TV-Tipp für den 14. Juni: Vera Cruz

Juni 13, 2020

Tele 5, 22.30

Vera Cruz (Vera Cruz, USA 1954)

Regie: Robert Aldrich

Drehbuch: Roland Kibee, James R. Webb (nach einer Story von Borden Chase)

1866 machen die beiden Glücksritter Trane und Erin Mexiko unsicher. Denn sie sind nicht politischen Ideologien, sondern grünen Scheinen treu.

Damals ein gewaltiger Erfolg an der Kasse, später eines der Vorbilder für den Spaghetti-Western und heute immer noch höchst unterhaltsam anzusehen, wie zwei Jungs mit einigen lässigen Sprüchen und Schüssen die mexikanische Revolution zur Operette degradieren.

Mit Gary Cooper, Burt Lancaster, Denise Darcel, Cesar Romero, Ernest Borgnine, Charles Bronson (noch als Charles Buchinsky), Jack Elam

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Vera Cruz“

Wikipedia über „Vera Cruz“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Robert Aldrichs „Ein Zug für zwei Halunken (Emperor of the North Pole/Emperor of the North, USA 1973)


TV-Tipp für den 13. Juni: Slow West

Juni 12, 2020

3sat, 23.50

Slow West (Slow West, England/Neuseeland 2015)

Regie: John Maclean

Drehbuch: John Maclean

Wilder Westen, 1870: der sechzehnjährige Schotte Jay Cavendish sucht seine aus Schottland geflüchtete große Liebe Rose Ross und eigentlich ist das Greenhorn zwischen Kopfgeldjägern, Indianern und allen anderen Wild-West-Gefahren zum Sterben verdammt. Wenn ihm nicht Silas Selleck, ein Revolverheld mit unklaren Absichten, helfen würde.

Schöner kleiner Western mit angenehm kurzer Laufzeit. Die Western Writers of America zeichneten den Film mit dem Spur Award als besten Western des Jahres aus.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Kodi Smit-McPhee, Michael Fassbender, Ben Mendelsohn, Caren Pistorius, Rory McCann, Andrew Robertt, Edwin Wright, Kalani Queypo

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Slow West“
Metacritic über „Slow West“
Rotten Tomatoes über „Slow West“
Wikipedia über „Slow West“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Macleans „Slow West“ (Slow West, England/Neuseeland 2015)


Öffnet Basma Abdel Aziz „Das Tor“?

Juni 12, 2020

Die erste große Dystopie einer arabischen Autorin“ und einige weitere Zitate, die das Buch zu einem Meister-Meisterwerk erheben, stehen auf dem Buchumschlag. Es wird mit George Orwells „1984“ und Franz Kafkas „Der Prozess“ verglichen und gerade der Kafka-Vergleich fällt einem sofort ein, wenn man die Prämisse kennt.

Nach der Niederschlagung einer Revolte steht in der Stadt ein Tor. Dort müssen sich alle Bittsteller anstellen, um ihr Anliegen gegenüber der anonymen Bürokratie und dem ebenso anonymen Staat vortragen zu können. Jeden Tag soll eine bestimmte Menge an Anträgen bewilligt werden. Täglich wird die Schlange der Bittstellenden länger.

Das Tor ist natürlich das Sinnbild für sinnfreie Bürokratie und staatliche Willkür. In Büchern und Filmen wurde es in den vergangenen Jahrzehnten so oft benutzt, dass inzwischen jeder weiß, was ‚kafkaesk‘ ist ohne auch nur eine Zeile von Franz Kafka gelesen zu haben.

Um diese Idee herum webt die Ägypterin Basma Abdel Aziz so etwas wie eine rudimentäre Geschichte mit immer wieder auftauchenden Figuren. Im Mittelpunkt steht Yahya Gad al-Rabb Said, der eine Kugel in seinem Körper hat, die unbedingt entfernt werden muss. Der Arzt, der sie entfernen wollte, hat kurz vor der Operation erfahren, dass solche Operationen nur noch gemacht werden dürfen, wenn es eine amtliche Genehmigung, ausgestellt vom Tor, gibt.

Während Yahya in der Schlange wartet, erzählt Basma Abdel Aziz vom Leben in der Schlange und entwirft ein Bild einer Diktatur, die täglich die Wahrheit manipuliert. Das erinnert dann, neben dem Alltag in Ägypten, an George Orwells „1984“, wo Ozeanien im Krieg gegen Eurasien und Ostasien ist und der Große Bruder die Bevölkerung unterdrückt, überwacht und die Wahrheit gnadenlos manipuliert.

In „Das Tor“ ist die anonym bleibende Regierung aus unklar bleibenden Motiven (abgesehen vom Machterhalt) im Kampf gegen die eigene Bevölkerung. Sie überwacht sie ebenfalls vollständig. Die von ihr herausgegebene Zeitung „Die Wahrheit“ verkündet alles außer der Wahrheit. Und die Beschlüsse der Regierung folgen keiner stringenten Logik.

Allerdings erzählt Orwell eine rudimentäre Geschichte, anhand der er seine Dystopie, die Gesellschaft, ihre Strukturen und ihren Unterdrückungsapparat erfahrbar machte. Seine Hauptfiguren bleiben im Gedächtnis. Dagegen bleiben die von Abdel Aziz erfundenen Figuren blass. Während des Lesens interessiert man sich für keine Figur, ihre Leiden und Wünsche. Entsprechend schnell vergisst man sie nach der Lektüre.

Letztendlich beschränkt Abdel Aziz sich in ihrem im Original 2013, unmittelbar nach der Niederschlagung des Arabischen Frühlings, erschienenem Romandebüt auf eine durchaus vielversprechende Prämisse und das, geschrieben in einer dürren Beamtenprosa, wenig packende Beschreiben einer Situation des Stillstands und der Unwissenheit. Für eine Kurzgeschichte mag das ausreichen, für einen fast dreihundertseitigen Roman ist das dann doch etwas wenig.

