LV: Antony Johnston/Sam Hart: The Coldest City, 2012 (The Coldest City)
Berlin, 1989, vor dem Fall der Mauer: ein britischer Geheimagent wird getötet. Er hatte eine Liste bei sich, die nicht in die falschen Hände fallen darf. Der MI6 schickt seine beste Agentin los. Kurz darauf prügelt Agentin Lorraine Broughton (Charlize Theron) sich durch das feindiche Gelände.
Action- und wendungsreicher, in Berlin spielender Agententhriller, der viel zu stylish für Berlin ist.
mit Charlize Theron, James McAvoy, John Goodman, Til Schweiger, Eddie Marsan, Sofia Boutella, Toby Jones, Roland Møller, Bill Skarsgård, Barbara Sukowa
Als Siebzehnjähriger ermordet Jackie einen Mann, der im Casino mehrere tausend Dollar gewann. Das war kein geplanter Mord, sondern eher ein Mord im Affekt und aus Enttäuschung, weil Jackie vorher im Casino nicht gewann, er darüber frustriert war und sein Opfer kein reicher Geldsack, sondern ein armer Schlucker war, der an dem Abend einfach einmal Glück gehabt hat. Jackies Beute beträgt enttäuschende 42 Dollar. Für diesen Mord wird er nicht bestraft. Anschließend geht er zum Militär. Kurz nach seiner Entlassung wird er wegen eines bewaffneten Raubüberfalls, den er begangen hat, verurteilt. Im Gefängnis lernt er Pino kennen. Nach seiner Entlassung – sie ist auf Seite 23 – wird der Dreiundreißigjährige von Pino in einer Limousine abgeholt. Pino gibt ihm eine Arbeit. Eine offizielle für seinen Bewährungshelfer. Und eine, mit der er Geld verdient. Er arbeitet für Pino als Geldeintreiber, der keine Skrupel kennt.
Als Pinos zwölfjähriger Sohn von einem Betrunkenem überfahren wird, ist Jackies Skrupellosigkeit ein unschätzbarer Vorteil bei der Erfüllung von Pinos Rachewunsch. Pino möchte nämlich, dass Jackie die elfjährige Tochter des Unfallfahrers tötet.
Das wäre normalerweise der Moment, in dem man versucht, seinen Chef von dem Vorhaben abzubringen. Aber Jackie akzeptiert den Mordauftrag ohne mit der Wimper zu zucken. Unter falschen Namen und seine Freundin betrügend, die er sich in den vergangenen Monaten gefügig gemacht hat, nähert er sich der allein erziehenden Mutter der elfjährigen Seri.
Er erschleicht sich das Vertrauen von Mutter und Tochter – und verfolgt dabei einen viel sinisteren Plan als Pino, der einfach nur möchte, dass Seri stirbt.
Kristopher Trianas „And the Devil cried“ erschien im Festa-Verlag in der Extrem-Reihe. Sie wird vom Verlag als besonders gewagt beworben. Die Bücher seien zu hart, zu brutal, teils pornographisch und zu weit weg von der Norm, um im normalen Buchhandel verkauft zu werden. Sie erscheinen ohne ISBN. Sie können nur von Erwachsenen direkt beim Verlag gekauft werden. Diese Reihenbeschreibung trifft auch auf Trianas Noir zu. Triana erzählt die Geschichte aus Jackies Perspektive als Ich-Erzählung. Jackie ist ein gefühlloser Psychopath, der Menschen skrupellos manipuliert. Er hat kein Gewissen und empfindet keine Reue oder Scham. Er tut böse Dinge, weil es ihm gefällt, böse Dinge zu tun. Er ist ein Monster, das in jedem anderen Roman der Bösewicht wäre.
„And the Devil cried“ ist harte Kost, die an die ebenfalls verstörenden und brutalen Werke von Jack Ketchum erinnert. Der steht in seinen düsteren Horror- und Kriminalgeschichten allerdings auf der Seite des Opfers.
Trianas Noir ist empfehlenswert für alle, die einmal in den Kopf eines Monster hinabsteigen wollen.
Orca, der Killerwal(Orca – The Killer Whale, USA 1977)
Regie: Michael Anderson
Drehbuch: Luciano Vicenzoni, Sergio Donati
Neues aus der Tierwelt: Ein Walfänger tötet ein schwangeres Orca-Weibchen. Ihr Mann schwört Rache. Und schon kann das Duell zwischen Mann und Orca beginnen.
„Orca, der Killerwal“ ist eines der zahllosen Plagiate von Steven Spielbergs Kassenknüller „Der weiße Hai“, das damals in den Kinos lief und anschließend vergessen wurde. Der von Dino de Laurentis produzierte und von Ennio Morricone musikalisch untermalte Monsterfilm gehört zu den wenigen Ausnahmen, die heute noch etwas bekannter sind.
