Wieder im Kino & Neu auf DVD: „Maidan“ von Sergei Loznitsa

April 18, 2022

Aus aktuellem Anlass wird „Maidan“ jetzt wieder in einigen Kinos gezeigt und er erschien jetzt auch auf DVD. Das ist also eine gute Gelegenheit, sich Sergei Loznitsas acht Jahre alten Dokumentarfilm anzusehen. Bei Rotten Tomatoes hat er einen Frischegrad von hundert Prozent (was bei 26 Besprechung jetzt nicht so aussagekräftig ist) und auch bei uns wurde er zum Kinostart von der Kritik abgefeiert.

Der in Berlin lebende Sergei Loznitsa ist der international bekannteste ukrainische Regisseur. Er begann in den Neunzigern als Dokumentarfilmer und dreht seit 2010 auch Spielfilme. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Austerlitz“ und „Donbass“.

In „Maidan“ beobachtet er die Ereignisse auf dem Maidan. Auf dem zentralen Platz in Kiew versammeln sich ab dem 21. November 2013 Demonstrierende. Sie protestieren anfangs gegen die Nichtunterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union durch den ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch. Die friedlichen Proteste werden schnell größer. Sie eskalieren als die Polizei den Platz räumen will.

Am 21. Februar 2014 flüchtet Janukowytsch nach Russland. Kurz darauf enden die Prostete und der Film.

Maidan“ ist eine sich über diese Wochen erstreckende unkommentierte Chronik. Aufgenommen wurde sie mit einer statischen Kamera, die von den Anwesenden nicht bemerkt wurde. Sie drehen ihr oft den Rücken zu. Wenn sie auf sie zugehen, blicken sie nicht in die Kamera. Manchmal stellen sie sich auch einfach vor die Kamera. Reden auf der Bühne sind fast immer aus einer so großen Entfernung aufgenommen, dass die namenlosen Redner nicht zu erkennen sind. Normalerweise befindet die Kamera sich auf Augehhöhe mit den Protestierern. Bei einem anderen Blickwinkel könnten es Bilder aus einer Überwachungskamera sein. Es gibt keinen Off-Kommentar oder Interviews.

Es ist daher auch vollkommen unklar – jedenfalls ohne die begleitende Lektüre von Hintergrundberichten oder anderen Filmen und Nachrichtensendungen – wer hier wofür kämpft, welche Ansichten sie haben und ob ich mich mit deren Anliegen identifizieren kann und will. Es sind nur Menschen auf einem Platz.

Insofern ist „Maidan“ dann nur eine Abfolge von Bildern ohne irgendeinen Kontext. Gerade wenn es um politische Prozesse geht, sind der Kontext und Hintergrundinformationen wichtig. Erst sie ermöglichen eine Einordnung der Bilder.

Auch weil ich mit diesem rein beobachtendem Dokumentarfilmstil normalerweise wenig anfangen kann, war der Film für mich überwiegend langweilig und eine ärgerliche Zeitverschwendung. Denn in den über zwei Stunden, die „Maidan“ dauert, hätte ich einige Artikel über die Ukraine und den Maidan und den Wikipedia-Artikel und eine konventionelle TV-Doku sehen können. Dann hätte ich später beim Gespräch in woauchimmer etwas über den Maidan erzählen können.

Maidan (Майдан, Ukraine/Niederlande 2014)

Regie: Sergei Loznitsa

Drehbuch: Sergei Loznitsa

DVD

Grandfilm

Bild: 1:1,85 (PAL)

Ton: Ukrainisch (Dolby Digital 5.1 & 2.0)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: –

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Maidan“

Metacritic über „Maidan“

Rotten Tomatoes über „Maidan“

Wikipedia über „Maidan“ und Sergei Loznitsa (deutsch, englisch)

Homepage von Sergei Loznitsa


TV-Tipp für den 18. April: Jojo Rabbit

April 17, 2022

Pro7, 20.15

Jojo Rabbit (Jojo Rabbit, USA 2019)

Regie: Taika Waititi

Drehbuch: Taika Waititi

LV: Christine Leunens: Le ciel en cage, 2007

Jojo Rabbit hat einen imaginären Adolf Hitler als Freund und eine reale Jüdin versteckt in der Dachkammer. Und weil der zehnjährige Jojo in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs lebt, stellt vor allem der sehr weibliche Hausgast ein Problem da.

TV-Premiere. Herrlich gelungene und abgedrehte Kömodie. Auch ohne Blutsauger.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Roman Griffin Davis, Thomasin McKenzie, Taika Waititi, Scarlett Johansson, Sam Rockwell, Rebel Wilson, Stephen Merchant, Alfie Allen

Wiederholung: Dienstag, 19. April, 03.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Jojo Rabbit“

Metacritic über „Jojo Rabbit“

Rotten Tomatoes über „Jojo Rabbit“

Wikipedia über „Jojo Rabbit“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Taika Waititi „5 Zimmer Küche Sarg“ (What we do in the Shadows, Neuseeland 2014)

Meine Besprechung von Taika Waititis „Thor: Tag der Entscheidung“ (Thor: Ragnarok, USA 2018)

Meine Besprechung von Taika Waititis „Jojo Rabbit“ (Jojo Rabbit, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Innocents“ sind Kinder mit besonderen Fähigkeiten

April 17, 2022

Vier Kinder – die neu zugezogene neunjährige Ida, ihre ältere autistische Schwester Anna, Ben und Aisha – lernen sich in Norwegen im Sommer in einer malerisch am Wald gelegenen Hochhaussiedlung kennen. Beim Spielen entdecken sie, dass sie über besondere Fähigkeiten verfügen, die sie kindlich unschuldig und neugierig erforschen. Untereinander, an Tieren und auch an Menschen. Sie können Gedanken lesen, stumm über große Entfernungen miteinander kommunizieren, Gegenstände bewegen, Knochen brechen und das Verhalten von anderen Menschen beeinflussen. Sie können sogar Menschen dazu bringen, zu töten. Und da hört der Spaß auf.

The Innocents“ ist wegen seiner Atmosphäre und einer Geschichte, die von Stephen King sein könnte, eindeutig ein Horrorfilm. Allerdings ist Eskil Vogts Film keiner dieser Horrorfilme, in denen Kinder von teuflischen Mächten besessen sind und sie die Erwachsenen in Angst und Schrecken versetzen. Die Erwachsenen, die im Film eh nur eine Nebenrolle haben, haben keine Ahnung, von den Fähigkeiten dieser vier Kinder. Und besessen sind Ida, Anna, Ben und Aisha auch nicht. Eher schon haben sie, wie Superhelden, besondere Fähigkeiten, die sie ausprobieren. Ohne einen moralischen Kompass. Aber begeistert, wenn eines ihrer Experiment funktioniert. So wollen sie keine Menschen töten, aber sie wollen herausfinden, ob sie es mit der Kraft ihrer Gedanken könnten.

Vogt erzählt seine Geschichte mit wenigen Dialogen. Oft wirkt der Film sogar wie ein Stummfilm. Er beobachtet die vier Kinder bei ihren zunehmend weniger unschuldigen und naiven Experimenten. Denn sie können ihre Kräfte zunehmend besser kontrollieren. Ben wächst dabei schnell in die Rolle des Bösewichts. Denn er scheut sich nicht, seine Kräfte für seine Ziele einzusetzen und Menschen, die sich ihm in den Weg stellen, zu töten.