Basma Abdel Aziz: Das Tor

(übersetzt von Larissa Bender)

Heyne, 2020

288 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

aṭ-Ṭābūr

Originalverlag: Dar Altanweer, 2013

Hinweise

Perlentaucher über „Das Tor“

Wikipedia über Basma Abdel Aziz


TV-Tipp für den 12. Juni: Das Leben meiner Tochter

Juni 11, 2020

Arte, 20.15

Das Leben meiner Tochter (Deutschland 2019)

Regie: Steffen Weinert

Drehbuch: Steffen Weinert

Die achtjährige Jana hat einen tödlichen Herzfehler. Als nach langem Warten immer noch kein Spenderherz verfügbar ist und Janas Überlebenschancen beständig kleiner werden, bittet Janas Vater Micha illegale Organhändlern um Hilfe.

TV-Premiere. „Das Leben meiner Tochter“ ist ein ambitioniertes Fernsehspiel, das deutlich unter den Möglichkeiten des Themas bleibt.

Ähnlich urteilt das Lexikon des internationalen Films: „zielt (…) etwas zu offensichtlich auf das gesellschaftlich strittige Thema der Organspende und tendiert dadurch eher zum formelhaften Aufklärungsfilm.“

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Christoph Bach, Maggie Valentina Salomon, Alwara Höfels, Barbara Philipp, André M. Hennicke, Marc Zwinz, Erik Madsen, Birge Schade

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das Leben meiner Tochter“

Moviepilot über „Das Leben meiner Tochter“

Meine Besprechung von Steffen Weinerts „Das Leben meiner Tochter“ (Deutschland 2019)


„Die goldenen Spinnen – Ein Fall für Nero Wolfe“, ein Vergnügen für uns

Juni 11, 2020

Bevor ich zum Roman komme: Nero Wolfe ist der Held der Stunde. Er lebt in New York in einem Brownstone. Er verlässt sein Haus niemals beruflich. Private Anlässe, wie eine Orchideenschau oder ein Gourmetessen, sind rar. Er will seine Wohnung einfach nicht verlassen.

In dem Haus lebt er zusammen mit seinem Koch Fritz Brenner, Orchideengärtner Theodore Horstmann und, als wichtigste Person für die aufzuklärenden Kriminalfälle, Archie Goodwin, seinem Laufburschen, sich notorisch in gutaussehende Frauen verliebenden Privatdetektiv und Erzähler der Nero-Wolfe-Fälle. Denn Nero Wolfe ist ein genialer Privatdetektiv. Goodwin und einige andere Männer (jaja, Männer-WG, keine Frauen, keine Liebesgeschichten) sind für ihn Augen und Ohren in New York. Nero Wolfe kombiniert aus ihren Berichten und den Besuchen der verschiedenen in den Fall involvierten Menschen den Hergang und enttarnt am Ende der Geschichte, wenn er alle in den Fall involvierten Menschen und die Polizei in seinem Büro versammelt, zu unser allgemeinen Verblüffung den Täter (oder die Täterin).

Erfunden wurde Nero Wolfe von Rex Stout (1886 – 1975) als eine Verbindung von typischem amerikanischem Hardboiled-Detektiv und britischem Armchair-Detective. Schon Wolfes erster Fall war so erfolgreich, dass Stout zwischen 1934 („Fer-de-Lance“) und 1975 („A family affair“) über dreißig Romane und unzählige Novellen und Kurzgeschichten mit Nero Wolfe schrieb, die immer wieder neu aufgelegt wurden.

Wolfes Stay-at-home-Nachfolger sind brillante Ermittler wie Jeffery Deavers vom Kopf abwärts querschnittgelähmten Lincoln Rhyme und Andy Breckmans Adrian Monk, der ein wandelndes Lexikon von Phobien und Zwangsstörungen ist. Parallel zur TV-Serie schrieben Lee Goldberg und, später, Hy Conrad eigenständige Romane mit dem Ermittler. Die von Goldberg geschriebenen, teilweise übersetzten Monk-Krimis kann ich alle empfehlen. Zu denen von Conrad kann ich nichts sagen.

Ehe ich jetzt vollkommen abschweife, kommen wir zum Fall mit den goldenen Spinnen zurück, der äußerst harmlos, fast schon spaßig beginnt.

Der zwölfjährige Pete Drossos klingelt bei Nero Wolfe. Der Straßenjunge mit einer Abneigung gegenüber der Polizei sagt, er habe eine ein Auto fahrende Frau mit Spinnenohrringen gesehen, die ihn stumm anflehte, die Polizei zu rufen, weil sie von dem auf dem Beifahrersitz sitzendem Mann bedroht werde. Wolfe informiert die Polizei und lehnt weitere Ermittlungen in dem aussichtslosen Fall ab. Kurz darauf ist der Junge tot. Überfahren von einem Auto, das auch Matthew Birch, einen Spezialagenten des Einwanderungs- und Einbürgerungsdienstes, überfuhr. Und das ist noch nicht die letzte ermordete Person, die Nero Wolfe dazu bringt, den Mörder zu suchen. Denn aufgrund einer von ihm aufgegebenen Zeitungsanzeige meldete sich Laura Fromm bei ihm. Sie trägt ebenfalls Spinnenohrringe, fördert als Philanthropin den Verband für Flüchtlingshilfe, überreicht Wolfe einen großzügigen Scheck und will, bevor sie ausführlicher mit Wolfe über die Frau in dem Auto redet, noch einige Erkundigungen machen.

Bevor sie Wolfe das Ergebnis ihrer Erkundigungen verraten kann, ist sie tot und Nero Wolfe muss den Mörder suchen. Allein schon, um seinen Ruf zu retten.

