Neu im Kino/Filmkritik: „Lola“ oder Ist ein Leben im Zweiten Weltkrieg ohne David Bowie lebenswert?

Dezember 28, 2023

2021 werden einige alte Filmrollen gefunden. Es wird vermutet, dass sie in den frühen vierziger Jahren, also während des Zweiten Weltkriegs, entstanden. Und sie zeigen Unglaubliches.

Andrew Legge erzählt erzählt in seinem beeindruckendem Spielfilmdebüt „Lola“, anhand der gefundenen Filmrollen, wie die beiden Schwester Thom und Mars Hanbury 1941 in London eine Maschine entwickeln, die sie LOLA nennen, und mit der sie das Fernsehprogramm der Zukunft sehen können. Sie hören dabei auch Musik, die es noch nicht gibt – und die sie, umarrangiert, in ihrer Gegenwart anderen Menschen präsentieren. Sie entdecken auch David Bowie, der „Space Oddity“ singt – und sie verlieben sich sofort in ihn.

Gleichzeitig greifen sie in das Kriegsgeschehen ein. Sie warnen die Bevölkerung vor deutschen Bombenabwürfen. So retten sie unzählige Leben und werden, auch wenn niemand sie kennt, zu Volkshelden.

Dass die beiden gegensätzlichen Schwestern mit ihren Eingriffen in das Kriegsgeschehen den Verlauf des Krieges und die Zukunft verändern, begreifen sie, als eines Tages David Bowie nicht mehr da ist.

Aber sie wollen nicht – ein Wunsch, den jeder Musikfan nachvollziehen kann – ohne David Bowie leben.

Legge inszenierte „Lola“ mit einem Minibudget, das er locker mit seiner dichten und stilbewussten Inszenierung, seinen Ideen und den damit verbundenen Fragen ausgleicht. So sind fast alle Bilder Found-Footage-Bilder, in denen es immer einen Grund für die Anwesenheit der Kamera geben muss. Das verändert den Aufbau jeder Szene und auch die Art des Erzählens. Gleichzeitig bearbeitet er, damit sie zur Geschichte passen, die Fernsehbilder, die die beiden Schwestern sehen und die sich immer stärker von der uns bekannten Wirklichkeit unterscheiden.

Die Idee mit den Bildern aus der Zukunft führt dazu, dass die Geschwister Thom und Mars und später auch Lieutenant Sebastian Holloway während des Zweiten Weltkriegs in einem einsam gelegenem Landhaus ein Leben führen, das eher in die freizügigen siebziger Jahre gehört. Holloway wurde, nachdem er sie entdeckt hat, ihr Verbindungsglied zum Militär. Das Militär würde LOLA gerne umfangreicher einsetzten als Thom und Mars möchten.

Gleichzeitig verändern ihre zunächst naiven Spielereien mit dem Wissen aus der Zukunft die Zukunft. Das hätte ihnen jeder, der auch nur einen Zeitreiseroman gelesen hat, sagen können. Trotzdem stellt sich die Frage, ob man eingreifen muss, um ein Unglück zu verhindern. Auch wenn dadurch – vielleicht – David Bowie und einige andere einflussreiche Künstler nie geboren werden.

Für Science-Fiction-Fans ist „Lola“ ein Pflichttermin. Fans von Filmen wie David Lynchs „Eraserhead“, Darren Aronofskys „Pi“ und Christoper Nolans „Following“ dürften ebenfalls begeistert sein.

Lola (Lola, Irland/Großbritannien 2022)

Regie: Andrew Legge

Drehbuch: Andrew Legge, Angeli Macfarlane

(nach einer Geschichte von Andrew Legge, Henrietta Ashworth und Jessica Ashworth)

mit Emma Appleton, Stefanie Martini, Rory Fleck Byrne

Länge: 79 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Lola“

Metacritic über „Lola“

Rotten Tomatoes über „Lola“

Wikipedia über „Lola“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 28. Dezember: Noah

Dezember 27, 2023

RTL II, 23.40

Noah (Noah, USA 2014)

Regie: Darren Aronofsky

Drehbuch: Darren Aronofsky, Ari Handel

Vor „mother!“ drehte Darren Aronofsky seine Version der Geschichte von Noah – als erschreckend langweiliges Bibelepos mit „Transformers“-artigen Steinmonstern.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Russell Crowe, Jennifer Connelly, Ray Winstone, Emma Watson, Sir Anthony Hopkins, Logan Lerman, Douglas Booth und – im Original – den Stimmen von Frank Langella, Mark Margolis und Nick Nolte

Hinweise

Moviepilot über „Noah“

Metacritic über „Noah“

Rotten Tomatoes über „Noah“

Wikipedia über „Noah“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys “Black Swan” (Black Swan, USA 2010)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys „Noah“ (Noah, USA 2014)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys „The Whale“ (The Whale, USA 2022) und der DVD

Darren Aronofsky in der Kriminalakte


(Wieder) Neu im Kino/Filmkritik: Zum Jahresanfang wieder im Kino: Christophe Gans‘ „Pakt der Wölfe“

Dezember 27, 2023

Während Rapid Eye Movies sich für seine monatliche „Zeitlos“-Reihe durch die unbekannteren Gefilde des asiatischen Kinos wühlt, kann Studiocanal/Arthaus für seine ebenfalls monatliche „Best of Cinema“-Reihe in seinem reichhaltigen Fundus zwischen Mainstream, Arthaus und allem, was dazwischen liegt und uns in den vergangenen Jahrzehnten schöne Kinoabende bescherte, wühlen.

Für den Januar, genaugenommen am Dienstag, den 2. Januar 2024, gibt es Christophe Gans‘ „Pakt der Wölfe“ im Director’s Cut in der 4K-Restaurierung, die 2022 in Cannes uraufgeführt wurde. Danach erschien sie auf DVD/Blu-ray und wird jetzt erstmals in unseren Kinos gezeigt.

1767 tötet in der südfranzösischen Provinz ein unbekanntes Tier Menschen. Der König schickt Grégoire de Fronsac (Samuel Le Bihan) in die Provinz, in der der Adel und die Kirche eine geschlossne Trutzburg gegen die Moderne und die sich andeutende Französische Revolution sind.

De Fronsac soll das Monster gefangen nehmen und zum Hof des Königs bringen. Während die Einheimischen glauben, dass ein Wolf die Menschen tötet, glaubt de Fronsac nicht daran.

De Fronsac ist ein Abenteurer, Frauenheld und Wissenschaftler, der an die modernen Methoden der Wissenschaft glaubt. Er ist eine Mischung aus Alexander von Humboldt, Constable Ichabod Crane (Johnny Depp) aus „Sleepy Hollow“ und Sherlock Holmes. Begleitet wird er von Mani (Mark Dacascos), einem schweigsamen Indianer mit Kung-Fu-Kenntnissen, die er an renitenten Einheimischen ausprobiert. Danach liegen sie im Matsch. Außerdem ist de Fronsacs Blutsbruder ein begnadeter Fährtenleser und Fallensteller.

Christophe Gans und Stéphane Cabel haben eine vollkommen krude Geschichte erfunden, die sie mit dem heiligen Ernst und Pathos einer wahren historischen Chronik erzählen. Das beginnt damit, dass der Aristokrat Thomas d’Apcher, der de Fronsac und Mani bei der Jagd nach der Bestie half, zwanzig Jahre später seine Erinnerungen (vulgo die Filmgeschichte) aufschreibt, während vor seiner Haustür die Fackelträger der Französischen Revolution warten, und endet mit dem Wissen, dass die Filmgeschichte von wahren Ereignissen inspiriert ist – Von 1764 bis 1767 tötete die ‚Bestie von Gévaudan‘ in der südfranzösischen Provinz über hundert Menschen. Die Bestie wurde nie gefunden. – und etliche Filmfiguren, für Historiker mehr oder weniger einfach erkennbar, auf historisch verbürgten Persönlichkeiten beruhen.

