TV-Tipp für den 8. September: Die Entführung der U-Bahn Pelham 123

September 8, 2017

RTL II, 22.25

Die Entführung der U-Bahn Pelham 123 (The Taking of Pelham 123, USA 2009)

Regie: Tony Scott

Drehbuch: Brian Helgeland

LV: John Godey: The Taking of Pelham One Two Three, 1973 (Abfahrt Pelham 1 Uhr 23)

In New York nehmen Gangster die Passagiere einer U-Bahn als Geisel. Sie fordern binnen einer Stunde 10 Millionen Dollar Lösegeld. Ein Fahrdienstleiter beginnt mit den Verhandlungen.

Für das Update des 1973er Thriller-Klassikers „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ von Joseph Sargent, nach einem Drehbuch von Peter Stone, mit Walter Matthau, Robert Shaw und Martin Balsam musste Brian Helgeland nicht viel tun. Denn Romanautor John Godey hat sich eine ebenso einfach, wie spektakuläre Story ausgedacht. Da musste Brian Helgeland nur der Story folgen und aus den vielen im Buch auftretenden Charakteren (die so auch ein Bild der US-amerikanischen Gesellschaft in den frühen Siebzigern entstehen lassen) die für einen Film wichtigen auswählen. Tony Scott bebilderte dann das ganze mit einer für seine Verhältnisse angenehm zurückhaltenden Regie.

Aber während die 1973er-Version immer noch thrillt, bedient Scott einfach nur ziemlich glatt und damit auch vorhersehbar-langweilig die Spannungsmachinerie. Es ist nicht wirklich Falsches in „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“, aber auch nichts, was zum wiederholten Ansehen reizt.

mit Denzel Washington, John Travolta, Luis Guzmán, John Turturro, James Gandolfini

Wiederholung: Samstag, 9. September, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“

Metacritic über “Die Entführung der U-Bahn Pelham 123″

Rotten Tomatoes über “Die Entfürhung der U-Bahn Pelham 123″

Wikipedia über “Die Entführung der U-Bahn Pelham 123″ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Godeys „Abfahrt Pelham 1 Uhr 23“ (The Taking of Pelham One Two Three, 1973)

„The Taking of Pelham 123“ in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Willkommen in der schönen neuen Welt des „The Circle“

September 7, 2017

Vor vier Jahren war Dave Eggers‘ Anti-Utopie „Der Circle“ in den Feuilletons und den Bestsellerlisten das Buch der Stunde. Denn er schrieb eine seitenstarke Anklage gegen Facebook und Konsorten, er warnte vor dem Überwachungswahn von Internetfirmen und der freiwilligen Preisgabe intimster Details.

Er reihte sich damit, wenigstens im Werbesprech, ein in die Reihe großer SF-Romane wie Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ (Brave new World, 1932), George Orwells „1984“ (Nineteen Eighty-Four, 1949) und Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ (1953).

Dass Eggers‘ Dystopie für Science-Fiction-Fans spätestens seit Cyberpunk ein alter Hut ist, dass Eggers‘ Dystopie deutlich länger und oberflächlicher als die eben genannten Klassiker ist; – geschenkt, solange das Werk auf ein aktuelles Problem aufmerksam machen kann und eine breite Diskussion darüber anstößt.

Außerdem zeigt er schön die subtilen Methoden, mit denen Arbeitgeber ihre Angestellten und Kunden beeinflussen. Sie müssen keinen Druck ausüben, weil, wie in einer Sekte, alle Circle-Mitarbeiter sich freiwillig dem Gebot der Transparenz unterwerfen, intimste Details miteinander teilen und sich gegenseitig über den grünen Klee loben.

Jetzt läuft bei uns James Ponsoldts Verfilmung von Dave Eggers‘ Roman an und es könnte der hochkarätig besetzte Film zur Stunde sein. Emma Watson, Tom Hanks, John Boyega (bekannt aus „Star Wars: Das Erwachen der Macht“) und Allzweckwaffe Patton Oswalt sind dabei. Darren-Aronofsky-Stammkameramann Matthew Libatique übernahm die Kamera. Tim-Burton-Hauskomponist Danny Elfman schrieb die Musik.

Aber in den USA waren die Kritiken verheerend und an der Kinokasse blieb der Film weit hinter den Erwartungen zurück.

Ob das in Deutschland anders ist, wage ich zu bezweifeln. Denn „The Circle“ ist ein schlechter Film, der aber nicht mit dem Remmidemmi eines hirnlosen Blockbusters für sich werben kann.

Im Mittelpunkt des Buches und des Films steht die 24-jährige Mae Holland. Sie erhält, protegiert von ihrer Universitätsfreundin Annie Allerton, eine Stelle bei der Internetfirma „Circle“. Das ist, kurz gesagt, ein das Internet beherrschendes Konglomerat aller verfügbaren Dienste. So eine Art Super-Facebook-Amazon-YouTube-Twitter-Instagram-undwasessonstnochgibt, bei dem fast jeder Mensch ein persönlich verifiziertes TruYou-Konto hat. Ihre Arbeit beginnt Mae in der Kundenbetreuung. In den ersten Tagen erkundet sie die riesige Firmenzentrale. Sie ist ein Campus mit kostenlosen Mahlzeiten (teils von Spitzenköchen zubereitet), Apartments (bei Bedarf) und Endlospartys mit bekannten Künstlern. Im Film tritt Beck auf. Im Buch nennt Eggers keine Namen, aber Mae ist immer wieder begeistert, dass sie gerade den angesagten Musiker sehen kann. Denn die Firmenchefs wollen, dass es ihren Angestellten gut geht. Deshalb gibt es auch eine kostenlose Gesundheitsvorsorge; bei Bedarf auch für die Eltern. Und weil Maes Vater MS hat, ist das eine tolle Sache.

Circle-Firmengründer Eamon Bailey stellt mit SeeChange ein neues Projekt vor. Mit Minikameras, die überall auf der Welt verteilt werden, kann er vor dem Surfen sehen, ob die Wellen gut sind, ob seine Mutter in ihrer Wohnung nicht gestürzt ist (er hat die Kameras ohne ihr Wissen angebracht) und ob irgendwo in der Welt gerade etwas Schlimmes passiert, ein übergriffiger Polizist oder ein Aufstand. Die Kameras schaffen Transparenz für die gute Sache und sie führen zu einer besseren Welt. Meint Bailey.

Als Mae bei einer nächtlichen Kajakfahrt fast ertrinkt und nur durch die SeeChange-Kamera, die dafür sorgt, dass Rettungskräfte informiert werden, gerettet werden kann, ist sie von Baileys neuer Vision restlos überzeugt. Sie beschließt, vollkommen transparent zu werden.