Die goldenen Spinnen“, im Original erstmals vor fast siebzig Jahren erschienen, ist ein flott erzählter Rätselkrimi, in dem die beiden Ermittler Nero Wolfe und Archie Goodwin sich zunächst fragen, wie die verschiedenen Morde zusammenhängen könnten (sie tun es) und was das Motiv sein könnte. Wenn Wolfe dann zu unserer allgemeinen Verblüffung den Täter und sein Motiv präsentiert, fällt auf, wie fein der Fall konstruiert ist.

Für die aktuelle Ausgabe wurde der Roman neu übersetzt. Und, immerhin wurden für die Klett-Cotta-Ausgabe die bisher erschienenen Romane von verschiedenen Übersetzern übersetzt, fallen die äußerst zeitlos-elegante Sprache und der leicht humorvolle Erzählton von Rex Stout auf, die seine Romane zu einem wahren Lesevergnügen machen.

Rex Stout: Die goldenen Spinnen – Ein Fall für Nero Wolfe

(übersetzt von Werner Löcher-Lawrence)

Klett-Cotta, 2020

256 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The golden Spiders

Viking Press, New York 1953

Zahlreiche deutschsprachige Ausgaben in anderen Übersetzungen.

Hinweise

Krimi-Couch über Rex Stout

Kaliber 38 über Rex Stout

Wikipedia über Rex Stout (deutsch, englisch) und Nero Wolfe (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Rex Stout und Nero Wolfe

Meine Besprechung von Rex Stouts „Es klingelte an der Tür“ (The Doorbell rang, 1965)

Meine Besprechung von Rex Stouts „Der rote Stier – Ein Fall für Nero Wolfe“ (Some Buried Caesar, 1939)

Meine Besprechung von Rex Stouts „Zyankali vom Weihnachtsmann – Ein Fall für Nero Wolfe“ (The Christmas-Party Murder, 1957)


TV-Tipp für den 11. Juni: Nur 48 Stunden

Juni 10, 2020

ZDFneo, 23.15

Nur 48 Stunden (48 Hrs., USA 1982)

Regie: Walter Hill

Drehbuch: Roger Spottiswoode, Walter Hill, Larry Gross, Steven E. de Souza

Detective Jack Cates hat ’nur 48 Stunden‘ um den flüchtigen Schwerverbrecher Albert Ganz zu schnappen. Der Knacki Reggie Hammond soll ihm helfen.

Ein Klassiker. Hill verband das Buddy-Movie mit dem Actionfilm und landete einen Kassenhit. Nolte ist dabei der ewig schlecht gelaunte, Regeln brechende Cop und Murphy, in seinem ersten Filmauftritt, eine wahre Quasselstrippe.

„Hill erzählt diese im Grund sehr simple Geschichte ungeheuer direkt, kraftvoll und mit einer Wucht, dass die Gewalt beinahe physisch spürbar wird. Seine rasantes Schnittfolgen lassen keine Entspannung zu und treiben die Story und die gewitzten Dialoge mit Höchstdruck voran.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)

Danach, um 00.45 Uhr, zeigt ZDFneo die nicht so wahnsinnig überzeugende Fortsetzung „Und wieder nur 48 Stunden“

Mit Nick Nolte, Eddie Murphy, Annette O’Toole, Frank McRae, James Remar, David Patrick Kelly, Sonny Landham

Widerholung: Freitag, 12. Juni, 02.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Nur 48 Stunden“

Wikipedia über „Nur 48 Stunden“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Walter Hills “Straßen in Flammen” (Streets on Fire, USA 1984)

Meine Besprechung von Walter Hills “Shoutout – Keine Gnade” (Bullet to the Head, USA 2013)

Walter Hill in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 10. Juni: Das Leben ist ein Spiel

Juni 9, 2020

Arte, 20.15

Das Leben ist ein Spiel (Rien ne va plus, Frankreich/Schweiz 1997)

Regie: Claude Chabrol

Drehbuch: Claude Chabrol

Ein ungleiches Gaunerpärchen erleichtert reiche Herren. Als sie auf einen Geschäftsmann mit fünf Millionen Schweizer Franken im Reisegepäck stoßen, wird ihre Loyalität auf eine harte Probe gestellt. Denn das Geld gehört der Mafia.

Chabrols nach offizieller Zählung fünfzigster Film ist eine witzige Gaunerkomödie, die vor allem Dank dem Ganovenduo Huppert/Serrault Spaß macht.

Ein unfeierliches Jubiläum, so ganz in der Manier des Meisters. Der alte Zyniker stellt dem Publikum darin wie eh und je hinterlistige Fallen in einem Vexierspiel zwischen Schein und Sein. Ein frivoles Spiel sowohl mit Identitäten und Identifikationen als auch mit den Normen und Genres des Mediums Film.“ (Fischer Film Almanach 1999)

D. h.: „Sehenswert.“ (Lexikon des internationalen Films)

Mit Isabelle Huppert, Michel Serrault, François Cluzet, Jean-François Balmer

Hinweise

AlloCiné über „Das Leben ist ein Spiel“

Rotten Tomatoes über „Das Leben ist ein Spiel“

Wikipedia über „Das Leben ist ein Spiel“ (deutsch, englisch, französisch)


Cover der Woche

Juni 9, 2020

Gutes Buch. Gute Verfilmung. Regie führte ein gewisser Sam Raimi.


TV-Tipp für den 9. Juni: Polizeiruf 110: Nachtdienst

Juni 8, 2020

NDR, 22.00

Polizeiruf 110: Nachtdienst (Deutschland 2017)

Regie: Rainer Kaufmann

Drehbuch: Ariela Bogenberger, Astrid Ströher

Nachdem eine demente alte Dame Hauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) von Blut und einem toten Mann im Pflegeheim erzählt, beginnt von Meuffels sich im Pflegeheim Johannishof umzuhören. Nur: gab es überhaupt ein Verbrechen?

