1901 schickt der chilenische Landbesitzer José Menéndez einen kleinen Trupp los. Offiziell sollen der britische Lieutenant MacLennan, der US-amerikanische Söldner Bill und das einheimische Halbblut Segundo in Feuerland sein ihm von der Regierung zugewiesenes Land und Transportwege sichern. In Wirklichkeit sollen sie die dort lebende indigene Bevölkerung beseitigen. Die Mission wird zu einer ziemlich blutigen Angelegenheit, die nichts von dem Pioniergeist klassischer Westerngeschichten hat. Es ist ein sich in seinem gesamten inhumanen Umfang langsam entfaltender Alptraum in einem menschenleeren Land.
Felipe Gálvez erzählt in seinem Debütfilm „Colonos“ von einem vergessenen Teil der Vergangenheit Chiles, nämlich der blutigen Kolonisierung Feuerlands, als eine Mischung aus wenig Fiktion und viel historischer Wahrheit. So gab es den Landbesitzer Menéndez, MacLennan und den im Zentrum des Films stehenden Völkermord an den in Feuerland lebenden Selk’nam.
Gálvez sagt über seinen Western, er sei keine „true reconstruction of history. Rather it is a reflection on how fiction, and especially cinema, can modify and distort it, and even rewrite it.“ Dabei setzt er einiges an historischem Wissen über die Geschichte Chiles voraus.
Er erzählt seinen düsteren Western in langen, statischen Einstellungen und in zwei großen Erzählblöcken. Im ersten, knapp siebzig Minuten langen Teil erzählt er die Geschichte von MacLennan, Bill und Segundo. In der letzten halben Stunde, die sieben Jahre später spielt, untersucht Vicuna, ein Gesandter des chilenischen Präsidenten, die damaligen Ereignisse. Er unterhält sich, getrennt und in deren Häusern, mit Menéndez und Segundo.
„Colonos“ ist ein sperriger Arthaus-Western (mit der Betonung auf Arthaus) für ein begrenztes Publikum.
„Bob Marley: One Love“ gehört zu den Biopics, die nicht das gesamte Leben eines Menschen von der Wiege bis zur Bahre schildern, sondern die sich auf einen kurzen entscheidenden Abschnitt im Leben des Porträtierten konzentrieren. „Selma“ war so ein Biopic.
Reinaldo Marcus Green, der zuletzt das Biopic „King Richard“ (über Richard Williams und seine Töchter Venus und Serena Williams) inszenierte, beginnt sein Bob-Marley-Biopic Ende 1976. Jamaika versinkt im nachkolonialen Bürgerkriegschaos. Bob Marley, schon damals ein Star, möchte mit einem Friedenskonzert zur Versöhnung aufrufen. Politisch ist das selbstverständlich unglaublich naiv. Aber Bob Marley ist ein Künstler und ein gläubiger Rastafari. Am 3. Dezember 1976, zwei Tage vor dem Smile Jamaica Concert, wird in seinem Haus in Kingston ein Anschlag auf ihn verübt. Neben ihm werden seine Frau Rita, sein Manager Don Taylor und der Band-Assistent Louis Griffiths teils schwer verletzt. Wie durch ein Wunder überleben alle.
Nach dem Konzert verlässt Bob Marley die Insel. Der Druck ist zu groß. Seine Frau Rita und seine Kinder schickt er in die USA zu Verwandten (und ziemlich vollständig aus der Filmgeschichte). Er selbst fliegt mit seiner Band, den Wailers, nach London. Dort nimmt er seine nächste Platte auf. „Exodus“ wird am 3. Juni 1977 veröffentlicht und ein riesiger Erfolg. Bob Marley wird noch populärer.
Er tourt durch die Welt. Sein Wunsch, auch in Afrika zu spielen, verwirklicht sich in dem Moment noch nicht.
Am 22. April 1978 kehrt er zu einem weiteren Friedenskonzert, dem One Love Peace Concert, nach Jamaika zurück.
Diese beiden Konzerte bilden in Greens Film die erzählerische Klammer.
Dazwischen gibt es viele Episoden und Musik, aber es wird nie klar, was Green an genau diesem Teil aus Bob Marleys Leben interessiert. Alle damit zusammenhängenden potentiell interessanten Fragen werden vermieden. Es gibt auch keine Perspektive auf Marleys Leben, die das präsentierte Material irgendwie ordnen würde. Entsprechend ziellos plätschert das Biopic zwischen Episoden aus Marleys Familienleben, Proben und Abhängen mit seiner Band, Auftritten und Gesprächen mit Vertrauten und zusammenhanglos eingestreuten Rückblenden vor sich hin.
Dabei hätten diese anderthalb Jahre das Potential gehabt, eine interessante Geschichte zu erzählen. Green hätte erzählen können, wie es ist, wenn man aus seiner Heimat flüchten muss und wieder zurückkehren und Frieden stiften möchte. Oder wie es ist, wenn man plötzlich von einem weltweit bekannten Star, der schon damals in Jamaika gottgleich verehrt wurde, zu einem Superstar wird und man so zu einer einflussreichen Stimme wird. Oder wenn man von Freunden ausgenutzt und Vertrauen missbraucht wird. Oder wie ein Künstler, der in London auf Punk-Musiker trifft, sich mit seinem neuen Werk neu erfinden möchte. Oder über seine Beziehung zu seiner Frau. Das alles wird in „Bob Marley: One Love“ kurz angesprochen, aber nie konsequent vertieft.
