Neu im Kino/Filmkritik: „Wicked: Teil 2“, das Ende der Geschichte der Bösen Hexe des Westens

November 19, 2025

Wie „Kill Bill“ wurde „Wicked“ von Anfang an als Zweiteiler gedreht. Das ist die einzige Gemeinsamkeit zwischen Quentin Tarantinos Meisterwerk und Jon M. Chus Musical „Wicked“. Bei „Kill Bill“ war die Begründung, dass zu viel gutes Material für einen Film vorhanden sei. Bei „Wicked“ war es nur die von Anfang an abstruse Behauptung, dass das Musical zu lang für einen einzigen Spielfilm sei. Jetzt haben wir zwei Filme, die es auf insgesamt gut dreihundert Minuten bzw. fünf Stunden schaffen. Der erste Film erzahlt die Ereignisse des Musicals bis zur Pause. Der zweite Film die Ereignisse nach der Pause – und weil bei einem Theaterstück niemand erst in der Pause ins Theater kommt, gibt es auch keine Einführung in die Geschichte. Die Macher gehen davon aus, dass alle den ersten Teil gesehen haben.

Das erleichtert mir auch etwas die Arbeit. Ich kann auf meine Kritik zum ersten Teil verweisen und betonen, dass alles, was ich am ersten Teil furchtbar fand, auch auf den zweiten Teil zutrifft.

Inzwischen leben Elphaba (Cynthia Erivo) und Glinda (Ariana Grande) in Oz in verschiedenen Welten. Laut Drehbuch sind sie beste Freundinnen. Dass diese beiden gegensätzlichen, eindimensionalen Figuren – hier die auf ihre Aussehen bedachte Dumpfnudel, da die überschlaue, wegen ihrer Hautfarbe ausgestoßene Zauberin – beste Freundinnen sind, war schon im ersten Teil eine unglaubwürdige Drehbuchbehauptung. Im zweiten Teil ist diese Behauptung kein Jota glaubwürdiger und führt durchgehend zu absurden Verhaltensänderungen zwischen abgrundtiefem Hass und tiefster Freundschaft. Es ist, laut Drehbuch, eine dieser Freundschaften, die den Tod übersteht. Irgendwie.

Elphaba, inwischen geächtet als die Böse Hexe des Westens, lebt in einer riesigen Baumhöhle und versucht mit kindischen Aktionen, wie einem aufklärerischem Schriftzug in den Wolken, den Bewohnern von Oz zu sagen, dass der Zauberer von Oz ein Schwindler ist. Ihre Aktionen scheitern.

Glinda lebt in einem Palast in der Smaragdstadt. Sie posiert inzwischen als von allen verehrtes Symbol des Guten und steht kurz vor der Hochzeit mit dem gut aussehendem, tapferen und edlen Offizier Prinz Fiyero (Jonathan Bailey).

Während des Musicals gibt es etwas Kuddelmuddel mit Affen, die Flügel haben, Elphabas in einem Rollstuhl sitzende Schwester, undurchschaubaren Intrigen am Hof, in die irgendwie der über keinerlei Zauberkräfte verfügende Zauberer von Oz (Jeff Goldblum) und die über Zauberkräfte verfügende Madame Akaber (Michelle Yeoh) verwickelt sind. Die meisten dieser in ihrer Bedeutung für die Geschichte nicht nachvollziehbaren Aktionen füllen nur die Zeit bis zum Abspann. Irgendwann taucht Dorothy aus Kansas auf. Die Heldin von L. Frank Baums Kinderbuch „Der Zauberer von Oz“ und der gleichnamigen legendären Verfilmung von 1939 hat in „Wicked: Teil 2“ einen der schrägsten denkbaren Kurzauftritte. Er verrät nur, wann die Filmgeschichte spielt. Ansonsten sind Dorothy und ihre Begleiter, die immer nur teilweise im Bild sind, für die Geschichte von „Wicked: Teil 2“ egal.

Die Filmgeschichte, die auf Gregory Maguires revisionistischem und sich an eine erwachsene Leserschaft richtendem Roman „Wicked – Die Hexen von Oz“ und dem gleichnamigen, die Gesellschaftskritik des Romans weitgehend ignorierendem Broadway-Musical basiert, wird ziemlich schnell zu einer Abfolge unzusammenhängender Szenen, in denen Dinge passieren, während das Warum weitgehend nebulös bleibt. Die aus dem Musical bekannten Songs und die zwei neuen, von Stephen Schwartz geschriebenen Lieder „No Place Like Home“ und „The Girl in the Bubble“ sind nicht weiter erwähnenswert oder erinnerungswürdig. Das gilt auch für die beiden in diesem Zusammenhang mitreisenden Songs, die während der Pressevorführung von euphorischen Kennern des Bühnenstücks gleich mit Szenenapplaus bedacht wurden. Die Gesangsnummern, die in einem Musical gern der Auftakt für atemberaubende Massenszenen mit singenden und tanzenden Menschen sind, fügen sich in „Wicked: Teil 2“ nahtlos an die Gesangsnummern aus „Wicked“ an. Sie haben nichts von der Experimentierlust, die Jon M. Chu in seinem Musical „In the Heights“ zeigte. Auch in „Wicked: Teil 2“ orientiert er sich nicht daran, was heute möglich wäre, sondern was schon vor über achtzig Jahren in Musicals besser gemacht wurde.

Ansonsten wiederholt der insgesamt etwas dunklere, aber genauso CGI-lastige Film die Gesellschaftsvorstellungen und Bildmotive des ersten Films. Weil Chu beide Filme gleichzeitig drehte und sie zusammen eine Geschichte erzählen, war das zu erwarten. So bestätigen die Bilder wieder sattsam bekannte Stereotype, anstatt sie zu unterlaufen oder einer Neubetrachtung zu unterziehen.

Das gesagt, wird das Musical „Wicked: Teil 2“ sein Publikum finden. Der erste Teil spielte 750 Millionen US-Dollar Millionen ein. Die damaligen Zuschauer dürften zu einem großen Teil wieder besoffen vor Begeisterung ins Kino stürmen. Wem der erste Teil gefiel, wird auch der zweite Teil gefallen.

Wicked: Teil 2 (Wicked: For Good, USA 2025)

Regie: Jon M. Chu

Drehbuch: Winnie Holzman, Dana Fox

LV: Stephen Schwartz/Winnie Holzman: Wicked, 2003 (Musical); Gregory Maguire: Wicked – The Life and Times of the Wicked Witch of the West, 1995 (Wicked – Die Hexen von Oz)

mit Cynthia Erivo, Ariana Grande, Jonathan Bailey, Ethan Slater, Bowen Yang, Marissa Bode, Michelle Yeoh, Jeff Goldblum, Colman Domingo (Stimme, im Original), Peter Dinklage (Stimme, im Original)

Länge: 138 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Der Film läuft in verschiedenen Sprachfassungen im Kino.

Die Vorlage

Gregory Maguire: Wicked – Die Hexen von Oz

(übersetzt von Hans-Ulrich Möhring)

Hobbit Presse/Klett-Cotta 2024 (Filmausgabe)

544 Seiten

16 Euro

Deutsche Erstausgabe

Hobbit Presse/Klett-Cotta 2008

Originalausgabe

Wicked – The Life and Times of the Wicked Witch of the West

Regan Books, 1995

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Wicked: Teil 2“

Metacritic über „Wicked: Teil 2“

Rotten Tomatoes über „Wicked: Teil 2“

Wikipdia über „Wicked: Teil 2“ (Film deutsch, englisch; Musical deutsch, englisch; Roman deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jon M. Chus „G.I. Joe 3D: Die Abrechnung“ (G.I. Joe: Retaliation, USA/Kanada 2013)

Meine Besprechung von Jon M. Chus „Die Unfassbaren 2 – Now you see me“ (Now you see me 2, USA 2016) und der DVD

Meine Besprechung von Jon M. Chus „In the Heights: Rhythm of New York“ (In the Heights, USA 2021)

Meine Besprechung von Jon M. Chus „Wicked“ (Wicked, USA 2024)


TV-Tipp für den 19. November: The Game – Das Geschenk seines Lebens

November 18, 2025

Kabel 1, 20.15

The Game – Das Geschenk seines Lebens (The Game, USA 1997)

Regie: David Fincher

Drehbuch: John Brancato, Michael Ferris

Conrad schenkt seinem stinkreichen, einsamen Arschloch-Bruder Nicholas Van Orton einen Gutschein für ein Spiel, das sein Leben interessanter gestalten soll. Nachdem Nicholas das Rollenspiel beginnt, beginnt er die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.