Ab jetzt hat sie eine Kamera dabei, die ständig ins Internet überträgt, was sie tut. Sie will, dass alle Menschen ihrem Beispiel folgen. Denn, so ihr Spruch, der gleich vom Circle übernommen wurde: „Geheimnisse sind Lügen – Teilen ist Heilen – Alles Private ist Diebstahl“.

Während der Roman diese Geschichte (keine Panik, sie geht noch weiter) stringent als Verführungs- und bescheidene Aufstiegsgeschichte erzählt, geht der Film einen anderen Weg. Dass dafür einige Details verändert werden und dass aus zwei im Roman wichtigen Personen im Film eine wird, ist für das Scheitern des sich insgesamt sehr nah am Roman bewegenden Films letztendlich egal.

Wenn dabei allerdings die Motivation der Charaktere für ihr Handeln verändert wird, hat es Auswirkungen auf unseren Blick auf die Person und ihr Handeln.

So wird, um nur ein Beispiel zu nennen, Mae im Film transparent, weil sie in der Bucht bei einem nächtlichen Kajakausflug fast ertrunken wäre und nur durch SeeChange-Kameras gerettet werden konnte. Im Roman wird sie durch die SeeChange-Kameras bei dem Diebstahl des Kajaks erwischt und kann nur durch die Intervention der Besitzerin des Bootsverleihs, die für ihre Stammkundin Mae lügt, einer Verhaftung entgehen. Anschließend redet Bailey mit ihr darüber und wie unfair es sei, dass sie ihren nächtlichen Bootsausflug für sich behalten wollte und fragt sie, ob sie das Boot auch dann gestohlen hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie bei dem Diebstahl gefilmt werde.

In diesem und in vielen anderen Momenten, zeigt Eggers, wie Mae manipuliert wird. Ständig wird ihr ein schlechtes Gewissen eingeredet. Sie verändert ihr Verhalten, passt sich klaglos den Circle-Regeln an und wird immer mehr zu einer überzeugten Circle-Jüngerin, weil sie so ein besserer Mensch wird.

Trotzdem gibt es im Roman, auch nachdem Mae ihr gesamtes Leben in das Internet überträgt, immer wieder Brechungen. Denn Mae und ihre Gesprächspartnerinnen verändern bewusst ihr Verhalten, wenn sie ihr begegnen. Sie wissen in dem Moment, dass sie sich vor einem Millionenpublikum unterhalten. Mae schauspielert und sie weiß das. Eine Intimsphäre hat sie nur noch in wenigen Momenten ihres Lebens. Wenn sie schläft, nimmt sie die Kamera ab. Wenn sie auf die Toilette geht, wird die Kamera für drei Minuten stumm gestellt.

Doch auch hier geht ihre Entwicklung weiter. Sie wird zu einer immer lautstärkeren Verfechterin der Circle-Philosophie und sie möchte, dass der Kreis sich schließt. Auch wenn sie in dem Moment keine Ahnung, was das Schließen des Circle-Kreises sein wird.

Im Film, und das ist das größte Problem der Verfilmung, enthüllt Regisseur und Drehbuchautor James Ponsoldt die Motive des Circle und die damit verbundenen Gefahren für unser Zusammenleben schon sehr früh. Danach weiß Mae, dass ihr Arbeitgeber nicht so edel ist, wie er behauptet, aber als die nächste App auf ihrem Computer installiert wird, denkt sie nicht mehr daran. Es ist ihr egal. Es hat keine Auswirkung auf ihr Handeln. Es gibt keine Entwicklung, sondern nur eine durchgehend naive Protagonistin, die jedes Mal, wenn ihr ein für sie besonders wichtiger Circle-App präsentiert wird, skeptisch die Stirn runzelt (nein, das kann Emma Watson nicht besonders gut), nickt und sofort die App begeistert und vollkommen kritiklos anwendet .

Deshalb ist das Filmende, das sich vom Romanende unterscheidet, ärgerlich. Das Romanende ergibt sich aus der vorherigen Geschichte. Im Film ist man dagegen von Maes Handlung überrascht, weil sie dramaturgisch nicht vorbereitet wurde. Es ist das Ende eines Films, der unter seiner glänzenden Oberfläche das Potential seiner Geschichte niemals auch nur im Ansatz ausschöpft, weil er durchgehend viel zu nah am schwachen Romantext bleib. Die wenigen Veränderungen schwächen die Geschichte eher, als dass sie sie stärken.

Und jetzt habe ich noch nichts über die vollkommen verschenkten politischen Subplots gesagt.

The Circle (The Circle, USA/UAE 2017)

Regie: James Ponsoldt

Drehbuch: James Ponsoldt

LV: Dave Eggers: The Circle, 2013 (Der Circle)

mit Emma Watson, Tom Hanks, John Boyega, Karen Gillan, Ellar Coltrane, Patton Oswalt, Glenne Headly, Bill Paxton, Jimmy Wong, Judy Reyes, Beck (als Beck)

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Dave Eggers: Der Circle

(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

KiWi, 2015

560 Seiten

10,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Kiepenheuer & Witsch, 2014

Originalausgabe

The Circle

Knopf, 2013

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Circle“

Metacritic über „The Circle“

Rotten Tomatoes über „The Circle“

Wikipedia über „The Circle“ (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Der Circle“

Meine Besprechung von Tom Tykwers Dave-Eggers‘-Verfilmung „Ein Hologramm für den König“ (Deutschland/Großbritannien 2016)


TV-Tipp für den 7. Septemter: Die Brut

September 7, 2017

Arte, 23.35
Die Brut (Kanada 1979, Regie: David Cronenberg)
Drehbuch: David Cronenberg
Während eines Sorgerechtsstreit begibt sich Nola Carveth in die Therapie von Dr. Hal Raglan, der ihr am Somafree Institute seine Therapie, die Psychoplasmatik, empfiehlt. Sie soll ihren Zorn und ihre Traumata nicht mehr in sich hineinzufressen, sondern ihnen in körperlichen Reaktionen eine Form geben. Sie fantasiert schrecklich-eklige Killerkinder herbei.
Zum deutschen Kinostart 1982 schrieb der Fischer Film Almanach: „Die Horrortaube auf dem Dach – darf man, unbescheiden, gar nicht mehr auf sie warten; muß man schon mit diesem Spatzen zufrieden sein?“
2010 war „Die Brut“ einer der zehn Extra-Tipps in Frank Schnelle/Andreas Thiemanns „Die 50 besten Horrorfilme“: „’Die Brut‘ ist David Cronenbergs Replik auf Hollywoods Scheidungsdrama ‚Kramer gegen Kramer‘ und zugleich eine eigenwillige Verarbeitung autobiographischer Erlebnisse. (…) Eine schaurige, beklemmende, verstörende Fantasie.“
Und, das war zwischen „Rabid – Der brüllende Tod“ und „Scanners – Ihre Gedanken können töten“ nicht vorhersehbar, Cronenberg wurde seitdem zu einem anerkannten Regisseur, der auf die wichtigen Filmfestivals eingeladen und abgefeiert wird.

