Über Frank Schmolkes Comic-Adaption von Sebastian Fitzeks „Der Augensammler“

Dezember 13, 2021

In Berlin ermordet in der Vorweihnachtszeit ein Unbekannter Mütter, entführt ihre Kinder und gibt dem Vater 45 Stunden und 7 Minuten, sein Kind zu retten. Bis jetzt wurden alle entführten Kinder tot aufgefunden. Immer fehlte das linke Auge. Die Presse nennt ihn deshalb in schönster Boulevard-Manier den „Augensammler“.

Alexander Zorbach ist ein Ex-Polizist, Sensationsreporter und eher abwesender Vater. Sein Sohn ist meistens bei seiner Mutter. Er berichtet über den Fall, stört seine ehemaligen Kollegen (die ihn wie die Pest hassen) bei den Ermittlungen und gerät jetzt in Verdacht, der Serienmörder zu sein. Denn seine Brieftasche wurde am Tatort gefunden. Um seine Unschuld zu beweisen, tut er sich mit der blinden Physiotherapeutin Alina Gregoriev, die ihn auf seinem Hausboot erwartet, zusammen. Sie behauptet, sie habe bei einem ihrer Patienten eine Vision gehabt, die sie zu dem Mörder führen könne. Zorbach hält das zwar für ausgemachten Unfug, aber eine bessere Spur hat er nicht.

In seiner Comicadaption von Sebastian Fitzeks Bestseller „Der Augensammler“ begeht Frank Schmolke einen Fehler nicht, den bei den Verfilmungen der Bücher von Fitzek Drehbuchautoren und Regisseure gemacht haben. Sie nahmen einfach das Buch, einen Pageturner mit vielen Wendungen, Dialogen und kurzen Kapiteln, und übertrugen die Geschichte 1-zu-1 in den Film. Aber Dinge, die in einem Roman prächtig funktionieren, funktionieren in einem Film nicht unbedingt. In den späteren Verfilmungen änderte sich das und die Filme wurden besser.

Frank Schmolke versucht erst gar nicht, den gut vierhunderfünfzigseitigen Roman mit seinen ganzen Wendungen 1-zu-1 in ein anderes Medium zu übertragen. Er nimmt die Geschichte und adaptiert sie für ein anderes Medium. Und das heißt halt auch, notwendige Veränderungen vorzunehmen. Schließlich sagt ein Bild manchmal mehr als tausend Worte und in einem zweihundertseitigen Comic muss halt einiges verändert werden.

Er taucht Berlin und die Thrillergeschichte in ein düsteres Noir-Licht, das durch die wenigen Farbtupern noch verstärkt wird. Es ist ein verschneites, kaltes Berlin, dessen Atmosphäre an Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ erinnert. Zur Noir-Atmosphäre trägt außerdem bei, dass der unschuldig gejagte Zorbach mit seinem Hut und seinem Mantel in einem Film der Schwarzen Serie zwischen Humphrey Bogart und Robert Mitchum nicht negativ auffallen würde. Und natürlich erlebt Zorbach eine fast schon archetypische Noir-Geschichte.

Schmolkes erschuf eine überaus gelungene und sehr eigenständige Adaption von Fitzeks Thriller.

Das sieht auch Sebastian Fitzek so. Im Vorwort des Comics schreibt er: „die fiktive Realität [von Schmolke, A.d.V.) entsprach sogar in vielen Punkten meiner inneren Gedankenwelt. Manchmal aber war ich erstaunt darüber, wie Frank meine Geschichte gesehen hatte. Und – das gestehe ich ganz offen – hin und wieder gefiel mir seine Sichtweise sogar besser als meine eigene. Dieses Werk stellt in meinen Augen keine herkömmliche Adaption dar, sondern ist ein komplexes, eigenständiges Werk, das nicht nur den Leserinnen und Lesern gefallen wird, denen ‚Fitzek‘ ein Begriff ist.“

Frank Schmolke (Textadaption, Zeichnungen, Farbe): Der Augensammler (nach dem Roman vo Sebastian Fitzek)

Splitter, 2021

200 Seiten

35 Euro

Die Vorlage

Sebastian Fitzek: Der Augensammler

Droemer, 2010 (gebundene Ausgabe)

464 Seiten

10,99 Euro (Taschenbuch)

Hinweise

Homepage von Frank Schmolke

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Splitter“ (2009)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augensammler” (2010)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augenjäger” (2011)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzek/Michael Tsokos‘ „Abgeschnitten“ (2012)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Nachtwandler“ (2013)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Joshua-Profil“ (2015)

Meine Besprechung von Max Rhodes (Pseudonym von Sebastian Fitzek) „Die Blutschule“ (2015)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Passagier 23“ (2014) und Alexander Dierbachs Verfilmung „Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Zsolt Bács‘ Sebastian-Fitzek-Verfilmung “Das Kind” (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Christian Alvarts Sebastian-Fitzek-Michael-Tsokos-Verfilmung „Abgeschnitten“ (Deutschland 2018)

 


TV-Tipp für den 13. Dezember: Die Story im Ersten: Weihnachtsmarkt.Anschlag

Dezember 12, 2021

ARD, 22.50

Die Story im Ersten: Weihnachtsmarkt.Anschlag (Deutschland 2021)

Regie: Sascha Adamek, Joachim Goll, Norbert Siegmund

Drehbuch: Sascha Adamek, Joachim Goll, Norbert Siegmund

Brandneue 45-minütige Doku über den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz hier in Berlin am 19. Dezember 2016.

Hinweise

ARD über die Doku

Wikipedia über den Anschlag


Die Krimibestenliste Dezember 2021

Dezember 12, 2021

Dank aktiver Verdrängung meinerseits etwas später als gewohnt: die Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur für den Monat mit den längsten Nächten:

1 (4) Elizabeth Wetmore: „Wir sind dieser Staub“

Aus dem Englischen von Eva Bonné

Eichborn, Köln 2021

320 Seiten, 22 Euro

2 (8) Carlo Lucarelli: „Der schwärzeste Winter“

Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl

Folio, Wien 2021

316 Seiten, 22 Euro

3 (5) Regina Nössler: „Katzbach“

Konkursbuch, Tübingen 2021

348 Seiten, 12,90 Euro

4 (-) Colin Niel: „Unter Raubtieren“

Aus dem Französischen von Anne Thomas

Lenos, Basel 2021

404 Seiten, 24 Euro

5 (2) John le Carré: „Silverview“

Aus dem Englischen von Peter Torberg

Ullstein, Berlin 2021

252 Seiten, 24 Euro

6 (-) Attica Locke: „Black Water Rising“

Aus dem US-Amerikanischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck

Polar, Stuttgart 2021

456 Seiten, 24 Euro

7 (1) Garry Disher: „Moder“

Aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller

Pulp Master, Berlin 2021

302 Seiten, 14,80 Euro

8 (4) Tana French: „Der Sucher“

Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Scherz, Frankfurt am Main 2021

