Tele 5, 16.10 Ein schönes Mädchen wie ich (Frankreich 1972, Regie: Francois Truffaut)
Drehbuch: Francois Truffaut, Jean-Loup Dabadie
LV: Henry Farrell: Such a gorgeous kid like me, 1967
Alle Männer verlieben sich in die junge Camille Bliss. Aber nicht alle überleben die Begegnung mit der Schönheit.
Schon ewig nicht mehr gezeigte (falls überhaupt) burleske Komödie von Francois Truffaut, die, trotz der Uhrzeit, nicht für Kinder geeignet ist. In „Ein schönes Mädchen wie ich“ fischt Truffaut, der ja einige grandiose Krimis inszenierte, in den Gewässern von Claude Chabrol, ohne jemals wirklich zu überzeugen. Der Film ist bestenfalls ein Sommerspaß, der plakativ die bürgerlichen Wertvorstellungen auf den Kopf stellt, die Selbstbilder der Männer (ein Haufen dummer, eitler, impotenter Gockel, für die niemand auch nur einen Funken Mitleid empfinden kann) als Selbstbetrug entlarvt und eine unschuldige Mörderin zur Sympathieträgerin macht.
mit Bernadette Lafont, Claude Brasseur, Charles Denner, Guy Marchand, André Dussolier, Philippe Léotard, Anne Kreis
Neblige Tage, lange Nächte und eine KrimiZeit-Bestenliste, die für spannende Abende sorgen will:
1) (-) Fred Vargas: Das barmherzige Fallbal
2) (3) William McIlvanney: Fremde Treue
3) (6) Antonio Ortuno: Die Verbrannten
4) (4) James Lee Burke: Glut und Asche
5) (1) Friedrich Ani: Der namenlose Tag
6) (9) Seamus Smyth: Spielarten der Rache
7) (-) Olivier Bottini: Im weißen Kreis
8) (-) Dennis Lehane: Am Ende einer Welt
9) (10) Michael Fehr: Simeliberg
10) (-) Christoph Peters: Der Arm des Kraken
–
In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.
–
McIlvanney wird die Tage besprochen. Burke (mit Einschränkungen), Ani, Smyth (Hey, Pulp Master!) und Lehane (die 1943 spielende Fortsetzung von „In der Nacht“) empfehle ich blind.
Jetzt lese ich erst einmal Wallace Strobys „Kalter Schuss ins Herz“ (Pendragon); ein Buch für die Parker-Wyatt-Fans. Und dann hat Jürgen Kehrer mit „Wilsberg – Ein bisschen Mord muss sein“ (Grafit) wirklich einen neuen Wilsberg-Roman geschrieben.
Während ich meine erste Wintererkältung pflege, können wir gemeinsam mit zwei seiner schönsten Filme in den runden Geburtstag von Alain Delon hineinfeiern:
RBB, 23.50 (auch MDR 00.20)
Vier im roten Kreis (Frankreich 1970, Regie: Jean-Pierre Melville)
Drehbuch: Jean-Pierre Melville
Nach einer Haftstrafe plant Einbrecher Corey (Alain Delon) gleich seinen nächsten Coup. Den Einbruch in ein gut gesichertes Juweliergeschäft. Mit zwei Kumpanen (Gian Maria Volonté, Yves Montand) will er das Ding durchziehen. Ein Kommissar (André Bourvil) jagt sie.
Mehr Story braucht Jean-Pierre Melville in seinem vorletzten Film „Vier im roten Kreis“ nicht, um ein weiteres Meisterwerk zu inszenieren. Der Gangsterfilm ist nur deshalb bei der breiten Masse unbekannter, weil Melvilles „Der eiskalte Engel“ und sein letzter Film „Der Chef“ (beide ebenfalls mit Alain Delon) bekannter sind. Denn „Vier im roten Kreis“ hat alles, was Melville-Fans lieben und auf der großen Leinwand wirkt der Film noch besser.
Legendär und in die Kinogeschichte eingegangen ist der Einbruch in das Juweliergeschäft: eine gute halbe Stunde verfolgen wir atemlos den Einbruch, bei dem keiner der Einbrecher ein Wort sagt. Großes Kino
mit Alain Delon, André Bourvil, Yves Montand, Gian Maria Volontè, Francois Périer, Paul Crauchet
RBB, 02.05 Du kannst anfangen zu beten (Frankreich/Italien 1968, Regie: Jean Herman)
Drehbuch: Sébastien Japrisot, Jean Herman
LV/Buch zum Film: Sébastien Japrisot: Adieu l’Ami, 1968 (Weekend im Tresor)
Dino Barran (Alain Delon) und Franz Propp (Charles Bronson), zwei Veteranen des Algerienkrieges, die nichts voneinander wissen wollen, rauben notgedrungen an einem langen Wochenende in einem Bürohaus einen Safe aus.
Ein bei uns, trotz der Besetzung, fast unbekannter Klassiker des Caper-Films, in dem Blicke mehr als Worte sagen. Sowieso wird hier nicht besonders viel geredet, was bei den begnadeten Schweigern Alain Delon und Charles Bronson okay ist.
mit Alain Delon, Charles Bronson, Olga Georges-Picot, Bernard Fresson, Brigitte Fossey
auch bekannt als „Bei Bullen singen Freunde nicht“
The Town – Stadt ohne Gnade (USA 2010, Regie: Ben Affleck)
Drehbuch: Ben Affleck, Peter Craig, Aaron Stockard
LV: Chuck Hogan: Prince of Thieves, 2004 (Endspiel)
Bankräuber Doug MacRay überfällt mit drei Freunden eine Bank und verliebt sich anschließend in die Filialleiterin, die sie auf der Flucht als Geisel mitgenommen hatten. Jetzt will er aussteigen. Davor muss er allerdings noch seinen letzten Coup durchführen.
Nach der tollen Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone“ blieb Ben Affleck in seiner zweiten Regiearbeit dem Genre und Boston treu. „The Town“ ist gutes altmodisches Erzählkino, bei dem die Story, die Charaktere und ihr Umfeld im Vordergrund stehen. In seinen wenigen Actionszenen und in der Struktur erinnert „The Town“ teilweise an Michael Manns „Heat“ – und das ist durchaus anerkennend gemeint. Ein feiner Gangsterfilm.
Da ist es auch egal, dass die Zahl der Banküberfälle in Boston viel geringer ist, als im Film behauptet wird und dass das Viertel Charlestown in den vergangenen fünfzehn Jahren gentrifiziert wurde. Jetzt sitzen da die anderen Bankräuber.
Chuck Hogan erhielt für seinen Roman „Endspiel“, der Vorlage für „The Town“, den Hammett-Preis und auch Stephen King (ein passionierter Blurber) war begeistert.