Anschließend, um 01.05 Uhr, zeigt Arte mit „Scanners – Ihre Gedanken können töten“ (Kanada 1981) einen weiteres Cronenberg-Frühwerk.

Mit Oliver Reed, Samantha Eggar, Art Hindle, Cindy Hinds, Nuala Fitzgerald, Henry Beckman

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Brut“

Wikipedia über „Die Brut“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Meine Besprechung von David Cronenbergs „Cosmopolis“ (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)

Meine Besprechung von David Cronenbergs “Maps to the Stars” (Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014) (und die DVD-Kritik)

David Cronenberg in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 6. September: Fluchtpunkt Nizza

September 5, 2017

Arte, 20.15

Fluchtpunkt Nizza (Frankreich 2005, Regie: Jérôme Salle)

Drehbuch: Jérôme Salle

Chiara ist die Geliebte des international gesuchten Geldwäschers Anthony Zimmer. Um die sie verfolgenden Polizisten abzulenken, flirtet sie im Zug nach Nizza mit dem biederen Übersetzer Francois. Der wird von den Verfolgern für Anthony Zimmer gehalten.

Locker-flockiger und extrem kurzweiliger Thriller, der ein vergessenswertes Hollywood-Remake „The Tourist“ (von Florian Henckel von Donnersmarck mit Angelina Jolie und Johnny Depp) erhielt.

Salles Werk war als bestes Debüt für einen César nominiert.

mit Yvan Attal, Sophie Marceau, Sami Frey, Daniel Olbrychski

auch bekannt als „Anthony Zimmer“

Wiederholung: Montag, 11. September, 14.00 Uhr

Hinweise

Wikipedia über „Anthony Zimmer“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Largo Winch – Tödliches Erbe“ (Largo Winch, Frankreich 2008)

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Largo Winch II – Die Burma-Verschwörung“ (Largo Winch II, Frankreich/Belgien/Deutschland 2011)

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Zulu“ (Zulu, Frankreich/Südafrika 2013) und der DVD

Meine Beprechung von Jérôme Salles „Jacques – Entdecker der Ozeane“ (L’Odyssée, Frankreich/Belgien 2016)


Cover der Woche

September 5, 2017


TV-Tipp für den 5. September: Wovon träumt das Internet?

September 4, 2017

3sat, 22.25

Wovon träumt das Internet? (Lo and Behold, Reveries of the Connected World, USA 2016,)

Regie: Werner Herzog

Drehbuch: Werner Herzog

Herzlichen Glückwunsch zum heutigen 75. Geburtstag, Werner Herzog!

Aus diesem Anlass zeigt 3sat, als TV-Premiere, seine Doku „Wovon träumt das Internet?“ (Werner Herzogs Streifzug durch das Internet) und, um 00.05 Uhr, seine Doku „Tod in Texas“ (2012, Werner Herzogs Besuche bei Todeskandidaten in texanischen Gefängnissen).

Der BR zeigt parallel, ab 23.30 Uhr seine Doku „Mein liebster Feind“ (über seine Filme mit Klaus Kinski).

Bei all den Dokus vergisst man leicht, das Werner Herzog eigentlich ein Spielfilmregisseur ist. Zum Beispiel drehte er mit Klaus Kinski 1972 in Peru „Aguirre, der Zorn Gottes“. Den Film zeigt der BR morgen; – also, genaugenommen und taggenau läuft der Film am Donnerstag, den 7. September, um 00.40 Uhr (VPS 00.39) und es ist ein Klassiker des deutschen Films.

Am Donnerstag, den 7. September, zeigt 3sat um 22.25 Uhr Herzogs Thrillerdrama „Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen“ (USA 2009).

Hinweise

3sat über „Wovon träumt das Internet?“

Rotten Tomatoes über „Wovon träumt das Internet?“

Wikipedia über „Wovon träumt das Internet?“

Meine Besprechung von Werner Herzogs „Königin der Wüste“ (Queen of the Desert, USA/Marokko 2015)

Meine Besprechung von Werner Herzogs „Salt and Fire“ (Salt and Fire, Deutschland/USA/Frankreich/Mexiko 2016)

Werner Herzog in der Kriminalakte


Sachdienlicher Hinweis auf eine Diskussion: Was bleibt nach dem Untersuchungsausschuss des Bundestages vom NSA-Skandal?

September 4, 2017

Als Organisator bin ich da vielleicht etwas subjektiv, aber das ist ein tolles Podium und ich erhoffe mir einen sehr informativen Abend:

Diskussion: Was bleibt nach dem Untersuchungsausschuss des Bundestages vom NSA-Skandal?

Mittwoch, 6. September, 19.00 Uhr, Robert-Havemann-Saal (Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4, Berlin)

Am 5. Juni 2013 veröffentlichte die britische Tageszeitung The Guardian“ den ersten Artikel über die weltweite Datenerfassung der NSA (National Security Agency). Die Informationen in dieser und etlichen weiteren Reportagen stammen aus dem Archiv des Whistleblowers Edward Snowden. Er lieferte erstmals Beweise für eine weltweite Überwachung. Auch Deutsche waren davon betroffen.

Noch vor der Bundestagswahl 2013 wollte die damalige Regierung die Überwachungsaffäre für beendet erklären.

Danach beschäftigte sich ein Untersuchungsausschuss des Bundestages mit der Überwachung der Bevölkerung durch die NSA und der Involvierung der deutschen Nachrichtendienste in den Skandal. Wir lernten Worte wie Five Eyes, Selektoren, Prism, Eikonal und Glo*** (bzw. Glotaic) kennen und erfuhren, was in Bad Aibling geschieht.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte der Untersuchungsausschuss seinen in der Vorabfassung 1822-seitigen Abschlussbericht, der auch einen tiefen Einblick in die Arbeit der Dienste ermöglicht.

Am Mittwoch, den 6. September, um 19.00 Uhr im Robert-Havemann-Saal wollen wir, unter anderem, mit

Stephan Martin (Rechtsanwalt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei MdB Martina Renner, Die Linke, für den NSA-Untersuchungsausschuss)

Prof. Dr. Kurt Graulich (Richter am Bundesverwaltungsgericht a. D., Honorarprofessor an der Humboldt-Universität, wissenschaftlicher Schwerpunkt im Sicherheitsrecht)

Dr. Peter Wolff (Gesprächskreis Nachrichtendienste in Deutschland, Sprecher der Arbeitsgruppe Recht und Ethik)

David Crawford (Senior Reporter, Correctiv)

über die Erkenntnisse des Ausschusses, welche Maßnahmen bereits ergriffen wurden, welche Maßnahmen von den Bundestagsabgeordneten gefordert werden, wie die Zusammenarbeit zwischen den Diensten aussehen soll und mit welchen Entwicklungen die deutschen und westlichen Nachrichtendienste in den kommenden Jahren konfrontiert werden, diskutieren.