Gewohnt guter von-Meuffels-“Polizeiruf 110“. Dieses Mal mit einem Blick in den Alltag von Pflegeheimen und dem letzten Lebensabschnitt.

Ein beklemmend-melancholischer, zunehmend intensiver und verzweifelter werdender (Fernsehserien-)Krimi.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Matthias Brandt, Elisabeth Schwarz, Ernst Jacobi, Philipp Moog, Florian Karlheim, Marina Galic, Therese Hämer

Hinweise

ARD über „Polizeiruf 110“

Wikipedia über „Polizeiruf 110“ und „Nachtdienst“


„Wilsberg – Sag niemals Nein“, sondern ‚Weil es nicht geht‘

Juni 8, 2020

Nein“

(Erste Zeile in „Wilsberg – Sag niemals Nein“)

Ja! Es gibt einen neuen Wilsberg-Roman. Nachdem Jürgen Kehrer in den Neunzigern jedes Jahr einen neuen Wilsberg-Roman veröffentlichte, veröffentlichte er in den letzten Jahren nur noch ungefähr jedes Jahrzehnt einen Wilsberg-Roman, während die „Wilsberg“-Filme im TV, mit Leonard Lansink als Wilsberg, erfolgreich in einer Endlosschleife aus Wiederholungen und neuen Fällen laufen. Dabei hat der TV-Wilsberg sich immer weiter vom Roman-Wilsberg entfernt. In einem inzwischen schon älteren Interview betonte Kehrer, dass es zunehmend schwieriger sei, neben den populären TV-Filmen die Romane als eigenständige Werke zu platzieren.

Jetzt, fünf Jahre nach „Ein bisschen Mord muss sein“, hat er es wieder gewagt. Und, das kann schon jetzt verraten werden, das Warten hat sich gelohnt.

Dieses Mal sucht der etwas glücklose, dafür umso penetrantere in Münster lebende und arbeitende Privatdetektiv Georg Wilsberg nach dem verschwundenen Journalisten Paul Wilkens. Der recherchierte zuletzt eine große Story. Aber niemand hat eine Ahnung, um was es bei der Story gehen könnte.

Wilsberg arbeitet dieses Mal für und im Auftrag von Wilkens minderjähriger Tochter Emma, einem ebenso willensstarkem wie undiplomatischem Teenager. Denn als Emma ihn bat, ihren Vater bei einem Treffen im Wienburgpark heimlich zu beobachten lehnte er ab. Nach dem Treffen ist Wilkens spurlos verschwunden. Im Park findet man neben einer Blutlache sein Smartphone.

Der von Schuldgefühlen geplagte Wilsberg beginnt zu ermitteln. Seine erste Spur führt, durch einen von Emma in einer Jacke ihres Vaters gefundenen Zettel, zu Haus Olfenberge, Weil Wilkens normalerweise im rechtsextremen und Reichsbürger-Milieu recherchierte, vermutet Wilsberg einen solchen Hintergrund bei der verschwiegenen Stiftung und ihrem extrem gut gesichertem, im Wald liegendem Anwesen, das eine Bildungseinrichtung sein soll.

Noch ehe Wilsberg die Stiftung gründlich durchleuchten kann, erhält Emma einen Anruf von ihrem Vater aus Beirut. Wilsberg macht sich auf den Weg in die Millionenstadt. Zunächst ohne sein Wissen fliegt Emma, die ihren Vater abgöttisch verehrt, ebenfalls nach Beirut. Dort wird Wilkens vor ihren Augen erschossen.

Jürgen Kehrer erzählt „Sag niemals Nein“ (Wer denkt bei dem Titel nicht an „Sag niemals nie“?) auf knapp zweihundert Seiten in der gewohnten Wilsberg-Länge flott im leicht schnoddrigen Wilsberg-Sound. Diese Kürze, die sich an der Länge von Pulp-Krimis orientiert, garantiert ein hohes Erzähltempo und die Abwesenheit von länglichen Liebesgeschichten, ärgerlichen Gefühlsdusseleien und uninteressanten Nebengeschichten, die sich meistens um Familienproblemen drehen (Zum Glück lebt Wilsberg allein und hat keine Familie).

Dieses Mal stolpert Wilsberg mehr durch den Fall als dass er selbst aktiv und zielgerichtet ermittelt. Aber das höchst vergnüglich.

Sag niemals Nein“ ist kein das Genre verändernder Roman und auch kein Buch, das die Welt rettet. Dafür rettet es einen Nachmittag.

Da wünscht man sich, dass Jürgen Kehrer sich gleich an das Schreiben seines nächsten Wilsberg-Romans macht.

Nein“

(Letzte Zeile in „Wilsberg – Sag niemals Nein“)

Jürgen Kehrer: Wilsberg – Sag niemals Nein

Grafit, 2020

192 Seiten

12 Euro

Hinweise

Homepage von Jürgen Kehrer

Wikipedia über Jürgen Kehrer

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Fürchte dich nicht“ (2009)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsbergs Welt“ (2012)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsberg – Ein bisschen Mord muss sein“ (2015)

Jürgen Kehrer in der Kriminalakte

 


Die Krimibestenliste Juni 2020

Juni 8, 2020

Mit Altlasten beginnt dieses Mal die monatliche Krimibestenliste der Frankfurter Allgemeine und Deutschlandfunk Kultur:

1. Sara Paretsky – Altlasten (Plazierung im Vormonat: 4)

Aus dem Englischen von Laudan und Szelinski. Ariadne im Argument Verlag, 544 Seiten, 24 Euro.

2. Emma Viskic – No Sound. Die Stille des Todes (Plazierung im Vormonat: /)

Aus dem Englischen von Ulrike Brauns. Piper, 286 Seiten, 15 Euro.

3. Young-Ha Kim – Aufzeichnungen eines Serienmörders (Plazierung im Vormonat: 1)

Aus dem Koreanischen von Inwon Park. Cass, 152 Seiten, 20 Euro.

