Impressionen aus Berlin: Chris Carter in Berlin

November 6, 2022

Das war am Freitagabend im Kriminaltheater keine Werbeveranstaltung für Chris Carters neuen Roman. Denn als die Moderatorin fragte, wer die Bücher mit Chris Carters Serienkillerjäger Robert Hunter gelesen habe, gingen fast alle Hände hoch. Als sie fragte, wer „Blutige Stufen“, den neuesten Hunter-Thriller, gelesen habe, gingen wieder fast alle Hände hoch. Die größtenteils weiblichen Fans mussten nicht mehr überzeugt werden von Carters blutigen Thrillern. Sie sind so blutig, dass sie deswegen, so Carter, in den USA nicht verlegt würden. Dabei spielen sie in Los Angeles.

Seinen ersten Auftritt hatte Robert Hunter 2009 in „Der Kruzifix-Killer“. Seinen zwölften Auftritt (wenn wir eine längere Kurzgeschichte ignorieren) hat er in „Blutige Stufen“.

Robert Hunter ist Detective in der Ultra Violent Crimes Unit des Los Angeles Police Department (LAPD). Er ist, knapp gesagt, ein Genie. Mehrere Abschlüsse in Stanford, eine Dissertation, die zur Pflichtlektüre beim FBI wurde, eine steile Karriere im LAPD, eine grandiose Aufklärungsquote, eine überragende Beobachtungs- und Kombinationsgabe, belesen, an Schlaflosigkeit leidend und alleinstehend. Sein Partner ist Carlos Garcia. Sie ermitteln nur in Fällen von Serienmördern und bei besonders perversen Taten. Eine normale Gangschießerei, eine Abrechnung unter Drogenhändlern oder ein Mord im Affekt fallen nicht in ihren Arbeitsbereich.

In dem neuesten Hunter-Thriller „Blutige Stufen“ will der Mörder seine Opfer als Teil einer blutigen Lektion ängstigen und quälen. Sein erste Opfer hängte er an einem Angelhaken, den er durch ihren Unterkiefer führte, auf. Sie erstickte und ertrank an ihrem eigenen Blut. Bei der Obduktion entdecken die Ermittler in ihrer Vagina eine Plastikbeutel. In ihm ist ein Papierstück mit dem Satz „In diesen Augen wird nie ein Mensch so schön sein wie Du.“.

Im Gespräch erzählte Chris Carter, dass er bis jetzt wohl so fünfzig, sechzig Menschen ermordet habe. Aber als er in „Blutrausch – Er muss töten“ eine Katze in einem Gefrierschrank erfrieren ließ, gab es viele empörte Briefe. Seitdem beschränkt er sich auf Gewalttaten gegen Menschen. Vor allem die Tatorte und die Obduktionen beschreibt er detailliert.

Der 1965 in Brasilien geborene Carter kennt das von seiner Arbeit als Kriminalpsychologe. Als er Mitte der achtziger Jahre bei der Polizei anfing, besuchten sie auch die Tatorte. Diese Eindrücke verarbeitet er in seinen Romanen. Dabei gibt es zwischen der Realität und seinen Geschichten einen großen Unterschied. Während in der Realität die Täter manchmal nicht wüssten, warum sie mordeten oder abstruse Gründe angaben, muss ein Mörder in einem Roman immer einen gut nachvollziehbaren Grund für seine Taten haben.

Mit Mitte Zwanzig versuchte Carter seinen Traum als Rockmusiker zu verwirklichen. In Los Angeles arbeitete der Gitarrist als Sessionmusiker für, unter anderem, Björk, Ricky Martin, Shania Twain und Tom Jones. Mit einigen ging er auch auf Tournee.

2009 veröffentlichte er seinen ersten Roman. Es ist gleichzeitig der erste Roman mit Robert Hunter und Carlos Garcia, die seitdem höchst erfolgreich Serienkiller jagen und die Konventionen des Genres bedienen. Es sind Schmöker, die flott gelesen werden können. Auch weil jedes Kapitel mit einem Cliffhanger endet.

Dabei, und das betonte Carter auch während der Lesung, können seine Romane unabhängig voneinder gelesen werden. Es gebe keine Subplots, die sich über mehrere Bücher entwickeln. Eine Freundin, die Hunter hatte, verschwand nach zwei Büchern wieder aus seinem Leben. Hunter und Garcia haben kein nennenswertes Privatleben. Sie jagen Mörder. Daher sei es egal, mit welchem Roman man beginne.

Während der Lesung kündigte er den nächsten Hunter-Thriller für 2024 an. Er wird keine Fortsetzung von „Blutige Stufen“. Der Fall ist für Hunter und Garcia erledigt.

Nach der Lesung signierte er seine Bücher. Das kann dann schon einmal zwei Stunden oder länger dauern.

Chris Carter: Blutige Stufen

(übersetzt von Sybille Uplegger)

Ullstein, 2022

496 Seiten

11,99 Euro

Originalausgabe

Genesis

Simon & Schuster, 2022

Die Robert-Hunter-Thriller

The Crucifix Killer, 2009 (Der Kruzifix-Killer)

The Executioner, 2010 (Der Vollstrecker)

The Night Stalker, 2011 (Der Knochenbrecher)

The Death Sculptor, 2012 (Totenkünstler)

One by One, 2013 (Der Totschläger)

An evil Mind, 2014 (Die stille Bestie)

I am Death, 2015 (I am Death – Der Totmacher)

The Caller, 2017 (Death Call – Er bringt den Tod)

Gallery of the Dead, 2018 (Blutrausch – Er muss töten)

Hunting Evil, 2019 (Jagd auf die Bestie)

Written in Blood, 2020 (Bluthölle)

Genesis, 2022 (Blutige Stufen)

Hinweise

Englische Homepage von Chris Carter

Facebook-Seite von Chris Carter

Deutsche Homepage von Chris Carter

Wikipedia über Chris Carter


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Der Dokumentarfilm „Werner Herzog – Radical Dreamer“ und Werner Herzogs Biographie „Jeder für sich und Gott gegen alle“

Oktober 28, 2022

Im Umfeld von Werner Herzogs achtzigstem Geburtstag gibt es so etwas wie Herzog-Festspiele. Neben einer Ausstellung in der Deutschen Kinemathek gibt es einen im Kino laufenden Dokumentarfilm über sein Leben und seine Autobiographie „Jeder für sich und Gott gegen alle“

Außerdem verzeichnet die IMDb für dieses Jahr zwei von Herzog inszenierte Dokumentarfilme („Theatre of Thought“ und „The Fire Within: A Requiem for Katia and Maurice Krafft“). Für nächstes Jahr ist bereits ein weiterer Film („Fordlandia“) amgekündigt.

In seiner Dokumentation „Werner Herzog – Radical Dreamer“ zeichnet Thomas von Steinaecker Herzogs Leben chronologisch nach. Dafür unterhielt er sich ausführlich mit Herzog und besuchte mit ihm für ihn wichtige Orte, wie das Haus in Sachrang, einem oberbayerischem Dorf nahe der Grenze zu Österreich, in dem er seine Kindheit verbrachte. Dazu gibt es Statements von Freunden und Menschen, mit denen er arbeitete. Wim Wenders und Volker Schlöndorff, die wie er zum Jungen Deutschen Film (aka dem Neuem Deutschen Film) gehören, sind dabei. Ebenso einige Schauspieler, mit denen er zusammen arbeitete, wie Christian Bale, Nicole Kidman und Robert Pattinson, und Bewunderer, wie Chloé Zhao (sie erhielt 2017 für „The Rider“ den Werner-Herzog-Filmpreis). Dazu gibt es Ausschnitte aus einigen Filmen von Werner Herzogs.

Entstanden ist ein formal konventioneller, sehr informativer Film über sein Leben.

Für Herzog-Fans, die immer sein gesamtes Werk im Blick hatten, gibt es deshalb in diesem gleungenem Dokumentarfilm wenig Neues zu Entdecken. Für sie ist der Film höchstens eine willkommene Auffrischung und ein Schwelgen in Erinnerungen. Ergänzt um einige neue Statements von Werner Herzog, die sich mühelso in frühere Statements einreihen und in denen Herzog seinen Ruf als originärer, sympathisch verschrobener und oft sehr tiefsinniger Denker pflegt.

Herzog-Fans, die glauben, dass er nach „Fitzcarraldo“ keine Filme mehr drehte, sondern irgendwo im Dschungel verschwunden ist und Schuhe isst (Wunderschön sind die Reaktionen der Hollywood-Stars, wenn sie von dieser Herzog-Aktion erfahren, die Les Blank in seinem Kurzfilm „Werner Herzog Eats His Shoe“ dokumentierte.), werden erstaunt feststellen, dass Herzog in den vergangenen vierzig Jahren einige weitere Spielfilme und viele Dokumentarfilme drehte. Außerdem wurde Herzog zu einer Figur der US-Popkultur mit Auftritten bei den „Simpsons“ und kleineren Auftritten als Schauspieler in hoch budgetierten Hollywood-Produktionen wie „Jack Reacher“ und „The Mandalorian“.

Seine jüngeren Fans, die ihn aus den „Simpsons“ kennen, dürften erstaunt sein, dass er davor einer der wichtigen Regisseure des deutschen Films der siebziger Jahre war. Schon damals genoss er einen legendären Ruf als der Weltreisende des deutschen Films. Seinen Kaspar-Hauser-Film „Jeder für sich und Gott gegen alle“ drehte er in Deutschland. Aber fast alle sene anderen Filme drehte er im Ausland. Mit „Aguirre, der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“ ging es nach Südamerika. Mit „Nosferatu – Phantom der Nacht“ inszenierte er seine von Murnau deutlich beeinflusste Dracula-Version. Und in „Cobra Verde“ beschäftigte er sich mit dem Sklavenhandel im 19. Jahrhundert. Ein Teil des in Kolumbien und Ghana gedrehten Films spielt im aktuell aus „The Woman King“ bekanntem Königreich von Dahomey.

Für alle, die bislang wenig bis nichts über Werner Herzog wussten, ist „Werner Herzog – Radical Dreamer“ eine gelunge, konzentrierte, die richtigen Schwerpunkte setzende Einführung in sein Werk.

Werner Herzog – Radical Dreamer (Deutschland/USA 2022)

Regie: Thomas von Steinaecker

Drehbuch: Thomas von Steinaecker

mit Werner Herzog, Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Lena Herzog, Nicole Kidman, Christian Bale, Robert Pattinson, Chloé Zhao, Thomas Mauch, Joshua Oppenheimer, Patti Smith, Lucki Stipetic, Carl Weathers, Peter Zeltinger

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Der Buchtipp

Werner Herzog erzählt sein Leben. Schön kurzweilig und immer nah an der Herzog-Wahrheit.

Werner Herzog: Jeder für sich und Gott gegen alle – Erinnerungen

Hanser Verlag, 2022

352 Seiten

28 Euro (gebundene Ausgabe)

20,99 Euro (E-Book)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Werner Herzog – Radical Dreamer“

Moviepilot über „Werner Herzog – Radical Dreamer“

Wikipedia über Werner Herzog (deutsch, englisch)

Homepage zum Werner Herzog

Meine Besprechung von Werner Herzogs „Königin der Wüste“ (Queen of the Desert, USA/Marokko 2015)

Meine Besprechung von Werner Herzogs „Salt and Fire“ (Salt and Fire, Deutschland/USA/Frankreich/Mexiko 2016)

Werner Herzog in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Thomas von Steinaecker/Barbara Yelins „Der Sommer ihres Lebens“ (2017)


Heute in Berlin: Berna González Harbour stellt ihren Kriminalroman „Goyas Ungeheuer“ vor

Oktober 18, 2022

Für Kurzentschlossene, die nicht nach Frankfurt zu Buchmesse fahren wollen: Heute Abend liest Berna González Harbour um 19:00 Uhr im Instituto Cervantes Berlin (Rosenstraße 18, 10178 Berlin) aus ihrem Kriminalroman „Goyas Ungeheuer“. Sonja Hartl moderiert, Sarah Alles liest die deutschen Lesestellen und der Eintritt ist frei.