Düsterer Thriller (jedenfalls bis zum Beginn des dritten Aktes), der Fincher zwischen „Se7en“ und „Fight Club“ in Topform zeigt.

„Das Ganze ist ein intellektuelles Spiel mit Genre-Elementen und den Erwartungen eines an unzähligen Filmminuten geschulten Publikums. (…) Die Besonderheit an The Game ist nun, dass Fincher gerade darauf zielt, seinen Film als Spielmaterial kenntlich zu machen; methodisch tut er dies mit Sigmund Freud als Aushilfsregisseur, stilistisch mit den Mitteln des Verfolgungswahns.“ (Michael Kohler in Frank Schnelle, Hrsg.: David Fincher)

Mit Michael Douglas, Sean Penn, Deborah Kara Unger, James Rebhorn, Peter Donat, Carroll Baker, Armin Mueller-Stahl, Jack Kehoe (sein letzter Auftritt, als Lieutenant Sullivan), Spike Jonze (kleine Nebenrolle), Michael Massee (dito kleine Nebenrolle)

Wiederholung: Donnerstag, 20. November, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Game“

Wikipedia über „The Game“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „The Game“ von John Brancato und Michael Ferris (19. Oktober 1995)

Drehbuch „The Game“ von John Brancato und Michael Ferris, überarbeitet von Larry Gross und Andrew Kevin Walker (8. Februar 1996 -Shooting Script)

Meine Besprechung von David Finchers “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tatoo, USA 2011)

Meine Besprechung von David Finchers „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ (Gone Girl, USA 2014)

David Fincher in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 18. November: Nur eine Frau

November 17, 2025

HR, 23.15

Nur eine Frau (Deutschland 2019)

Regie: Sherry Hormann

Drehbuch: Florian Oeller

Beeindruckendes Biopic über die am 7. Februar 2005 in Berlin von ihrem Bruder erschossene Hatun Sürücü. Sie wurde von ihrer Familie ermordet, weil sie ein selbstbestimmtes Leben leben wollte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Almina Bagriacik, Rauand Taleb, Meral Perin, Mürtüz Yolcu, Armin Wahedi, Aram Arami, Merve Aksoy, Mehmet Atesci, Jacob Matschenz, Lara Aylin Winkler, Idil Üner

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Nur eine Frau“

Moviepilot über „Nur eine Frau“

Wikipedia über „Nur eine Frau“

Meine Besprechung von Sherry Hormanns „3096 Tage“ (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Sherry Hormanns „Nur eine Frau“ (Deutschland 2019)


TV-Tipp für den 17. November: Being the Ricardos

November 16, 2025

One, 20.15

Being the Ricardos (Being the Ricardos, USA 2021)

Regie: Aaron Sorkin

Drehbuch: Aaron Sorkin

Ein Blick hinter die Kulissen der in den fünfziger Jahren enorm erfolgreichen US-Sitcom „I love Lucy“: Die miteinander verheiraten Stars der Show – Lucille Ball (Nicole Kidman) und Desi Arnaz (Javier Bardem) – sehen sich innerhalb weniger Tage, während der Aufzeichnung einer neuen Sitcom-Episode, mit verschiedenen Krisen konfrontiert. Lucille erwartet ein Kind, ihr wird vorgeworfen, eine Kommunistin zu sein und Desi soll eine Geliebte haben. Jeder einzelne Vorwurf könnte in den USA der MacCarthy-Ära das Ende ihrer Karriere bedeuten.

TV-Premiere eines Spielfilms, der seine Premiere bei Amazon Prime hatte.

Dank guter Darsteller und sorgfältiger Rekonstruktion der damaligen Arbeitsprozesse entsteht (…) ein bereichernder Einblick in ein Stück TV-Geschichte.“ (Lexikon des Internationalen Films)

mit Nicole Kidman, Javier Bardem, J. K. Simmons, Nina Arianda, Jake Lacy, Alia Shawkat, Tony Hale, Clark Gregg, Ronny Cox

Wiederholung: Sonntag, 23. November, 00.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Being the Ricardos“

Wikipedia über „Being the Ricardos“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Aaron Sorkins „Molly’s Game – Alles auf eine Karte“ (Molly’s Game, USA 2017) (mit mehreren Gesprächen mit Aaron Sorkin, Jessica Chastain und Idris Elba über den Film)


TV-Tipp für den 16. November: Mars Attacks!

November 15, 2025

Die Alternative zu „Independence Day“ (Sat.1, 20.15 Uhr)

Tele 5, 20.15

Mars Attacks! (Mars Attacks!, USA 1996)

Regie: Tim Burton

Drehbuch: Jonathan Gems, Tim Burton (ungenannt)

LV: Topps Company: 55-teilige Sammelkartenserie aus den Sechzigern (Neuauflage 1994)

Außerirdische besuchen die Erde. Der Präsident und einige Wissenschaftler glauben an ein friedliches Zusammenleben der Welten, aber die Marsmenschen wollen einfach nur alles kaputtmachen.

Schön schräge, respektlose Satire und Liebeserklärung an die Science-Fiction-Filme der Fünfziger. Burtons Werk wurde damals als Gegenentwurf zu dem patriotisch-ironiefreien Roland Emmerich-Werk „Independence Day“ gesehen. Einmal dürfen sie raten, welcher Film der bessere ist. Und einmal, welcher Film das bessere Einspielergebnis hat.

„Eine der kompromisslosesten Demontagen des Hollywood-Kinos.

Zuerst wären da die Schauspieler zu nennen, eine Crew voller Berühmtheiten, denen nacheinander Schreckliches passiert: Sie alle scheiden in kürzester Zeit dahin, sterben einen wenig ruhmreichen Tod. (…) Mars Attacks! Karikiert nicht nur die patriotische, militaristische Variante des Invasionsfilms, sondern auch die ‚liberale’ Spielart, die den Außerirdischen mit pazifistisch und neuerdings esoterisch motiviertem Wohlwollen begegnet.“ (Helmuth Merschmann: Tim Burton)

Mit Jack Nicholson, Glenn Close, Annette Bening, Pierce Brosnan, Danny DeVito, Martin Short, Sarah Jessica Parker, Michael J. Fox, Rod Steiger, Tom Jones (als er selbst), Lukas Haas, Natalie Portman, Jim Brown, Sylvia Sidney, Pam Grier, Joe Don Baker, Christina Applegate, Jerzy Skolimowski (Regisseur, als Dr. Zeigler), Barbet Schroeder (Regisseur, als französischer Präsident), Jack Black

Wiederholung: Montag, 17. November, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Die Vorlage für den Film: die Sammelkarten der Topps Company 

Rotten Tomatoes über „Mars Attacks!“

Wikipedia über „Mars Attacks!“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tim Burtons “Frankenweenie” (Frankenweenie, USA 2012, nach einem Drehbuch von John August)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Big Eyes“ (Big Eyes, USA 2014)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Die Insel der besonderen Kinder“ (Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, USA 2016)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Dumbo“ (Dumbo, USA 2019)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Beetlejuice Beetlejuice“ (Beetlejuice Beetlejuice, USA 2024)

Tim Burton in der Kriminalakte

 

 


TV-Tipp für den 15. November: Jazzfieber – The Story of German Jazz

November 14, 2025

3sat, 22.00

Jazzfieber – The Story of German Jazz (Deutschland 2023)

Regie: Reinhard Kungel

Drehbuch: Reinhard Kungel

Sehenswerte Doku über den (bundes)deutschen Jazz von den zwanziger bis in die sechziger Jahre, als Freejazz und Jazzrock ein neues Publikum eroberten.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Peter Baumeister, Hugo Strasser, Max Greger, Klaus Doldinger, Rolf Kühn, Coco Schumann, Peter Thomas, Paul Kuhn, Karlheinz Drechsel, Tizian Jost, Niklas Roever, Hannah Weiss, Caris Hermes, Jakob Bänsch, Alma Naidu, Mareike Wiening

Hinwei

Homepage zum Film

Filmportal über „Jazzfieber“

Moviepilot über „Jazzfieber“

Wikipedia über Jazz in Deutschland

Meine Besprechung von Reinhard Kungels „Jazzfieber“ (Deutschland 2023)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Edgar Wrights Stephen-King-Verfilmung „The Running Man“

November 14, 2025

Vorbemerkung: Wenn die US-Amerikaner einen ausgebauten Sozialstaat und eine Krankenversicherung nach europäischem Vorbild hätten, könnte die Filmgeschichte nicht passieren. Und, ja, auch ein unterschiedlich gerupfter Sozialstaat ist besser als ein überhaupt nicht vorhandener Sozialstaat.