Das Finale ist ein Aufeinandertreffen der „Superhelden“ (jedenfalls von ihren Fähigkeiten), das hochdramatisch und realistischer als jedes Superheldenfinale ist. Denn hier bleibt der Spielplatz der Superhelden in Ordnung.

Nach „Blind“ ist „The Innocents“ Eskil Vogts zweiter Spiefilm. Er arbeitet regelmäßig mit Joachim Trier zusammen. Zusammen verfassten sie die Drehbücher für Triers Filme „Auf Anfang“, „Oslo, 31. August“, „Louder than Bombs“, „Thelma“ und, demnächst, „Der schlimmste Mensch der Welt“. In dem breit abgefeiertem Film gibt es keinerlei übernatürliche Elemente und auch keine Horrorelemente. Es ist eine Komödie über eine junge Frau und ihrer Suche nach ihren Platz in der Welt.

The Innocents (De uskyldige, Norwegen 2021)

Regie: Eskil Vogt

Drehbuch: Eskil Vogt

mit Rakel Lenora Fløttum, Alva Brynsmo Ramstad, Mina Yasmin Bremseth Asheim, Sam Ashraf, Ellen Dorrit Petersen, Morten Svartveit, Kadra Yusuf, Lisa Tønne

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „The Innocents“

Metacritic über „The Innocents“

Rotten Tomatoes über „The Innocents“

Wikipedia über „The Innocents“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 17. April: Logan Lucky

April 16, 2022

Pro7, 23.15

Logan Lucky (Logan Lucky, USA 2017)

Regie: Steven Soderbergh

Drehbuch: Rebecca Blunt

Nach seiner Entlassung bei einer Baufirma hat Jimmy Logan einen Plan: während eines Nascar-Rennens will er die Einnahmen klauen. Er braucht dabei nur etwas Hilfe und seine Helfer sehen nicht wie vertrauenswürdige Diebe, sondern wie dusselige Hinterwäldler aus.

Wundervoll leichtfüßige und vertrackte Gaunerkomödie von Steven Soderbergh. Sozusagen die Hillbilly-Version von „Ocean’s Eleven“. Dass der minutiös präsentierte und durchgeführte Plan für den Diebstahl in der Realität so wahrscheinlich funktionieren würde, ist da egal.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Inzwischen ist auch das Rätsel um die Identität der Drehbuchautorin Rebecca Blunt enthüllt. Es ist Soderberghs Frau Jules Asner.

mit Channing Tatum, Adam Driver, Daniel Craig, Seth MacFarlane, Riley Keough, Katie Holmes, Katherine Waterston, Dwight Yoakam, Sebastian Stan, Jack Quaid, Brian Gleeson, Farrah Mackenzie, Hilary Swank

Wiederholung: Dienstag, 19. April, 01.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Logan Lucky“

Metacritic über „Logan Lucky“

Rotten Tomatoes über „Logan Lucky“

Wikipedia über „Logan Lucky“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls” (The Girlfriend Experience, USA 2009)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Contagion“ (Contagion, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Haywire” (Haywire, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Magic Mike” (Magic Mike, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ (Side Effects, USA 2013)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra, USA 2013)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Logan Lucky“ (Logan Lucky, USA 2017) und der DVD

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Unsane: Ausgeliefert“ (Unsane, USA 2018)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „No sudden move“ (No sudden move, USA 2021)

Steven Soderbergh in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: In Sean Bakers „Red Rocket“ will ein Pornostar durchstarten

April 16, 2022

Sean Baker, der Regisseur der grandiosen Filme „Tangerine L. A.“ und „The Florida Project“, ist zurück und er bleibt sich treu. Mit unbekannten Schauspielern und spontan engagierten Laien drehte er vor Ort. Und wieder spielt die Geschichte in einem Milieu, das so selten im Kino gezeigt wird.

Dieses Mal dreht sich alles um Mikey Saber. Der 41-jährige kehrt aus Hollywood zurück in seine alte Heimatstadt, die er niemals wieder besuchen wollte. In Hollywood war er ein Filmstar. In Pornos. Jetzt hat er in der Stadt der Träume so massive Geldprobleme, dass er sich gerade so ein Busticket leisten konnte. In Texas City, einer Hafenstadt an der Golfküste mit Ölraffinerien in der Sichtweite vom Haus seiner Frau, klopft er bei seiner Immer-noch-Ehefrau Lexi an die Tür.

Dort ist er ungefähr so willkommen wie ein Tripper.

Trotzdem darf er bei ihr und ihrer Mutter, die beide in der heruntergekommenen und versifften Hütte hausen (die Bretterbude ging bei uns noch nicht einmal als Gartenhaus ohne Wohnzweck durch), wohnen. Zunächst nur für einige Tage, die dann zu Wochen werden.

Er sucht eine Arbeit. Weil er viele Jahre in der Pornobranche arbeitete und er diese Jahre in seinem Lebenslauf verschweigt, klafft eine jahrelange Lücke in ihm. Diese versucht er meist erfolglos mit seinem Charme zu füllen. Er hängt im Donut Hole ab. Der in Sichtweite der Raffinerien liegende Laden heißt wirklich so und musste für den Film nicht umbenannt werden. Dort scharwenzelt er um die siebzehnjährige Bedienung Strawberry herum. Er fantasiert ihr gegenüber etwas von einer großen Chance in Hollywood, die sie mit ihm hätte, während er ziemlich eindeutig mit ihr Sex haben möchte. Er beginnt mit Drogen zu handeln. Für diese Arbeit braucht der immer großspurig-optimistische Sonnyboy keinen lückenlosen Lebenslauf.

Und er hat ein Talent, seine Probleme zielsicher zu vergrößern.

Daher ist, wenn er am Filmanfang den Bus verlässt, klar, in welche Richtung sich seine Rückkehr in seine alte Heimat entwickeln wird.

Und trotzdem fühlen wir mit diesem großmäuligen Unsympath. Das liegt an Simon Rex, der den Blender Mikey Saber als einen Mann spielt, der letztendlich immer noch ein die Wirklichkeit ignorierendes, an den amerikanischen Traum glaubendes Kind ist. Für Rex ist die Rolle dieses Schmarotzers, nachdem er schon seit den Neunzigern in Filmen und TV-Serien auftritt, der Durchbruch. Bis jetzt ist er als Schauspieler vor allem durch mehrere „Scary Movie“-Komödien bekannt. Außerdem ist er der Rapper ‚Dirt Nasty‘.

Sean Baker erzählt seine Schwarze Komödie mit spürbarer Sympathie für Saber und die Menschen, die er in Texas City trifft. Er verschließt aber nie die Augen vor ihren Defiziten und ihren prekären Lebensumständen, die mit ‚ärmlich‘ noch zu positiv beschrieben sind.

Er drehte „Red Rocket“, wie seine vorherigen Filme, mit einem geringem Budget, einer kleinen Kerncrew von weniger als zehn Leuten, vor Ort mit vielen Laiendarstellern und Zufallsentdeckungen. Die Dreharbeiten waren, während der Coronavirus-Pandemie, in Texas City an 23 Tagen im Herbst 2020. Spielen tut der Film im Sommer 2016, vor der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA, der ein Bruder im Geist von Saber ist. Beiden gelingt es, andere Menschen zu verführen (wobei ich Trump schon immer für einen talent- und charmefreien Hohlkopf hielt) und in ihren Bannkreis zu ziehen. Beiden sind andere Menschen und ihre Gefühle egal. Schließlich gibt es für sie nur eine wichtige Person im Universum.