Goyas Ungeheuer“ ist der vierte Roman mit Comisaria Maria Ruiz und der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde. Und das ist ein Problem. Denn Harbour hält sich nicht damit auf, ihre Hauptfiguren vorzustellen oder zu erklären, warum Ruiz gerade suspendiert ist. Entsprechend schwierig ist es, einen Überblick über sie zu erhalten. Auch Harbours umständlicher Schreibstil hat mich nicht angesprochen.

Als eine hübsch drapierte Leiche an einer der Stauanlagen des Manzanares gefunden wird, beginnt Ruiz gleich zu ermitteln, weil literarische Ermittler das immer so tun. Untersützt wird sie von alten und neuen Freunden. Dabei vermutet sie, wie der Titel andeutet, einen Zusammenhang mit den Werken von Francisco de Goya.

Der Kriminalroman wurde 2020 mit dem Premio Hammett ausgezeichnet. Er wird jedes Jahr von der Asociación Internacional de Escritores Policíacos (AIEP), der internationalen Vereinigung der Kriminalschriftsteller, für den besten spanischsprachigen Kriminalroman verliehen.

Berna González Harbour: Goyas Ungeheuer

(übersetzt von Maike Hopp)

Pendragon, 2022

472 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

El sueño de la razón

Editorial Planeta, S. A., 2019

Hinweise

Wikipedia über Berna González Harbour (deutsch, spanisch)


Alter Scheiß? Susan Hill: Die Frau in Schwarz

Oktober 11, 2022

Vor zehn Jahren war James Watkins‘ Verfilmung von Susan Hills Roman „Die Frau in Schwarz“ an der Kinokasse überraschend erfolgreich. Daniel Radcliffe, der damals vor allem und nur als Harry Potter bekannt war, spielt Arthur Kipps. Der Junganwalt wird von seinem Chef nach Crythin Gifford geschickt. Er soll den Nachlass von Mrs. Alice Drablow sichten. Die alte Jungfer lebte allein im Eel Marsh House und war wohl etwas seltsam. Auf den ersten Blick handelt sich um einen einfachen Auftrag, der ihn von November-nebligem Londen in ein einsam gelegenes Dorf im Norden des Landes führt.

Das Eel Marsh House liegt noch einsamer auf einer kleinen Insel, die nur während der Ebbe erreichbar ist. Dort sieht er die titelgebende Frau in Schwarz. Und wie er aus den Andeutungen der Einheimischen erahnen kann, ist das kein gutes Zeichen.

Aber als aufgeklärter Stadtbewohner glaubt Kipps nicht an Geister.

Der Film, ein angenehm altmodischer, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts spielender Geisterhorrorfilm, gefiel mir. Trotzdem habe ich aus mir unbekannten Gründen nie die hochgelobte Vorlage gelesen. Bis jetzt.

Die Frau in Schwarz“ dürfte Susan Hills bekannteste Gothic Novel sein. Sie schrieb auch Jugendbücher und mehrere Kriminalromane mit Detective Chief Inspector Simon Serrailer. Sie erhielt den Somerset Maugham Award, Whitbread Novel Award und den John Llewellyn Rhys Prize. Und sie ist Commander of the British Empire.

Im Original erschien „Die Frau in Schwarz“ 1983. 1989 wurde der Roman für das englische Fernsehen verfilmt. Stephen Mallatratt schrieb eine Theaterversion, die seit 1989 quasi ohne Pause im Londoner West End gespielt wird. Genaugenommen gibt es nur ein Theaterstück mit mehr Aufführungem im West End: nämlich Agatha Christies „Die Mausefalle“. Außerdem gibt es zwei BBC-Hörspielversionen der Geschichte der Frau in Schwarz.

Erst 1993 erschien bei Knaur die deutsche Erstausgabe des Romans. Seitdem veröffentlichte der Verlag ihn mehrmals mit verschiedenen Covers. Jetzt ist er, als gebundene Ausgabe, bei Oktopus/Kampa erschienen.

Der Roman ist eine nette Geistergeschichte, die sich erfolgreich darum bemüht, möglichst altmodisch zu sein. Susan Hill schrieb den ziemlich kurzen Roman vor vierzig Jahren. Er liest sich aber eher so, als sei er schon vor hundert Jahren geschrieben worden. Allzu gruselig ist er auch nicht. An einigen Stellen sorgt er, bis die wenig überraschenden Motive des fürchterlichen Geistes enthüllt werden, immerhin für etwas Gänsehaut.

Das gesagt, vergeht viel Lesezeit bis Kipps, der als alter Mann die Geschichte seiner Erlebnisse in Crythin Gifford und im Eel Marsh House aufschreibt, in dem Dorf ankommt und erstmals das Haus der Verstorbenen betritt. Auch danach nimmt er sich immer wieder die Zeit für die Geschichte nicht voranbringende Schlenker.

Ihr merkt schon: so richtig hat mich der schnell gelesene, zäh und umständlich erzählte Roman nicht begeistert. James Watkins‘ Verfilmung hat mir dagegen gut gefallen.

Susan Hill: Die Frau in Schwarz

(übersetzt von Lore Straßl)

Oktopus/Kampa Verlag, 2022

240 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

The Woman in Black

Hamish Hamilton, London, 1983

Deutsche Erstausgabe

Knaur, 1993

Hinweise

Homepage von Susan Hill

Wikipedia über Susan Hill (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Edward Bergers Erich-Maria-Remarque-Verfilmung „Im Westen nichts Neues“

September 30, 2022

Die erste Verfilmung von Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ fand ich, als ich sie vor Ewigkeiten sah, grandios. Die Botschaft von der Sinnlosigkeit dieses Sterbens wurde überzeugend präsentiert. Das war ein Krieg, in dem es nur um ein, zwei Meter matschiges Land ging. Die Bilder vom Sterben in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs waren erschreckend real. Immerhin ist der Film von 1930 und das, was Lewis Milestone damals zeigte, musste sich in punkto graphischer Grausamkeiten nicht vor neueren Kriegsfilmen verstecken. Der Film war damals ein Skandal und hatte in vielen Ländern Probleme mit der Zensur.

In Deutschland protestierten die Nazis gegen den Film. Unter anderem randalierten sie in Aufführungen des Films. Er wurde verboten und kam in einer gekürzten Fassung wieder in die Kinos. Als sie 1933 an die Macht kamen, verboten sie den Film wieder. Erst 1952 wurde „Im Westen nichts Neues“ in der Bundesrepublik wieder aufgeführt; in einer gekürzten, neu synchronisierten Fassung. 1984 rekonstruierte das ZDF den Film. Für diese 135-minütige Fassung, die sich am ursprünglichen Drehbuch orientiert, wurde eine neue Synchronisation erstellt.

Milestones Verfilmung ist schon seit Ewigkeiten ein Filmklassiker. Sie kann inzwischen mühelos als DVD oder Blu-ray gekauft werden. Anfang November veröffentlicht Capelight Pictures eine aus fünf Blu-rays und einer DVD bestehenden „Ultimate Edition“, die mehrere über die Jahrzehnte entstandene Fassungen und deutsche Synchronisationen des Meisterwerks enthält.

Remarques Antikriegsroman ist ebenfalls schon Jahrzehnten ein Klassiker. Der Roman war sofort nach seinem Erscheinen 1929 ein Bestseller und er wurde seitdem immer wieder neu aufgelegt. Er gehörte auch zu den Büchern, die am 10. Mai 1933 von den Nazis öffentlich verbrannt wurden. Der Antikriegsroman liest sich immer noch erstaunlich gut und seine Botschaft ist immer noch aktuell.

Über neunzig Jahren nach der ersten Verfilmung – wenn wir die ebenfalls gelobte, eher vergessene US-TV-Verfilmung von 1979 beiseite lassen – kann auch dieser Roman wieder verfilmt werden. Dieses Mal selbstverständlich in Farbe. Wobei Edward Berger trotzdem fast einen SW-Film inszenierte. Denn in den Schützengräben der Westfront gab es viel Matsch und schmutzige Uniformen.

Erzählt wird – ich folge jetzt der Filmgeschichte, die sich in Details vom Roman unterscheidet – die Geschichte des siebzehnjährigen Paul Bäumer (Felix Kammerer). Der Gymnasiast meldet sich mit seinen Klassenkameraden im Frühjahr 1917 freiwillig zum Kriegsdienst. Sie werden an die Westfront geschickt.

An der Front lernen sie schnell, dass sie nur Kanonenfutter sein werden. Eine falsche Bewegung oder eine zu langsame Reaktion kann den Tod bedeuten. Freundschaften gibt es nur bis zum nächsten Angriff und dem nächsten tödlichen Schuss.

Dieses Schlachtfeld verlässt Berger für einige Minuten, wenn er am Filmanfang zeigt, wie Bäumer und seine Schulkameraden sich euphorisch zum Kriegsdienst melden und freudig mustern lassen, und in einem längerem Subplot über die Waffenstillstandsverhandlungen. Der zum Staatssekretär ohne Geschäftsbereich ernannte Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger (Daniel Brühl), der das sinnlose Sterben der Frontsoldaten beenden will, verhandelt mit Marschall Ferdinand Foch über das Kriegsende. Der Verhandlungsführer der alliierten Waffenstillstandskommission diktiert dem Zivilisten Erzberger den Friedensvertrag. Am 11. November 1918 unterzeichnete er das Waffenstillstandsabkommen.

Dieser Subplot ist neu. Er liefert etwas historischen Hintergrund für den Zuschauer. Für die Haupthandlung ist diese Nebengeschichte vollkommen unwichtig.

In ihr geht es um das Leben von Bäumer und seinen Kameraden an der Front. Dabei bleiben sie alle austauschbare Figuren, über die wir nichts erfahren. Auch wenn sie im Film öfters auftauchen, erkennen wir sie kaum wieder. Entsprechend wenig berührt uns ihr Tod. Episodisch und ohne Identifikationsfiguren reiht sich hier ein Gefecht an das nächste, ein sinnloser Tod folgt dem nächsten ebenso sinnlosem und zufälligem Tod.

Dieses Sterben an der Westfront inszeniert Edward Berger in langen ungeschnittenen Szenen, die an Sam Mendes‘ „1917“ erinnern.

Die in einem Schloss spielenden Szenen, in denen General Friedrich (Devid Striesow) arrogant über seine Einheiten befiehlt und sie noch in den letzten Minuten des Krieges in den Tod schickt, den er für heldenhaft hält, erinnern an Stanley Kubricks ebenfalls während des Ersten Weltkriegs an der Westfront spielendem Anti-Kriegsfilm „Wege zum Ruhm“.

Berger veränderte auch das Ende des Romans. Er verlegte es vom Oktober 1918 auf das Kriegsende und nimmt ihm viel von der Wucht, die Remarques Ende hat. Oder, anders gesagt: an das Romanende erinnere ich mich noch Jahrzehnte nach der Lektüre. An dieses Filmende werde ich mich wahrscheinlich in einigen Wochen nicht mehr erinnern.

Und damit kommen wir zu einem weiteren Problem des Films. Remarque bezeichnete seinen Roman in der Erstauflage als einen Bericht über Generation, die vom Krieg zerstört wurde. Heute ist der Roman unbestritten ein Antikriegsroman, der vor allem an der Front spielt und immer bei seiner Hauptfigur, dem Ich-Erzähler Paul Bäumer, bleibt. Aber Remarque schreibt auch darüber, wie ein Gymnasiast mit hohen Idealen in den Krieg zieht und er an der Front alle seine Illusionen über den ehrenhaften Kampf und den Einsatz für das Vaterland verliert. Es ist damit auch die Geschichte einer Degeneration eines Bildungsbürgers, die schon in der Ausbildung in der Kaserne beginnt.

Im Film ist Bäumer nur noch ein x-beliebiger Frontsoldat ohne Familie, Überzeugungen oder Ideale. Er ist ein Gymnasiast, aber er könnte genausogut ein Analphabet sein.

Ohne diese Verortung in eine bestimmte Zeit und Gesellschaft verkommt die Botschaft des Films zu einem banalen „Kriege sind schlimm“ und „Für Generäle sind einfache Soldaten nur Kanonenfutter“. Das ist nicht falsch, ist aber angesichts des Krieges in der Ukraine etwas unterkomplex.