Und damit kämen wir zu „The Running Man“, einem Thriller über eine TV-Show über eine Menschenjagd in den USA. 1982 veröffentlichte Stephen King als Richard Bachman die Dystopie „The Running Man“ (Menschenjagd). 1987 verfilmte Paul Michael Glaser, sich Freiheiten nehmend, den Science-Fiction-Roman als knalligen Actionkracher mit Arnold Schwarzenegger. 96 Minuten dauert sein Film. Jetzt verfilmte Edgar Wright mit Richard Powell als titelgebenden Running Man Kings Roman. 134 Minuten dauert die neue, sich stärker an den Roman haltende Verfilmung.

Ben Richards (Glen Powell) ist ein Arbeiter, der aus mehreren Jobs flog, weil er sich für seine Kollegen einsetzte. Jetzt steht er auf der Schwarzen Liste. Entsprechend schlecht sind seine Aussichten auf einen neuen Job. Seine Frau übernimmt Doppelschichten in einer Bar. Trotzdem haben sie kein Geld für die dringend benötigten Grippemedikamente für ihre zweijährige Tochter.

Um an Geld zu kommen, will Ben sich im Fernsehen bei einem Gewinnspiel beteiligen. Der TV-Sender, der sich nur das Network nennt und mit seinem Programm das Publikum konsequent verdummt, sieht sich seinen Lebenslauf an, testet seine Fitness, interviewt ihn und schlägt ihm vor, bei der Hit-Show „The Running Man“ mitzumachen. Oder das Gebäude zu verlassen.

The Running Man“ ist eine TV-Show, in der ein Mann von für den Sender arbeitenden Killern dreißig Tage quer durch die USA gejagt wird. Wer ihm hilft, ist ebenfalls Freiwild. Wer dem Sender den Aufenthaltsort oder Informationen zum Aufenthaltsort des Running Man verrät, erhält eine fürstliche Belohnung. Wenn der Gejagte die dreißig Tage übersteht, erhält er ein utopisch hohes Preisgeld. Bis jetzt hat noch nie ein Läufer das Spiel überlebt. Normalerweise wurde er lange vor dem Erreichen der magischen dreißig Tage von den Killern oder normalen US-Bürgern, die dafür eine Belohnung erhalten, getötet.

Soweit die Prämisse, die Science-Fiction-Fans und Cineasten auch aus älteren, in den wesentlichen Punkten gleichen Filmen kennen. Die bekanntesten und gelungensten Varianten dieser Geschichte sind Robert Sheckleys Kurzgeschichte „The Prize of Peril“ (der Ursprungstext), Tom Toelles Verfilmung „Das Millionenspiel“ (Deutschland 1970, mit Dieter Hallervorden als Killer; dieser spannende TV-Film war wegen Rechtsstreitigkeiten lange in den Giftschrank verbannt), Yves Boissets kaum bekannte Verfilmung „Kopfgeld – Preis der Angst“ (Frankreich 1982) und Elio Petris pop-bunte Satire „Das zehnte Opfer“ (Italien 1965), die auf Sheckleys Kurzgeschichte „The Seventh Victim“ basiert. Sheckley schrieb auch den Roman zum Film. Immer geht es um eine im Fernsehen vor einem Millionenpublikum übertragene Menschenjagd, die der Gejagte nicht überleben soll. Immer manipuliert der Sender schamlos die Regeln zu seinen Gunsten. Immer geht es um Kritik am Kapitalismus.

Seit der 1987er Verfilmung von „The Running Man“ gab es selbstverständlich weitere Variationen der Geschichte. „Die Tribute von Panem“ (The Hunger Games) ist heute sicher die bekannteste und erfolgreichste Variante. Weitere Young-Adult-Dystopien und Kinofilme mit einer ähnlichen Prämisse, wie „Gamer“ und „Nerve“, waren weniger erfolgreich.

Jetzt hat Edgar Wright sich den Stoff wieder vorgenommen, ihn mild aktualisiert und nah an der von Stephen King erfundenen Geschichte entlang erzählt.

Das Ergebnis ist ein durchaus gelungener, aber nie wirklich überzeugender Thriller. Das liegt auch am finalen dritten Akt, der durchgehend wirkt, als ob Wright nicht wusste, wie die Geschichte enden soll. Trotz deftiger Actioneinlagen ist der Thriller bei weitem nicht das im Trailer versprochene brutale, grob-satirische Actionfeuerwerk. Wrights „The Running Man“ ist von seiner Atmosphäre näher an düsteren 70er-Jahre-Thrillern als an brachialen 80er-Jahre-Gewaltorgien.

Die Menschenjagd entwickelt sich als reines Episodendrama. Neben Ben werden in diesem Spiel noch zwei weitere Menschen gejagt. Während den Prüfungen für eine Teilnahme bei dem Spiel arbeiten sie etwas zusammen und lernen sich kennen. Befreunden wäre zu viel gesagt. Nach dem Spielstart gehen sie vollkommen getrennte Wege. Ben erfährt von ihnen nur noch, via TV, wie sie sterben. Er selbst reist quer durch die USA, trifft einige Menschen, denen er später nicht wieder begegnet. Einige Male kann er dabei seinen Jägern entkommen. Wie sie ihn gefunden haben, bleibt rätselhaft. Sie tauchen irgendwann auf und verwandeln, vor laufender Kamera, auch innerstädtische Gebiete in Kriegsgebiete.

Die Medien- und Kapitalismuskritik bewegt sich in den seit Jahrzehnten vertrauten Bahnen. Während die vorher erwähnten Verfilmungen aus den sechziger, siebziger und achtziger Jahren Entwicklungen bitterböse in die Zukunft fortschrieben, fällt die Medienkritik in „The Running Man“ (2025) deutlich dahinter zurück. Sie erreicht noch nicht einmal das schon vor Jahrzehnten bei der Diskussion über verschiedene Reality-TV-Formate, wie „Big Brother“ und „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ etablierte Niveau.

Dass der Sender die gesamte Sendung manipuliert, überrascht den Kinozuschauer daher nicht. Eher schon überrascht, wie schnell der Sender die Videos bearbeiten kann und wie perfekt er die Meinung des Publikums lenken kann; jedenfalls wird immer wieder angedeutet, dass alle dem Sender und dem von ihm verbreiteten Bildern glauben. Aus dem Arbeiter Ben wird in der Sendung ein Unruhestifter und Hallodri. Wenn er auf einem von ihm erstellten Video etwas sagt, das nicht in das Konzept der Sendung passt, wird es umstandslos geändert.

In diesen Momenten zeigt Wright, wie der TV-Sender die öffentliche Meinung manipuliert.

Gleichzeitig wird durch Graffitis, amateurhafte YouTube-Videos (eines in der Filmmitte, eines am Filmende) mit unklarer Verbreitung und, gegen Ende, plakatschwenkenden Menschen, nahe gelegt, dass Ben viele Fans hat und die Manipulationsversuche des Senders erfolglos sind. Warum die Menschen das tun oder wie sie erfahren haben, wo Ben ist, wird nicht gesagt. Denn wenn Ben sich nicht gerade im Nahkampf mit den Killern befindet, ist er untergetaucht. Er muss nur jeden Tag ein zehnminütiges Video auf einer Mini-Videocassette aufnehmen und in einen Briefkasten werden. Diese Postsendung kann nicht zurück verfolgt werden. Das Video ist der Beweis, dass er noch lebt. Moderne Überwachungstechnik, mit der Menschen in Echtzeit gefunden werden können und die, als King den Roman vor über vierzig Jahren schrieb absolut utopisch war, gibt es in Wrights retro-futuristischem Film nicht. Der Einsatz dieser Technik würde die Jagd auch ziemlich schnell beenden.

Die ‚Botschaft‘ gegen das System bleibt im Diffusen. Es wird aber von einigen Systemgegnern, die ihm helfen, gesagt, dass Ben der Mensch sein könnte, der eine Revolte gegen das System auslöst. Auch dieser Punkt bleibt eine reine Behauptung.