496 Seiten, 22 Euro

9 (9) Frank Göhre: „Die Stadt, das Geld und der Tod „

CulturBooks, Hamburg 2021

160 Seiten, 15 Euro

10 (10) Ursula Hasler: „Die schiere Wahrheit“

Limmat, Zürich 2021

344 Seiten, 29 Euro

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Einiges davon steht auch auf meiner Zu-lesen-Liste. Im Moment bin ich allerdings mit der Neuübersetzung von Raymond Chandlers „Die Lady im See“ (ja, den Klassiker kennen wir im Original oder in der alten Übersetzung), Frank Schmolkes Sebastian-Fitzek-Comicadaption „Der Augensammler“ und Pieke Biermanns Berlin-Quartett (mit vier Krimis, neu herausgegeben, in das Berlin zwischen 1987 und 1997) beschäftigt. Alle drei bis sieben Werke erfüllen nicht die Voraussetzungen, um in die Krimibestenliste aufgenommen zu werden.


Die Gewinner der 34. Europäischen Filmpreises

Dezember 12, 2021

Ohne weitere Vorrede: die diesjährigen European Film Awards gingen an:

EUROPEAN FILM 2021

QUO VADIS, AIDA?

Regie: Jasmila Žbanić

Bosnien & Herzegowina, Österreich, Niederlande, Frankreich, Polen, Norwegen, Deutschland, Rumänien, Türkei

EUROPEAN COMEDY 2021

NINJABABY

Regie: Yngvild Sve Flikke

Norwegen

EUROPEAN DISCOVERY 2021 – Prix FIPRESCI

PROMISING YOUNG WOMAN

Regie: Emerald Fennell

USA, Großbritannien

EUROPEAN DOCUMENTARY 2021

FLEE

FLUGT

Regie: Jonas Poher Rasmussen

Dänemark, Frankreich, Schweden, Norwegen

EUROPEAN ANIMATED FEATURE FILM 2021

FLEE

FLUGT

Regie: Jonas Poher Rasmussen

Dänemark, Frankreich, Schweden, Norwegen

EUROPEAN SHORT FILM 2021

MY UNCLE TUDOR

NANU TUDOR

Regie: Olga Lucovnicova

Belgien/Portugal/Ungarn/Moldawien 2020, Dokumentation, 20 min

(Ausgewählt von Sarajevo Film Festival)

EUROPEAN DIRECTOR 2021:

Jasmila Žbanić für QUO VADIS, AIDA?

EUROPEAN ACTRESS 2021:

Jasna Đuričić in QUO VADIS, AIDA?

EUROPEAN ACTOR 2021:

Anthony Hopkins in THE FATHER

EUROPEAN SCREENWRITER 2021:

Florian Zeller & Christopher Hampton für THE FATHER

EUROPEAN CINEMATOGRAPHY 2021

Crystel Fournier für GROßE FREIHEIT

EUROPEAN EDITING 2021

Mukharam Kabulova für UNCLENCHING THE FISTS

EUROPEAN PRODUCTION DESIGN 2021

Márton Ágh für NATURAL LIGHT

EUROPEAN COSTUME DESIGN 2021

Michael O’Connor für AMMONITE

EUROPEAN HAIR & MAKE-UP 2021

Flore Masson, Olivier Afonso & Antoine Mancini für TITANE

EUROPEAN ORIGINAL SCORE 2021

Nils Petter Molvær & Peter Brötzmann für GROßE FREIHEIT

EUROPEAN SOUND 2021

Gisle Tveito & Gustaf Berger für THE INNOCENTS

EUROPEAN VISUAL EFFECTS 2021

Peter Hjorth & Fredrik Nord für LAMB

EUROPEAN LIFETIME ACHIEVEMENT

Márta Mészáros

EUROPEAN ACHIEVEMENT IN WORLD CINEMA

Susanne Bier

EUROPEAN INNOVATIVE STORYTELLING

Steve McQueen für SMALL AXE

EURIMAGES CO-PRODUCTION AWARD 2021

Maria Ekerhovd

EFA YOUNG AUDIENCE AWARD 2021

THE CROSSING

FLUKTEN OVER GRENSEN

Regie: Johanne Helgeland

Norwegen

EUROPEAN UNIVERSITY FILM AWARD 2021

FLEE

FLUGT

Regie: Jonas Poher Rasmussen

Dänemark, Frankreich, Schweden, Norwegen


TV-Tipp für den 12. Dezember: Life of Crime

Dezember 11, 2021

3sat, 21.50

Life of Crime (Life of Crime, USA 2013)

Regie: Daniel Schechter

Drehbuch: Daniel Schechter

LV: Elmore Leonard: The Switch, 1978 (Wer hat nun wen auf’s Kreuz gelegt?)

1978 hoffen die Ganoven Ordell Robbie and Louis Gara (yep, die in „Rum Punch“/“Jackie Brown“ wieder dabei sind), mit der Entführung der Frau eines Immobilienhais an das große Geld zu kommen. Dummerweise will der Geschäftsmann seine Frau nicht wieder haben. Und die will sich das nicht gefallen lassen.

Okaye Verfilmung eines alten Elmore-Leonard-Romans, der trotz guter Besetzung bei uns nur auf DVD erschien.

„Dank guter Darsteller und flotter Inszenierung wird aus dem etwas abgegriffenen Komödienstoff halbwegs passable Unterhaltung.“ (Lexikon des internationalen Films).

Frühere Verfilmungspläne wurden wegen einer zu großen Ähnlichkeit zur erfolgreichen Komödie „Die unglaubliche Entführung der verrückten Mrs. Stone“ (USA 1986) gecancelt.

mit Jennifer Aniston, Yasiin Bey (aka Mos Def), Isla Fisher, Will Forte, Mark Boone Junior, Tim Robbins, John Hawkes, Kevin Corrigan

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Life of Crime“

Wikipedia über „Life of Crime“

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leoanrds “Raylan” (Raylan, 2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards “Raylan” (2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Dschibuti“ (Djibouti, 2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Frank Göhre/Alf Mayers „King of Cool – Die Elmore-Leonard-Story“ (2019)


Buchbesprechung: John le Carrés letzter Roman: „Silverview“

Dezember 11, 2021

Das ist er also: der neue Roman von John le Carré. Gleichzeitig – er starb vor einem Jahr am 12. Dezember 2020 – ist es sein letzter Roman und natürlich beeinflusst dieses Wissen die Lektüre und die Rezeption. Bei mir kommt noch hinzu, dass ich mich den allgemeinen Jubelarien zu seinen vorherigen Büchern nicht so richtig anschließen konnte. Zu oft hatte ich den Eindruck, dass es in den Besprechungen weniger um sein aktuelles Buch und mehr um seinen Ruf als ‚größter Spionageschriftsteller aller Zeiten‘ ging. Auch „Silverview“ wird allgemein abgefeiert. Und wieder finde ich den Roman nicht so gut. Dabei ist auf den ersten Blick alles drin, was einen le Carré ausmacht. Aber die Story funktioniert nicht. Eigentlich ist es keine Story sondern mehr eine Skizze, bei der fast bis zur letzten Seite unklar ist, was uns le Carré erzählen will.

