Der Untertitel „She-Punks von 1977 bis heute“ ist schon etwas irreführend. Denn Reto Caduff erzählt in seinem Dokumentarfilm „Einfach machen!“ nicht die Geschichte von fast fünfzig Jahren Frauen in der Punkmusik. Er versucht es noch nicht einmal. Er erzählt die Geschichte von drei Frauenpunkbands damals und heute. Es handelt sich um Östro 430 (aus Düsseldorf), Mania D, die sich in Malaria! umbenannten (West-Berlin) und Kleenex, die später zu LiLiput wurde (Zürich). Sie waren Exotinnen. Denn damals war die Rockmusik in ihrer gesamten Breite männlich dominiert. Aber sie wollten endlich einen Platz auf der Bühne haben und sich dabei, dem revolutionären Zeitgeist folgend, von Männern nicht mehr vorschreiben lassen, was sie zu tun hatten. Sie wollten über die Dinge singen, die sie interessierten. Diesen Raum nahmen sie sich. Die in „Einfach machen!“ porträtierten Bands und einige andere Musikerinnen ebneten den Weg für weitere Frauenrockbands.
In den folgenden Jahren kam es in den drei im Film porträtierten Bands zu der üblichen Abfolge von Auflösungen, Weiterarbeit in verschiedenen anderen Konstellationen und Reunions. Einige der Musikerinnen zogen sich auch über viele Jahre aus dem Musikgeschäft zurück und zogen Kinder groß. Heute stehen sie als Musikerinnen wieder auf der Bühne.
Für seine Doku unterhielt Caduff sich mit den Musikerinnen. Anschließend schnitt er die Interviews mit historischen und aktuellen Aufnahmen und Liveaufnahmen zu einem netten Porträt über drei Frauenpunkbands.
Das ist kurzweilig und informativ ohne jemals zu sehr in die Tiefe zu gehen. Das gilt vor allem für den viel zu kurz geratenen Rückblick in die siebziger Jahre, als E-Gitarre spielende Frauen noch Exotinnen waren. Und natürlich ist „Einfach machen!“ keine Geschichte von fünfzig Jahren Frauen in der Punkmusik.
Trotzdem ist Caduffs Doku für Musikfans sehenswert. Und Musikerinnen, die überlegen, ob sie auf der Bühne ein Instrument spielen können, können sich an das Motto aller Punkmusiker*innen halten: „Einfach machen!“
Einfach machen! She-Punks von 1977 bis heute(Deutschland/Schweiz 2024)
Regie: Reto Caduff
Drehbuch: Christine Franz
mit Beate Bartel, Sandy Black, Bettina Flörchinger, Gudrun Gut, Christine Hahn, Carmen Knoebel, Bettina Köster, Madlaina Peer, Anja Peterssen, Elisabeth Recker, Sara Schär, Klaudia Schifferle, Martina Weith
Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il west, Italien/USA 1968)
Regie: Sergio Leone
Drehbuch: Sergio Leone, Sergio Donati (nach einer Geschichte von Dario Argento, Bernardo Bertulucci und Sergio Leone)
Die Story – Killer Frank will für die Eisenbahn an das Land der Exhure Jill gelangen, während ‚Mundharmonika‘ ihm einen Strich durch die Rechnung macht – ist eher Nebensache gegenüber den von Ennio Morricone untermalten Bildern von Tonino Delli Colli.
Ein Western-Klassiker, der eigentlich auf die große Leinwand gehört.
mit Charles Bronson, Henry Fonda, Claudia Cardinale, Jason Robards, Frank Wolff, Gabriele Ferzetti, Keenan Wynn, Lionel Stander, Jack Elam, Woody Strode
Ganz kommen wir um die tragische Entstehungsgeschichte von Joel Souzas Western „Rust – Legende des Westens“ nicht herum. Denn sie ist der Grund, warum der Western nach einer Unterbrechung fertig gedreht wurde und jetzt sogar im Kino läuft.
Bei den ursprünglichen Dreharbeiteten erschoss Hauptdarsteller Alec Baldwin am 21. Oktober 2021 am zwölften Drehtag Kamerafrau Halyna Hutchins. Entgegen den Sicherheitsbestimmungen war der Revolver mit scharfer Munition geladen. Baldwin sollte den Revolver auf die Kamera richten und abdrücken. Das tat er. Hutchins starb. Souza wurde von der gleichen Kugel verletzt.
Danach wurden die Dreharbeiten zuerst unter-, später abgebrochen. In den folgenden Tagen wurde mehr über die chaotischen Dreharbeiten bekannt. Unter anderem gab es mehrere Klagen und Kündigungen von Crewmitgliedern wegen der Nichtbefolgung von Sicherheitsvorschriften, die solche tödlichen Unfälle verhindern sollten. Es kam zu Gerichtsverfahren, Urteilen und außergerichtlichen Einigungen.
Am 20. April 2023 wurden die Dreharbeiten fortgesetzt. Teils mit anderen Schauspielern und Crewmitgliedern. Regisseur Souza sagte, er wolle möglichst viel von Halyna Hutchins gedrehtem Material verwenden. Wie viele von Hutchins gemachten Aufnahmen jetzt in „Rust – Legende des Westens“ verwendet wurden, ist unklar. Es ist auch unklar, wie umfangreich der Nachdreh, der am 22. Mai 2023 endete, war.
Am Ende des Abspanns wird gesagt, dass alle Einnahmen aus dem Film der Familie von Halyna Hutchins zugute kommen sollen.
Wer mehr über den tödlichen Unfall lesen will, findet auf der deutschen und der englischen Wikipedia-Seite umfangreiche Informationen dazu.
Ob man die Fertigstellung und kommerzielle Verwertung das Films als eine ablehnenswerte Pietätlosigkeit oder als eine letzte Ehrerbietung gegenüber der Toten wertet, liegt im Auge des Betrachters. Das ändert nichts daran, dass in der Vergangenheit auch nach tödlichen Unglücken die Filme nach mehr oder weniger kurzer Zeit ins Kino kamen. Bei „The Crow“ (dem Original, nicht dem schon jetzt vergessenem Remake) war der Tod von Hauptdarsteller Brandon Lee, ebenfalls mit einer scharfen Schusswaffe während der Dreharbeiten, das Marketing-Tool um den Fantasy-Horrorfilm, auch wegen der Filmgeschichte und der Inszenierung, zu einem Kultfilm zu machen.