Und danach, um 22.35 Uhr, gleich zu 3sat umschalten. Dort läuft „Lawless – Die Gesetzlosen“.
mit Ben Affleck, Rebecca Hall, Jon Hamm, Jeremy Renner, Pete Postlethwaite, Chris Cooper
Der neue James-Bond-Film „Spectre“ ist der halbherzige Versuch, einen klassischen James-Bond-Film zu inszenieren.
Das klingt jetzt vielleicht etwas negativ und natürlich ist die Zeit des Kalten-Kriegs-James-Bonds schon lange vorbei und die Serie muss sich, wie die Geheimdienste neuen technischen Entwicklungen (wozu vor allem die ständige Überwachung gehört) und geopolitischen Herausforderungen, anpassen. Wobei James Bond bei den geopolitischen Herausforderungen immer angenehm abgehoben war. Gut, früher gab es den russischen Geheimdienst SMERSCH und natürlich SPECTRE, eine Zusammenballung von bösen Terroristen, deren Agenda „Weltherrschaft“ war. Da waren dann der Nordirlandkonflikt, der Linksterrorismus der siebziger Jahre, die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt (vulgo „den Kolonien“) und, seit den Achtzigern, der religiöse Terrorismus und die immer größere Rolle Chinas in der Weltpolitik vernachlässigbares Störfeuer. Immer waren die James-Bond-Filme in erster Linie Eskapismus und Kleine-Jungs-Fantasien. Ich meine, welcher Zwölfjährige will nicht gerne Frauen im Dutzend verführen, mit einem unbegrenzten Spesenkonto um die Welt jetten, Alkohol ohne Kopfschmerzen trinken (andere Drogen spielen im Bond-Universum keine Rolle), die neuesten Spielzeuge ausprobieren und, ohne dass die Eltern (vulgo M) meckern, zerdeppern. Zum Finale jedes ordentlichen Bond-Films gehört natürlich, dass die pompöse Zentrale des Bösewichts lustvoll zerstört wird.
Und dann kam Daniel Craig als James Bond. In seinem ersten Einsatz „Casino Royale (2006) wurden vieler dieser Bondismen über Bord geworfen. Kritik und Publikum waren begeistert. In „Skyfall“ (2012) erfuhren wir dann alles, was wir niemals über Bonds Herkunft wissen wollten. Der Film war an der Kinokasse wahnsinnig erfolgreich und „Spectre“ schließt an die vorherigen Craig-Bonds an, weshalb er jetzt anderen Ballast mit sich herumschleppt. Die vorherigen Filme sollen als Ouvertüre für „Spectre“ angesehen werden.
Es ist daher auch wieder ein persönlicher Fall. Denn Bond kennt Franz Oberhauser (Christoph Waltz), den Bösewicht des Films, aus Kindertagen. Er war für zwei Jahre in den Alpen sein Freund, während Franz‘ Vater den beiden Jungs all die Dinge beibrachte, die man in den Alpen zwischen Bergsteigen und Skifahren zum Überleben braucht. Das hat auf der einen Seite gerade anekdotischen Wert, weil es für die Handlung, abgesehen von einigen spitzen Bemerkungen Oberhausers unerheblich ist. Andererseits sollen wir glauben, dass Oberhauser das alles – die Anschläge, Spectre und den ganzen Rest – nur macht, um sich an James Bond zu rächen, weil dieser ihm irgendwie, vor allem gefühlt, seinen Vater nahm. Das ist, auch wenn diese Konstruktion in anderen Geschichten (wie den Blomkvist/Salander-Romanen oder etlichen Superheldencomics) benutzt wird, mal wieder, arg bescheuert.
Da waren die alten Bond-Gegner, wie Ernst Stavro Blofeld, der legendäre Kopf von Spectre, gegen dessen Gehilfen James Bond (damals gespielt von Sean Connery) in den ersten Bond-Filmen kämpfte, von einem ganz anderen Kaliber. Seinen ersten richtigen Auftritt hatte Blofeld in „Feuerball“, wo er seine weiße Katze streichelte und hochrangige Spectre-Mitglieder, die bei ihrer Arbeit versagten, töten ließ. In „Man lebt nur zweimal“, „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ und „Diamantenfieber“ kämpfte Bond dann dreimal direkt gegen ihn und seine Schergen. Blofeld war, wie die anderen legendären Bond-Bösewichter, einfach nur Böse. Auf psychologische Feinheiten und seit Kindertagen gepflegte Konflikte mit dem Helden wurde verzichtet.
Damals arbeitete James Bond auch, abgesehen von „Lizenz zum Töten“, immer im Auftrag ihrer Majestät. In „Spectre“ zieht Bond wieder einmal auf eigene Faust los. Immerhin wird er von seinem Vorgesetzten M (Ralph Fiennes), dessen Sekretärin Miss Moneypenny (Naomie Harris) und dem Tüftler Q (Ben Whishaw) unterstützt, die ihm gegen Max Denbigh, genannt C und der neue Chef von MI5 (Andrew Scott, bekannt als Moriarty aus „Sherlock“), helfen. Denbigh will nämlich die 00-Abteilung schließen, weil sie anachronistisch ist und deren Einsätze zu hohe Kolleteralschäden haben; was Bond natürlich nicht daran hindert, nach der Aktion in Mexico City, verstreut über den halben Globus weitere Gebäude zu zerstören. Denbigh will ein riesiges Überwachungssystem installieren und Terroristen mit Drohnen bekämpfen. Die Zustimmung der meisten Regierungen dafür hat er schon.
Diese Prämisse erinnert natürlich an den letzten, äußerst kurzweiligen „Mission: Impossible“-Film „Rogue Nation“. Nicht nur von der Story, sondern auch von den Handlungsorten. Und beide Male ist der Höhepunkt des Thrillers in London.
Die Story von „Spectre“ ist letztendlich eine ausgedehnte Schnitzeljagd, garniert mit grandiosen Actionszenen. Wobei die Pre-Titel-Sequenz, die in Mexico City während des Tages der Toten spielt, ein feines Kabinettstück ist, das mit einer langen Plansequenz beginnt und auch danach extrem selten geschnitten wird.
Die weiteren ausgedehnten Actionszenen können dieses Niveau nicht mehr halten. Das gilt für die Autoverfolgungsjagd durch Rom, einer Auto-Flugzeug-Verfolgungsjagd in den Alpen, den Besuch in Oberhausers Zentrale in der marokkanischen Wüste (die etwas an Blofelds Zentrale in einem Vulkankrater in „Man lebt nur zweimal“ erinnert), die erschreckend schnell zerstört wird, und dem Höhepunkt in London, bei dem dann zu Land, zu Wasser und in der Luft gekämpft wird, bis die Innenstadt von London umfassend renoviert werden muss. Sie sind gut, aber nicht so gut wie der schwer zu überbietende Auftakt.
