TV-Tipp für den 17. November: Erin Brockovich

November 17, 2017

3sat, 22.25

Erin Brockovich – Eine wahre Geschichte (USA 1999, Regie: Steven Soderbergh)

Drehbuch: Susannah Grant

Erin Brockovich ist eine wandelnde Katastrophe: keine Ausbildung, drei Kinder, alleinerziehend, quasi pleite, nicht auf den Mund gefallen und mit Kleidungsvorstellungen, die nicht eine Anwaltskanzlei passen. Dennoch hilft sie in der Kanzlei von Ed Masry aus und stößt zufällig auf einen Umweltskandal, in den sie sich verbeißt. Der Fall wird zu einem der größten Schadenersatzprozesse der USA.

Auf einem wahren Fall beruhende, märchenhafte David-gegen-Goliath-Geschichte, die Soderbergh locker-leicht inszenierte. Er landete damit einen Kassen- und Kritikererfolg.

„Soderbergh (…) gibt einem jedenfalls den Glauben an Hollywood wieder. Als ich das Kino verließ, dachte ich: It’s a wonderful life!“ (Hans Schifferle, Schnitt 2/2000)

Julia Roberts erhielt einen Oscar als beste Hauptdarstellerin. Außerdem war der Film in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“, „Bestes Drehbuch“ und „Bester Nebendarsteller“ (Albert Finney) nominiert.

Außerdem war Susannah Grants Drehbuch für den Edgar Allan Poe Award und den Preis der Writers Guild of America nominiert.

mit Julia Roberts, Albert Finney, Aaron Eckhart, Marg Helgenberger, Cherry Jones, Peter Coyote, Erin Brockovich (Cameo als Kellnerin)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Erin Brockovich“

Wikipedia über „Erin Brockovich“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls” (The Girlfriend Experience, USA 2009)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Contagion“ (Contagion, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Haywire” (Haywire, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Magic Mike” (Magic Mike, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ (Side Effects, USA 2013)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra, USA 2013)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Logan Lucky“ (Logan Lucky, USA 2017)

Steven Soderbergh in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Muxmäuschenstill ist jetzt „Fikkefuchs“

November 16, 2017

Vor dreizehn Jahren spielte Jan Henrik Stahlberg in dem von ihm mitgeschriebenen Film „Muxmäuschenstill“ Mux, einen gescheiterten Philosophiestudent, der jetzt den Menschen wieder Verantwortung beibringen will. Er geht gegen Ordnungswidrigkeiten und schlechtes Benehmen vor. Er stellt die über seine Aktionen gedrehten Filme ins Internet und wird zum Gründer einer Bewegung. Und so nett und sympathisch, wenn auch etwas rechthaberisch Mux am Anfang ist, so schnell wird auch das hinter seinen Aktionen stehende faschistoide und reaktionäre Gedankengut offensichtlich. Auch wenn jeder manchmal gerne wie Mux wäre und viele Szenen in der in schönster Guerilla-Manier gedrehte,n tiefschwarzen Berlin-Komödie unglaublich komisch sind.

Danach war Stahlberg auf diese Rolle festgelegt.

Für seinen neuesten, ähnlich kompromisslosen, aber deutlich weniger publikumsträchtigen Film griff er auf die aus „Muxmäuschenstill“ bewährten Strategien zurück. Auch „Fikkefuchs“ entstand als No-Budget-Produktion. Er musste keine Kompromisse mit irgendwelchen Geldgebern, Produzenten oder Redakteuren machen. Er geht, wieder, vollkommen in seiner Rolle auf. Er spielt Richard Ockers, genannt „Rocky“. Er nennt sich den „größten Stecher von Wuppertal“. Inzwischen lebt der End-Vierziger allein in Berlin in einer abgeranzten Wohnung. Überall prahlt er mit seinen wahrscheinlich schon immer imaginären Sex-Abenteuern mit jungen Frauen. Ebenso wortreich pflegt er seinen Hass auf Frauen und den Rest der Welt. Er ist, selten durch etwas Bildungsbürgertum getarnt, ein frauenfeindliches Arschloch, das sich für den Größten hält, immer noch sehr jungen Frauen hinterhersteigt und aussieht, wie ein ungewaschen aus dem Klo gezogener Zwillingsbruder von Michel Houellebecq. Ohne dessen intellektuelle Brillanz.

Eines Tages liegt Thorben (Franz Rogowski) vor seiner Tür. Er ist sein Sohn. Bis jetzt wusste Rocky nicht, dass er überhaupt einen Sohn hat. Zögernd nimmt er ihn bei sich auf und will ihm dann erklären, wie das so mit dem Aufreißen von Frauen geht. Denn Thorben floh aus der Psychiatrie. Dort war der Mittzwanziger wegen versuchter Vergewaltigung. Seine sexuellen Erfahrungen beziehen sich bis jetzt auf den maßlosen Konsum von Pornos, während seine Gedanken, die er normalerweise ungefiltert äußert, sich nur um Sex mit Frauen drehen.

Vater und Sohn sind also ein Traumgespann der Misogynie, mit dem man im echten Leben nicht mehr Zeit als nötig verbringen möchte. Stahlberg, der auch die Regie übernahm und zusammen mit Krimiautor Wolfram Fleischhauer das Drehbuch schrieb, und Franz Rogowski, der seinen Sohn spielt, werfen sich hundertfünfzigprozentig in ihre Rollen und die daraus permanent entstehenden, abstoßenden Fremdschäm-Momente.

Das ist der große Unterschied zwischen „Muxmäuschenstill“ und „Fikkefuchs“. In „Muxmäuschenstill“ konnte man mit Mux mitfühlen und auch Gemeinsamkeiten erkennen. Man konnte über das Thema des Films miteinander ins Gespräch kommen. Die Satire und die daraus resultierenden Überspitzungen waren immer erkennbar.

In „Fikkefuchs“ ist der satirische Aspekt unklar. Damit ist auch unklar, wie sehr Stahlberg sich selbst darstellt beziehungsweise seine eigenen Gefühle und Ansichten äußerst; – diese Frage stellt sich ja auch bei den Werken von Michel Houellebecq, der – wahrscheinlich – genau die Ansichten hat, die seine Figuren haben.

Es gibt in „Fikkefuchs“ auch keine Möglichkeit zur Identifikation. Man kann und will sich nicht mit den gezeigten Männern, vor allem dem Vater-und-Sohn-Gespann identifizieren. Sie sind sex- und notgeile, unbefriedigte, ihre Unsicherheit durch frauenfeindliche Sprüche tarnende Männlein. Da ist während des gesamten Films keine Entwicklung und auch keine zweite Ebene spürbar.

Es gibt auch nie eine filmische Überhöhung. Das liegt weniger an dem schmalen Budget, sondern daran, dass der quasi-dokumentarische, schäbige, mit seinen blassen Farben fast schon krank aussehende Look gewollt ist.

In „Fikkefuchs“ gibt es ein, zugegeben, kompromissloses und in sich geschlossenes Gemisch von Frauenhass, selten getarnt als Vergötterung der jungen, quasi jungfräulichen Frau, Dummheit und Selbstverblendung.

Dass Stahlberg nicht davor zurückschreckt, dem Publikum diesen Brocken vor die Füße zu werfen und dass er dabei einer Vision folgt, ist ihm hoch anzurechnen. Aber wirklich sehenswert oder erkenntnisreich ist der polarisierende Film nicht.

Fikkefuchs (Deutschland 2017)

Regie: Jan Henrik Stahlberg

Drehbuch: Jan Henrik Stahlberg, Wolfram Fleischhauer

mit Jan Henrik Stahlberg, Franz Rogowski, Thomas Bading, Susanne Bredehöft, Jan Pohl, Hans Ullrich Laux, Roald Schramm, Saralisa Volm

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Fikkefuchs“

Moviepilot über „Fikkefuchs“

Wikipedia über „Fikkefuchs“

Homepage von Wolfram Fleischhauer


Neu im Kino/Filmkritik: Nach dem Tod von Superman muss die „Justice League“ ran

November 16, 2017

Am Anfang von „Justice League“, dem neuen Film aus dem DC Extended Universe, ist Superman immer noch tot. ‚Batman‘ Bruce Wayne und „Wonder Woman“ Diana Prince bekämpfen weiterhin Bösewichter. Insofern läuft alles seinen gewohnten Gang. Seltsam ist nur die auch für Batman-Verhältnisse Häufung seltsamer Bösewichter, die in letzter Zeit vermehrt auftauchen. Wayne glaubt, dass sie die Vorboten einer irgendwo aus dem Weltall kommenden großen Attacke auf die Menschheit sind.