Dazwischen gibt es ein Gebräu aus Sex (in ungefähr jeder denkbaren Konstellation), Gewalt (dito), einem Kung-Fu-Indianer und einem schrecklich aussehendem Monster, das es nur auf Frauen und Kinder abgesehen hat. Jedenfalls normalerweise. Das beansprucht nie die Glaubwürdigkeit eines auch nur halbwegs historisch verbürgten, auf wahren Ereignissen basierenden Spielfilms, sondern von Anfang an die Glaubwürdigkeit einer Fantasy-Geschichte, die bei Christophe Gans nicht in Richtung Horror, sondern in Richtung Action (und Sex und Gewalt) abbiegt und sich dabei wenig um so etwas wie stilistische Geschlossenheit kümmert.

Mit dem richtigen Mindset ist seine Schauermär ein großartiger, abstrus-absurder Spaß.

Das sahen auch damalige Kritiker so:

satte 143 Minuten fulminanten Mummenschanz in einer im besten Sinne des Wortes fantastischen Mischung aus Historienfilm, Actionreißer, Verschwörungsdrama, Western und Gruselklamotte.“ (Zitty 17/2001)

opulente Rätselmär (…) Ein surrealistischer Kostümfilm mit rasanten Martial-Arts-Einlagen, ein Monstermärchen mit Anleihen aus Western und Eastern.“ (tip 4/2002)

unbekümmert-dreisten Mischung aus ‚Im Namen der Rose‘ und ‚Fantomas‘, Jean-Jacques Rosseau und James Bond, aus Esoterik und Erotik entzieht sich der Film allen Kategorien seriöser Bewertung. Die Plotkonstruktion ist (…) kompletter Unsinn.“ (Claus Löser, Berliner Zeitung 14. 2. 2002)

vor allem in der optischen Gestaltung aufwändige, düstere und weitgehend spannende Mischung aus Fantasy-, Horror- und Kriminalfilm im Gewand eines Mantel- und Degenabenteuers.“ (Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2002)

Pakt der Wölfe“ läuft am Dienstag, den 2. Januar 2024, im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe im Kino. Spätere Vorstellungen sind möglich, aber selten.

Pakt der Wölfe – Director’s Cut (Le Pacte des loups, Frankreich 2001)

Regie: Christophe Gans

Drehbuch: Stéphane Cabel, Christophe Gans

mit Samuel Le Bihan, Vincent Cassel, Émilie Dequenne, Monica Bellucci, Jérémie Renier, Mark Dacascos, Jean Yanne, Jacques Perrin, Bernard Fresson

Länge: 145 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Neugierig auf die nächsten „Best of Cinema“-Filme?

Das wären

am Dienstag, den 6. Februar: Das fünfte Element

am Dienstag, den 5. März: Donnie Darko

am Dienstag, den 2. April: Der Baader-Meinhof-Komplex

am Dienstag, den 7. Mai: The Doors

am Dienstag, den 4. Juni: Der bewegte Mann

Hinweise

Moviepilot über „Pakt der Wölfe“

AlloCiné über „Pakt der Wölfe“

Metacritic über „Pakt der Wölfe“

Rotten Tomatoes über „Pakt der Wölfe“

Wikipedia über „Pakt der Wölfe“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Christophe Gans‘ „Die Schöne und das Biest“ (La belle et la bête, Frankreich 2013)


TV-Tipp für den 27. Dezember: mother!

Dezember 26, 2023

sixx, 00.40

mother! (mother!, USA 2017)

Regie: Darren Aronofsky

Drehbuch: Darren Aronofsky

Eine Frau lebt mit ihrem älteren Mann, einem Dichter, in einem einsam gelegenem Haus. Eines Tages klopft ein Fremder an die Tür. In den kommenden Tagen klopfen weitere Fremde an.

TV-Premiere – überfällig und leider zu mitternächtlicher Stunde versteckt bei einem Minisender. Arte hilf!

Grandios inszenierter, top besetzter, köstlich interpretationsoffener Horrorfilm.

mit Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer, Ed Harris, Domhnall Gleeson, Brian Gleeson, Kristen Wiig, Stephen McHattie, Laurence Leboeuf, Sarah-Jeanne Labrosse

Hinweise

Rotten Tomatoes über „mother!“

Wikipedia über „mother!“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys “Black Swan” (Black Swan, USA 2010)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys „Noah“ (Noah, USA 2014)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys „The Whale“ (The Whale, USA 2022) und der DVD

Darren Aronofsky in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 26. Dezember: The Wolf of Wall Street

Dezember 25, 2023

Vox, 23.00

The Wolf of Wall Street (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Terence Winter

LV: Jordan Belfort: The Wolf of Wall Street, 2007 (Der Wolf der Wall Street)

An seinem ersten Arbeitstag an der Wall Street crasht die Börse. Also zieht der nun arbeitslose, selbsternannte „Wolf of Wall Street“ Jordan Belfort 1987 eine Straße weiter und mit dem Verkauf von Pennystocks verdient er ein Vermögen.

Knapp gesagt: „GoodFellas“ und „Casino“ in der Finanzwelt, niemals langweilig und grandios von Martin Scorsese inszeniert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung – und noch mehr im Bonusmaterial zum Film.

mit Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey, Kyle Chandler, Rob Reiner, Jon Favreau, Jean Dujardin, Jon Bernthal

Die Vorlage

Belfort - Der Wolf der Wall-Street - Movie-Tie-In - 4

Jordan Belfort: Der Wolf der Wall Street – Die Geschichte einer Wall-Street-Ikone

(übersetzt von Egbert Neumüller)

Goldmann Taschenbuch, 2014

640 Seiten

9,99 Euro

Die Originalausgabe erschien 2007.

Die deutsche Erstausgabe 2008 im Verlag Börsenmedien AG.

Hinweise

Moviepilot über „The Wolf of Wall Street“

Metacritic über „The Wolf of Wall Street“

Rotten Tomatoes über „The Wolf of Wall Street“

Wikipedia über „The Wolf of Wall Street“ (deutsch, englisch) und über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Hollywood vs. Reality über „The Wolf of Wall Street“

Kriminalakte: Tonnen weitergehender Informationen über den Film

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Killers of the Flower Moon (Killers of the Flower Moon, USA 2023)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 25. Dezember: Die Karte meiner Träume

Dezember 24, 2023

Arte, 20.15

Die Karte meiner Träume (The young and prodigious T. S. Spivet, Frankreich/Kanada 2013)

Regie: Jean-Pierre Jeunet

Drehbuch: Jean-Pierre Jeunet, Guillaume Laurant

LV: Reif Larsen: The Selected Works of T. S. Spivet, 2009 (Die Karte meiner Träume)

TV-Premiere – schon lange überfällig und wahrscheinlich kann niemand erklären, warum es zehn Jahre dauerte, bis dieses Märchen von Jean-Pierre Jeunet („Die fabelhafte Welt der Amélie“) im Fernsehen gezeigt wird.

Es geht um den zehnjährigen höchstbegabten T. S. Pivet, der in Montana mit seiner herzig-schrulligen Familie auf einer einsam gelegenen Farm lebt. Als er vom Smithosian-Institut einen Preis für eine seiner Erfindungen erhalten soll, macht der Junge sich allein auf den Weg nach Washington.