Veranstalter: Humanistische Union Berlin-Brandenburg

Weiterführende Informationen

Untersuchungsausschuss des Bundestages

Bericht des Untersuchungsausschusses

Netzpolitik: der Bericht ohne die Schwärzungen

Wikipedia über den Untersuchungsausschuss

Humanistische Union: vorgänge Nr. 215: Geheimdienste vor Gericht

Das Parlament Nr. 30-31 (24. Juli 2017): Tiefe Einblicke in das Innenleben des Bundesnachrichtendienstes

Deutscher Bundestag: Bilanz der Obleute des NSA-Untersuchungsausschusses

Der Abend kann auch als Vorbereitung für die „Freiheit 4.0 – Rettet die Grundrechte“-Demonstration am Samstag, den 9. September, ab 12.00 Uhr auf dem Gendarmenmarkt in Berlin dienen. Alle Infos hier – und jetzt zum Mobilisierungsvideo

https://vimeo.com/228234978


Verlosung: Wer will „Boston“ haben?

September 4, 2017

Am 7. September erscheint der Actionthriller „Boston“. Es ist nach „Lone Survivor“ und „Deepwater Horizon“ der dritte Film, den Regisseur Peter Berg und mit Schauspieler Mark Wahlberg als Hauptdarsteller inszenierte. „Boston“ erzählt packend, immer entlang der Fakten und mit grandiosen Actionszenen die wahre Geschichte des Bombenanschlags auf den Boston Marathon am 15. April 2013 und der anschließenden Jagd auf die Täter.

Die einzige wirklich große Abweichung von der wahren Geschichte ist der von Mark Wahlberg gespielte Boston-Cop Tommy Saunders. Er verkörpert die Seele von Boston und er führt, als mehr oder weniger passiver Beobachter, durch die Geschichte.

Die DVD hat über zwei Stunden Bonusmaterial und sieht sehr gut aus.

Zum Kinostart widmete ich dem Film eine ausführliche Kritik. Das Bonusmaterial wird die Tage besprochen.

Bis dahin dürft ihr euch an der Verlosung von DVD und Poster beteiligen.

Die Verlosung endet am Freitag, den 8. September, um Mitternacht (also um 23.59 Uhr).

In den Betreff müsst ihr „Verlosung Boston“ schreiben und in der Mail an info@axelbussmer.de muss eine deutsche Postadresse stehen.

Boston (Patriots Day, USA 2016)

Regie: Peter Berg

Drehbuch: Peter Berg, Matt Cook, Joshua Zetumer (nach einer Geschichte von Peter Berg, Matt Cook, Paul Tamasy und Eric Johnson)

mit Mark Wahlberg, Kevin Bacon, John Goodman, J. J. Simmons, Michelle Monaghan, Alex Wolff, Themo Melikidze, Jake Picking, Jimmy O. Yang, Rachel Brosnahan, Christopher O’Shea, Khandi Alexander

DVD

Studiocanal

Bild: 2,40:1 (anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Dokumentation „Boston Strong“, Featurettes „Die realen Vorbilder“/“Researching the Day – Der Dreh“/“Boston – Die Stadt der Champions“/“Die Schauspieler erinnern sich“/“Die Helden vor Ort“, Erweitertes Ende, Trailer, Wendecover

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Boston“

Metacritic über „Boston“

Rotten Tomatoes über „Boston“

Wikipedia über „Boston“ (deutsch, englisch) und den Anschlag (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Boston“

Meine Besprechung von Peter Bergs „Battleship“ (Battleship, USA 2012)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Lone Survivor“ (Lone Survivor, USA 2013)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Deepwater Horizon“ (Deepwater Horizon, USA 2016)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Boston“ (Patriots Day, USA 2016)


TV-Tipp für den 4. September: Der Mann, der Sherlock Holmes war

September 4, 2017

Arte, 20.15

Der Mann, der Sherlock Holmes war (Deutschland 1937, Regie: Karl Hartl)

Drehbuch: Robert A. Stemmle, Karl Hartl

LV: Figur von Sir Arthur Conan Doyle

Zwei kleine Detektive klären als Holmes und Watson ein Verbrechen auf – und Holmes-Erfinder Doyle schaut ihrem Treiben amüsiert zu.

Ein damals ungeheuer erfolgreicher und heute immer noch sehenswerter Ufa-Klassiker mit Hans Albers, Heinz Rühmann und dem Gassenhauer „Jawohl, meine Herren, so haben wir es gern“.

Arte zeigt die restaurierte Fassung

Danach ufat es weiter mit der Travestiekomödie „Viktor und Viktoria“ (Deutschland 1933, Regie: Reinhard Schünzel) und, um 23.40 Uhr, mit dem Stummfilmdrama „Die Liebe der Jeanne Ney (Deutschland 1927, Regie: Georg Wilhelm Papst).

Mit Hans Albers, Heinz Rühmann, Marieluise Claudius, Hansi Knoteck, Hilde Weisner, Siegfried Schürenberg, Paul Bildt

Hinweise

Arte über „100 Jahre UFA – Ganz großes Kino“

Filmportal über „Der Mann, der Sherlock Holmes war“

Wikipedia über „Der Mann, der Sherlock Holmes war“ (deutsch, englisch)

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Der Fall Moriarty“ (Moriarty, 2014)

Meine Besprechung von Mattias Boströms „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ (Fran Holmes till Sherlock, 2013)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (Sherlock, GB 2012)

Meine Besprechung von „Sherlock – Staffel 3“ (Sherlock, GB 2014)

Mein Hinweis auf „“Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 4“ (Sherlock, GB 2017)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte


Die Krimibestenliste September 2017

September 3, 2017

Sodele, die Krimibestenliste für den September (präsentiert von F.A.S. und Deutschlandfunk Kultur) ist draußen und diese literarischen Mordstaten empfehlen die Damen und Herren Kritiker:

1. Simone Buchholz – Beton Rouge (Platzierung im Vormonat: 5)

2. Ottessa Moshfegh: Eileen (Platzierung im Vormonat: /)

3. Zoë Beck – Die Lieferantin (Platzierung im Vormonat: 1)

4. Antonin Varenne – Die Treibjagd (Platzierung im Vormonat: 2)

5. Sven Heuchert – Dunkels Gesetz (Platzierung im Vormonat: /)

6. Graeme Macrae Burnet – Das Verschwinden der Adèle Bedeau (Platzierung im Vormonat: 8)

7. Lisa Sandlin: Ein Fall für Delpha (Platzierung im Vormonat: /)

8. Robert Hültner: Lazare und der tote Mann am Strand (Platzierung im Vormonat: 10)

9. Monika Geier – Alles so hell da vorn (Platzierung im Vormonat: 6)

10. Christian v. Ditfurth: Giftflut (Platzierung im Vormonat: /)


TV-Tipp für den 3. September: TV-Duell: Merkel – Schulz

September 3, 2017

ARD/ZDF/RTL/Sat.1, 20.15

TV-Duell: Merkel – Schulz

Ein Boxkampf ist es nicht und, obwohl es inzwischen schon eine Tradition ist, auch etwas seltsam. Denn da treten die Spitzenkandidaten der beiden größten Parteien gegeneinander an, als gäbe es in Deutschland ein Mehrheitswahlrecht. Dabei wird Deutschland, dank des Verhältniswahlrechts, eigentlich immer und überall von Koalitionen regiert.