Das heißt: immer dann, wenn es politisch werden könnte, wenn die Satire treffend werden könnte, wenn gesellschaftliche Missstände angesprochen werden könnten, wenn Ross und Reiter genannt werden sollten, wird es erstaunlich schwammig. So wird in der einen Minute die Manipulation der Bilder durch den Sender angesprochen und damit das Vertrauen in die Echtheit von Bildern untergraben. In der nächsten Minute ist es dann wichtig, dass Ben, der in dem Moment (wir befinden uns im dritten Akt) weiß, dass der Sender die Bilder nach seinen Interessen manipuliert, dem Sender glaubt, dass die Bilder, die ihm der Sender in dieser Minute zeigt, nicht manipuliert sind. Diese Schizophrenie zieht sich durch den gesamten Film. Das Problem von „The Running Man“ (2025) ist daher nicht, dass Politik angesprochen wird, sondern wie sie angesprochen wird. Hier sind die „The Purge“-Filme viel expliziter, eindeutiger und überzeugender.

The Running Man“ ist dagegen ein sich manchmal politisch, system- und medienkritisch gebendes eskapistisches Spektakel voller verschenkter und nicht genutzter Möglichkeiten. Deshalb sollte man auch nicht allzu intensiv über die Story und die Welt, in der die Geschichte spielt, nachdenken.

The Running Man (The Running Man, USA 2025)

Regie: Edgar Wright

Drehbuch: Michael Bacall, Edgar Wright

LV: Stephen King (ursprünglich als Richard Bachman): The Running Man, 1982 (Menschenjagd)

mit Glen Powell, William H. Macy, Lee Pace, Michael Cera, Emilia Jones, Daniel Ezra, Jayme Lawson, Sean Hayes, Katy O’Brian, Karl Glusman, Colman Domingo, Josh Brolin

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „The Running Man“

Metacritic über „The Running Man“

Rotten Tomatoes über „The Running Man“

Wikipedia über „The Running Man“ (deutsch, englisch)

zu Edgar Wright

Meine Besprechung von Edgar Wrights „The World’s End“ (The World’s End, Großbritannien 2013)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „Baby Driver“ (Baby Driver, USA 2017)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „The Sparks Brothers“ (The Sparks Brothers, USA 2021)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „Last Night in Soho“ (Last Night in Soho, Großbritannien 2021)

zu Stephen King

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour

den Romanen von Stephen King

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Doctor Sleep“ (Doctor Sleep, 2013)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Später“ (Later, 2021)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

den Verfilmungen, teils mit Besprechungen der Romane

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Der dunkle Turm: Schwarz“ (The Dark Tower: The Gunslinger, 1982) und von Nikolaj Arcels Romanverfilmung „Der dunkle Turm“ (The dark Tower, USA 2017)

Meine Besprechung von Andy Muschiettis „Es“ (It, USA 2017)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, 1983) und Kevin Kölsch/Dennis Widmyers Romanverfilmung „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, USA 2019)

Meine Besprechung von Andy Muschietti Stephen-King-Verfilmung „Es Kapitel 2″ (It Chapter 2, USA 2019)

Meine Besprechung von Mike Flanagans „Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen“ (Doctor Sleep, USA 2019) (wahrscheinlich einer der Filmtitel, die kein Mensch an der Kinokasse vollständig ausgesprochen hat)

Meine Besprechung von Rob Savages Stephen-King-Verfilmung „The Boogeyman“ (The Boogeyman, USA 2023)

Meine Besprechung von Kurt Wimmers „Kinder des Zorns“ (Children of the Corn, USA 2020)

Meine Besprechung von Osgood Perkins‘ Stephen-King-Verfilmung „The Monkey“ (The Monkey, USA/Großbritannien 2025)

Meine Besprechung von Mike Flanagans Stephen-King-Verfilmung „The Life of Chuck“ (The Life of Chuck, USA 2024)

Meine Besprechung von Franics Lawrences Stephen-King-Verfilmung „The long Walk – Todesmarsch“ (The long Walk, USA 2025)


TV-Tipp für den 14. November: Ein Geschenk der Götter

November 13, 2025

SWR, 00.20

Ein Geschenk der Götter (Deutschland 2014)

Regie: Oliver Haffner

Drehbuch: Oliver Haffner

Eine arbeitslose Schauspielerin soll einen Schauspielworkshop des Jobcenters leiten. Die Kursteilnehmer sind zunächst wenig begeistert von der deutlich überforderten Lehrerin, die auch keine Ahnung von ihrer Aufgabe hat. Dennoch beginnen sie, während der Proben für „Antigone“, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.

„Ein Geschenk der Götter“ ist eine sehenswerte deutsche Komödie, die deutlich von britischen Arbeiterklassenkomödien beeinflusst ist. Auch in „Ein Geschenk der Götter“ nehmen die Menschen ihr Schicksal in die eigene Hand. Die Milieuzeichnungen sind stimmig. Und es gibt viel Humor, der sich wohltuend vom üblichen deutschen Komödienhumor unterscheidet.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Katharina Marie Schubert, Adam Bousdoukos, Marion Breckwoldt, Paul Faßnacht, Katharina Haufer, Rainer Furch, Canan Kir, Maik Solbach, Rick Okon, Eva Löbau, Luise Heyer

Hinweise

Filmportal über „Ein Geschenk der Götter“

Moviepilot über „Ein Geschenk der Götter“

Wikipedia über „Ein Geschenk der Götter“

Meine Besprechung von Oliver Haffners „Ein Geschenk der Götter“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Oliver Haffners „Wackersdorf“ (Deutschland 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Kreative Titelwahl, nächste Ausgabe: „Die Unfassbaren 3 – Now you see me“

November 13, 2025

Der letzte Auftritt der Profi-Illusionisten „Die vier Reiter“ (The Four Horsemen) war vor zehn Jahren. Danach verschwanden die Magier spurlos. Gerüchte behaupten, sie hätten sich seitdem in Hollywoods Entwicklungshölle befunden. Auch am Anfang von „Die Unfassbaren 3 – Now you see me“ tritt eine andere Gruppe von Illusionisten auf. Ihrem Publikum bieten sie eine auf den ersten Blick überzeugende Show mit dem abwesenden Reitern. Auf den zweiten Blick, vor allem wenn J. Daniel Atlas (Jesse Eisenberg) von den Vier Reitern, schnell ihre Tricks und einiges über sie enthüllt, ist klar, dass die echten „Vier Reiter“ wieder ran müssen. Außerdem hat das Auge (The Eye), eine mysteriöse Gesellschaft von Magiern, die wie Robin Hood die Reichen ausrauben und das Geld unter den Armen verteilen, ihnen kryptische Nachrichten geschickt. Schnell finden sich die ursprünglichen, aus den ersten beiden „Die Unfassbaren“-Actionkomödien bekannt-beliebten „Vier Reiter“ – J. Daniel Atlas (Jesse Eisenberg), Merrit McKinney (Woody Harrelson), Jack Wilder (Dave Franco) und Henley Reeves (Isla Fisher) – und ihre aufstrebenden Nachahmer – die Neuzugänge Charlie (Justice Smith), June (Ariana Greenblatt) und Bosco (Dominic Sessa) – und, in einem Kurzauftritt, der ebenfalls aus den vorherigen „Die Unfassbaren“-Gaunerkomödien bekannte Thaddeus Bradley (Morgan Freeman) zusammen. In diesen ersten Filmminuten gelingt Ruben Fleischer das Kunststück alle wichtigen Figuren und ihre besonderen Talente und Eigenheiten kurz und prägnant einzuführen bzw. wieder in Erinnerung zu rufen.

Die sieben Magier wollen Veronika Vanderberg (Rosamund Pike) bestehlen. Sie ist eine erzböse Kapitalistin, die sich lässig als Bond-Bösewicht bewerben könnte und nur wegen mangelnder Weltzerstörungspläne abgelehnt würde. Sie besitzt den wertvollsten Edelstein der Welt. Der riesige Stein ist normalerweise viele Meter unter dem Wüstensand in einem unterirdischen Safe.

Mit dem bewährten Team und einigen Neuzugängen inszenierte „Zombieland“-Regisseur Ruben Fleischer in dem von Louis Leterier und Jon M. Chu etablierten Stil den dritten „Die Unfassbaren“-Film, der die Helden um den halben Globus schickt. Fleischer knüpft gelungen an die vorherigen Filme an mit ‚einfacheren‘, ’nachvollziehbareren‘ und somit ‚realistischeren‘ Zaubertricks. Das gesagt ist die Actionkomödie natürlich vor allem ein leichtgewichtiges poppiges Abenteuer, das mit der Realität nicht mehr zu tun hat als ältere, komödiantisch angelegte Heist-Krimis, in denen die Helden ihren Spaß bei der Planung und mehr oder weniger aus dem Ruder laufenden Durchführung des großen Coups haben.