Trotzdem ist der mit zweieinhalb Stunden etwas lang geratene, episodische Kriegsfilm ein sehenswerter Film, der eindeutig für die große Leinwand komponiert wurde.

Und danach sollte man unbedingt die Vorlage lesen. Falls man Erich Maria Remarques Roman nicht schon gelesen hat.

Im Westen nichts Neues (Deutschland 2022)

Regie: Edward Berger

Drehbuch: Edward Berger, Lesley Paterson, Ian Stokell

LV: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, 1929

mit Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Aaron Hilmer, Moritz Klaus, Edin Hasanovic, Adrian Grünewald, Thibault De Montalembert, Devid Striesow, Daniel Brühl

Länge: 148 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Jetzt im Kino. Ab dem 28. Oktoger 2022 auf Netflix – und hoffentlich immer noch im Kino.

Die Vorlage (in der Fassung der Erstausgabe und mit einem umfangreichem Anhang)

 

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

(herausgegeben und mit Materialien versehen von Thomas F. Schneider)

Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014

464 Seiten

11 Euro (Taschenbuch)

9,99 Euro (E-Book)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Im Westen nichts Neues“

Moviepilot über „Im Westen nichts Neues“

Metacritic über „Im Westen nichts Neues“

Rotten Tomatoes über „Im Westen nichts Neues“

Wikipedia über „Im Westen nichts Neues“ (Film: deutsch, englisch) (Roman: deutsch, englisch) und Erich Maria Remarque (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Edward Bergers „Jack“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Edward Bergers „All my loving“ (Deutschland 2019)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über die Dörte-Hansen-Verfilmung „Mittagsstunde“

September 23, 2022

Ingwer Feddersen kehrt zurück in sein Heimatdorf Brinkebüll. An der Universität hat ‚de Jung‘ sich ein Freisemester genommen. In den nächsten Monaten will der seit Ewigkeiten in Kiel in einer Dreier-WG lebende Professor für Ur- und Frühgeschichte sich um seine Eltern kümmern. Sie brauchen zunehmend Hilfe. Auch wenn Ingwers über neunzigjähriger Vater, Sönke, das nicht akzeptieren will. Er kehrte erst nach dem Krieg aus der Gefangenschaft zurück und führt seitdem den Dorfgasthof. Ingwers Mutter, Ella, ist dagegen schon so dement, dass sie davon fast nichts mehr mitbekommt. Sie lebt schon zu einem großen Teil in der Vergangenheit – und auch für den fünfzigjährigen Ingwer werden die Monate, die er mit seinen Eltern verbringt, zu einer Lebensbilanz und Erinnerung an seine Jugend und die Nachkriegsgeschichte des Dorfes.

Dörte Hansen erzählt in ihrem von der Kritik hochgelobtem Bestseller „Mittagsstunde“ diese Geschichte, indem sie ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt. Das liest sich gut, ist aber kaum verfilmbar.

Regisseur Lars Jessen und Drehbuchautorin Catharina Junk unternahmen das Wagnis – mit einem zwiespältigem Ergebnis. Auch sie wechseln bruchlos zwischen den Jahrzehnten. Langsam entsteht so eine Geschichte der Familie Feddersen, des fiktiven und daher archetypischen nordfriesischen Dorfes Brinkebüll und den Veränderungen des Landlebens zwischen den Sechzigern und der Gegenwart. Dabei, und hier kommen wir zu einem der großen Probleme des Films, ist die Orientierung zwischen den verschiedenen Zeitebenen schwierig. Jessen blendet nur in den ersten Minuten die Jahrezahlen ein. Danach nicht mehr. Weil sich in einem Dorf aber alles nur langsam verändert und es eine durchaus wohltuende Ignoranz gegenüber schnelllebigen großstädtischen Modeerscheinungen gibt, ist der Unterschied zwischen den Sechzigern, den Siebzigern, den Achtzigern und sogar der Gegenwart kaum erkennbar. Die Inneneinrichtung der Wirtschaft verändert sich kaum. Das Haus der Feddersens noch weniger. Die Kleidung der Dorfbewohner ist vor allem funktional. Und auch Autos geben nur eine grobe Orientierung.

Das zweite Problem ist, dass wir die Figuren als junge, mittelalte und alte Menschen kennen lernen. Aber es ist oft kaum ersichtlich, wer wer ist. Während im Buch immer Ingwer steht und er mal Fünf, mal Fünfzig ist, wird er im Film von einem Kind und einem vollkommen anders aussehendem Erwachsenem gespielt.

Bei jedem Zeitsprung muss daher überlegt werden, wann die Szene spielt und wer zu sehen ist. Entsprechend schwierig ist es, eine emotionale Verbindung zu den verschiedenen Figuren aufzubauen.

Das alles erschwert die Orientierung in dem konventionell erzähltem Film, der – so mein Eindruck vor der Lektüre des Romans – seiner Vorlage zu sklavisch folgt. Nach der Lektüre des Romans weiß ich, dass Junk und Jessen viel veränderten. Aber nicht genug. Ein Voice-Over, und damit auch die Entscheidung für eine Erzählperspektive, hätte sicher einige Probleme beseitigt. Und den Heimatroman von einem sich über mehrere Generationen und Figuren erstreckenden Dorfchronik zur Geschichte einer Figur und der Jahre, die er bewusst erlebte, gemacht. Eine andere Möglichkeit wäre eine experimentellere Gestaltung gewesen mit Texteinblendungen, Freeze Frames, Voice-Over oder auch dass die erwachsenen Schauspieler in ihren Erinnerungen sich selbst spielen oder in der Szene die Szene kommentieren. Auch darauf wurde zugunsten einer konventionellen, für ein breites Publikum einfach goutierbaren Erzählung verzichtet.

So ist „Mittagsstunde“ eine biedere Literaturverfilmung. Weil Jessen – und auch schon Hansen in ihrem Roman – die Geschichte der Familie Feddersen und des Dorfes nordisch unterkühlt erzählen, bleibt es angenehm frei von verlogenen „Früher war alles besser“-Sentimentalitäten.

Mittagsstunde (Deutschland 2022)

Regie: Lars Jessen

Drehbuch: Catharina Junk

LV: Dörte Hansen: Mittagsstunde, 2018

mit Charly Hübner, Lennard Conrad, Peter Franke, Rainer Bock, Hildegard Schmahl, Gabriela Maria Schmeide, Gro Swantje Kohlhof, Julika Jenkins, Nicki von Tempelhoff, Jan Georg Schütte

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Jessen drehte den Film parallel in einer plattdeutschen und einer hochdeutschen Fassung. Ich habe die plattdeutsche Fassung gesehen und, auch ohne die andere Fassung zu kennen, ist das die Fassung, in der der Film gesehen werden sollte.

Die Vorlage

Mittagsstunde von Doerte Hansen

Dörte Hansen: Mittagsstunde

Penguin Verlag, 2021

336 Seiten

12 Euro

Erstausgabe (Hardcover)

Penguin Verlag, 2018

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Mittagsstunde“

Moviepilot über „Mittagsstunde“

Wikipedia über Dörte Hansen

Perlentaucher über „Mittagsstunde“


Preisgekrönte Bücher: S. A. Cosby: Die Rache der Väter

September 21, 2022

In den vergangenen Monaten erhielt „Die Rache der Väter“ wichtige Krimipreise, wie den Thriller Award. Er stand auf den Nominierungslisten für den Edgar und den Dagger Award. Er erhielt auch etliche nicht direkt krimi-relevanten Preise.

Er stand außerdem, immerhin erschien der Roman in den USA bereits 2021, auf zahlreichen Jahresbestenlisten. Barack Obama empfahl das Buch in seiner Sommerleseliste. Ian Rankin meinte: „Dieser Roman ist die Defintion eines rasanten Krimis.“

Bei dem vielen Lob stellt sich irgendwann die Frage, ob der Roman den mit den Preisen hochgeschraubten Erwartungen standhält.

Schließlich ist die Story uralt: ein Vater will den Tod seines Kindes rächen. Auch wenn es, wie der deutsche Titel verrät, in diesem Fall zwei Väter sind, bleibt „Razorblade Tears“ (so der Originaltitel) im Kern eine simple Rachegeschichte.

Auch die ersten Variationen wirken wie ein Blick in den Klischeebaukasten 2.0. Gerächt werden sollen Isiah Randolph und Derek Jenkins, zwei junge Männer, die glücklich miteinander verheiratet waren und ermordet wurden. Die Polizei von Richmond, Virginia, kommt bei ihren Ermittlungen nicht voran; vielleicht will sie auch nicht zu viel Zeit in den Schwulenmord investieren.

Die Väter von Isaiah und Derek lehnten die sexuelle Orientierung ihrer Söhne ab. Als sie davon erfuhren, brachen sie die Verbindung zu ihnen ab. Sie sind, noch eine Gemeinsamkeit, ehemalige Häftlinge. Der eine ist jetzt erfolgreicher Unternehmer. Der andere ein heruntergekommener Alkoholiker. Der eine ist ein Schwarzer, der andere ein Weißer. Und sie mögen sich nicht.

Aber jetzt wollen der Schwarze Ike Randolph, der ein Unternehmen mit 15 Beschäftigten zur Rasen- und Gartenpflege hat, und der Weiße Buddy Lee Jenkins sich unter den ehemaligen Freunden ihrer Söhne umhören.

Bei ihren ersten Befragungen müssen sie mit ihren Gefühlen und ihrem Temperament kämpfen. Denn jede ihrer Befragungen im LGBTQ+-Milieu ist immer kurz davor, in handgreifliche Auseinandersetzungen auszuarten.

Als sie sich die gemeinsame Wohnung von Isiah und Derek ansehen, werden sie von zwei Mitgliedern der Rare Breed überrascht. Die Rare Breed sind eine Outlaw Motorcycle Gang, die tief in verschiedenen verbrecherischen Geschäften steckt. Kurz darauf ist einer der beiden Rocker tot. Der andere konnte flüchten. Anstatt zur Polizei zu gehen, lassen Ike und Buddy Lee die Leiche verschwinden.

Schon auf den ersten Seiten zeigt S. A. Cosby, dass er seine Vorbilder kennt und weiß, wie man eine packende Geschichte erzählt. Er wechselt kontinuierlich zwischen drei Perspektiven: der von Ike, der von Buddy Lee und der von Grayson und seiner Rockergang. Die Rare Breed haben, das wird schon früh im Buch verraten, etwas mit dem Tod von Isiah, der als Journalist für die „Rainbow Review“ arbeitete, und Derek, der in einer Bäckerei arbeitete, zu tun.

Die Klischees und vertrauten Handlungsabläufe bentzt Cosby, um sein Thema aus verschiedenen Perspektiven und in die Tiefe gehend zu behandeln. Vor allem beschäftigt Cosby sich mit der Frage, welche Bilder von Männlichkeit existieren und wie sie sie sich in den vergangenen Jahrzehnten veränderten. Es geht auch um die politischen, kulturellen und sozialen Spaltungen in den USA.

Davon erzählt er im Rahmen einer spannenden Detektiv- und Rachegeschichte, die auch die Geschichte einer Freundschaft ist. Denn selbstverständlich lernen Ike und Buddy Lee sich im Lauf ihrer gemeinsamen Ermittlungen besser kennen. Sie verstehen sich besser und sie ändern ihre Ansichten.

Für den gestandenen Krimifan gibt es außerdem etliche Anspielungen auf Kriminalromane und -filme. Sie zeigen, dass Cosby sich im Genre auskennt und in welcher Traditionslinie, nämlich der Noir- und Hardboiled-Tradition, er schreibt.

Die Sünden der Väter“ ist ein sicherer Anwärter für meine Jahresbestenliste; – wenn ich denn eine erstelle. Ich bin da ja notorisch schlampig.

S. A. Cosby: Die Sünden der Väter

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Ars Vivendi, 2022

344 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Razorblade Tears

Flatiron Books, 2021

Hinweise

Perlentaucher über „Die Sünden der Väter“

Book  Marks über „Die Sünden der Väter“

Wikipedia über S. A. Cosby (deutsch, englisch)


„Nachts im Paradies“ ist der Taxifahrer während dem Oktoberfest

September 16, 2022

Am Samstag ist es in München wieder so weit. Dann beginnt dort, wenn man den Verlautbarungen bayerischer Politiker und den gut informierten Boulevardzeitungen glauben darf, das größte, schönste, beste Fest der Welt. Das Oktoberfest. Die letzten zwei Jahre fiel es wegen der Coronavirus-Pandemie aus. Dieses Jahr soll wieder wie früher gefeiert werden.