Jedenfalls haben Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) 95 streng reglementierte Minuten, um für sich zu werben.

Am Montag dürfen dann die anderen voraussichtlich im Bundestag vertretenen Parteien gegeneinander antreten. Und zwar um 19.25 Uhr im ZDF (Bündnis 90/Die Grünen, CSU, Die Linke) und um 20.15 Uhr in der ARD als „Der Fünfkampf nach dem TV-Duell“ (dann sind auch FDP und AfD dabei). Die Runde war in den letzten Bundestagswahlkämpfen lebendiger als das Kanzlerduell.


TV-Tipp für den 2. September: Roter Drache

September 1, 2017

ZDFneo, 22.00

Roter Drache (USA 2002, Regie: Brett Ratner)

Drehbuch: Ted Tally

LV: Thomas Harris: Red Dragon, 1981 (Roter Drache)

FBI-Mann Will Graham jagt einen Serienkiller. Nur Hannibal Lecter kann ihm helfen.

Die zweite Verfilmung von „Red Dragon“, dem ersten Roman mit Menschenfresser Hannibal Lecter, ist meilenweit von der Qualität von „Manhunter“ (USA 1986, Regie/Buch: Michael Mann) entfernt. Optisch hält Ratner sich in seinem langatmig-langweiligen Starkino an den von Jonathan Demme in seiner Thomas-Harris-Verfilmung „Das Schweigen der Lämmer“ etablierten Look. Von der Story wiederholt Ratner nur Michael Manns eiskalten „Manhunter“, garniert mit überflüssigen Verweisen auf „Das Schweigen der Lämmer“.Und Anthony Hopkins in der Rolle seines Lebens.

Die andere Meinung: „Roter Drache ist ein erstklassiger Thriller.“ (Rheinische Post, 31. Oktober 2002)

Mit Anthony Hopkins, Edward Norton, Ralph Fiennes, Harvey Keitel, Emily Watson, Mary-Louise Parker, Philip Seymour Hoffman, Anthony Heald, Lalo Schifrin (als Dirigent, sein bislang einziger Filmauftritt)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Roter Drache“

Wikipedia über „Roter Drache“ (deutsch, englisch)

Homepage von Thomas Harris

Krimi-Couch über Thomas Harris

Meine Besprechung von Brett Ratners „Aushilfsgangster“ (Tower Heist, USA 2011)

Meine Besprechung von Brett Ratners „Hercules“ (Hercules, USA 2014)


TV-Tipp für den 1. September: Kopfüber in die Nacht

August 31, 2017

ZDFneo, 23.30

Kopfüber in die Nacht (USA 1985, Regie: John Landis)

Drehbuch: Ron Koslow

Ed Okin kann einfach nicht einschlafen. Also fährt er ins Flughafenparkhaus, eine Frau springt zuerst auf seine Motorhaube, dann auf seinen Beifahrersitz und fordert ihn auf, möglichst schnell abzuhauen. Denn sie wird von einigen Killern verfolgt. Ed gibt Gas und erlebt eine aufregende Nacht.

Grandiose Komödie mit einer gehörigen Portion Slapstick, viel Schwarzer Serie und einem beeindruckendem Aufgebot von Stars, die niemand kennt, weil sie als Kollegen von „Blues Brothers“-Regisseur John Landis hauptsächlich hinter der Kamera stehen (und standen).

„Landis (…) ist wieder ein amüsantes Vexierspiel aus ironisch montierten Versatzstücken unterschiedlicher Genres gelungen, das häufig augenzwinkernd mit Zitaten spielt.“ (Fischer Film Almanach 1986)

Eine sträflich unterschätzte, selten gezeigte Filmperle

Mit Jeff Goldblum, Michelle Pfeiffer, Stacey Pickren, David Bowie, Dan Aykroyd, David Cronenberg, John Landis, Waldo Salt, Bruce McGill, Rick Baker, Colin Higgins, Daniel Petrie, Paul Mazursky, Jonathan Lynn, Paul Bartel, Carl Perkins, Don Siegel, Jim Henson, Jack Arnold, Amy Heckerling, Roger Vadim, Lawrence Kasdan, Richard Farnsworth, Vera Miles, Irene Papas, Clu Gulager, Jonathan Demme, Carl Gottlieb

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Kopfüber in die Nacht“

Wikipedia über „Kopfüber in die Nacht“ (deutsch, englisch)

New York Times: Vincent Canby über “Into the Night” (22. Februar 1985)

Fast Rewind über “Into the Night”

Strange Conversation über “Into the Night” (16. Mai 2007)

Blog über “Into the Night”


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Ödön von Horvárths „Jugend ohne Gott“ als Dystopie

August 31, 2017

Dass Alain Gsponer in seiner Verfilmung die Geschichte von Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ aus der Nazi-Zeit in die Zukunft verlegt, ist nicht das größte Problem des Films. Im Gegenteil. Diese Verlegung der Handlung aktualisiert die Geschichte und macht sie auch für ein neues Publikum zugänglich.

Das gleiche gilt für den Wechsel des Protagonisten. Im Roman ist es der Lehrer. Ein Ich-Erzähler, der seinen Schülern etwas beibringen will und in Konflikt mit der herrschenden Ideologie gerät. Danach soll er, wie ihm sein Schuldirektor sagt, seine Schüler „moralisch zum Krieg erziehen“.

Im Film ist er eine Nebenfigur. Zach, einer seiner Schüler, ist der Protagonist. Um ein junges Publikum zu erreichen, ist das eine kluge Entscheidung. Schließlich identifiziert man sich als Jugendlicher eher mit einem Gleichaltrigen als mit einem Lehrer. Vor allem mit einem Lehrer, der an seiner Aufgabe hadert und von Selbstzweifeln darüber geplagt ist.

Diese beiden Änderungen und einige weitere, zu denen ich gleich komme, machen dann aus Gsponers Film eine freie Verfilmung des Romans.