Im Mittelpunkt stehen drei Männer: Stewart Proctor ist der Chef der Inlandssicherheit. Der Geheimdienstler erhält einen Brief und beschäftigt sich daraufhin mit der Vergangenheit von Edward Avon. Edward war, als er vor Ewigkeiten angeworben wurde und im damals noch bestehendem Ostblock spionierte, ein von seiner Mission überzeugter Geheimagent. Das änderte sich während des Bosnienkrieges. Jetzt lebt er zusammen mit seiner ebenfalls pensionierten Frau Deborah in Silverview, einem Anwesen am Ortsrand eines Küstenstädtchens in East Anglia. Sie war die beste Nahost-Analystin des Geheimdienstes. Sie hat Krebs im Endstadium.

Edward trifft sich öfter mit dem Buchhändler Julian Lawndsley. Der 33-jährige Julian war in London ein erfolgreicher Börsenmakler. Diese Arbeit gab er aus bis nach dem Buchende unbekannten Gründen auf zugunsten des Lebens als schlecht verdienender Buchhändler, der von Büchern keine Ahnung hat. Edward schlägt ihm vor, im Keller seiner Buchhandlung ein besonderes Buchangebot einzurichten. Außerdem ist er, so sagt er, ein Schulfreund von Julians verstorbenem Vater.

Selbstverständlich sind diese beiden Plots – der eine ist Proctors Recherchen in Edward Avons Vergangenheit, der andere ist die beginnende Freundschaft zwischen Edward und Julian – miteinander verknüpft. Aber bis zum Ende laufen sie unverbunden nebeneinander her. Das Ende hinterlässt dann auch einige Fragen.

Le Carré schrieb die Geschichte zwischen 2013 und 2015, war allerdings nicht mit ihr zufrieden und legte sie zur Seite. Sein Sohn Nicholas Cornwell (der unter den Pseudonymen Nick Harkaway und Aidan Truhen Romane veröffentlicht) hat das Manuskript nach dem Tod seines Vaters aus der Schublade geholt und vor der Veröffentlichung um einige wenige Sätze und Absätze ergänzt.

Nach der Lektüre verstehe ich, warum le Carré mit der Geschichte unzufrieden war und sie, so mein Eindruck, nicht fertig schrieb. Der jetzt veröffentlichte Roman wirkt wie ein Fragment, das so wohl niemals für eine Veröffentlchung gedacht war.

Denn die Geschichte funktioniert nicht. Das liegt an ihrer Konstruktion, die lange Zeit beide Handlungsstränge vollkommen unverbunden nebeneinander her laufen lässt. Das liegt an den vielen Lücken, die in einer späteren Fassung geschlossen würden. Dann wüssten wir auch mehr über die Motive der verschiedenen Figuren. In der vorliegenden Fassung sind sie höchstens erahnbar.

Außerdem spielt die Geschichte inzwischen in einer seltsam unbestimmbaren Zeit. Es gibt nämlich keinerlei Hinweise auf das Handlungsjahr. Damit könnte sie, wie le Carrés andere Romane zum Zeitpunkt der Veröffentlichung spielen. Andererseits wirkt vieles so, als würde es in der nahen Vergangenheit spielen. Das betrifft die skizzenhaften Biographien der Figuren und den Umgang mit Computern, der eher zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre zurück in die Vergangenheit verweist. Und auch damals wäre unklar gewesen, welches für England gefährliche Wissen Edward und seine Frau hätten ausplaudern können.

In „Silverview“ wird Edwards Biographie, die an andere le-Carré-Figuren erinnert, auf wenigen Seiten abgehandelt. Dabei hätte sein Leben durchaus die Basis für einen Roman sein können. Der in der Gegenwart spielende Teil, also Edwards Plan, ist nicht mehr als eine hastig auf einen Zettel geschriebene Notiz. Ausformuliert hätte auch das ein guter Spionageroman werden können. Beides hat le Carré in der Vergangenheit schon mehrmals gelungener erzählt. Und so ist le Carrés letzter Roman immer ein Roman, der an seine früheren und besseren Romane erinnert.

John le Carré: Silverview

(übersetzt von Peter Torberg)

Ullstein, 2021

256 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Silverview

Viking, PRH, London, 2021

Hinweise

Bookmarks über „Silverview“

Perlentaucher über „Silverview“

Wikipedia über „Silverview“

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung von John le Carrés „Das Vermächtnis der Spione“ (A Legacy of Spies, 2017)

Meine Besprechung von John le Carrés „Federball“ (Agent running in the Field, 2019)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ (Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016) und der gesamten Miniserie

Mein Nachruf auf John le Carré

John le Carré in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 11. Dezember: Planet der Affen

Dezember 10, 2021

RTL II, 20.15

Planet der Affen (Planet of the Apes, USA 1968)

Regie: Franklin J. Schaffner

Drehbuch: Michael Wilson, Rod Serling

LV: Pierre Boulle: La Planète des Singes, 1963 (Planet der Affen)

Nach einem verdammt langem Raumflug landet Astronaut George Taylor (Charlton Heston) und seine Crew auf einem Planeten, auf dem Affen die herrschende Rasse und Menschen von ihnen gejagte Primitivlinge sind, die höchsten für Forschungszwecke (vulgo Tierversuche) taugen. Taylor findet das ziemlich uncool.

Ein SF-Klassiker mit einem Hammerende. Denn, wie das letzte Bild des Films zeigt, ist Taylor auf der Erde gelandet.

Mit der Romanvorlage hat Schaffners Film wenig zu tun.

Affisch geht es weiter. RTL II zeigt um 22.30 Uhr „Rückkehr zum Planet der Affen“ (USA 1970) und um 00.25 Uhr „Flucht vom Planet der Affen“ (USA 1971). Diese beiden ersten Fortsetzungen waren schon schlechter als das Original.

mit Charlton Heston, Roddy McDowall, Kim Hunter, Maurice Evans, James Whitmore, James Daly, Linda Harrison

Wiederholung: Sonntag, 12. Dezember, 02.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Planet der Affen“

Wikipedia über „Planet der Affen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pierre Boulles „Planet der Affen“ (La Planète des Singes, 1963)

Meine Besprechung von Greg Keyes‘ „Planet der Affen – Revolution: Feuersturm“ (Dawn of the Planet of the Apes: Firestorm, 2014)

Meine Besprechung von Matt Reeves‘ „Planet der Affen: Revolution“ (Dawn of the Planet of the Apes, USA 2014)

Meine Besprechung von Matt Reeves‘ „Planet der Affen: Survival“ (War for the Planet of the Apes, USA 2017)

Die Vorlage

Boulle - Planet der Affen - CrossCult

Pierre Boulle: Planet der Affen

(übersetzt von Merle Taeger)

Cross Cult, 2014

272 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

La Planète des Singes

Editions Julliard, Paris, 1963

Der Roman erschien schon in einer anderen Übersetzung in mehreren Ausgaben.