Alle, die dann nicht in München sind, können sich im Bayerischen Rundfunk Übertragungen aus dem Festzelt oder im Wiesn.TV das bierselige Gewusel vor Live-Cams ansehen. Das sind schon ziemlich gruselige Bilder.

Aber diese Bilder sind harmlos gegenüber den Bildern, die Frank Schmolke für seinen während des Oktoberfests spielendem Comic „Nachts im Paradies“ zeichnete. Er erschien 2019, wurde von der Presse gelobt und erhielt 2019 den Rudolph Dirks Award.

Schmolke fuhr selbst gut dreißig Jahre Taxi. Zunächst mehr, später weniger, aber immer nachts. Sein Geld verdient er inzwischen als Comiczeichner und freiberuflicher Illustrator. Die Erlebnisse, die er während seiner Arbeit als Taxifahrer hatte, inspirierten ihn dann zu „Nachts im Paradies“. Der entscheidende Anstoss für den gut 360-seitigen Comic waren vor allem die zwei Wochen, die er 2014 beim Oktoberfest fuhr um eine Auftragsflaute zu überbrücken.

Er erzählt angemessen hektisch, lakonisch und mit trockenem Humor einige Tage aus dem Leben von Vincent. Während des Oktoberfestes fährt der Taxifahrer die Besoffenen nach Hause. Einmal schleppt er eine leicht bekleidete Betrunkene in ihre Wohnung. Eine andere kotzt ihm ins Taxi und ihr Freund verpasst ihm ein blaues Auge. Für eine Nacht erhält er von Igor einen lukrativen Auftrag: er soll eine seiner Prostituierten zu einem Kunden fahren, warten und sie später wieder zurückfahren. Der Auftrag entwickelt sich anders, als geplant.

Außerdem besucht Vincents sechzehnjährige Tochter ihn. Auch sie stürzt sich in das Nachtleben.

Und irgendwann zwischen besoffenen Fahrgästen und Schlägereien, fragt Vincent sich, ob er nach dreißig Jahren als Taxifahrer nicht endlich etwas anderes tun soll.

Spätestens nach der Lektüre von „Nachts im Paradies“ hat man keine Lust mehr auf das Oktoberfest genannte Massenbesäufnis mit seinen Bierzombies. Aber viel Lust auf das nächste Werk von Frank Schmolke. Zum Beispiel seine grandiose letztes Jahr erschienene Sebastian-Fitzek-Adaption „Der Augensammler“.

Frank Schmolke: Nachts im Paradies

Edition Moderne, 2019

360 Seiten

29,80 Euro

Hinweise

Perlentaucher über „Nachts im Paradies“

Homepage von Frank Schmolke

Meine Besprechung von Frank Schmolkes Sebastian-Fitzek-Adaption „Der Augensammler“ (2021)


Cover der Woche – und R. i. P. Jean-Luc Godard

September 13, 2022

R. i. P. Jean Luc Godard ( 3. Dezember 1930, Paris – 13. September 2022, Rolle/Schweiz)

Anstatt eines schnell geschriebenen länglichen biographischen Nachrufs poste ich einfach den Anfang meiner ausführlichen Besprechung von Bert Rebhandls lesenswerter Biographie über Jean-Luc Godard:

Jean-Luc Godard, geboren am 3. Dezember 1930 in Paris

Regisseur von „Außer Atem“, Begründer der Nouvelle Vague

lebt seit Jahrzehnten, zusammen mit Anne-Marie Miéville, zurückgezogen und produktiv, in der Schweiz in der Kleinstadt Rolle am Genfersees

So könnte Jean-Luc Godards Leben in drei Zeilen aussehen. Nichts davon ist falsch. Nichts davon verrät, warum Godard noch heute, sechzig Jahre nachdem „Außer Atem“ seine Premiere hatte und über fünfzig Jahre nachdem er sich vom normalen Kinobetrieb abwandte, ein immer noch weithin bekannter Name ist. Mit Godard verbindet jeder irgendetwas und hat sogar ein Bild von ihm im Kopf.

Godard gehörte in den fünfziger Jahren in Paris zu einem Kreis filmbegeisterter junger Männer, die in der Filmzeitschrift „Cahiers du Cinéma“ lautstark über ihre Liebe zum Film und zu bestimmten Regisseuren schrieben und später selbst Regisseure wurden. Zu diesem Kreis gehören, neben Godard, François Truffaut, Éric Rohmer, Claude Chabrol und Jacques Rivette.

In den Sechzigern drehte Godard nach seinem umjubeltem Spielfilmdebüt „Außer Atem“ mit einem ähnlichen Arbeitstempo wie wenig später in Deutschland Rainer Werner Fassbinder. Fast jeder dieser Godard-Filme gehört noch heute zum Godard-Kanon (ich zögere, sie Klassiker zu nennen, weil ich mit solchen Worten sparsam umgehe und weil bei einigen dieser Filme der Titel und ein Image bekannter als der ganze Film sind). Bis 1968 drehte er „Der kleine Soldat“, „Eine Frau ist eine Frau“, „Die Geschichte der Nana S.“, „Die Karabinieri“, „Die Verachtung“, „Die Außenseiterbande“, „Eine verheiratete Frau“, „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ (Alphaville), „Elf Uhr nachts“ (Pierrot le fou), „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola“, „Made in U.S.A.“, „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“, „Die Chinesin“, „Weekend“ und „Eins plus Eins“ (One plus One/Sympathy for the Devil).

Schon in diesen Jahren wurden seine Filme immer politischer und experimenteller. 1968, nach „Eins plus Eins“ verabschiedete er sich als Regisseur vom Kino. In den nächsten Jahren arbeitete er auch im Kollektiv. Teils verschwand sein Name hinter einer Gruppenidentität in der Anonymität. Dazu gehören die Flugblattfilme, die auf politischen Veranstaltungen gezeigt wurden. Er identifizierte sich mit den Anliegen der 68er. Gleichzeitig begann er mit der Videotechnik zu experimentieren. Außerdem arbeitete er für das Fernsehen. Zum Beispiel 1976 mit der 13-teiligen TV-Serie „Six fois deux, sur et sous la communication“ und, zwei Jahre später, mit der 12-teiligen TV-Serie „France, tour, détour, deux enfants“. Diese Arbeiten sind fast unbekannt.

Erst in den Achtzigern kehrte Godard wieder zurück ins Kino. „Rette sich, wer kann“, „Passion“, Vorname Carmen“ (seine sehr freie Version von Prosper Mérimées Novelle „Carmen“) , „Maria und Joseph“ (seine skandalumwitterte Interpretation der aus der Bibel bekannten Geschichte von Maria und Joseph von Nazaret), „Détective“ und „Nouvelle Vague“ sind seine bekanntesten Filme aus dieser Zeit. Teils spielten, wie schon bei seinen Filmen aus den Sechzigern, Stars mit. Eigentlich nie gab es eine nacherzählbare Geschichte. Es ging eher um die Idee einer Geschichte, die es ihm ermöglicht, seine Gedanken zu entfalten. Beides diente als vernachlässigbares Korsett und als willkommener Anlass, das zahlende Publikum ins Kino zu bringen, und es dort mit philosophischen Gedanken, Geistesblitzen, Assoziationen und Humor zu belästigen. Jean-Luc Godard inszenierte sich gleichzeitig als Narr und Klugscheißer, der munter mit seinem Wissen protzte.

In seinen letzten Filme, wie jüngst „Bildbuch“, versuchte der wie ein Eremit lebende Godard überhaupt nicht mehr, ein großes Publikum anzusprechen. Wer sich allerdings auf den assoziativen Strom von Bildern und Gedanken einlässt, wird immer ein, zwei Goldstücke finden. Nur der Spaß, den wir mit Jean-Paul Belmondo und Anna Karina in „Pierrot le fou“ oder mit der „Außenseiterbande“ hatten, ist in seinen experimentellen Essayfilmen verschwunden.

Hinweise

Rotten Tomatoes über Jean-Luc Godard

Wikipedia über Jean-Luc Godard (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (À bout de souffle, Frankreich 1960)

Meine Besprechung von Bert Rebhandls „Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär“ (2020)

Jean-Luc Godard in der Kriminalakte


„Kains Knochen“, kein Lesebuch, sondern ein Rätselbuch

September 12, 2022

Das ist ein Buch für die Menschen, die gerne Rätsel lösen. In diesem Fall besteht das Rätsel aus hundert Seiten bzw. Absätzen. In der richtigen Reihenfolge erzählen die Absätze eine Kriminalgeschichte, in der sechs Menschen sterben.

Das Problem ist, die Seiten und damit die Morde in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Es gibt nämlich unglaublich viele Möglichkeiten, die Seiten hintereinander anzuordnen. Aber nur eine Reihenfolge ist die richtige Reihenfolge.

Ersonnen wurde das Rätsel von Edward Powys Mathers, dem Kreuzworträtselschreiber des Observer. Er führte in England die Kreuzworträtsel ein, bei denen um die Ecke gedacht werden muss. Sein Pseudonym war Torquemada. Unter diesem Namen veröffentlichte er 1934 „The Torquemada Puzzle Book“, eine Auswahl seiner Rätsel und „Kains Knochen“.

Damals wurden 15 Pfund Sterling ausgeschrieben für die erste Person, die die Lösung kennt. 2019 wurde das Rätsel wieder veröffentlicht und ein Preisgeld von 1.000 Pfund ausgelobt.

Insgesamt wurde das Rätsel bis jetzt nur von drei Menschen gelöst. Zwei als der Preis 1934 ausgelobt wurde, einer 2019. Und keiner hat die Lösung verraten.

Jetzt veröffentlichte der Suhrkamp Verlag das Rätsel auf Deutsch und lobte ein Preisgeld von 1000 Euro aus. Der Wettbewerb endet am 30. September 2023. Gewinner ist, so der Suhrkamp Verlag, analog zu den englischen Wettbewerbsbedingungen, wer als Erster „die vollständigen Namen der Ermordeten, ihre jeweiligen Mörder und die richtige Reihenfolge der Seiten mitgeteilt und uns erläutert hat, wie sie oder er zu der Lösung gekommen ist.“

Tja, nun, dann: fröhliches Rätseln!

Der letzte Gewinner hat zum Lösen des Rätsels vier Monate und einen Coronavirus-Lockdown gebraucht.

Torquemada: Kains Knochen – Das schwerste kriminalistische Rätsel der Welt

(übersetzt von Henry McGuffin)

Suhrkamp, 2022

210 Seiten

13 Euro

Originalausgabe/Neuausgabe

Cain’s Jawbone

Unbound, London, 2019

Erstausgabe

Victor Gollancz Ltd., 1934

Hinweise

Suhrkamp über „Kains Knochen“

Wikipedia über „Kains Knochen“ und Edward Powys Mathers


„The Scumbag“ hat einen „Kokainfinger“ und die „Deadly Class“ wartet immer noch auf ihre Abschlussprüfung

September 7, 2022

Natürlich wird es Superheldengeschichten auch noch in zehn, zwanzig, dreißig Jahren geben und wahrscheinlich werden Batman, Superman und die X-Men weiterhin Bösewichter jagen. Im Comic in jedem Fall. Im Kino und TV müssen wir mal sehen.

Neben diesen letztendlich heldenhaften Superhelden gibt es zunehmend Serien mit Superhelden, die bis auf ihre Superheldenfähigkeit nichts Superheldenhaftes haben. Deadpool dürfte einem hier spontan einfallen.

Auch Rick Remender hat jetzt einen Superhelden erfunden, der vor seinem Superheldentum eindeutig zu den Männern gehörte, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Danach immer noch.