In dem Film – und ich muss jetzt in Teilen der Filmhandlung weit vorgreifen – fährt die Schulklasse des namenlosen Lehrers (Fahri Yardim) in die Berge zu einem Zeltlager. Durch verschiedene Tests ihrer Persönlichkeit sollen die Schüler ausgewählt werden, die sich für einen Platz an Eliteuniversität qualifizieren.

Alle bis auf Zach (Jannis Niewöhner) folgen willig und ohne darüber nachzudenken, der in der Gesellschaft propagierten Leistungsideologie. Er ist, obwohl beliebt, schon in der Klasse ein hochintelligenter Außenseiter. Sein wertvollster Besitz ist ein Tagebuch, dem er seine Gedanken und Gefühle anvertraut. Im Gegensatz zu seinen Klassenkameraden denkt er nach. Er nimmt die gesellschaftlichen Veränderungen wahr und sie gefallen ihm nicht. Denn hinter dem schönen Schein der egalitären Wohlstandswelt gibt es bittere Armut. Letztendlich ist die von Gsponer gezeichnete Welt eine dystopische Zwei-Klassen-Gesellschaft. Es ist eine diktatorische Leistungsgesellschaft, die gnadenlos unliebsame, nicht angepasste oder nicht leistungsfähige Menschen aussortiert.

In dem Zeltlager werden sie von dem Aufseher vor einer im Wald lebenden Bande Jugendlicher, die außerhalb ihrer Zone leben und sich mit Diebstählen über Wasser halten, gewarnt. Zach lernt das im Wald lebende Mädchen Ewa (Emilia Schüle) kennen. Er verliebt sich in die Wilde.

Dann verschwindet Zachs Tagebuch (Leser des Romans kennen den Dieb) und ein Klassenkamerad, mit dem er schon in den vergangenen Tage handgreifliche Auseinandersetzungen hatte, wird ermordet im Wald aufgefunden. Aber hat er ihn auch ermordet?

Das größte Problem von Gsponers von-Horváth-Verfilmung ist die Erzählweise. Anstatt die Geschichte, wie im Roman, einfach chronologisch vom Anfang bis zum Ende zu erzählen, gibt es zahlreiche Rückblenden, die einem zum Verständnis notwendige Informationen erst sehr spät geben und das Geschehen aus einer anderen Perspektive schildern. Das erschwert das Hineinfinden in die Geschichte und die Identifikation mit den Figuren. Das zeigt sich schon in den ersten Minuten. Der Film beginnt mit der Ankunft im Zeltlager und es wirkt, als ob sich die Jugendlichen nicht kennen. Dabei sind sie Klassenkameraden, die mit ihrem Klassenlehrer zu dem Camp gefahren sind und vor der Fahrt schon einen unliebsamen (vulgo nicht leistungsfähigen) Schüler aussortiert haben. Das setzt sich später fort, wenn wir erst später erfahren, wer das Tagebuch geklaut hat und ob der oder die Mordverdächtigen die Tat begangen haben.

Ein anderes Problem ist die zu sparsam gezeichnete dystopische Gesellschaft. Entsprechend diffus bleibt die Gesellschaftskritik.

Am Ende ist „Jugend ohne Gott“ ein weiterer gescheiterter Versuch eines deutschen Science-Fiction-Films, der nicht an seinem Budget, sondern an seinem Drehbuch und seiner Inszenierung scheitert. Jedenfalls in der Form, die im Kino läuft.

Jugend ohne Gott (Deutschland 2017)

Regie: Alain Gsponer

Drehbuch: Alex Buresch, Matthias Pacht

LV: Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott, 1937

mit Jannis Niewöhner, Fahri Yardim, Emilia Schüle, Alicia von Rittberg, Jannik Schümann, Anna Maria Mühe, Rainer Bock, Katharina Müller Elmau, Iris Berben

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott

Suhrkamp, 2017 (Movie Tie-In)

160 Seiten

5 Euro

Erstausgabe

Exil-Verlag, Amsterdam, 1937

Die aktuelle Suhrkamp-Ausgabe basiert auf „Gesammelte Werke. Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden – Band 4: Prosa und Werke 1918 – 1938“ (Suhrkamp, 1988)

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Jugend ohne Gott“

Moviepilot über „Jugend ohne Gott“

Wikipedia über „Jugend ohne Gott“ (die aktuelle Verfilmung, der Roman) und Ödön von Horváth (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Ein mörderischer Auftrag für den „Killer’s Bodyguard“

August 31, 2017

Die Ausgangslage ist etwas kompliziert: Jedenfalls erklärt sich der inhaftierte Profikiller Darius Kincaid (Samuel L. Jackson) bereit in Den Haag am Internationalen Gerichtshof als Kronzeuge gegen den osteuropäischen Diktator Vladislav Dukhovich (Gary Oldman) auszusagen, wenn dafür Kincaids ebenfalls in Holland inhaftierte Frau Sonia (Salma Hayek) freigelassen wird. Kurz nachdem Kincaid, schwer bewacht von den Besten der Besten, das Gefängnis in Nordengland verlässt, wird der Konvoi überfallen. Bis auf die unerfahrene Interpol-Agentin Amelia Roussel (Elodie Yung), die Kincaid bewachen soll, und Kincaid, der im Alleingang mindestens die Hälfte der Angreifer tötet, sterben alle.

Roussel vermutet, dass sie verraten wurden und weil Kincaid nicht allein (sein Vorschlag) in 24 Stunden nach Den Haag fahren kann, bittet sie ihren Ex-Freund Michael Bryce (Ryan Reynolds) um Hilfe. Der Auftrag soll zu seiner Rehabilitierung beitragen. Denn früher war Bryce der beste Bodyguard, den man sich für Geld kaufen konnte.

Und ab diesem Moment bewegt sich „Killer’s Bodyguard“ in den sattsam bekannten Buddy-Movie-Gewässern. Bryce, ein manischer, alles vorausplanender Kontrollfreak, der Kincaid und alles was er verkörpert hasst, und Kincaid, für den, wie für Deadpool, die ganze Selbstmordaktion ein Riesenspaß ist, machen sich auf den Weg. Begleitet von einer Armada schießwütiger Gangster, unterbrochen von langen Streitgesprächen über Berufsethik und Beziehungen, die ein altes Ehepaar nicht besser hinbekommt.

Das ist ungefähr so tiefgründig wie eine Wasserpfütze und der Humor ist reichlich grob. Aber der von Tom Hughes („Red Hill“, „The Expendables 3“) inszenierte Film macht Spaß. In der deutschen Synchronisation stimmt die Chemie zwischen Bryce und Kincaid, während dem geübten Auge auffällt, dass Ryan Reynolds und Samuel L. Jackson erstaunlich selten gemeinsam im Bild sind.