4. Guillermo Martinez – Der Fall Alice im Wunderland (Plazierung im Vormonat: /)

Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Eichborn, 320 Seiten, 16 Euro.

5. Lisa Sandlin – Family Business (Plazierung im Vormonat: 3)

Aus dem Englischen von Andrea Stumpf. Suhrkamp, 358 Seiten, 10 Euro.

6. Cai Jun – Rachegeist (Plazierung im Vormonat: 5)

Aus dem von Chinesischen von Eva Schestag. Piper, 512 Seiten, 16 Euro.

7. Nicholas Shakespeare – Boomerang (Plazierung im Vormonat: /)

Aus dem Englischen von Anette Grube. Hoffmann und Campe, 400 Seiten, 25 Euro.

8. Matthias Wittekind – Die Brüder Fournier (Plazierung im Vormonat: 10)

Edition Nautilus, 272 Seiten, 18 Euro.

9. Deepa Anappara – Die Detektive vom Bhoot-Basar (Plazierung im Vormonat: /)

Aus dem Englischen von pociao und Roberto de Hollanda. Rowohlt, 400 Seiten, 24 Euro.

10. Jérôme Leroy – Der Schutzengel (Plazierung im Vormonat: 7)

Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Edition Nautilus, 352 Seiten, 20 Euro.

Und ich habe zuletzt begeistert den neuen Wilsberg-Roman „Sag niemals Nein“ von Jürgen Kehrer gelesen und lese gerade die neue Übersetzung von Rex Stouts Nero-Wolfe-Roman „Die goldenen Spinnen“, einem Roman der wegen der Keine-Wiederveröffentlichungen-Regel nicht auf die Liste kann. Obwohl, bei einer Neuübersetzung…

P. S.: Schade, dass Horst Eckerts „Im Namen der Lüge“ schon wieder rausgeflogen ist.


TV-Tipp für den 8. Juni: Die Schlemmerorgie

Juni 8, 2020

Arte, 20.15

Die Schlemmerorgie (Who is killing the great chiefs of Europe?USA/Deutschland 1978)

Regie: Ted Kotcheff

Drehbuch: Peter Stone

LV: Nan und Ivan Lyons: Someone is killing the Great Chefs of Europe, 1976

Wer bringt reihenweise Gourmetköche um? Und was hat das mit dem übergewichtigen Restaurantkritiker Max Vanderveere, der gerade auf Diät gesetzt wurde, zu tun?

Selten gezeigte Schwarze Komödie, bei der eigentlich alles stimmt.

Flott und unterhaltsam erzählte schwarze Komödie mit ironischen Seitenhieben auf die Spitzengastronomie.“ (Lexikon des internationalen Films)

Amüsantes schwarzes Lustspiel“ (Fischer Film Almanach 1980)

Das ist ein Film für Feinschmecker, in jeder Beziehung. Ein Galadinner, sozusagen (..), gewürzt mit den boshaftesten Dialogen des Kinos seit den klassischen Wortgefechten Neil Simons in ‚Extrablatt‘ und ‚Ein seltsames Paar‘.“ (Filmbeobachter)

Mit George Segal, Jacqueline Bisset, Robert Morley, Jean-Pierre Cassel, Philippe Noiret, Jean Rochefort

auch (un)bekannt als „Ein Kochtopf voller Leichen“ und „Prost Mahlzeit“

Wiederholung: Donnerstag, 11. Juni, 13.45 Uhr

Hinweise

Arte über „Die Schlemmerorgie“ (dort bis zum 30. Juni in der Mediathek)

Rotten Tomatoes über „Die Schlemmerorgie“

Wikipedia über „Die Schlemmerorgie“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 7. Juni: Wiegenlied für eine Leiche

Juni 6, 2020

3sat, 23.15

Wiegenlied für eine Leiche (Hush…Hush, Sweet Charlotte, USA 1964)

Regie: Robert Aldrich

Drehbuch: Henry Farrell, Lukas Heller

LV: Henry Farrell: What ever happened to Cousin Charlotte? (Kurzgeschichte)

1927 wird der heimliche Geliebte von Charlotte Hollis im Haus ihrer Eltern ermordet. 37 Jahre später lebt die halbverrückte Charlotte immer noch im elterlichen Haus. Als es abgerissen werden soll, will sie das verhindern. Ihre Cousine Miriam und der Hausarzt Dr. Bayliss sollen ihr helfen. Nach ihrem Einzug häufen sich die seltsamen Ereignisse und Charlotte glaubt, dass die neuen Bewohner an das Familienvermögen ran wollen.

Nach „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ der zweite hochspannende Psychothriller von Robert Aldrich mit Bette Davis. „Aldrichs Reißer stimmt bis zur letzten Szene.“ (Hamburger Abendblatt)

Der Thriller erhielt 1965 den Edgar Allan Poe Award und war für sieben Oscars nominiert, u. a. Beste Nebenrolle (Agnes Moorehead), Beste Kamera (Joseph F. Biroc) und Besten Schnitt (Michael Luciano).

mit Bette Davis, Olivia de Havilland, Joseph Cotten, Agnes Moorehead, Victor Buono, Bruce Dern, Mary Astor, George Kennedy

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Wiegenlied für eine Leiche“

TCM über „Wiegenlied für eine Leiche“

Wikipedia über „Wiegenlied für eine Leiche“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Robert Aldrichs „Ein Zug für zwei Halunken (Emperor of the North Pole/Emperor of the North, USA 1973)

New York Times: Nachruf auf Henry Farrell (4. April 2006)

Washington Post: Nachruf auf Henry Farrell (AP-Meldung, 4. April 2006)


TV-Tipp für den 6. Juni: Das Versprechen

Juni 5, 2020

ZDFneo, 20.15

Das Versprechen (The Pledge, USA 2000)

Regie: Sean Penn

Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski

LV: Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen – Requiem auf den Kriminalroman, 1957

Kamera: Chris Menges

Musik: Hans Zimmer

Ein Polizist sucht nach seiner Pensionierung – zunehmend wahnhaft – einen Kindermörder. Als Beute für den Mörder wählt er ein Kind aus.