Im Fall von „Rust – Legende des Westens“ ist der durch den Hauptdarsteller, der gleichzeitig einer der Produzenten des Films ist, verursachte Tod der Kamerafrau eine Tatsache, die zu wichtig ist, um sie in Besprechungen nicht anzusprechen, aber für den Film an sich ist sie unerheblich.
Und eben diesem Film wollen wir uns jetzt zuwenden.
Der von Joel Souza inszenierte Western spielt in den frühen 1880er Jahren in Kansas. Dort versucht der 13-jährige friedfertige Lucas Hollister (Patrick Scott McDermott) mit seinem jüngerem Bruder in einer einsam gelegenen Holzhütte und etwas Subsistenzland- un Viehwirtschaft zu überleben. Als er einen Kojoten erschießen will, erschießt er zufällig einen Mann. Er wird zum Tod durch den Strang verurteilt. Sein jüngerer Bruder kommt, auch mit der Hilfe einer ihm bislang unbekannten Tante, in ein Kinderheim.
Kurz darauf – in dem Moment ist die erste halbe Stunde des 140-minütigen Films bereits um – taucht aus heiterem Himmel der uns bislang gänzlich unbekannte Harland Rust (Alex Baldwin) auf. Der berüchtigte Outlaw und Großvater von Lucas befreit den Jungen. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg Richtung Mexiko. Verfolgt werden sie von dem Sheriff, seinen Männern und vielen Kopfgeldjägern, die das hohe, auf Harland ausgetzte Kopfgeld haben wollen.
Was spätestens jetzt zu einem zünftigen Western werden könnte, plätschert weiter bedeutungsschwanger vor sich hin. Die Story ist aus unzähligen Western bekannt. Souza, der auch das Drehbuch schrieb, reiht die bekannten Versatzstücke aneinander. Er spricht immer wieder interessante Aspekte an, die aus einem anspruchlosem B-Picture einen besseren Film hätten machen können. Es sind Momente, in den der Western-Fan sich sehnsüchtig einen Sam Peckinpah oder Walter Hill als Regisseur wünscht. Bei Souza reicht es nur für ein überlanges B-Picture. Er benötigt epische hundertvierzig Minuten für eine Geschichte, die in den fünfziger Jahren ein routinierter Western-Regisseur in der halben Zeit besser erzählt hätte.
Die Kameraarbeit von Halyna Hutchins und Bianca Cline, die nach ihrem Tod den Posten übernahm, ist gelungen und deutlich besser als in vergleichbar budgetierten B-Western. Vor allem die Landschaftsaufnahmen gefallen. Bei den gut ausgeleuchteten Innenaufnahmen nervt die Marotte, als sei man auf einer John-Ford-Gedächtnisveranstaltung, immer mindestens eine Aufnahme einzufügen, in der die Kamera aus dem Raum auf eine im Tageslicht vor der offenen Tür stehenden Person blickt. Vor allem bei den Innenaufnahmen bevorzugen Hutchins und Cline wenig Licht und eine monochrome Farbgestaltung in verschiedenen Brauntönen. Gerne nehmen sie Menschen aus einer leichten Untersicht auf. Auch wenn einges über die gesamte Laufzeit nervt, ist das nicht ihre, sondern die Schuld des Regisseurs, der nicht in der Lage war, „Rust“ auf eine Laufzeit von deutlich unter zwei Stunden zu kürzen.
„Rust – Legende des Westens“ ist ein okayer, wenn auch deutlich zu lang geratener B-Western, bei dem die überlegte Bildgestaltung positiv auffällt. Ohne den Todesfall bei den Dreharbeiten wäre der Western bei uns irgendwann direkt auf DVD erschienen.
Rust – Legende des Westens(Rust, USA 2024)
Regie: Joel Souza
Drehbuc: Joel Souza
mit Alec Baldwin, Patrick Scott McDermott, Travis Fimmel, Frances Fisher, Josh Hopkins, Jake Busey, Devon Werkheiser
2004 war „Muxmäuschenstill“ ein Überraschungserfolg. Jan Henrik Stahlberg spielte Mux in der Rolle seines Lebens. Dieser Mux war ein bieder aussehender junger Mann mit dem Charme eines Bankangestellten einer kleineren Provinzbank. Der potentielle Lieblingsschwiegersohn lebte in Berlin, geht gegen Regelbrecher vor und, wir befinden uns noch in den Anfängen von Social Media, stellt Videos seiner Aktionen online. Diese Videos lösen eine Bewegung aus. Denn endlich unternimmt jemand etwas gegen nervige Verbrecher wie Schwimmbadpinkler, Hundehalter, die sich nicht um die auf dem Bürgersteig liegende Kacke ihrer Hunde kümmern und um Menschen, die rote Ampeln ignorieren. Er überwacht auch die Müllentsorgung im Hinterhof. Kurz: Mux ist ein selbsternannter Ordnungswächter, den wir in der Realität als Blockwart hassen, aber in unserer Fantasie manchmal gerne für fünf Minuten wären. Gerade dieses Ausleben unserer niederen Gefühle im Kino macht den Charme und das damit verbundene Unbehagen von „Muxmäuschenstill“ aus.
Gegen die großen Ungerechtigkeiten und gegen echte Verbrecher unternahm der selbsternannte Ordnungsfanatiker nichts.
Am Ende von „Muxmäuschenstill“ läuft Mux in Italien vor ein zu schnell fahrendes Auto.
Am Anfang von „MuxmäuschenstillX“ erfahren wir, dass Mux diesen Unfall wider Erwarten überlebte und die nächsten Jahre im Koma verbrachte. Jetzt ist er zurück – und die Skepsis ist groß. Schließlich sind die meisten Fortsetzungen von früheren Erfolgen enttäuschend und oft auch überflüssig, weil das damals erfolgreiche Gericht einfach wieder aufgekocht wird. So als sei zwischen damals und heute keine Zeit vergangen.