Ein anderer ist Joe Dantes ungleich gelungenerer „Piranhas“.
mit Richard Harris, Charlotte Rampling, Will Sampson, Bo Derek, Keenan Wynn, Robert Caradine, Scott Walker, Peter Hooten
Ob es stimmt, wissen wir in einigen Stunden: Alan Moores Superman-Geschichte „Was wurde aus dem Mann von Morgen?“ soll eine Inspiration für James Gunns „Superman“ gewesen sein.
Bis dahin können wir einen Blick in Alan Moores 1986 erstmals erschienene Geschichte werfen. Gezeichnet wurde sie von Carl Swan, der damals schon seit Jahren Superman-Geschichten zeichnete und von den Lesern als definitiver Superman-Zeichner betrachtet wurde.
In der zweiteiligen bei Fans, Kritikern und Superman-Autoren hochangesehenen Geschichte „Was wurde aus dem Mann von Morgen?“ ist Lois Lane verheiratet und Mutter eines Kindes. Am 16. August 1997 gibt die ehemalige Journalistin einem Reporter ihrer früheren Zeitung „Daily Planet“ ein Interview über die letzten Tage Supermans. Denn vor zehn Jahren verschwand Superman spurlos.
Lane erzählt, wie zur allgemeinen Überraschung enthüllt wird, dass der harmlose Reporter Clark Kent Superman ist, er Besuch aus der Zukunft erhält und gegen seine Erzfeinde Lex Luthor und den todgeglaubten Brainiac, der von Luthor Besitz ergreift, rachedurstige Metallos und einen noch schlimmeren Gegner kämpfen muss.
In dem Sammelband sind außerdem Alan Moores 1985 erschienene Superman-Geschichten „Die Grenze des Dschungels“ (gezeichnet von Rick Veitch) und „Das Geschenk“ (gezeichnet von Dave Gibbons) enthalten.
In „Die Grenze des Dschungels“ kommt Superman mit einem außerirdischem Pilz in Kontakt. Er verliert seine Superkräfte und beginnt zu halluzinieren. Er fährt zum Sterben in den Süden der USA. Dort trifft er auf Swamp Thing.
In „Das Geschenk“ wollen seine Freunde Batman, Robin und Wonder Woman Superman etwas zu seinem Geburtstag schenken. Das gestaltet sich allerdings schwierig, weil er ihre Gedanken lesen kann. Noch bevor sie ihn treffen, erhält Superman von dem Bösewicht Mongul ein wahrhaft teuflisches Geschenk, das er Schwarze Gnade nennt. Es handelt sich um eine Mischung aus Pflanze und denkendem Pilz, die sich im Geist ihres Opfers festsetzt und seinen größten Wunsch erfüllt. Batman, Robin und Wonder Woman fragen sich, wie sie ihren Freund wieder in ihre Welt zurückholen können.
Alan Moores drei Superman-Geschichten sind ungewöhnliche und einflussreiche Superman-Geschichte. Sie zeigen den Superhelden nicht primär im Kampf gegen seine altbekannten Gegner, sondern sie lassen ihn gegen seine inneren Dämonen kämpfen oder ein Leben abseits des Superheldendaseins ausprobieren.
–
Alan Moore/Curt Swan: Superman: Was wurde aus dem Mann von Morgen?
Drehbuch: Pierre Granier-Deferre, Dominique Roulet
LV: Andrew Coburn: Widow’s Walk, 1984
Vor dem Beginn der umsatzträchtigen Saison werden in einem kleinen Badeort am Atlantik mehrere Männer angespült, die durch einem Schuss ins Ohr ermordet wurden. Ein Trio junger, in einer Villa an der Küste lebender Frauen gerät in den Fokus von Inspector Molinat. Sind sie die Mörderinnen – oder halten sie ihn zum Narren? Außerdem muss Molinat sich mit einem jungen Kollegen herumschlagen, der sich zu sehr für seine Vergangenheit in dem Badeort interessiert.
Selten gezeigter französicher Krimi, der schwarzhumorig vergnüglich seine Geschichte entfaltet. Ein Sommerkrimi
mit Philippe Noiret, Guy Marchand, Elizabeth Bourgine, Anne Roussel, Gabrielle Lazure, Marie Trintignant, Stefania Sandrelli, Andréa Ferréol, Laura Betti, Suzanne Flon
Superman – Special Edition (Superman, Großbritannien 1978)
Regie: Richard Donner
Drehbuch: Mario Puzo, David Newman, Leslie Newman, Robert Benton (nach einer Geschichte von Mario Puzo, basierend auf der von Jerry Siegel und Joe Shuster erfundenen Figur)
Bevor am Donnerstag James Gunns Version von „Superman“ im Kino anläuft, gibt es eine Gelegenheit, eine frühere, an der Kinokasse enorm erfolgreiche Version des Mannes aus von einem anderen Planeten anzusehen.