Grandiose, ruhige Studie über Alter und Einsamkeit. Penn hielt sich bei seiner Version an Dürrenmatts Buch „Das Versprechen“. Dürrenmatt schrieb es, nachdem er mit dem optimistischen Ende von „Es geschah am hellichten Tag“ (Deutschland 1958) unzufrieden war. Sogar die notorisch schwer zu begeisternde Ponkie schrieb: „Das Vorhersehbare eines Krimiklassikers – und die Brutal-Details eines grausamen Thrillers: ein respektables, aber nicht zwingend nötiges Remake.“ (AZ, 11. 10. 2001)

Mit Jack Nicholson, Patricia Clarkson, Benicio Del Toro, Mickey Rourke, Helen Mirren, Robin Wright Penn, Vanessa Redgrave, Sam Sheppard, Tom Noonan, Harry Dean Stanton, Aaron Eckhart

Wiederholung: Sonntag, 7. Juni, 01.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Das Versprechen”

Wikipedia über „Das Versprechen“ (deutsch, englisch) und über Friedrich Dürrenmatt

Meine Besprechung von Friedrich Dürrenmatts “Die Kriminalromane” (Sammelband)


R. i. P. Horst Bieber

Juni 5, 2020

Horst Bieber (12. Januar 1942 in Essen – 27. Mai 2020 in Hamburg)

Durch den Nachruf in der aktuellen Druckausgabe der „Zeit“ (im Wirtschaftsteil; inzwischen auch online) habe ich erfahren, dass Hort Bieber bereits am 27. Mai gestorben ist.

Horst Bieber war lange Jahre, von 1970 bis 1997 „Zeit“-Redakteur in allen Ressorts, ungefähr zur gleichen Zeit und immer sehr kompetent. Jedenfalls schwärmen noch heute Journalisten, die ihn kannten, über das enzyklopädische Wissen des ‚Chefs vom Dienst‘. Diese Position hatte er von 1990 bis 1997.

Ab 1982 mit „Sackgasse“ bei rororo veröffentlichte er auch Kriminalromane, schrieb mehrere Hörspiele und auch das Drehbuch für einen „Tatort“. „Tod eines Mädchens“ wurde von Jürgen Roland mit den Kommissaren Stoever (Manfred Krug) und Brockmöller (Charles Brauer) verfilmt. 1987 erhielt er für „Sein letzter Fehler“ den Deutschen Krimipreis. Und er war einer der Gründer der „Vereinigung der deutschsprachigen Krimiautoren“ (aka „Das Syndikat“).

Auch wenn er heute kaum noch bekannt ist, gehört er zu den Großen der deutschen Kriminalliteratur. Bei ihm stimmten Recherche, Plot und Sprache. Außerdem gelang es ihm, populäre Genretopoi und Figuren, wie den Privatdetektiv, nach Deutschland zu importieren und mit der bundesdeutschen Wirklichkeit zu verbinden. Dabei legte er sich nie auf ein Subgenre fest. Das hätte seine Fantasie dann doch zu sehr beschränkt.

Neben dem Nachruf in der Zeit gibt es einen beim Syndikat und im Krimiblog.

Mehr über ihn im Lexikon der deutschen Krimi-Autoren und bei Wikipedia.


TV-Tipp für den 5. Juni: Wackersdorf

Juni 4, 2020

Arte, 20.15

Wackersdorf (Deutschland 2018)

Regie: Oliver Haffner

Drehbuch: Gernot Krää, Oliver Haffner

1981 hat die in Bayern dauerregierende CSU die geniale Idee, in Wackersdorf eine atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) zu bauen. Die Bewohner der strukturschwachen Region sollen sich über die versprochenen Arbeitsplätze freuen und still sein. Nicht gerechnet haben sie mit dem Protest von Atomkraftgegnern und dem SPD-Landrat Hans Schuierer, der sich und seine Region nicht für dumm verkaufen lässt.

TV-Premiere. „Wackersdorf“ ist ein ruhig und nah an den Fakten erzähltes Drama in gedeckten Brauntönen über einen Landrat, der zum Widerstandskämpfer wird.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung der gelungenen Geschichtsstunde..

Danach einfach dranbleiben und die Doku „QT8: Quentin Tarantino – The first eight“ (USA 2019) ansehen.

mit Johannes Zeiler, Peter Jordan, Florian Brückner, Anna Maria Sturm, Andreas Bittl, Fabian Hinrichs, Johannes Herrschmann, Frederic Linkemann, Ines Honsel, Sigi Zimmerschied, August Zirner

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Wackersdorf“

Moviepilot über „Wackersdorf“

Wikipedia über „Wackersdorf“

Meine Besprechung von Oliver Haffners „Ein Geschenk der Götter“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Oliver Haffners „Wackersdorf“ (Deutschland 2018)


Über Kai Blieseners „Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften“

Juni 4, 2020

Pünktlich zum neunzigsten Geburtstag von Clint Eastwood (der war am 31. Mai) erschien die von Kai Bliesener geschriebene Werkbiographie „Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften“. Das Buch ist ein konzentrierter, weitgehend chronologischer Gang durch Clint Eastwoods filmisches Werk bis zu „The Mule“. Eastwoods neuestes, noch nicht in den deutschen Kinos gestartetes, äußerst sehenswertes, auf Tatsachen basierendes und sich nahtlos an seine vorherigen Filme anschließendes Drama „Der Fall Richard Jewell“ fehlt. Ergänzt wird Blieseners Text um ein Essay von Georg Seeßlen und Interviews mit den Eastwood-Fans Frank Brettschneider, Wolf Jahnke, Jo Schuttwolf und Tobias Hohmann über ihr Idol.