Witzig aus europäischer Sicht ist die auch in „Red Rocket“ sichtbare US-amerikanische Prüderie. So gibt es zwar für einen US-Film viel nackte Haut zu sehen, aber den früheren Pornostar Mikey Saber sehen wir nur einmal nackt. Das macht die sehenswerte Komödie jetzt nicht besser oder schlechter, aber es verrät einiges über die US-Gesellschaft.

Red Rocket (Red Rocket, USA 2021)

Regie: Sean Baker

Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch

mit Simon Rex, Bree Elrod, Suzanna Son, Brenda Deiss, Judy Hill, Brittney Rodriguez, Ethan Darbone, Shih-Ching Tsou, Parker Bigham

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Red Rocket“

Metacritic über „Red Rocket“

Rotten Tomatoes über „Red Rocket“

Wikipedia über „Red Rocket“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sean Bakers „Tangerine L. A.“ (Tangerine, USA 2015)

Meine Besprechung von Sean Bakers „The Florida Project“ (The Florida Project, USA 2017)

Die Pressekonferenz in Cannes nach der Weltpremiere des Werkes

Eine Fragestunde mit Sean Baker und Teammitgliedern zum Film in Austin

 


TV-Tipp für den 16. April: Die geliebten Schwestern

April 15, 2022

ARD Alpha, 20.15

Die geliebten Schwestern (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Regie: Dominik Graf

Drehbuch: Dominik Graf

Dominik Grafs wunderschöner Film über die Beziehung von Friedrich Schiller zu den Schwestern Charlotte und Caroline von Lengefeld.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung.

ARD Alpha zeigt wahrscheinlich die gut dreistündige Berlinale-Fassung.

mit Hannah Herzsprung, Florian Stetter, Henriette Confurius, Claudia Messner, Ronald Zehrfeld, Maja Maranow, Anne Schäfer, Andreas Pietschmann, Michael Wittenborn

Hinweise

Filmportal über „Die geliebten Schwestern“

Moviepilot über „Die geliebten Schwestern“

Metacritic über „Die geliebten Schwestern“

Rotten Tomatoes über „Die geliebten Schwestern“

Wikipedia über Friedrich Schiller und über „Die geliebten Schwestern“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Meine Besprechung von Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ (Deutschland 2021)

Dominik Graf in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Alles ist gutgegangen“ in François Ozons 20. Spielfilm

April 15, 2022

Um das selbstbestimmte Sterben geht es in François Ozons neuem Film „Alles ist gutgegangen“, der auf einer wahren Geschichte von Emmanuèle Bernheim basiert. Die früh verstorbene Pariserin Emmanuèle Bernheim (30. November 1955 – 10. Mai 2017) war Roman- und Drehbuchautorin. So arbeitete sie mit Ozon bei „Unter dem Sand“ (Sous le Sable, 2000), „Swimming Pool“ (2003) und „5×2 – Fünf mal zwei“ (5×2, 2004) zusammen. Ihre Bücher, zu denen „Das Klappmesser“, „Ein Liebespaar“, „Die Andere“ und „Der rote Rock“ (verfilmt von Claire Denis) gehören, erschienen bei Klett-Cotta und Hanser.

Als der immer noch sehr fidele 84-jährige Kunstsammler und Fabrikant André Bernheim (André Dussollier) einen Schlaganfall hat, bittet er seine Tochter Emmanuèle (Sophie Marceau) ihm beim Sterben zu helfen. Seine andere Tochter Pascale (Géraldine Pailhas), die als Kind ebenfalls unter dem dominantem Vater gelitten hat, ist etwas verkrätzt, weil sie nicht gefragt wurde. Trotzdem raufen sich die beiden Schwestern zusammen.

Emmanuèle Bernheim schrieb anschließend das mit dem „Grand prix des lectrices de Elle“ ausgezeichnete Buch „Alles ist gutgegangen“ (Tout s’est bien passé, 2013) über den Tod ihres Vaters. Schon vor dem Erscheinen des Buches fragte sie François Ozon, ob er es verfilmen möchte. Aber er wusste zunächst nicht, wie er ihre Geschichte zu seiner Geschichte machen könnte. Auch andere Regisseure interessierten sich für die Geschichte. Nach ihrem Tod bemühte er sich wieder um die Geschichte und er fand den für ihn richtigen Zugang.

Chronologisch erzählt er, wie die Schwestern Emmanuèle und Pascale mit dem Wunsch ihres Vaters hadern, ihn vom Gegenteil überzeugen wollen und ihn ihm letztendlich doch erfüllen. Es geht dabei auch um die Beziehungen innerhalb einer wohlhabenden, kunstaffinen französischen Familie, in der der Vater ein Kunstsammler, die Mutter Claude de Soria eine bedeutende Bildhauerin, eine Tochter Organisatorin von Klassik-Festivals und die andere eine bekannte Autorin (und verheiratet mit dem Direktor der Cinémathèque française) ist. Das ist natürlich ein Blick in eine sonst von der Öffentlichkeit abgeschirmte Welt und hat etwas von einer Familienaufstellung. Dabei entfaltet sich das problematische Beziehungsgeflecht innerhalb der Familie Bernheim entlang der Frage, ob der Wunsch des nach dem Schlaganfall gelähmten und von fremder Hilfe abhängigem Patriarchen nach einem selbstbestimmten Tod erfüllt werden soll.

Und damit geht es auch um die Frage der Sterbehilfe. Hier spielt die von Hanna Schygulla gespielte Sterbehelferin eine entscheidende Rolle. Sie erklärt die Gesetze dazu in Frankreich (verboten) und in der Schweiz (erlaubt, wenn auf bestimmte Dinge geachtet wird) und als Vertreterin eines Sterbehilfevereins hat sie eine eindeutige Position dazu.

Im Rahmen der Filmgeschichte sind die unterschiedlichen Regeln in Frankreich und der Schweiz nicht der Auftakt zu einer Diskussion über diese Regeln. Sie dienen am Filmende als spannungssteigerndes Element.

Im Mittelpunkt von Ozons selbstverständlich sehenswertem Abschiedsdrama „Alles ist gutgegangen“ steht die Beziehung der beiden Schwestern Emmanuèle und Pascale zueinander und zu ihrem Vater und wie sie sich von seinem Schlaganfall bis zu seinem Tod entwickelt.

Alles ist gutgegangen (Tout s’est bien passé, Frankreich 2021)

Regie: François Ozon

Drehbuch: François Ozon, Philippe Piazzo (Mitarbeit)

LV: Emmanuèle Bernheim: Tout s’est bien passé, 2013 (Alles ist gutgegangen)

mit Sophie Marceau, André Dussollier, Géraldine Pailhas, Charlotte Rampling, Éric Caravaca, Hanna Schygulla, Grégory Gadebois

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

AlloCiné über „Alles ist gutgegangen“

Moviepilot über „Alles ist gutgegangen“

Metacritic Über „Alles ist gutgegangen“

Rotten Tomatoes über „Alles ist gutgegangen“

Wikipedia über „Alles ist gutgegangen“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Francois Ozons “In ihrem Haus” (Dans la Maison, Frankreich 2012)

Meine Besprechung von Francois Ozons ”Jung & Schön” (Jeune & jolie, Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Francois Ozons „Eine neue Freundin“ (Une nouvelle amie, Frankreich 2014)

Meine Besprechung von François Ozons „Frantz“ (Frantz, Deutschland/Frankreich 2016)

Meine Besprechung von François Ozons „Der andere Liebhaber“ (L’Amant Double, Frankreich/Belgien 2017)

Meine Besprechung von François Ozons „Gelobt sei Gott“ (Grâce à Dieu, Frankreich 2019)

 


TV-Tipp für den 15. April: Kindeswohl

April 14, 2022

ZDF, 22.00

Kindeswohl (The Children Act, Großbritannien 2017)

Regie: Richard Eyre

Drehbuch: Ian McEwan

LV: Ian McEwan: The Children Act, 2014 (Kindeswohl)

Familienrichterin Fiona Maye muss entscheiden, ob ein an Leukämie erkrankter Siebzehnjähriger eine Bluttransfusion erhalten soll. Seine Eltern lehnen aus religiösen Gründen die lebensrettende Maßnahme ab.