Insofern erfreuen die ersten Minuten von „MuxmäuschenstillX“. Mux schreibt nämlich ein Manifest und er will in der ostdeutschen Provinz beginnen, Deutschland mit seiner Philosophie, dem Muxismus, und der von ihm gegründeten Partei zu verändern. Das Ziel ist der Bundestag. Sein revolutionäres Manifest liest sich, ohne Umsturzfantasien, wie ein linkes Parteiprogramm der Linkspartei. Das könnte der Beginn für einen ordentlichen Klassenkampf sein.
Aber dann zerfasert der Film in Wiederholungen von „Muxmäuschenstill“ und Pillepalle-Aktionen, wie das Stürmen der ersten Klasse im Zug. Das sind nette Sponti-Aktionen, die nichts bewirken.
Gleiches gilt für die von Mux forcierten Begegnungen zwischen Hartz-IV-Empfängern und Vermögenden, die sich gegenseitig versichern, dass sie Menschen seien. Das hat noch nicht einmal das Niveau eines „Wir sind alle Brüder“-Gottesdienstes.
Der am Anfang im Zentrum des Films stehende Wahlkampf wird atemberaubend schnell zu einer nebensächlichen Nebensache. Der tiefere Einblicks in die Mechanismen eines Wahlkampfs und eine umfassendere Gesellschaftsanalyse fehlen vollständig. Hier verbleibt auf theoretischer Ebene alles in etwas linker Revolutionsromantik und auf praktischer Ebene in einer durchgehend negativen Zeichnung der im Film gezeigten Hartz-IV-Empfänger als stumpf-dumme Masse. Das führt immerhin zu der ironischen Volte, dass Mux für Menschen kämpft, die er zutiefst verachtet.
Gleichzeitig beherrscht von der ersten Minute an eine übergroße Angst vor Kritik die Komödie. Diese Vorsicht ist in Stalbergs früheren Werken „Muxmäuschenstill“ und „Fikkefuchs“ (2017), wo er ebenfalls das Drehbuch schrieb, Regie führte und die Hauptrolle übernahm, nicht vorhanden. Da wurde jede Gelegenheit für eine Provokation genutzt. In „MuxmäuschenstillX“ ist es anders. Es ist eine Komödie, die behauptet, zu provozieren, es dann aber niemals tut. Exemplarisch können wir hier die Szene nehmen, in der Mux‘ übergewichtige, ältere Sekretärin zu ihm ins Bett geht und Sex mit ihm möchte. Mux lehnt panisch ab. Im Voice-Over erklärt er dann, dass er nichts gegen dicke Frauen habe, er aber als Parteiführer Beziehungen mit von ihm angestellten Menschen ablehne. Anstatt jetzt in der nächsten Szene seine von uns vermutete Bigotterie zu entlarven, indem er eine Beziehung mit einer den gängigen Schönheitsidealen entsprechenden Frau eingeht und dabei seine Macht als Parteiführer ausnutzt, beginnt er eine Beziehung mit einer ähnlich übergewichtigen Musikerin, die zu seiner Muse wird.
Zu dieser Ängstlichkeit passt, dass Mux in „MuxmäuschenstillX“ nicht mehr der selbsternannte Ordungsfanatiker und ressentimentgetriebene Kleinbürger des ersten Films ist. Jetzt will er die Welt mit Argumenten, einem Parteiprogramm und einer Partei verbessern, die ein normallinkes Programm hat. Dieser Mux provoziert nicht mehr.
Das macht „MuxmäuschenstillX“ zu einer überflüssigen Wiederauferstehung.
MuxmäuschenstillX (Deutschland 2024)
Regie: Jan Henrik Stahlberg
Drehbuch: Jan Henrik Stahlberg
mit Jan Henrik Stahlberg, Bettina Hoppe, Sophie Roeder, Tilman Vellguth, Henriette Simon
Einhörner gibt es, jedenfalls will uns das Alex Scharfman in seiner Horrorkomödie „Death of a Unicorn“ glauben machen, in den einsamen Wäldern von Nordamerika. Auf dem Weg zu einem wichtigen Wochenende mit seinem Chef, einem vom Tod gezeichneten Pharmamogul, der seine Geschäfte abgeben möchte, überfährt Elliot Kintner (Paul Rudd) in einem unachtsamen Moment ein auf der Landstraße stehendes Einhorn. Seine Tochter Ridley (Jenna Ortega) berührt das Horn des Einhorns und baut so eine besondere Beziehung zu dem sterbenden Tier auf. Später wollen sie das Einhorn begraben. Bis dahin verstecken sie es im Kofferraum ihres Mietwagens.
Zuerst müssen sie allerdings weiter zu Elliots Chef Odell Leopold (Richard E. Grant) fahren. Er und seine Familie erwarten sie bereits auf ihrem einsam in den Rocky Mountains gelegenem Luxusanwesen.
Als die Leopolds das Einhorn entdecken, erahnen sie sofort das in dem Horn des Tieres schlummernde Potential für künftige Geschäfte.
Vor allem Ridley, die sich gerade in ihrer antikapitalistischen Phase befindet, lehnt das vehement ab.
Und wo ein Einhorn ist, gibt es weitere Einhörner.
In seinem Spielfilmdebüt „Death of a Unicorn“ setzt Autor/Regisseur Alex Scharfman sich unglücklich zwischen die Stühle ‚Komödie für Kinder‘ und ‚Fun-Splatter für das Fantasy-Filmfest-Publikum‘. Einhörner sind heute vor allem nette Fabelwesen in Kindergeschichten und Spielzeug für Kinder. Aber „Death of a Unicorn“ ist, auch wenn es um die Beziehung zwischen einem Teenager und einem Einhorn geht, kein Kinderfilm. Bei uns ist er „frei ab 16 Jahre“ und das ist eine durchaus nachvollziehbare Einstufung der FSK. Nach einem humoristischen Anfang, in dem die Schauspieler spielfreudig und gleichzeitig immer etwas zu übertrieben spielen, geht es schnell in Richtung Splatter. Blut spritzt, Gedärme und Körperteile fliegen durch das Bild. Die Kamera zeigt möglichst jedes Detail. Der Kampf zwischen den in der Nacht die Leopold-Villa eingreifenden Einhörnern und den Eingeschlossenen, zu denen sich auch Leopolds schweigsame No-Nonsense-Sicherheitschefin gesellt, eskaliert schnell. Die Menschen wehren sich unter Verwendung der aus „Alien“ und „Predator“ bekannten Methoden. Denn wenn es blutet, kann es getötet werden.