Die Unfassbaren 3 – Now you see me“ ist eine hemmungslos eskapistische Angelegenheit, die wie die x-te Episode einer guten, schon länger laufenden TV-Serie wirkt (wie, um eine neuere Serie zu nennen, „Leverage“), bei der man sich auf die nächste Folge freut und nicht enttäuscht wird. Auch wenn „Die Unfassbaren 3 – Now you see me“ der routinierteste Film der Reihe ist. Und das meine ich lobend!

Ein vierter Diebeszug befindet sich bereits in Planung. Aber das wurde auch nach dem zweiten „Die Unfassbaren“-Film gesagt und dann vergingen neun Jahre bis zur nächsten Illusionistenshow.

Die Unfassbaren 3 – Now you see me (Now you see me: now you don’t, USA 2025)

Regie: Ruben Fleischer

Drehbuch: Michael Lesslie, Paul Wernick, Rhett Reese, Seth Grahame-Smith (nach einer Geschichte von Eric Warren Singer und Figuren von Edward Ricourt und Boaz Yakin)

mit Jesse Eisenberg, Woody Harrelson, Isla Fisher, Dave Franco, Ariana Greenblatt, Dominic Sessa, Justice Smith, Morgan Freeman, Rosamund Pike

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Die Unfassbaren 3 – Now you see me“

Metacritic über „Die Unfassbaren 3 – Now you see me“

Rotten Tomatoes über „Die Unfassbaren 3 – Now you see me“

Wikipedia über „Die Unfassbaren 3 – Now you see me“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Louis Leteriers „Die Unfassbaren – Now you see me“ (Now you see me, USA 2013) und der DVD

Meine Besprechung von Jon M. Chus „Die Unfassbaren 2 – Now you see me“ (Now you see me 2, USA 2016) und der DVD

Meine Besprechung von Ruben Fleischers „Venom“ (Venom, USA 2018)

Meine Besprechung von Ruben Fleischers „Zombieland: Doppelt hält besser“ (Zombieland: Double Tap, USA 2019)

Meine Besprechung von Ruben Fleischers „Uncharted“ (Uncharted, USA 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Lynne Ramsays „Die my love“

November 13, 2025

Wer jung und naiv und mit der freudigen Erwartung, die Stars Jennifer Lawrence und Robert Pattinson als Liebespaar beim Geschlechtsverkehr zu sehen, ins Kino geht, wird wahrscheinlich schreiend den Saal verlassen. Sicher: Lawrence und Pattinson spielen ein junges Paar, das aus der Großstadt in ein etwas abgelegen liegendes, heruntergekommenes Haus zieht. Sie renovieren das Haus. Sie haben Sex und bekommen ein Baby. Nach der Geburt verändert sich ihre Beziehung weiter.

Allerdings ist „Die my love“ keine heimelige RomCom mit glücklichen Menschen in einer perfekten Welt, sondern ein Film von Lynne Ramsay. Zu den vorherigen Filmen der in Glasgow geborenen, nicht besonders produktiven Regisseurin gehören „Rat Catcher“ (1999), „Morvern Callar“ (2002), „We need to talk about Kevin“ (2011; ihr bekanntestes und zugänglichstes Werk) und „A beautiful day“ (2017; der Titel kann nur und muss strikt ironisch verstanden werden). Keiner dieser wenig erklärenden, viel zeigenden und sich auf die Intelligenz des Publikums verlassenden Feelbad-Filme war ein Kassenhit. Jeder Film kam bei der Kritik gut an. Zuletzt spielten Stars wie Tilda Swinton, John C. Reilly und Joaquin Phoenix in ihren Filmen mit. Dieses Mal übernahmen Lawrence und Pattison die Hauptrollen. Die Stars aus „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ und Harry Potter bewiesen in den Jahren seit ihrem Durchbruch eine große Sympathie für abseitige Stoffe. „Die my love“ reiht sich hier nahtlos ein. Sissy Spacek und Nick Nolte übernahmen Nebenrollen.

Nach einem fröhlichen Einzug verändert die nicht schreibende Schriftstellerin Grace (Jennifer Lawrence) sich während der Schwangerschaft und nach der Geburt zunehmend. Sie ist offensichtlich von der Situation überfordert und kann immer weniger Wahn und Wirklichkeit unterscheiden. Sie flieht zunehmend in so etwas wie eine postnatale Depression. Auch ihr immer öfter, teils mehrere Tage abwesender Lebensgefährte Jackson (Robert Pattinson) verändert sich.

Dieser eskalierende Wahnsinn in dem Frau, zuerst schwanger, später Mutter, sich immer fremder in ihrem Haus fühlt und der Abstand zu ihrem sich seltsam verhaltenden Mann immer größer wird, erinnert an Darren Aaronofskys surreales Drama „Mother!“ (2017), ebenfalls mit Jennifer Lawrence in der Hauptrolle. „Die my love“ kann als ungehemmte, assoziativ und in Andeutungen erzählte Variante des Alptraums einer jungen Mutter nach der Geburt ihres Kindes gesehen werden. Aber, wie Aaronofsky, lässt Ramsay verschiedene Interpretationen zu.

Für die Fans von Lynne Ramsay ist „Die my love“, nachdem ihr vorheriger Film, der brutale Noir „A beautiful day“ enttäuschte, definitiv einen Blick wert.

Die my love (Die my love, Großbritannien/USA 2025)

Regie: Lynne Ramsay

Drehbuch: Lynne Ramsay, Alice Birch, Enda Walsh

LV: Ariana Harwicz: Mátate, amor, 2012 (Stirb doch, Liebling)

mit Jennifer Lawrence, Robert Pattinson, Lakeith Stanfield, Sissy Spacek, Nick Nolte, Sarah Lind, Gabrielle Rose

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Die my love“

Metacritic über „Die my love“

Rotten Tomatoes über „Die my love“

Wikipedia über „Die my love“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Lynne Ramsays „A beautiful Day“ (You were never really here, Großbritannien 2017)


TV-Tipp für den 13. November: Charlatan

November 12, 2025

MDR, 01.45

Charlatan (Šarlatán, Tschechien/Irland/Slowakei/Polen 2020)

Regie: Agnieszka Holland

Drehbuch: Marek Epstein

Faszinierendes Porträt des tschechischen Heilers Jan Mikolášek (1889 – 1973), der auch prominente Nazis und Kommunisten mit seinen Tinkturen versorgte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ivan Trojan, Josef Trojan, Juraj Loj, Jaroslava Pokorná, Jiří Černý, Miroslav Hanuš

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Charlatan“

Metacritic über „Charlatan“

Rotten Tomatoes über „Charlatan“

Wikipedia über „Charlatan“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Charlatan“

Meine Besprechung von Agnieszka Hollands „Die Spur“ (Pokot, Polen/Deutschland/Tschechische Republik/Schweden/Slowakische Republik 2017)

Meine Besprechung von Agnieszka Hollands „Charlatan“ (Šarlatán, Tschechien/Irland/Slowakei/Polen 2020)

Meine Besprechung von Agnieszka Hollands „Green Border“ (Zielona granica, Polen/Tschechien/Frankreich/Belgien 2023)

Meine Besprechung von Agnieszka Hollands „Franz K.“ (Franz, Tschechien/Deutschland/Polen 2025)


Neu im Kino/Filmkritik: „Make me feel“ – Überraschend gelungene Independent-Genrekost aus Deutschland

November 12, 2025

Auch wenn die Macher es nicht explizit sagen: „Make me feel“ ist ein Science-Fiction-Film. Nach einem Autounfall liegt Tito seit einem Jahr im Koma. Weil er nur noch von den Maschinen am Leben erhalten wird, wollen die Ärzte sie abschalten. Bevor seine Frau Ella sich entscheidet, schlägt ihr die behandelnde Ärztin eine experimentelle Therapie vor. Mittels für Außenstehende unerklärbarem Medizin-Voodoo, der eine frühere enge Beziehung zwischen den Teilnehmenden voraussetzt, kann Ella in Titos Bewusstsein gelangen und ihm dort möglicherweise einen Impuls geben, der seinen Lebenswillen weckt und ihn aus dem Koma herausholt. Wenn es schief geht, kann Ella dauerhafte Schäden davontragen oder sogar sterben. Für ihre große Liebe Tito nimmt Ella das Risiko auf sich – und fortan spielt der Film in einem Operationssaal und, vor allem, in Titos Kopf.