Donner erzählt in einem tonal chaotischen, mit Stars und Spezialeffekten auf maximalen Effekt getrimmtem Superheldenfilm die inzwischen wohl allgemein sattsam bekannte Origin Story von ‚Superman‘ Clark Kent und seinen ersten Tagen als Reporter beim „Daily Planet“ .
Der Film wurde ein Hit. Der unbekannte Christopher Reeve war danach ein Star und zeitlebens als Schauspieler nur für diese Rolle bekannt. Drei Fortsetzungen mit ihm als Superman wurden gedreht.
Aus heutiger Sicht ist „Superman“ die Blaupause für aktuelle Superheldenfilme; minus CGI.
Der Director’s Cut ist knapp acht Minuten länger als die Kinofassung.
Anschließend, um 22.50 Uhr, zeigt Tele 5 „Superman II – Allein gegen alle“ (Großbritannien 1980). Teile der Fortsetzung entstanden beim Dreh von „Superman“.
mit Christopher Reeve, Margot Kidder, Gene Hackman, Jackie Cooper, Ned Beatty, Marlon Brando, Glenn Ford, Phyllis Thaxter, Terence Stamp, Jack O’Halloran, Maria Schell, Susannah York, Sarah Douglas, Valerie Perrine, Larry Hagman, Jeff East
4 (–) Les Edgerton: Das grenzgeniale Pseudo-Kidnapping
Aus dem Englischen von Stefan Rohmig
Pulp Master, 366 Seiten, 16 Euro
5 (–) Davide Longo: Ländliches Requiem
Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner und Felix Mayer
Rowohlt, 527 Seiten, 26 Euro
6 (–) Stephen King: Kein Zurück
Aus dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt
Heyne, 639 Seiten, 28 Euro
7 (–) Sophie Morton-Thomas: Das Nest
Aus dem Englischen von Lea Dunkel
Pendragon, 302 Seiten, 22 Euro
8 (–) Eliza Clark: Boy Parts
Aus dem Englischen von Elena Helfrecht
Festa, 367 Seiten, 24,99 Euro
9 (–) Eli Cranor: Ozark Dogs
Aus dem Englischen von Cornelius Hartz
Atrium, 285 Seiten, 24 Euro
10 (4) Leye Adenle: Spur des Geldes
Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer
InterKontinental, 370 Seiten, 24,50 Euro
–
In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.
–
Neun Übersetzungen aus dem Englischen. Puh.
Sehr gut gefällt mir der Originaltitel von „Das Nest“. „Bird Spotting in a Small Town“ klingt für einen Kriminalroman so harmlos, dass das Krimi-geschulte Hirn sofort neugierig ist.
Gleiches gilt für „Das grenzgeniale Pseudo-Kidnapping“, bzw. im Original „The Genuine, Imitation, Plastic Kidnapping“.
Weit herumgekommen ist Max Annas. Seine ersten Kriminalromane spielten in in der Gegenwart in Südafrika. Danach ging es Richtung DDR. Auch mal in die Zukunft. Jetzt ist er in der Bundesrepublik Deutschland wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Köln im Jahr 1959 gelandet.
Dort muss Adi sehen, wie sein Freund Karl von einem BMW ‚Barockengel‘ überfahren wird. Sie waren auf dem Heimweg von einer Demonstration gegen die Wiederbewaffnung. Durch einen Zufall – im Nachbarhaus von Adis Onkel wird mitten in der Nacht in der Autowerkstatt der Unfallwagen repariert – erfahren sie, dass der BMW dem vermögendem Fuhrunternehmer Alfred Salz gehört. Allerdings will Adi aufgrund früherer schlechter Erfahrungen mit der Polizei, nicht zur Polizei gehen.
Während der neunzehnjährige Adi mit seinen Freunden, der achtzehnjährige Hagen und die siebzehnjährige Gisela, noch überlegt, was sie tun sollen, überlegt Reinhard Clausen, warum die drei Jugendlichen sich für Salz interessieren. Clausen (das ist nicht sein echter Name) ist auf einer Mordtour an Männern, die den Krieg erlebt haben. Auch wenn wir in diesem Moment sein Motiv noch nicht kennen (eine Idee haben wir schon), wissen wir, dass er nicht der normale Serienmörder ist.