Wundervoll warmherziger, humorvoller und bezaubernder Film für Kinder jeden Alters.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Kyle Catlett, Helena Bonham Carter, Judy Davis, Callum Keith Rennie, Jakob Davies, Niamh Wilson, Jakob Davies, Dominique Pinon

Wiederholung: Donnerstag, 28. Dezember, 16.05 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „Die Karte meiner Träume“

Metacritic über „Die Karte meiner Träume“

Rotten Tomatoes über „Die Karte meiner Träume“

Wikipedia über „Die Karte meiner Träume“ (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Die Karte meiner Träume“

Meine Besprechung von Jean-Pierre Jeunets „Die Karte meiner Träume“ (The young and prodigious T. S. Spivet, Frankreich/Kanada 2013)


TV-Tipp für den 24. Dezember: Der Schneeleopard

Dezember 23, 2023

Kein Weihnachtskrawall, kein Weihnachtskitsch, sondern

Arte, 20.15

Der Schneeleopard (La Panthère des Neiges, Frankreich 2021)

Reige: Marie Amiguet, Vincent Munier

Drehbuch: Marie Amiguet, Vincent Munier

TV-Premiere. Tierfotograf Vincent Munier will einen der letzten Schneeleoparden in der freien Natur fotografieren. Das Tier gehört zu den gefährdeten Arten und das Gebiet, in dem Munier nach ihm sucht, das tibetische Hochland, ist riesig, karg und menschenleer. Dieses Mal wird er von der Reiseschriftstellerin Sylvain Tesson (die ein Buch über diese Reise schrieb) und einem kleinen Kamerateam begleitet. Entstanden ist, auch dank der Musik von Nick Cave und Warren Ellis, eine meditative Doku.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Vincent Munier, Sylvian Tesson, Schneeleopard, weitere Wildtiere und Einheimische

Hinweise

Deutsche Hoemapge zum Film

AlloCiné über „Der Schneeleopard“

Moviepilot über „Der Schneeleopard“

Metacritic über „Der Schneeleopard“

Rotten Tomatoes über „Der Schneeleopard“

Wikipedia über „Der Schneeleopard“

Meine Besprechung von Marie Amiguet/Vincent Muniers „Der Schneeleopard“ (La Panthère des Neiges, Frankreich 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: „A Touch of Zen“, ein Hauch Schwerelosigkeit im Kino

Dezember 23, 2023

Die Überschrift stimmt. Auch der zwölfte Film der verdienstvollen monatlichen „Zeitlos“-Reise von Rapyid Eye Movies, in der sie mehr oder weniger obskure, meist aus Asien kommende Filme, die bei uns oft zu wenig oder überhaupt nicht beachtet wurden, ist eine Kino-Premiere. Dabei ist „A Touch of Zen“, auch bekannt unter dem TV-Titel „Ein Hauch von Zen“, ein breit anerkannter und bekannter Klassiker des Wuxia-Films und des asiatischen Kinos. Obskur ist hier höchstens, dass King Hus Film, nachdem er 1975 erfolgreich in Cannes und 1979 auf der Berlinale in der Informationsschau in einer ausvekauften Vorstellung lief, seine reguläre Deutschlandpremiere erst am 1. Mai 1982 im ZDF hatte. Schon damals schrieb der Fischer Film Almanach über „dieses Meisterwerk des Actionfilms“, „dass der Bildschirm lediglich eine Vorstellung der Handlung und des Stils vermitteln kann, die Schönheit der farbigen Scopebilder und der aus ihnen erwachsenden Emotionen beim Zuschauen kann das Fernsehen nun einmal nicht transportieren“.

Das kann jetzt – auch wenn in den meisten Wohnungen die TV-Bildschirme inzwischen viel größer als vor vierzig Jahren sind – nachgeholt werden.

A Touch of Zen“ ist deswegen eine Entdeckung für die Kinoleinwand – und King Hu inszenierte den Film mit seinen oft (alp)traumhaften Bildern auch für die große Leinwand.

Die Geschichte ist denkbar einfach, wird aber verschachtelt erzählt und beschränkt sich nicht auf die reine, mit Action aufgeplusterten Geschichte einer blutigen Intrige.

Während der Ming-Dynastie versteckt Yang sich in der Provinz in einem verlassenem Herrenhaus. Ihr Vater, ein ehrenhafter Offizier, wurde von dem mächtigen Eunuchen Wei ermordet. Wei will auch sie töten. Der junge, etwas naive Gelehrte und Maler Gu, der sich in Yang verliebt, wird in den Kampf hineingezogen.

Die Schilderung des Dorflebens und der sich entwickelnden Beziehung zwischen Gu, der meist der humoristische Sidekick ist, und Yang, der begnadeten Kämpferin, nimmt fast die gesamte erste Stunde des Films ein. Erst danach kommt es zu dem ersten Kampf. Etwas später, ungefähr in der Filmmitte, folgt dann die heute immer noch legendäre Kampfszene im Bambuswald. Die darauf folgenden Kampfszenen sind nicht weniger spektakulär in ihrer Verneinung der Gesetze der Schwerkraft. Und, das wird immer wieder gerne vergessen, damals musste alles direkt vor der Kamera gemacht werden. Die heute vorhandenen Möglichkeiten einer nachträglichen Bearbeitung von Bildern gab es noch nicht.

King Hu inszenierte vor diesem dreistündigem Epos den ebenfalls für die Entwicklung des Wuxia-Films wichtigen Film „Dragon inn“. Der lief letzte Monat in der „Zeitlos“-Reihe. Und kann immer noch in einigen Kinos genossen werden.

A Touch of Zen (Hsia Nu, Taiwan 1971)

Regie: King Hu

Drehbuch: King Hu

LV: Pu Songling: Xianü (Kurzgeschichte, enthalten in ‚Seltsame Geschichten aus einem Gelehrtenzimmer‘, 1679/1707 [eine Sammlung von 431 Erzählungen)

mit Feng Hsu, Chun Shih, Ying Bai

Länge: 179 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

auch bekannt als „Ein Hauch von Zen“

Hinweise

Rapid Eye Movies über den Film (dort findet ihr die Kinotermine)

Rotten Tomatoes über „A Touch of Zen“

Wikipedia über „A Touch of Zen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von King Hus „Dragon Inn“ (Dragon Inn/Lung Men K’I Chan, Taiwan 1967)


TV-Tipp für den 23. Dezember: Gangs of New York

Dezember 22, 2023

Zuerst die Meldung: Martin Scorsese erhält auf der nächsten Berlinale den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk.

Dazu gehört

One, 22.10

Gangs of New York (Gangs of New York, USA/Deutschland/Italien/Großbritannien/Niedeland 2002)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Jay Cocks, Kenneth Lonergan, Steven Zaillian

LV: Herbert Asbury: The Gangs of New York, 1928 (Die Gangs von New York – Eine Geschichte der Unterwelt)

Amsterdam Vallon will den Mörder seines Vaters, den Gangsterboss William Cutting (Bill, the Butcher), töten.

Ausgehend von dieser dürftigen Geschichte entfaltet Martin Scorsese ein atemberaubendes Porträt vom Überlebenskampf, der Verflechtung zwischen Politik und Verbrechen, den Bandenkriegen und den Kämpfen zwischen den verschiedenen Ethnien in Five Points, den Slums von New York, in den Jahren zwischen 1846 bis 1863.