Das Ergebnis ist ein in Teilen durchaus unterhaltsamer, letztendlich aber enttäuschender und gescheiterter Mix aus Fantasy-Filmkomödie für Kinder mit netten Einhörnern und eindimensionalen Figuren und deftigem Fun-Splatter für Jugendliche, die sich keine Kinderfilme mit Einhörnern ansehen wollen, wenn sie sich gleichzeitig einen zünftigen Fun-Splatter mit Monsterbären oder Zombies ansehen können.
Death of a Unicorn (Death of a Unicorn, USA 2025)
Regie: Alex Scharfman
Drehbuch: Alex Scharfman
mit Paul Rudd, Jenna Ortega, Will Poulter, Anthony Carrigan, Sunita Mani, Jessica Hynes, Tea Leoni, Richard E. Grant
Dieses Mal gibt es keine „Nachtschicht“ von Lars Becker, sondern einige Fälle der Anwältin Annabelle Martinelli, die sich auf das Sexualstrafrecht spezialisiert hat. Zum Beispiel den einer Politikergattin, die sich gegen die Schläge ihres Mannes wehrt, und den einer Polizistengattin. Seine Kollegen helfen ihm und lassen Beweise verschwinden.
Bereits 2019 in „Wahrheit oder Lüge“ spielte Natalie Wörner die Anwältin Annabelle Martinelli.
Das Lexikon des internationalen Films ist nicht begeistert: „Ambivalenzen fehlen ihr ebenso wie den anderen Charakteren, was den auch dramaturgisch öden Film vorhersehbar und zäh macht.“
mit Natalie Wörner, Nurit Hirschfeld, Fritz Karl, David Schütter, Sabrina Amali
Es geht doch. Nachdem ungefähr alle Marvel-Filme seit dem Ende der Infinity-Saga und dem Riesenerfolg von „Avengers: Endgame“ mehr oder weniger große Enttäuschungen waren und auch jetzt, weit in der sogenannten Multiverse-Saga, immer noch kein Zusammenhang zwischen den einzelnen Filmen erkennbar ist, wird mit „Thunderbolts*“, dem 36. MCU-Film und dem sechsten und finalen Film der fünften Phase, ein kurzweiliger und insgesamt sehr gelungener Superheldenfilm präsentiert.
Wie Marvel-Fans wissen, fassen die Macher im Marvel Cinematic Universe (MCU) ihre Filme zusammen in mehrere Filme umfassende Phasen und diese wiederum in einer mehrere Phasen umfassenden Saga zusammen. Damit wird zwischen den Filmen ein Zusammenhang und eine mehrere Filme umfassende Kontinuität hergestellt; auch weil die Helden eines Filmes mehr oder weniger umfassende Gastauftritte in anderen Filmen haben und Ensemblemitglieder mehr oder weniger oft in anderen Filmen mitspielen. Das führte zu einer gelungenen Balance zwischen Einzelfilmen, einer größeren Welt, in der alles spielt, und sich über mehrere Filme entwickelnden Plots. Es war eine Balance zwischen ’neu‘ und ‚vertraut‘.
In der Multiverse-Saga wurde diese Balance in die Tonne getreten. Neue Helden wurden in Einzelfilmen pompös eingeführt und anschließend links liegen gelassen. Ein Zusammenhang zwischen den Filmen ist nicht mehr erkennbar.
Inzwischen vermute ich, dass das Label Multiverse-Saga nicht für einen irgendwie gearteten Zusammenhang zwischen den Filmen steht, sondern dass die propagierte Existenz verschiedener Universen einfach dazu dient, voneinander vollkommen unabhängige Geschichten zu erzählen, die in verschiedenen Welten spielen. So wie die in in Berlin spielenden „Tatorte“, außer dem Handlungsort, nichts mit „Ein starkes Team“ zu tun haben.
Und so hat „Thunderbolts“ nur sehr, sehr lose etwas mit den vorherigen Filmen und Streamingserien, die zum vollen Verständnis der Filme auch angesehen werden sollten, zu tun. Die Geschichte von Yelena Belova, der Schwester der verstorbenen „Black Widow“ Natasha Romanoff (erster Film der vierten Phase, Auftakt der Multiverse-Saga, aber eigentlich ein Nachschlag zur Infinity-Saga), wird weiter erzählt und in einem Satz wird erwähnt, dass der vorherige Präsident zum Red Hulk wurde (was wir in „Captain America: Brave New World“ erleiden mussten).
Yelena Belova (Florence Pugh) arbeitet jetzt für die CIA-Direktorin Valentina Allegra de Fontaine (Julia Louis-Dreyfus). Davor war sie leitendes Mitglied eines Unternehmens in schief gelaufene Superhelden-Experimente involviert. Jetzt, mit einem Kongressausschuss im Nacken, will sie die Beweise für diese Experimente vernichten.
Dafür schickt sie, unabhängig voneinander, vier ihrer Auftragskiller zu einem einsam in der Wüste gelegenem Labor. Als die vier Killer in dem unterirdischen Labor aufeinander treffen und Taskmaster (Olga Kurylenko) von einem von ihnen getötet wird, erkennen sie, dass sie von de Fontaine beauftragt wurden, sich gegenseitig zu töten. In dem Labor treffen Yelena, ‚Captain America‘ John Walker (Wyatt Russell) und ‚Ghost‘ Ava Starr (Hannah John-Kamen) außerdem auf einen jungen, offensichtlich desorientierten Mann, der sich Bob (Lewis Pullman) nennt.