Deshalb will er ein Team talentierter Personen (also Männer) zusammenstellen. Die titelgebende „Justice League“. Am Ende besteht das Team aus Aquaman (der mit den Fischen reden kann), Flash (der unglaublich schnell ist, weniger schnell ißt und für den Humor zuständig ist), Cyborg (der im Zweifelsfall irgendwie alles kann), Wonder Woman, Batman und einem Überraschungsgast, der dann doch nicht so super überraschend ist. Sie müssen gegen Steppenwolf kämpfen, der die drei Mother Boxes zusammenfügen will. Das wäre der Untergang der Welt, wie wir sie kennen. Deshalb wurden die Mother Boxes vor Ewigkeiten, nach einer großen Schlacht, an verschiedenen Orten versteckt. Eine in der Welt von Wonder Woman, eine in der von Aquaman und eine an einem unbekannten Ort.

Das ist die mühsam über den halben Film entwickelte Prämisse, die dann schnell in dem unvermeidlichen Finale mündet, bei dem höchstens überrascht, dass nichts überrascht. Bis dahin ist der Film voller Exposition, in der zwei Charaktere, meistens bewegungslos, sich erklären, was sie gerade fühlen und dabei den Plot zum nächsten Plot Point schieben. Das ist dann ungefähr emotional so involvierend wie das Studium eines Bauplans.

Entsprechend zäh gestalten sich die zwei Filmstunden, in denen die Mitglieder der Justice League blasse Gesellen bleiben. Im Gegensatz zu den Avengers von der deutlich unterhaltsameren Marvel-Konkurrenz.

Davon abgesehen erzählt „Justice League“ die Geschichte von „Batman v Superman: Dawn of Justice“ fort und baut darauf, dass man auch die DCEU-Filme „Man of Steel“ und „Wonder Woman“ (jau, der war gut) gesehen hat. Dann versteht man einige Anspielungen und Szenen besser und man weiß, warum so viele bekannte und großartige Schauspieler, wie Amy Adams, Jeremy Irons, Diane Lane und J. K. Simmons (in seinem Debüt als Commissioner Gordon), teilweise in Minirollen dabei sind.

Ben Affleck schaut als Bruce Wayne so missmutig in die Kamera, dass man förmlich hört, wie er sich die ganze Zeit fragt, was er in dem Scheiss sucht. Vielleicht weil der Ärger mit seinem Batman-Film sich während dem Dreh von „Justice League“ kontinuierlich steigerte. Der Hauptdreh für „Justice League“ war von April bis Oktober 2016. Im Frühjahr gab es, nachdem Zack Snyder im März wegen dem Suizid seiner Tochter die Arbeit niederlegte, zwei Monate Nachdrehs. Joss Whedon hatte die Regie übernommen und auch das Drehbuch überarbeitet. Es hieß auch, dass nach dem überragenden Erfolg von „Wonder Woman“ die Tonalität des Film geändert werden sollte.

Affleck, der den nächsten Batman-Film nach seinem Drehbuch inszenieren sollte, trat zwischen diesen beiden Drehs von der Regie für den geplanten Batman-Film zurück. Matt Reeves übernahm die Regie. Ihm gefiel Afflecks Drehbuch (Hey, gibt es das irgendwo im Netz?) nicht und anscheinend wird jetzt ein vollkommen neues Drehbuch geschrieben. Es gab auch Gerüchte, dass Warner überlegte, Afflecks Batman aus dem DCEU herauszuschreiben. Das alles ist bei einem Big-Budget-Film, vor allem vor Drehbeginn, nicht unbedingt ungewöhnlich, aber dass Affleck nach dem ganzen Ärger nach einem Weg aus dem Franchise sucht, ist nachvollziehbar. In aktuellen Interviews spricht er, ohne irgendetwas genaues zu sagen, über ein mögliches Ende seines Batmans. Es würde auch sein lustlos-verbissenes Spiel erklären.

Gal Gadot stahl in „Batman v Superman“ in ihren wenigen Szenen als Wonder Woman den Superhelden-Jungs mühelos die Show. In ihrem Solofilm „Wonder Woman“ war sie eine in jeder Beziehung willkommene Überraschung. In „Justice League“ wird sie hoffnungslos unter Wert verkauft.

Die anderen, ähem, Charaktere sind dann nur noch Staffage. Henry Cavill als Superman hat letztendlich nur eine Nebenrolle. Auch weil er die meiste Filmzeit tot ist. Und wenn er dann wiederbelebt wird, liefert er sich erst einmal eine Klopperei mit der Justice League, ehe er tiefsinnig über riesige Maisfelder blicken darf. Jason Momoa als Aquaman Arthur Curry und Ray Fisher als Cyborg Victor Stone sind blass. Ezra Miller als The Flash Barry Allen ist für den in Richtung des letzten Spider-Man-Films „Homecoming“ gehenden stubenreinen Pennäler-Humor zuständig. Schnell nervt dieser Humor und man wünscht sich noch langen vor dem Abspann Jesse Eisenberg zurück. In „Batman v Superman“ spielte er den bekannten Superman-Antagonisten Lex Luthor. Seine Spiel war zwar in Fankreisen umstritten, aber auch absolut bizarr und kurzweilig.

Dieses Mal ist der Bösewicht Steppenwolf, ein zweieinhalb Meter großer Krieger von der Alptraumwelt Apokolips. Viel mehr gibt es über ihn nicht zu sagen. Es ist eine CGI-Gestalt, die im Original von Ciarán Hinds gesprochen und wohl auch etwas gespielt wurde.

Und damit kommen wir zu Zack Snyder, dem Mastermind im DCEU-Filmkosmos. Wieder hat er die Regie übernommen und wieder gibt es Michael Bay für griesgrämige Comic-Nerds. Daran ändert der Wechsel des Regisseurs nichts. Whedon drückte dem Film nicht seinen Stempel auf, sondern er ergänzte in Snyders Sinn. Auch wenn man sich nach dem Erfolg von „Wonder Woman“ um eine andere Tonalität bemüht und alles bunter ist, ist der Grundton immer noch düster und schwermütig. Wie eine missglückte Pseudo-Doom-Metal-Version eines Beatles-Songs. – – Hm, im Abspann gibt es mit dem Beatles-Cover „Come together“ von Junkie XL, feat. Gary Clark Jr., so etwas ähnliches.

Die Bilder erinnern, wie man es von Zack Snyder gewohnt ist, an Comic-Panels. Das sieht unbestritten gut aus. Aber der gesamte Film sieht, abgesehen von einem kurzen „Watchmen“-Selbstzitat in den ersten Minuten, wie eine Abfolge von Panels aus. Nur ergibt eine Abfolge von Standbildern keinen Film. Das zeigt sich in den Actionszenen, die alle wenig dynamisch sind. Dialoge sind banale Schuss-Gegenschuss-Montagen, die mit einer Bräsigkeit zelebriert werden, die ihnen jedes Leben aussagen bis sie zu einem Standbild gefrieren. Da hat sogar ein Dialog in einer 08/15-TV-Serie oder einer TV-Show mehr Dynamik. Alles in „Justice League“ ist statisch. Nichts hat einen eigenständigen Rhythmus.

Das Drehbuch ist nur eine Abfolge von Plot Points, die eine niemals überraschende Geschichte erzählen. Im Gegensatz zu „Batman v Superman“ ist die Geschichte wenigstens immer nachvollziehbar und in sich schlüssig. Die Charaktere sind durchgehend eindimensional. Ihre Dialoge banal. Für keinen Schauspieler gibt es etwas, mit dem er arbeiten könnte. Sie müssen nur die Stichworte für den nächsten Plot Point geben. Entsprechend blass bleiben sie.

Wie bei Marvel gibt es im Abspann zwei Szenen, wobei die zweite die gelungenere ist. Sie teast auch den nächsten Film an, der – die Hoffnung stirbt zuletzt – besser als „Justice League“ sein könnte. Wenn sie bei DC endlich einmal Geld für ein schlüssiges, überraschendes, wendungs- und facettenreiches Drehbuch ausgeben. Bis dahin wird man diesen Langweiler, der nichts aus seinem Budget von dreihundert Millionen US-Dollar macht, vergessen haben.