„Gangs of New York ist ein solches Drama der Endzeit einer Herrschaft, in der sich eine gesellschaftliche und familiäre Ordnung durch ihre eigenen Gesetze zerstört, und durch eine Rebellion der Methoden. Eine große Tragödie also, oder eine melancholische Farce; aber wieder projiziert sie Scorsese auf ein eher materialistisch dokumentiertes Stück Zeitgeschichte, mehrere Erzählweisen begegnen einander und werden umso deutlicher, je mehr sie sich zu widersprechen beginnen…Wie die meisten der (auch vom Aufwand her) großen Filme von Martin Scorsese erzählt auch Gangs of New York zunächst eine überaus einfache Geschichte, deren Bedeutung, deren eigentliches Leben sich erst in den Bildern offenbart…Gangs of New York ist auch ein großer Film übers Film-Erzählen.“ (Georg Seeßlen: Martin Scorsese)

Mit Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis, Cameron Diaz, Liam Neeson, Brendan Gleeson

Hinweise

Metacritic über „Gangs of New York“

Rotten Tomatoes über „Gangs of New York“

Wikipedia über „Gangs of New York“ (deutsch, englisch) und über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Drehbuch „Gangs of New York“ von Jay Cocks, Kenneth Lonergan und Steven Zaillian

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Killers of the Flower Moon (Killers of the Flower Moon, USA 2023)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


Neu auf Netflix/Filmkritik: Zack Snyders Kind: „Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers“

Dezember 22, 2023

Auch wer nicht weiß, dass Zack Snyder ursprünglich die Idee für seinen neuen Film Lucasfilm als neuen „Star Wars“-Film vorschlug, denkt schon in den ersten Minuten von „Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers“ an „Krieg der Sterne“. Es gibt zwar keinen Lauftext (das wäre dann doch zu viel Kopie), sondern – im Original – einen Erzähler, der mit majestätisch-pompöser Stimme die Ereignisse, die vor dem Beginn des Films in dieser weit, weit entfernten Galaxie stattfanden, deklamiert. Es geht um eine Diktatur, Rebellen und eine Kriegerin, die auf dem Mond Veldt am Rand der Galaxie untergetaucht ist. Dort führt Kora (Sofia Boutella) ein unauffälliges Leben. Sie knüpft freundschaftliche Beziehungen zu den Einheimischen, die Viehzucht und Ackerbau noch wie im Mittelalter betreiben. Eines Tages besucht Admiral Atticus Noble (Ed Skrein) sie. Er verlangt für die von ihm repräsentierte Mutterwelt einen großen Teil ihrer Ernte.

Als einige seiner Männer eine Einheimische vergewaltigen wollen, mischt Kora sich ein. Danach sind die Soldaten tot – und Kora muss verschwinden. Denn Nobles Männer werden sie töten wollen und sich danach an den auf Veldt lebenden Bauern rächen. Sie muss den Kampf gegen Noble, seine Soldaten und die gesamte Mutterwelt beginnen. Weil sie allein keine Chance hat, den Kampf zu gewinnen, braucht sie einige tapfere Kampfgefährten. Die Bauern sind dafür nicht geeignet. Vom Kämpfen und Töten haben sie keine Ahnung.

Zusammen mit Gunnar (Michiel Huisman), einem friedfertigen Veldt-Bauern, will sie eine kleine Gruppe auf verschiedenen Planeten lebender desertierter Krieger, die über besondere Fähigkeiten verfügen, zusammenstellen. Diese sieben Samurai – nein, falscher Film. Denn auf ’sieben‘ kommt Kora nie. Mal sind es mehr, mal weniger, aber letztendlich bedient Zack Snyder sich hier schamlos an Akira Kurosawas Klassiker und verpflanzt ihn in eine „Krieg der Sterne“-Welt. Das tut er auf die denkbar einfachste Art und Weise. Jeder neue Gefährte von Kora erhält seinen Auftritt und schließt sich ohne weitere Diskussion Koras Truppe an.

Am Ende gibt es eine große Schlacht mit dem Bösewicht, die dem Film einen Abschluss verschafft. Damit hat man, auch wenn man sich in einem halben Jahr den zweiten Teil nicht ansieht, immerhin einen Film mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende gesehen. Einen Cliffhanger für den nächsten „Rebel Moon“-Film gibt es selbstverständlich auch. Schließlich steht schon im Titel, dass es sich hier um einen ersten Teil handelt. Der zweite Teil heißt „Die Narbenmacherin“ (The Scargiver). In den USA soll er am 12. April 2024, in Deutschland am 19. April 2024 veröffentlicht werden. In Interviews hat Zack Snyder schon zwei bis vier weitere Teile angekündigt. Der Mann hat also wieder einmal große Pläne.

Ob er sie ausführen darf, liegt an Netflix und der Qualität des zweiten Teils. Der müsste allerdings, falls Netflix sich bei seinen Entscheidungen von irgendwelchen künstlerischen Erwägungen leiten lässt, erheblich besser sein. Der Auftakt ist nämlich bestenfalls ein zu lang geratener, äußerst teurer Pilotfilm für eine altmodische TV-Science-Fiction-Serie. Nur dass Zack Snyder mit gut 170 Millionen US-Dollar für die beiden ersten „Rebel Moon“-Filme ein deutlich höheres Budget hatte.

Die Inszenierung ist so, wie wir sie aus früheren Zack-Snyder-Filmen kennen. Wer also mit den Bildern von „300“, „Sucker Punch“ „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und „Justice League“ etwas anfangen konnte, wird „Rebel Moon“ mögen.

Die Spezialeffekte sind für den kleinen Bildschirm sicher okay. Für einen Kinoeinsatz, den der Science-Fiction-Abenteuerfilm aktuell in den USA für einige Tage hat (auch ich konnte den Film im Kino auf einer großen Leinwand sehen), sind sie dann doch zu schlampig gemacht. Die Kampfszenen sind so hektisch geschnitten, dass die Abläufe nur noch erahnbar sind. Es kracht und rummst und am Ende hat der Held alle anderen auf mythische Weise besiegt.

Für die Schauspieler gibt es wenig zu tun. Sofia Boutella, die titelgebende Heldin, verschwindet gerade am Anfang für längere Zeit aus dem Film. Wenn sie später auf verschiedenen Planeten ihre Samurai zusammensucht, steht sie auch eher tatenlos herum. Schließlich wird in dem Moment ja der nächste Kampfgefährte vorgestellt. Vielleicht gewinnt sie im zweiten Teil mehr Profil. Djimon Hounsou, der im Abspann an zweiter Stelle genannt wird, hat hier nur eine Minirolle, die ein besserer Cameo ist. Das ändert sich vielleicht im zweiten Teil. Die anderen von Koras Kampfgefährten gewinnen, auch wenn es sich um bekannte Schauspieler handelt, ebenfalls wenig Profil. Das Drehbuch gibt ihnen einfach nicht genug Material. Immerhin hatte Ed Skrein, der den Bösewicht Noble spielt, seinen Spaß als böser Klischeebösewicht, der in Nazi-Uniform sofort als Bösewicht erkennbar ist. Gleiches gilt für seine Männer. In der Originalfassung reden sie manchmal, wenn sie besonders gemeine Dinge tun, Afrikaans; die Sprache der Buren, der weißen Südafrikaner, die in Südafrika einen Apartheidsstaat einrichteten. Das ist ein weiterer Wink mit dem Zaunpfahl. Noble, seine primitiven Soldaten und die Mutterwelt sind das ultimative Böse. Space Nazis eben.

Die gesamte Story bewegt sich humorfrei auf diesem plakativ einfachen Niveau, das auch Zehnjährige niemals überfordert, wenn der Reihe nach Personen vorgestellt werden und sie ihren Auftritt haben.

Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers“ wirkt immer wie ein überlanger Pilotfilm für eine altmodische Science-Fiction-TV-Serie. Deshalb hat er auf Netflix eine passende Heimat gefunden. Da kann man sich den Film angucken und nebenbei mit seinen Kumpels darüber ablästern oder über andere Dinge, wie die erhaltenen Weihnachtsgeschenke, reden.

Trotzdem fand ich das billige „Krieg der Sterne“-Rip-Off, mit reduzierten Erwartungen, als sehr einfach gestrickte, aus der Zeit gefallene Space-Opera, die sattsam bekannte Versatzstücke ohne einen Funken Originalität wiederverwendet, unterhaltsam. Immerhin passiert ständig etwas und die Bilder sehen gut, aber auch seelenlos aus.

Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers (Rebel Moon – Part One: A Child of Fire, USA 2023)

Regie: Zack Snyder

Drehbuch: Kurt Johnstad, Zack Snyder, Shay Hatten (nach einer Idee von Zack Snyder)

mit Sofia Boutella, Djimon Hounsou, Ed Skrein, Michiel Huisman, Doona Bae, Ray Fisher, Charlie Hunnam, Anthony Hopkins (nur Stimme im Original), Staz Nair, Fra Fee, Cary Elwes, Corey Stoll

Länge: 135 Minuten (der Abspann ist verdammt lang)

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Netflix über „Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers“

Moviepilot über „Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers“

Metacritic über „Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers“

Rotten Tomatoes über „Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers“

Wikipedia über „Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Zack Snyders „Batman v Superman: Dawn of Justice“ (Batman v Superman: Dawn of Justice, USA 2016)

Meine Besprechung von Zack Snyders „Justice League“ (Justice League, USA 2016)


TV-Tipp für den 22. Dezember: SchleFaz: Hard Ticket to Hawaii

Dezember 21, 2023

Tele 5, 22.10

SchleFaZ: Hard Ticket to Hawaii (Hard Ticket to Hawaii, USA 1987)

Regie: Andy Sidaris

Drehbuch: Andy Sidaris

Nachdem Tele 5 vor einigen Wochen überraschend das Ende von SchleFaZ (Die schlechtesten Filme aller Zeiten), der erfolgreichen Lästershow von Oliver Kalkofe und Peter Rütten über schlechte Filme, verkündete, gibt es heute bei Tele 5 die letzte SchleFaZ-Sendung. Im Frühling gehen Kalkofe und Rütten auf Tour und vielleicht findet sich auch ein anderer Sender. Denn die Quoten und die Bekanntheit des Formats waren gut, aber der Sender hat inzwischen eine andere Ausrichtung.

Zum Finale ist „Hard Ticket to Hawaii“, anscheinend eine TV-Premiere, auf der Schlachtbank. In dem Film sollen zwei Geheimagentinnen ein Drogenkartell zerschlagen. Das Hauptquartier des Drogengangster Seth Romero ist auf einer Insel.

Die damalige Kritik urteilte: „Eine mit zahlreichen Brutalitäten und Sexeinlagen garnierte, konfuse Agentenstory.“ (Fischer Film Almanach 1988)

primitiven Agentenfilms (…) der sich in der Ausbreitung aller möglichen und unmöglichen Tötungsarten gefällt. – Wir raten ab.“ (Lexikon des internationalen Films)

Das klingt doch nach einer unbedingten Empfehlung für das Format.

Unter Trash-Fans genießt „Hard Ticket to Hawaii“ inzwischen Kultstatus. Warum erzählen die Gastgeber vor, während und nach dem Werk. Aber der Trailer gibt schon einige bombige Hinweise.

Es kann sein, dass Tele 5 eine gekürzte Fassung des Films zeigt. Der ehemalige Index-Film (von 1988 bis 2013) hat aktuell eine FSK-18-Freigabe.

mit Ronn Moss, Dona Speir, Hope Marie Carlton, Harold Diamond

Wiederholung: Samstag, 23. Dezember, 02.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Hard Ticket to Hawaii“

Wikipedia über „Hard Ticket to Hawaii“ (deutsch, englisch)

Tele 5 über SchleFaZ


Neu im Kino/Filmkritik: „Perfect Days“ – ein Weihnachtsgeschenk von Wim Wenders

Dezember 21, 2023

Es begann mit einem Brief, in dem er gefragt wurde, ob er in Tokio etwas zu einem sozialen und architektonischem Projekt machen wolle. Bekannte Architekten hatten in der Großstadt ein gutes Dutzend prächtig aussehender, in Parks stehender öffentlicher Toiletten gebaut. Ihm wurde vollkommene künstlerische Freiheit und beste Arbeitsbedigungen zugesichert.

Mit dem Angebot rannte Krreativdirektor Takuma Takasaki, der jetzt auch Co-Autor von „Perfect Days“ ist, bei dem bekennenden Japan-Fan Wenders offene Türen ein.

Wenders verliebte sich in den spätern Siebzigern in Tokio und Japan. Seitdem hielt er seine Liebe zu dem Land und der Kultur in mehreren Filmen fest. Erstmals tat er das in seinem Dokumentarfilm „Tokyo-Ga“ (1985), der sich auch mit dem von ihm bewunderten Yasujiro Ozu, seinem Meister, beschäftigt. In „Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten“ (1989) porträtierte er den japanischen Modeschöpfer Yohji Yamamoto.

Ausgehend von dem Angebot besuchte Wenders Tokio einige Tage. Danach schlug er vor, mit dem Geld, das ihm zur Verfügung stehen sollte, nicht mehrere Kurzfilme sondern einen Spielfilm zu drehen. Und dieser Spielfilm, gedreht an sechzehn Tagen in Tokio, ist sein schönster, vollendester, geschlossenster und zugleich offenster Film seit Ewigkeiten. „Perfect Days“ ist ein Wim-Wenders-Film ohne all das Prätentiöse und Verkopfte, das bei seinen Filmen immer wieder nervt.

Im Mittelpunkt steht Hirayama (Kôji Yakusho), ein schweigsamer Mann mit einer Vergangenheit, über die er nicht redet. Er ist ein typischer Wim-Wenders-Mann und zugleich das Gegenteil. Hirayama führt ein auf den ersten Blick eintöniges Leben. Er fährt morgens zur Arbeit und hört dabei alte Musikkassetten mit den Hits, die auch auf einer Wim-Wenders-All-Time-Favourite-Playlist wären.

Danach putzt er öffentliche, im Park stehende Toiletten. Die im Film gezeigten Toiletten sind kleine architektonische Kunstwerke, die wirklich zum Verweilen einladen.

Seine Pause verbringt Hirayama im Park. Er ißt seine Mahlzeit und fotografiert mit einer Pocketkamera Komorebis, also Bilder in denen das Sonnenlicht durch Blätter fällt und Schatten wirft. Es sind poetische Zufallsbilder von Ästen, Blättern, Licht und Schatten.

Nach seiner Arbeit kauft er ein und verbringt einige Zeit in einem Imbiss. Er wäscht sich in einer öffentlichen Badeanstalt. Vor dem Einschlafen liest er in seiner frugal eingerichteten Wohnung Bücher, die bereits von anderen Menschen gelesen und weggeben wurden. Beispielsweise ein Roman von Patricia Highsmith.

Für die Schilderung des ersten Tages nimmt Wenders sich eine halbe Stunde Zeit. Die nächsten Tage schildert er etwas kürzer und durch die Wiederholungen bemerken wir auch die kleinen Abweichungen in Hirayamas Tagesablauf. Hier ein kurzes Gespräch. Da ein Besuch seiner Nichte und, später, seiner Schwester. Bei der Arbeit gibt es auch kleine Veränderungen.

Gerade diese Monotonie sorgt für ein genaues Hinsehen und auch ein angenehm entspanntes, friedfertiges Gefühl.

In „Perfect Days“ porträtiert Wim Wenders einen Menschen, der mit sich selbst im Reinen ist. Dabei fragt er auch nach dem Sinn des Lebens, regt zum Nachdenken darüber an und zeigt Tokio als einen poetischen Ort, an dem man gerne einige Tage verbringen möchte. In der Stadt und in den städtischen Toiletten.

Es endet, jedenfalls vorläufig, damit, dass „Perfect Days“ inzwischen für Japan auf der Shortlist für den Oscar als „Bester internationaler Spielfilm“ steht. Damit steigen die Chancen weiter, dass Wim Wenders für Japan den Preis für den besten Film erhält. Es wäre sein erster Oscar. Nominiert wurde er bereits dreimal. Immer für den Dokumentarfilm-Oscar.