Gemeinsam beschließen sie gegen de Fontaine zu kämpfen. Und weil die verbrecherische CIA-Chefin über das gesamte Militär und Spezialeinheiten verfügen kann, sind sie froh über die Hilfe von ‚Red Guardian‘ Alexei Shostakov (David Harbour) und ‚Winter Soldier‘ Bucky Barnes (Sebastian Stan). Was sie in dem Moment noch nicht wissen, ist, dass sie in New York gegen eine noch größere Gefahr, die die Welt vernichten kann, kämpfen müssen.
Viele der Mitglieder der Thunderbolts sind aus früheren MCU-Filmen als mehr oder weniger wichtige Nebenfiguren mehr oder weniger bekannt. Dieses Wissen erhöht sicher das Vergnügen an ihren Auftritten in „Thunderbolts*“. Alle anderen erhalten die nötigen Informationen schnell durch ihre Taten und ihre Unterhaltungen. Denn diese Gruppe, die irgendwo zwischen den edlen „Avengers“ und der eindeutig derangierten, aus Verbrechern bestehenden „Suicide Squad“ angesiedelt ist, ist eine ziemlich okaye Gruppe einsamer Menschen, die mit Teilen ihrer Vergangenheit hadern und eigentlich nur gemocht werden wollen.
Das, also Einsamkeit, die Angst vor Zurückweisung und die Suche nach Gemeinschaft, ist dann auch das in jeder Figur und jeder Szene konsequent durchgezogene Thema des Films. Sie machen als Individuum und als Gruppe während des Films eine Entwicklung durch. Die beiden Bösewichter des Films haben für ihre Schandtaten jeweils ein eindeutig nachvollziehbares Motiv und sie bleiben, im Gegensatz zu vielen früheren MCU-Bösewichtern, auch über den Abspann hinaus im Gedächtnis. Entsprechend nachvollziehbar ist die Filmgeschichte, die eine gelungene Balance zwischen intimen Szenen und großen Actionszenen findet. Das Finale gestaltet sich dann – zum Glück – anders als gewohnt. Dazu gehört auch, dass hier gezeigt wird, wie die Superhelden Menschen vor dem sicheren Tod retten. In früheren MCU-Filmen wurden ja regelmäßig Millionstädte zerstört, aber nie gezeigt, dass dabei jedes Mal als vernachlässigbarer Kollateralschaden tausende Menschen starben.
„Thunderbolts*“ ist nicht nur der beste MCU-Film seit langer Zeit, sondern auch ein guter Film, der sehr gut für sich allein steht.
Es gibt zwei Abspannszenen, die ich beide nicht so toll fand. Die eine ist ein missglückter Gag. Die andere…so etwas wie eine Vorschau auf möglicherweise kommende Ereignisse.
Thunderbolts* (Thunderbolts*, USA 2025)
Regie: Jake Schreier
Drehbuch: Eric Pearson, Joanna Calo (nach einer Geschichte von Eric Pearson)
mit Florence Pugh, David Harbour, Sebastian Stan, Hannah John-Kamen, Olga Kurylenko, Wyatt Russell, Lewis Pullman, Julia Louis-Dreyfus, Geraldine Viswanathan
Der Ghostwriter (The Ghost Writer, Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010)
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Robert Harris, Roman Polanski
LV: Robert Harris: The Ghost, 2007 (Ghost, Der Ghostwriter)
Ein Autor soll innerhalb weniger Tage die Biographie des ehemaligen britischen Premierministers Adam Lang ghostwriten. Als Lang wegen Kriegsverbrechen im „Krieg gegen den Terror“ angeklagt wird, beginnt der gänzlich unpolitische Autor auf eigene Faust zu recherchieren.
Glänzend besetzter, grandioser Paranoia-Thriller, der an Polanskis frühere Filme, wie „Chinatown“ und „Der Mieter“, anknüpft.
mit Ewan McGregor, Pierce Brosnan, Olivia Williams (die eigentlich viel zu jung für ihre Rolle ist), Kim Cattrall, Tom Wilkinson, James Belushi, Timothy Hutton, Eli Wallach (die letzten drei haben nur Kleinstrollen)
Wiederholung: Samstag, 3. Mai, 01.20 Uhr (Taggenau!)
Neues Jahr, neues Filmlexikon, neuer Rückblick auf das vergangenen Filmjahr. Gewohnt kompetent von der Filmdienst-Redaktion im bewährten zum Nachschlagen, Blättern und Versinken geeigneten Aufbau im „Lexikon des Internationalen Films“ präsentiert. Es gibt knapp zweihundert Seiten mit längeren Filmkritiken zu den zwanzig besten Kinofilmen und fünfzehn bemerkenswerten Serien („True Detective: Night Country“ und „Ripley“ sind dabei), Interviews (u. a. mit RP Kahl, Helke Sander, Andreas Dresen, Edward Berger [über „Konklave“] und Catherine Breillat), Porträts (u. a. über Kevin Costner, Sean Baker, George Lucas, Sofia Coppola und Marlon Brando), Nachrufe (u. a. Donald Sutherland, Roger Corman und Alain Delon) und Essays zu bestimmten wichtigen Aspekten des Filmjahres 2023. Beispielsweise über das Independent-Studio A24, Auschwitz im Film, umweltfreundlichere Filmproduktion und iranische Filme.
In dem aus knapp dreihundert Seiten bestehendem lexikalischen Teil werden in alphabetischer Reihenfolge alle über sechzigminütigen Spiel- und Dokumentarfilme aufgelistet, die letztes Jahr in Deutschland erstmals im Kino, auf DVD/Blu-ray, im Fernsehen und bei Streamingportalen gezeigt wurden. Dieser Teil besteht aus fast 1400 gewohnt kundige Kurzkritiken.
Nach Ansicht der Filmdienst-Kritiker waren die zwanzig besten Filme des Kinojahres 2024:
Eine feine Liste sehenswerter Film (wobei ich bei „Furiosa: A Mad Max Saga“ anderer Meinung bin), von denen auch acht Filme auf meiner ebenfalls zwanzig Filme umfassenden Jahresbestenliste standen und ein, zwei Filme in der näheren Auswahl waren. „Queer“ hatte, nachdem er Ende Dezember in einigen wenigen Kinos gezeigt wurde, seinen bundesweiten Kinostart am 2. Januar 2025. Da kann man jetzt trefflich streiten, wann der Kinostart war.