Justice League (Justice League, USA 2016)

Regie: Zack Snyder, Joss Whedon (ungenannt)

Drehbuch: Chris Terrio, Joss Whedon (nach einer Geschichte von Chris Terrio und Zack Snyder)

mit Ben Affleck, Henry Cavill, Amy Adams, Gal Gadot, Ezra Miller, Jason Momoa, Ray Fisher, Jeremy Irons, Diane Lane, Connie Nielsen, J. K. Simmons, Ciarán Hinds, Amber Heard, Joe Morton, Lisa Loven Kongsli, Ingvar Sigurdsson, David Thewlis, Sergi Constance

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Warner/DC-Facebook-Seite

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Justice League“

Metacritic über „Justice League“

Rotten Tomatoes über „Justice League“

Wikipedia über „Justice League“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Zack Snyders „Batman v Superman: Dawn of Justice“ (Batman v Superman: Dawn of Justice, USA 2016)


TV-Tipp für den 16. November: Planet der Vampire

November 16, 2017

Arte, 00.35

Planet der Vampire (Terrore nello spazio/Terror en el Espacio, Italien/Spanien 1965)

Regie: Mario Bava

Drehbuch: Callisto Cosulich, Antonio Roman, Alberto Bevilacqua, Mario Bava, Rafael J. Salvia

Nachdem die Galliot spurlos verschwindet, wird die Argos von einer unbekannten Kraft zu einer Landung auf dem nebelverhangenen Planeten Aura gezwungen. Kurz nach der Landung beginnen die Raumfahrer sich seltsam zu verhalten. Was auch an den körperlosen Bewohnern von Aura liegt, die sich den Körpern der Menschen bemächtigen.

ein Schundklassiker par excellence“ (Ronald M. Hahn, Volker Jansen: Lexikon des Science-Fiction-Films)

ein Film, der Spaß macht, ungeachtet aller technischen Abstrusitäten und Ungereimtheiten in der Logik.“ (Filmkritik)

Planet der Vampire“ weist zahlreiche Parallelen zu „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ auf. Aber „Alien“-Regisseur Ridley Scott meinte, er habe „Planet der Vampire“ nie gesehen.

mit Barry Sullivan, Norma Bengell, Angel Aranda, Evi Morandi, Fernando Villena

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Planet der Vampire“

Wikipedia über „Planet der Vampire“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Mario Bavas „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ (La Maschera del Demonio, Italien 1960)


TV-Tipp für den 15. November: Das Versprechen

November 15, 2017

Arte, 20.15

Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich (The Promise, Deutschland 2016)

Regie: Marcus Vetter, Karin Steinberger

Drehbuch: Marcus Vetter, Karin Steinberger

Informative, spannende und sehr akribische Doku über den deutschen Diplomatensohn Jens Söring, der seit 1990 in den USA im Gefängnis sitzt. Er soll am 30. März 1985 die Eltern von seiner Freundin und ersten großen Liebe Elizabeth Haysom in ihrem Haus in Lynchburg, Virginia bestialisch ermordet haben. Er behauptet, unschuldig zu sein und die neueren Beweise unterstützen seine Version.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jens Söring, Gail Marshall, Tom Elliott, William Sweeney, Ricky Gardner, Gail Ball, Chuck Reid, Rich Zorn, Dave Watson, Tony Buchanan, Carlos Santos, Steven Rosenfield

und den Stimmen von Imogen Poots und Daniel Brühl

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das Versprechen“

Moviepilot über „Das Versprechen“

Wikipedia über „Das Versprechen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Marcus Vetter/Karin Steinbergers „The Forecaster“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Marcus Vetter/Karin Steinbergers „Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich“ (The Promise, Deutschland 2016) und der DVD

The New Yorker: ausführliche Reportage von Nathan Heller über den Mordfall (9. November 2015)

Michael Remke: Neue Beweise für Unschuld des Diplomaten-Sohns? (Die Welt, 5. Mai 2017)


Cover der Woche

November 14, 2017


TV-Tipp für den 14. November: Der Mann, der niemals lebte

November 14, 2017

Pro7 Maxx, 20.15

Der Mann, der niemals lebte (USA 2008, Regie: Ridley Scott)

Drehbuch: William Monahan

LV: David Ignatius: Body of Lies, 2007 (Der Mann, der niemals lebte)

CIA-Agent Roger Ferris fahndet im Nahen Osten nach einer islamistischen Terrorzelle. Als sie nicht weiterkommen, hecken Ferris und sein in Washington, D. C., sitzender Chef einen verwegenen Plan aus.

Okayer, schrecklich ausgewogener, realistischer Polit-Thriller, bei dem man nie den Eindruck los wird, dass hier alle unter ihren Möglichkeiten bleiben. Außerdem ist das Ende enttäuschend.

David Ignatius gefällt die Verfilmung.

mit Leonardo DiCaprio, Russell Crowe, Mark Strong, Oscar Isaac

Wiederholung: Mittwoch, 15. November, 02.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Mann, der niemals lebte“

The Washington Post über ihren Mitarbeiter David Ignatius

Harper’s Magazine: Sechs Fragen an David Ignatius über seinen Roman „Body of lies“

Hollywood Hills: Interview mit David Ignatius über die Verfilmung (Teil 1, Teil 2)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Der Marsianer – Rettet Mark Watney” (The Martian, USA 2015)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Ridley Scott in der Kriminalakte


Fred Dewilde erzählt in „Bataclan – Wie ich überlebte“

November 13, 2017

Vor zwei Jahren erlebte Fred Dewilde eine Nacht, die er bis zu seinem Tod nicht vergessen wird. Er besuchte am 13. November 2015 das Konzert der Garagenrockband „Eagles of Death Metal“ in Paris im Bataclan. In „Bataclan – Wie ich überlebte“ erzählt er seine Erlebnisse in dieser Nacht und wie er danach damit umging. Denn in dieser Nacht schlugen Islamisten gleichzeitig an mehreren Orten in Paris brutal zu. In der Konzerthalle ermordeten französischstämmige Islamisten mit Kalaschnikow-Sturmgewehren und Handgranaten neunzig Konzertbesucher. Viele der 1500 Konzertbesucher wurden teilweise schwer verletzt.

Dewilde, ein auf medizinische Illustrationen spezialisierter Grafiker und verheirateter Vater mehrerer Kinder, teilt sein Erinnerungsbuch, in dem er die Ereignisse der Nacht künstlerisch verarbeitet in zwei Hälften. In der ersten, kürzeren Hälfte erzählt er als SW-Comic seine Erlebnisse in der Nacht. In der zweiten Hälfte schreibt er darüber, was er nach der Nacht fühlte, welche (Schuld)gefühle er hatte und wie er versuchte, das Erlebte zu verarbeiten. Wie er sich auf nichts konzentrieren konnte, wie er krank geschrieben wurde, von seiner Psychotherapie und wie er als Therapie begann, seine Erlebnisse aufzuzeichnen. Er sagt, warum er die Täter als die vier apokalyptischen Reiter als Skelette zeichnete: „Sie waren bereits gestorben, hatten jede Verbindung zum Leben, zu anderen Menschen verloren.“ Er erzählt auch vom Zusammengehörigkeitsgefühl der Überlebenden, von seiner Kindheit in einem Problemviertel, seiner Frau und seiner dreieinhalbjährigen Tochter. Am Ende meint er: „Ich habe gesehen, was der Hass anrichtet. Deshalb bitte ich euch: Lasst uns einmal wenigstens schlauer sein…lasst uns dieses Mal das Leben wählen.“

Fred Dewilde: Bataclan – Wie ich überlebte

(übersetzt von Bettina Frank)

Panini Comics, 2017

48 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Mon Bataclan

Lemieux Éditeur, 2016


TV-Tipp für den 13. November: Unter falschem Verdacht

November 13, 2017

Arte, 21.50

Unter falschem Verdacht (Quai des Orfèvres, Frankreich 1947)

Regie: Henri-Georges Clouzot

Drehbuch: Henri-Georges Clouzot, Jean Ferry

LV: Stanislas-André Steeman: Légitimi défense, 1942

Pianist Maurice Martineau will den Liebhaber seiner Frau zur Rede stellen. Dummerweise ist dieser schon tot. Selbstverständlich hält die Polizei den gehörnten Ehemann für den Mörder.

Der düstere Polizeifilm ist auch „das unerbittliche klarste Porträt des Nachkriegs-Frankreichs“ (Marcel Oms, Cahiers de la Cinémathéque)

Ein sehr schwarzer Film mit einer hinreisenden Leistung des Hauptdarstellers.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Louis Jouvet, Bernard Blier, Simone Renant, Suzy Delair, Charles Dullin

Wiederholung: Freitag, 17. November, 14.05 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Unter falschem Verdacht“

Wikipedia über „Unter falschem Verdacht“ (englisch, französisch)


TV-Tipp für den 12. November: The World’s End

November 12, 2017

Nein, das ist nicht das Ende des WochenENDEs, sondern

RTL II, 22.30

The World’s End (The World’s End, Großbritannien 2013)

Regie: Edgar Wright

Drehbuch: Simon Pegg, Edgar Wright

Zwei Jahrzehnte nachdem sie Newton Haven verlassen haben, kann Gary King seine alten Schulkumpels überzeugen, die damals vorzeitig abgebrochene Sauftour endlich zu beenden. Aber schon vor dem ersten Bier kommen ihnen die Dorfbewohner seltsam vor.