Bis dahin haben gestandene Bond-Fans viele Anspielungen auf ältere Bond-Filme entdeckt.
Allerdings sind die Bondinen durchweg enttäuschend. Stephanie Sigman wird in Mexiko City in einem Hotelzimmer zurückgelassen. Monica Bellucci hat letztendlich einen Auftritt und Léa Seydoux ist – vor allem wenn man an „Blau ist eine warme Farbe“ denkt – die wohl unerotischste Bondine, die es jemals gab. Sie begleitet den suspendierten Geheimagenten um die halbe Welt ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Natürlich hat „Spectre“ beträchtliche Schauwerte, die, wie immer bei Bond, auf der großen Leinwand ihren wahren Reiz entfalten, und die ausgedehnten, vor Ort inszenierten Actionszenen sind gewohnt gut. Hier sieht man, wofür die Macher das Geld ausgaben. Aber „Spectre“ leidet an seinem episodischen Drehbuch (weshalb man auch ohne Probleme eine halbe Stunde herausschneiden könnte; man müsste nur ein, zwei Sätze ändern), einem schwachen Bösewicht (Oberhauser hat zu wenige Szenen und Max Denbigh wurde leider nicht als der große Bösewicht des Films eingeführt) und einer blassen Bondine.
Vox, 20.15 Stirb langsam 4.0(Live Free or Die Hard, USA 2007)
Regie: Len Wiseman
Drehbuch: Mark Bomback
Mit einem Hochhaus fing es an. Im vierten „Stirb langsam“-Film muss NYPD-Cop John McClane gleich die ganze Ostküste retten, weil der Bösewicht mit Computerviren experimentiert.
Action satt, wenn auch inzwischen der Grad von „unwahrscheinlich“ zu „unmöglich“ überschritten wird. Aber im Vergleich zu „Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben“, dem fünften „Stirb langsam“-Film, ist „Stirb langsam 4.0“ ein Meisterwerk der Filmkunst.
Im Anschluss, um 22.45 Uhr läuft das mit Werbung zweistündige Porträt „Bruce Willis – Warum die Legende niemals stirbt“, das aber die Frage, warum er in den letzten Jahren, bis auf wenige Ausnahmen, nur in schon auf den ersten Blick erkennbar schlechten Filmen auftrat, nicht beantwortet.
Mit Bruce Willis, Timothy Olyphant, Maggie Q, Justin Long, Elizabeth Winstead, Kevin Smith Wiederholung: Freitag, 6. November, 01.05 Uhr (Taggenau! – und dann wahrscheinlich auch in der ungekürzten FSK16-Version) Hinweise Rotten Tomatoes über „Stirb langsam 4.0“
Wikipedia über „Stirb langsam 4.0“ (deutsch, englisch)
Hochgelobter Debütfilm über eine Nazibraut in Ostdeutschland, der definitiv einen Blick wert ist.
Ich war ja nicht so begeistert: nur ein das Fremde hervorhebender Einblick in eine Sauf- und Proll-Jugendkultur, garniert mit einigen Nazi-Symbolen und etwas mehr Gewalt als es in einem handelsüblichen deutschen Problemfilm üblich ist.
Denn mehr ist „Kriegerin“ nicht: ein typisch deutsches Sozialdrama, das beim Zuschauer einfach nur eine sedativ wirkendes Unwohlsein hervorruft. So wie der „Tatort“, der uns am Sonntag einen esoterischen Blick in die Hartz-IV-Haushalte gibt, damit wir am Montag beruhigt zur Arbeit gehen können.
„Kriegerin“ wird im Rahmen des 3sat-Themenabends „rechts – extrem – gefährlich“ gezeigt. Davor laufen, um 20.15 Uhr, „Die Akte Zschäpe“ und, um 21.00 Uhr, „V-Mann-Land“ und, danach, um 23.25 Uhr, „Deutsche Pop Zustände – Eine Geschichte rechter Musik“.
mit Alina Levshin, Jella Haase, Sayed Ahmad Wasil Mrowat, Gerdy Zint, Lukas Steltner, Uwe Preuß, Winnie Böwe, Rosa Enskat, Haymon Maria Buttinger, Klaus Manchen
ZDF Kultur, 20.15 Goldrausch (USA 1925, Regie: Charlie Chaplin)
Drehbuch: Charlie Chaplin
1898 macht der Tramp Charlie sich auf den Weg nach Alaska. Denn dort wurde Gold gefunden.
Grandiose Stummfilmkomödie, über die Chaplin sagte: „Das ist der Film, mit dem ich meinen Namen für immer verknüpft sehen möchte.“
ZDF Kultur zeigt die von Chaplin 1942 hergestellte Version, deutsch synchronisiert – und danach, um 21.25 Uhr „Der große Diktator“.
mit Charlie Chaplin, Georgia Hale, Mack Swain, Tom Murray
Am Donnerstag startet „Spectre“, der vierte Einsatz von Daniel Craig als James Bond, der schon jetzt alle Kassenrekorde bricht, in unseren Kinos und die Tage erscheint meine ausführliche Besprechung über diesen halbherzigen Versuch, einen klassischen James-Bond-Film zu inszenieren.
Davor gibt es meine Besprechung des ersten Einsatzes von Anthony Horowitz als James-Bond-Autor. „Trigger Mortis – Der Finger Gottes“ heißt die Geschichte, für die Horowitz sogar im Nachlass von Ian Fleming wühlen und einige Plotnotizen und Textfragmente für eine von Fleming geplante Fernsehserie (die mit den Bond-Filmen hinfällig wurde) verwenden konnte. Weil Fleming bereits am 12. August 1964 starb und sein letzter Bond-Roman „Der Mann mit dem goldenen Colt“ posthum erschien, dürfte klar sein, dass „Trigger Mortis“ in der Vergangenheit spielt. Die Geschichte beginnt 1957 keine zwei Wochen nach „Goldfinger“. James Bond ist wieder zurück in seiner Heimat. Pussy Galore hat ihn begleitet und wohnt bei ihm in seiner Londoner Jungesellenwohnung.
Da erhält Bond einen neuen Auftrag von seinem Vorgesetzten M: der Hobby-Rennfahrer soll auf dem Nürburgring den englischen Grand-Prix-1-Piloten Lancy Smith beschützen. Der Secret Service glaubt, dass der sowjetische Geheimdienst SMERSCH den Rennfahrer während des Rennens töten und so den Sieg des sowjetischen Fahrer sichern will.