TV-Premiere. In jeder Beziehung starkes Drama, in dem es auch um das Privatleben der Richterin geht. Aus aktuellem Anlass können wir in Gedanken „Transfusion“ durch „Impfung“ ersetzen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Emma Thompson, Stanley Tucci, Fionn Whitehead, Anthony Calf, Jason Watkins, Ben Chaplin, Nikki Amuka-Bird, Rosie Cavaliero, Eileen Walsh

Die Vorlage

Ian McEwan: Kindeswohl

(übersetzt von Werner Schmitz)

Diogenes, 2018 (Filmausgabe)

224 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstveröffentlichung

Diogenes, 2015

Taschenbuchausgabe

Diogenes, 2016

Originalausgabe

The Children Act

Jonathan Cape Ltd., London, 2014

Hinweise

Moviepilot über „Kindeswohl“

Metacritic über „Kindeswohl“

Rotten Tomatoes über „Kindeswohl“

Wikipedia über „Kindeswohl“ (deutsch, englisch)

Homepage von Ian McEwan

Perlentaucher über „Kindeswohl“

Meine Besprechung von Richard Eyres Ian-McEwan-Verfilmung „Kindeswohl“ (The Children Act, Großbritannien 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Contractor“ Chris Pine liefert 08/15-Actionkost – mit Berlin-Bildern

April 14, 2022

James Harper hat wirklich Pech. Aus der Armee wurde der Special Forces Sergeant ehrenhaft, aber ohne Anspruch auf Pension und Gesundheitsleistungen entlassen. Gerade diese bräuchte er, um die Schmerzen in seinem Knie zu lindern. Außerdem hat er massive Geldprobleme. Er steht kurz vor einer Zwangsvollstreckung und Insolvenz. Und er hat keine Ahnung, wie er für seine Frau und seinen kleinen Sohn sorgen kann.

Da trifft er seinen früheren Armeekameraden Mike Denton. Der bietet ihm eine königlich bezahlte Stelle in der Söldnerfirma von Rusty Jennings an, die auch irgendwie für das Militär verdeckte Operationen ausführt. Harper ist einverstanden. Schließlich handelt es sich hier nicht nur um das beste Jobangebot, sondern um das einzige Jobangebot, das er die vergangenen Wochen erhalten hat.

Der erste Auftrag führt ihn für zwei, höchstens drei Wochen nach Berlin. Er soll Salim Mohsin beobachten. Mohsin ist Virologe, der in einem privaten Labor in der Nähe von Berlin forscht. Irgendetwas mit Viren. Außerdem soll er Beziehungen zu Al-Qaida haben. Kurz darauf erhalten Harper und seine deutsche Kontaktperson einen neuen Auftrag: sie sollen in das Labor einbrechen und Mohsins Computer mit allen Informationen über die von ihm entwickelte Bioterror-Waffe stehlen. Die Aktion geht schief. Harper wird gejagt und er weiß nicht mehr, ob er seinem Freund Denton und seinem neuem Chef Jennings vertrauen kann.

The Contractor“ ist der neue Film von Tarik Saleh, der zuletzt den sehr gelungenen Polit-Thriller „The Nile Hilton Affair“ inszenierte. Chris Pine, Ben Foster, Kiefer Sutherland, Eddie Marsan, Fares Fares und Nina Hoss spielen mit.

Außerdem spielt die Geschichte hauptsächlich in Berlin. Das erfreut natürlich mein Hauptstadtherz, ist aber, auch weil es wahrscheinlich mehr schlechte als gute Berlin-Filme gibt, kein Qualitätskriterium. Sowieso beschränkten sich die Dreharbeiten in Berlin auf zwei Tage, an denen die immer wieder prominent in den Thriller eingefügten Berlin-Stadtansichten entstanden. Hauptsächlich bewegen Pine und seine Jäger sich am und um den Alexanderplatz herum, ein wenig geht es in Richtung Mitte und selbstverständlich nach Kreuzberg. Der größte Teil der Dreharbeiten war in Rumänien und der dortigen Hauptstadt Bukarest.

Regie und Besetzung wecken Erwartungen, die dann enttäuscht werden. Denn „The Contractor“ ist ein typischer B-Thriller, der nur wegen der Besetzung ins Kino kommt. Da ist nichts Originelles zu finden. Alles spielt sich so ab, wie wir es aus unzähligen schlechten Thrillern kennen. Die Story ist hanebüchen und vollkommen unlogisch. So sollen wir, um es bei einem Beispiel zu belassen, glauben, dass ein Wissenschaftler seine gesamten Daten nur auf einem Computer speichert, dass es keine Sicherungskopien gibt und dass er vollkommen allein forscht. Immerhin sind die Daten nicht auf einer Floppy Disk gespeichert.

The Contractor (The Contractor, USA 2022)

Regie: Tarik Saleh

Drehbuch: J.P. Davis

mit Chris Pine, Ben Foster, Gillian Jacobs, Kiefer Sutherland, Eddie Marsan, Fares Fares, Nina Hoss, Amira Casar

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Contractor“

Metacritic über „The Contractor“

Rotten Tomatoes über „The Contractor“

Wikipedia über „The Contractor“

Meine Besprechung von Tarik Salehs „Die Nile Hilton Affäre“ (The Nile Hilton Incident, Schweden/Deutschland/Dänemark 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: Über eine im Lehrerzimmer „Eingeschlossene Gesellschaft“

April 14, 2022

Freitagnachmittag, kurz vor Feierabend, in einem Gymnasium irgendwo in Deutschland: die Schüler haben die Schule bereits verlassen. Im Lehrerzimmer warten einige Lehrer gelangweilt auf das Wochenende. Da klopft jemand an die Tür. Es ist Manfred Prohaska (Thorsten Merten). Der Vater hat ein dringendes Anliegen. Die Abi-Zulassung seines Sohnes Fabian ist gefährdet. Ein Punkt fehlt ihm. Dieser entscheidende Punkt wurde ihm bei einer Latein-Hausarbeit verwehrt. Und damit könnte der Lateinlehrer ihm den Punkt geben. Wenn er nicht so ein verknöcherter, seine Macht auskostende Regelfanatiker wäre, der unter keinen Umständen seine Bewertungen mit anderen diskutieren möchte.

Also verlangt Prohaska von den zufällig anwesenden Lehrern, dass sie jetzt sofort über Fabians Abi-Zulassung sprechen – und Fabian am Ende ihrer Besprechung den nötigen Punkt geben.