Tito war Autor nicht verfilmter Drehbücher. Jetzt lebt er in diesen Geschichten und Ella wird ein Teil von ihnen. Bei jeder Reise in Titos Unterbewusstsein betritt sie eine andere von ihm ausgedachte Geschichte. Sie sind von erfolgreichen Genres und Filmen der letzten Jahre inspiriert. Mal ist der Traum ein offensichtlich in Südamerika spielender Gangsterfilm mit ihm als mondän lebendem Boss einer Drogenschmugglerbande, mal ein Western, mal ein Weltkrieg-II-Film mit Spionage, Liebe und Adolf Hitler, mal eine Seeräubergeschichte. Es sind B-Picture-Abenteuergeschichten mit einer ordentlichen Portion Action und Liebe, in denen Ella versucht, das Drehbuch umzuschreiben. Teils mit katastrophalen Folgen, die zu ihrem und Titos Tod führen könnten. In jedem Fall schleichen sich immer mehr Fehler in Titos Drehbücher. Formal sind diese Reisen in Titos Unterbewusstsein Kurzfilme mit oft extrem schlechten Dialogen; – was natürlich erklärt, warum noch keines seiner Bücher verfilmt wurde.

Make me feel“ ist als deutsche Produktion eine Ausnahmeerscheinung. Es handelt sich um eine Independent-Produktion, die professionell an mehreren Orten in Deutschland, Österreich, Italien und Spanien gedreht wurde. Dank des bunten aus der Werbung bekannten Looks sieht sie auch hochwertig aus. Sie verzichtet auf den nervigen pubertären Klamauk ähnlicher Produktionen. Stattdessen drehten Timur Örge (der bislang vor allem Kurzfilme inszenierte) und Michael David Pate (von ihm sind „Heilstätten“, „Kartoffelsalat“ und „Kartoffelsalat 3“ und er ist einer der Drehbuchautoren von Til Schweigers „Manta Manta – Zwoter Teil“) einen ernsten Science-Fiction-Film, der auch ein Liebesfilm und eine Compilation mehrerer in verschiedenen Genres spielender Kurzfilme ist.

Natürlich ist „Make me feel“ nicht ohne Mängel. Die schon erwähnten Dialoge sind oft gruselig schlecht. Die Schauspieler tendieren zum chargieren. Die Story erinnert natürlich an andere und bessere Science-Fiction-Filme. Schließlich sind mehr oder weniger freiwillige Reisen in das (Unter-)bewusstsein von anderen Menschen für den Science-Fiction-Fan ein uralter Hut. Titos Täume sind, abgesehen von der Weltkrieg-II-Episode, nur Variationen altbekannter Genretopoi. Da wird nichts einen Innovationspreis erhalten. Die Action ist oft irritierend inszeniert und konfus geschnitten. Allerdings, das muss auch gesagt werden, angesichts des vermuteten Budgets von 1,5 Millionen Euro, auch erstaunlich aufwändig. Das gleiche gilt für die vielen Sets und Komparsen. Denn auch wenn die Episoden nur in Titos Kopf existieren, müssen die Sets für den Film gebaut und hergerichtet und die Komparsen engagiert und für die historischen Episoden eingekleidet werden.

Insgesamt gefällt der eskapistische Film im Rahmen seiner Möglichkeiten und seines Anspruchs. Denn Timur Örge und Michael David Pate wollen sattes Genrekino abliefern. Und das tun sie überraschend gelungen.

Make me feel (Deutschland 2025)

Regie: Timur Örge, Michael David Pate

Drehbuch: Laura Sommer, Erkan Acar, Timur Örge, Michael David Pate (nach einer Geschichte von Timur Örge)

mit Erkan Acar, Charleen Weiss, Ronald Nitschke, Franziska Machens, Lotta Herzog, Ömer Filikci, Tito Uysal, Eskindir Tesfay, Severino Negri, Jean J. Straub

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Kinostart: 13. November 2025

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Make me feel“

Moviepilot über „Make me feel“

Wikipedia über „Make me feel“

Meine Besprechung von Michael David Pates „Heilstätten“ (Deutschland 2018)


TV-Tipp für den 12. November: „Onkel Toms Hütte“ – Vom Helden zum Verräter

November 11, 2025

Arte, 22.00

Onkel Toms Hütte“ – Vom Helden zum Verräter (Frankreich 2024)

Regie: Priscilla Pizzato

Drehbuc: Priscilla Pizzato

1852 erschien Harriet Beeher Stowes Roman „Onkel Toms Hütte“. Der Bestseller war ein Meilenstein im Kampf gegen die Sklaverei – und bediente rassistische Stereotype.

In ihrer brandneuen 55-minütigen Doku zeichnet Priscilla Pizzato die Geschichte des Buches, seiner Interpretationen und Wirkung nach.

Hinweise

Arte über die Doku (in der Mediathek bis zum 10. Mai 2026)

Wikipedia über „Onkel Toms Hütte“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 11. November: Der Mann, der niemals lebte

November 10, 2025

Tele 5, 23.10

Der Mann, der niemals lebte (Body of Lies, USA 2008)

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: William Monahan

LV: David Ignatius: Body of Lies, 2007 (Der Mann, der niemals lebte)

CIA-Agent Roger Ferris fahndet im Nahen Osten nach einer islamistischen Terrorzelle. Als sie nicht weiterkommen, hecken Ferris und sein in Washington, D. C., sitzender Chef einen verwegenen Plan aus.

Okayer, schrecklich ausgewogener, realistischer Polit-Thriller, bei dem man nie den Eindruck los wird, dass hier alle unter ihren Möglichkeiten bleiben. Außerdem ist das Ende enttäuschend.

David Ignatius gefällt die Verfilmung.

mit Leonardo DiCaprio, Russell Crowe, Mark Strong, Oscar Isaac

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Mann, der niemals lebte“

Wikipedia über „Der Mann, der niemals lebte“ (deutsch, englisch)

Hollywood Hills: Interview mit David Ignatius über die Verfilmung (Teil 1, Teil 2)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ (The Martian, USA 2015)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alles Geld der Welt“ (All the Money in the World, USA 2017)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „The Last Duel“ (The Last Duel, USA 2021)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „House of Gucci“ (House of Gucci, USA 2021)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Napoleon“ (Napoleon, USA 2023)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Gladiator II“ (Gladiator II, USA 2024)


TV-Tipp für den 10. November: Carmen (1918)

November 9, 2025

Arte, 23.20

Carmen (Deutschland 1918)

Regie: Ernst Lubitsch

Drehbuch: Grete Diercks, Norbert Falk, Hanns Kräly

LV: Prosper Mérimée: Carmen, 1845 (Carmen)

Ernst Lubitschs Verfilmung von Prosper Mérimées Novelle und Georges Bizets populärer Oper über die titelgebende Dame und ihre Probleme mit den Männern. Danach war Pola Negri ein Star.

Ein Film, der mit der Zeit immer moderner geworden ist, nimmt er doch Stilelemente des Neorealismus und des ‚Cinema Vérité‘ vorweg.“ (Herbert Spaich: Ernst Lubitsch und seine Filme, 1992)

Arte zeigt den Stummfilm in der von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung restaurierten Fassung und mit der Musik von Tobias Schwencke. Die Restaurierung ist von 2018, die Musik von 2021.

mit Pola Negri, Harry Liedtke, Paul Biensfeldt, Magnus Stifter, Grete Diercks

Hinweise

Arte über den Film (auch in der Mediathek)

Murnau-Stiftung über „Carmen“

Filmportal über „Carmen“

Wikipedia über „Carmen“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 9. November: Die Unfassbaren – Now you see me

November 8, 2025

Wenige Tage bevor der dritte Teil im Kino anläuft

RTL II, 20.15

Die Unfassbaren – Now you see me (Now you see me, USA 2013)

Regie: Louis Leterrier

Drehbuch: Ed Solomon, Boaz Yakin, Edward Ricourt

Vier Illusionskünstler beginnen, im Auftrag eines Unbekannten, als „Die vier Reiter“ (The four Horsemen) verbrecherische Zauberkunststücke mit Robin-Hood-Touch auszuführen. Schnell werden sie vom FBI und einem Ex-Magier verfolgt.