Die Action ist weitgehend handgemacht. Von den Faustkämpfen über die Schießereien und Explosionen bis hin zu den Verfolgungsjagden in Autos und Booten durch die Grachten von Amsterdam. Das ist wunderschön altmodisch und, bei allem Exzess, doch glaubwürdig. Immerhin gibt es hier keine Superheldenaction, in der am Computer ganze Städte zerstört werden. Es gibt nur Autos, die danach Reif für den Schrottplatz sind. Bei einigen Actionszenen, wenn die Action in unmittelbarer Nähe der beiden Hauptdarsteller stattfindet, ist dann auch offensichtlich, dass hier Bilder übereinanderkopiert wurden. Globetrottern wird auch auffallen, dass die Macher sich bei den Orten einige Freiheiten nahmen.

Killer’s Bodyguard“ ist einfach eine entspannende Buddy-Actionkomödie, in der laut geflucht und beleidigt und noch lauter geschossen und Gegenstände in die Luft gejagt werden und man jeden Gedanken an Anspruch schon vor dem ersten Auftritt von Samuel L. Jackson beerdigen sollte.

Scheiße Ja.“ (Darius Kincaid, jugendfreie Version)

Und dann kann man zwei vergnügliche Stunden erleben. Mit einem Bier in der Hand und dem Gehirn auf Autopilot.

Killer’s Bodyguard (Hitman’s Bodyguard, USA 2017)

Regie: Tom Hughes

Drehbuch: Tom O’Connor

mit Ryan Reynolds, Samuel L. Jackson, Gary Oldman, Salma Hayek, Elodie Yung, Joaquim de Almeida, Sam Hazeldine, Richard E. Grant

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Killer’s Bodyguard“

Metacritic über „Killer’s Bodyguard“

Rotten Tomatoes über „Killer’s Bodyguard“

Wikipedia über „Killer’s Bodyguard“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tom Hughes‘ „The Expendables 3“ (The Expendables, USA 2014)

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte über den Zustand einer Beziehung


TV-Tipp für den 31. August: Scanners – Ihre Gedanken können töten

August 31, 2017

Arte, 23.25

Scanners – Ihre Gedanken können töten (Kanada 1981, Regie: David Cronenberg)

Drehbuch: David Cronenberg

Das Frühwerk von David Cronenberg (geb. 15. März 1943) ist vielleicht nicht sein bester Film (er schrieb während des Drehs das Drehbuch), aber mit der Idee der durch Gedankenkraft explodierenden Köpfe hat er ein Bild geschaffen, das sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Auch wenn man niemals den Film gesehen hat.

Die Story selbst ist eine ziemlich verwirrende Geschichte um sich bekämpfende Gruppen von telepathisch besonders begabten Menschen, Scanner genannt, wie sie ihre Fähigkeiten einsetzen und einem bösen Konzern, der die Scanners für ihre Interessen ausnutzen will.

mit Jennifer O’Neill, Stephen Lack, Patrick McGoohan, Lawrence Dane, Michale Ironside, Robert A. Silverman

Wiederholung: Freitag, 8. September, 01.05 Uhr (Taggenau!; davor, um 23.35 Uhr zeigt Arte den Cronenberg-Film „Die Brut“)

Hinweise

 Turner Classic Movies über „Scanners“

Rotten Tomatoes über „Scanners“

Wikipedia über „Scanners“ (deutsch, englisch) 

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Meine Besprechung von David Cronenbergs „Cosmopolis“ (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)

Meine Besprechung von David Cronenbergs “Maps to the Stars” (Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014) (und die DVD-Kritik)

David Cronenberg in der Kriminalakte


Horrorautor Joe Hill erzählt „Tales from the Darkside – Geschichten aus der Schattenwelt“

August 30, 2017

Die TV-Anthologieserie „Tales from the Darkside“ lief von 1983 (Pilotfilm, regulär ab 1984) bis 1988 im US-TV und ab 1989 auch bei uns, bei Pro7. Sie war, wie alle Anthologiserien, die das weite Feld zwischen Horror, Unheimlichem, Übernatürlichem, Science-Fiction (selten) und Krimi (noch seltener) bespielen, von „The Twilight Zone“ (Unglaubliche Geschichten/Unwahrscheinliche Geschichten/Geschichten, die nicht zu erklären sind) beeinflusst. In einer halben Stunde (mit Werbung) wird eine kurze Geschichten mit einem überraschendem Ende erzählt.

Vor ein paar Jahren gab es Pläne, das Konzept unter dem altbekannten Titel wieder zu beleben. Horrorautor Joe Hill erarbeitete 2014/2015 Vorschläge, die drei Staffeln und eine Darkside-Mythologie beinhalteten. Das Projekt zerschlug sich und jetzt hat er seine damaligen Ideen als Comic veröffentlicht. Michael Benedetto ist für die Adaption, Gabriel Rodriguez für die Zeichnungen verantwortlich. In dem Sammelband „Tales from the Darkside“ sind drei Geschichten (zwei kurze, eine lange), die damals verfilmt werden sollten, enthalten.

In „Schlafwandler“ döst der junge Bademeister Ziggy, nach einer weiteren durchfeierten Nacht, bei der Arbeit ein und eine Frau ertrinkt. Geplagt von Schuldgefühlen kann Ziggy nicht mehr einschlafen. Die Menschen in seiner Umgebung schon.

In „Black Box“ (der langen Geschichte) steht Brian Newman, der auch in den beiden anderen Geschichten Kurzauftritte hat, im Mittelpunkt. Er hat einen boshaften Schattenzwilling, den er Großer Gewinner nennt, und er kann die Realität verändern. Zum Beispiel indem ein Pelz lebendig wird und seine Trägerin attackiert.

Jetzt bietet ihm der Konzern Briterside die Implantation eines Chips an, der ihn heilen kann. Durch die Operation soll sein Schattenzwilling verschwinden. Aber was ist, wenn der sich gegen die Folgen der Operation wehrt?

In „Ein offenes Fenster“ weicht die junge Joss einem plötzlich auf der Straße auftauchendem Mann (es ist Brian Newman) aus und fährt auf einem Grundstück einen Briefkasten um. Sie will sich bei den Hausbesitzern entschuldigen und wird von ihnen gleich als Babysitter engagiert. Die beiden Kinder starren nur auf ihr Tablet und wollen es unter keinen Umständen aus der Hand geben. Und das ist noch der harmlose Teil des Jobs.

Das sind drei hübsche kleine Horrorgeschichten. Auch wenn, für meinen Geschmack, vor allem bei der zweiten Geschichte schon zu sehr auf einen größeren zusammenhängenden Kosmos spekuliert wird, anstatt die Geschichten einfach für sich stehen zu lassen. Denn ob es eine Fortsetzung der ursprünglich auf vier Hefte, die in „Tales from the Darkside“ zusammengefasst sind, angelegten Mini-Serie gibt, ist ungewiss.