Vor dem Rennen sieht Bond einen wichtigen SMERSCH-Mann im Gespräch mit dem Koreaner Sin Jai-Seong, einem Gönner des internationalen Rennzirkels, der meist Jason Sin genannt wird (Schon der Name sagt „Bösewicht“.) und der in kurzer Zeit als Personalvermittler und Bauunternehmer in den USA reich wurde.
Während des Rennens kann Bond den Anschlag verhindern. Am Abend ist er auf dem Wasserschloss von Sin zu einer Party mit allen Rennfahrern und ihrer Entourage eingeladen. In den oberen Räumen entdeckt Bond, nachdem er die Wache ausgeschaltet hat, in einem Arbeitszimmer Fotos einer US-amerikanischen Rakete („Das war amerikanische Ingenieurkunst. Bei einem Sputnik oder einer Semjorka hätten allein schon die typische Klobigkeit und Plumpheit die sowjetische Bauweise verraten.“). Dort trifft er auch auf Jeopardy Lane, die behauptet, eine Motorsportjournalistin zu sein. Gemeinsam flüchten sie vor Sins Bodyguards durch eine Sprung ins Wasser.
Bond macht sich, weil er einen Anschlag auf die Rakete befürchtet, auf den Weg in die USA. Dort trifft er wieder auf Jeopardy Lane und die mordgierigen Schergen von Jason Sin.
„Trigger Mortis“ ist, nach den vorherigen drei Bond-Romanen, die alle aus verschiedenen Gründen nicht besonders begeisterten, eine Rückkehr zu dem Kalter-Kriegs-James-Bond von Ian Fleming, die sich für uns genau deshalb immer wieder befremdlich ließt. James Bond ist ein Sexist, mindestens ein Salonrassist, ein Kommunistenhasser und ein von sich und dem Empire restlos überzeugter Brite. Er ist ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, in der ein gestandener Mann mit seinen Körpersäften selbstverständlich die lesbische Pussy Galore von ihrem Lesbentum heilen kann. Horowitz modernisierte diese anachronistische Figur nur sehr behutsam, was einerseits dazu führt, dass „Trigger Mortis“ nah an Flemings Romanen ist. Andererseits ist es auch sehr befremdlich, einen heute geschriebenen Roman zu lesen, der immer so tut, als habe sich in den vergangenen gut sechzig Jahren nichts geändert. Als habe man einfach ein altes Buch abgestaubt und neu veröffentlicht. Denn der heutige Blick in die Vergangenheit führt, wie wir es bei anderen Romanen und Filmen sehen, normalerweise auch zu Anpassungen von Themen und Sichtweisen. Oft werden auch Themen wie Homosexualität und Rassismus verhandelt, die damals aufgrund von Tabus und in der Gesellschaft vorherrschender Sichtweisen in einem Roman nicht verhandelt werden konnten. Bei James Bond müsste eine solche Modernisierung natürlich dazu führen, dass der damals bewundernswerte Held aus heutiger Perspektive gar nicht mehr so bewundernswert ist. Bei Sherlock Holmes – Horowitz schrieb ja zwei „Sherlock Holmes“-Romane – fällt es, weil Holmes eine a-politische, a-sexuelle, nur an der Aufklärung interessierte Figur ist, dagegen leichter, neue Romane zu schreiben. Holmes war eine Speerspitze der Aufklärung. Von Bond kann das nicht gesagt werden.
Die Story selbst ist, nachdem die seitenfressende Episode mit Pussy Galore (die auch gewaltgeneigten Besuch aus den USA bekommt) beendet ist, eine typische James-Bond-Geschichte mit einem reichen Bösewicht, der einen größenwahnsinnigen und skrupellosen Plan hat, und einer schönen Frau (die sich allerdings züchtig ziert) an der Seite des skrupellosen Geheimagenten, der hier auch mal einen Bösewicht leben lässt; was dem Bösewicht allerdings wenig hilft. Denn dann wird er von Sin ermordet. Die Todesart bestimmt dabei ein von Sin extra angefertigtes Kartenspiel.
„Trigger Mortis“ ist als neuer Roman, der konsequent auf Modernisierungen verzichtet, etwas anachronistisch, aber gelungen als Fünfziger-Jahre-Bond. Nach Jeffery Deaver (der Bond in die Gegenwart verlegte), Sebastian Faulks und William Boyd (die Bond in die Sechziger schickten), die alle mit James Bond fremdelten, hat Horowitz einen klassischen Bond-Roman mit einer entsprechend geradlinigen Geschichte und einem effektiven Spannungsaufbau geschrieben.
Daher gebe ich Horowitz, der seit Ewigkeiten ein bekennender James-Bond-Fan ist und dessen Jugendbuchserie um Alex Rider deutlich von Bond beeinflusst ist, die Lizenz zur Rückkehr.
In den Filmen wurde James Bond in den vergangenen dreiundfünfzig Jahren, mit wechselnden Darstellern, immer wieder dem Zeitgeist angepasst, bis er mit Daniel Craig zu einen Geheimagenten wurde, der kein britischer Snob mehr ist und der niemals, wie Roger Moore in „Der Spion, der mich liebte“, einen Fallschirm mit der Flagge des Vereinigten Königreiches im Gepäck hätte.
Anthony Horowitz: James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes (übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen) Cross Cult, 2015 368 Seiten
16,99 Euro
– Originalausgabe
James Bond: Trigger Mortis
Orion Books, 2015
–
Lady Snowblood (Japan 1973, Regie: Toshiya Fujita)
Drehbuch: Kazuo Koike, Kazuo Uemura
Japan, während der Meiji-Dynastie (um 1870): Yukis Vater wird ermordet, ihre Mutter vergewaltigt und Yuki kommt in einem Gefängnis zur Welt. In ihrer Jugend wird sie zu einer Killerin ausgebildet. Als junge Erwachsene rächt sie ihre Eltern. Dabei ist sie nicht zimperlich.
Der eiskalte, formvollendete Rachethriller erlebte seine Deutschland-Premiere erst 2005. Zu diesem Zeitpunkt war „Lady Snowblood“ bereits ein Klassiker des Rachefilm-Genres. Für Filmfanatiker Quentin Tarantino waren Handlung und Struktur von „Lady Snowblood“ eine wichtige Inspiration für sein zweiteiliges Racheepos „Kill Bill“.
Arte, 20.15 Unheimliche Begegnung der dritten Art (USA 1977, Regie: Steven Spielberg)
Drehbuch: Steven Spielberg
Unglaublich: Anscheinend sind Außerirdische auf der Erde gelandet und sie sind überhaupt nicht böse. Jedenfalls interpretiert Normalbürger Roy Neary die Zeichen so und er macht sich auf die Suche nach ihnen.