Das ist die knallige Prämisse von Sönke Wortmanns neuestem Film „Eingeschlossene Gesellschaft“. Zuletzt verfilmte er fürs Kino französische Erfolgskomödien und erfolgreiche Theaterstücke („Contra“, „Der Vorname“, „Frau Müller muss weg!“). Dieses Mal ist es ein Hörspiel von Jan Weiler („Maria, ihm schmeckt’s nicht“, „Das Pubertier“). Und wieder sitzen die Pointen, wenn der ultrakonservative „Ich habe alles in meinem Buch notiert“-Lateinlehrer Klaus Engelhardt (Justus von Dohnányi), die Schüler ebenfalls abgrundtief verachtende ältliche Jungfer Heidi Lohmann (Anke Engelke), der zu seinen Schülern äußerst joviale Womanizer-Sportlehrer Peter Mertens (Florian David Fitz), der sich überall anbiedernde Schüleranwalt Holger Arndt (Thomas Loible), der nerdige Chemielehrer Bernd Vogel (Torben Kessler) und die genderbewusste Referendarin Sara Schuster (Nilam Farooq) sich im Lehrerzimmer angiften, übereinander herfallen, dabei kleine und große Geheimnisse und Peinlichkeiten enthüllen, um sich selbst kreisen und sich dabei selbstverständlich nicht für das von Prohaska aufgeworfene Problem interessieren. Bis kurz vor dem Ablauf von Prohaskas Ultimatum reden sie nicht über Fabians Note.

Das gesamte Kollegium besteht halt aus Trotteln, die, zu unserem Vergnügen, nichts auf die Reihe bekommen und alle ihre kleinen Geheimnisse haben, von enttäuschter Liebe über Pornokonsum und Denunziation bis hin zur Unterschlagung. Diese sechs Lehrer sind Klischeefiguren. Die Schauspieler übertreiben und füllen diese Klischees lustvoll aus. Das sorgt, im Stil einer Boulevard-Komödie, für Situationskomik, verbale Gemeinheiten und etliche Lacher.

Aber der ganze leichtgewichtige und kurzweilige Spaß kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Prohaska ein Erpresser und Geiselnehmer ist, der sein Ziel so nicht erreichen kann.

Eingeschlossene Gesellschaft (Deutschland 2022)

Regie: Sönke Wortmann

Drehbuch: Jan Weiler (nach seinem Hörspiel)

mit Florian David Fitz, Anke Engelke, Justus von Dohnányi, Nilam Farooq, Thomas Loibl, Torben Kessler, Thorsten Merten, Nick Julius Schuck, Carl Benzschawel, Claudia Hübbecher, Jürgen Sarkiss, Serkan Kaya, Ronald Kukulies

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Eingeschlossene Gesellschaft“

Moviepilot über „Eingeschlossene Gesellschaft“

Meine Besprechung von Sönke Wortmanns „Frau Müller muss weg“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Sönke Wortmanns „Der Vorname“ (Deutschland 2018)


TV-Tipp für den 14. April: Little Big Man

April 13, 2022

Servus TV, 21.50

Little Big Man (Little Big Man, USA 1970)

Regie: Arthur Penn

Drehbuch: Calder Willingham

LV: Thomas Berger: Little Big Man, 1964 (Der letzte Held)

Der 121-jährige Exscout Jack Crabb, der als Indianer Little Big Man hieß, erzählt einem Historiker sein Leben zwischen Indianern und Weißen – und man verirrt sich hoffnungslos und extrem kurzweilig im Dickicht zwischen Fakten und Mythen, zwischen Verklärung und Entzauberung des Wilden Westens.

Der satirische Klassiker ist eine grandiose Mythenentzauberung und -bestätigung.

Dustin Hoffman spielte Jack Crabb vom jungen bis zum alten Mann.

mit Dustin Hoffman, Faye Dunaway, Martin Balsam, Richard Mulligan, Chief Dan George, Jeff Corey

Wiederholung: Freitag, 15. April, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Little Big Man“

Wikipedia über „Little Big Man“ (deutsch, englisch)

Kriminalakte: Nachruf auf Arthur Penn und Geburtstagsgruß an Faye Dunaway


DVD-Kritik: Kinder und Drogen: „Platzspitzbaby“ und „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

April 13, 2022

Nein, die Coolness von „Trainspotting“ haben „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Platzspitzbaby“ nicht. Aber „Christiane F.“ ist schon ziemlich cool; – was immer das auch genau bedeuten mag. Beide Filme basieren auf wahren Geschichten. Einmal ist es die Geschichte einer dreizehnjährigen Süchtigen in West-Berlin, einmal die eines elfjährigen Kindes einer drogensüchtigen Mutter in der Schweiz.

1978 erzählte Christiane Felscherinow, die damals nur als ‚Christiane F.‘ bekannt war, den stern-Reportern Kai Hermann und Horst Rieck ihre Geschichte. Sie erschien zuerst in dem Magazin und später als Buch. Der Bestseller ist, im Gegensatz zu unzähligen anderen Sachbüchern, die nach einer Verkaufssaison in Antiquariaten verschwinden, immer noch regulär im Buchhandel erhältlich. Schnell war eine Verfilmung geplant, die dann von Bernd Eichinger und Uli Edel umgesetzt wurde. Beide standen damals am Anfang ihrer erfolgreichen Karrieren. Eichinger produzierte bis zu seinem Tod etliche Kassenhits. Edel dreht in Hollywood und Deutschland. Er war für einen Primetime Emmy und, mehrmals, den DGA Award der Directors Guild of America nominiert. Zu ihren gemeinsamen Filmen gehört auch 2008 „Der Baader Meinhof Komplex“.

Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ war in Deutschland ein Kinohit, der auch international erfolgreich lief. David Bowie hat einen Auftritt als David Bowie. Edel verwandte mehrere Bowie-Songs, die wirken, als seien sie für den Film geschrieben worden. Bowie veröffentlichte anschließend die sich sehr gut verkaufende Soundtrack-LP. Das war, zur Erinnerung, 1981. Damals war Bowie zwar schon bekannt, aber noch nicht der „Let’s dance“-Superstar.

Jetzt wurde Edels Film in 4K restauriert und mit Bonusmaterial als DVD, Blu-ray, 4K UHD und, selbstverständlich, digital veröffentlicht. Das ist die Gelegenheit, sich den Film, der einen legendären Ruf hat, anzusehen und aus heutiger Sicht zu beurteilen. Denn er wird fast nie im Fernsehen gezeigt. Arte zeigte ihn am 9. Februar 2022; davor lief er jahrzehntelang nicht im TV. Die bisherige DVD-Veröffentlichung war eine dieser lieblosen bonusfreien Veröffentlichung, die mich seit Jahren auf eine dem Film und seinem Status als Klassiker angemessene Veröffentlichung warten ließ.

Edel erzählt die wahre Geschichte von Christiane F., einem dreizehnjährigem Mädchen, das in West-Berllin in der Gropiusstadt bei einer allein erziehenden Mutter aufwächst und, wie Teenager nun mal sind, unbedingt in die angesagteste Discothek der Stadt möchte. Im „Sound“ trifft sie den etwas älteren Detlef. Sie bewundert ihn, befreundet sich mit ihm und seinen Freunden und rutscht schnell in die Drogenszene ab. Es ist ein Leben, in dem sich alles nur noch um den nächsten Schuss dreht. Um an das dafür nötige Geld – täglich 100 DM (das war damals viel Geld) – zu kommen, prostituieren sie sich. Er und seine Kumpels auf dem Schwulenstrich. Christiane auf dem Babystrich.