Stattdessen rückt mit zunehmender Filmzeit die Rastafari-Religion immer mehr in den Mittelpunkt. Allerdings auf einem so plakativen und nervigem Niveau, das wir sonst nur aus unerträglichen christlichen Faith-based-Movies kennen.
Am Ende ist „Bob Marley: One Love“ nur, mit einigen Auslassungen, die Verfilmung einiger Zeilen aus dem Wikipedia-Artikel über Bob Marley. Garniert wird die Bilderbuch-Zusammenstellung nicht zusammenhängender Ereignisse mit vielen Bob-Marley-Songs, die im Film von Bob Marley gesungen werden.
Bob Marley: One Love(Bob Marley: One Love, USA 2024)
Regie: Reinaldo Marcus Green
Drehbuch: Terence Winter, Frank E. Flowers, Zach Baylin, Reinaldo Marcus Green (nach einer Geschichte von Terence Winter und Frank E. Flowers)
mit Kingsley Ben-Adir, Lashana Lynch, James Norton, Tosin Cole, Umi Myers, Anthony Welsh, Nia Ashi, Aston Barrett Jr., Anna-Sharé Blake, Gawaine „J-Summa” Campbell, Naomi Cowan, Alexx A-Game, Michael Gandolfini, Quan-Dajai Henriques, Hector Roots Lewis, Abijah „Naki Wailer” Livingston, Nadine Marshall, Sheldon Shepherd, Andrae Simpson, Stefan A.D Wade
Am Freitag, den 16. Februar, zeigt Arte um 21.45 Uhr die Doku „Marley“ (USA/Großbritannien 2012) und danach um 00.05 Uhr „Bob Marley: Uprising Live!“ (Deutschland 1980). Das Konzert wurde am 13. Juni 1980 in der Dortmunder Westfalenhalle für den „Rockpalast“ aufgenommen.
Wahrscheinlich die bessere Wahl, die auch danach einige Tage in der Mediathek (Folge den Links) verfügbar ist.
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Bob Marley live 1977 in London im Rainbow Theatre.
Bob Marley live 1980 in der Dortmunder Westfalenhalle
TV-Premiere. Für den Homosexuellen Hans Hoffmann ist 1945 die Befreiung aus dem KZ nicht der Tag der Befreiung, sondern der Weg ins nächste Gefängnis. In den kommenden 25 Jahren verbringt Hans, weil er seine Homosexualität im einvernehmlichen Sex mit anderen Männern ausleben will, mit Unterbrechungen, einen großen Teil seines Lebens im Gefängnis. Dabei entwickelt sich im Gefängnis eine Freundschaft mit dem lebenslänglich verurteiltem Mörder Viktor, der zuerst nichts mit dem 175er zu tun haben will.
Der Strafgesetzparagraph 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, wurde in Westdeutschland 1969 entschärft und 1994 gestrichen.
Sehenswertes, top gespieltes kammerspielartiges Drama mit kleinen Schwächen.
Heute endet der kleine Lauf von neuen Filmen mit Sydney Sweeney. Nach der launigen RomCom „Wo die Lüge hinfällt“ und dem auf Fakten basierendem Drama „Reality“ spielt sie jetzt in einem Superheldenfilm mit. „Madame Web“ heißt das Werk. Es ist der neueste Film im Sony’s Spider-Man Universe und sie spielt Julia Cornwall. Eine Schülerin irgendwo im Teenageralter. Nach den beiden eben erwähnten Filmen, in denen sie, ihrem Alter entsprechend, Mitt-/Endzwanziger spielte, wird hier vom Zuschauer schon eine ordentliche Portion suspension of disbelief verlangt. Da helfen auch die betont unattraktive Schuluniform und die riesige Bücherwurm-Brille nur bedingt. Aber sie hat nur eine Nebenrolle.
Im Zentrum steht Cassandra ‚Cassie‘ Webb (Dakota Johnson), die titelgebende Madame Web. Am Filmanfang ist sie eine dreißigjährige Rettungssanitäterin, die 2003 mit Blaulicht durch Manhattan rast und Menschen rettet. Bei einem Einsatz stürzt sie in einem verunglückten Wagen in den Fluss und kann erst nach drei Minuten aus dem Wasser gerettet werden. Entgegen jeder Wahrscheinlichkeit überlebt sie, ist kurz darauf wieder mopsfidel und kann in die Zukunft sehen.
Der Bösewicht Ezekiel Sims (Tahar Rahim) kann ebenfalls in die Zukunft sehen. Er ermordete, weil er an eine seltene Spinnenart gelangen wollte, 1973 in Peru im Amazonas Cassies hochschwangere Mutter. Die eingeborenen, plötzlich aus den Bäumen kommenden Spinnenmenschen versuchen die Mutter und ihr noch ungeborenes Kind zu retten. Sie können allerdings nur Cassie retten.
Heute, also 2003, hat der in New York lebende Ezekiel einen wiederkehrenden Alptraum. Er sieht, wie er irgendwann in der Zukunft von drei maskierten Frauen getötet wird. Er will sie töten, bevor sie ihn töten. Dafür muss er sie zuerst finden. Benutzen tut er die damals moderne Überwachungstechnik, auf die er mit gestohlener NSA-Software zugreifen kann.