Inzwischen ein Science-Fiction-Klassiker.
Arte zeigt heute die 1998er-Schnittfassung.
mit Richard Dreyfuss, Francois Truffaut, Teri Garr, Melinda Dillon, Bob Balaban, Lance Henriksen
Vox, 20.15 Die Verurteilten (USA 1994, Regie: Frank Darabont)
Drehbuch: Frank Darabont
LV: Stephen King: Rita Hayworth and the Shawshank Redemption, in Different Seasons, 1982 (Pin up; Die Verurteilten in „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“; einer Sammlung von vier Novellen)
Ein unschuldig verurteilter Bankmanager flüchtet nach jahrelanger Kleinarbeit aus dem Gefängnis.
Eindrucksvolles Gefängnisdrama, das beim Kinostart nicht als „Stephen-King-Film“ beworben wurde. Zu Recht, denn damals stand Kings Name fast ausschließlich für minderwertige Horrorfilme.
„Die Verurteilten“ ist inzwischen ein äußerst beliebter und erfolgreicher Film. In dem All-Time-Great-Ranking der Internet Movie Database steht er derzeit auf Platz 1; – was einen dann doch etwas an dieser Liste zweifeln lassen kanne. Auch wenn der zweite und dritte Platz von „Der Pate“ und „Der Pate 2“ belegt werden.
Mit Tim Robbins, Morgan Freeman, Bob Gunton, William Sadler, Clancy Brown, Gil Bellows, Mark Rolston, James Whitmore, Jude Ciccolella
Für „Finderlohn“, den zweiten Roman mit Detektiv Bill Hodges, wird Stephen King keinen Edgar erhalten, weil er den bedeutenden Krimipreis dieses Jahr für „Mr. Mercedes“, den ersten Roman mit Hodges, erhielt.
Das sollte einen natürlich nicht davon abhalten, „Finderlohn“ („In Erinnerung an John D. MacDonald“ [Widmung]) zu lesen. Dieses Mal will Hodges einem Jungen helfen, der einen Schatz gefunden hat. Dummerweise wurde er von einem psychopathischen Mörder versteckt, der nach 35 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird und seinen Schatz wieder haben will.
Ach ja, „Mr. Mercedes“ erschien vor wenigen Tagen als Taschenbuch und der dritte Hodges-Roman ist bereits in Arbeit.
– Stephen King: Finderlohn (übersetzt von Bernhard Kleinschmidt) Heyne, 2015 544 Seiten
22,99 Euro
– Originalausgabe
Finders Keepers
Scribner, 2015
LV: Leslie Cockburn, Andrew Cockburn: One Point Safe (Artikel)
US-Colonel Thomas Devoe und Nuklearspezialistin Dr. Julia Kelly suchen mehrere verschwundene russische Atomsprengköpfe. Einer davon gelangt in die Hände eines serbischen Terroristen, der die Bombe in New York zünden will.
Interessant ist an „Projekt: Peacemaker“ nicht die Geschichte, sondern die kleinen Verschiebungen und Brüche innerhalb eines Genrefilms. Denn nach dem Ende des Kalten Krieges existieren die alten Fronten und Regeln nicht mehr. Neue Regeln gibt es noch nicht. Das ausführlich geschilderte Motiv des Terroristen ist sehr nachvollziehbar. Er möchte seine Familie rächen.
„Projekt: Peacemaker“ versucht innerhalb einer Genregeschichte die neue Realität nach dem Ende des Kalten Krieges für die Geheimdienste und die internationale Politik zu fassen. Dabei ist der Film genauso unsicher wie die Geheimdienste. Der alte Gegner Kommunismus ist verschwunden. Ein neuer ist noch nicht gefunden. An dieser Schnittstelle erzählt “Projekt: Peacemaker” seine Geschichte.
Mit George Clooney, Nicole Kidman, Armin Müller-Stahl, Alexander Baluyev
Die Frage, ob wir wirklich noch eine weitere Shakespeare-Verfilmung brauchen, ist etwas akademisch. Es gibt sie einfach. Jedes Jahr mehrere, die mehr oder weniger werkgetreu Shakespeares Werke interpretieren. Seit einigen Jahren werden sie gerne in die Gegenwart verlegt, was mindestens interessant ist und eine gewisse Aufmerksamkeit garantiert.
Justin Kurzel („Die Morde von Snowtown“) verlegte die Geschichte von Macbeth nicht in die Gegenwart, sondern an seinen schottischen Originalschauplatz, wo der Film gedreht wurde.
Die Geschichte von Macbeth dürfte bekannt sein: Macbeth (Michael Fassbender) ist der Anführer des königlichen Heeres. Nachdem er in einer blutigen Schlacht den Rebellenführer Macdonwald tötete, prophezeien ihm und seinem Kampfgefährten Banquo (Paddy Considine) drei mysteriöse Frauen (aka Hexen), dass er bald Than von Cawdor und König von Schottland sein werde. Banquo werde der Vater künftiger Könige sein.
Kurz darauf wird Macbeth von einem Boten zum Than von Cawdor ernannt.
Als er nach Inverness zurückkehrt, erfährt seine Frau, Lady Macbeth (Marion Cotillard), von der Prophezeiung und sie stachelt ihren Mann an, den König zu töten. Was Macbeth auch tut.
Jetzt ist er König, aber die Hexen tauchen wieder auf, er wird immer mehr zum Tyrannen, Schuldgefühle plagen ihn, er wird zunehmend wahnsinnig und er muss, gegen viele Widersacher, um seinen Thron kämpfen.
Es ist gut, wenn man die Geschichte von Macbeth präsent hat, wenn man sich „Macbeth“ ansieht. Denn die Shakespearschen Verse sind weit entfernt von unserer Sprache, die Geschichte besticht nicht gerade durch erzählerische Stringenz (jedenfalls nach den Hollywood-Erzählkonventionen), die Namen sind eher gewöhnungsbedürftig und die vollbärtigen Krieger und Herrscher sehen sich arg ähnlich. Außerdem hat Macbeth nach seiner Rückkehr aus dem Kampf Probleme mit der Realität und er sieht Geister. Posttraumatische Belastungsstörung heißt die aktuelle Diagnose. Früher hat man ihn einfach für verrückt erklärt.
Kurzel bemühte sich einerseits um eine möglichst werkgetreue Interpretation mit dem originalen Shakespeare-Text, die er vor Ort in Schottland drehte, und andererseits inszenierte er vor allem die Kampfszenen in äußerst abstrakten Bildern, die eine gespenstische Schönheit haben und in ihrem Wahnsinn eher an die Kriegsbilder aus „Apocalypse Now“ erinnern.