Als erstes fällt auf, wie fantastisch das Bild ist. Vor allem in der ersten Hälfte erinnern die Bilder vom nächtlichen Berlin an den ungefähr zeitgleich entstandenen Noir-Science-Fiction-Klassiker „Blade Runner“ und an die in den Neunzigern in Hongkong entstandenen fiebrigen Noir-Großstadtdramen von Regisseuren wie Wong Kar-Wai. Später, wenn Christiane zur Rauschgiftsüchtigen wird, spielt die Geschichte vor allem tagsüber oder in schmucklosen, teils sehr versifften Wohnungen. Das Bild wird dokumentarischer. Der Blick auf die damals real existierende offene Drogenszene, den Schwulen- und den Babystrich war damals erschreckend. So etwas hatte es im deutschen Film, trotz etlicher Jugenddramen, noch nicht gegeben. Auch heute sind die Bilder immer noch schockierend. Edel ließ, die Realtität nachbildend, seine Drogensüchtigen von Kindern spielen. So spielte Natja Bruckhorst die gleichaltrige Christiane F..

Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist ein grandioser, erfrischend undeutscher und heute immer noch packender Film. Ein fehlerfreier Film ist es nicht. Das Spiel der Kinder, in ihrer ersten und oft auch ihrer letzten Rolle (die meisten strebten einfach keine Filmkarriere an), ist vor allem am Filmanfang etwas hölzern. Die Dialoge, vor allem am Anfang, etwas zu didaktisch. So werden die Drogensüchtigen nicht müde, die Gefahren von Heroin zu betonen. Schon bevor Christiane zum ersten Mal die angesagte Droge konsumieren will, warnen Detlef und seine Freunde sie davor.

Auch erzählt Edel teils zu sprunghaft. So ist Christiane nach dem ersten Konsum sofort abhängig und knietief mit dem Beschaffen von Geld für ihren Konsum verstrickt.

Störend ist auch, dass er sich nur auf Christiane und ihre Freunde konzentriert und dabei die gesellschaftliche Dimension vollkommen ignoriert. Er liefert keine Gründe, warum sie abhängig werden. Sie tun es einfach. Der gesamte Film spielt in einer von der Gesellschaft vollkommen abgekapselten Blase.

Einige dieser Fehler liegen an den Drehbedingungen. Die dem Film zugrunde liegende Drehbuchfassung wurde erst kurz vor dem Film geschrieben und während des Drehs umgeschrieben. Die Schauspielerin, die Christianes Mutter spielt, durfte während des Drehs die DDR nicht mehr verlassen. Das erklärt ihr plötzliches Verschwinden aus dem Film. Im Audiokommentar vermutet Edel, dass das eine Strafe für ihren nicht genehmigten Dreh im Bahnhof Zoo war. Damals stand das Bahnhofsgebäude unter DDR-Aufsicht. Sie erhielten keine Drehgenehmigung. Aber Edel meinte während des Drehs, sie könnten unmöglich einen Film drehen, der „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“ heißt und der keine Bilder vom Bahnhof Zoo hat. Die Außendrehs und die Drehs auf den U-Bahnsteigen waren kein Problem. Dort hatten sie eher Probleme mit den Junkies, die sich unter die Komparsen mischten.

Als Bonusmaterial gibt es in der aktuellen Ausgabe des Films ein gut halbstündiges Interview mit Christiane-F.-Darstellerin Natja Brunckhorst, einige Aufnahmen von den Screentests und einen sehr informativen Audiokommentar mit Regisseur Uli Edel, der von Stefan Jung und Marcus Stiglegger befragt wird.

Bei einer neuen Auflage, die dann gerne Deluxe-Edition heißen kann, sollten unbedingt die am 9. Februar 2022 auf Arte gezeigten, jeweils gut einstündigen Dokus „Im Rausch – Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – Lost Generation“ zum Bonusmaterial gehören. Es sind informative Dokus über den Film und die damalige Drogenszene, die sich fundamental von der heutigen Drogenszene unterscheidet. „Lost Generation“ kann noch bis zum 14. August 2022 in der Arte-Mediathek angesehen werden

Auch in der Schweiz gab es eine offene Drogenszene. In Zürich wurden die sich am Platzspitz und im Letten befindenden Drogenszenen 1995 aufgelöst. Die Süchtigen wurden in ihre Heimatstädte geschickt.

In „Platzspitzbaby“ erzählt Pierre Monnard die Geschichte von der elfjährigen Mia und ihrer drogensüchtigen, alleinerziehenden Mutter Sandrine. Er zeichnet präzise und aus Mias Perspektive das komplizierte Verhältnis von Mutter und Tochter nach. Er zeigt auch, wie Sandrine in ihrer neuen Heimat, einem Dorf im Zürcher Oberland, wieder Heroin nimmt.

Im Gegensatz zu „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ fehlt in Monnards Film der grobe didaktische Hammer. Trotzdem ist die Warnung vor dem Drogenkonsum unübersehbar. Im Zentrum steht allerdings Mias Geschichte, ihre Beziehung zu ihrer Mutter und ihrem Vater, zu ihren Mitschülerinnen und zu einem nur in ihrer Fantasie existierendem Folksänger.

Insgesamt ist „Platspitzbay“ ein gut gemachter und gut gespielter TV-Film, der nie auch nur halbwegs so energisch wie „Christiane F.“ nach der großen Kinoleinwand strebt und Kinder (und das sind sie trotz ihres von der Nacht bestimmenten Lebensstil und ohne Eltern) die Nacht erobern lässt. Mit der Musik von David Bowie.

Auf der DVD ist, immerhin, neben der deutschen Fassung die schweizer Originalfassung vorhanden. Weiteres Bonusmaterial fehlt.

Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (Deutschland 1981)

Regie: Ulrich Edel (aka Uli Edel)

Drehbuch: Herman Weigel

LV: Kai Hermann/Horst Rieck: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, 1978

mit Natja Brunkhorst, Thomas Haustein, Jens Kuphal, Reiner Wölk, Jan Georg Effler, Chrstiane Reichelt, David Bowie, Christiane Lechle

Blu-ray

EuroVideo

Bild: 1080p24 (1,78:1)

Ton: Deutsch (DTS-HD MA 5.1)

Untertitel: Deutsche Untertitel für Hörgeschädigte; Englisch

Bonusmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Uli Edel und den Interviewern Stefan Jung und Marcus Stiglegger, Interview mit Natja Brunckhorst, Casting-Ausschnitte

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

Moviepilot über „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

Rotten Tomatoes über „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

Wikipedia über „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (deutsch, englisch)

Platzspitzbaby (Schweiz 2020)

Regie: Pierre Monnard

Drehbuch: André Küttel

LV: Michelle Halbheer/Franziska K. Müller: Platzspitzbaby, 2013

mit Luna Mwezi, Sarah Spale, Anouk Petri, Delio Malär, Jerry Hoffmann

DVD

EuroVideo

Bild: 1.67.1 (16:9)

Ton: Deutsch, Schweizerdeutsch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: –

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Platzspitzbaby“

Wikipedia über „Platzspitzbaby“


TV-Tipp für den 13. April: Das Neue Evangelium

April 12, 2022

Arte, 22.50

Das Neue Evangelium (Deutschland/Schweiz/Italien 2020)