Als Cassie in einer ihrer Visionen sieht, wie Spinnenmann Ezekiel in einer U-Bahn die Teenager Julia Cornwall (Sydney Sweeney), Mattie Franklin (Celeste O’Connor) und Anya Corazon (Isabela Merced), umbringt, will sie sie retten. Erschwert wird ihre Mission dadurch, dass Ezekiel über Spinnen-Superkräfte verfügt, Julia, Mattie und Anya sind in dem Moment (und während des gesamten Films) nur normale Teenager ohne irgendwelche Superkräfte. Sie verfügen noch nicht einmal über die Teenager-Superkraft, alle Erwachsenen unglaublich zu nerven. Sie sind sehr ruhig, folgsam, einsichtig und halten sich fast immer an Cassies Anweisungen. Und Cassie verfügt nur über die manchmal vorhandene Gabe, in die Zukunft sehen zu können. Das erlaubt der erfahrenen TV-Regisseurin SJ Clarkson in ihrem Spielfilmdebüt, eine Szene mehrmals mit kleinen Variationen zu zeigen.
Diese weitgehende Abwesenheit von irgendwelchen Superkräften erspart uns langwierige Trainings-Montagen, in denen der Superheld seine Kräfte kennen lernt, und macht aus dem angekündigten Superheldenfilm einen eher gewöhnlichen Thriller, in dem der Bösewicht einige Menschen umbringen will und die Heldin das verhindern will.
Für eine Superhelden-Origin-Story ist das schon ein ungewöhnlicher Ansatz. Am Endergebnis ändert das nichts: „Madame Web“ ist ein erstaunlich anspruchsloser Film, der eher an einen TV-Film, bei dem alle nur wegen des Geldes dabei waren, erinnert. Die Schauspieler sind zwar anwesend, aber niemand hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Die Dialoge sind zweckdienliche Erklärdialoge, die dann für die Story unwichtig sind. Und die Filmstory wirkt immer so, als habe man nur Teile des Drehbuchs verfilmt. Da fehlen immer wieder Szenen, die die gezeigten Szenen wirkungsvoller machen würden. So sehen wir, zum Beispiel, nicht, wie Cassies Kollegen versuchen, sie aus dem Wasser zu retten. In dem einen Moment ist sie in dem in das Wasser fallendem Auto. Dann ist sie unter Wasser in einer Quasi-Traumsequenz und danach ist sie gerettet und reanimiert. In einer anderen Szene, ebenfalls vom Filmanfang, rast Cassie mit Blaulicht durch die Stadt. Aber warum sie sich so beeilt, wissen wir nicht. Denn wir wissen nichts über den Patienten, den sie befördert. Und ihr Kollege/Freund Ben Parker (Adam Scott; ja, wir können hier eine kleine Verbindung zu Spider-Man erahnen) agiert betont entspannt im hinteren Teil des Rettungswagen. Andere Szenen werden später nicht fortgeführt. Sie bleiben in der Luft hängen. Dafür benutzt Cassie, entgegen jeder Vernunft, während des gesamten Films ein von ihr geklautes und ramponiertes Taxi. Denn zu dem Zeitpunkt wird bereits nach ihr gefahndet und auch nach dem Taxi sollte gesucht werden. Die wenigen Actionszenen versumpfen im erwartbaren CGI-Overkill.
Und obwohl „Madame Web“ zum Sony’s Spider-Man Universe gehört, ist „Madame Web“ ein Einzelfilm ohne irgendwelche offensichtlichen Anspielungen oder Verbindungen zu den „Spider-Man“-Filmen. Diese waren wohl während der Produktion geplant, wurden aber vor dem Kinostart aus dem Film entfernt. Die wenigen jetzt noch vorhandenen Anspielungen auf Spider-Man, nämlich dass Ben Parker und die im Film hochschwangere Mary Parker (so heißt die Mutter von ‚Spider-Man‘ Peter Parker) mitspielen, sind dann so versteckt, dass unklar ist, ob es sich wirklich um eine Verbindung zum Spider-Man Universe oder nur um einen blöden Zufall handelt.
„Madame Web“ ist in seiner allumfassenden Anspruchslosigkeit, wenn man dies akzeptiert, ein durchaus sympathisch-harmloser, sich nicht weiter um Logik und Wahrscheinlichkeit kümmernder Film mit einer angenehm kurzen Laufzeit, der mehr Fernsehen als Kino ist. Als möglicher Start eines Franchises – wobei ich jetzt nicht sagen kann, welches Franchise mit welchen Figuren gestartet werden soll – hat der Film trotz seines niedrigen Budgets von 80 Millionen US-Dollar wohl höchst unklare Zukunftsaussichten.
Madame Web (Madame Web, USA 2024)
Regie: S. J. Clarkson (alternative Schreibweise SJ Clarkson)
Drehbuch: Matt Sazama, Burk Sharpless, Claire Parker, S. J. Clarkson
mit Dakota Johnson, Sydney Sweeney, Celeste O’Connor, Isabela Merced, Tahar Rahim, Adam Scott, Emma Roberts, Mike Epps, José María Yazpik, Zosia Mamet, Kerry Bishé
Monuments Men – Ungewöhnliche Helden(The Monuments Men, USA/Deutschland 2013)
Regie: George Clooney
Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov
LV: Robert M. Edsel/Bret Witter: The Monuments Men, 2010 (Monuments Men)
Während der letzten Kriegswochen versuchen einige anerkannte Kunstexperten im Auftrag der US-Army Kunstschätze, die sich in den Händen der Nazis befinden, vor ihrer Vernichtung zu retten.