Der Überraschungserfolg „Die Unfassbaren – Now you see me“ ist ein locker-lässiger Popcorn-Film, ein vergnüglicher Comic-Crime-Caper, der Spaß macht, solange man nicht zu genau über die Geschichte nachdenkt und das nach einem fulminanten ersten Trick zunehmend konventioneller wird. Denn ein Las-Vegas-Paris-Bankraub ist viel eindrucksvoller, als ein Geldtransfer von einem Konto zu anderen Konten; auch wenn dies während einer Show geschieht und sich dabei – dank unsichtbarer Schrift – der Kontostand auf den Papieren der Anwesenden verändert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jesse Eisenberg, Isla Fisher, Woody Harrelson, Dave Franco, Mark Ruffalo, Mélanie Laurent, Morgan Freeman, Michael Caine, Common, Michael J. Kelly

Wiederholung: Montag, 10. November, 02.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über „Die Unfassbaren – Now you see me“

Rotten Tomatoes über „Die Unfassbaren – Now you see me“

Wikipedia über „Die Unfassbaren – Now you see me“ (deutsch, englisch)

The Wrap: Interview mit den Drehbuchautoren Ed Solomon und Edward Ricourt (31. Mai 2013)

Schnittberichte: Vergleich der Kinofassung und der Extended Edition

Meine Besprechung von Louis Leteriers „Die Unfassbaren – Now you see me“ (Now you see me, USA 2013) und der DVD

Meine Besprechung von Louis Leterriers „Der Spion und sein Bruder“ (The Brothers Grimsby, USA 2016)

Meine Besprechung von Louis Leteriers „Fast & Furious 10“ (Fast X, USA 2023)

Meine Besprechung von Boaz Yakins „Todsicher“ (Safe, USA 2012)

Meine Besprechung von Boaz Yakins „Max“ (Max, USA 2015)

Meine Besprechung von Jon M. Chus „Die Unfassbaren 2 – Now you see me“ (Now you see me 2, USA 2016) und der DVD


Neu im Kino/Filmkritik: „The Secret Agent“ – Brasiliens Oscar-Kandidat für den besten internationalen Film

November 8, 2025

Brasilien, 1977 in der feierwütigen und gewalttätigen Karnevalswoche, während der Militärdiktatur: Der Mittvierziger Marcelo (Wagner Moura) kehrt in seinen Heimatort zurück. Er hofft, in der Küstenstadt Recife seinen bei den Großeltern lebenden Sohn wieder zu sehen. Er recherchiert in einem Archiv. Er ist auf der Flucht. Er wohnt in einem Haus, in dem politisch Verfolgte leben. Er scheint allerdings auch in einer anderen Mission unterwegs zu sein. Und es gibt immer mehr rätselhafte Ereignisse, die den auf mehreren Zeitebenen spielenden Film zu einer langsam erzählten Abfolge teils rätselhafter, teils fantastischer Ereignisse macht, die mehr oder weniger miteinander zusammenhängen könnten. Oder halt mehr oder weniger paranoide Wahnvorstellungen sind in einer Zeit, in der paranoide Wahnvorstellungen, wie, dass man von der Regierung aus möglicherweise erfundenen Gründen verfolgt wird, wahr sind.

Kléber Mendonça Filhos hochgelobter und mit vielen Preisen ausgezeichneter Neo-Noir-Polit-Thriller „The Secret Agent“ zeichnet vor allem am Anfang ein atmosphärisches, dichtes Bild einer Diktatur. Nach diesem starken Beginn mit viel stimmigem Zeitkolorit zerfaster der gut dreistündige Film zunehmend. Die Geschichte wird immer nebulöser und lässt einen wegen des konstanten Verweigerns von Erklärungen und narrativer Kohärenz mit dem Gefühl zurück, dass eine beherzt auf zwei Stunden oder weniger gekürzte Fassung besser gewesen wäre. So überzeugt „The Secret Agent“ vor allem als sich viel Zeit nehmendes Stimmungsstück mit bewussten erzählerischen Lücken und vielen Anspielungen auf die Geschichte Brasiliens und andere Filme. Ein Teil von „The Secret Agent“ spielt sogar in einem Kino.

The Secret Agent (O Agente Secreto, Brasilien/Deutschland/Frankreich 2025)

Regie: Kléber Mendonça Filho

Drehbuch: Kléber Mendonça Filho

mit Wagner Moura, Maria Fernanda Cândido, Gabriel Leone, Carlos Francisco, Alice Carvalho, Robério Diógenes, Igor de Araujo, Hermila Guedes, Ítalo Martins, Laura Lufési, Udo Kier

Länge: 161 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

internationaler Titel: The Secret Agent

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „The Secret Agent“

Moviepilot über „The Secret Agent“

Metacritic über „The Secret Agent“

Rotten Tomaotes über „The Secret Agent“

Wikipedia über „The Secret Agent“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 8. November: Spencer

November 7, 2025

HR, 23.10

Spencer (Spencer, Deutschland/Großbritannien 2021)

Regie: Pablo Larraín

Drehbuch: Steven Knight

Prinzessin Diana besucht zu Weihnachten 1991, als ihre Ehe mit Charles bereits kriselt, den königlichen Landsitz in Norfolk, trifft die gesamte Königsfamilie und leidet unter dem routiniert gnadenlos durchgezogenem Protokoll.

Gandioses und grandios durchgeknalltes Biopic, das sich wenig für Fakten und noch weniger für Edelkitsch-Seligkeit interessiert, sondern das Leben am Hof als Horrorfilm, Unterabteilung Psychohorror, zeigt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Kristen Stewart, Timothy Spall, Sally Hawkins, Kack Farthing, Sean Harris, Stella Gonet, Jack Nielen, Freddie Spry, Jack Farthing, Sean Harris, Stella Gonet, Richard Sammel, Elizabeth Berrington, Lore Stefanek, Amy Manson

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Spencer“

Moviepilot über „Spencer“

Metacritic über „Spencer“

Rotten Tomatoes über „Spencer“

Wikipedia über „Spencer“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood konstatiert einen weitgehenden Sieg der künstlerischen Freiheit

Meine Besprechung von Pablo Larrains „El Club“ (El Club, Chile 2015)

Meine Besprechung von Pablo Larraíns „Jackie: Die First Lady“ (Jackie, USA 2016)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „Neruda“ (Neruda, Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien 2016)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „Spencer“ (Spencer, Deutschland/Großbritannien 2021)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „Maria“ (Maria, Deutschland/Italien/USA 2024)


Neu im Kino/Filmkritik: „Hysteria“ – ein verbrannter Koran und verschwundene Filmaufnahmen

November 7, 2025

Zuerst findet ein arabischstämmiger Komparse am Drehort für einen Film über den ausländerfeindlichen Anschlag am 29. Mai 1993 in Solingen einen verbrannten Koran. Er ist entsetzt und wirft dem Regisseur gotteslästerliches Verhalten vor.

Kurz darauf verschwinden die auf analogem Film aufgenommenen Aufnahmen von dem Drehtag. Die Praktikantin Elif sollte sie in der Wohnung des Regisseurs Yigit deponieren. Von dort sind sie verschwunden – und weil Elif zum fraglichen Zeitpunkt den Wohnungsschlüssel verloren hatte, ist die Zahl der Verdächtigen potentiell unüberschaubar.

Mehmet Akif Büyükatalay zeigt in seinem zweiten Spielfilm „Hysteria“ wie aus minimalen Anlässen – Missverständnissen und kleinen Lügen – mehr oder weniger existenzbedrohende Katastrophen entstehen können. Das erinnert strukturell an die ungleich gelungeneren Filme von Ruben Östlund, wie „Höhere Gewalt“, „The Square“ und, mit Einschränkungen, „Triangle of Sadness“.

Bei Büyükatalay wirken die Prämisse, die Figuren und die daraus entstehende Geschichte allerdings immer etwas zu ausgedacht und sich zu sehr auf das Schweigen von Figuren verlassend. So wirft das beständige Schweigen von Yigit zu seinem die Gefühle von Gläubigen missachtendem Umgang mit ihrem zentralen Buch Fragen auf, die nicht beantwortet werden. Auch Elifs Verhalten nach dem Drehtag und ihr betont laxer Umgang mit den Tagesaufnahmen, dem wichtigsten Material bei einem Film, wirkt unglaubwürdig. Der Koran und die Aufnahmen sind nicht mehr als MacGuffins für ein Planspiel über…kulturelle Missverständnisse, gewürzt mit einer ordentlichen Paranoia. Denn Elif verrät der Person, die den verschwundenen Schlüssel gefunden hat, die zu dem Schlüssel passende Adresse. Unmittelbar danach fragt sie sich, ob jetzt nicht ein Bösewicht, über den sie nichts weiß, ungehindert in die Wohnung eindringen kann.

