehen hat und die am Ende des Monats ihr Gelübde als Nonne ablegen will. Korda hat allerdings beschlossen, dass sie und nicht einer ihrer neun Brüder sein Vermögen erben soll. Um Liesl zu überzeugen, das Erbe anzunehmen, schlägt er ihr eine Probezeit bei ihm vor. Sie ist einverstanden.
Natürlich erwartet niemand von einem Wes-Anderson-Film eine konventionell erzählte Geschichte. Aber dieses Mal reiht er nur noch eine absurde Episode an eine weitere, mehr oder weniger absurde Episode. Der titelgebende phönizische Meisterstreich ist bestenfalls ein rudimentär erklärter MacGuffin, der mit zunehmender Laufzeit immer unwichtiger wird. Daran ändern auch die nach jeder Verhandlung Kordas mit einem der Investoren eingeblendeten Prozentzahlen nichts. Es sind einfach Zahlen, die ohne eine Bezugsgröße bedeutungslos sind.
Alle Figuren sind nur eindimensionale Cartoonfiguren, die nicht weiter als einen Gag tragen. Das gilt, leider, auch für den Protagonisten, der ungerührt zahllose Mordanschläge überlebt. Wer sie warum veranlasste ist egal. Sie sind einfach nur ein Running Gag. Gleiches gilt für sein absolut gleichgültiges Verhalten gegenüber seinen Angestellten. Sie sind für ihn Dinge, die er benutzt und wegwirft oder mit dem Schleudersitz aus seinem Flugzeug befördert. Wie in einer Gagshow wird Korda in verschiedene Situationen geworfen, die er stoisch überlebt.
Etwaige Versuche aus der Komödie so etwas wie eine Kritik am Kapitalismus oder am ausbeuterischen Kolonialismus herauszulesen, immerhin geht es um ein Großprojekt, das zum finanziellen Vorteil der Investoren durchgesetzt werden soll, oder Korda mit aktuellen größenwahnsinnigen Milliardären zu vergleichen, sind zum Scheitern verurteilt. Anderson interessiert sich dafür noch weniger als für den titelgebenden MacGuffin.
„Der phönizische Meisterstreich“ ist einfach nur ein Planspiel mit verschiedenen Schuhkartons, die nacheinander geöffnet werden und den Schauspielern erinnerungswürdige Auftritte ermöglichen. Ein erinnerungswürdiger Film entsteht so nicht.
Dem phönizischen Meisterstreich fehlt einfach der liebenswürdige Charme des „Grand Budapest Hotel“. Stattdessen erinnert dieser Streich viel zu oft an Wes Andersons vorherigen Film „Asteroid City“.
Der phönizische Meisterstreich (The Phoenician Scheme, USA/Deutschland 2025)
Regie: Wes Anderson
Drehbuch: Wes Anderson (nach einer Geschichte von Wes Anderson und Roman Coppola)
mit Benicio del Toro, Mia Threapleton, Michael Cera, Riz Ahmed, Tom Hanks, Bryan Cranston, Mathieu Amalric, Richard Ayoade, Jeffrey Wright, Scarlett Johannsson, Benedict Cumberbatch, Rupert Friend, Hope Davis, Alex Jennings, Stephen Park, F. Murray Abraham, Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe, Bill Murray
Drehbuch: Peter Märtesheimer, Pea Fröhlich (nach einer Idee von Rainer Werner Fassbinder)
Fassbinder-Klassiker über das Leben einer Frau von den Kriegsjahren bis zum 4. Juli 1954 und ihre Ehe, die nur auf dem Papier existierte. Denn wenige Stunden nach ihrer Hochzeit muss ihr Mann an die Front.