Wie die vorherigen Jahresausgaben des Lexikon des Internationalen Films ist auch die neueste Ausgabe ein Werk, das in jeder gutsortierten Filmbibliothek stehen sollte. Es enthält zahlreiche Tipps für einen spannenden Heimkinoabend – und in einigen Jahren ist es ein unverzichtbarer und immer wieder zum Nachdenken und Erinnern anregender Rückblick auf das Filmjahr 2024.
Ich blättere jetzt ein wenig im Filmjahr 2004. Zu den damals besten Filmen des Kinojahres gehörten „Collateral“, „21 Gramm“, „Fahrenheit 9/11“ und „Gegen die Wand“ – und Günter Jekubzik dachte über den „epochalen Einbruch des Digitalen in die Filmwelt“ nach.
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Filmdienst.de/Katholische Filmkommission für Deutschland (Redaktion: Jörg Gerle, Felicitas Kleiner, Josef Lederle, Marius Nobach): Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2024/2025
Tramp Charlie muss in einer Fabrik am Fließband arbeiten. Durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle landet er sogar im Gefängnis.
Chaplins grandioser Stummfilm-Kommentar zur Industriegesellschaft und den Auswirkungen der Wirtschaftskrise ist ein immer wieder sehenswerter Klassiker der Komödie.
Danach, um 21.40 Uhr, zeigt Arte die brandneue 55-minütige Doku „Chaplins Moderne Zeiten – Der Abschied vom Stummfilm“ (Frankreich 2024).
mit Charlie Chaplin, Paulette Goddard, Chester Conklin, Henry Bergman, Tiny Sandford
SHADA basiert auf den Originaldrehbüchern, die der legendäre Douglas Adams für ein Doctor-Who-Abenteuer verfasste, das nie ausgestrahlt wurde.
Ein Time Lord und alter Freund des Doktors namens Professor Chronotis hat sich an die Universität von Cambridge zurückgezogen, weil dort niemandem auffallen wird, dass er die Jahrhunderte überdauert. Als er Gallifrey verließ, nahm er das Verehrungswürdige und Uralte Gesetz von Gallifrey mit, eines der Artefakte, die aus Rassilons dunklem Zeitalter stammen. Es darf nicht in die falschen Hände fallen. Und der unheimliche Skagra hat definitiv die falschen Hände. Er will das Buch. Er will das Geheimnis von Shada lüften. Und er will den Verstand des Doktors …
Douglas Adams starb im Mai 2001. Er ist der Autor von PER ANHALTER DURCH DIE GALAXIS.
Gareth Roberts hat neun DOCTOR WHO-Romane geschrieben.
P. S.: Es gibt noch weitere „Doctor Who“-Geschichten von Douglas Adams. Wer also die Tage nicht schon wieder per Anhalter durch die Galaxis zum Restaurant am Ende des Universums reisen will.
Barry Egan ist Unternehmer. Allerdings läuft sein Verkauf von Kitschartikeln eher schlecht. Seine sieben Schwestern erdrücken ihn mit ihrer Fürsorge. Ein Telefonsex-Anbieter versucht ihn zu erpressen. Und er selbst findet die Welt immer wieder etwas ver-rückt. Da wird in der Einfahrt zu seinem Garagengeschäft ein alte Harmonium abgestellt und er trifft die überaus liebenswerte Lena.
„Punch-Drunk Love“ ist ein wundervoll derangierter Film. Wie die Hauptfigur, die am amerikanischen Traum, der Realität, seiner Familie (sieben Schwestern!) und sich selbst verzweifelt ohne zu scheitern. Denn Paul Thomas Anderson erzählt gleichzeitig eine romantische Liebesgeschichte mit psychedelischen Einschüben.
Paul Thomas Andersons neuer Film „The Battle of Baktan Cross“ (One Battle After Another) läuft am 25. September 2025 an.
mit Adam Sandler, Emily Watson, Philip Seymour Hoffman, Luis Gusmán, Mary Lynn Rajskub, Robert Smigel
Eternal You – Vom Ende der Endlichkeit (Deutschland/USA 2024)
Regie: Hans Block, Moritz Riesewieck
Drehbuch: Hans Block, Moritz Riesewieck
Sehr sehenswerter und zum Nachdenken anregender Dokumentarfilm über Menschen, die mit ihren verstorbenen Liebsten reden können. Möglich wird das, indem Unternehmen mit der Hilfe von Künstlicher Intelligenz Avatare programmieren, die den Verstorbenen immer mehr ähneln. Verkaufen tun sie es als Hilfe bei der Trauerbewältigung. Stimmt das? Oder sollten solche KI-Anwendungen verboten werden?
Die frisch geschiedene Meg Altman entdeckt mitten in Manhattan ihr Traumhaus. In ihm ist sogar, letzter Schrei der Sicherheitsindustrie für ängstliche, stinkreiche Großstädter, ein Panic Room. In diesen sicheren Raum kann sich der Hausbesitzer während eines Einbruchs zurückziehen und abwarten bis die Polizei anrückt. Meg hält den Raum für überflüssig, aber als in der Nacht drei Einbrecher auftauchen, flüchtet sie mit ihrer Tochter in den Panic Room. Dummerweise wollen die Einbrecher die in diesem Zimmer versteckten Millionen des Vorbesitzers stehlen.
Das mag jetzt neu klingen, aber im Kern erzählt „Panic Room“ eine uralte, aus jedem zweiten Western bekannte Story. Tauschen Sie einfach den Panic Room gegen ein Fort oder eine Wagenburg; die Einbrecher gegen Indianer aus und Sie wissen genau, in welchem Moment die Kavallerie auftaucht. Oh, und in welchem Zustand das Haus ist.
David Koepp und David Fincher machen daraus einen spannenden Hightechthriller.