Neu im Kino/Filmkritik: Über Maryam Touzanis „Adam“

Dezember 10, 2021

Weil ihre achtjährige Tochter Warda sie darum bittet, lässt Abla Samia für eine Nacht bei ihnen übernachten. Samia kommt aus einem Dorf und ist hochschwanger. In Casablanca versucht sie, unbehelligt von ihrer Familie, die von ihrer Schwangerschaft nichts weiß und nichts erfahren soll, die Zeit bis zur Geburt zu verbringen. Danach will sie ihr Kind weggeben und wieder in ihr altes Leben zurückkehren.

Natürlich bleibt es nicht bei dieser einen Nacht. Die alleinerziehende, verwitwete Abla gewährt ihrem Gast immer wieder einen Aufschub. Sie tut das widerwillig, aber sie sieht auch Samias Not, die sonst auf der Straße übernachten müsste. Und Samia versucht sich im Haus nützlich zu machen. So stellt sie Teig für Gebäck her, das Abla in ihrer kleinen Bäckerei verkaufen kann.

Ablas Kunden sind begeistert von dem gut schmeckendem Gebäck.

Maryam Touzani erzählt in ihrem Debütfilm „Adam“ sehr feinfühlig, wie sich in einem Haus in Casablanca die Beziehung zwischen den drei Frauen entwickelt. Und wie sie sich verändern. Gleichzeitig zeichnet sie ein Bild der marokkanischen Gesellschaft, der Traditionen und der Stellung der Frau in ihr.

Touzanis Inspiration für den Film war ein wahres Erlebnis. Ihre Eltern hatten vor Jahren eine schwangere Frau, die sie nicht kannten, bei sich aufgenommen. Sie blieb bis nach der Geburt ihres Kindes. Diese Frau war das Vorbild für Samia.

Adam“ ist ein kleiner, ein intimer Film, der dann doch von der ganzen Welt erzählt.

Adam (Adam, Marokko/Frankreich 2019)

Regie: Maryam Touzani

Drehbuch: Maryam Touzani, Nabil Ayouch (Mitarbeit)

mit Lubna Azabal, Nisrin Erradi, Douae Belkhaouda, Aziz Hattab, Hasnaa Tamtaoui

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Adam“

Metacritic über „Adam“

Rotten Tomatoes über „Adam“

Wikipedia über „Adam“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 10. Dezember: Das Haus

Dezember 9, 2021

Arte, 20.15

Das Haus (Deutschland 2021)

Regie: Rick Ostermann

Buch: Rick Ostermann, Patrick Brunken

LV: Dirk Kurbjuweit: Das Haus, 2019 (in „2029 – Geschichten von Morgen“)

Deutschland, 2029: Enthüllungsjournalist Johann und seine Frau Lucia begeben sich für einige Tage in ihr malerisch abgelegen auf einer Insel gelegenes vollautomatisches Ferienhaus. Johann Hellström steht vor der Frage, wie er nach einer Rufmordkampagne weiter arbeiten kann. Und das Haus scheint ein Eigenleben zu entwickeln.

TV-Premiere, zwei Monate nach dem Kinostart. Gut aussehender, weit unter seinen Möglichkeiten bleibender Thriller.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tobias Moretti, Valery Tscheplanowa, Lisa Vicari, Max von der Groeben, Hans-Jochen Wagner, Samir Fuchs, Daniel Krauss, Alexander Wipprecht

Wiederholungen

Mittwoch, 15. Dezember, ARD, 20.15 Uhr

Donnerstag, 16. Dezember, ARD, 01.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das Haus“

Moviepilot über „Das Haus“

Wikipedia über „Das Haus“

Meine Besprechung von Rick Ostermanns „Wolfskinder“ (Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Rick Ostermanns „Das Haus“ (Deutschland 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Rachethriller „Plan A – Was würdest du tun?“

Dezember 9, 2021

Der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Aber für Max ist eine Rückkehr in sein altes Leben nicht möglich. Er war im Konzentrationslager Auschwitz. Seine Familie ist verschollen. Auf seinem Hof wohnt jetzt ein Deutscher, der ihn mit einem Gewehr bedroht. Orientierungslos läuft er durch den Wald und trifft auf die jüdische Brigade der britischen Armee. Als er erfährt, dass sie gezielt Deutsche töten, die wichtige Positionen in der Hierarchie des Nationalsozialismus hatten oder das System aktiv unterstüzten, schließt er sich ihnen an. Kurz darauf treffen sie auf die Nakam. Diese sind eine ebenfalls jüdische Rächertruppe. Aber sie ist skrupelloser. Für sie war jeder Deutsche an der Vernichtung der Juden beteiligt. Deshalb ist er schuldig und kann getötet werden.

Nach dem alttestamentarischem Auge-um-Auge-Prinzip wollen sie jetzt die gesamte Bevölkerung von Nürnberg, Köln, München, Berlin und Hamburg vergiften. Max schließt sich ihnen an. Gemeinsam gehen sie nach Nürnberg.

Was jetzt wie eine billige Kolportage und Rachefantasie nach zu vielen Quentin-Tarantino-Filmen (der in seinen letzten Filmen ja skrupellos die Geschichte umschreibt) klingt, ist eine wahre Geschichte, die bis vor kurzem kaum bekannt war. Die Mitglieder der Nürnberger Gruppe um Abba Kovner, einem damals 27-jährigem Dichter und Widerstandskämpfer, schwiegen bis vor kurzem. Für das Archiv der Gedenkstätte Yad Vashem erzählten sie ihre Geschichte und Dina Porat, die Chef-Historikerin der Gedenkstätte, veröffentlichte 2019 das Buch „ „Die Rache ist Mein allein“ – Vergeltung für die Schoa: Abba Kovners Organisation Nakam“ darüber. Sie war auch als Beraterin für „Plan A – Was würdest du tun?“ tätig.

Die Brüder Doron und Yoav Paz („Phobidilia“, „JeruZalem“, „The Golem“) verfilmten diese Rachegeschichte als moralische Fragen stellendes Drama. Während die Terroristen sich langsam ihrem Ziel nähern, erzählen sie sich von ihren Erlebnissen im Krieg, warum sie sich an dem Anschlag beteiligen wollen und ob eine solche Tat gerechtfertigt ist. Doron und Yoav Paz bietet dabei alle gängigen Argumente für und gegen die Tat an. Das geschieht manchmal etwas didaktisch und monologlastig.