„The World’s End“ ist die neueste Komödie der Macher von „Shaun of the Dead“ und „Hot Fuzz“ und ist eigentlich ein Remake von „Shaun of the Dead“ mit zombiehaft angreifenden Aliens anstatt Zombies. Dazu gibt es etwas Midlife-Crisis-Komödie – und viele Anspielungen.

Der Film ist wie ein Pubbesuch mit einigen guten Freunden, plus einer grandiosen Methode, die Aliens zu besiegen, die eindeutig aus der „Dr. Who“-Schule stammt, und einem unpassendem Epilog, der ungefähr so witzig wie der Kater nach der Sauftour ist. Aber bis dahin…

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Simon Pegg, Nick Frost, Paddy Considine, Martin Freeman, Eddie Marsan, Rosamund Pike, David Bradley, Pierce Brosnan

Wiederholung: Montag, 13. November, 04.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The World’s End“

Moviepilot über „The World’s End“

Metacritic über „The World’s End“

Rotten Tomatoes über „The World’s End“

Wikipedia über „The World’s End“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „The World’s End“ (The World’s End, Großbritannien 2013)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „Baby Driver“ (Baby Driver, USA 2017)


TV-Tipp für den 11. November: Tod den Hippies!! Es lebe der Punk

November 11, 2017

One, 22.00

Tod den Hippies – Es lebe der Punk! (Deutschland 2015)

Regie: Oskar Roehler

Drehbuch: Oskar Roehler

Robert kommt in den frühen achtziger Jahren aus der Provinz nach Westberlin und lernt das punkige Nachtleben kennen.

Autobiographisch gefärbte Nummernrevue, die vor allem kurzweilig, mehr oder weniger gelungene Anekdoten und Stimmungsbilder aneinanderreiht und all die bekannten Berlin- und Subkulturklischees bestätigt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tom Schilling, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Emilia Schüle, Frederick Lau, Hannelore Hoger, Samuel Finzi, Alexander Scheer, Rolf Zacher, Götz Otto, Oliver Korittke, Julian Weigend

alternative Schreibweise „ Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“

Wiederholung: Montag, 13. November, 00.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“
Film-Zeit über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“
Moviepilot über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“
Rotten Tomatoes über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ (noch keine Kritiken)
Wikipedia über Oskar Roehlerund den Film
RBB: Interview mit Oskar Roehler über den Film

Meine Besprechung von Oskar Roehlers „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ (Deutschland 2015)


Hans Zimmer spielt „Live in Prague“

November 10, 2017

 

Wer in den letzten Jahrzehnten auch nur ein, zwei Hollywood-Filme gesehen hat – seine filmmusikalischen Anfänge in den achtziger Jahren in England sind da schon etwas obskurer -, hat die Musik von Hans Zimmer gehört.

Seit 2016 führt der Sechzigjährige sie auch öffentlich auf. Mit einem Sinfonieorchester, einem Chor und oft prominenten Gastmusikern tourte er im Frühjahr 2016 durch Europa. Johnny Marr (The Smiths), Lisa Gerrard (Dead Can Dance) und Mike Einziger (Incubus) waren bei dem Konzert in Prag, das jetzt auf DVD, Blu-ray, 2-CD, 4-LP, Deluxe Edition und Digital veröffentlicht wurde, die bekannten Gäste.

Für die Tour arrangierte Zimmer seine bekannten Stücke neu. Oft als Medley. So beginnt der zweistündige Live-Mitschnitt „Live in Prague“, aufgenommen am 7. Mai 2016, mit einem Opening Medley mit Melodien aus „Driving Miss Daisy“, „Sherlock Holmes“ und „Madagascar“; drei doch sehr verschiedene Filme. Weiter geht es mit Medleys aus „Gladiator“, „The Lion King“, „Pirates of the Carribean“, „The Amazing Spider Man 2“ (bzw. „The Electro Suite – Themes from The Amazing Spider Man 2“), „The Dark Knight Trilogy“, „Interstellar“ und „Inception“. Außerdem gibt es Melodien aus „Crimson Tide“ und „Angels and Demons“ (in einem Stück), „The Da Vinci Code“ (Chevaliers de Sangreal), „True Romance“ (You’re so cool), „Rain Main“ (Main Theme), „Man of Steel“ (What are you going to do, when you’re not saving the World) und „The Thin Red Line“ (Journey to the Line). Aus dem filmmusikalischen Rahmen fällt das Klagelied „Aurora“. Es ist eine Erinnerung an die Opfer des Massenschießens im Kino von Aurora, Colorado, während einer Aufführung von „The Dark Knight Rises“. Zimmer schrieb sie unmittelbar nach dem Massaker.

So unterschiedlich die Filme und damit die Originalkompositionen auch sind, so monoton ist dann das Konzert. Dass Hans Zimmer kein Ennio Morricone oder John Williams ist, der mit leichter Hand ein Sinfonieorchester durch die unterschiedlichsten Melodien und Stile führt, ist bekannt. Das ist auch ein ständiger, nicht unbedingt zutreffender Vorwurf gegen seine Filmmusik. Aber dass es während des gesamten Konzertes nur wenige Variationen gibt, dass alles mehr nach einem hard rockenden Rockkonzert mit einem Beat oder wirklich wuchtigen Tangerine Dream-artigen New-Age-Floskeln klingt, erstaunt dann doch etwas.

Bei diesem Soundteppich trifft der Vorwurf, dass Hans Zimmer immer das gleiche mache, mehr als auf seine Filmmusiken zu. Oder, positiv formuliert: „Live in Prague“ ist ein stilistisch sehr geschlossenes Konzert im düster-wuchtigen Gladiator-Modus, das auf Humor, Subtilitäten und Abwechslung verzichtet.

Grundlage für die Besprechung war die Doppel-CD.

Hans Zimmer: Live in Prague

Eagle Records/Universal 2017

Hinweise

Homepage von Hans Zimmer

AllMusic über Hans Zimmer

Wikipedia über Hans Zimmer (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ariane Rieker/Dirk Schneiders „Hans Zimmer – Der Sound für Hollywood“ (Deutschland 2011)

 


TV-Tipp für den 10. November: Rumble: The Indians who rocked the World

November 10, 2017

Arte, 21.45

Rumble: The Indians who rocked the World (Kanada 2017)

Regie: Catherine Bainbridge, Alfonso Maioran

Drehbuch: Catherine Bainbridge, Alfonso Maioran

Spielfilmlange, hochgelobte, mit mehreren Preisen ausgezeichnete Doku über den jahrelang verschwiegenen Einfluss von indigenen Musikern (vulgo Indianern oder Native Americans) auf die US-Musik, vor allem natürlich die Blues- und Rockmusik. Dazu gehören Musiker wie Charley Patton, Link Wray, Jesse Ed Davis, Stevie Salas, Buffy Sainte-Marie, Robbie Robertson (The Band), Randy Castillo (Schlagzeuger bei Ozzy Osbourne und Mötley Crüe) und Jimi Hendrix.

Beim diesjährigen Sundance Filmfestival erhielt die Doku den Special Jury Price in der Kategorie „World Cinema – Documentary“.

Hinweise

Arte über die Doku

Rotten Tomatoes über „Rumble: The Indians who rocked the World“

Wikipedia über „Rumble: The Indians who rocked the World“


Neu im Kino/Filmkritik: Über George Clooneys Komödie „Suburbicon“

November 9, 2017

Die ersten Minuten sind wundervoll. Zuerst wird uns wunderschön animiert die Stadt Suburbicon vorgestellt. Es ist eine dieser typischen, aus dem Nichts entstandener Suburbs, in denen alles Fünfziger-Jahre-perfekt ist. Hier leben nette Menschen in einer blütenweißen Gegend zusammen und Verbrechen gibt es nicht. Suburbicon ist der wahrgewordene amerikanische Traum.

Dann sehen wir den Postboten bei seinem täglichen Rundgang, bei dem die Bewohner ihn freundlich grüßen und schon über die neuen Nachbarn tuscheln. Als er um die Ecke biegt und sie sieht, entgleiten ihm langsam die Gesichtszüge. Die neuen Nachbarn sind Afroamerikaner, wie man heute sagt. Damals waren sie „Schwarze“, „Negroes“ oder sie wurden einfach mit einigen Schimpfworten belegt.

Für die Bewohner von Suburbicon ist klar: hier ist jeder willkommen, aber nicht die neuen Nachbarn. Eine lautstarke Bürgerwehr gründet sich.

In diesem Moment wird diese Geschichte in George Clooneys neuem Film „Suburbicon“, nach einem Drehbuch von Clooney, Grant Heslov, Joel und Ethan Coen, zu einer Nebengeschichte, die man, wie ein Halloween-Kostüm im Schrank versteckt und nur alle zwölf Monate herausholt.