Bliesener trennt seine Eastwood-Werkschau in zwei Teile. Einmal steht mehr der Regisseur (und damit sein Spätwerk), einmal mehr der Schauspieler im Mittelpunkt. In beiden Teilen bespricht Bliesener dann (bis auf Eastwoods frühe Miniauftritte in B-Pictures und seinen Auftritt in dem Episodenfilm „Hexen von heute“) chronologisch jeden Eastwood-Film, mal kürzer, mal länger. Weil er die, bei Eastwoods umfangreichem Werk auch nicht wirklich mögliche und sinnvolle Trennung zwischen Schauspieler und Regisseur nicht durchgängig durchhält, hätte er auf diese Teilung getrost verzichten und einfach vom „Für eine Handvoll Dollar“-‚Fremder ohne Namen‘ bis zu „The Mule“ Earl Stone die Entwicklung des Schauspielers, Produzenten (Eastwood gründete schon 1967 seine Filmproduktionsfirma „Malpaso“) und Regisseur (seit „Sadistico“ [Play Misty for me, 1971]) nachzeichnen können.

Wegen der nun gewählten Struktur wäre zum schnellen Finden der einzelnen Filme ein Register vorteilhaft gewesen. Und, weil nicht jeder die Handlung jedes Eastwood-Films kennt, wären in der Filmographie kurze Inhaltsangaben sinnvoll gewesen.

Bei der Bewertung der einzelnen Filme folgt Bliesener weitgehend dem Konsens. Weil er seine Bewertungen oft um weitere Bewertungen ergänzt und er hier meistens deutschsprachige Kritiken zitiert, eröffnet er auch einen etwas anderen Blick auf Eastwoods Schaffen als die meist US-amerikanischen Biographien.

Auf fast jeder Seite spricht Bliesener Eastwoods konservative Weltsicht an (er ist bekennender Republikaner, der sich inzwischen eher als libertär sieht) und fragt bei fast jedem Film, was die politische Aussage des Films ist und wie sie sich mit der konservativ-republikanischen Ideologie verträgt. Das ist natürlich eine berechtigte Frage, verkürzt aber viele Eastwood-Filme auf eine platte politische Aussage, die einfach in eine Pro- oder Contra-Position und in ein Links-Rechts-Schema gepresst wird.

Gewinnbringender für eine Analyse und Interpretation von Eastwoods Werk wäre dagegen die Frage gewesen, wie Eastwood sich mit seinen Filmen und Figuren zu US-Mythen, dem Selbstbild der USA, was vor allem das des weißen Mannes ist, und aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen, also dem Zeitgeist, verhalten.

Dieser Konflikt ist schon in Eastwoods ersten wichtigen Rollen angelegt. Seinen Durchbruch als Kinoschauspieler hat er in drei Italo-Western, die den klassischen Hollywood-Western gründlich demystifizieren. Hohe Ideale werden als hohle Ideale enttarnt. Dreck und Schmutz bestimmen das Bild. Kapitalismuskritik, Revolutionspathos, burleske Übertreibungen und übertriebene Gewalt waren gern benutzte Stilmittel. Damals – wir reden von den sechziger Jahren, als die Gegenkultur die Straßen und die Gesellschaft eroberte – reflektierten diese Western den Zeitgeist. In diesen Jahren wurde der alte Westernheld John Wayne zu einem reaktionären alten Sack, der den Vietnamkrieg-Propagandafilm „Die grünen Teufel“ drehte. Eastwoods nächste bahnbrechende Figur ist der Polizist ‚Dirty Harry‘ Callahan. Don Siegels grandioser Cop-Thriller wurde sofort als faschistoid beschimpft. Er zeichnet ein düsteres Bild der US-Gesellschaft – und Callahan ist ein Polizist, der im ständigen Konflikt mit Autoritäten steht. „Dirty Harry“ ist auch, wie ihre Vorstudie „Coogans großer Bluff“ (Cccgan’s Bluff), eine Verlagerung des Western und der damals verübten Rechtsdurchsetzung in die Gegenwart und in den Polizeifilm und in die Großstadt.

In seinen nächsten Filmen begann Eastwood verstärkt die Mythen der US-Gesellschaft und das Verhältnis von Individuum und Institution bzw. Gesellschaft zu hinterfragen. In seinen neueren Filmen behandelt er diese Fragen, ohne endgültige Antworten zu geben, anhand wahrer Geschichten von oft problematischen ‚Helden‘.

In seinem Text „Clint Eastwood – Eine amerikanische Ikone“ beschäftigt Georg Seeßlen sich mit diesem Spannungsfeld, das Clint Eastwoods Schaffen seit seinem Aufstieg zum Star auszeichnet und über die Jahrzehnte, trotz etlicher Fehltritte, auch so bemerkenswert macht.

Der bekennende Eastwood-Fan, der schon einige Eastwood-Biographien gelesen hat, wird in „Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften“ wenig bis nichts neues erfahren. Aber das ist auch nicht Blieseners Ziel. Sein Buch ist eine gelungene, konzentrierter Überblick über das Schaffen des traditionellen Geschichtenerzählers Clint Eastwood.

Kai Bliesener: Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften

Schüren, 2020

232 Seiten

24,90 Euro

Hinweise

Schüren über das Buch

Homepage von Kai Bliesener

Wikipedia über Clint Eastwood (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Jersey Boys” (Jersey Boys, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „American Sniper“ (American Sniper, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Sully“ (Sully, USA 2016)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „The Mule“ (The Mule, USA 2018)

Clint Eastwood in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 4. Juni: James Bond 007 – Die Welt ist nicht genug/James Bond 007 – Sag niemals nie

Juni 3, 2020

Vox, 20.15

JAMES BOND: Die Welt ist nicht genug (The World is not enough, USA/Großbritannien 1999)

Regie: Michael Apted

Drehbuch: Bruce Feirstein, Neal Purvis, Robert Wade

LV: Figur von Ian Fleming

Buch zum Film: Raymond Benson: The World is not enough, 1999 (Die Welt ist nicht genug)

Nachdem Öl-Mogul King im Hauptquartier von MI-6 in die Luft gesprengt wurde, wird Bond als Bodyguard für dessen schöne Tochter Elektra abgestellt.