So grandios diese Schlachtgemälde sind, so enttäuschend sind dann die Innenaufnahmen, in denen man die alten Gemäuer, die karge, aber durchaus ansehnliche Innenausstattung und die Kostüme kaum zur Geltung kommen, denn die Bilder sind so dunkel, dass man außer den Schauspielern kaum etwas erkennen kann.
Das ist deutlich von Orson Welles‘ „Macbeth“ (1947) inspiriert. Welles musste, weil er nur ein kleines Budget hatte, in spartanischen Kulissen drehen. Dafür setzte er auf eine expressionistische Lichtsetzung und eine extreme Stilisierung.
Kurzels „Macbeth“ hat eine in sich geschlossene Vision, gute Schauspieler, eine prächtige Ausstattung und den Text von William Shakespeare. Das ist sehr düster, sehr dunkel, kalkuliert wahnsinnig und, bei den Außenaufnahmen, äußerst bildgewaltig. Aber so richtig begeistern will diese Neuinterpretation dann doch nicht. Es bleibt ein eher intellektuelles Vergnügen.
ZDF, 00.45 Kommissar Falcón: Die Toten von Santa Clara (Falcón: The Silent and the Damned, Spanien/Deutschland/Großbritannien 2012)
Regie: Gabriel Range
Drehbuch: Sarah Phelps
LV: Robert Wilson: The vanished Hands; The Silent and the Damned, 2004 (Die Toten von Santa Clara)
Dieses Mal ermittelt Kommissar Javier Falcón in seiner Heimatstadt Sevilla in zwei Mordfällen (naja, in dem einen Fall ermittelt er, obwohl er es nicht soll), die selbstverständlich miteinander zusammenhängen, ihren Ursprung in der Vergangenheit in den frühen Siebzigern in Chile haben, ihn auch, weil der eine Tote ein Baulöwe ist, in die Kreise der spanischen Machtelite führen und deftige politische Kalamitäten verursachen.
Auch der zweite und bislang letzte „Kommissar Falcón“-Krimi ist ein bunter, unspannender Touristenkrimi mit einem Superkommissar, der mehr private Probleme an der Backe hat als der Krimihandlung gut tut. Diese ist sowieso pure Kolportage (inclusive Pädophilen, aber ohne einen Serienmörder) und, weil es ja um eine undurchschaubare Polit-Intrige mit Korruption bis in die höchsten Kreise und CIA-Beteiligung geht (wegen dem Putsch in Chile am 11. September 1973), endet der Krimi ohne eine richtige Überführung des Täters (Wer hat denn jetzt die ersten beiden sadistischen Morde begangen?). Aber immerhin tut der Kommissar am Ende etwas, was kein „Tatort“-Kommissar tun dürfte. Trotzdem unterscheidet sich „Kommissar Falcón“ nicht von einem biederen deutschen TV-Krimi.
Dass sogar das mitproduzierende ZDF nicht so begeistert von dem Ergebnis ist, zeigt die lange Zeit zwischen Synchronisation (bereits 2013) und heutiger Erstausstrahlung weit nach Mitternacht.
Mit Marton Csokas, Hayley Atwell, Santiago Cabrera, Kenneth Cranham, Charlie Creed-Miles, James Floyd, Emilia Fox, Kerry Fox, Henry Goodman, Robert Lindsay, Martin McCann, Bill Paterson, Rosie Perez Hinweise ZDF über „Kommissar Falcón“
Wikipedia über „Kommissar Falcón“ und Robert Wilson (deutsch, englisch) Homepage von Robert Wilson
– Die Vorlage
Die Romane von Robert Wilson erscheinen bei Goldmann und, nun, sie können nur besser als die Verfilmungen sein.
– Robert Wilson: Die Toten von Santa Clara (übersetzt von Kristian Lutze) Goldmann, 2013 512 Seiten
9,99 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Page & Turner, 2005
Der Film beginnt in Konstanz an einem Grenzposten zur Schweiz. Georg Elser hat in München im Bürgerbräukeller eine Bombe platziert, die Adolf Hitler töten soll. Allerdings beendet Hitler seine Rede vorzeitig und der Anschlag geht schief. Aber die Grenzbeamten halten Elser für verdächtig und eine erste Durchsuchung bestätigt ihren Verdacht, dass Elser etwas vor ihnen verbirgt. Kurz darauf beginnen Arthur Nebe, Chef der Kripo im Reichssicherheitshauptamt, und Gestapochef Heinrich Müller ihn zu verhören. Sie glauben, einen oder den Verantwortlichen für den Anschlag vom 8. November 1939 auf Hitler vor sich zu haben. Fred Breinersdorfer, der bereits das Drehbuch für „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ schrieb und „Elser“ mit seiner Tochter Léonie-Claire Breinersdorfer schrieb, entwarf „Elser“ als Gegenmodell und Variation von „Sophie Scholl“. Gerade weil beide Filme gleich aufgebaut sind (Verhaftung – Verhör mit Rückblenden – Ermordung) rückt die Frage des Widerstands gegen ein verbrecherisches Regime in den Mittelpunkt. Sophie Scholl verkörpert dabei das gesellschaftlich allgemein akzeptierte Bild des Widerstandes: jung (1921 geboren), gut aussehend (erinnert euch an die fast ikonographischen Bilder von ihr), christlich (was heute eher ignoriert wird), gewaltfrei und Teil einer ähnlich gesinnten Gruppe, deren Mitglieder weniger bekannt sind. Georg Elser ist das Gegenmodell: schon etwas älter (1903 geboren), politisch engagiert (er war Mitglied in der KPD-Kampforganisation „Roter Frontkämpferbund“), ein Lebemann, der als übergenauer Tüftler (er war Schreiner und Uhrmacher) sich irgendwann entschloss, etwas zu tun und dann, ohne mit irgendjemand darüber zu reden, einen kaltblütigen Mord, einen Tyrannenmord, plante. Die Frage, ob ein Tyrannenmord gerechtfertigt ist, steht dann auch im Zentrum von „Elser“, den Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“, aber auch „Das Experiment“, „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ und „Five Minutes of Heaven“ [mit Liam Neeson]) souverän als Polit-Thriller zum Nachdenken inszenierte. Dabei umschiffen die Breinersdorfers und Hirschbiegel Vergleiche mit Klaus-Maria Brandauers „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ (1989) indem sie die konkreten Vorbereitungen, die in Brandauers Thriller im Mittelpunkt stehen, links liegen lassen. „Elser“ erzählt, nah an den historisch verbürgten Fakten, wie Elser sich ausgehend von seinen Beobachtungen entschloss, das Attentat gegen den Diktator zu planen und was nach seiner Verhaftung ihm geschah. Der Film zeigt auch ein anderes Bild von Georg Elser, dessen Tat für verschiedene Legenden benutz wurde, in denen er meistens mehr oder selten weniger diffamiert wurde. Im Nachkriegsdeutschland wurde er lange totgeschwiegen. Seine Familie und Verwandten distanzierten sich lange von ihm. Aber das ist ein Kapitel, das in „Elser“ nicht angesprochen wird. Elser lebte und arbeitete in den Zwanzigern am Bodensee, vor allem in Konstanz, in verschiedenen Uhrenfabriken. Seine Vorgesetzten mussten ihn immer wieder entlassen, weil die Geschäfte schlecht liefen. 