„Tanz im Dunkel“ beginnt zügig. Bereits nach zwei Seiten ist Karl tot. Entsprechend flott geht es in kurzen Kapiteln und mit viel Zeitkolorit weiter. So hören Adi, Hagen und Gisela gemeinsam viel Musik und, auch wenn sie den Text nicht verstehen, ahnen sie, über was Aretha Franklin in „Precious Lord“ singt.
Weitere Figuren, wie der kurz vor der Pensionierung stehende Kriminalhauptkommissar Siegfried Hartmann, werden eingeführt. Annas springt zwischen den verschiedenen Handlungssträngen in kurzen Abschnitten hin und her. Ereignisse, die zu weiteren Aktionen und Verwicklungen führen sollten werden dann allerdings nicht weiterverfolgt. So spielt das Engagement der Jugendlichen gegen die Wiederbewaffnung später keine Rolle mehr. Sie hätten sich genausogut auf dem Heimweg von einem Abend in einem Lokal befinden können. Gleiches gilt für die von Salz‘ Sohn an Mauern geschmierte Hakenkreuze. Oder wenn Adi in ein geheimes Treffen von alten und jungen Nazis stolpert, entdeckt wird und entkommen kann. Das alles bleibt letztendlich nur folgenloses Zeitkolorit, während die Rachegeschichte von Adi, Hagen und Gisela an dem Mörder ihres Freundes zunehmend an den Rand gedrängt wird.
Das Ende trägt dann zu dem enttäuschenden Gesamteindruck bei, weil die Motive für die Morde weitgehend im Dunkeln bleiben. Warum Karl überfahren wurde, bleibt unklar. Das Motiv für die von Clausen verübten Morde wird nur spärlich skizziert.
Drehbuch: Scott Beck, Bryan Woods, Mark Heyman (nach einer Geschichte von Scott Beck und Bryan Woods)
LV: Stephen King: The Boogeyman, 1973 (Kurzgeschichte, Cavalier 1973) (Das Schreckgespenst) (später erschienen in dem Sammelband „Nightshift“, 1978 [Nachtschicht])
Nach dem Suizid eines Patienten richtet sich im Schrank des Kinderzimmers des Hauses von Dr. Harper der titelgebende „Boogeyman“ ein und ängstigt Harpers beiden Töchter. Harpers älteste Tochter will ihre kleine Schwester beschützen.
TV-Premiere. „The Boogeyman“ besteht aus vertrauten Elementen, die in der vertrauten Reihenfolge mit weitgehend vertrauten Schreckmomente (es geht doch nichts über plötzliche laute Geräusche und plötzlich auftauchende monströse Monsterfinger) präsentiert werden.
(übersetzt von Barbara Heidkamp, Harro Christensen, Michael Kubiak, Karin Balfer, Ulrike A. Pollay, Sabine Kuhn, Ingrid Herrmann, Wolfgang Hohlbein, Bernd Seligmann und Stefan Sturm)
Nachdem Damian John Harper zuletzt mit dem Fantasyfilm „Woodwalkers“ eine kommerziell erfolgreiche Adaption einer erfolgreichen Jugendbuchserie über ein Internat, in dem Jugendliche mit besonderen Fähigkeiten unterrichtet werden, einen Film für Kinder und Jugendliche inszenierte, schien sein neuer, bereits vor „Woodwalkers“ gedrehter Film „Frisch“ eine Rückkehr zu seinen sozialkritischen Wurzeln zu sein. Immerhin geht es um eine Milieugeschichte.
Als der 24-jährige Kai erfährt, dass sein drei Jahre älterer Bruder Mirko früher als erwartet aus dem Gefängnis kommt, hat er eine Panikattacke. Denn die 10.000 Euro, die er für ihn aufbewahren sollte, hat er fast vollständig ausgegeben für seine Frau und glücklose Pferdewetten.
Mirko ist der sprichwörtliche gewalttätige Proll mit der kurzen Lunte. Er will das Geld sofort haben und er wird keine Erklärung akzeptieren. Kai weiß, dass er das Geld sofort beschaffen muss. Irgendwie.
Eine sozialkritische Erdung erhält „Frisch“, weil die im Ruhrgebiet spielende Geschichte im proletarischen Arbeitermilieu spielt. Kai arbeitet in einer Schlachterei. Eine Perspektive auf einen besseren Job hat der mit Ayse verheiratete Vater einer vierjährigen Tochter nicht. Aber zurück in sein früheres Leben als Partner von seinem großen Bruder bei illegalen Geschäften und als Kleinkrimineller will er nicht. Geld und Bildung sind Fremdworte in den abgeranzten Wohnungen und Kneipen, in denen er seit seiner Geburt verkehrt. Harper könnte jetzt, wie in seinen vorherigen Filmen für Erwachsene („Los Ángeles“, „In the Middle of the River“), eine düstere Milieugeschichte erzählen.