Stattdessen beginnt der Hauptplot, der nichts, aber auch wirklich nichts mit den neuen Nachbarn zu tun hat. Er trägt auch unübersehbar die Handschrift der Coen-Brüder. Sie schrieben schon vor Jahren das Drehbuch, das Clooney jetzt verfilmte. Clooney verlegte die von den Coens Mitte der achtziger Jahre geschriebene und spielende Geschichte in die fünfziger Jahre. Mit Grant Heslov schrieb er den Subplot über die Familie Meyers, die in der Hoffnung auf das versprochene Paradies nach Suburbicon zieht. Das reale Vorbild für sie war die Familie Myers, die 1957 als erste afroamerikanische Familie nach Levittown zog. Schnell schlossen sich die anderen Bewohner des weißen Vorortes zusammen, um die neuen Nachbarn zu vertreiben. Clooney und Heslov erfuhren von dieser Geschichte aus der zeitgenössischen Dokumentation „Crisis in Levittown“.

Während sich die Bürgerwehr vor dem Haus der Meyers versammelt, beginnt im Nachbarhaus der von den Coen-Brüdern geschriebene Hauptplot, der auf dem Papier allerbeste Coen-Schule ist. Es ist eine herrlich-groteske Noir-Geschichte, in der einige Trottel perfekte Pläne entwerfen und an der Tücke des Objekts scheitern. Am Ende stehen sie vor einem Berg von Problemen.

Es beginnt, fast harmlos, mit einem Einbruch mit Geiselnahme. Die Einbrecher töten dabei die durch einen Autounfall querschnittgelähmte Rose Lodge (Julianne Moore). Ihr Ehemann Gardner (Matt Damon), sein Sohn Nicky (Noah Jupe) und Roses Zwillingsschwester, Tante Margaret, müssen den Mord mitansehen.

Die Polizei geht von einem bedauerlichem Unfall aus. Aber spätestens als die Verbrecher Gardner in seinem Büro besuchen und er und Tante Margaret bei einer polizeilichen Gegenüberstellung behaupten, die Verbrecher nicht zu erkennen, ist klar, dass der Einbruch kein Zufall, sondern Teil eines perfekten Plans war. Ein Plan, der sich jetzt in Luft auflöst. Das ist zwar etwas vorhersehbar, aber vergnüglich, wenn der biedere Familienvater Gardner plötzlich mit Problemen kämpfen muss, von denen er noch nie gehört hat, zum Verbrecher wird und gleichzeitig ein Vorbild für seinen Sohn sein möchte. Falls er ihn nicht doch als unliebsamen Zeugen umbringen muss.

Und hätte Clooney es, wie in „Monuments Men – Ungewöhnliche Helden“, dabei belassen, wäre „Suburbicon“ eine schöne kleine Noir-Komödie mit satirischen Untertönen geworden. So ist sein neuer Film allerdings ein Werk, das über seine eigenen Ambitionen stolpert. Auch weil Haupt- und Nebengeschichte, bis auf einen schalen Witz am Ende, niemals miteinander verknüpft werden. Herrje, man hört im Haus der Lodges sogar niemals den Lärm des vor dem Nachbarhaus lärmenden Mobs.

Suburbicon (Suburbicon, USA 2017)

Regie: George Clooney

Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov, Joel Coen, Ethan Coen

mit Matt Damon, Julianne Moore, Oscar Isaac, Noah Jupe, Glenn Fleshler, Alex Hassell, Gary Basaraba, Karimah Westbrook, Tony Espinosa, Leith Brooks, Jack Conley, Tony Espinosa

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Suburbicon“

Metacritic über „Suburbicon“

Rotten Tomatoes über „Suburbicon“

Wikipedia über „Suburbicon“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Clooneys “Monuments Men – Ungewöhnliche Helden” (Monuments Men, USA/Deutschland 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Hercule Poirot und der „Mord im Orientexpress“: bekannte Story, neues Ensemble

November 9, 2017

Erstens: es war vielleicht keine gute Idee, vor dem Genuss der neuesten Verfilmung von Agatha Christies Herucle-Poirot-Roman „Mord im Orientexpress“ noch einmal die vorherigen Verfilmungen anzusehen und noch einmal die Vorlage durchzulesen.

Zweites: ich bin kein großer Fan von traditionellen Rätselkrimis. Meistens empfinde ich den Teil zwischen Auffinden der Leiche und Enttarnung des Täters als eine ziemlich langweilige Abfolge von Befragungen. Ein Puzzle eben, das man nicht wirklich lösen kann, weil man letztendlich doch nicht alle wichtigen Fakten kennt.

Das sollte als einordnendes Vorgeplänkel für meine Besprechung von Kenneth Branaghs Verfilmung von „Mord im Orientexpress“ genügen. Branagh hält sich, nach einem Drehbuch von Michael Green („Green Lantern“, „Logan“), an die wahrscheinlich allseits bekannte Geschichte. Immerhin ist Christies Roman in verschiedenen Übersetzungen gut erhältlich und die klassische Verfilmung von Sidney Lumet läuft ja öfter im Fernsehen.

1934 klärt Hercule Poirot in Jerusalem einen Diebstahl, der das fragile Gleichgewicht der Religionen stört, auf. Danach begibt er sich auf die Reise nach England. Dort werden seine überragenden detektivischen Fähigkeiten gebraucht. Einen Teil seiner Reise legt er im Orientexpress zurück.

In der zweiten Nacht seiner Reise im Orientexpress wird Edward Ratchett ermordet. Der Täter muss sich noch im Zug aufhalten, der auf einer Brücke von einer heruntergekrachten Lawine abrupt gestoppt wurde. Im Roman und den früheren Verfilmungen reichte eine banale Schneeverwehung aus.

Poirot beginnt die Passagiere zu befragen. Dabei ist der Mord ein ziemlich vertrackter Fall. Ratchett wurde bedroht und er hatte Angst, ermordet zu werden. Am Tatort findet Poirot verschiedene, widersprüchliche Spuren. So hat Ratchett zwar eine Pistole zur Selbstverteidigung, aber er benutzte sie nicht. Die zwölf Stichwunden, die zu seinem Tod führten, sind willkürlich gesetzt. Mal wurde stärker, mal schwächer zugestochen. Mal von einem Linkshänder, mal von einem Rechtshänder. Das offene Fenster wird schnell als Ablenkungsmanöver abgetan. Aber die verschlossene Zugabteiltür wirft Rätsel auf (wobei das zu den Fundamenten eines Rätselkrimis gehört). Dafür scheint die Tatzeit, dank Ratchetts zerbrochener Taschenuhr, klar zu sein.

Und in der Mordnacht kam es zu mehreren seltsamen Ereignissen. So sah Poirot eine Frau in einem roten Kimono. Aber keine der Passagierinnen besitzt einen solchen Kimono. So wird im Nebenabteil ein Knopf von einer Schlafwagenschaffneruniform gefunden. Aber an Pierre Michels Uniform sind noch alle Knöpfe. Und in der Nacht hörte Poirot Geräusche in Ratchetts Abteil. Auf die besorgte Nachfrage des Schlafwagenschaffners antwortete eine Männerstimme auf französisch sagte, dass alles in Ordnung sei. Nur: Ratchett spricht keine Fremdsprachen.

Rätsel über Rätsel, die nur ein Meisterdetektiv in langwierigen Befragungen aufdröseln kann. Immerhin hat Poirot schnell herausgefunden, dass Ratchett unter falschen Namen durch Europa reiste. Unter seinem richtigen Namen war er in den USA – zu Recht – verurteilt worden, das Kind einer vermögenden Familie entführt und getötet zu haben. Dieser aufsehenerregende Prozess führte zu mehreren Todesfällen in der Familie und ihrem Umfeld.

Kenneth Branagh orientiert sich in seiner Verfilmung selbstverständlich an Lumets Verfilmung. Allein schon das Aufgebot an Stars ist immens: Kenneth Branagh als Hercule Poirot, Johnny Depp als Edward Ratchett, Josh Gad als Hector MacQueen, Derek Jacobi als Edward Masterman, Michelle Pfeiffer als Caroline Hubbard, Penélope Cruz als Pilar Estravados, William Dafoe als Gerhard Hardman,Lucy Boynton als Gräfin Andrenyi, Sergei Polunin als Graf Andrenyi, Judi Dench als Fürstin Natalia Dragomiroff, Olivia Colman als Hildegarde Schmidt, Daisy Ridley als Mary Debenham, Manuel Garcia-Rulfo als Biniamino Marquez, Marwan Kenzari als Pierre Michel, Leslie Odom, jr. als Dr. Arbuthnot und Tom Bateman als Bouc (und Kenner der Geschichte kennen jetzt, auch wenn drei Namen verändert wurden und es einen neuen Charakter gibt, den Namen des Mörders). Auch im Hinblick auf Dekors und Kostüme schöpft Branagh aus dem Vollen. Nicht weil es unbedingt nötig ist, sondern weil er es kann. Das Essen im Zug wird pompös zubereiten und auf Porzellantellern serviert. Damals war eine Zugfahrt, jedenfalls in der ersten Klasse, nicht eine Fahrt von A nach B, sondern ein rollendes Nobelhotel.