In diesen Minuten erzeugt er ein Gefühl von Angst und er legt genug Spuren aus, um fast alle verdächtig erscheinen zu lassen.

Am Ende präsentiert er dann eine Lösung, die die vorherige Geschichte ignoriert. Es ist unklar, ob Büyükatalay nicht wusste, wie die Geschichte enden soll oder ob er Angst vor der ultimativen Eskalation hatte.

Hysteria“ regt weniger zum Nachdenken an und sorgt für weniger Unwohlsein als die Filme von Büyükatalays Vorbildern. So dient, neben dem schon erwähnten Östlund, Michael Hanekes „Die Drehbücher“ als Türstopper in Yigits Wohnung.

Hysteria (Deutschland 2025)

Regie: Mehmet Akif Büyükatalay

Drehbuch: Mehmet Akif Büyükatalay

mit Devrim Lingnau, Mehdi Meskar, Serkan Kaya, Nicolette Krebitz, Aziz Capkurt, Nazmi Kirik

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Hysteria“

Moviepilot über „Hysteria“

Rotten Tomatoes über „Hysteria“

Wikipedia über „Hysteria“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Hysteria“


Neu im Kino/Filmkritik: „Der Mann, der immer kleiner wurde – Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ in der französischen Version

November 7, 2025

Eines Tages beginnt Paul (Jean Dujardin) zu schrumpfen. Der glücklich verheiratete Vater einer Tochter und Inhaber einer kleinen Schiffsbau-Firma wird kleiner. Zuerst passen ihm seine Kleider besser als vorher. Wenige Tage später muss er auf kleinere Größen und Puppenkleider wechseln. Und er wird noch kleiner.

Science-Fiction-Fans dürften sich jetzt an Richard Mathesons Roman „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ (The shrinking man, 1956) und Jack Arnolds Verfilmung „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ (The incredible shrinking man, USA 1957) erinnern. Matheson schrie das Drehbuch für die Verfilmung. Dank zahlreicher Wiederholungen im TV ist Arnolds B-Picture bei etwas älteren Menschen immer noch bekannt. Sie erinnern sich an ikonische Szenen wie den Kampf des Helden gegen die Hauskatze und später, als er noch kleiner ist, gegen eine Spinne. Sie erinnern sich daran, wie der Held in einem Puppenhaus lebt.

Sie erinnern sich an einen Science-Fiction-Film, in dem keine Alien-Invasionen abgewehrt oder gegen mutierte Riesenspinnen gekämpft wurde. Stattdesn wurde im Rahmen einer fantastischen Geschichte die nachvollziehbare Angst vor dem Verlust der eigenen Größe behandelt.

Auch Jean Dujardin sah den Film als Kind und war, als er eine DVD des Films entdeckte, beeindruckt. Er sprach mit dem Produzenten Alain Goldman darüber. Es gelang ihnen, die Rechte für eine Verfilmung zu kaufen. Chris Deslandes wurde als Drehbuchautor, Jan Kounen als Regisseur engagiert. Er überarbeitete das Drehbuch. Die jetzige Geschichte erzählt eine Geschichte, die gleichzeitig vom Roman und dem Film inspiriert ist, sie irgendwo in der westlichen Welt in einem am Meer gelegenem Haus in der Gegenwart spielen lässt. Für die Geschichte ist es ziemlich egal, ob sie in den fünfziger Jahren oder in der Gegenwart spielt. Schließlich geht es darum, wie jemand sich an eine vollkommen neue Situation und Welt anpasst. Dieser Prozess wird in dem Film ausführlich gezeigt

Insgesamt wirkt Kounens Film wie ein Fünfziger-Jahre-Science-Fiction-Film. Und ich meine das lobend. Die Inszenierung ist ruhig. Sie konzentriert sich auf die Schauspieler, vor allem Jean Dujardin, der nachdem er eine bestimmte Größe unterschreitet, nur noch mit und gegen Haustiere und, nachdem er im Keller landet, gegen die immer unüberwindlicher und riesiger erscheinenden Treppenstufen spielt. Gleichzeitig deutet Kounen in der Gestaltung der Bilder schon von der ersten Sekunde an, dass Pauls Leben sich fundamental verändern wird.

Außerdem ist der Film ziemlich kurz. Wenn man den Abspann, der sich in seiner epischen Länge nicht von der Länge des Abspanns in anderen Filmen unterscheidet, und die unmittelbar davor präsentierte lange Montage von Bildern von Galaxien weglässt, ist „Der Mann, der immer kleiner wurde“ nur minimal Länger als ein klassisches B-Picture.

In seiner gelungenen Neuinterpretation der Geschichte verzichtet Kounen auf überflüssige Modernisierungen. Er bringt eine alte, bekannte und gute Geschichte als Farbfilm einem neuen Publikum nahe. Denn SW-Filme fristen im Fernsehen immer mehr eine Nischenexistenz. Ich habe keine Ahnung, wann es zuletzt eine Jack-Arnold-Reihe im TV gab. Aber in diesem Jahrhundert erinnere ich mich an keine. Etliche Noir-Klassiker und klassische Horrorfilme, wie die Universal-Horrorfilme, liefen zuletzt vor vielen, vielen Jahren im TV. In aktuellen Bestenlisten werden öfters die Remakes genannt.

Im Presseheft erzählt Jan Kounen wie der Film entstand:

Ich musste vor allem das mir zugewiesene Budget einhalten. Als erstes besuchte ich meinen ehemaligen Kollegen Rodolphe Chabrier, den Besitzer des Visual-Effects-Studios Mac Guff. Wir fingen an, uns den Kopf über das Projekt zu zerbrechen. Das war das erste Mal, dass ich mich mit dem ‘Wie‘ auseinandersetzte. Wir hätten Jean vor einem Greenscreen filmen und seine Umgebung fast vollständig in fotorealistischem 3D rekonstruieren können. Aber das wäre viel zu teuer geworden. Ich wollte außerdem, dass der Film eine physische, organische Qualität erhält, weil das zum Thema passte. Also entschieden wir uns für einen hybriden Ansatz, bei dem Jean und die Sets separat gefilmt wurden. Außerdem verwendeten wir Motion Control. Jean wurde mit einer beweglichen Kamera gefilmt und die Kamerabewegungen aufgezeichnet. Dann konnten wir sie beim Filmen der Kulissen reproduzieren. Schließlich fügte man diese beiden Ebenen zusammen.

In unserem Fall mussten wir alle Bewegungen unter Berücksichtigung der sich verändernden Größe reproduzieren. Das Zusammenfügen der einzelnen Aufnahmen war eine riesige Herausforderung. Wir haben mehr als 400 davon mit Motion Control erstellt. Das war arbeitsintensiv, komplex und teuer. Wir mussten im Vorfeld ein Animatic, ein animiertes 3D-Storyboard, entwerfen, was allein fast zwei Monate in Anspruch genommen hat. Aber es war ein entscheidender Schritt in der Vorproduktion. So wurde klar, was genau wir brauchten, in Bezug auf Sets, Requisiten und Zeitplanung. Das half uns, eine präzise Kalkulation aufzustellen und herauszufinden, wo gegebenenfalls gekürzt werden musste. Für die französischen Filmindustrie ist ‚Der Mann, der immer kleiner wurde – die unglaubliche Geschichte des Mr. C‘ ein großer Film. Aber angesichts der Komplexität des Prozesses waren wir budgetmäßig in einer schwierigen Situation.“

Der Mann, der immer kleiner wurde – Die unglaubliche Geschichte des Mr. C (L’Homme qui rétrécit, Belgien/Frankreich 2025)

Regie: Jan Kounen

Drehbuch: Christophe Deslandes, Jan Kounen

LV: Richard Matheson: The Shrinking Man, 1956 (Die unglaubliche Geschichte des Mr. C)

mit Jean Dujardin, Marie-Josée Croze, Daphné Richard, Stéphanie Van Vyve

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „Der Mann, der immer kleiner wurde“

Moviepilot über „Der Mann, der immer kleiner wurde“

Wikipedia über „Der Mann, der immer kleiner wurde“