1932 kehrte er zurück nach Königsbronn auf der Schwäbischen Alb. Er war ein Stenz, ein beliebter Hallodri, ein Musiker mit vielen Frauenbeziehungen, auch mit verheirateten Frauen, und der Vater von mehreren unehelichen Kindern. Er war auch ein genauer Beobachter und er zog, als einfacher Mann aus dem Volk und Hilfsarbeiter in einer Heidenheimer Armaturenfabrik, aus seinen Beobachtungen über die veränderte Stimmung im Dorf, den Nachrichten und den Kriegsvorbereitungen in der Fabrik – im Gegensatz zu fast allen Deutschen – die richtigen Schlüsse und er tat das, was er für richtig hielt. Er agierte früher und konsequenter als die anderen heute allgemein bekannten deutschen Widerstandskämpfer. Sophie Scholl, die Weiße Rose und die Soldaten um General von Stauffenberg, um nur die bekanntesten Namen zu nennen, entschlossen sich erst in den letzten Kriegsjahren zum Widerstand. Elser plante seine Tat schon ein gutes Jahr vor dem Kriegsbeginn. Am Ende des beeindruckenden Films, der auch zeigt, wie die Nazi-Ideologie sich ohne nennenswerten Widerstand in dem Dorf verbreitete, steht die Frage, ob man selbst wie Elser agiert hätte und wann ein Tyrannenmord gerechtfertigt ist. Seine Premiere erlebte „Elser“ auf der diesjährigen Berlinale und dort sicherte sich Sony Pictures Classical, unter dem Titel „13 Minutes“, sofort die Verleihrechte für Amerika.
Seitdem wurde „Elser“ für sieben Deutsche Filmpreise nominiert. Unter anderem Christian Friedel (der Georg Elser spielt) und Burghart Klaußner (der Arthur Nebe spielt) für ihr Spiel und Judith Kaufmann für die Kamera. In England lief der Film schon im Sommer an. Wann er in den USA gezeigt wird, ist noch unklar. Und bei uns gibt es inzwischen die DVD mit über hundert Minuten durchgehend informativem Bonusmaterial, das immer wieder um Elser und seine Tat kreist. Verglichen mit der Doppel-DVD „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (Deutschland 2005), bei der es auch historisches Material gab, fehlt bei „Elser“ nur das historische Material; was auch an der Materiallage liegen kann. Über Elser gibt es fast keine Dokumente und auch keine Zeitzeugen.
Es gibt ein Making of (14 Minuten); Interviews mit Christian Friedel (8 Minuten), Katharina Schüttler (10 Minuten), Burghart Klaußner (6 Minuten), Johann von Bülow (6 Minuten) und Oliver Hirschbiegel (9 Minuten); Impressionen von einer Schulvorführung, bei der auch Bundespräsident Joachim Gauck anwesend war (24 Minuten; was ungefähr die gesamte informativen Diskussion nach der Vorführung ist); eine Einführung in den Film von Oliver Hirschbiegel und den Produzenten Boris Ausserer und Oliver Schündler (12 Minuten); 10 Minuten Ausschnitte von der Berlinale-Pressekonferenz mit Statements von Autor Fred Breinersdorfer, Regisseur Oliver Hirschbiegel und Hauptdarsteller Christian Friedel; einige geschnittene Szenen (4 Minuten) und einen kurzweiligen Audiokommentar von Christian Friedel und Oliver Hirschbiegel.
Da werden zwar nicht alle Fragen beantwortet, aber es gibt einen guten Einblick in den Film und sein Anliegen, der, so Hirschbiegel, eine Mischung aus Heimatfilm, Polit-Krimi und Liebesfilm ist und in dem ein Freigeist und seine unglaubliche Tat im Mittelpunkt steht. Gerade weil alle Beteiligten ihre zwiespältigen Gefühle zu diesem geplanten Tyrannenmord äußern, Parallelen zur Gegenwart und Edward Snowden ziehen, regt auch das Bonusmaterial zum Nachdenken an.
Elser (Deutschland 2015)
Regie: Oliver Hirschbiegel
Drehbuch: Fred Breinersdorfer, Léonie-Claire Breinersdorfer
mit Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johann von Bülow, Felix Eitner, David Zimmerschmied, Rüdiger Klink, Cornelia Köndgen, Martin Maria Abram, Udo Schenk
– DVD
NFP
Bild: 2,39:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Making of; Interviews mit Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johann von Bülow und Oliver Hirschbiegel; Impressionen von einer Schulvorführung (mit Joachim Gauck); Einführung in den Film; Deleted Scenes; Berlinale-Pressekonferenz; Kinotrailer; Kinoteaser; TV-Spot; Audiokommentar von Christian Friedel und Oliver Hirschbiegel; Hörfilmfassung
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen (USA 2009, Regie: Werner Herzog)
Drehbuch: William Finkelstein (nach dem Drehbuch von Victor Argo, Paul Calderon, Zoë Lund und Abel Ferrara)
Werner Herzogs Comeback. Jedenfalls in Deutschland. Denn hier verschwand er nach seinen großen Erfolgen in den Siebzigern (Aguirre, der Zorn Gottes; Jeder für sich und Gott gegen alle; Herz aus Glas; Stroszek; Nosferatu; Woyzek) und frühen Achtzigern (Fitzcarraldo; Wo die grünen Ameisen träumen; Cobra Verde [sein Abschied vom Kino]) von der Bildfläche und man hörte nur noch, dass er jetzt vor allem Dokumentarfilme mache. Einige liefen auch auf den üblichen weltabgewandten Plätzen im TV.
Aber in den USA wurde er zu dem Mann. Einem der wenigen Deutschen, die auch in Hollywood anerkannt sind. Neben den vielen Dokus drehte er auch einige Spielfilme, die bei uns – falls überhaupt – unter Ausschluss der Öffentlichkeit liefen.