Selbstverständlich gibt es auch einige Änderungen zum Roman und den vorherigen Verfilmungen. Die meisten fallen nicht sonderlich ins Gewicht. So ist es letztendlich einerlei, welchen Fall Poirot in der Levante aufklärt. Wie in den anderen Verfilmungen dient dieser Fall nur dazu, uns zu zeigen, wie brillant der Detektiv ist. Auch bei den Aussagen der Zugpassagiere änderten sich, wie in allen Verfilmungen, einige, letztendlich unerhebliche Details.

Einige Änderungen sind eher missglückt. Jedenfalls gibt es, auch weil es bis auf eine deplatzierte Actionszene (Poirot prügelt sich nicht! Das macht Sherlock Holmes.) für die Handlung egal ist, keinen Grund, den Zug mitten im Gebirge, auf einer Brücke zum Stillstand zu bringen. Dieses Mal wird der Zug sogar von einer Lawine gestoppt. In den älteren Versionen zwingt eine Schneeverwehung den Orientexpress zum Anhalten. Das ist zwar weniger spektakulär und fotogen, erfüllt aber seinen Zweck.

Danach konnte Branagh nicht der Versuchung widerstehen, mehrere Szenen außerhalb des Zuges spielen zu lassen. Auch wenn es nicht viel Sinn ergibt. So wird für ein Gespräch zwischen Poirot und einer Verdächtigen ein Essenstisch im Schnee aufgebaut. Oder die Erste-Klasse-Passagiere setzen sich in einer Imitation von Leonardo da Vincis „Das letzte Abendmahl“ in einen Tunnel und warten auf Poirot. Warum auf den Zuggleisen, auf denen der Orientexpress fahren soll, ein Podest mit Tisch und Stühlen steht, wird nicht verraten.

Auch das Auffinden der Tatwaffe unterscheidet sich von den vorherigen. Normalerweise findet Caroline Hubbard das Messer in ihrer Tasche. Anscheinend hat der Mörder es nach der Tat, auf seiner Flucht durch ihr Abteil, dort versteckt. Dieses Mal steckt es, reichlich sinnfrei, in ihrem Rücken.

Und es gibt einige Änderungen, die eindeutig falsch sind. Das gilt vor allem für die Chronologie der Mordnacht und der Verhöre. Während in allen anderen Versionen der Geschichte uns die Ereignisse in der Tatnacht chronologisch präsentiert werden, gibt es jetzt in der Tatnacht Lücken, die erst später gefüllt werden. Die Verhöre werden teilweise in einem Zusammenschnitt mehrere Verhöre präsentiert. Das ist heute üblich, um sie zu komprimieren und auch etwaige Widersprüche aufzuzeigen. Aber gerade bei Rätselkrimis sind das die Momente, in denen die Schauspieler brillieren können. Auch präsentiert Branagh die verschiedenen Spuren, die zum Täter führen, erstaunlich ungeschickt, fast schon chaotisch.

Sowieso fehlt der zweiten Hälfte (also ab der Entdeckung der Leiche) durchgängig der Humor, die inszenatorische Geschlossenheit, die Verspieltheit und Experimentierfreude der ersten Hälfte. Stattdessen wirkt alles etwas schludrig und fahrig. Als ob man für diese Filmhälfte mit einer früheren Drehbuchversion arbeiten musste oder etliche Szenen nicht drehen konnte. Die Schauspieler können nie so brillieren, wie sie es eigentlich sollten und es gelingt der Regie nicht mehr, ein Gefühl für den Raum und die zeitliche Abfolge zu entwickeln.

Auch der von Kenneth Branagh gespielte Hercule Poirot verliert in diesem Moment plötzlich seine bis dahin gepflegten Marotten, die ihn zu einem Verwandten von Adrian Monk machen. Genau wie Monk sucht Poirot nach dem perfekten Gleichgewicht und weil Verbrechen diese Harmonie stören, sieht er die Abweichungen davon mit übergroßer Deutlichkeit. Bei Monk ist diese Suche nach Harmonie, die er nur bei der Enttarnung des Mörders verspürt, das Prinzip seines Lebens. Er kämpft immer und überall gegen das Chaos. Er sucht die perfekte Balance. Bei Poirot ist es im Film zunächst nur die Suche nach dem perfekten Paar Eier. Was durchaus witzig ist. Oder wenn er mit seinem linken Schuh in einen Kuhfladen tritt und dann, wegen des Gleichgewichts, auch mit seinem rechten Schuh in den Fladen tritt und, unter dem Gelächter des Kinopublikums, „Besser“ murmelt.

Am Ende, wenn er die Verdächtigen versammelt, um seinem staunenden Publikum den Täter zu präsentieren, wird dieser Punkt wieder aufgenommen. Jetzt behauptet Poirot, im Gegensatz zur Romanvorlage, dass er einen Zwiespalt sehe zwischen seinem Verständnis für das Motiv und seinem Gefühl für universelle Symmetrie; also dass der Mörder für seine Tat bestraft werden muss.

In diesem Moment wird, in jeder Beziehung denkbar ungeschickt, die Frage nach den Gründen für Selbstjustiz gestellt. Eine Frage, die während des gesamten Films uninteressant war und die im Kosmos eines Rätselkrimis nicht wirklich behandelt werden kann. Jedenfalls nicht in einem traditionellen Rätselkrimi, in dem es nur um das Zusammensetzen des „Wer war der Täter?“-Puzzles geht. Da sind moralische Fragen, Ambivalenzen und die Motive für eine Tat nebensächlich. Auch der Detektiv steht nie vor einem moralischen Dilemma. Er enttarnt den Täter und übergibt ihn an die Justiz. Meist ist bei der Enttarnung auch ein Polizist mit gezückten Handstellen dabei und der Täter begibt sich, ohne mit der Wimper zu zucken, ins Gefängnis. Es ist die gerechte Strafe für das Fehlschlagen seines perfekten Planes.

Und so ist diese Version des „Mord im Orient-Express“ eine Fassung, die an etlichen dramaturgischen Fehlentscheidungen und einer irritierend schwachen zweiten Hälfte leidet. Dafür kann Branaghs nostalgisches Ausstattungskino mit einer 1-A-Besetzung punkten.

Mord im Orientexpress (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Michael Green

LV: Agatha Christie: Murder on the Orient Express, 1934 (Mord im Orientexpress)

mit Kenneth Branagh, Daisy Ridley, Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Penélope Cruz, Judi Dench, Willem Dafoe, Josh Gad, Lucy Boynton, Marwan Kenzari, Olivia Colman, Miranda Raison, Derek Jacobi, Tom Bateman, Sergei Polunin , Manuel Garcia-Rulfo, Leslie Odom, jr.

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Agatha Christie: Mord im Orientexpress

(übersetzt von Otto Bayer)

Atlantik Verlag, 2017

256 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Murder on the Orient Express

HarperCollins, London, 1934

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Metacritic über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Rotten Tomatoes über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Wikipedia über „Mord im Orientexpress“ (Roman [deutsch, englisch], Lumet-Verfilmung [deutsch, englisch], Schenkel-Verfilmung [englisch], Martin-Verfilmung [deutsch], Branagh-Verfilmung [deutsch, englisch]) und Agatha Christie (deutsch, englisch)

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Jack Ryan: Shadow Recruit“ (Jack Ryan: Shadow Recruit, USA 2013)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Cinderella“ (Cinderella, USA 2015)

Simon Mayo unterhält sich mit Kenneth Branagh über den Film

Kenneth Branagh über den „Mord im Orientexpress“


TV-Tipp für den 9. November: Die toten Augen des Dr. Dracula

November 9, 2017

Arte, 23.25

Die toten Augen des Dr. Dracula (Operazione Paura, Italien 1966)

Regie: Mario Bava

Drehbuch: Romano Migliorini, Roberto Natale, Mario Bava (nach einer Geschichte von Romano Migliorini und Roberto Natale)

Dr. Eswai soll in einem Dorf einige seltsame Vorfälle aufklären und gerät immer tiefer in einen Strudel des Grauens, der mit Dracula nichts zu tun hat. Den hat der deutsche Verleih erfunden, um die Kundschaft ins Kino zu locken.