Mit Michael Apted engagierten die Bond-Macher einen renomierten Regisseur (u. a. Gorky Park, Gorillas im Nebel, Halbblut, Nell), der bis dahin nicht durch Action-Filme aufgefallen war. Im Rahmen dieser Produktion wurde er zum willigen Erfüllungsgehilfen einer wie üblich haarsträubenden Geschichte.

Mit Pierce Brosnan, Sophie Marceau, Robert Carlyle, Denise Richards (trotz eines Razzie die beste Werbung für den unbeliebten Job eines Atomphysikers), Robbie Coltrane, Claude Oliver Rudolph, John Cleese, Serena Scott Thomas, Goldie

Hinweise

Rotten Tomatoes über „James Bond: Die Welt ist nicht genug“

Wikipedia über „James Bond: Die Welt ist nicht genug“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Curtis Hanson/Michael Apteds „Mavericks – Lebe deinen Traum“ (Chasing Mavericks, USA 2012)

Meine Besprechung von Michael Apteds „Unlocked“ (Unlocked, USA 2017)

Vox, 22.45

James Bond: Sag niemals nie (Never say never again, USA 1983)

Regie: Irvin Kershner

Drehbuch: Lorenzo Semple jr.

LV: Ian Fleming: Thunderball, 1961 (Feuerball)

James Bond bei seiner Lieblinsbeschäftigung: Welt retten. Aktuelle Einsatzorte: Bahamas, Südfrankreich und Nordafrika.

Nach einer langen Pause (und bei einer anderen Produktionsfirma) spielte Sean Connery wieder Bond; Klaus Maria Brandauer den Bösewicht, Kim Basinger das ´love interest´ der beiden Männer. Außerdem sind Barbara Carrera, Max von Sydow, Edward Fox, Bernie Casey und Rowan Atkinson dabei.

„Sag niemals nie“ konnte entstehen, weil Ian Fleming zusammen mit Kevin McClory und Jack Whittingham für einen Film die Geschichte „Longitude 78 West“ entwarf. Fleming verarbeitete sie später in dem Bond-Roman „Feuerball“. McClory, der bei „Feuerball“ Co-Produzent war, hatte die Rechte für weitere Verfilmungen dieser Geschichte. Die Auflage war, dass er sich möglichst eng an das gemeinsam entworfene Story-Gerüst halten müsse. Die juristischen Streitigkeiten und der Konkurrenzkampf zwischen dem Ur-Bond Connery und dessen Nachfolger Roger Moore waren ein gefundenes Fressen für die damalige Presse. Denn „Octopussy“ (mit Moore) startete fast zeitgleich in den Kinos. An der Kinokasse war der Moore-Bond etwas erfolgreicher, bei der Kritik war es – zu Recht – umgekehrt.

Die Vorlage

Ian Fleming: Feuerball

(übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)

Cross-Cult, 2013

384 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

Thunderball, 1961

Hinweise

Rotten Tomatoes über „James Bond: Sag niemals nie“

Wikipedia über „James Bond: Sag niemals nie“ (deutsch, englisch)

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung von John Gardners “James Bond – Kernschmelze” (James Bond – Licence Renewed, 1981; alter deutscher Titel “Countdown für die Ewigkeit”)

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond – Der Mann von Barbarossa“ (James Bond – The Man from Barbarossa, 1991)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ “James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes” (James Bond: Trigger Mortis, 2015)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond – Ewig und ein Tag“ (James Bond – Forever and a day, 2018)

Meine Besprechung der TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ (Fleming, Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Film “Spectre” (Spectre, USA/GB 2015)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 3. Juni: French Connection II

Juni 2, 2020

Arte, 21.55

French Connection II (French Connection, USA 1975)

Regie: John Frankenheimer

Drehbuch: Alexander Jacobs, Robert Dillon, Lauri Dillon

LV: Charakter von Robin Moore

Buch zum Film: Robin Moore/Milt Machlin: French Connection II, 1975

Der New Yorker Cop Popeye Doyle (Gene Hackman) soll seinen französischen Kollegen helfen, den Drogenbaron Alan Charnier (Fernando Rey) zu verhaften. Doch die Franzosen wollen Doyles Hilfe nicht. Also beginnt Doyle auf eigene Faust in der für ihn fremden Stadt Marseille Charnier zu jagen.

French Connection“ war ein auf Tatsachen basierender Polizeithriller. „French Connection II“ ist die vollkommen erfundene Fortsetzung, die auch vollkommen andere Akzente setzt. John Frankenheimer („Ronin“) konzentriert sich auf die Hafenstadt Marseille und Popeye Doyle. Doyle ist das Bild des hässlichen Amerikaners. Er spricht kein Wort Französisch. Er kracht mit der Feinfühligkeit einer Dampframme in die Ermittlungen der französischen Polizei. Und er wird von seinem Intimfeind Alain Charnier zum Junkie gemacht. Gene Hackman zeigt hier wieder einmal sein Können (dazu gehört auch der legendäre Kalte Entzug in der Mitte des Films).

Mit Gene Hackman, Fernando Rey, Bernard Fresson, Jean-Pierre Castaldi, Philippe Léotard, Charles Millot, Cathleen Nesbitt

Hinweise

Rotten Tomatoes über „French Connection II“

Wikipedia über „French Connection II“ (deutsch, englisch)

Meine Bepsrechung von John Frankenheimers „Die jungen Wilden“ (The Young Savages, USA 1960)


Cover der Woche

Juni 2, 2020