Doch 2009, mit dem grandiosen Remake eines Genrefilms, das sich kaum an die Vorlage hält, und mit der Präsidentschaft der Berlinale-Jury kehrte er zurück in die deutschen Kinosäle.
Die Story, für alle die Abel Ferraras grandiosen „Bad Lieutenant“ (mit Harvey Keitel) nicht kennen: Nach dem Hurrikan Katrina muss ein drogensüchtiger Cop den Mord an einer schwarzen Familie aufklären.
Mit Nicholas Cage, Val Kilmer, Eva Mendes, Xzibit, Vondie Curtis Hall, Brad Dourif
Die Savage Lane ist eine Straße in Bedford Hills, einem Vorort von New York. Die Millionenstadt ist für die wohlhabenden Vorort-Bewohner nur der Arbeitsort, während sie in dem Ort ihre eigene Hölle haben. So imaginiert der Mittvierziger Mark Berman sich eine Beziehung mit der gutaussehenden gleichaltrigen, alleine ihre beiden Kinder großziehenden Nachbarin Karen Daily. Bis jetzt sind sie nur gute Freunde.
Marks Frau Deb, mit der er seit 22 Jahren zusammen ist (17 davon verheiratet) und zwei pubertierende Kinder hat, glaubt, dass er sie mit Karen betrügt. Sie will die Scheidung. Dass sie selbst fremd geht, ignoriert sie gefließentlich. Auch dass ihr Liebhaber der achtzehnjährige Owen Harrison ist und diese Beziehung schon länger geht, hält sie nicht davon ab, ihrem Mann Vorwürfe zu machen.
Owen, der noch bei seinen Eltern lebt und regelmäßig von seinem Stiefvater verprügelt wird, hat auch eine Beziehung zu Karens Tochter Elana NAME. Er liebt sie zwar nicht. Er liebt Milfs. Deshalb ist Elana für seinen Geschmack noch viel zu jung, aber sie liebt ihn und sieht gut aus.
Dieses Beziehungsrondell, in das noch einige weitere Vorstädter involviert sind, könnte ewig so weitergehen, wenn nicht Deb auf die Idee käme, die Beziehung zu Owen beenden zu wollen. Dieser verliert die Nerven. Kurz darauf ist Deb tot und Detective Larry Walsh vom Bedford Police Department beginnt mit seinen Ermittlungen. Zunächst in einem Vermisstenfall.
Das klingt jetzt vielleicht nach einem gewöhnlichen Krimi, aber Jason Starr interessiert sich viel mehr für die ganz normale Vorstadthölle, in der ganz normale Mittvierziger sich gegenseitig betrügen und ihren Phantasien hingeben. Und weil Starr immer wieder die Perspektive wechselt, ergibt sich ein hübsch sarkastisches Bild des gegenseitigen Betrugs und Selbstbetrugs.
Jason Starr, der mit bitterbösen Noirs über Zwanzig-/Dreißigjährige New Yorker, die ihre Träume nicht verwirklichen können, begann, ist älter geworden. Und mit ihm sind auch seine Figuren älter geworden. Sie haben es von der hektischen Großstadt in die ruhige Vorstadt geschafft. Die Gegend, die in den vergangenen Jahren von Harlan Coben mit seinen Pageturner-Thrillern literarisch bearbeitet wurde. Aber während bei Coben die Geheimnisse größer sind und am Ende der Protagonist aus dem Alptraum erwacht, sind bei Starr die Geheimnisse kleiner (eigentlich geht es nur um reale und imaginierte Bettgeschichten) und der Alptraum Vorstadt endet nicht. Vor allem nicht für den grundanständigen Mark.
„Phantasien“ ist ein langsam erzählter Noir ohne große Überraschungen im Plot, aber einem präzisen Blick auf das Leben der Bewohner und Besucher der Savage Lane. Da ist es schade, dass der Höhepunkt etwas plötzlich kommt und gar nicht so zu der vorherigen hundsgemeinen Stimmung passt. Aber dann kommt der Epilog.
Demnächst und zuletzt von Jason Starr
Mitte März 2016 erscheint bei Hard Case Crime „Pimp“, das vierte Abenteuer von Max Fisher und Angela Petrakos, wieder geschrieben von Ken Bruen und Jason Starr und sicher mindestens so brüllend komisch wie die vorherigen Abenteuer des verbrecherischen Duos. Eine deutsche Übersetzung ist noch nicht angekündigt.
Ebenfalls noch nicht übersetzt sind die beiden Werwolfromane „The Pack“ und „The Craving“, die Jason Starr 2011 und 2012, nach „Panik“ (Panic Attack, 2009), schrieb.
Und er schrieb, pünktlich zum Filmstart vor wenigen Wochen, „Ant-Man: Natural Enemy Prose Novel“. Auch dieser Roman wird wahrscheinlich nie auf Deutsch erscheinen; – obwohl seine Comics ja bei Panini erscheinen, es ein Marvel-Roman ist und Panini viel von Marvel veröffentlicht. Jason Starr: Phantasien (übersetzt von Hans M. Herzog) Diogenes, 2015 400 Seiten
16 Euro
– Originalausgabe
Savage Lane
Polis Books, New York, 2015
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Jason Starr liest
in Berlin, am Dienstag, den 27. Oktober 2015, um 20.00 Uhr in der Dorotheenstädtische Buchhandlung (Turmstr. 5, 10559 Berlin)
Deutscher Part: Daniel Kraus
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in Freiburg im Breisgau, am Samstag, den 31. Oktober 2015, um 20.00 Uhr in der Buchhandlung Konstantin Klingberg (Hildastr. 2a, 79102 Freiburg)
Deutscher Part: Jana Bührer
Moderation: Konstantin Klingberg
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in Freising, am Montag, den 2. November 2015, um 20.00 Uhr bei Bücher Pustet (Obere Hauptstrasse 45, 85354 Freising)
Deutscher Part: Oliver Bürgin
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in Berlin, am Dienstag, den 3. November 2015, um 20.00 Uhr im DTK-Wasserturm (Kopischstr. 7, 10965 Berlin-Kreuzberg)
Veranstalter: Hammett-Krimibuchhandlung (wegen Karten)
Deutscher Part: Joachim Paul Assboeck
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in Hamburg, am Mittwoch, den 4. November 2015, um 19.30 Uhr im Kampnagel (Jarrestraße 20, 22303 Hamburg) im Rahmen des Krimifestival Hamburg 2015 und Thirller-Autorin Jilliane Hoffman sitzt neben ihm auf der Bühne.
Deutscher Part: Tim Grobe
Moderation: Birgit Hasselbusch
– Hinweise