Mario Bavas psychedelischer Horrorfilm gilt inzwischen als Klassiker. Dieses Schicksal wurde ihm schon in einer zeitgenössischen Kritik prognostiziert: „Ein Alptraum-Film, der früher oder später seinen Platz in der Horrorgeschichte haben wird.“ (Film)

mit Giacomo Rossi Stuart, Erika Blanc, Fabienne Dali, Piero Lulli, Max Lawrence

Wiederholung: Freitag, 17. November, 02.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Arte über „Die toten Augen des Dr. Dracula“

Rotten Tomatoes über „Die toten Augen des Dr. Dracula“

TCM über „Die toten Augen des Dr. Dracula“

Wikipedia über „Die toten Augen des Dr. Dracula“

Meine Besprechung von Mario Bavas „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ (La Maschera del Demonio, Italien 1960)


Verfilmte Bücher: „Mord im Orientexpress“ ist, mal wieder, „Mord im Orientexpress“

November 8, 2017

 

Auch wenn wahrscheinlich jeder, der Sidney Lumets regelmäßig im Fernsehen laufende Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orient-Express“ gesehen hat, die Lösung kennt: sie wird in dieser Besprechung über den Roman und die bisherigen Verfilmungen verraten. Meine Besprechung der Neuverfilmung von und mit Kenneth Branagh als Hercule Poirot gibt es zum Kinostart am 9. November. .

 

Der Roman

 

1934 veröffentlichte Agatha Christie ihren neunten Roman mit dem belgischen Privatdetektiv Hercule Poirot. Besondere Kennzeichen: seine Hinweise auf seine „kleinen grauen Zellen“ und sein liebevoll gepflegter Schnurrbart. Inspiriert war „Mord im Orientexpress“ von der damals weltweit Aufsehen erregenden Entführung und Ermordung des Babys von Charles Lindbergh. Diese damals noch nicht aufgeklärte Tat ist dann auch die Grundlage für das Mordmotiv.

Der Fall selbst bewegt sich in den etablierten Rätselkrimipfaden.

Hercule Poirot reist mit dem Orientexpress von Istanbul nach Calais. In Jugoslawien bleibt der Zug in einer Schneewehe stecken. Samuel Edward Ratchett, der Drohbriefe erhielt und Poirot als seinen Beschützer engagieren wollte, liegt ermordet in seinem Erster-Klasse-Abteil. Er wurde mit zwölf Messerstichen, die anscheinend von mehreren Personen stammen, ermordet. Das geöffnete Abteilfenster ist eine falsche Fährte. Denn es gibt keine vom Zug wegführenden Fußspuren im Schnee. Schwieriger zu entschlüsseln sind andere Spuren: der im Nebenabteil, das der Mörder anscheinend für seine Flucht benutzte, gefundene Knopf von einer Uniform von einem Schlafwagenschaffner, das Taschentuch mit dem Monogramm „H“, die von Poirot in der Mordnacht gesehene Frau im roten Kimono und die Frage nach der Tatzeit. Zwar zeigt die zerbrochene Uhr des Toten mit 01.15 Uhr eine eindeutige Uhr- und Tatzeit an, aber schon vorher antwortete ein Mann in Ratchetts Abteil auf die nach einem Geräusch gestellte Frage des Schlafwagenschaffners, dass alles in Ordnung sei. Allerdings antwortete er auf französisch und der tote US-Bürger Ratchett spricht keine Fremdsprachen. Sagt sein Sekretär.

Es gibt also genug Hinweise und falsche Fährten, die Poirot in den kommenden Stunden, bis der Zug weiterfahren kann, entschlüsseln muss. Er beginnt die zwölf Passagiere der ersten Klasse zu befragen. In schönster Rätselkrimitradition muss sich der Mörder unter ihnen befinden.

Neben „Alibi“ (The Murder of Roger Ackroyd, 1926), einem anderen Hercule-Poirot-Krimi, in dem sie die Erwartungen des Publikums nach dem Mörder auf den Kopf stellte, und dem Theaterstück „Die Mausefalle“ (The Mousetrap, 1952), das eine ähnliche, den Erwartungen widersprechende Lösung hat, präsentiert sie in „Mord im Orientexpress“ alle Verdächtigen, also alle Zugpassagiere, als den Mörder. Ratchett, eigentlich Cassetti, hat vor einigen Jahren John Armstrongs Baby entführt und getötet. Cassetti wurde angeklagt und wegen eines Formfehlers nicht verurteilt. Die Passagiere des Schlafwagens waren mit Armstrong als Verwandte, Angestellte und Freunde verbunden und, nachdem Ratchett freigesprochen wurde, beschlossen sie, Selbstjustiz zu üben. Was sie, nach präziser Planung, in der Mordnacht taten. Weil mit Poirot ein nicht eingeplanter Gast in dem Zugabteil mitreiste, legten sie außerdem zahlreiche falsche Fährten.

Am Ende präsentiert Poirot den versammelten Verdächtigen diese Lösung und eine andere, in der ein unbekannter, flüchtiger Täter Ratchett ermordete. Die Täter geben ihre Tat zu und der ebenfalls im Zug mitreisende Direktor der Zuggesellschaft, Monsieur Bouc, und der Arzt Dr. Constantine entscheiden sich dafür, der Polizei zu erzählen, dass Ratchett von einem flüchtigen Einzeltäter ermordet wurde.

Diese Lösung (also dass Ratchett gleichzeitig von zwölf Menschen ermordet wurde) ist zwar überraschend, aber auch nicht besonders logisch. So soll das Mordopfer keinen der Mitreisenden erkannt haben.

Wie die Täter, die sich teilweise vorher nicht kannten, sich kennen lernten und wie sie sich zu dieser Tat verabredeten, wird nicht erwähnt. Auch nicht, wie sie sich überzeugten, gemeinsam einen kaltblütigen Mord auszuführen. Wer über diese Punkte auch nur kurz nachdenkt, wird ernsthafte Probleme mit der von Agatha Christie präsentierten Lösung haben.

Der offensichtliche Konflikt zwischen einer moralisch vielleicht gerechtfertigter Selbstjustiz und der Herrschaft des Gesetzes (inklusive einem rechtsstaatlichen Gerichtsverfahren) wird in dem Roman nicht weiter thematisiert. Schließlich steht in einem Rätselkrimi die Tätersuche als intellektuelles Puzzlespiel im Vordergrund. Mit der Illusion, dass man als Leser den Täter ebenfalls enttarnen kann, weil der Autor alle Fakten präsentiert. Sogar wenn man die Lösung kennt, wird man nur wenige Hinweise auf die richtige Lösung finden. Im Klassischen Rätselkrimi, wie ihn Agatha Christie erfand, geht es sogar nur um die Tätersuche. Oder in Poirots Worten: „Es gibt für diesen Mord zwei mögliche Lösungen. Ich werde Ihnen beide vorstellen, und dann mögen Monsieur Bouc und Dr. Constantine entscheiden, welche von ihnen die richtige ist.“

Der Roman ist in einer heute altertümlichen Sprache geschrieben und die gut vierzig Seiten bis zur Entdeckung der Leiche sind ziemlich spannungsfrei.

Ziemlich witzig sind, jedenfalls aus heutiger Sicht, die schamlos vorgetragenen, jeder Grundlage entbehrenden Urteile über verschiedene Völker. Sie sind einfach eine Ansammlung absurder Vorurteile.

 

Die Verfilmungen

 

Seit seiner Veröffentlichung wurde der Roman mehrmals verfilmt. Bei uns sind die beiden Spielfilme (die zweite Spielfilm-Verfilmung startet am Donnerstag) und spielfilmlangen TV-Filme bekannt.

Am bekanntesten ist die Verfilmung von Sidney Lumet. Er sperrte 1974 ein Dutzend Stars in den Zug ein und bei den Verhören von Hercule Poirot hatte jeder seinen großen Auftritt. Das Rezept war so erfolgreich, dass danach, mit Peter Ustinov als Poirot, „Tod auf dem Nil“ und „Das Böse unter der Sonne“ entstanden. Der dritte Ustinov/Poirot Kinofilm „Rendezvous mit einer Leiche“ hatte dann weniger Stars und war auch weniger erfolgreich. Davor spielte Ustinov den Detektiv auch in drei TV-Filmen. Nach dem gleichen Rezept entstand damals, mit Angela Lansbury als Miss Marple, „Mord im Spiegel“.

Lumets Verfilmung ist heute immer noch vergnügliches, aus der Zeit gefallenes, in einer Parallelwelt spielendes Starkino, bei dem jeder Schauspieler in mondäner Kulisse mindestens einmal groß aufspielen darf.

Carl Schenkel verlegte 2001 in seiner erschreckend spannungsfrei inszenierten Verfilmung die Geschichte in die Gegenwart, was man vor allem an einem Handy und einem Laptop erkennt.

Am Ende, wenn Poirot erklärt, dass er der Polizei die Version von dem flüchtigen Täter erzählen wird, zeigt sich ein großes Problem. Damals, als Christie den Roman schrieb, war eine solche Erklärung möglich. Heute, in Zeiten von CSI, ist eine solche Erklärung nicht mehr glaubwürdig. Sie würde allen Spuren widersprechen.