P. S.: Neben „Perfect Days“ stehen „Das Lehrerzimmer“ (für Deutschland) und „The Zone of Interest“ (für Großbritannien, aber in dem in Deutschland spielendem Drama wird nur Deutsch gesprochen) auf der Shortlist. Da stehen die Chancen für eine Oscar doch ganz gut.

Perfect Days (Japan/Deutschland 2023)

Regie: Wim Wenders

Drehbuch: Takuma Takasaki, Wim Wenders

mit Kôji Yakusho, Tokio Emoto, Arisa Nakano, Aoi Yamada, Yumi Asô, Sayuri Ishikawa, Tomokazu Miura, Min Tanaka

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Perfect Days“

Moviepilot über „Perfect Days“

Metacritic über „Perfect Days“

Rotten Tomatoes über „Perfect Days“

Wikipedia über „Perfect Days“ (deutsch, englisch) und über Wim Wenders (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Eric Fiedlers „It must schwing – The Blue Note Story“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Meine Besprechung von Wim Wenders/Juliano Ribeiro Salgados “Das Salz der Erde” (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Every thing will be fine“ (Deutschland/Kanada/Norwegen/Schweden 2015)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Die schönen Tage von Aranjuez“ (Les beaux jours d‘ Aranjuez, Deutschland/Frankreich 2016)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ (Pope Francis: A Man of his Word, Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Grenzenlos“ (Submergence, USA 2017)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ “Anselm – Das Rauschen der Zeit” (Deutschland/Frankreich 2023)

Mein Gespräch mit Wim Wenders über „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ (Deutschland/Frankreich 2023)

Wim Wenders in der Kriminalakte

Homepage von Wim Wenders


Neu im Kino/Filmkritik: „Die wandernde Erde II“, inspiriert von Cixin Liu

Dezember 21, 2023

Formal ist der Titel „Die wandernde Erde II“ korrekt, aber auch irgendwo zwischen Irreführung und Unfug. Denn „Die wandernde Erde II“ erzählt nicht, was nach, sondern was vor den in „Die wandernde Erde“ geschilderten Ereignissen passierte. Deshalb muss man, um „Die wandernde Erde II“ zu verstehen, „Die wandernde Erde“ nicht gesehen haben. In China war „Die wandernde Erde“ vor vier Jahren ein Kassenerfolg. Entsprechend schnell war eine Fortsetzung war schnell beschlossen. Bei uns lief der Sciende-Fiction-Film auf Netflix.

Von Cixin Lius Novelle „Die wandernde Erde“ hat „Die wandernde Erde II“ nur die Idee der wandernden Erde übernommen. In seiner Geschichte erzählt Liu die Reise der Erde aus unserem Sonnensystem in ein anderes Sonnensystem. Diese hundert Generatationen dauernde Reise nach Proxima Centauri ist nötig, weil Wissenschaftler prognostizierten, dass unsere Sonne in vierhundert Jahren (im Film sind es nur noch hundert Jahre) die Erde zerstören wird. Zur Rettung der Menschheit schlagen sie letztendlich vor, die Erde in ein Raumschiff zu verwandeln. So und nur so kann die gesamte Menschheit gerettet werden. Diese Lösung wird umgesetzt.

In „Die wandernde Erde II“ ezählt Frant Gwo, der auch „Die wandernde Erde“ inszenierte, wie es zu der Reise der Erde aus unserem Sonnensystem nach Proxima Centauri kommt. Dabei entwirft er ein breites Panorama von Verhandlungen in New York im Hauptquartier der Vereinten Nationen und verschiedenen Forschungsstationen und für das Projekt wichtigen riesigen Einrichtungen auf der Erde und dem Mond. Es gibt tapfere Ingenieure und Raumfahrer, die auf ihren Einsatz vorbereitet werden. Es gibt Angriffe von Terroristen und Soldaten, die die riesigen, für die Reise wichtigen Anlagen gegen die Angriffe verteidigen. Es gibt den Kampf zwischen den Menschen, die das Projekt „Berg versetzen“ (also die Erde auf eine 2500 Jahre dauernde Reise schicken) forcieren und denen, die dem anders gelagerten Projekt „Digitales Leben“ (also einem Transfer unseres Geistes in eine virtuelle Welt) anhängen. Es gibt , wie wir es aus anderen Katastrophenfilmen kennen, eine bekömmliche Mischung aus viel Action, etwas Wissenschaftlerslang, Heroismus und Herzschmerz.

Das ist Blockbuster-Kino in schönster Hollywood-Tradiion. Nur dass dieses Mal die Welt nicht von US-Amerikanern, sondern von Chinesen gerettet wird. Weil der Film weltweit verkauft werden soll, ist die chinesische Propaganda nicht so patriotisch-flaggenschwenkend wie in einem Hollywood-Film. Und, auch wenn die Helden Chinesen sind, wird sich doch immer um einem globalen Blick bemüht.

Das alles erzählt Gwo in seiner ‚Roland Emmerich goes China‘-Variante so todernst, so heroisch und bei den Geschlechterrollen so konservativ (das wäre Emmerich nicht passiert), dass es schon wieder einen spaßigen Retro-Charme hat.

Stilistisch ist „Die wandernde Erde II“ ein atemberaubend stilloses Werk. Da stehen grandios inszenierte Szenen neben peinlich schlechten. Da changieren die Spezialeffekte zwischen hunderprozentig gelungen und indiskutabel schlecht.

Trotzdem ist „Die wandernde Erde II“ ein zukunftsoptimistisches Action-Spektakel für die große Leinwand. Die drei Stunden, in denen tapfere Männer etliche Katastrophen verhindern und so das Projekt immer retten, vergehen angenehm flott.

Die wandernde Erde II (liúlàng dìqiú II, China 2023)

Regie: Frant Gwo

Drehbuch: Yang Zhixue, Gong Geer, Frant Gwo, Ruchang Ye

LV (Idee): Cixin Liu: liúlàng dìqiú (Kurzgeschichte, Erstveröffentlichung in Science Fiction World, Juli 2000) (deutsche Veröffentlichung: Die wandernde Erde, 2019)

mit Andy Lau, Jing Wu, Zhi Wang, Xuejian Li, Yi Sha, Ning Li, Yanmanzi Zhu, Jing Wu

Länge: 173 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (Yeah, ein Lesetipp)

Cixin Liu: Die wandernde Erde

(übersetzt von Karin Betz, Johannes Fiederling und Marc Hermann)

Heyne, 2019

688 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Liulang diqiu

Beijing Wenyi Chubanshe, 2008

Hinweise

Moviepilot über „Die wandernde Erde II“

Metacritic übr „Die wandernde Erde II“

Rotten Tomatoes über „Die wanderde Erde II“

Wikipedia über „Die wandernde Erde II“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Spiegel“ (Jingzi, 2004)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Die drei Sonnen“ (San Ti, 2008) (und der anderen Werke von Liu)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Die wandernde Erde“ (Liulang diqiu, 2008)

Meine Besprechung von Baoshus „Botschafter der Sterne – Ein Trisolaris-Roman“ (三体X:观想之宙, 2011) (Roman spielt in der von Cixin Liu erfundenen Welt)

Mene Besprechung von Christophe Bec/Stefano Raffaele: Die wandernde Erde (2020) (Comicversion von Cixin Lius Geschichte)


TV-Tipp für den 21. Dezember: Wo in Paris die Sonne aufgeht

Dezember 20, 2023

Servus TV, 22.15

Wo in Paris die Sonne aufgeht (Les Olympiades, Frankreich 2021)

Regie: Jacques Audiard

Drehbuch: Céline Sciamma, Léa Mysius, Jacques Audiard

LV: Adrian Tomine: Amber Sweet, Killing and Dying, Hawaiian Getaway (3 Comics)