Regie: Milo Rau

Drehbuch: Milo Rau

TV-Premiere. Milo Rau erzählt die Geschichte von Jesus Christus. Mit Laiendarstellern in der süditalienischen Stadt Matera, wo Pier Paolo Pasolini seinen Jesus-Film „Das erste Evangelium – Matthäus“ aufnahm. Auf diesen Film bezieht Rau sich immer wieder. Gleichzeitig verknüpft er seine Inszenierung des Evangeliums mit aktuellen Problemen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Kinotipps der katholischen Filmkritik.

mit Yvan Sagnet, Marcello Fonte, Enrique Irazoqui, Maia Morgenstern, Papa Latyr Faye, Samuel Jacobs, Yussif Bamba, Jeremiah Akhere Ogbeide, Mbaye Ndiaye, Kadir Alhaji Nasir

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das Neue Evangelium“

Moviepilot über „Das Neue Evangelium“

Wikipedia über Milo Rau

Meine Besprechung von Milo Raus „Das Neue Evangelium“ (Deutschland/Schweiz/Italien 2020)


Cover der Woche

April 12, 2022

weil ich gerade die Verfilmung bespreche


Hannelore Cayre glaubt „Reichtum verpflichtet“

April 12, 2022

Hannelore Cayre hat ihre sehr sympathische Nische gefunden: Frauen als Hauptperson (aufgrund ihres moralischen Kostüms sind sie nicht wirklich traditionelle ‚Heldinnen‘), schnoddriger Tonfall, eine heilsame Respektlosigkeit vor Recht und Gesetz; vor allem wenn es die Wohlhabenden schützt – und damit eine dezidiert linke, kapitalismuskritische Sicht. Oh, und einen illusionslosen, eigentlich schon verzweifelt komischen Blick auf die französische Gesellschaft, ihre Strukturen und ihre Probleme. Als Vehikel benutzt sie dafür die Kriminalliteratur.

In „Reichtum verpflichtet“ verzichtet sie auf das Krimi-Sicherheitsnetz. Ihr neuer Roman spielt auf zwei Zeitebenen: der Gegenwart und den Jahren 1870/1871.

1870 bekriegten Frankreich und Deutschland sich. In Frankreich werden junge Männer nach einem Zufallsprinzip eingezogen. Das ist eine egalitäre Auswahl. Schließlich unterscheidet das Los nicht zwischen Arm und Reich. Allerdings können reiche Männer danach einen Einstandsmann kaufen. Der übernimmt dann den neunjährigen Militärdienst für den vom Los gezogenen kampfunwilligen Unglücksraben.

Auguste de Rigny, der in Paris ziellos vor sich hin studiert und sich in revolutionären Kreisen aufhält, wird vom Los gezogen. Allerdings möchte er den Militärdienst nicht ableisten. Das Geld und die Beziehungen seiner Eltern sollen ihn freikaufen. Dummerweise gestaltet sich die Suche nach dem Einstandsmann schwieriger als gedacht.

In der Gegenwart beginnt die nach einem Autounfall gehbehinderte Blanche de Rigny in der Familiengeschichte herumzustöbern. Sie möchte erfahren, wie sie mit der vermögenden Familie de Rigny verwandt ist.

Währenddessen arbeitet sie als Gerichtsreprografin. Sie scannt alle Akten, die in die Zuständigkeit der Pariser Gerichtsbarkeit fallen. Manchmal liest sie sie. Manchmal gibt sie Kopien an Journalisten weiter. Manchmal verkauft sie Adressen von Drogenkonsumenten an Dealer weiter.

Das ist durchaus vergnüglich zu lesen und vor allem Augustes Geschichte ist ziemlich spannend. Dagegen ist bei Blanches Geschichte unklar, worauf sie hinausläuft. Es ist, und das ist auch das große Problem des Romans, eine Geschichte, die erst und nur durch ihre ziemlich grandiose Pointe einen Sinn ergibt.

Für mich ist „Reichtum verpflichtet“ Hannelore Cayres bislang schwächster Roman. Das gesagt, freue ich mich selbstverständlich auf ihren nächsten Roman.

Hannelore Cayre: Reichtum verpflichtet

(übersetzt von Iris Konopik)

Ariadne/Argument Verlag, 2021

256 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Richesse oblige

Éditions Métailié, Paris, 2020

Hinweise

Wikipedia über Hannerlore Cayre

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Der Lumpenadvokat“ (Commis d’office, 2004)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Das Meisterstück“ (Toiles de maitre, 2005)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Die Alte“ (La daronne, 2017)

Meine Besprechung von Jean-Paul Salomés Hannelore-Cayre-Verfilmung „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ (La daronne, Frankreich 2020) und der DVD


TV-Tipp für den 12. April: Tatort: Der Fall Schimanski

April 11, 2022

WDR, 22.15

Tatort: Der Fall Schimanski (Deutschland 1991)

Regie: Hajo Gies

Drehbuch: Axel Götz, Thomas Wesskamp

Schimanski soll bestechlich sein. Er wird suspendiert und ermittelt auf eigene Faust.

Letzter Schimanski-Tatort mit einem legendärem Ende. Einige Jahre nach „der brillanten Schimanski-Persiflage“ (Eike Wenzel: Der Star, sein Körper und die Nation. Die Schimanski-TATORTe, in Wenzel, Hrsg.: Ermittlungen in Sachen TATORT, 2000) ging es mit der insgesamt durchwachsenen TV-Reihe „Schimanski“ weiter.

mit Götz George, Eberhard Feik, Chiem van Houweninge, Ulrich Matschoss, Ludger Pistor, Armin Rohde, Maja Maranow, Brigitte Janner, Jochen Senf (als Gastkommissar Palu)

Hinweise

Host-Schimanski-Fanseite

Wikipedia über „Tatort: Der Fall Schimanski“


Der Brenner wühlt im „Müll“

April 11, 2022

Jetzt hat die Lektüre doch länger gedauert als geplant. Frage nicht. Schließlich ist der Brenner zurück. Weil die Geschichte nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit spielt, beginnt Wolf Haas‘ neuer Brenner-Roman nicht mit dem bekannt-lakonischen Eingangssatz „Jetzt ist schon wieder was passiert“, sondern, nach einem Prolog, so: „Jetzt, wo es verjährt ist, muss man wenigstens keine Angst mehr haben, dass man was Falsches sagt.“

Es beginnt mit dem Fund einer zerstückelten Leiche auf dem städtische Müllplatz, der in Wien inzwischen ein Recyclinghof mit einem ausdifferenziertem System von Sammelwannen ist. Bis die Polizei auftaucht, haben die Müllmänner die einzelnen Leichenteile aus den verschiedenen Wannen herausgesucht und fein säuberlich zusammengelegt. Es ist alles vorhanden, bis auf das Herz des Verstorbenen. Das wird später bei seiner Geliebten Roswitha im Tiefkühlschrank gefunden. Ein Einbrecher hat es dorthin gelegt. In dem Moment ist der Brenner schon knietief in den Fall, in dem es um illegalen Organhandel gehen soll, verwickelt. Einerseits weil er inzwischen bei der Müllabfuhr arbeitet (Frage nicht. Der Wolf Haas erklärt auch nicht genauer, wie Brenner zu dem besten Job, den er jemals hatte, gekommen ist), andererseits weil Brenner früher Polizist und dann Privatdetektiv war. Kopf und Savic, die Ermittler in diesem Fall, kennt er noch von früher.