Oder sagen wir es mit den Worten von Georg Seeßlen: Panic Room „ist vor allem ein reduzierter, ebenso brillant konstruierter wie fotografierter Thriller, ein Kammerspiel des Terrors, das alle Elemente, die am Anfang eingeführt wurden, beständig transponiert, wendet und variiert. Insofern ist Panic Room ein Stück reiner Film-Komposition, in der Sujets, Objekte und Einstellungen die Rollen von Melodien, Takten und Tönen übernehmen (…). Und wie für eine musikalische Komposition, so gilt auch für Panic Room: Es kommt nicht allein auf die Erfindung einer Melodie an, sondern auch darauf, was ein Interpret mit ihr anzustellen weiß.“ (in Frank Schnelle [Hrsg.]: David Fincher)
Mit Jodie Foster, Kristen Stewart, Forest Whitaker, Dwight Yoakam, Jared Leto, Patrick Bauchau, Andrew Kevin Walker (der „Se7en“-Drehbuchautor spielt den verschlafenen Nachbarn)
Drei Tage und ein Leben(Trois jours et une vie, Frankreich 2019)
Regie: Nicolas Boukhrief
Drehbuch: Pierre Lemaitre, Perrine Margaine
LV: Pierre Lemaitre: Trois jours et une vie, 2016 (Drei Tage und ein Leben)
Kurz vor Weihnachten verschwindet in den belgischen Ardennen ein Kind. Die Suche verläuft ergebnislos. Auch weil der zwölfjährige Antoine, der weiß, was passiert ist, schweigt. Fünfzehn Jahre später kehrt er in das Dorf zurück.
Ruhiger Thriller, der an Claude Chabrols schwarzhumorige Abrechnungen mit dem französischen Bürgertum erinnert. Auch wenn die Geschichte in Belgien spielt.
Vor zehn Jahren erhielt Cixin Liu für seinen Roman „Die drei Sonnen“ den renommierten Hugo Award. In China erschien der Science-Fiction-Roman bereits 2006/2008 und er war in seiner Heimat schon ein Erfolg, bevor er in verschiedenen Übersetzungen zu einem weltweiten Erfolg wurde. Auch in Deutschland stürzten Science-Fiction-Fans sich auf den Roman, der gleichzeitig Auftakt der Trisolaris-Trilogie ist.
Danach übersetzte der Heyne Verlag in schneller Folge die weiteren Bände der Trisolaris-Trilogie, seine anderen Romane und Kurzgeschichten. Seine Bücher und Kurzgeschichten waren die Vorlage für Kinofilme, Serien, Comics und Mangas.
Cixin Liu wurde mit Trisolaris-Trilogie zu einem weltweiten Bestsellerautor, Botschafter der chinesischen Science-Fiction-Literatur und Türöffner für seine Kollegen.
Jetzt erschien der Sammelband „Der Blick von den Sternen“, der vor allem den Hunger seiner Fans nach neuen Romanen und Kurzgeschichten befriedigt.
Der Sammelband enthält achtzehn Texte von Liu und ein Interview mit ihm. Es handelt sich um sechs Kurzgeschichten, die zwischen 1999 und 2002 veröffentlicht wurden, zwölf Essays, die Liu zwischen 2002 und 2015 veröffentlichte, und ein 2004 veröffentlichtes Interview über seinen Roman „Kugelblitz“. Die Kurzgeschichten sind Frühwerke, die eine gute Idee haben, aber doch meistens im skizzenhaften verbleiben. Die Essays, wozu auch kurze Statements gehören, liefern selbstverständlich einen Einblick in sein Denken, aber oft fehlt der Zusammenhang und gerade die älteren Texte, wie „Die Welt in fünfzig Jahren“ (2005), sind primär historisch interessant.
Alle Texte, wozu auch die mit dem Publikumspreis des 14. Galaxy Awards auszeichnete Kurzgeschichte „Der Einstein-Äquator“ gehört, erschienen jetzt, so mein Überblick, erstmals auf Deutsch.
Diese Auszeichnung ändert aber nichts daran, dass „Der Blick von den Sternen“ vor allem ein aus verstreut erschienenen Texten zusammengestelltes Werk für seine Fans ist, die wirklich jeden Text von ihm haben wollen.
Alle anderen sollten besser mit „Die drei Sonnen“, dem grandiosen Auftakt seiner Trisolaris-Trilogie, oder dem vorzüglichen Kurzgeschichten-Sammelband „Die wandernde Erde“ beginnen.
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Cixin Liu: Der Blick von den Sternen
(übersetzt von Karin Betz, Johannes Fiederling und Marc Hermann)
Heyne, 2025
336 Seiten
20 Euro
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Originalausgabe
A View from the Stars
Tor Books (Tom Doherty Associates), New York, 2024
LV: Deborah E. Lipstadt: History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, 2005
Damit hat die Historikerin Deborah E. Lipstadt nicht gerechnet, als sie in ihrem neuesten Buch den Holocaust-Leugner David Irving scharf angreift. 1996 reicht Irving beim höchsten englischen Zivilgericht eine Verleumdungsklage gegen sie ein. Jetzt muss sie vor Gericht beweisen, dass es den Holocaust wirklich gab.
Eine sehr gute, sehr ehrenwerte und in jeder Sekunde honorige, aber auch etwas bieder geratene Geschichtsstunde. Absolut sehenswert.
ABER nicht in dieser Qualität. 1971 schlug Adrian Maben Pink Floyd, damals bestehend aus der klassischen Besetzung Roger Waters (Bass), David Gilmour (Gitarre), Richard Wright (Keyboards) und Nick Mason (Schlagzeug), vor, in Pompeji im Amphitheater einige Songs ohne Publikum zu spielen und daraus einen Konzertfilm zu machen.
1972 wurde das Werk erstmals der Öffentlickeit präsentiert. Vor dem Kinostart 1974 gab es Nachdrehs in den Abbey Road Studios. Seitdem wurde der Konzertfilm, teils in leicht geänderten Schnittfassungen, immer wieder veröffentlicht.