Launiges Kriegsabenteuer mit Starbesetzung, etwas Action, Drama, Witz, pathetischen Ansprachen und einer kleinen Dosis Liebe. Das ist durchaus kurzweilig und unterhaltsam, aber nicht mehr.
mit George Clooney, Matt Damon, Bill Murray, John Goodman, Jean Dujardin, Bob Balaban, Hugh Bonneville, Cate Blanchett, Dimitri Leonidas, Justus von Dohnányi, Michael Brandner, Alexandre Desplat, Serge Hazanavicius, Grant Heslov, Nick Clooney (Vater von George Clooney; er tritt in der letzten Szene auf)
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Die Vorlage
Robert M. Edsel (mit Bret Witter) Monuments Men – Die Jagd nach Hitlers Raubkunst
(übersetzt von Hans Freundl)
Heyne, 2014
560 Seiten
9,99 Euro (nur noch antiquarisch erhältlich)
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Deutsche Erstausgabe
Residenz Verlag, St. Pölten, 2013
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Originalausgabe
The Monuments Men – Allied Heroes, Nazi Thieves, and the greatest Treasure Hunt in History
Wilder Westen, 1870: der sechzehnjährige Schotte Jay Cavendish sucht seine aus Schottland geflüchtete große Liebe Rose Ross und eigentlich ist das Greenhorn zwischen Kopfgeldjägern, Indianern und allen anderen Wild-West-Gefahren zum Sterben verdammt. Wenn ihm nicht Silas Selleck, ein Revolverheld mit unklaren Absichten, helfen würde.
Schöner kleiner Western mit angenehm kurzer Laufzeit. Die Western Writers of America zeichneten den Film mit dem Spur Award als besten Western des Jahres aus.
mit Paul Giamatti, Dustin Hoffman, Rosamund Pike, Minnie Driver, Rachelle Lefevre, Scott Speedman, Bruce Greenwood, Jake Hoffman, Saul Rubinek, Paul Gross, David Cronenberg, Atom Egoyan, Ted Kotcheff, Denys Arcand, Richard J. Lewis (die fünf letztgenannten sind alles Regisseure und haben nur Cameos, zum Beispiel als Regisseur)
The Wolf of Wall Street (The Wolf of Wall Street, USA 2013)
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Terence Winter
LV: Jordan Belfort: The Wolf of Wall Street, 2007 (Der Wolf der Wall Street)
An seinem ersten Arbeitstag an der Wall Street crasht die Börse. Also zieht der nun arbeitslose, selbsternannte „Wolf of Wall Street“ Jordan Belfort 1987 eine Straße weiter und mit dem Verkauf von Pennystocks verdient er ein Vermögen.
Knapp gesagt: „GoodFellas“ und „Casino“ in der Finanzwelt, niemals langweilig und grandios von Martin Scorsese inszeniert.
Anschließend, um 00.50 Uhr zeigt Arte als TV-Premiere die knapp einstündige Doku „Martin Scorsese – Von Little Italy nach Hollywood“ (Frankreich 2023).
mit Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey, Kyle Chandler, Rob Reiner, Jon Favreau, Jean Dujardin, Jon Bernthal
Die Magnetischen (Les magnétiques, Frankreich/Deutschland 2021)
Regie: Vincent Maël Cardona
Drehbuch: Vincent Maël Cardona, Romain Compingt, Chloé Larouchi, Maël Le Garrec, Rose Philippon, Catherine Paillé
Frankreich, 1981: die ungleichen Brüder Jerôme und Philippe betreiben in der Provinz einen Piratensender. Als sich beide in Marianne verlieben und Philippe als Soldat nach West-Berlin muss, verändert sich auch ihr Verhältnis zueinander.
Wunderschöne, erstaunlich unpolitische Charakterstudie, die am besten als gelungenes Mixtape genossen wird. Bei Älteren wird sie wohlige Erinnerungen heraufbeschwören. Jüngeren gibt sie einen Einblick in eine noch gar nicht so lange zurück liegende, aber ganz andere Zeit.
Indiekino über „Die Magnetischen“ (Zeitzeuge Tom Dorow über den Film und wie politisch es damals zwischen Hausbesetzung, Straßenprotest und Clubbesuch in Berlin war)
Nach dem Roman, der den Pulitzer Preis und den National Book Award erhielt und inzwischen zum Kanon der US-Literatur gehört, Steven Spielbergs erfolgreicher Verfilmung 1985 und dem ebenfalls erfolgreichem Broadway-Musical, das 2005 seine Premiere hatte, dürfte die von Alice Walker in ihrem Briefroman „Die Farbe Lila“ aufgeschriebene Geschichte von Celie Harris Johnson und ihrer Schwester Nettie bekannt sein. Es ist eine Geschichte, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt und ein breites Panorama afroamerikanischen Lebens in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aus weiblicher Sicht entwirft. Und jetzt gibt es eine neue Verfilmung, die auf dem Musical von Brenda Russell, Allee Willis, Stephen Bray und Marsha Norman basiert. Das und wie Regisseur Blitz Bazawule („The Burial of Kojo“, Co-Regie bei Beyonces „Black is King“) die bekannte Geschichte erzählt, macht seine Verfilmung von der ersten Minute an zu einem eigenständigen Werk.
Der Film beginnt 1909 an der Küste von Georgia mit der ersten Begegnung von Celie, Nettie und Mister. Der Musiker wird kurz darauf Celies Mann. Und Celie merkt schnell, dass sie von der einen gewalttätigen Beziehung in die nächste gewalttätige Beziehung gekommen ist. Mister schlägt und unterdrückt sie. Aber er kann auch, wie bei ihrer ersten Begegnung, charmant sein.