TV-Premiere. Wunderschöner SW-Ensemblefilm im Stil der Nouvelle Vague. Jacques Audiard verfolgt vier junge Menschen, die zutiefst verunsichert über sich und ihre Lebenspläne sind, in Paris durch das 13. Arrondissement stolpern und sich dabei immer wieder begegnen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Lucie Zhang, Makita Samba, Noémie Merlant, Jehnny Beth, Camille Léon-Fucien, Océane Cairaty, Anaïde Rozam, Pol White, Geneviève Doan

Wiederholung: Freitag, 22. Dezember, 01.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

AlloCiné über „Wo in Paris die Sonne aufgeht“

Moviepilot über „Wo in Paris die Sonne aufgeht“

Metacritic über „Wo in Paris die Sonne aufgeht“

Rotten Tomatoes über „Wo in Paris die Sonne aufgeht“

Wikipedia über „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jacques Audiards „The Sisters Brothers“ (The Sisters Brothers, Frankreich/Spanien/Rumänien/USA/Belgien 2018)

Meine Besprechung von Jacques Audiards „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ (Les Olympiades, Frankreich 2021)


TV-Tipp für den 20. Dezember: „Der kleine Prinz“ – Man sieht nur mit dem Herzen gut

Dezember 19, 2023

Arte, 22.25

Der kleine Prinz“ – Man sieht nur mit dem Herzen gut (Frankreich 2023)

Regie: Vincent Nguyen

Drehbuch: Vincent Nguyen

Brandneue einstündige Doku über die letzten Jahre von Antoine de Saint-Exupéry (1900 – 1944) und die Entstehung von „Der kleine Prinz“. Sein äußerst populäres modernes Kunstmärchen ist schon lange ein Klassiker der Weltliteratur.

Hinweise

Arte über die Doku (bis zum 23. Juli 2024 in der Mediathek)

Wikipedia über „Der kleine Prinz“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 19. Dezember: Tatort: Schwarzes Wochenende

Dezember 18, 2023

WDR, 22.15

TATORT: Schwarzes Wochenende (Deutschland 1986)

Regie: Dominik Graf

Drehbuch: Dominik Graf, Bernd Schwamm, Michael Hatry

Möbelfabrikant Hencken wird vor Schimanskis Stammhotel „Ideal“ erschossen. Für Schimanski, der die Intrigen zweier verfeindeter Familien aufklären muss, der Auftakt zu einem wirklich schwarzen Wochenende. Und das alles ohne seine geliebte Jacke.

Damals war Dominik Grafs „Tatort“ bei der Kritik ziemlich schlecht weggekommen, heute wird er – zu Recht – als einer der düsteren Klassiker gefeiert. Einer der Höhepunkte des Films ist eine halbstündige Verhörsequenz. Heute undenkbar.

Mit Götz George, Eberhard Feik, Ulrich Matschoss, Dieter Pfaff, Marita Breuer, Marie-Louise Millowitsch

Hinweise

Wikipedia über „Tatort: Schwarzes Wochenende“

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Meine Besprechung von Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ (Deutschland 2021)

Meine Besprechung von Domink Graf/Felix von Boehms (Co-Regie) „Jeder schreibt für sich allein“ (Deutschland 2023)

Dominik Graf in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 18. Dezember: Die Brücken am Fluss

Dezember 17, 2023

Arte, 20.15

Die Brücken am Fluß (The Bridges of Madison County, USA 1995)

Regie: Clint Eastwood

Drehbuch: Richard LaGravenese

LV: Robert James Waller: The Bridges of Madison County, 1992 (Die Brücken am Fluß)

Francesca (Meryl Streep) stellt sich auf ihrer abgelegenen Farm auf vier ruhige Tage ohne ihren Mann und die Kinder ein. Da taucht ein Fotograf (Clint Eastwood) auf, der sie nach dem Weg zu den titelgebenden Brücken fragt. Sie zeigt ihm den Weg und verliebt sich in den geheimnisvollen Fremden.

Die Vorlage soll furchtbar kitschig sein. Der Film ist es nicht.

„Ein meisterhafter Film der Gefühle ohne Duselei, mit Geist, Charme und Lebenserfahrung.“ (Fischer Film Almanach 1996)

Danach, um 22.25 Uhr, zeigt Arte die Doku „Meryl Streep: Die unverstellte Göttin“ (Frankreich 2020) und danach, um 23.20 Uhr, die Doku „Clint Eastwood“ (Frankreich 2022).

mit Clint Eastwood, Meryl Streep, Annie Carley, Victor Slezak

Wiederholung: Mittwoch, 20. Dezember, 14.10 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Brücken am Fluß“

Wikipedia über „Die Brücken am Fluß“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Jersey Boys” (Jersey Boys, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „American Sniper“ (American Sniper, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Sully“ (Sully, USA 2016)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „The Mule“ (The Mule, USA 2018)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Der Fall Richard Jewell“ (Richard Jewell, USA 2019)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Cry Macho“ (Cry Macho, USA 2021)

Meine Besprechung von Kai Blieseners „Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften“ (2020)

Clint Eastwood in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 17. Dezember: Todeszug nach Yuma

Dezember 16, 2023

3sat, 23.15

Todeszug nach Yuma (3:10 to Yuma, USA 2007)

Regie: James Mangold

Drehbuch: Halsted Welles, Michael Brandt, Derek Haas

LV: Elmore Leonard: Three-Ten to Yuma, 1953 (Die Kurzgeschichte erschien zuerst in Dime Western, später in den Sammlungen „The Tonto Woman and other Western stories“ und „Complete Western stories“)

Der arme, integere Farmer Dan Evans erklärt sich bereit, den charismatischen und skrupellosen Banditen Ben Wade durch die Prärie zum Zug nach Yuma zu bringen. Wades Bande will das verhindern.

Das Remake von „Zähl bis drei und bete“ (USA 1957, Regie: Delmer Daves) ist in jeder Beziehung größer als das kammerspielartige Original. Sogar der Zug hat Verspätung.

Trotzdem ein schöner Western, eine gute Leonard-Verfilmung (bei Western war die Trefferquote sowieso schon immer höher), mit einem leicht vermurksten Schluss.

„Todeszug nach Yuma“ erhielt den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards als bester Western des Jahres.

Mit Russell Crowe, Christian Bale, Peter Fonda, Gretchen Mol, Ben Foster, Dallas Roberts

Hinweise

Metacritic über “Todeszug nach Yuma”

Rotten Tomatoes über “Todeszug nach Yuma”

Wikipedia über „Todeszug nach Yuma“ (deutsch, englisch)

zu James Mangold

Meine Besprechung von James Mangolds “Wolverine – Weg des Kriegers” (The Wolverine, USA 2013)

Meine Besprechung von James Mangolds „Logan – The Wolverine“ (Logan, USA 2017)

Meine Besprechung von James Mangolds „Le Mans 66: Gegen jede Chance“ (Ford v Ferrari, USA 2019)

Meine Besprechung von James Mangolds „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ (Indiana Jones and the Dial of Destiny, USA 2023)

zu Elmore Leonard

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leoanrds “Raylan” (Raylan, 2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards “Raylan” (2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Dschibuti“ (Djibouti, 2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Meine Meldung von Elmore Leonards Tod

Elmore Leonard in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Frank Göhre/Alf Mayers „King of Cool – Die Elmore-Leonard-Story“ (2019)


Neu im Kino/Filmkritik: Über das Road-Movie „791 km“, das Drama „All eure Gesichter“, den Noir „Eileen“ und das Biopic „Munch“

Dezember 16, 2023

Wegen eines Sturmtief stellt die Bahn ihren Betrieb ein und verteilt Taxi-Gutscheine an die am Abend in München im Hauptbahnhof gestrandeten Passagiere. Die pensionierte Professorin und verbal rüstige Alt-Prostlerin Marianne (Iris Berben), das zerstrittene Pärchen Tiana (Nilam Farooq), die am nächsten Vormittag eine für ihr Start-Up wichtige Präsentation, und Freund, der tiefenentspannte Schluffi Philipp (Ben Münchow), und die geistig behinderte Susi (Lena Urzendowsky) entern Josephs Taxi. Jeder von ihnen muss aus einem anderen wichtigen Grund am nächsten Tag in Hamburg sein.