mit Hanna Schygulla, Klaus Löwitsch, Ivan Desny, Gottfried John, Gisela Uhlen, Günter Lamprecht, Elisabeth Trissenar, Volker Spengler, Karl-Heinz von Hassel, Michael Ballhaus, Hark Bohm, Günther Kaufmann, Bruce Low, Rainer Werner Fassbinder, Claus Holm
Mitternachtskino ist für Weicheier. Nachmitternachtskino erfordert einen echten
WDR, 01.15
Enfant terrible (Deutschland 2020)
Regie: Oskar Roehler
Drehbuch: Klaus Richter, Oskar Roehler
Oskar Roehlers Annäherung an Rainer Werner Fassbinder ist natürlich kein 08/15-Biopic, sondern „als sperrige Hommage ein wuchtiges Werk“ (Lexikon des internationalen Films). Sehenswert
mit Oliver Masucci, Harry Prinz, Katja Riemann, Alexander Scheer, Eva Mattes, Erdal Yıldız, Désirée Nick, Lucas Gregorowicz, Sunnyi Melles, André Hennicke, Ralf Richter, Götz Otto, Antoine Monot Jr., Isolde Barth, Christian Berkel
Absolut empfehlenswerter Dokumentarfilm über Dieter Bachmann, Lehrer an einer Gesamtschule, und wie er seine Schulklasse unterrichtet. Trotz seiner epischen Länge von dreieinhalb Stunden vergeht die Zeit wie im Flug.
Äußerst unterhaltsame Satire über die gefälschten Hitlertagebücher, die der „stern“ 1983 begeistert aufkaufte und deren Echtheit das Magazin ewig betonte.
Dietl benutzt die Affäre „als Material für eine frivole Farce über die Anfälligkeit der Deutschen, Fakten zu verdrängen und neue Geschichtswahrheiten zu klittern; viele möchten heute noch Adolf Hitler entlastet sehen.“ (Fischer Film Almanach 1993)
Ich befürchte, dass der über dreißig Jahre alte Kassenknüller über eine noch länger zurückliegende Affäre heute immer noch aktuell ist.
mit Götz George, Uwe Ochsenknecht, Christiane Hörbiger, Rolf Hoppe, Dagmar Manzel, Veronica Ferres, Rosemarie Fendel, Karl Schönböck, Harald Juhnke, Ulrich Mühe, Martin Benrath, Georg Marischka, Hark Bohm, Wolfgang Menge
Rassismus andersrum: ein junges Paar (er: weiß, sie: schwarz) zieht in Los Angeles in das noble Lakeview-Terrace-Viertel. Schnell bekommen sie Ärger mit einem Nachbarn. Er ist Polizist, Rassist – und schwarz.
Dank Samuel L. Jackson als bösem Nachbarn und vielen präzisen Beobachtungen ist „Lakeview Terrace“, auch wenn das Ende zu sehr in Richtung konventioneller Thriller geht, einen Blick wert.
„It’s a challenging journey LaBute takes us on. Some will find it exciting. Some will find it an opportunity for an examination of conscience. Some will leave feeling vaguely uneasy. Some won’t like it and will be absolutely sure why they don’t, but their reasons will not agree. Some will hate elements that others can’t even see. Some will only see a thriller. I find movies like this alive and provoking, and I’m exhilarated to have my thinking challenged at every step of the way.“(Roger Ebert, Chicago Sun-Times)
mit Samuel L. Jackson, Patrick Wilson, Kerry Washington, Ron Glass, Justin Chambers, Robert Pine
Wiederholung: Sonntag, 25. Mai, 01.20 Uhr (Taggenau!)
Le Mans 66: Gegen jede Chance (Ford v Ferrari, USA 2019)
Regie: James Mangold
Drehbuch: Jez Butterworth, John-Henry Butterworth, Jason Keller
In den frühen sechziger Jahren hatte Ferrari mit seinen Siegen bei Autorennen ein cooles Image. Der langweilige Familienkutschenhersteller Ford wollte von diesem Image profitieren. Aber Ferrari wehrte sich erfolgreich gegen die Firmenübernahme. Also engagierte Henry Ford II den Ex-Rennfahrer Carroll Shelby (Matt Damon). Er sollte in kürzester Zeit einen Ford-Rennwagen entwickeln, der bei dem prestigeträchtigen 24-Stunden-Rennen von Le Mans Ferrari schlägt. Shelby engagiert dafür Ken Miles (Christian Bale), einen nicht teamfähigen, genialen Tüflter, Autonarr und Rennfahrer. Gemeinsam könnte ihnen das Unmögliche gelingen.
Tolles, auf einer wahren Geschichte beruhendes Rennfahrerdrama und ein zukünftiger Klassiker.