Dieser Ernie Ray Clementine ist ein Relikt aus einer anderen Zeit. Er ist mental ein Späthippie; de facto ein abgehalfteter, prolliger, entsprechend nerviger Drogensüchtiger, der von einem Kampf zwischen einem Kobold und einer Medusa nicht weiter irritiert ist. Schließlich sieht er als Junkie ständig seltsame Dinge, die es nur in seiner Fantasie gibt. Die Spritze, die zwischen den beiden Kämpfenden liegt, sieht er sofort und er macht das, was jeder Junkie in dem Moment tun würde: er schnappt sich die Spritze und spritzt sich, ohne auch nur eine Zehntelsekunde darüber nachzudenken, den Inhalt in seine Venen – und er wird Teil eines großen Konflikts zwischen Gut und Böse.

Mit dem Serum „Formula Maxima“ in sich, kann er, wie ihm Mutter Erde, die Kommandantin der Zentralbehörde, erklärt, zum Retter des Universums werden. Denn: „Die Welt steht vor dem Zusammenbruch, Mr. Clementine. Externe Polarisierung, Klimawandel, Rassismus, Faschismus… Scorpionus wird nicht ruhen, bis die Welt ihrer idealisierten Version vom Amerika der 1950er entspricht.“

An der Rettung der Welt hat Clementine allerdings zunächst kein Interesse. Viel lieber würde er seine Superkräfte für seine eigenen niederen Triebe und Ziele ausnutzen. Dummerweise verleiht im die Formula Maxima nur dann Superkräfte, wenn er bei seinen Handlungen noble Absichten hat. Dass er dabei immer noch ein drogensüchtiger Hippie ist, sorgt für einige nette Sprüche, Situationen und einen Gegner, der ihm das Gutsein leicht macht Schließlich stehen die fünfziger Jahre für alles, was ein ehrbarer Hippie verabscheut.

Dieser Gegner und die Bedingung für die Wirksamkeit des ihm Superkräfte verleihendem Serums macht Clementine schnell zu einem gewöhnlichem Superhelden, der sich rüpelhaft benimmt und, wenigstens im ersten „The Scumbag“-Sammelband noch lernen muss, bevor er sich in die Schlacht stürzt, seine Absichten zu Prüfen.

Für Fans von Superhelden-Geschichten ist „Deadly Class“-Erfinder Rick Remender ein bekannter Name. Er schrieb bereits Geschichten für Venom, Captain America und die Avengers

Bei „The Scumbag“, und das macht die Serie zu einem interessantem Experiment in stilistischer Vielfalt, arbeitet er für jedes Heft mit einem anderen Zeichner zusammen. In dem jetzt erschienenem Sammelband „Kokainfinger“ sind die ersten fünf von inzwischen vierzehn Heften enthalten. Gezeichnet wurden sie von Lewis Larosa, Andrew Robinson, Eric Powell, Roland Boschi und Wes Craig.

Rick Remenders „Deadly Class“ geht langsam in die Endrunde. Das erste Heft erschien im Januar 2014. Seit 2019 erscheinen die Sammelbände bei Cross Cult. Dort erschien unlängst auch der zehnte Band, in dem die Geschichte von Marcus Lopez und seinen Klassenkameraden weitererzählt wird. Sie alle waren am King’s Dominion Atelier of the Deadly Arts, einer von Master Lin geleiteten Schule in San Francisco, die ihre Schüler zu perfekten Killern ausbildet. Dieses Mal lief die Ausbildung, dank Marcus, etwas aus dem Ruder. Das wurde in den ersten neun „Deadly Class“-Sammelbänden, die zwischn 1987 und 1989 spielen, mit einer ordentlichen Portion brutaler Morde und popkultureller Anspielungen erzählt.

Der zehnte „Deadly Class“-Sammelband von Autor Rick Remender, Zeichner Wes Craig und Kolorist Lee Loughridge bereitet in erster Linie das Finale vor, das die Hefte 49 bis 56 und damit die nächsten beiden Sammelbände umfasst.

Eine eigenständige Geschichte ist in diesem Sammelband nicht erkennbar. Es sind 1991, 1997, 1999 und 2001 spielende Episoden, in denen Marcus slackerhaft abhängt und ein Leben ohne das King’s Dominion Atelier führen möchte. Aber er weiß, dass die Schule ihn und die anderen Abweichler jagt. Und sie sich einem letztem Kampf stellen müssen.

Der wird, wie gesagt, in den nächsten beiden Sammelbänden erzählt. Der elfte „Deadly Class“-Sammelband „Ein Abschied von Herzen – Teil 1“ ist für Anfang Dezember angekündigt.

Rick Remender/Lewil Larosa/Andrew Robinson/Eric Powell/Roland Boschi/Wes Craig/Moreno Dinisio: The Scumbag – Kokainfinger

(übersetzt von Katrin Aust)

Panini, 2022

156 Seiten

18 Euro

(Leseempfehlung des Verlags: ab 18 Jahre)

Originalausgabe

The Scumbag # 1 – 5

Image, 2021

Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridge: Deadly Class: Rettet eure Generation (Band 10)

(übersetzt von Silvano Loureiro Pinto)

Cross Cult, 2022

152 Seiten

16,80 Euro

Originalausgabe

Deadly Class 10: Save your generation

Image Comics, 2021

enthält

Deadly Class # 45 – 48

Hinweise

Homepage von Rick Remender

Wikipedia über Rick Remender und „Deadly Class“ (Comic) (TV-Serie: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Rick Remenders „Punisher 4: Frankencastle 2“ (FrankenCastle # 17 – 19, 2010)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridges „Deadly Class: 1987 – Die Akademie der tödlichen Künste (Band 1)“ (Deadly Class Volume 1: Reagan Youth, 2014)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridges „Deadly Class: 1988 – Kinder ohne Heimat (Band 2)“ (Deadly Class Volume 2: Kids of the Black Hole, 2015)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridges „Deadly Class: 1988 – Die Schlangengrube (Band 3)“ (Deadly Class Volume 3: The Snake Pit, 2019)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: 1988 – Stirb für mich (Band 4)“ (Deadly Class Volume 4: Die for me, 2020)

Meine Besprechung von Rick Remder/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: 1988 – Karussell (Band 5)“ (Deadly Class Volume 5: Carousel, 2017)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: 1988 – Nicht das Ende (Band 6)“ (Deadly Class Volume 6: This is not the end, 2017)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: Blutige Liebe – 1988 (Band 7)“ (Deadly Class – Volume 7: Love like blood (# 32 – 35), 2018)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: Kein Zurück – 1988 (Band 8)“ (Deadly Class – Volume 8: Never go back ( # 36 – 39), 2019)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: Knochenmaschine – 1989 (Band 9)“ (Deadly Class – Volume 9: Bone Machine (# 40 – 44), 2020)

Meine Besprechung von Rick Remender/Tony Moore/Jerome Opeñas „Fear Agent – Band 1“ (Fear Agent: Final Edition, Volume 1, 2018)

Meine Besprechung von Rick Remender/Tony Moore/Jerome Opeñas „Fear Agent – Band 2“ (Fear Agent: Final Edition, Volume 2, 2018)

Meine Besprechung von Rick Remender/Tony Moore/Mike Hawthornes „Fear Agent – Band 3“ (Fear Agent: Final Edition, Volume 3, 2018)


„Year Zero“, das erste Jahr der Zombie-Apokalypse, global betrachtet

September 7, 2022

Die meisten Zombie-Geschichten verfolgen die Erlebnisse einer Person oder, eher, einer Gruppe, die sich gegen Zombies wehrt. Das kann zu einer erfolgreichen und langlebigen Serie wie „The Walking Dead“ führen.

George A. Romero, der Erfinder des modernen Zombies, erzählte in seinen Zombie-Filmen in jedem Film die Geschichte einer anderen Gruppe Menschen, die gegen Zombies und gegeneinander kämpft. Mit zwei zugedrückten Hühneraugen kann behauptet werden, dass so über die Jahrzehnte so etwas wie die Geschichte der lebenden Toten und ihrer Eroberung der USA entstand.

Eine globale Perspektive gibt es in Max Brooks‘ Zombie-Roman „World War Z“ (World War Z – An Oral History of the Zombie War, 2006). Das lesenswerte Buch ist ein sich aus zahlreichen Augenzeugenberichten zusammensetzender Bericht über eine Zombie-Apokalypse. Für die Verfilmung wurde dann ein Protagonist erfunden, der durch die Welt reiste.

Benjamin Percy wählte für „Year Zero“ einen ähnlichen Ansatz. In den beiden „Year Zero“-Comic- Sammelbänden erzählt er mehrere voneinander unabhängige, in verschiedenen Ländern spielende Geschichten über Menschen und Zombies. Der erste Sammelband besteht aus fünf, der zweite aus vier Geschichten. Dabei erzählt Percy nicht eine Geschichte pro Heft, sondern in jedem Heft parallel einige Seiten aus jeder Geschichte.

Im ersten Band spielen die Geschichten in einer Polarforschungsstation, wo die Katastrophe durch eine Entdeckung im Eis beginnt, Mexico City, Tokio, Kabul und Burnsville, Minnesota.

Im zweiten Band spielen die Geschichten auf einem Schiff vor der Küste Norwegens und in Kolumbien, Ruanda, und Phoenix, Arizona.

Im Mittelpunkt der Geschichten stehen im ersten Sammelband eine Polarforscherin, ein Straßenkind, ein Auftragskiller,eine afghanische Militärhelferin und ein Prepper.

Im zweiten Band sind es ein Kapitänin, ein in seiner abgelegen liegenden Villa lebender Kartellboss, ein Arzt und eine Schwangere, die in eine Shopping Mall geflüchtet ist.

Die einzige Verbindung zwischen diesen Kurzgeschichten ist, dass sie in einer Welt spielen, in der es Zombies gibt. Das erfindet das Genre nicht neu, unterhält aber kurzweilig.

Benjamin Percy/Ramon Rosanas/Lee Loughridge: Year Zero – Band 1

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2021

144 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Year Zero, Volume 1

AWA Upshot, 2020

Benjamin Percy/Juan José Ryp/Frank Martin: Year Zero – Band 2

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2022

144 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Year Zero, Volume 2

AWA Upshot, 2021

Hinweise

Homepage von Benjamin Percy

Wikipedia über Benjamin Percy


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Im „Freibad“ mit Doris Dörrie

September 1, 2022

Vor ungefähr einem Jahr sorgte der „Beckenrand Sheriff“ für einen geregelten Ablauf im und neben dem Freibad. Marcus H. Rosenmüllers Komödie war bestenfalls durchwachsen.

Jetzt versucht Doris Dörrie ihr Glück. Bis auf wenige Szenen, die insgesamt wohl keine fünf Minuten ausmachen, spielt ihr Film vor und vor allem in einem Freibad, das nur von Frauen besucht werden darf.

Das ist schon einmal eine nette Idee, aus der etwas gemacht werden kann. Immerhin können hier Frauen abseits der neugierigen Blicke und Kommentare von Männern (im Freibad!) über die Dinge reden, die ihnen wichtig sind. Außerdem ist ein Freibad immer auch ein gleichmachender Mikrokosmos der Gesellschaft. D. h. auch, dass alle Konflikte, die es in der Gesellschaft gibt, auch im Freibad aufeinanderprallen und zwischen Umkleidekabine und Schwimmbecken gelöst werden müssen.

Und dann ist der Film von Doris Dörrie. Seit ihrer Erfolgskomödie „Männer“, einem ihrer ersten Filme, hatte sie immer wieder ein gutes Gespür für gesellschaftliche Stimmungen und Geschlechterverhältnisse, Befindlichkeiten und Entwicklungen. Das sollte auch bei dieser Komödie zu einigen neuen und überraschenden Erkenntnissen führen.

Das Ergebnis ist eine belanglose, furchtbar aussehende Nummernrevue, die befließen und mit didaktischem Ernst das Verhältnis der Deutschen zum Islam abarbeitet. Die bekannten Vorurteile werden genannt und mit den bekannten Gegenargumenten entkräftet.

So ist die türkische Familie betont normal und entsetzt über ihre überaus gutaussehende und wohlproportionerte Tochter, die in einem Burkini schwimmt.

Die Burka-tragenden Frauen, die das Freibad besuchen, sind unglaublich vermögend, kommen aus der Schweiz und freuen sich, dass sie in diesem Freibad einfach ungestört verhüllt herumsitzen können. In der Schweiz ist das seit einer 2021 erfolgten Volksabstimmung verboten.