Und jetzt ist ein kleiner Einschub für die Jüngeren angesagt. 1996 veröffentlichte Wolf Haas, damals noch in der rororo-Krimireihe, seinen ersten Brenner-Roman „Auferstehung der Toten“. Der Roman war wegen seiner Sprache (sie ist so markant, dass sie zur Nachahmung und Parodie einlädt) und seinem Humor ein sofortiger Erfolg. Der Fall war auch nicht schlecht. Haas schrieb weitere erfolgreiche Brenner-Romane. Bis 2003 folgten schnell hintereinander fünf weitere Romane, 2009 „Der Brenner und der Liebe Gott“, 2014 „Brennerova“ und jetzt – endlich! – „Müll“.

2000 verfilmte Wolfgang Murnberger den dritten Brenner-Roman „Komm, süßer Tod“. Josef Hader spielte Brenner. Der Film war ein Hit. Drei weitere erfolgreiche Brenner-Verfilmungen folgten. Sie übertrugen den eigentlich unverfilmbaren Stil der Brenner-Romane kongenial auf die Leinwand.

Entsprechend groß ist natürlich die Freude, dass Wolf Haas jetzt wieder einen Brenner-Roman geschrieben hat und mit 288 Seiten ist er sogar der bislang längste Brenner-Roman. Wobei 288 Seiten nach heutigem Standard nicht besonders lang sind.

Nach der Lektüre kann ich beruhigt schreiben, dass sie sich lohnt. Der Kriminalfall entwickelt sich eher bedächtig. Das liegt auch daran, dass Haas erst einmal viele Personen vorstellen muss. Sie alle sind irgendwie in den Fall (über den hier nichts verraten wird) verwickelt. Es gibt den gewohnt lakonischen Haas-Humor. Außerdem erfahren wir einiges über Brenners aktuelle, ähm, Schlafgewohnheiten, die Philosophie des Mülltrennens und des Paketzustellens und warum der Praktikant auf dem Müllplatz Praktikant heißt. Das alles macht „Müll“ zu einem gelungenem weiteren Brenner-Roman.

Wolf Haas: Müll

Hoffmann und Campe, 2022

288 Seiten

24 Euro

Hinweise

Krimi-Couch über Wolf Haas

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Wolf Haas

Wikipedia über Wolf Haas

Meine Besprechung von Wolf Haas’ “Brenner und der liebe Gott” (2009)

Meine Besprechung von Wolf Haas‘ „Brennerova“ (2014)

Meine Besprechung von Wolfgang Murnberges Wolf-Haas-Verfilmung „Das ewige Leben“ (Österreich 2015)


TV-Tipp für den 11. April: Wo die grünen Ameisen träumen

April 10, 2022

Arte, 22.15

Wo die grünen Ameisen träumen (Deutschland 1984)

Regie: Werner Herzog

Drehbuch: Werner Herzog

Nach seinem Übererfolg „Fitzcarraldo“ und vor „Cobra Verde“, seinem letztem Film mit Klaus Kinski, brach Werner Herzog nach Australien auf. Dort drehte er einen Spielfilm über den Kampf eines Aborigines-Stamms gegen den Uran-Abbau der Mining Company. Dabei, immerhin ist es ein Spielfilm, vermengt er Fakten mit Fiktion.

Zwei zeitgenössische Bewertungen: „Herzog scheint unentschlossen gewesen zu sein, ob er eher dem von ihm erwarteten Mythizismus neuen Ausdruck geben oder einem akuten Thema, dem Konflikt von Ökologie contra Ökonomie, folgen sollte. Als halbherziger Kompromiss aus beiden enttäuscht der Film. Er erreicht nicht die Kraft von Herzogs großen Kinovisionen, hat aber auch nicht die engagierte Themennähe seiner Dokmentarfilme.“ (Fischer Film Almanach 1985)

zivilisationskritische Parabel (…) kein ökologischer Thesenfilm, sondern eine in faszinierenden Bildern, kontemplativem Rhythmus und nahezu heiterem Tonfall dargebotene Studie über das weltweite Vergehen von Hören und Sehen, das Verschwinden der Träume und die Verhärtung westlicher Denk- und Bewusstseinsformen.“ (Lexikon des internationalen Films)

Wo die grünen Ameisen träumen“ gehört immer noch zu Herzogs unbekannteren Filmen zwischen seinen Klassikern aus den Siebzigern (endend mit „Fitzcarraldo“) und seinem aus wenigen Spielfilmen und einer unüberschaubaren Menge von Dokumentarfilmen bestehendem Spätwerk.

Mit Bruce Spence, Wandjuk Marika, Roy Marika, Ray Barrett, Norman Kaye

Wiederholung: Mittwoch, 20. April, 00.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Filmportal über „Wo die grünen Ameisen träumen“

Rotten Tomatoes über „Wo die grünen Ameisen träumen“

Wikipedia über „Wo die grünen Ameisen träumen“

Meine Besprechung von Werner Herzogs „Königin der Wüste“ (Queen of the Desert, USA/Marokko 2015)

Meine Besprechung von Werner Herzogs „Salt and Fire“ (Salt and Fire, Deutschland/USA/Frankreich/Mexiko 2016)

Werner Herzog in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 10. April: Vollblüter

April 9, 2022

RTL II, 23.40

Vollblüter (Thoroughbreds, USA 2017)

Regie: Cory Finley

Drehbuch: Cory Finley

Die wohlbehütet aufwachsenden Teenager Lily und Amanda wollen Lilys Stiefvater umbringen. Helfen soll ihnen ein kleiner Drogenhändler, der natürlich nichts von dem wahren Plan der beiden Schönheiten ahnt.

TV-Premiere. Schöner, kleiner, fieser Noir-Thriller – und der letzte Film von Anton Yelchin.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung

mit Olivia Cooke, Anna Taylor-Joy, Anton Yelchin, Paul Sparks, Francie Swift, Kailie Vernoff

Hinweise

Moviepilot über „Vollblüter“

Metacritic über „Vollblüter“

Rotten Tomatoes über „Vollblüter“

Wikipedia über „Vollblüter“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Cory Finleys „Vollblüter“ (Thoroughbreds, USA 2017)


TV-Tipp für den 9. April: Red Rock West

April 8, 2022

ZDFneo, 00.10

Red Rock West (Red Rock West, USA 1992)

Regie: John Dahl

Drehbuch: John Dahl, Rick Dahl

Vollkommen abgebrannt landet Michael Williams in dem Kaff Red Rock. Dort wird er für einen Profikiller gehalten und erhält auch gleich das Honorar für den Mordauftrag. Dummerweise trifft kurz darauf der wirkliche Killer ein.

„‚Red Rock West‘ ist ein Film noir mit allen Qualitäten eines modernen Western, wie sie in den Romanen und Figuren von Jim Thompson zu finden sind. Es geht um Liebe, Mord und Verrat – schnörkellos, direkt und lakonisch inszeniert.“ (Fischer Film Almanach 1994)

Besser hätte ich es auch nicht formulieren können.

„Red Rock West“ ist ein Film aus einer Zeit, als man sich noch auf den nächsten Nicolas-Cage-Film freute.

mit Nicolas Cage, Dennis Hopper, Lara Flynn Boyle, J. T. Walsh

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Red Rock West“

Wikipedia über „Red Rock West“ (deutsch, englisch)