Joe Hill/Gabriel Rodriguez: Tales from the Darkside – Geschichten aus der Schattenwelt

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2017

108 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Tales from the Darkside # 1 – 4

IDW, 2016

Buchtipp

Eigentlich ist Joe Hill ein Romanautor und bei Heyne ist kürzlich sein neuer Roman „Fireman“ erschienen. Mit gut tausend Seiten Seiten, eng bedruckt und ohne Bilder, dürfte das genug Lesestoff für einige lange Tage sein.

Der titelgebende Fireman ist, so sagen die Gerüchte, ein Mann, der eine Seuche, die schon unzählige Menschen in Flammen aufgehen ließ, kontrollieren kann. Als die schwangere Harper Grayson infiziert wird, beschließt sie den Fireman in einer postapokalyptischen Welt zu suchen. Er soll ihr helfen. Aber gibt es ihn überhaupt?

Joe Hill: Fireman

(übersetzt von Ronald Gutberlet)

Heyne, 2017

960 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

The Fireman

William Morrow, 2016

Hinweise

Homepage von Joe Hill

Joe Hill in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)


TV-Tipp für den 30. August: Die innere Sicherheit

August 29, 2017

3sat, 22.25

Die innere Sicherheit (Deutschland 2000, Regie: Christian Petzold)

Drehbuch: Christian Petzold, Harun Farocki

Die 15-jährige Jeanne ist mit ihren Eltern ständig auf der Flucht. Denn diese sind gesuchte, ehemalige RAF-Terroristen. Jetzt müssen sie wegen Geldproblemen zurück nach Deutschland. Die alten Freunde sollen ihnen aus der finanziellen Misere helfen. Und Jeanne ist erstmals wirklich verliebt.

Mit dem genau beobachteten, die deutsche Wirklichkeit sezierenden Drama über vergangene Schuld, das Erwachsenwerden und Verpflichtungen hatte Christian Petzold seinen Durchbruch bei den Kritikern und dem Publikum (über 100.000 Zuschauer). Stellvertretend für die zahlreichen euphorischen Besprechungen: „bester deutscher Film des Jahres“ (Michael Althen, SZ, 31. Januar 2001)

Mit Julia Hummer, Barbara Auer, Richy Müller, Günther Maria Halmer

Hinweis

M Means Movie: Interview mit Christian Petzold (2001)

Wikipedia über “Die innere Sicherheit”

Meine Besprechung von Christian Petzolds “Phoenix” (Deutschland 2014)

Christian Petzold in der Kriminalakte


Cover der Woche

August 29, 2017

Weil in unseren Kinos am Donnerstag eine Verfilmung des Romans anläuft.


Neu im Kino/Filmkritik: Über Cãlin Peter Netzers „Ana, mon Amour“

August 29, 2017

Literaturstudent Toma verliebt sich in seine Mitstudentin Ana. Allerdings ist sie etwas neurotisch und neigt zu Panikattacken. Anfangs scheint das noch kein großes Problem zu sein. Auch dass ihre Eltern, ein Arbeiterpaar, und seine Eltern, ein Intellektuellenpaar, die Beziehung ablehnen, stört Toma nicht. Ana ist seine wahre Liebe.

Als Anas Panikattacken schlimmer werden, kümmert er sich immer mehr um sie. Und, später, um ihr Kind.

Diese auf den ersten Blick konventionelle Liebesgeschichte wird aus Tomas Sicht erzählt. Bei einem Psychiater auf der Couch. Und genau wie Therapiesitzungen nicht unbedingt einer stringenten Chronologie folgen, gibt es in „Ana, mon Amour“ immer wieder unvermittelte Zeitsprünge. Gleichzeitig wird, bei Bedarf, mit dem Psychiater jedes Detail erörtert. Warum Toma bei Anas Eltern mit Anas Vater in einem Bett schlafen muss und warum er für diese Nacht den Schlafanzug von Anas Vater anzieht.

Mit zunehmender Laufzeit wird dann auch unklarer, wie zuverlässig Toma als Erzähler ist. Also wie sehr seine Erzählungen beim Psychiater eine subjektiv gefärbte Sicht der tatsächlichen Ereignisse oder eine mehr oder weniger freie Erfindung sind. Einige Entwicklungen zwischen Toma und Ana erfolgen, nachdem Regisseur Cãlin Peter Netzer sich am Anfang sehr viel Zeit ließ, arg plötzlich und es ist, als ob Toma plötzlich eine vollkommen andere Personen beschreibt, die zufälligerweise wie Ana aussieht. Am Ende gibt es eine äußerst unvermittelte Wendung, die sogar Tomas Restzuverlässigkeit beim Erzählen seiner Beziehungsgeschichte in Frage stellt und dazu führt, dass keine der vorherigen Gewissheiten mehr existiert. Es ist, als ob man in einem Krimi zuerst einen Täter präsentiert bekommt und am Ende gesagt bekommt, dass eigentlich jeder und niemand der Täter gewesen sein könnte. Falls es überhaupt ein Verbrechen gab. Anything goes eben. Aber nicht als Aufforderung etwas zu tun, sondern als resignativ-schulterzuckende Verweigerung überhaupt irgendetwas zu tun oder irgendeine Position zur Geschichte einzunehmen. Das ist nach über zwei Stunden Filmzeit schon etwas frustrierend. Und, ich gebe es zu, am Ende des Films war ich richtig verärgert.

Es ist auch ein Film, der einen rein männlichen Blick auf die Frau hat. Ana ist für Toma durchgehend ein Objekt ohne einen eigenen Willen. Sie ist eine Projektion seiner Bedürfnisse. Er gestattet ihr kein eigenes Leben. Ana selbst darf nichts allein entscheiden oder tun; – – – was dann auch eine Erklärung für ihre erste Panikattacke wäre.

Cãlin Peter Netzer erhielt für seinen vorherigen Film „Muter & Sohn“ 2013 auf der Berlinale den Goldenen Bären. Für „Ana, mon Amour“ gab es dieses Jahr einen Silbernen Bären für den Schnitt.

Ana, mon Amour (Ana, mon Amour, Rumänien/Deutschland/Frankreich 2017)

Regie: Cãlin Peter Netzer

Drehbuch: Cãlin Peter Netzer, Cazar Paul Bâdescu, Iulia Lumânare

LV: Cezar Paul Bâdescu: Luminita, mon amour

mit Mircea Postelnicu, Diana Cavallioti, Carmen Tânase, Vasile Muraru, Tania Popa, Igor Caras Romanov, Adrian Titieni, Vlad Ivanov

Länge: 127 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Ana, mon Amour“

Moviepilot über „Ana, mon Amour“

Metacritic über „Ana, mon Amour“

Rotten Tomatoes über „Ana, mon Amour“

Wikipedia über „Ana, mon Amour“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Ana, mon Amour“

Meine Besprechung von Cãlin Peter Netzer „Mutter & Sohn“ (Pozitia Copilului/Child’s Pose, Rumänien 2013)