Eine richtige pulstreibende Thrillerspannung will nicht aufkommen und ist von den Paz-Brüdern auch nicht gewollt. Es fehlt einfach der ‚Wettlauf gegen die Zeit‘ und ein Gegner, der ihren Plan gefährden könnte. Stattdessen verfolgen wir auf welche Schwierigkeiten, die im Untergrund operierende Nakam-Gruppe bei der Ausführung ihres Planes stößt. So muss sie, ohne entdeckt zu werden, in die Kanalisation gelangen, in ihr den richtigen Ort für ihre Tat finden und das Gift besorgen.

Somit ist „Plan A“ primär ein filmisch konventionell erzählter, durchaus zum Nachdenken anregender Diskurs über die verschiedenen Formen von Rache und Vergeltung, im Gewand einer Thriller-Geschichte.

Plan A – Was würdest du tun? (Deutschland/Israel/USA 2021)

Regie: Yoav Paz, Doron Paz

Drehbuch: Yoav Paz, Doron Paz

mit August Diehl, Sylvia Hoeks, Michael Aloni, Ishai Golan, Oz Zehavi, Yoel Rozenker, Nikolai Kinski, Milton Welsh, Michael Brandner, Kai Ivo Baulitz

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Plan A“

Moviepilot über „Plan A“

Rotten Tomatoes über „Plan A“

Wikipedia über „Plan A“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Steven Spielbergs „West Side Story“

Dezember 9, 2021

Sechzig Jahre nach der Premiere des von Robert Wises und Jerome Robbins‘ inszeniertem Musical-Klassiker „West Side Story“ kann es selbstverständlich eine neue Filminterpretation des Stückes geben. Wise und Robbins verfilmten ein damals unglaublich erfolgreiches, heute immer noch sehr beliebtes Broadway-Musical. Und warum soll es von solchen Theaterstücken nicht neue Versionen geben? Schließlich gibt es unzählige Shakespeare-Verfilmungen. Opern werden jedes Jahr auf zahlreichen Bühnen neu aufgeführt oder auch, viel seltener, verfilmt. Mal näher am Ursprungstext, mal freier.

Die „West Side Story“ von Arthur Laurents (Buch), Jerome Robbins (Choreographie), Leonard Bernstein (Musik) und Stephen Sondheim (Texte, wenige Tage vor dem Filmstart, am 26. November 2021, verstorben) gehört inzwischen zu den kanonischen und allgemein bekannten Texten, der genau deswegen neu inszeniert und interpretiert werden kann.

Steven Spielbergs entschied sich in seiner Verfilmung der „West Side Story“ für die möglichst originalgetreue Variante. Hier und da gibt es einige kleine Änderungen, einige minimale Erneuerungen und Akzentverschiebungen. Aber letztendlich wirkt seine Bearbeitung wie die Frage, ob einem jetzt die Mozart-Interpretation von Herbert von Karajan oder von Daniel Barenboim besser gefällt. Während der Experte begeistert minimale Unterschiede erklärt, fragt sich der Nicht-Experte gelangweilt, wo denn jetzt genau die wirklich wichtigen Unterschiede sind. Und wenn ihm schon in der einen Fassung das Stück nicht gefiel, wird die minimal andere Fassung ihn nicht zu einer Revision seiner Meinung bewegen.

Immer noch verlieben sich Tony (Ansel Elgort) und Maria (Cindy Tolan) ineinander. Sie ist die kleine Schwester von Bernardo, dem Anführer der Sharks, einer puerto-ricanischen Jugendgang. Tony gehört zu den aus Nachkommen europäischer Einwanderer bestehenden Jets. Nach einer Haftstrafe versucht er jetzt ein von Gewalt und Kleinkriminalität freies Leben zu führen. Deshalb ruht seine Mitgliedschaft.

Die beiden proletarischen Jugendbanden sind miteinander verfeindet. Sie kämpfen um die Vorherrschaft im Viertel. Sie gehören zur gleichen ökonomischen Klasse. Aber anstatt gemeinsam für eine Verbesserung ihrer Lage zu kämpfen, bekämpfen sie sich gegenseitig. Vor allem die weiße Jugendbande ist, wie ein Polizist ihnen sagt, der Abschaum, der den Aufstieg aus dem Viertel nicht geschafft hat. Insgesamt zeichnet Spielberg die Jets eindeutig negativer als Wise/Robbins. Sie sind Angst und Schrecken verbreitende Kleingangster.

Die Inspiration für die „West Side Story“ war „Romeo und Julia“. Die Liebesgeschichte wurde in die damalige Gegenwart, nämlich den Sommer 1957 in der Upper West Side und den anliegenden Kiezen Lincoln Square und San Juan Hill verlegt. Es wurden aktuelle Probleme angesprochen. Das waren (und sind) die Konflikte zwischen ethnischen Gruppen, Einheimischen und Zuwanderern, sich zu Jugendgangs zusammenschließende Jugendliche und das US-amerikanische Aufstiegsversprechen. Das alles spielt sich vor einem massiven Umbau des Viertels und einer damit verbundenen Gentrifizierung ab. Denn die Straßen, um die Jets und Sharks kämpfen, waren damals Teil einer umfassenden Stadterneuerung in New York. Deshalb bewegen sich beide Gruppen durch riesige, äußerst fotogene Ruinenfelder.

Dieses Verarbeiten aktueller Themen in einem Musical war damals noch neu. Die „West Side Story“ spielt nicht in einer Fantasielandschaft. Die Macher versuchten nicht, die Wirklichkeit möglichst umfassend aus dem Film zu tilgen, sondern sie brachten möglichst viel Realität in das Musical. In seinem Remake akzentuiert Spielberg, nach einem Drehbuch von Tony Kushner („Angels in America“, „München“, „Lincoln“), diese Konflikte schärfer.

Ansonsten verändert er einige Schauplätze, Choreographien und lässt den Drogisten Doc jetzt von einer Frau spielen. Rita Moreno übernahm diese wichtige Rolle. In der Originalversion spielte sie Anita.

Insgesamt ist Spielbergs „West Side Story“ eine äußerst werkgetreue und gelungene Neuinterpretation; – jedenfalls für Musical-Fans, die sich auf die epische Laufzeit von 157 Minuten freuen. Das Original ist mit 151 Minuten etwas kürzer.