Ihre Schwester, die kurz bei ihnen unterkommt, wird nach einem Streit von Mister vom Hof gejagt. Danach trennen sich die Wege der beiden Schwestern und Celie hört über Jahrzehnte nichts mehr von ihr, weil Mister Netties Briefe vor ihr versteckt.
Dafür begegnet Celie der freigeistigen und erfolgreichen Jazz-Sängerin Shug Avery. Sie ist Misters große Liebe und als sie bei ihnen auftaucht, degradiert er Celie sofort zur Haushälterin. Aber Shug und Celie verlieben sich ineinander und sie wird zur zweiten wichtigen Frau in ihrem Leben.
Spielberg zeigte in seiner vor vierzig Jahren entstandenen Verfilmung, was damals im Rahmen eines Big-Budget-Mainstream-Films möglich war und was nicht.
Blitz Bazawule zeigt in seinem Film, was heute in einem Film mit fast ausschließlich schwarzen Schauspielern (so gibt es in einer kleinen Rolle eine böse weiße Frau) möglich ist. Dabei sind die Gesangsnummern das größte Problem des Films. Sie feiern die afroamerikanische Kultur. Sie sind mitreißend inszeniert. Sie sind äußerst lebendig, fröhlich und lebensbejahend. Sie sind genau die Gesangs- und Tanznummern, die wir in einem Broadway-Musical und einem Filmmusical erwarten. Dummerweise bestätigen sie in diesem Fall auch jedes Klischee, mit dem Schwarze seit Jahrhunderten zu kämpfen haben und die Spike Lee in seiner grandiosen Satire „It’s Showtime“ (Bamboozled, 2000) so treffend zeigte.
Zwischen den Gesangsnummern erzählt Bazawule kraftvoll und mit durchgehend lebensbejahend-optimistischem Grundton die sich über fast vierzig Jahre erstreckende Geschichte von Celie. Es sind Episoden aus dem Leben einer sich langsam von den Konventionen emanzipierenden Frau. Die wichtigste Konvention ist dabei, dass eine Frau einem Mann dienstbar zu sein hat und dass er unumschränkt über sie herrscht. Es geht auch um Rassenkonflikte, die Unterdrückung durch Weiße und wie sich schwarzes Leben in eigenen Gemeinschaften organisierte. Das tut Bazawule in ausgewählt schönen Bildern. Und weil er viel zu erzählen hat, wird es nie langweilig.
Die Farbe Lila(The Color Purple, USA 2023)
Regie: Blitz Bazawule
Drehbuch: Marcus Gardley
LV (Roman): Alice Walker: The Color Purple,1982 (Die Farbe Lila)
LV (Musical): Brenda Russell, Allee Willis, Stephen Bray, Marsha Norman: The Color Purple, 2005
mit Fantasia Barrino, Taraji P. Henson, Halle Bailey, Elizabeth Marvel, Danielle Brooks, Aunjanue Ellis, Colman Domingo, Louis Gossett Jr., Corey Hawkins, Stephen Hill, Jon Batiste
TV-Premiere. Vierter Einsatz des ‚guten Bullen‘: Hauptkommissar Fredo Schulz (Armin Rohde) hat Krebs und, ohne Behandlung, nur noch drei Monate zu leben. Anstatt ins Krankenhaus zu gehen, stürzt er sich in seinen nächsten Fall. Ein Sicherheitsmann wurde vor einem Wohnblock erschossen. Bei seinen Ermittlungen trifft Fredo auf alte Bekannte und wird in einen Clankrieg verwickelt.
Wahrscheinlich (ich habe den Krimi noch nicht gesehen) gewohnt gute und kurzweilige Unterhaltung von Lars Becker.
mit Armin Rohde, Sabin Tambrea, Johann von Bülow, Nele Kiper, Sabrina Amali, Husam Chadat, Yasmina Djaballah, Mo Issa, Anica Dobra
Neue Stadt, neues Glück: die Wallers ziehen in ein Haus mit einem Swimmingpool. Eve hat eine Arbeit als Leiterin einer Sonderschule. Ihre Kinder, die 15-jährige Izzy und der zwölfjährige Elliott, freuen sich auf ihre neuen Klassenkameraden. Und Ehemann Ray kann sich erholen. Der ehemalige Baseballprofi musste sich vom Profisport zurückziehen. Er hat Multiple Sklerose im Anfangsstadium. Sein Arzt meint, schwimmen könne helfen.
Aber in dem Pool lauert etwas Böses, das eine nächtliche Runde im Pool zu einer furchteinflößenden, manchmal sogar tödlichen Angelegenheit macht.
Anstatt jetzt einen großen Bogen um das Schwimmbecken zu machen, gehen die Wallers tags und nachts in das Becken, planschen, schwimmen und ängstigen sich.
Die Wallers veranstalten auch eine zünftige Einstandsparty, bei der ihre Gäste selbstverständlich auch in das Becken steigen dürfen und gar schreckliches passiert.
Das passiert wohl, wenn man aus einem vierminütigem Kurzfilm (inclusiv einer Minute für den Abspann) einen Spielfilm macht. Bei dem gelungenem Kurzfilm genügt eine Situation: eine Frau schwimmt in der Nacht in einem beleuchteten Pool. Sie glaubt, jemand am Beckenrand zu sehen. Als sie das Gesicht des Fremden sieht, verschwindet sie spurlos im Wasser. Der Film beschränkt sich auf Suspense und Horror. Ohne auch nur den Ansatz einer Erklärung. Bei einem Spielfilm muss es dann eine Erklärung für das Monster im Pool geben. Diese erfolgt ziemlich spät im Film holterdipolter und wird anschließend noch nicht einmal schlüssig umgesetzt.