Als in dem Freibad doch ein Mann auftaucht – er wurde engagiert, nachdem die überaus faule, gutaussehende Bademeisterin kündigte -, haben die Frauen nichts besseres zu tun, als um ihn herumzuscharwenzeln. Er selbst ist dagegen Postgender und mehr am Lesen hochgeistiger Bücher über aquatische Menschen, wie er auch einer ist, interessiert. Gut aussehen tut er trotzdem.

Zum Glück gibt es auch einige fülligere und ältere Frauen in dem Frauenfreibad. Aber insgesamt sehen in diesem Freibad fast alle Frauen in ihren Badeanzügen und Bikinis sehr gut aus.

Und Andrea Sawatzki präsentiert, als Maßnahme gegen die Islamisierung des Freibads, mehrmals ihren blanken Busen, der durch höhere Umstände fast immer von ihren langen Haaren verdeckt wird. Das ist dann wiederum ziemlich prüde. Sie spielt die Schlagersängerin Eva, die früher einen Hit hatte und heute immer noch von dem Ruhm vergangener Tage zehrt. Wenn sie nicht gerade ihre Schlagersängerinnenkarriere verklärt, inszeniert sie sich mit ihrer Freundin Gabi als grantelnde Vorkämpferinnen des Feminismus in den Siebzigern. Damals kämpften sie für die Freiheit und Befreiung der Frau. Heute sehen sie in ihrem Freibad Burkas, Burkinis und Kopftücher tragende, lustfeindliche und unterdrückte Frauen.

Diese Eva ist ein ziemliches Biest und sie ist, sofern in einem Ensemblefilm davon gesprochen werden kann, die Protagonistin. Dass gerade eine der unsympathischten Figuren die Sympathieträgerin sein soll, ist ein Problem des Ensemblefilms, der eigentlich nur Beobachtungen und unwitzige Witze aneinanderreiht. Denn Eva vollzieht überhaupt keine Entwicklung. Das gleiche gilt für ihre ähnlich unsympathische Freundin, die sich über Kopftuch-tragende Frauen aufregt, während sie selbst ein Kopftuch trägt.

Nach hundert Minuten bleibt nur die erschreckende Erkenntnis, wie wenig aus dem Stoff gemacht wurde.

Zum Filmstart erschien, wie vor wenigen Tagen bei der „Känguru-Verschwörung“, ein Comic zum Film. Paulina Stulin übernahm die Aufgabe, aus dem Drehbuch einen Comic zu machen. Ihr vorheriger Comic, das sechshundertseitige autobiographische Opus „Bei mir zuhause“, war dieses Jahr für den „Max und Moritz“-Preis als „Bester deutschsprachiger Comic“ nominiert. Doris Dörrie las das Buch. Anschließend sprach sie Stulin an, ob sie parallel zur Entstehung des Films eine Graphic Novel zeichnen möchte.

Paulina Stulins Version des Films ist kein Storyboard-Comic (so das Label bei der „Känguru-Verschwörung“). Die Grundlage für ihre Arbeit war die finale Fassung des Drehbuchs. Deshalb gibt es im Comic auch einige Stellen, die nicht im Film sind. Außerdem wusste Stulin, welche Schauspielerinnen welche Rollen spielen. Sie war mehrere Tage als Beobachterin bei den Dreharbeiten und tauschte sich regelmäßiger mit Doris Dörrie über ihre Arbeit aus.

Ihre im Stil der vom Impressionismus beeinflussten New Barbizon School gehaltenen Zeichnungen sind sehr nah am Film. Allerdings wirken ihre Figuren immer äußerst aggressiv und feindselig. Ihr Freibad ist kein Ort der Entspannung, sondern immerwährender Anspannung.

Freibad (Deutschland 2022)

Regie: Doris Dörrie

Drehbuch: Doris Dörrie, Karin Kaçi, Madeleine Fricke (nach einer idee von Doris Dörrie)

mit Andrea Sawatzki, Maria Happel, Nilam Farooq, Lisa Wagner, Melodie Wakivuamina, Julia Jendroßek, Sabrina Amali, Nico Stank, Samuel Schneider, Ilknur Boyraz, Sema Poyraz, Arzu Ermen, Semra Uysallar, Ulla Geiger, Simon Pearce, Pablo Sprungala, Amir Alkodur, Shadiya Almoussa, Leopold Schadt, Paulina Alpen

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Der Comic zum Film

 

Paulina Stulin: Freibad

Jaja Verlag, 2022

296 Seiten

29 Euro

Hinweise

Filmportal über „Freibad“

Moviepilot über „Freibad“

Wikipedia über „Freibad“

Meine Besprechung von Doris Dörries „alles inklusive“ (Deutschland 2013)

Homepage von Paulina Stulin

Und so sieht ein Freibad „In the Heights“ aus


Kurt Vonneguts „Schlachthof 5“, einmal der Roman in neuerer Übersetzung, einmal der Roman als brandneuer Comic

August 31, 2022

Schlachthof 5“ ist Kurt Vonneguts bekanntester Roman. Er ist, so Vonnegut, „ein wenig im Stil der telegraphisch-schizophrenen Geschichten des Planeten Tralfamador gehalten, wo die Fliegenden Untertassen herkommen“. „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug – Ein Pflichttanz mit dem Tod“, so der vollständige Titel, markiert, nach fünf veröffentlichten Romane, von denen zwei für den Hugo Preis nominiert waren, 1969 auch seinen Durchbruch als Schriftsteller.

1972 wird der Bestseller verfilmt. Es ist ein Prestigeprodukt. George Roy Hill, der damals nach „Butch Cassidy und Sundance Kid“ alles tun durfte, übernimmt die Regie. Michael Sachs (sein Debüt), Ron Leibman und Eugene Roche spielen mit. Kameramann ist Miroslav Ondrícek. Zu seinen späteren Arbeiten gehört „Amadeus“. Henry Bumstead ist für das Produktionsdesign zuständig. Zu seine früheren Arbeiten gehören die Alfred-Hitchcock-Filme „Vertigo“ und „Topas“. Danach arbeitete er bis zu seinem Tod 2006 viele Jahre mit Clint Eastwood zusammen. Glenn Gould schrieb die Musik. Der Film erhielt in Cannes, bei den Hugo Awards und von der Academy of Science Fiction, Fantasy & Horror Films Preise. Vonnegut äußerte sich positiv über die Verfilmung: „a flawless translation of my novel“.

Trotzdem ist der inzwischen eher vergessene Film nicht wirklich gelungen.

Die Übertragung in den Comic gerät deutlich besser. Autor Ryan North und Zeichner Albert Monteys erzählen den Roman nach, bebildern und interpretieren ihn, indem sie die Möglichkeiten, die ein Comic hat, nutzen.

In dem Antikriegsroman erzählt Vonnegut die Geschichte von Billy Pilgrim. Im Zweiten Weltkrieg nimmt er als Soldat der U. S. Army an der Ardennenoffensive teil. Danach stolpert er orientierungslos mit einigen Kameraden durch das Kriegsgebiet. Er ist dabei der unfähigste Soldat der kleinen Einheit. Sie werden von deutschen Soldaten gefangen genommen. Pilgrim wird, mit anderen Kriegsgefangenen, nach Dresden in den titelgebenden Schlachthof 5 gebracht. Als er in dem Gefangenenlager ist, wird Dresden von den Allierten bombardiert. Ein besseres Bild für die Absurdität des Krieges und des Lebens gibt es wohl nicht.

Nach dem Krieg wird Pilgrim ehrenhaft (und mit PTSD) entlassen. Er wird Optiker, heiratet, gründet eine Familie und lebt den amerikanischen Traum. Dabei fällt er immer wieder aus der Zeit. Die anderen Menschen halten das für kurze geistige Abwesenheiten. Aber in diesen Momenten ist Pilgrim in der Vergangenheit, der Zukunft oder auf dem Planet Tralfamadore, wo er nette Gespräche mit den freundlichen Tralfamadorianern hat. Deren Sicht auf die Welt unterscheidet sich fundamental von der Sicht der Menschen auf die Welt.

Vonnegut erzählt Pilgrims Geschichte mit grimmigem Humor und dem immer wieder wiederholtem lakonischen Satz „Wie das so ist“, bzw. im Comic „So ist das“.

Kurt Vonnegut: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug: Ein Pflichttanz mit dem Tod

(übersetzt von Gregor Hens, mit einem Nachwort von Asal Dardan)

Hoffmann und Campe, 2022

248 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Slaughterhouse-Five, or The Children’s Crusade: A Duty-Dance with Death

Delacorte Press, 1969

Erstausgabe dieser Übersetzung (ja, es gibt auch ältere Übersetzungen)

Hoffmann und Campe, 2016

Ryan North/Albert Monteys: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug

(nach dem Roman von Kurt Vonnegut)

(übersetzt von Matthias Wieland)

Cross Cult, 2022

192 Seiten

35 Euro

Originalausgabe

Slaughterhouse-Five

Archaia, 2020

Hinweise

Wikipedia über „Schlachthof 5“ (Roman) (deutsch, englisch), Kurt Vonnegut (deutsch, englisch), Ryan North und Albert Monteys

Perlentaucher über Ryan North/Alrbert Monteys‘ „Schlachthof 5“

Nachruf auf Kurt Vonnegut in der New York Times

Nachruf auf Kurt Vonnegut in Der Zeit

Michael Krasny sprach 2012 über die Bedeutung des Romans für die Gegenwart


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Die Känguru-Verschwörung“ bestätigt die richtige Weltsicht

August 25, 2022

Nach einem gescheiterten romantischen Abendessen im Dunkelrestaurant – Marc-Uwe war etwas unbeholfen und sein Mitbewohner, der ohne eine Einladung dabei war, kommentierte alles süffisant und schaltete im Restaurant das Licht an – hofft Marc-Uwe auf eine zweite Chance bei seiner großen Liebe Maria. Er wettet mit ihr, dass er ihre Mutter aus ihrem verschwörungstheoretischem Wahn wieder in die reale Welt zurückholt. Dabei soll ihm sein Mitbewohner, das Känguru, helfen. Es ist ein echtes Känguru, das bei ihm wohnt, redet, politisiert, klugscheißt und sich durchschnorrt. Die Geschichte ihrer ersten Begegnung wird in „Die Känguru-Chroniken“ erzählt.

Das von Marc-Uwe Kling erfundene Känguru hatte seinen ersten Auftritt 2008 in dem wöchentlichen Podcast „Neues vom Känguru“ beim RBB-Radiosender „Fritz“. Die kurzen Geschichten kamen gut an. Später wurden sie als Bücher veröffentlicht und zu Bestsellern. 2020 kam mit „Die Känguru-Chroniken“ die Verfilmung in die Kinos. Die Komödie war das erste prominenten Opfer der Covid-Pandemie. Denn kurz nach dem erfolgreichen Kinostart schlossen die Kinos. Trotzdem sahen über 800.000 Zuschauer den Film in den Kinos. Er steht auf dem neunten Platz der besucherstärksten Filme des Jahres 2020 in den deutschen Kinos. Da war eine Fortsetzung unvermeidlich. „Die Känguru-Verschwörung“ heißt sie und sie läuft jetzt in den Kinos an.

Wenn der schluffige Kleinkünstler Marc-Uwe die Wette gewinnt, muss Maria ihn zu einem Essen in Paris einladen. Wenn er verliert, muss er Maria und ihrem Sohn seine günstige, große Kreuzberger Mietwohnung überlassen.

Das Känguru kommentiert die Wette durchaus prophetisch mit der rhetorischen Frage: „Bist du wahnsinnig?“

Im folgenden erzählt „Die Känguru-Verschwörung“, wie Marc-Uwe und das Känguru versuchen, Marias Mutter ‚Diesel-Liesel‘ Lisbeth Schlabotnik von ihrem verschwörungstheoretischem Denken abzubringen. Dummerweise ist sie von den verschiedenen Verschwörungstheorien hundertfünfzig Prozent überzeugt und in der Szene der aufstrebende Star. Entsprechend desaströs verläuft für unsere beiden Helden die erste Begegnung mit Diesel-Liesel in Köpenick bei einer Diskussionsveranstaltung über die Klimalüge.