West Side Story (West Side Story, USA 2021)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Tony Kushner

LV: Arthur Laurents, Leonard Bernstein, Stephen Sondheim, Jerome Robbin: West Side Story, 1957

mit Rachel Zegler, Ansel Elgort, Ariana DeBose, David Alvarez, Mike Faist, Brian d’Arcy James, Iris Menas, Corey Stoll, Josh Andrés Rivera, Rita Moreno

Länge: 157 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „West Side Story“

Metacritic über „West Side Story“

Rotten Tomatoes über „West Side Story“

Wikipedia über „West Side Story“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (The Post, USA 2017)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Ready Player One“ (Ready Player One, USA 2018)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 9. Dezember: Der Schrei

Dezember 8, 2021

RBB, 23.45

Der Schrei (Il grido, Italien/USA 1957)

Regie: Michelangelo Antonioni

Drehbuch: Michelangelo Antonioni, Elio Bartolini, Ennio De Concini

Nachdem seine Geliebte ihn verlässt, beginnt Aldo sich durch die Po-Ebene treiben zu lassen.

Mit diesem Drama fand Antonioni endgültig seinen Stil. Danach drehte er „Die mit der Liebe spielen“ (L’avventura), „Die Nacht“, „Liebe 1962“, „Die rote Wüste“, „Blow up“, „Zabriskie Point“ und „Beruf: Reporter“.

Mit Steve Cochran, Alida Valli, Betsy Blair, Gabriella Palotta, Dorian Gray

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Schrei“

Wikipedia über „Der Schrei“ (deutsch, englisch)


Hari Kunzru nimmt am Wannsee die „Red Pill“

Dezember 8, 2021

Der wenig verdienende US-Schriftsteller kann sein Glück kaum fassen. Das Deuter-Zentrum gewährt ihm ein dreimonatiges Stipendium. Er hat zwar von dieser Stiftung noch nichts gehört, aber die Bedingungen sind gut: es gibt Geld, er hat Zeit für seine Arbeit und er hat einen Arbeitsplatz in deren Villa in Berlin am Wannsee. Die notwendigen Arrangements mit seiner Frau Rei sind schnell erledigt. Sie arbeitet als Anwältin in einer Organisation für Einwanderung und bürgerliche Freiheiten und sie verdient in der Familie das meiste Geld. Gemeinsam hat das in Brooklyn lebende Paar eine dreijährige Tochter. Mit dem Geld, das er als Stipendiat erhält, kann auch in New York ein Babysitter, der seine Aufgaben übernimmt, bezahlt werden. Das Thema für seine Arbeit ist auch schnell gefunden. Es geht um die Konstruktion des Ich in der Lyrik.

Als er am Wannsee eintrifft, ist er von der großen Residenz des Deuter-Zentrums beeindruckt. Aber für ihn gibt es bei den vom Zentrum vorgeschriebenen Arbeitsbedingungen einige Probleme. Er ist daran gewohnt, allein in seinem stillen Kämmerlein zu arbeiten. Hier muss er in einem großen Raum zusammen mit den anderen Stipendiaten arbeiten. Wir können uns das wie die Arbeit in einer Universtitätsbibliothek vorstellen. Und er soll am Gesellschaftsprogramm, also den gemeinsamen Mahlzeiten und Gesprächen, teilnehmen. Auch das gefällt ihm nicht. Er zieht sich in sein Schlafzimmer zurück, sieht die brutale TV-Polizeiserie „Blue Lives“, verfällt ihr immer mehr, entdeckt ungeahnte Metaebenen in ihr und lernt, auf der Berlinale, den Erfinder der Serie, Gary ‚Anton‘ Bridgeman, kennen. Er verfällt dem Charme dieses geheimnisvollen Mannes.

Und was dann zu einer Zauberlehrlingsgeschichte oder einer Erkundung rechter, faschistoider Umtriebe werden könnte, zersplittert in vier weitgehend unabhängige Kapitel, die letztendlich die Geschichte eines Nervenzusammenbruchs erzählen. Das individualisiert und trivialisiert die real existierende Bedrohung von Rechts zum Wahngebilde eines psychisch kranken Mannes.

Diese Entwicklung, die ja durchaus eine spannende Lektüre ergeben könnte, erfolgt immer wieder in großen Sprüngen. Im ersten Kapitel ist der Literat fast nur im Deuter-Zentrum. Das zweite Kapitel besteht aus Monikas Geschichte. Sie ist Zimmermädchen im Deuter-Zentrum und schon etwas älter. Sie erzählt von ihrer Vergangenheit als Punk-Musikerin in der DDR und wie sie von der Stasi beobachtet wurden. Mit der restlichen Geschichte hat dieser Rückblick in die DDR nichts zu tun. Im dritten Kapitel lernt der Schriftsteller Gary Bridgeman kennen und verfolgt ihn, weil er ihn ihm den Heiland sieht, durch halb Europa. Im abschließenden vierten Kapitel ist er wieder zurück im Kreis seiner Familie und es wird erklärt, wie er von Europa wieder zurück nach Brooklyn gekommen ist.

Das hat durchaus seine morbiden und faszinierenden Momente, aber insgesamt ist „Red Pill“ ein enttäuschendes Werk.

P. S.: Natürlich ist der Titel „Red Pill“ eine Anspielungen auf den Film „Matrix“. Aber so eine offensichtiche Anspielung muss ja nicht mehr erklärt werden.

Hari Kunzru: Red Pill

(übersetzt von Werner Löcher-Lawrence)

Liebeskind, 2021

352 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Red Pill

Alfred A. Knopf, New York, 2020

Simon & Schuster, London, 2020

Hinweise

Homepage von Hari Kunzru

Wikipedia über Hari Kunzru (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Red Pill“

Bookmarks über „Red Pill“


„Filmstars: Die 30 größten Ikonen der Kinogeschichte“ kommen vor allem aus Hollywood

Dezember 8, 2021

Im Vorwort schreibt Cinema-Chefredakteur Philipp Schulze, dass Filmfans einige Namen, wie Tom Hanks, vermissen werden und er kündigt, durch die Blume, schon einen zweiten Band an. Konzentrieren wir uns also nicht darauf, wer fehlt, sondern wer in „Filmstars: Die 30 größten Ikonen der Kinogeschichte“ vorgestellt wird.

Es sind die Hollywood-Stars James Dean, Elizabeth Taylor, James Stewart, Charlie Chaplin, Grace Kelly, Marlon Brando, Clark Gable, Jack Nicholson, Steve McQueen, Humphrey Bogart, Audrey Hepburn, Burt Lancaster, Cary Grant, Clint Eastwood, Robert Redford, Marilyn Monroe, Paul Newman, Katharine Hepburn, Kirk Douglas, Rock Hudson, Sidney Poitier, Orson Welles, Ava Gardner, Richard Burton (aus Wales nach Hollywood), Ingrid Bergman und Marlene Dietrich (beide aus Europa kommend in Hollywood erfolgreich) und Sean Connery, der als erster James-Bond-Darsteller eine Sonderstellung hat. Nur Romy Schneider, Brigitte Bardot und Catherine Deneuve sind rein europäische Filmstars, die um Hollywood immer einen großen Bogen gemacht haben.