„Night Swim“ ist ein lahmer Horrorfilm ohne besondere Überraschungen. Immerhin sieht der in der Nacht beleuchtete Swimmingpool fast wie ein Edward-Hopper-Gemälde aus und die Suspense-Momente funktionieren. Solange man sie nur als isolierte Suspense-Momente betrachtet.
Am Ende fragte ich mich, warum Blumhouse nicht einfach einige gute Horror-Kurzfilme zusammenstellt und als Compilation ins Kino bringt. Sicher, das würde an der Kinokasse wahrscheinlich weniger Geld einspielen als der jetzt aus dem Kurzfilm entstandene Spielfilm. In den USA hat „Night Swim“ bis jetzt fast 30 Millionen und global fast 44 Millionen US-Dollar eingespielt. Bei einem Budget von 15 Millionen Dollar ist das ein gutes Geschäft. Allerdings würde die Kurzfilm-Compilation auch weniger kosten und die einzelnen Kurzfilme wären spannender als die Spielfilmversionen.
Night Swim (Night Swim, USA 2024)
Regie: Bryce McGuire
Drehbuch: Bryce McGuire (basierend auf dem gleichnamigem Kurzfilm von Rod Blackhurst und Bryce McGuire)
mit Wyatt Russell, Kerry Condon, Amélie Hoeferle, Gavin Warren, Nancy Lenehan, Jodi Long, Elijah R. Roberts
Es ist ziemlich schnell offensichtlich, wie die einzelnen Elemente der Geschichte zusammenhängen und es gibt eigentlich keine großen Geheimnisse oder Überraschungen in dem Film. Und es ist eigentlich nicht möglich, etwas über den Film zu schreiben, ohne einiges zu verraten: deshalb gibt es jetzt, auch wenn ich nicht das Ende verrate, eine Spoilerwarnung und den Hinweis, dass man sich Andrew Haighs Drama „All of us strangers“ unbedingt im Kino ansehen sollte. Es ist zwar ein Kammerspiel. Aber eines, bei dem gerade die kleinen Details in den Gesichtern der Schauspieler zählen.
„Ich wollte meine eigene Vergangenheit aufarbeiten, so wie es Adam im Film tut. Ich war daran interessiert, die Komplexität von familiärer und romantischer Liebe zu erforschen, aber auch die besonderen Erfahrungen einer bestimmten Generation von Schwulen, die in den 80er-Jahren aufgewachsen sind. Ich wollte mich von der traditionellen Geistergeschichte des Romans entfernen und etwas mehr Psychologisches, fast Metaphysisches herausarbeiten.“
Andrew Haigh (Regie, Drehbuch)
Der 45-jährige Adam (Andrew Scott) lebt alleine und einsam in London in einem verlassenen Hochhaus. Der einzige andere Mieter ist der 28-jährige offen schwule Harry (Paul Mescal). Sie kommen ins Gespräch und beginnen eine Beziehung. Zur gleichen Zeit streift Adam durch die Gegend, in der er aufwuchs. Diese Streifzüge sind ein Teil seines neuen Projekts. Er schreibt ein Drehbuch über seine Kindheit.
Bei einem seiner Streifzüge begegnet er seinen Eltern, die sich über seine anschließenden Besuche freuen. Dummerweise starben sie bei einem Autounfall vor über dreißig Jahren, bei ihnen sieht noch alles so aus wie in den achtziger Jahren und auch sehen immer noch genauso aus wie damals.
In diesem Moment ist klar, dass zumindest dieser Teil von Andrew Haighs neuem Film kein Teil der normalen Realität ist. Unklar ist, ob die Begegnung mit seinen Eltern (Claire Foy, Jamie Bell) der Beginn einer die Regeln der Physik ignorierenden Fantasy-Geschichte ist oder ob sich zumindest dieser Teil des Films in Adams Kopf abspielt als ein fiktives Gespräch mit seinen Eltern über seine Homosexualität, wie sich die Wahrnahme von Homosexualität und das öffentliche Auftreten von Homosexuellen seit den achtziger Jahren veränderte. Denn, seinen wir ehrlich, ein nur von zwei Mietern bewohntes Hochhaus mitten in London wirkt schon auf den ersten Blick sehr fantastisch.
Haigh und sein Kameramann Jamie D. Ramsay („Living – Einmal wirklich leben“) verstärken mit ihrer eleganten Bildsprache, in der in fast jedem Bild Spiegel zu sehen sind, diesen Schwebezustand zwischen den verschiedenen Realitäts- und Bewusstseinsebenen. Sehr ruhig, fast schon meditativ, entfalten sie die Geschichte, die elegant zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fantasie changiert. Dabei entsteht, auch dank der guten Schauspieler (wobei Andrew Scott hier eine besondere Erwähnung verdient), ein vielschichtiges Porträt eines einsamen Mannes, der versucht, den schon lange zurückliegenden Verlust seiner Eltern zu verarbeiten. Es ist eine intime, feinfühlig Trauerarbeit mit ungewissem Ausgang.
All of us strangers (All of us strangers, USA/Großbritannien 2023)
Regie: Andrew Haigh
Drehbuch: Andrew Haigh
LV: Taichi Yamada: Ijintachi to no natsu, 1987 (Sommer mit Fremden)
mit Andrew Scott, Paul Mescal, Jamie Bell, Claire Foy
Wien, 1938: die Gestapo steckt den Notar Josef Bartok in ein Hotelzimmer. Sie will von ihm die Zugangscodes zu zahlreichen Geheimkonten. Um der Folter zu widerstehen, beginnt Bartok gegen sich selbst Schach zu spielen.