Als der notorisch schlecht gelaunte Joseph (Joachim Król) die Taxi-Gutscheine sieht und erfährt, dass er jeden Gutschein einzeln abrechnen kann, ist er bereit von München nach Hamburg zu fahren.

In seinem Feelgood-Film „791 km“ erzählt Tobi Baumann („Faking Hitler“), wie die fünf Menschen, die sich zufällig getroffen haben, sich auf der nächtlichen Fahrt quer durch Deutschland näher kommen. Und wie es das Drehbuch so will, sind sie alle gegensätzliche und sich entsprechnd gut ergänzende Archetypen, die auch ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft sind. Das ist immer eine Spur zu didaktisch erzählt und zu sehr in Richtung TV-Bildschirm erzählt, um auf der großen Kinoleinwand zu begeistern.

791 km (Deutschland 2023)

Regie: Tobi Baumann

Drehbuch: Gernot Gricksch (nach einer Idee von Tobi Baumann)

mit Iris Berben, Joachim Król, Nilam Farooq, Ben Münchow, Lena Urzendowsky, Langston Uibel, Barbara Philipp, Denis ‚Marschall‘ Ölmez, Götz Otto

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „791 km“

Moviepilot über „791 km“

Wikipedia über „791 km“

In einem Stuhlkreis sitzen Täter und Opfer eines Verbrechens und reden darüber. ‚restorative justice‘ nennt sich die Methode. Es geht um einen formalisierten Prozess des gegenseitigen Verstehens und auch Verzeihens. Sie ähnelt dem bei uns als Täter-Opfer-Ausgleich bekannten Modell.

In seinem Spielfilm „All eure Gesichter“ zeigt Jeanne Herry („In sicheren Händen“) mehrere dieser Prozesse und sie zeigt die Chancen, die diese Methode hat. Sie geht auch auf die Voraussetzungen, aber nicht auf die Beschränkungen ein.

Trotzdem ist „All eure Gesichter“ als karg inszeniertes, sich auf seine Schauspieler, die sich teils im Stuhlkreis, teils direkt gegenüber sitzen, konzentrierendes Dialogdrama sehenswert. Das Kammerspiel für die große Leindwand regt zum Nachdenken über Schuld, Sühne und verschiedene Methoden einer Verarbeitung an.

All eure Gesichter (Je verrai toujours vos visages, Frankreich 2023)

Regie: Jeanne Herry

Drehbuch: Jeanne Herry, Chloé Rudolf

mit Birane Ba, Leïla Bekhti, Dali Benssalah, Elodie Bouchez, Suliane Brahim, Jean-Pierre Darroussin, Adèle Exarchopolous, Gilles Lellouche, Miou-Miou, Denis Podalydès

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „All eure Gesichter“

Moviepilot über „All eure Gesichter“

Rotten Tomatoes über „All eure Gesichter“

Wikipedia über „All eure Gesichter“ (englisch, französisch)

Massachusetts im Winter 1964: die schüchterne Eileen Dunlop (Thomasin McKenzie) lebt noch bei ihrem Vater, einem jähzornigem Alkoholiker, und arbeitet im Jugendgefängnis als Sekretärin. Ihr triester Alltag verändert sich schlagartig, als die neue Psychologin des Gefängnisses eintrifft. Rebecca Saint John (Anne Hathaway) ist ein Marilyn-Monroe-Lookalike, die sofort allen Männern den Kopf verdreht. Aber dann lädt die Femme Fatale Eileen zu einem Drink ein.

Eileen“ ist die langweilige Arthaus-Version eines Noirs. Für einen gelungenen Noir entwickelt sich die Geschichte viel zu langsam und nebulös. Ehe dann im dritten Akt plötzlich alles anders wird.

Eileen (Eileen, USA 2023)

Regie: Willliam Oldroyd

Drehbuch: Ottessa Moshfegh, Luke Goebel

LV: Ottessa Moshfegh: Eileen, 2015 (Eileen)

mit Thomasin McKenzie, Anne Hathaway, Shea Whigham, Marin Ireland, Owen Teague

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Eileen“

Metacritic über „Eileen“

Rotten Tomatoes über „Eileen“

Wikipedia über „Eileen“ (deutsch, englisch)

In seinem Biopic „Munch“ über den Künstler Edvard Munch (12. Dezember 1863 – 23. Januar 1944) (Ja, das ist der mit dem Bild „Der Schrei“, das die Ghostface-Maske in den „Scream“-Filmen inspirierte.) erzählt Henrik M. Dahlsbakken das schwierige Leben des Künstlers zwischen Alkoholismus, Genie und Wahnsinn nicht chronologisch nach. Er zersplittert es auf mehrere Zeitebenen, zwischen den er kontextlos hin und her springt und er lässt Munch von drei Schauspielern und einer Schauspielerin spielen. Sie spielen ihn als 21-, 29-, 45- und 80-jährigen Mann. Und für jeden Munch-Schauspieler gibt es einen eigenen Stil.

Das Ergebnis ist ein sich experimentell gebendes Biopic, das wenig über den Künstler verrät und einen erstaunlich unberührt lässt.

Munch (Munch, Norwegen 2023)

Regie: Henrik M. Dahlsbakken

Drehbuch: Mattis Herman Nyquist, Gina Cornelia Pedersen, Fredrik Høyer, Eivind Sæther

mit Alfred Ekker Strande, Mattis Herman Nyquist, Ola G. Furuseth, Anne Krigsvoll, Anders Baasmo Christiansen, Lisa Carlehed, Jesper Christensen

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Munch“

Rotten Tomatoes über „Munch“

Wikipedia über „Munch“ und Edvard Munch (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 16. Dezember: Wild Christmas

Dezember 15, 2023

Bald ist wieder

ServusTV, 22.55

Wild Christmas (Reindeer Games, USA 2000)

Regie: John Frankenheimer

Drehbuch: Ehren Kruger

Knacki Rudi Duncan freut sich wie Bolle. Unter der Identität eines verstorbenen Knastkumpels will er sich an dessen Brieffreundin heranmachen. Die sieht nämlich unglaublich gut aus. Dummerweise hat sie einen Bruder. Der möchte, dass Rudi ihm beim Überfall eines Casinos hilft. Ein Casino, in dem Rudi früher arbeitete.

John Frankenheimers letzter Kinofilm ist nicht gerade ein Meisterwerk, aber ein vergnüglicher Neo-Noir mit viel Schnee, Weihnachtsmännern und vielen Dingen, die mit Weihnachten nichts zu tun haben.

„Mag das Drehbuch auch gelegentlich ein wenig überkonstruiert erscheinen, die Inszenierung von Regie-Veteran Frankenheimer erweist sich als absolut schnörkellos und handwerklich perfekt.“ (tip 25/2000)

Die US-Kritik war nicht so begeistert.

Frankenheimer inszenierte „Der Gefangene von Alcatraz“, „Botschafter der Angst“ (The Manchurian Candidate), „Grand Prix“, „French Connection II“, „Schwarzer Sonntag“ und „Ronin“.

mit Ben Affleck, Gary Sinise, Charlize Theron, Donal Logue, Danny Trejo, Clarence Williams III, Dennis Farina

Wiederholung: Sonntag, 17. Dezember, 02.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Wild Christmas“

Wikipedia über „Wild Christmas“ (deutsch, englisch)

Meine Bepsrechung von John Frankenheimers „Die jungen Wilden“ (The Young Savages, USA 1960)