Letztendlich werden hier vor allem altbekannte Hollywood-Stars porträtiert. Sie sind oft verstorben, teils seit längerem nicht mehr oder kaum noch tätig. Aber sie sind alle bei einem breiten Publikum immer noch bekannt und beliebt. Vorgestellt werden sie in kurzen, kundigen Texten. Dazu gibt es eine gelunge Auswahl an Fotos und schöne Zitate der Stars.

Wie die vorherigen, vom Filmmagazin Cinema im Panini Verlag herausgegebenen Bücher „Making of: Hinter den Kulissen der größten Filmklassker aller Zeiten“ und „Regisseure: Die 25 besten und einflussreichtsten Filmemacher aller Zeiten“ richtet sich der Band vor allem an Mainstream-orientierte Filmzuschauer, die etwas mehr wissen wollen.

Als Weihnachtsgeschenk ist der Band sehr geeignet.

Cinema (Hrsg.): Filmstars: Die 30 größten Ikonen der Kinogeschichte

Panini, 2021

224 Seiten

30 Euro

Hinweise

Homepage von Cinema

Meine Besprechung von Cinema (Hrsg) „Making of – Hinter den Kulissen der größten Filmklassiker aller Zeiten“ (2019)


TV-Tipp für den 8. Dezember: Das Wunder im Meer von Sargasso

Dezember 7, 2021

Arte, 22.45

Das Wunder im Meer von Sargasso (To Thávma tis Thálassas ton Sargassón, Griechenland/Deutschland/Niederlande/Schweden 2019)

Regie: Syllas Tzoumerkas

Drehbuch: Youla Boudali, Syllas Tzoumerkas

Eine Polizistin muss auf einer griechischen Insel den Mord an einem gewalttätigem Schlagersänger, der auch als Drogenhändler Geld verdiente, aufklären.

TV-Premiere. Intensiv gespielter Arthaus-Noir, der vor allem als Charakterstudie und Feelbad-Movie überzeugt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Angeliki Papoulia, Youla Boudali, Christos Passalis, Argyris Xafis, Thanasis Dovris, Laertis Malkotsis, Maria Filini

Hinweise

Filmportal über „Das Wunder im Meer von Sargasso“

Moviepilot über „Das Wunder im Meer von Sargasso“

Rotten Tomatoes über „Das Wunder im Meer von Sargasso“

Wikipedia über „Das Wunder im Meer von Sargasso“

Berlinale über „Das Wunder im Meer von Sargasso“

Meine Besprechung von Syllas Tzoumerkas‘ „Das Wunder im Meer von Sargasso“ (To Thávma tis Thálassas ton Sargassón, Griechenland/Deutschland/Niederlande/Schweden 2019)


Cover der Woche

Dezember 7, 2021


TV-Tipp für den 7. Dezember: Die Dolmetscherin

Dezember 6, 2021

Nitro, 22.30

Die Dolmetscherin (The Interpreter, Großbritannien/Frankreich/USA 2005)

Regie: Sydney Pollack

Drehbuch: Charles Randolph, Scott Frank, Steven Zaillian (nach einer Geschichte von Martin Stellman und Brian Ward)

UN-Dolmetscherin Silvia Broome behauptet, dass sie ein Gespräch belauschte, in dem im Landesdialekt über ein Mordkomplott gegen den verhassten Diktator ihres Heimatlandes gesprochen wurde. Er soll in New York ermordet werden. Agent Tobin Keller soll die wichtige Zeugin beschützen. Gleichzeitig fragt er sich, ob die schöne Frau mit rätselhafter Vergangenheit, die Wahrheit sagt.

Der spannende Polit-Thriller ist der letzte Spielfilm von Sydney Pollack. Davor inszenierte er unter anderem “Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß” (They shoot horses, don’t they?), “Jeremiah Johnson”, “Yakuza” (The Yakuza), “Die drei Tage des Condors” (Three days of the Condor), “Tootsie”, “Jenseits von Afrika” (Out of Africa) und “Die Firma” (The Firm).

mit Nicole Kidman, Sean Penn, Catherine Keener, Jesper Christensen, Yvan Attal

Hinweise

Moviepilot über „Die Dolmetscherin“

Metacritic über „Die Dolmetscherin“

Rotten Tomatoes über „Die Dolmetscherin“

Wikipedia über „Die Dolmetscherin“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alan Elliottt/Sydney Pollacks „Aretha Franklin: Amazing Grace“ (Amazing Grace, USA 2018)

Mein Nachruf auf Sydney Pollack


TV-Tipp für den 6. Dezember: Misfits – Nicht gesellschaftsfähig/Die Toten

Dezember 5, 2021

Heute zeigt Arte zwei Klassiker von John Huston

Arte, 20.15

Misfits – Nicht gesellschaftsfähig (The Misfits, USA 1961)

Regie: John Huston

Drehbuch: Arthur Miller

Eine frisch geschiedene Frau schließt sich drei Cowboys an. Gemeinsam gehen sie auf Mustangjagd.

Ein Klassiker. Nicht nur, weil „Misfits“ der letzte Film von Marilyn Monroe und Clark Gable ist, sondern auch weil Arthur Miller in seinem ersten Spielfilmdrehbuch  eine schonungslose Bestandsaufnahme des nicht mehr existierenden amerikanischen Traums vom Freien Leben im Wilden Westen liefert. Denn Millers zeitgenössischen Cowboys sind von der Gesellschaft verachtete Außenseiter. Unter der Regie von John Huston spielen die Schauspieler ausgezeichnet und die Jagdszenen sind superb fotografiert.

„Nach einer langen Dürreperiode, was wirklich amerikanische Filme betrifft, gibt es jetzt Grund zur Freude, denn The Misfits ist so durch und durch amerikanisch, dass niemand außer einem Amerikaner ihn gemacht haben könnte.“ (Paul V. Beckley, New York Herald Tribune)

Mit Marilyn Monroe, Clark Gable, Montgomery Clift, Eli Wallach, Thelma Ritter

Wiederholung: Mittwoch, 8. Dezember, 14.15 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“

Wikipedia über „Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“ (deutsch, englisch)

Arte, 22.15

Die Toten (The Dead, USA/Großbritannien/Deutschland 1987)

Regie: John Huston

Drehbuch: Tony Huston

LV: James Joyce: The Dead (Erzählung, aus „The Dubliners“, 1914)

Dublin, 1904: die ältlichen, unverheirateten Schwestern Morkan haben Freunde und Verwandte zu einer Abendgesellschaft eingeladen. Als ein altes gälisches Lied ertönt, erinnert die verheiratete Gretta Conroy sich an ein Ereignis aus ihrem Leben.