Aber dieses Mall will Harper kein Sozialdrama inszenieren. Dafür werden die Lebensumstände von Kai, seine Arbeit in der Schlachterei und sein Umfeld viel zu holzschnittartig und oberflächlich geschildert. Die Arbeit im Schlachthof ist nur pittoreske Kulisse.
Der Rest geht, bewusst stilisiert und in einer künstlichen Welt spielend, die keine direkte Verbindung zu enem realen Ort hat, in Richtung eines prolligen deutschem Gangsterfilms im Fahrwasser von „Bang Boom Bang“. Aber während „Bang Boom Bang“ vor über 25 Jahren noch einen prolligen Ruhrpott-Charme hatte, ist in Harpers Gangsterfilm einfach alles nur gewollt und falsch. Und auch niemals witzig.
Dazu gibt es Ralf Richter (yep, „Bang Boom Bang“) als alles pädagogisch erklärenden Erzähler, Karl-May-Indianerromantik im TV für die Blutsbrüder Kai und Mirko und viel Country-Musik, weil das im Ruhrpott wohl der aktuell letzte Schrei ist.
Das ist dann so uninteressant aus der Zeit gefallen, wie es sich anhört.
Frisch(Deutschland 2024)
Regie: Damian John Harper
Drehbuch: Damian John Harper
LV: Mark McNay: Fresh, 2008 (Frisch)
mit Louis Hofmann, Franz Pätzold, Sascha Geršak, Canan Kir, Pinar Erincin, Božidar Kocevski, Zejhun Demirov, Ralf Richter (nur Stimme, bzw. genaugenommen „Innerer Monolog“)
Die kellnerrnde und sich vor allem um ihre Mutter kümmernde Anthropologiestudentin Sofia Papastergiadis (Emma Mackey) fährt mit ihrer Mutter Rose (Fiona Shaw) nach Almeria. In der spanischen Küstenstadt trifft die seit Jahrzehnten in einem Rollstuhl sitzende Rose auf einen Arzt, der sie vielleicht heilen kann. Dabei ist schnell, spätestens während Roses erstem Gespräch mit dem Doktor, klar, dass Rose jederzeit aufstehen und gehen könnte. Aber sie will nicht.
Während der Tage zwischen gemietetem Apartment und Arztbesuchen trifft Sofia am Strand auf die geheimnisvolle, sexuellen Abenteuern und Gesprächen nicht abgeneigte Ingrid Bauer (Vicky Krieps).
„Hot Milk“ ist der Debütfilm von Rebecca Lenkiewicz. Sie schrieb zuletzt die Drehbücher für das #MeToo-Drama „She said“ und die Wanderergeschichte „Der Salzpfad“ (Kinostart: 17. Juli).
In ihrem auf dem gleichnamigem Roman von Deborah Levy basierendem Drama geht es um die Beziehung zwischen einer selbstsüchtigen Mutter und einer Tochter, die ihr alle Wünsche erfüllt. Ob und wie sehr sie sich emanzipiert (was schon lange überfällig ist), ist dann das Thema des zähe neunzig Minuten vor sich hin plätschernden Films, der mich seltsam unberührt zurückließ.
Hot Milk (Hot Milk, Großbritannien 2025)
Regie: Rebecca Lenkiewicz
Drehbuch: Rebecca Lenkiewicz
LV: Deborah Levy: Hot Milk, 2016 (Heiße Milch)
mit Emma Mackey, Fiona Shaw, Vicky Krieps, Vincent Perez
Drehbuch: Kario Salem, Lem Dobbs, Scott Marshall Smith (nach einer Geschichte von Daniel E. Taylor und Kario Salem)
Hehler Max überredet den immer allein arbeitenden Profieinbrecher Nick Wells zu einem Einbruch ins ausgezeichnet gesicherte Zolllager von Montreal. Dort ist für einige Tage ein wertvolles Königszepter. Die Pläne erhält Nick dank eines Insiders. Dummerweise will der Insider bei dem Coup nicht nur helfende Hand sein.
Drei Schauspielgiganten in einem amüsanten Caper.
“The Score” ist der letzte Film von Marlon Brando. Nach mehreren, sehr höflich formuliert, schlechten Werken, gelang ihm mit dem elegant, altmodischen “The Score” ein würdevoller Abschied.
Brando starb am 1. Juli 2004.