Präsentiert werden von den vier Musikern im menschenleeren, sonnendurchfluteten Theater heute immer noch bekannte Songs, wie „Echoes“, „One of these Days“ (beide von „Meddle“) und „A Saucerful of Secrets“ (von „A Saucerful of Secrets“ und „Ummagumma“), aber nicht die große Hits von ihren später veröffentlichten LPs. Als Pink Floyd in Pompeji spielte, waren sie bereits eine bekannte Band. Der große Durchbruch erfolgte 1973 mit „The Dark Side of the Moon“. Einige Soundschnipsel aus der LP wurden im Film zu Aufnahmen aus dem Abbey Road Studios verwendet. Dort entstanden auch Aufnahmen von Gesprächen mit und zwischen den Musikern.
Für die aktuelle Kinoauswertung wurde das originale 35mm-Kameranegativ, das kürzlich im Archiv von Pink Floyd entdeckt wurde, in 4K restauriert. Steven Wilson (Porcupine Tree) mischte für das Kino und das Heimkino den Ton neu ab.
Das Bild ist – ich konnte den Musikfilm im IMAX, in einer der vordersten Reihen sitzend, sehen – fantastisch. Das sind Details zu sehen, die frühere Generationen so wahrscheinlich niemals sahen. Der Ton überzeugt ebenfalls.
Der Film selbst ist heute eine Zeitkapsel, der auch eine Band kurz vor ihrem so von niemand erahnbarem großen Durchbruch zeigt. Einige damals revolutionäre Stilmittel sind heute veraltet. Einiges was damals mit großem logistischem Aufwand verbunden war, wird heute lässig für jeden Konzertmitschnitt verwendet. Die Mischung aus live im Amphitheater aufgenommenen Stücken, Impressionen aus dem Studio, Gesprächen und pointillistisch eingestreuten Bildern von durch die Landschaft laufenden Musikern und römischen Fresken war damals sicher aufregender als heute, wo wir solche Montagen schon hunderttausendmal gesehen haben. Jedenfalls hätte ich gerne mehr von ihrem Auftritt in Pompei gesehen.
Als historisches Dokument und als wegweisender Konzertfilm ist „Pink Floyd at Pompeii“ immer noch sehenswert und in der aktuellen Fassung, betitelt als „Pink Floyd at Pompeii – MCMLXXII“, im Kino ein Erlebnis, das wegen der Bilder und der Musik im größten Kinosaal mit der besten Soundanlage gesehen werden sollte.
Für das Heimkino und die heimische Stereonanlage erscheint der Konzertfilm am 2. Mai als CD, DVD, Blu-Ray und LP.
Pink Floyd at Pompeii – MCMLXXII(Pink Floyd at Pompeii – MCMLXXII, Großbritannien/USA 2025)
Regie: Adrian Maben
Drehbuch (eher Idee): Adrian Maben
mit Roger Waters, David Gilmour, Richard Wright, Nick Mason
Länge: 89 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
–
alternativer Titel/Originaltitel: Pink Floyd: Live at Pompeii (Frankreich/Deutschland 1972/1974)
Der aus Sussex kommende Tom Michell (Steve Coogan) ist, nach einer langen Tour durch ähnliche Schulen in Südamerika, 1976 in Buenos Aires gelandet. Er ist im noblen St. George’s College der neue Englischlehrer. In dem von der Außenwelt durch eine Mauer getrenntem Jungeninternat sind die Regeln streng. Ihm wird die lernschwache siebte Klasse zugewiesen. Er soll ihre Leistungen soweit verbessern, dass sie versetzt werden können.
Nach dem Militärputsch wird die Schule für einige Tage geschlossen. Zusammen mit einem Kollegen unternimmt er einen typischen Junggesellenausflug nach Uruquay. Um eine Frau, die er am Strand trifft, zu beeindrucken und so später Sex mit ihr zu haben, rettet er einen ölverschmutzten Pinguin vor dem Tod. Der Pinguin überlebt. Die Frau will trotzdem nicht mit ihm ins Bett gehen. Außerdem verfolgt der Pinguin ihn fortan überall hin. Am Strand, wenn der Pinguin hinter Tom herläuft, ist das ein putziges Bild. Wenn er den Pinguin im Handgepäck über die Grenze schmuggeln muss und er ihn im Internat in seinem Zimmer – erfolglos – vor neugierigen Blicken schützen will, ist das weniger putzig, sondern gefährlich, weil er gegen verschiedene Regeln verstößt und er seine Arbeit und seine Freiheit verlieren könnte.
Aber „Der Pinguin meines Lebens“ ist kein Drama, sondern eine humoristische Feelgood-Komödie über einen ausgebrannten, sarkastischen Lehrer, der dank der Hilfe eines Pinguins zu einem besseren Menschen wird. Und der mit der Hilfe des Pinguins seine Schüler zu besseren Schülern macht.
Der historische Hintergrund bleibt eine pittoreske Kulisse.
„Ganz oder gar nicht“-Regisseur Peter Cattaneo inszenierte die Geschichte nach einem Drehbuch von Jeff Pope. Pope schrieb auch die Drehbücher für „Philomena“ und „Stan & Ollie“, die beide mit Steve Coogan verfilmt wurden. Und wie schon „Philomena“ und „Stan & Ollie“ basiert die Geschichte auf einer wahren Geschichte. In diesem Fall den 2015 erschienenen gleichnamigen Memoiren von Tom Michell. Dieses Mal nahm Pope sich Freiheiten. Die auffälligste und folgenreichste Änderung ist, dass er Michells Alter änderte. Der echte Tom Michell war damals Mitte zwanzig. Der von Steve Coogan im Film als liebenswert-sarkastischer Miesepeter mit dem Herzen auf dem rechten Fleck gespielte Michell ist ein Mann in den Fünfzigern. Er blickt auf ein längeres Leben zurück und er ist auch ein anderer Charakter als der echte Michell.
Aber warum sollte die Wahrheit eine schöne Geschichte stören?
Der Pinguin meines Lebens (The Penguin Lessons, Großbritannien/Spanien 2024)
Regie: Peter Cattaneo
Drehbuch: Jeff Pope
LV: Tom Michell: The Penguin Lessons, 2015 (Der Pinguin meines Lebens)
mit Steve Coogan, Vivian El Jaber, Björn Gustafsson, David Herrero, Jonathan Pryce, Alfonsina Carrocio, Mica Breque