John Hustons extrem selten gezeigter letzter Spielfilm. Eine Woche vor der Premiere in Venedig starb der legendäre Regisseur.

es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man Hustons Verfilmung schlicht und einfach kongenial nennt. Er hat genau den Ton dieser schönen und tiefsinnigen Geschichte getroffen – ein Dokument großer Menschenkenntnis und Menschenliebe.“ (Fischer Film Almanach 1988)

In dem „Trailers from Hell“-Clip erzählt Dan Ireland von seinem Anteil am Film (sehr klein) und den Dreharbeiten.

mit Anjelica Huston, Donal McCann, Helena Carroll, Cathleen Delany, Ingrid Craige, Rachel Dowling, Colm Meaney

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Toten“

Wikipedia über „Die Toten“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Benedetta“ – Paul Verhoeven erzählt die Geschichte einer lesbischen Nonne

Dezember 5, 2021

Nachdem die letzten Werke einiger seit Ewigkeiten hochgeachteter Regisseure, wie Ridley Scott, Clint Eastwood und Woody Allen, enttäuschten, ist Paul Verhoevens neuer Film das komplette Gegenteil. „Benedetta“ ist eine in einem Kloster spielende Geschichte, in der es um Glaube, Macht und Sex geht. Im Mittelpunkt steht die titelgebende Benedetta Carlini (Virginie Efira), die im siebzehnten Jahrhundert als Nonne in einem Theatiner-Kloster in Pescia lebt. Sie ist tiefgläubig. Schon als Kind überzeugte sie mit Gottes Hilfe auf dem Weg zum Kloster eine Bande Strauchdiebe, sie und ihre Eltern mit all ihren Besitztümern unverletzt gehen zu lassen. Inzwischen lebt sie schon achtzehn Jahre im Kloster. Ihr Glaube ist immer noch stark. In der Hierarchie des Klosters könnte sie bis zur Äbtissin aufsteigen. Auf ihrem Körper tauchen immer wieder die Wundmale Jesus auf. Sie hat auch Visionen, in denen Jesus auftaucht.

Außerdem hat sie heimlich mit der Nonnenschülerin Bartolomea (Daphné Patakia), um die sich sich kümmern soll, Geschlechtsverkehr. Den zeigt Paul Verhoeven auch ausführlich, ohne dass sein Film in einen Porno im Kloster abdriftet. Zentral sind für ihn Fragen des Glaubens und der Macht; im Kloster, in der Kirche und außerhalb der Kirche. So ist immer unklar, wie sehr Benedetta von ihren Visionen selbst überzeugt ist oder sie nur benutzt, um im Kloster aufzusteigen. Die Wundmale fügt sie sich jedenfalls manchmal (?) selbst bei. Als die Pest im Land wütet, ergreift sie, mit der Hilfe einer Jesus-Vision, die geeigneten Maßnahmen, um die Bewohner der Stadt zu schützen. Sie lässt die Stadttore schließen. Auch dem Nuntius des Papstes, der herausfinden soll, was in dem Kloster geschieht, wird zunächst der Zutritt verwehrt.

Und es geht immer um die Struktur dieser Gesellschaft, Macht, Einfluss und Geld. Schon beim Gespräch über die Aufnahme von Benedetta ins Kloster zeigt Verhoeven, dass ein Kloster ein Wirtschaftsbetrieb ist, der sich rentieren muss. Für Benedettas Ausbildung zur Nonne muss ihr Vater daher viel Geld bezahlen. Später geht es auch immer wieder um Geld und Macht. Altruistisch handelt in dieser Welt niemand.

Verhoeven hält dabei in seinem präzise komponiertem Drama immer die Balance zwischen den verschiedenen Erklärungen. Deshalb habe ich vorher so oft „auch“ geschrieben. Als Zuschauer steht man ständig vor der Frage, wie sehr Benedetta wirklich eine überzeugte Gläubige oder eine eiskalte Manipulatorin und Karrieristin ist, die das Kloster nach iihren Vorstellungen formt. Auch die anderen Figuren sind in ihren Handlungen ännlich ambivalent angelegt.

Daher stört der Text am Filmende, in dem wir erfahren, was nach den im Film geschilderten Ereignissen mit Bendetta geschieht. Dieser Text präferiert eindeutig eine Erklärung für ihr Verhalten. Er vermittelt eine Gewissheit, die in den vorherigen zwei Stunden vermieden wurde.

Die Filmgeschichte beruht auf den umfangreichen Dokumenten des Prozesses gegen Benetta Carlini (1590 – 1661). Judith C. Brown entdeckte sie in einem Archiv in Florenz und verarbeitete sie zu ihrem Sachbuch „Schändliche Leidenschaften: Das Leben einer lesbischen Nonnein in Italien zur Zeit der Renaissance“.

Verhoevens vorherigen Film „Elle“ nannte ich „Meisterwerk“. Das kann ich jetzt bei „Benedetta“ nicht nochmal schreiben. Was soll besser als ein Meisterwerk sein? Also muss ich wohl sagen: „Benedetta“ ist nicht schlechter als „Elle“. Und wieder steht, wie öfter bei Paul Verhoeven, eine Frau im Mittelpunkt, die nicht nach den Regeln spielt.

Benedetta (Benedetta, Frankreich 2021)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: David Birke, Paul Verhoeven

LV: Judith C. Brown: Immodest Acts: The Life of a Lesbian Nun in Renaissance Italy, 1986 (Schändliche Leidenschaften: Das Leben einer lesbischen Nonne in in Italien zur Zeit der Renaissance)

mit Virginie Efira, Charlotte Rampling, Daphné Patikia, Lambert Wilson, Olivier Rabourdin, Louise Chevillotte, Hervé Pierre, Clotilde Courau, David Clavel, Guilaine Londez

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „Benedetta“

Moviepilot über „Benedetta“

Metacritic über „Benedetta“

Rotten Tomatoes über „Benedetta“

Wikipedia über „Benedetta“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens „Flesh + Blood“ (Flesh + Blood, USA 1985)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens Philippe-Djian-Verfilmung „Elle“ (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016) und der DVD


TV-Tipp für den 5. Dezember: John Huston – Filmkünstler und Freigeist

Dezember 5, 2021

Arte, 22.10

John Huston – Filmkünstler und Freigeist (Frankreich 2021)

Regie: Marie Brunet-Debaines

Knapp einstündige Doku über John Huston (1906 – 1987). Sie wird als Teil einer sehr kleinen John-Huston-Filmreihe gezeigt. Um 20.15 Uhr zeigt Arte seinen Western „Denen man nicht vergibt“. Morgen, am 6. Dezember, gibt es um 20.15 Uhr „Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“ (mit Marilyn Monroe) und um 22.15 Uhr seinen letzten Film, die selten gezeigte James-Joyce-Verfilmung „Die Toten“. Und das war’s dann auch schon mit der Filmreihe.

Hinweise

Arte über die Doku (bis 3. März 2022 in der Mediathek)

Wikipedia über John Huston (deutsch, englisch)