Mit Robert De Niro, Edward Norton, Marlon Brando, Angela Bassett, Gary Farmer, Paul Soles
Der Moment in dem sich meine Einstellung zu dem neuesten „Jurassic Park“-Film „Jurrassic World: Die Wiedergeburt“ von freudiger Erwartung – Drehbuch: David Koepp, Regie: Gareth Edwards, Hauptrolle: Scarlett Johansson – zu einer Mischung aus Entsetzen, gefolgt von massiver, bis zum Abspann anhaltender Enttäuschung änderte, ist schon in der ersten Minute des Films.
Siebzehn Jahre vor dem Beginn der eigentlichen Filmgeschichte betreibt InGen auf der Ile Saint-Hubert, 365 Kilometer vor der Nordostküste Südamerikas, ein hochgesichertes und geheimes Forschungslabor. Dort werden nicht nur Dinosaurier wieder zum Leben erweckt, sondern es wird auch mit Kreuzungen und Mutationen experimentiert. Einer der Mitarbeiter hat bereits seine Schutzausrüstung angelegt, die ihn wie einen Astronauten aussehen lässt. Vor der Luftschleuse stehend isst er noch schnell einen Schokoriegel, lässt die Verpackung achtlos auf den Boden des klinisch sauberen, absolut schattenfreien Raumes fallen, setzt seinen Helm auf und betritt den hochgesicherten Teil der Anlage. Die Verpackung schwebt durch den Raum, löst eine Kurzschluss aus – und die Dinos können einige Menschen töten.
In dem Moment, als er die Verpackung fallen lässt, verlor der Film bei mir jede Glaubwürdigkeit. Filme können wirklichkeitsfern sein. Menschen können durch Dummheit Katastrophen auslösen. Aber die Macher sollten sich etwas mehr Mühe beim Erfinden und Erzählen von solchen Unfällen geben. Das hier ist jede Glaubwürdigkeit über Gebühr strapazierende Schlampigkeit, die eine Scheißegal-Einstellung gegenüber dem Publikum hat.
Ab da wurde es nicht besser. In der Gegenwart und nach den Ereignissen der vorherigen „Jurassic Park“/“Jurassic World“-Filme, in denen Menschen immer wieder mit Dino-DNA herumspielen, Dino-Vergnügungsparks mit katastrophalen Folgen eröffnen und die Dinosaurier sich über der gesamten Welt ausbreiten, sind sie jetzt, fünf Jahre nach den Ereignissen des sechsten „Jurassic Park“-Films „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ (2022), fast alle gestorben. Das Klima bekam ihnen nicht. Nur in der Nähe des Äquators leben noch einige Dinosaurier.
Martin Krebs (Rupert Friend), Angestellter des Pharmakonzerns ParkerGenix, will aus Dino-DNA ein Heilmittel gegen Herzkrankheiten herstellen. Weil die Dinosaurier, deren DNA er für sein Projekt benötigt, nur auf der Ile Saint-Hubert leben, engagiert er Zora Bennett (Scarlett Johansson). Die Ex-Soldatin und ein kleines, von ihr zusammengestelltes Team sollen die DNA von drei verschiedenen Dinosauriern – einer lebt im Wasser, einer auf dem Land und einer in der Luft – beschaffen. Also machen sie sich auf den Weg zu der in einer verbotenen Zone liegenden Insel.
Zur gleichen Zeit segelt die Familie Delgado mit ihren beiden Töchtern und dem Freund der ältesten Tochter durch die gleichen Gewässer.
Beide Gruppen stranden nach eher unerfreulichen Begegnungen mit den riesigen Urviechern auf der Insel. Während die Familie kopflos durch den Insel-Urwald stolpert, suchen die anderen, öhm, Inselbesucher die Dinos, deren DNA sie benötigen. Das entwickelt sich dann, gänzlich humorfrei und ohne irgendeine Camp-Attitüde, auf dem Niveau eines schlechten Hollywood-Serials aus den dreißiger und vierziger Jahren.
Die banale Story reiht, wechselnd zwischen den beiden Handlungssträngen, einfach Aufgaben („Schieß die DNA-Entnahmespritze irgendwo auf den Dino.“) an Begegnungen mit blutrünstigen Dinosauriern, die zu teils längeren, von ihrem Ablauf vorhersehbaren und gänzlich spannungsfreien Actionszenen führen aneinander, bis etwas über zwei Stunden rum sind und der Abspann beginnen kann. Die Figuren sind dabei sogar zu uninteressant, um zu sterben. Sicher, die Dinos töten einige wenige Menschen, aber ein richtiger, erinnerungswürdiger Heldentod wird niemandem gegönnt.