Als nächstes soll sie in Bielefeld auf der „Conspiracy Convention“ vor Adam Krieger, dem großen Star der Szene, auftreten. Das ist für Marc-Uwe und das Känguru die zweite Chance, die Wette zu gewinnen.

Die Story dient Marc-Uwe Kling, der hier neben dem Drehbuch (zusammen mit Jan Cronauer) auch die Regie übernahm, natürlich nur als grober Rahmen für eine enttäuschende Nummernrevue. Die Hauptstory wird immer wieder von Episoden unterbrochen, die mit ihr nichts zu tun haben. Sie bringen sie in keinster Weise voran und könnten ohne einen Verlust aus dem Film herausgeschnitten werden. Das sind ein Kampf mit dem Hauptmann von Köpenick, eine Auseinandersetzung mit einem BVG-Busfahrer, ein Drogentrip und ein Reenactment der Varusschlacht, in das unsere beiden Helden kurz vor Bielefeld hineinstolpern. Die beiden Hauptfiguren variieren teils aus den Känguru-Geschichten altbekannte Gags. Die Witze über Verschwörungstheorien und deren Verfechter sind nicht besonders gelungen. Viel zu oft wiederholen sie nur naheliegende und altbekannte Gags über Verschwörungstheoretiker und ihre abstrusen Theorien. Dazwischen gibt es, an den unpassendsten Stellen, das Alternative-Zitate-Spiel (in dem Zitate verändert oder den falschen Personen zugeordnet werden), und immer wieder, immer in Zeitlupe, Schnick Schnack Schnuck (bzw. Schere, Stein, Papier). Mit diesem Spiel treffen Marc-Uwe und dem Känguru Entscheidungen; wobei Marc-Uwe immer verliert.

Kling führte hier erstmals, durchaus gelungen Regie. Er hat viele Ideen. Er denkt in Filmbildern und es gibt etliche Nebenbei-Gags, die für mich zu den gelungensten Witzen des Films zählen. Allerdings nervt die immergleiche Präsentation von Schnick Schnack Schnuck, das im Film viel zu oft gespielt wird. Die Dialoge sind eher ambitionslos auf dem Niveau einer schlechteren TV-Sketch-Comedy inszeniert. Das Timing ist entsprechend. Und die Schauspieler spielen alle zu ausdruckslos. Das ist zwar angenehmer als ein permanentes Overacting, aber es ist hier einfach zu emotionslos.

Am Ende ist „Die Känguru-Verschwörung“ linksalternatives Wohlfühlkino, das niemanden überfordern oder verunsichern will. Das könnte zum Nachdenken führen.

Zum Filmstart erschien „Der Storyboard-Comic zum Film“. Dafür wurde das Storyboard, also die von Axel Eichhorst vor den Dreharbeiten gezeichnete Visualisierung des Films, die einen genauen Eindruck von dem späteren Film vermittelt, genommen und von Michael Holtschulte (Text), Ralf Marczinczik und Jan Thüring (Layout) für die Buchveröffentlichung bearbeitet. Das jetzt veröffentlichte Storyboard vermittelt einen guten, aber auch eigenständig lesbaren Eindruck von dem Film. Die Zeichnungen wirken immer wie Skizzen, die in erster Linie Anweisungen sind, die den Mitarbeitern am Set die Vision des Regisseurs vermitteln sollen. Die Dialoge und Abläufe sind aus dem Drehbuch und dem Film entnommen.

Die Känguru-Verschwörung (Deutschland 2022)

Regie: Marc-Uwe Kling

Drehbuch: Marc-Uwe Kling, Jan Cronauer

Buch zum Film: Marc-Uwe Kling/Jan Cronauer/Axel Eichhorst: Die Känguru-Verschwörung, 2022

mit Dimitrij Schaad, Rosalie Thomass, Petra Kleinert, Michael Ostrowski, Benno Fürmann, Volker Zack, Adnan Maral, Tim Seyfi, Carmen-Maja Antoni, Melanie Straub, Daniel Zillmann, Nils Hohenhövel

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Das Buch zum Film

Marc-Uwe Kling/Jan Cronauer/Axel Eichhorst: Die Känguru-Verschwörung

Ullstein, 2022

296 Seiten

20 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Känguru-Verschwörung“

Moviepilot über „Die Känguru-Verschwörung

Wikipedia über „Die Känguru-Verschwörung“ und über Marc-Uwe Kling

Homepage von Marc-Uwe Kling

Meine Besprechung von Dani Levys Marc-Uwe-Kling-Verfilmung „Die Känguru-Chroniken“ (Deutschland 2020) und der Vorlage(n)

Meine Besprechung von Marc-Uwe Klings „Qualityland“ (2017)

Meine Besprechung von Marc-Uwe Klings „Qualityland 2.0 – Kikis Geheimnis“ (2020)


Verlosung: Wer will als Jahresbegleiter den „Schüren Filmkalender 2023“?

August 22, 2022

Lohnen sich heutzutage überhaupt noch gedruckte Kalender? Schließlich hat jeder seinen Kalender auf dem Computer (bis zum Stromausfall). Dort kann man sich auch Notizen bis zum Abwinken machen und sich mit der Erinnerungsfunktion an wichtige Termine, wie die Geburtstage der Kinder, erinnern lassen.

Und trotzdem sind Kalender, wie ein Blick in die nächste Buchhandlung zeigt, immer noch beliebt. Schließlich haben sie etwas haptisches, die dort aufgeschriebenen Termine gehen nicht verloren und, jetzt komme ich zum „Schüren Filmkalender 2023“, oft stehen bei den einzelnen Tagen wichtige allgemeine Informationen. In einem Filmkalender sind das vor allem Geburtstage und Todestage von wichtigen Filmschaffenden. Natürlich gibt es die Daten auch in der IMDb. Aber wer will wirklich jeden Tag hunderte, wenn nicht sogar tausende Namen durchscrollen, um zu erfahren, dass Tom Hanks am 9. Mai 1956, Johnny Depp am 9. Juni 1963 und Doris Fuhrmeister, die erste ausgebildete Filmvorführerin in Deutschland (jetzt habt ihr etwas gelernt) am 7. November 1889 geboren sind und Federico Fellini und River Phoenix am 31. Oktober 1993 starben.

Es gibt teils ausführliche Texte zu bekannten Filmschaffenden, wie Roman Polanski, Fatih Akin, Kathleen Kennedy, Greta Gerwig und Michael Mann, die alle 2023 runde Geburtstage feiern, und Themen, Phänomenen und bestimmten Filmen, die in einen größeren Kontext gestellt werden, wie Jim Sheridans 1993er Nordirlanddrama „Im Namen des Vaters“. Über den Zombiefilm geht es ausgehend von dem 1943er Horrrofilm „Ich folgte einem Zombie“ (I walked with a Zombie). Der Caper-Film wird mit der 1973er Gaunerkomödie „Der Clou“ (The Sting) gewürdigt.

Außerdem enthält der „Schüren Filmkalender 2023“, teils mit Erklärungen, die Adressen von wichtigen Institutionen und Festivals.

Damit kann der Kalender für Filmfans mühelos zu einem wichtigen Begleiter durch das Jahr werden.

Auf dem Buchcover ist Catherine Deneuve in „Die Regenschirme von Cherbourg“ abgebildet. Sie hat am 22. Oktober einen runden Geburtstag und sieht immer noch so verführerisch aus wie zu Zeiten von „Belle de Jour“.

Teilnahmebedingungen für die Verlosung

Der Schüren Verlag hat der Kriminalakte für eine Verlosung zwei druckfrische Exemplare vom „Filmkalender 2023“ überlassen.

Die Verlosung endet am kommenden Montag, den 29. August, um Mitternacht (also um 23.59 Uhr).

In den Betreff müsst ihr „Verlosung Filmkalender“ schreiben und in der Mail an info@axelbussmer.de muss eine deutsche Postadresse stehen.

Nils Bothmann (Redaktion): Schüren Filmkalender 2023

Schüren, 2022

208 Seiten

12 Euro

Hinweise

Schüren über den „Filmkalender 2023“

Meine Besprechung von „Schüren Filmkalender 2013“


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Delia Owens‘ „Der Gesang der Flusskrebse“ im Sparks-Land

August 18, 2022

Am 30. Oktober 1969 entdecken zwei spielende Jungen im Marschland die Leiche von Chase Andrews. Trotz einer dünnen Beweislage wird Kya Clark angeklagt, ihn heimtückisch ermordet zu haben.

Im Dorf ist sie als das Marschmädchen bekannt. Diesen Spitznamen hat sie bekommen, weil sie seit ihrer Geburt in North Carolina im Marschland, dem lebendigem Teil des Sumpfes, lebt. Zunächst mit ihrer Familie, später allein.

Delia Owens erzählt in ihrem Romandebüt „Der Gesang der Flusskrebse“ Kyas Geschichte. Owens ist eine 1949 geborene Zoologin, die mit ihrem Mann Jahrzehnte in Botswana uns Sambia in der Wildnis forschte. Wegen damaliger, nie restlos aufgeklärter Aktionen gegen Wilderer soll sie in Sambia vor Gericht aussagen. Sie weigert sich. Wer will, kann kann ihr Romandebüt als ein kaum verklausuliertes Geständnis oder eine vollkommen fiktive Bearbeitung dieses Mordvorwurfs lesen. Oder einfach als eine unterhaltsame Geschichte.

Owens erzählt in „Der Gesang der Flusskrebse“ die Geschichte von Kya als eine gut zu lesende Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, Naturbetrachtung und Gerichtsdrama; wobei die Kriminalgeschichte der enttäuschendste Teil des Romans ist.

Der Roman wurde sofort ein Bestseller. In den USA wurden bis jetzt über 15 Millionen Exemplare verkauft. Damit gehört „Der Gesang der Flusskrebse“ dort zu den größten Bestsellern. In Deutschland stand das Werk 2020 jede Woche auf einem der ersten zwanzig Plätze der Spiegel-Bestsellerliste.

Hollywood, in diesem Fall Reese Witherspoon und ihre Firma, kaufte die Verfilmungsrechte. Und jetzt startet die Verfilmung in unseren Kinos. Olivia Newman übernahm die Regie. Lucy Alibar schrieb das Drehbuch. Sie ist eine der beiden Autorinnen von „Beasts of the Southern Wild“. Und Daisy Edgar-Jones übernahm die Hauptrolle. Sie spielt Kya als junge Frau.

Der Film folgt, wie wir es von Bestseller-Verfilmungen gewohnt sind, weitgehend der Vorlage. Wer also den Roman kennt, wird hier und da eine andere Nuance entdecken, und den Täter kennen. Größere Veränderungen, die allerdings nichts an der Struktur der Geschichte und dem Ablauf der Handlung ändern, gibt es eigentlich nur im Vorfeld bei den Ermittlungen der Polizei und in der Gerichtsverhandlung. Beide Male nimmt sie viel Erzählzeit in Anspruch. Trotzdem ist der Krimiplot im Buch und im Film der wirklich ärgerliche Teil. Sie wird mitgeschleppt und teilweise episch ausgebreitet. Beide Male, ohne jetzt ins Detail zu gehen, überzeugt die Planung und Durchführung der Tat nicht. Im Roman wirken die Ermittlungen der Polizei immer so, als habe Owens ihr Wissen aus dem Ansehen von „C. S. I.“-Folgen in die Vergangenheit übertragen.

Erzählt wird Kyas Geschichte mit zahlreichen Zeitsprüngen.

Im Jahr 1969 wird vor allem das Gerichsverfahren geschildert. Ihr Verteidiger ist Tom Milton (David Strathairn im James-Stewart-Modus). Er ist ein pensionierter Kleinstadtanwalt, der Kya helfen will und sich deshalb freiwillig meldete. Und obwohl viele Szenen im Gerichtssaal spielen, erfahren wir erst in Miltons Schlussplädoyer, warum Kya verdächtigt wird und wie sie den Mord begangen haben soll.