Gut gespielte, konventionelle Literaturverfilmung, die die Vorlage massiv erweitert.
mit Oliver Masucci, Albrecht Schuch, Birgit Minichmayr, Rolf Lassgård, Andreas Lust, Samuel Finzi, Lukas Miko, Joel Basmann, Johannes Zeiler, Maresi Riegner, Luisa-Céline Gaffron, Moritz von Treuenfels
„Reality“ erzählt eine wahre Geschichte, aber trotzdem: Spoilerwarnung. Also massive Spoilerwarnung, weil ich davon ausgehe, dass die Fakten bekannt sind.
Zwischen „Wo die Lüge hinfällt“ (seit 18. Januar im Kino) und „Madame Web“ (ab 14. Februar) im Kino) können wir Sydney Sweeney in einem vollkommen anderen Film erleben. „Wo die Lüge hinfällt“ ist eine RomCom, in dem sie primär ihren ansehnlichen Körper vor fotogener australischer Kulisse präsentieren muss. In „Madame Web“ wird sie (den Film konnte ich noch nicht sehen) dies in einem Superheldenfilm wohl vor allem vor Greenscreens tun. In dem neuesten Film aus Sony’s Spider-Man Universe spielt sie ‚Spider-Woman‘ Julia Cornwall.
Eine ganz andere Heldin spielt sie in „Reality“, einer hochgelobten HBO-Films-Produktion, die 2023 auf der Berlinale ihre Premiere hatte. Sydney Sweeney spielt, sehr überzeugend, die titelgebende Reality Winner als eine unscheinbare Frau.
Die 1991 geborene Reality Winner (die heißt wirklich so) diente von 2010 bis 2016 in der United States Air Force. Danach ging sie als Übersetzerin zur Pluribus International Corporation. Die Firma arbeitet für die National Security Agency (NSA). Bei dieser Arbeit stieß sie auf einen NSA-Report über einen Versuch russischer Hacker, die US-Präsidentenwahl von 2016 (die Donald Trump gewann) zu beeinflussen. Sie gab den Bericht an die Website „The Intercept“ weiter. Noch vor der Veröffentlichung des Berichts wurde sie vom FBI verhaftet und 2018 zu einer fünf Jahre und drei Monate umfassenden Haftstrafe verurteilt. Es ist die bislang längste Strafe für die nicht autorisierte Weitergabe von staatlichen Informationen an die Medien.
Tina Satters Spielfilm „Reality“, der auf ihrem Theaterstück „Is This a Room“ basiert, stellt, minimal gestrafft, das erste Gespräch zwischen Reality und dem FBI nach. Es fand am 3. Juni 2017 in Augusta, Georgia, statt. Im Zentrum stehen die Gespräche zwischen Reality und den beiden FBI-Agenten Justin C. Garrick (Josh Hamilton) und R. Wallace Taylor (Marchánt Davis). Andere Agenten waren ebenfalls anwesend, aber vor allem mit der Sicherung des Geländes und dem Durchsuchen des Hauses beschäftigt. Die Grundlage für den Film war die von den Agenten während der Maßnahme angefertigte Tonaufnahme. Dabei – und das war später auch ein Vorwurf gegenüber den FBI-Agenten – ist lange Zeit unklar, was ihr genau vorgeworfen wird und sie wird nicht über ihre Rechte aufgeklärt. Vor allem am Anfang verwickeln die FBI-Agenten sie, fast schon unbeholfen, in harmlos wirkende Gespräche. Es geht um ihren Hund, Alltägliches und ihre Arbeit. Garrick, der das Gespräch führt, fragt sie immer wieder höflich, ob sie ihm helfen könne und ob sie ahne, warum sie hier seien. In den Momenten dachte ich immer: ‚Sei still. Verlang einen Anwalt. Auch wenn du nichts getan hast.‘. Aber Reality redet weiter, belastet sich dabei und gesteht im letzten Drittel des Films, wenn ihr die Beweise gezeigt werden, sogar die Tat.
„Reality“ ist äußerst reduziertes und gelungenes Schauspielerkino. Der gesamte Film spielt vor und in Realitys kleinem Reihenhaus. In dem Haus sind sie vor allem in einem nicht benutzten und darum leer stehendem Nebenzimmer. In diesen Momenten lenkt nichts von den unbekannten, aber guten Schauspielern, ihrem Spiel und ihren Worten ab. Auch wenn sich im ersten Filmdrittel die Gespräche darauf konzentrieren, ob es in ihrem Haus mögliche Überraschungen, wie Tiere, versteckte Waffen und andere Personen, gibt, und bis kurz vor Schluss unklar ist, was Reality vorgeworfen wird, ist die Begegnung zwischen der Polizei und einer von der polizeilichen Maßnahme betroffenen Person spannend, weil es selten so einen präzisen Einblick in die Arbeit der Polizei gibt und selten die manipulativen Verhörtechniken der Polizei so offen gelegt werden. Dabei stellt sich durchgehend die Frage, ob sie bei einer nicht-weißen Person auch so höflich und rücksichtsvoll wären oder ob nicht gleich ein SWAT-Team das Haus demoliert hätte.