Überraschend bei diesem in dieser Form hoffnungslos veraltetem Plot ist nur der Name des Drehbuchautors. David Koepp schrieb die Bücher für die ersten beiden „Jurassic Park“-Filme, den ersten „Mission: Impossible“-Film, „Spider-Man“ (2002), die Dan-Brown-Verfilmungen „Illuminati“ und „Inferno“, und, obwohl die Filme schecht sind, die letzten beiden „Indiana Jones“-Filme. Zuletzt schrieb er für Steven Soderbergh den gewitzten Agententhriller „Black Bag – Doppeltes Spiel“. Er weiß, wie man eine spannende Geschichte erzählt. In diesem Fall belässt er es bei einem Griff in seinen Zettelkasten und einer weitgehend zufälligen Aneinanderreihung von Begegnungen zwischen Menschen und Dinosauriern. Denn es ist egal, ob zuerst dem See- und dann dem Flugdinosaurier die DNA entnommen wird. Oder ob dies in umgekehrter Reihenfolge geschieht.
Gareth Edwards liefert hier seine mit Abstand schlechteste Arbeit als Regisseur. In seinen vorherigen Filmen „Monsters“ (2010), „Godzilla“ (2014), „Rogue One: A Star Wars Story“ (2016) und „The Creator“ (2023) durfte er reichlich Erfahrungen mit Monstern und Reisen in unwirtliche Gegenden machen. Hier begnügt er sich damit, die Schauspieler durch das Bild zu schieben und die Arbeit der vor Computern sitzenden Spezialeffekteteams zu koordinieren. Denn die Dinosaurier sind fast ausschließlich CGI-Dinosaurier. Das war vor über dreißig Jahren in „Jurassic Park“, dem von Steven Spielberg inszeniertem Beginn der „Jurassic Park“-Filmreihe, noch anders. Damals gab es wenige Computer- und viele praktische Effekte. Später änderte sich das Verhältnis, aber sie vermittelten immer einen Eindruck von der Größe und dem Gewicht der Dinosaurier.
Nicht so in „Jurassic World: Die Wiedergeburt“. Wenn die Dinos sich durch das Wasser bewegen oder durch irgendwelche Tümpel gehen, bewegt sich das Wasser nicht. Wenn sie über die Insel stampfen, ist nichts von ihrem Gewicht spürbar. Dass sie riesig sind, sehen wir. Die Schauspieler agieren, weitgehend lustlos, im Vordergrund des Bildes als ob sie in einem vollkommen anderen Film mitspielen.
Diese „Wiedergeburt“ ist dann doch eher eine Totgeburt.
Jurassic World: Die Wiedergeburt(Jurassic World Rebirth, USA 2025)
Regie: Gareth Edwards
Drehbuch: David Koepp (basierend auf Charakteren von Michael Crichton)
mit Scarlett Johansson, Mahershala Ali, Jonathan Bailey, Rupert Friend, Manuel Garcia-Rulfo, Ed Skrein, Audrina Miranda, Luna Blaise, David Iacono, Bechier Sylvain, Philippine Velge
Länge: 134 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (weil wenig und unblutig gestorben wird)
In the Line of Fire – Die zweite Chance (In the Line of Fire, USA 1993)
Regie: Wolfgang Petersen
Drehbuch: Jeff Maguire
Buch zum Film: Max Allan Collins: In the Line of Fire, 1993 (In the Line of Fire – Die zweite Chance)
Bodyguard Frank Horrigan (Clint Eastwood) leidet immer noch darunter, dass er John F. Kennedy nicht vor dem tödlichen Schuss retten konnte. Als ein Psychopath ihn mit der Drohung konfrontiert, er werde den US-Präsidenten töten, entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden.
Wolfgang Petersens Durchbruch in Hollywood, ein Kinohit und schon lange ein Thriller-Klassiker, der schnörkellos mit guten Schauspielern eine spannende Geschichte erzählt.
“Einer der besten Filme des Jahres!” (Fischer Film Almanach 1994)
mit Clint Eastwood, John Malkovich, Rene Russo, Dylan McDermott, Gary Cole, John Mahoney, Tobin Bell, John Heard, Steve Railsback
Ölmagnat Happer (Burt Lancaster!) schickt den Jungmanager MacIntyre wegen seines schottischen Namens nach Schottland. Dort soll er die Bewohner eines kleinen Dorfes von einer Ölraffinierie in Sichtweite überzeugen. Dummerweise stellt sich ein am Strand lebender Einsiedler quer.