Neun Jahre später inszenierte Philip Martin im Rahmen der langlebigen TV-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ mit David Suchet als Hercule Poirot, eine weitere Version des Romans. Wie alle Suchet/Poirot-Filme spielt sie in den Dreißigern. Bei Christie-Fans sind die siebzig TV-Filme mit Suchet sehr beliebt sind.

In diesem Fall wird die Lösung sehr früh präsentiert und Poirot hadert danach länger mit der Frage, welche Lösung er der Polizei präsentieren soll. Es entsteht sogar das Gefühl, dass die Täter jetzt ihn als unliebsamen Zeugen ermorden könnten.

Am Ende bleibt offen, welche Lösung er der Polizei erzählt. Der Zuschauer muss sich entscheiden.

Martins Verfilmung ist deutlich gelungener als Schenkels misslungene Verfilmung. Und Poirots Zweifel wenn er der Polizei als Mörder präsentieren soll, führen zu einigen noirischen Kameraeinstellungen, die das Gefühl vermitteln, dass Poirot wirklich in Lebensgefahr schwebt und bald von den Ratchetts Mördern, die zu einem mordlüsternen Mob werden, umgebracht werden könnte. Das ist, weil in einem Rätselkrimi der Detektiv nach der Enttarnung keine Angst vor irgendwelchen Aktionen des Mörders haben muss, eine interessante Variante, die nur bedingt funktioniert. Auch weil Hercule Poirot danach keine weiteren Fälle lösen könnte.

Beide TV-Filme stehen im Schatten von Lumets Verfilmung.

Und am 9. November kommt Kenneth Branaghs Verfilmung in unsere Kinos. Allein schon von der hochkarätigen Besetzung knüpft er an Lumets Verfilmung an.

In den einschlägigen Foren wird bis dahin emsig über Hercule Poirots Bart diskutiert. Wie auch bei Albert Finney, Alfred Molina und David Suchet darüber diskutiert wurde.

Ich persönlich halte Branaghs Poirot-Bart für eine monströse Geschmacksverirrung.

Agatha Christie: Mord im Orientexpress

(übersetzt von Otto Bayer)

Atlantik Verlag, 2017

256 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Murder on the Orient Express

HarperCollins, London, 1934

Die erste deutsche Übersetzung erschien 1934 als „Die Frau im Kimono“; später „Der rote Kimono“. Elisabeth van Bebber war die Übersetzerin.

Die aktuelle Übersetzung erschien erstmals 2002 im S. Fischer Verlag. Sie müsste, auch wenn es im Impressum nicht gesagt wird, identisch mit Otto Bayers 1999 im Scherz Verlag erschienener Übersetzung sein.

Die Verfilmungen

Der bekannte Kinofilm

Mord im Orient-Express (Murder on the Orient Express, Großbritannien 1974)

Regie: Sidney Lumet

Drehbuch: Paul Dehn, Anthony Shaffer (ungenannt)

mit Albert Finney, Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Cassel, Sean Connery, Sir John Gielgud, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Michael York, Richard Widmark, Wendy Hiller, Colin Blakely

Die unbekannte TV-Verfilmung

Mord im Orient-Express (Murder on the Orient-Express, USA 2001

Regie: Carl Schenkel

Drehbuch: Stephen Harrigan

mit Alfred Molina, Meredith Baxter, Leslie Caron, Peter Strauss, Fritz Wepper, Kai Wiesinger, Amira Casar, Nicolas Chagrin, Tasha de Vasconcelos, David Hunt, Adam James, Dylan Smith, Natasha Wightman

Die TV-Verfilmung im Rahmen der Serie „Agatha Cristie’s Poirot“

 

Agatha Christie’s Poirot: Mord im Orient-Express (Agatha Christie’s Poirot: Murder on the Orient Express, Großbritannien 2010)

Regie: Philip Martin

Drehbuch: Stewart Harcourt

mit David Suchet, Toby Jones, David Morrissey, Jessica Chastain, Barbara Hershey, Susanne Lothar, Tristan Shepherd, Sam Crane, Brian J. Smith, Stewart Scudamore, Serge Hazanavicius, Eileen Atkins, Denis Ménochet, Hugh Bonneville, Marie-Josée Croze, Stanley Weber, Elena Satine, Joseph Mawle, Samuel West

Polyband veröffentlichte diese Verfilmung jetzt als Einzel-DVD „Poirot – Mord im Orient-Express“

Die Neuverfilmung (Kritik gibt es zum Filmstart am 9. November 2017)

Mord im Orientexpress (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Michael Green

mit Kenneth Branagh, Daisy Ridley, Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Penélope Cruz, Judi Dench, Willem Dafoe, Josh Gad, Lucy Boynton, Marwan Kenzari, Olivia Colman, Miranda Raison, Derek Jacobi, Tom Bateman

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Metacritic über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Rotten Tomatoes über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Wikipedia über „Mord im Orientexpress“ (Roman [deutsch, englisch], Lumet-Verfilmung [deutsch, englisch], Schenkel-Verfilmung [englisch], Martin-Verfilmung [deutsch], Branagh-Verfilmung [deutsch, englisch]) und Agatha Christie (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 8. November: Panzerkreuzer Potemkin

November 8, 2017

Arte, 22.40

Panzerkreuzer Potemkin (UdSSR 1925)

Regie: Sergej M. Eisenstein

Drehbuch: Sergej M. Eisenstein, Nina Agadshanowa-Schulko

Stummfilmklassiker über eine Matrosenrevolte auf dem titelgebenden Schiff, heute in einer restaurierten deutschen Tonfassung.

Davor, um 21.45 Uhr, zeigt Arte „Die Russische Revolution und ihr Kino“ (Frankreich 2016, Ein Blick in die russischen Kinoarchive von 1917 bis 1934). Danach „Mobilisierung der Träume“ (D/A/GB 2015, eine Reflexion über die Entwicklung der Medien, garniert mit historischen Aufnahmen, u. a. aus „Panzerkreuzer Potemkin“).

Mit Alexander Antonov, Wladimir Barski, Grigori Alexandrov, Vladimir Baksky

Hinweise

Arte über „Panzerkreuzer Potemkin“ und das heutige Programm

Rotten Tomatoes über „Panzerkreuzer Potemkin“

Wikipedia über „Panterkreuzer Potemkin“ (deutsch, englisch)


Cover der Woche

November 7, 2017


Die Krimibestenliste November 2017

November 7, 2017

Die Zeit, die man auf der Kuschelcouch unter dem Licht einer Lampe mit einem dicken Buch verbringen kann, wird länger und die November-Krimibestenliste (präsentiert von F.A.S. und Deutschlandfunk Kultur) hat da einige Lesetipps:

1. (-) John le Carré – Das Vermächtnis der Spione

2. (3) Lisa Sandlin: Ein Job für Delpha

3. (2) Friedrich Ani – Ermordung des Glücks

4. (-) Iori Fujiwara – Der Sonnenschirm des Terroristen

5. (-) Norbert Horst – Kaltes Land

6. (-) Dave Zeltserman – Small Crimes

7. (-) Andreas Pflüger – Niemals

8. (9) David Whish-Wilson – Die Ratten von Perth

9. (-) Tanguy Viel – Selbstjustiz

10. (-) Liza Cody – Krokodile und edle Ziele

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Einiges, vor allem aus dem Hardboiled-Bereich, wie Lisa Sandlin und Dave Zeltserman, liegen bei mir rum. Iori Fujiwara in Japan bereits 1998 erschienener Roman über einen japanischen Terroristen, der nach zwei Jahrzehnten im Untergrund in einen Terroranschlag in Tokio verwickelt wird und seine Unschuld beweisen will, liegt auch auf meinem Zu-lesen-Stapel.

Zuletzt habe ich Tom Franklins wüstes Werk „Smonk“ (pulp master) gelesen. Besprechung demnächst. Craig Johnsons Neowestern „Longmire: Bittere Wahrheiten“ lese ich gerade. Die „Longmire“-TV-Serie basiert auf Johnsons Romanen.

Und dazwischen werden die Kurzgeschichten aus „Paris Noir“ (unter anderem von Didier Daeninckx, Jérôme Leroy, Chantal Pelletier und Jean-Bernard Pouy) genossen. Auch dazu demnächst mehr begeisterte Worte. Wenn’s klappt in einer Doppelbesprechung mit „Nighthawks: Stories nach Gemälden von Edgar Hopper“ (von, u. a., Lee Child, Michael Connelly, Jeffery Deaver, Stephen King, Joyce Carol Oates, Joe R. Lansdale und Lawrence Block – herrje, das Buch kann gar nicht schlecht sein).