Die Beschränkung auf dieses eine Verhör, das anhand des FBI-Wortprotokolls nachinszeniert wird, führt dazu, dass der gesamte gesellschaftliche und politische Kontext, sofern er nicht im Verhör angesprochen wird, ausgeblendet wird. Dazu gehört auch die Frage, ob Reality Winners Geheimnisverrat gerechtfertigt war, und ob dafür eine so hohe Haftstrafe angemessen war.
Reality (Reality, USA 2023)
Regie: Tina Satter
Drehbuch: Tina Satter, James Paul Dallas (basierend auf ihrem Theaterstück „Is This a Room“)
mit Sydney Sweeney, Josh Hamilton, Marchánt Davis, Benny Elledge, John Way
Shenxiu ist immer noch todtraurig darüber, dass ihre Mutter sie verlassen hat und nichts mehr von ihr wissen will. Ihr Vater hat inzwischen eine neue Frau. Mit ihr, Shenxiu und ihrem kleinen Bruder unternmmt er eine Kreuzfahrt – und verbringt dabei seine Zeit am liebsten mit seiner Frau und seinem Sohn. Shenxiu darf in der Zwischenzeit das Schiff alleine erkunden.
Bei einem Sturm geht Shenxiu über Bord – und erwacht in einer Traumwelt, in der es fantastische Wesen und ein Tiefsee-Restaurant mit seltsamem Personal und einem nervigen Chef gibt. In dieser Welt begibt sie sich, mit dem Restaurantchef, auf die Suche nach ihrer Mutter. Dabei ist die Unterwasserwelt untrennbar mit der realen Welt verwoben. Wie in der Realität muss sich Shenxiu auch im Traum mit ihrem Schmerz über den Verlust ihrer Mutter auseinandersetzen.
Diese Prämisse erinnert an Hayao Miyazakis vor wenigen Tagen im Kino angelaufenem Animationsfilm „Der Junge und der Reiher“. Auch dort musste ein Kind den Verlust seiner Mutter verarbeiten und tauchte dabei in eine andere Welt ein.
Im Gegensatz zu Miyazakis Film ist Tian Xiaopengs in sieben Jahren Arbeit entstandener Trickfilm weniger gelungen. Sein Film ist ein visuell überwältigender Animationsfilm voller Ideen und mit einer mauen Story.
„Deep Sea“ ist der zweite Kinofilm von Tian Xiaopeng. Sein Kinodebüt war „Monkey King – Hero is back“ (2015), einer der bis heute in China erfolgreichstren Animationsfilme.
Flic Story – Duell in sechs Runden (Flic Story, Frankreich 1975)
Regie: Jacques Deray
Drehbuch: Jacques Deray, Alphonse Boudard
LV: Roger Borniche: Flic Story, 1973 ( Duell in sechs Runden)
Inspektor Borniche (Alain Delon) jagt den aus einer psychiatrischen Klinik geflohenen Mörder Emile Buisson (Jean-Louis Trintignant).
Trotz der hochkarätigen Besetzung und dem eigentlich zuverlässigen Regisseur ein eher lahmer Polizeikrimi, der zuletzt vor Ewigkeiten, falls überhaupt, gezeigt wurde.
Doch was sagen die anderen?
„farblose Kriminalfilm“ (Rein A. Zondergeld: Alain Delon, 1984/1995)
„Folglich bezieht ‚Flic Story‘ seine Wirkung vor allem aus dem dem Schauspieler-Duell Delon kontra Trintignant, mit der Nachkriegszeit von 1947 bis 1950 als stimmungsvollen Hintergrund.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)
„mit Bedacht inszenierter, schauspielerisch hervorragender Krimi aus dem Pariser Polizei- und Verbrechermilieu der Nachkriegszeit.“(Lexikon des internationalen Films)
mit Alain Delon, Jean-Louis Trintignant, Renato Salvatori, Maurice Barrier, Claudine Auger
Dalton Russell überfällt eine Wall-Street-Bank. Schnell wird sie von der Polizei umzingelt und Detective Keith Frazier beginnt mit den Verhandlungen. Spätestens als Madaline White als Unterhändlerin des Bankgründers auftaucht und sich in die Verhandlungen einmischt, weiß er, dass er es nicht mit einem normalen Banküberfall zu tun hat.
„‘Inside Man’ ist ein typischer Spike-Lee-Film, insofern er in jeder Sekunde ein bisschen mehr ist al ein reiner Genrefilm. Er macht böse Witze ebenso über den kulturellen Reichtum New Yorks wie über Post-9/11-Paranoia und War-on-Terror-Vorurteile. Er analysiert die Mechanik der Macht, verbindet sie mit gesellschaftlicher Hierarchie und bricht sie an der Politik der Hautfarben.“ (Alexandra Seitz: Inside Man, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)
Ein feiner Thriller
Anschließend zeigt Arte um 22.20 Uhr die knapp einstündige Doku „Jodie Foster – Hollywoods Alleskönnerin“ (Frankreich 2021). Und im Stream (bei WOW und Sky) läuft gerade, mit Jodie Foster, „True Detective: Night Country“. Die Serie soll gut sein.
mit Denzel Washington, Clive Owen, Jodie Foster, Willem Dafoe, Chiwetel Ejiofor, Christopher Plummer
Während eines Linienflugs erweist sich der Sitznachbar einer Hotelmanagerin als eiskalter Erpresser. Wenn sie einen ihrer Gäste nicht in einem anderen Zimmer umbringt, wird er ihren Vater töten lassen.
Spannender kleiner Thriller, der seine Geschichte in unter neunzig Minuten erzählt.