Wunderschönes, damals auch an der Kinokasse sehr erfolgreiches Märchen. Denn es ist „eine nuancenreiche Komödie voller origineller Figuren, deren Schwächen nie verletzend geschildert werden, und voller wehmütiger Sehnsucht nach einem anderen Leben“ (Fischer Film Almanach 1984)
Chris Menges war der Kameramann und Mark Knopfler („Dire Straits“) schrieb die Musik.
mit Burt Lancaster, Peter Riegert, Fulton Mackay, Denis Lawson, Peter Capaldi, Norman Chancer
Ist es sinnvoll, einen Roman, der zu einer Zeit spielt, die der Autor als erwachsener Mann aktiv erlebte, als historischen Roman zu bezeichnen? Vor allem wenn er damals mehrere hochgelobte und heute immer noch unbedingt lesenswerte Kriminalromane schrieb, die ihm den Ruf einbrachten, er sei der Chronist von St. Pauli; also des kriminellen Lebens auf dem Kiez und den verbrecherischen und korrumptiven Verflechtungen von Halbwelt und Politik in Hamburg.
Denn „Harter Fall“, Frank Göhres vorletzter Roman, spielt vor fast fünfzig Jahren im Winter 1978/79. Eine siebzehnjährige Dänin will in Deutschland ihren Freund besuchen. Sie trampt. In Hamburg legt sie einen Zwischenstopp ein. Einige Monate später wird Hamburg-Winterhude ihre Leiche gefunden. Kriminalpolizist Hinnerk ermittelt – und Göhre entwirft in knappen Szenen, die er wie Drehbuchszenen montiert und miteinander verknüpft, auf wenigen Seiten ein großes Panorama zwischen Kiez, Politik, Jugendkultur und Musikjournalismus zwischen Hamburg und Jamaika. Es ist die Zeit, als Reggae angesagt war. Und es ist die Zeit, als der Drogenhandel sich professionalisierte.
Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Handlungssträngen ist in dem gewohnt Göhre-knappen Buch lange Zeit nur erahnbar und auch am Ende eher lose. Der Kriminalfall – immerhin bewirbt der Verlag das Buch als Kriminalroman – ist, wenn man vom traditionellen Modell einer Detektivgeschichte ausgeht, kaum vorhanden. Es gibt eigentlich keine zielgerichtete Ermittlungen eines Polizisten und der Ermittler ist nur eine Figur unter vielen. Göhre entwirft nämlich ein Noir-Gesellschaftsporträt, in dem Verbrechen, Schuld und, nun, Grenzüberschreitungen normal sind.
–
Eindeutig ein historischer Roman ist Frank Göhres neuestes Buch „Sizilianische Nacht“. In der titelgebenden Nacht stirbt im Juli 1933 in Palermo in einem Hotelzimmer im noblen Grand Hotel et des Palmes der vermögende, exzentrische sechsundfünfzigjährigen Dandy und Erfinder Jean-Paul Durand . War es ein Mord oder ein Suizid?
Göhre präsentiert seine Version der damaligen Ereignisse. Denn Durand ist Raymond Roussel.
Er erzählt die Geschichte chronologisch von Durands Ankunft im Hotel bis nach seinem Tod. Das ist, wenn man vorher nicht den Klappentext (oder diese Besprechung) gelesen hat, etwas problematisch. Denn der vom Verlag als „Kriminalroman“ gelabelte Roman liest sich sehr lange wie eine Reiseerzählung, in der Spannung und Verbrechen Fremdworte sind. Stattdessen geht es um einige Tage aus dem Leben eines seltsamen Mannes, der selten sein Zimmer verlässt. Wenn man allerdings weiß, dass Durand unter seltsamen Umständen sterben wird, hat jede Zeile ihre besondere Bedeutung. Schließlich könnte sie einen Hinweis auf das kommende Verbrechen geben. Es geht um Durands Medikamentenkonsum, seine seelischen Leiden, seine Entourage und die Menschen, die er im Hotel trifft, wenn er denn sein Zimmer verlässt. Und mit denen er Geschäfte macht. Die von Göhre präsentierte Auflösung verknüpft den Tod von Durand mit der damaligen italienischen Gesellschaft zwischen Mafia, Kapitalismus und Faschismus. Am Ende bleibt die Erkenntnis: So könnte es gewesen sein.
Nicht nur von der Länge von unter hundertvierzig Seiten, sondern auch vom Stil und Inhalt erinnert Göhres „Sizilianische Nacht“ an die ebenso kurzen Romane von Leonardo Sciascia. Der vor allem für seine Kriminalromane bekannte Italiener sezierte in seinen Schriften Italien; mal mehr, mal weniger fiktiv, aber immer sehr nah an den Fakten und den realen Machtverhältnissen entlang. Er schrieb auch ein Buch über den Tod von Raymond Roussel.
„Harter Fall“ und „Sizilianische Nacht“ sind zwei unbedingte Leseempfehlungen. In beiden Romanen zeigt Frank Göhre, was im Rahmen eines Kriminalromans (wenn man die Genregrenzen großzügig definiert) möglich ist.