In der Vergangenheit, also ab 1952, erfahren wir, wie Kyas Familie im Marschland lebt, wie die einzelnen Familienmitglieder, beginnend mit der Mutter, die von ihrem Mann nicht mehr geschlagen werden will, das Haus verlassen. Damals ist Kya sechs Jahre alt und sie ist das jüngste Kind der Familie. Vier Jahre später verschwindet Kyas gewalttätiger und trunksüchtiger Vater. Die in dem Moment zehnjährige Kya bleibt allein in der im Sumpf stehenden Bretterbude zurück. Sie versorgt sich allein und erzählt niemand davon. Denn sie will unter keinen Umständen in eine Pflegefamilie kommen. Sie lernt Tate Walker kennen. Er interessiert sich ebenfalls für die Tiere und Pflanzen im Marschland. Der feinfühlige Junge bringt ihr Lesen und Schreiben bei. Und er respektiert sie so, wie sie ist. Er will ihr nicht seinen Willen aufzwingen oder sie in seinem Sinn verändern. Sie verlieben sich ineinander. Aber dann geht er an die Universität.

Kyas zweite große Liebe ist Chase Andrews, ein arroganter und latent gewaltätiger Schönling, Footballstar und Sohn vermögender Eltern. Obwohl er Kya umwirbt, ist es eine aussichtslose Liebe. Denn er plant eine Heirat mit einem der Mädchen aus der Kleinstadt Barkley Cove.

Der Film erzählt Kyas Geschichte als eine typische Nicholas-Sparks-Liebesgeschichte im Setting eines Fünfziger-Jahre-Hollywood-Dramas. Es gibt etwas Verbrechen, etwas Liebe, etwas Coming of Age, einige Naturbetrachtungen, Kleinstadtfolklore und einige sanft angedeutete Konflikte zwischen den Menschen und Rassen. Alles ist zu sauber. Es gibt ein schlecht entwickeltes Südstaaten-Gerichtsdrama mit einem netten Anwalt und vielen Szenen im Gerichtssaal. Es gibt eine Frau zwischen zwei Männern. Das ist der Stoff, der in den Nicholas-Sparks-Verfilmungen, die alle vorhersehbare Schmonzetten sind, besser präsentiert wird.

In „Der Gesang der Flusskrebse“ finden die Macher nie eine eigene Haltung zur Geschichte. Also illustrieren sie nur die Vorlage und verwässern sie. Das gilt vor allem für Kya, deren Lebensphilosophie die des Marschlandes und damit der dort lebenden Tiere, die sich gegenseitig fressen, ist.

Kyas Geschichte ist kompetent inszeniert und gespielt. „Der Gesang der Flusskrebse“ gehört zu den Filmen, die nie wirklich schlecht, aber auch nie gut sind. Er bedient lediglich die Erwartungen der unzähligen Leser des Romans, die die Geschichte des Romans möglichst ohne irgendwelche Reibungsverluste als Film sehen wollen.

Der Gesang der Flusskrebse (Where the Crawdads sing, USA 2022)

Regie: Olivia Newman

Drehbuch: Lucy Alibar

LV: Delia Owens: Where the Crawdads sing, 2018 (Der Gesang der Flusskrebse)

mit Daisy Edgar-Jones, Taylor John Smith, Harris Dickinson, Michael Hyatt, Sterling Macer Jr., David Strathairn, Garret Dillahunt, Jojo Regina

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse

(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

Heyne, 2021

464 Seiten

11,99 Euro

Originalausgabe

Where the Crawdads sing

G. P. Putnam’s Sons, 2018

Deutsche Erstausgabe

hanserblau, 2019

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Der Gesang der Flusskrebse“

Metacritic über „Der Gesang der Flusskrebse“

Rotten Tomatoes über „Der Gesang der Flusskrebse“

Wikipedia über „Der Gesang der Flusskrebse“ (Film) (deutsch, englisch), „Der Gesang der Flusskrebse“ (Roman) (deutsch, englisch) und Delia Owens (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Der Gesang der Flusskrebse“

Bookmarks über „Der Gesang der Flusskrebse“


Zum ersten Band der Horrorgeschichte „Das Haus am See“

August 15, 2022

Walter lädt mehrere alte Freunde, die er in der Schule und Universität kennen lernte und die sich teilweise von früher kennen, zu einer Woche in einem an einem See in Wisconsin gelegenem Haus ein. Es soll, so schreibt er ihnen, eine Woche mit seinen besten Freunden werden. Die Einladung angenommen haben ‚Künstler‘ Ryan Cane, ‚Autor‘ Norah Jakobs, ‚Comedian‘ David Daye, ‚Buchhalter‘ Molly Reynolds, ‚Wissenschaftler‘ Veronica Wright, ‚Reporter‘ Sam Nguyen, ‚Akupunkteur‘ Arturo Pérez, ‚Berater‘ Sarah Radnitz, ‚Arzt‘ Naya Radia und ‚Pianist‘ Rick MacEwan.

Als sie in dem Haus eintreffen, sind sie begeistert. Das Haus ist ein wahres Traumhaus, in dem fünfzehn Menschen bequem einige Tage miteinander verbringen können. Es gibt eine riesige Bibliothek und ein Kino. Der Blick auf den See ist malerisch. Und es gibt keine störenden Nachbarn.

Schon am ersten Abend wird aus dem Traumurlaub ein Alptraum. Sie erfahren aus den Nachrichten, dass sie die letzten Überlebenden sind. Dieses Glück verdanken sie Walter. Er ist einer der Außerirdischen, die gerade die gesamte Menschheit vernichten.

Aber ist das wirklich passiert? Immerhin haben die Gäste keinen Kontakt zur Außenwelt. Sie können nicht mit ihren Freunden telefonieren oder ihnen eine E-Mail schicken. Sie können das Gelände nicht verlassen. Es ist von einer unsichtbaren Wand umgeben. Jemand versorgt sie mit Lebensmitteln und anderen Dingen, die sie gerne hätten. Und es gibt Regeln und Zeichen, die ihnen anscheinend am ersten Tag verraten wurden. Allerdings dauert es einige Tage, bis sie das verstehen und versuchen, die Zeichen zu enträtseln.

Dazu gehören Skulpturen und ein anderes Haus, das anscheinend keinen Eingang hat. Trotzdem können sie es öffnen und sie werden von ‚Maler‘ Reginald Madison begrüßt. Er ist ein weiterer von Walters Freunden. Er behauptet, sie könnten die Welt noch retten.

Das Haus am See – Band 1“ ist der vielversprechende Auftakt von Paninis neuer Reihe DC-Schocker, in der Horrorgeschichten erscheinen sollen. Sie ergänzt damit die von Joe Hill herausgegebene Reihe mit Horrorgeschichten. Gemeinsam ist beiden Reihen, dass es sich um neue, für sich selbst stehende Horrorgeschichten handelt. Wobei die von Autor James Tynion IV, Zeichner Àlvaro Martìnez Bueno (die auch die Schöpfer der Geschichte sind) und Kolorist Jordie Bellaire erfundene Geschichte über „Das Haus am See“ eine längere Geschichte, eine sogenannte Miniserie, ist, die bei Panini in zwei Bänden erscheint. Im jetzt erschienenem ersten Band sind die ersten sechs Hefte und damit die erste Hälfte der Miniserie gesammelt. Sie machen uns mit den elf Gästen bekannt. Mit einigen mehr, mit anderen weniger. Und wie sie mit der Frage umgehen, dass sie die letzten Menschen sind und in diesem Luxusgefängnis eingesperrt sind. Die Hefte bauen die Spannung auf. Sie präsentieren Rätsel, die im ersten Band noch nicht gelöst werden. Dazu gehört auch, dass wir nicht wissen, warum Walter diese Menschen auswählte und ob die Menschheit wirklich ausgelöscht wurde.

Das wird im zweiten Band geschehen. Aber, wie ein Blick in die USA zeigt, dürfte bis zur Veröffentlichung des zweiten, ebenfalls aus sechs Heften bestehenden, Sammelbands noch einige Monate vergehen. Dort ist kürzlich erst das neunte Heft erschienen.

James Tynion IV/Álvaro Martínez Bueno/Jordie Bellaire: Das Haus am See – Band 1

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2022

196 Seiten

22 Euro (Softcover)

34 Euro (Hardcover, limitierte Auflage)

enthält

The Nice House on the Lake # 1- 6

DC Black Label, August 2021 – Januar 2022

Hinweise

Wikipedia über James Tynion IV und Jordie Bellaire

Meine Besprechung von Scott Snyder/JamesTynion IV/Greg Capllo/Andy Clarkes „Batman: Jahr Null – Die dunkle Stadt (Band 5)“ (Batman # 25 – # 33, 2014)

Meine Besprechung von Ollie Masters/Ming Dolye/Jordie Bellaires „The Kitchen“ (The Kitchen, 2015)


„Paper Girls: Die komplette Geschichte“ in einem Buch

August 10, 2022

Pünktlich zum Start der Amazon-Prime-Video-Serie „Paper Girls“ hat Cross Cult eine Gesamtausgabe der Vorlage veröffentlicht. Autor Brian K. Vaughan, Zeichner Cliff Chiang und Kolorist Matt Wilson erzählten von 2015 bis 2019 in dreißig Heften, die bereits in sechs Sammelbänden veröffentlicht wurden, die Geschichte der titelgebenden „Paper Girls“.

Sie tragen, wie ihr Name andeutet, die Tageszeitung aus. Die Gruppe besteht aus den zwölfjährigen Mädchen Erin Tieng, MacKenzie Coyle, Karina ‚KJ‘ J. und Tiffany Quilkin. Auch am 1. November 1988 versorgen sie frühmorgens die Kleinstadt Stony Stream, ein Vorort von Cleveland, Ohio, mit der Tageszeitung. Verkleidete Nachbarjungen versuchen sie zu erschrecken. Aber sie haben vor diesen Halbstarken keine Angst. Auch nicht vor der Polizei, die sie wegen eingeschlagener Scheiben befragt und ihnen das Rauchen verbieten möchte.

Bei ihrer Runde entdecken sie im Keller eines Hauses ein Raumschiff, das wie eine Apollo-Kapsel aussieht. Kurz darauf tauchen Außerirdische auf. Einige sprechen in fremden Sprachen. Andere nicht. Und schon werden die Mädels, aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände, durch die Zeit geschleudert. Es geht in die weit zurückliegende Vergangenheit und die nahe und ferne Zukunft. Manchmal auch in eine alternative Zukunft. Denn Zeitreisen führen immer wieder zu ungeahnten Konsequenzen. Vor allem wenn die Zeitreisenden diese Reise niemals hätten antreten dürfen. Sie treffen auf ihr älteres Ich. Sie lernen viel über sich und sie wachsen bei ihren gefährlichen Abenteuern zu einer Gruppe zusammen.

Die Geschichte beginnt mit einer gehörigen Portion 80er-Jahre-Nostalgie. Auch später gibt es immer wieder klug platzierte popkulturelle Anspielungen. Sie sind das Sahnehäubchen. Im Zentrum stehen die vier Mädchen und ihre Abenteuer.

Paper Girls“ erhielt mehrere Eisner-Awards. Der erste „Paper Girls“-Sammelband war für den Hugo Award als bester Comic nominiert.

Die Verfilmung sieht nach dem Trailer eher Meh aus. Die bisherigen Reaktionen können, so mein Überblick, als ‚ist okay‘ und ‚gefällt‘ zusammengefasst werden. Eine zweite Staffel ist geplant.

Brian K. Vaughan/Cliff Chiang/Matt Wilson: Paper Girls: Die komplette Geschichte

(übersetzt von Sarah Weissbeck)

Cross-Cult, 2022

800 Seiten

60 Euro (Paperback-Ausgabe)

99 Euro (gebundene Ausgabe)

Originalausgabe

Paper Girls: The complete Story

Image Comics, 2021

enthält

Paper Girls # 1 – 30

Hinweise

Homepage von Cliff Chiang

Moviepilot über „Paper Girls“ (TV-Serie)

Rotten Tomatoes über „Paper Girls“ (TV-Serie)

Wikipedia über „Paper Girls“, „Paper Girls“ (TV-Serie), Brian K. Vaughan (deutsch, englisch) und Cliff Chiang

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiangs „Paper Girls 1“ (Paper Girls, Volume 1, 2016)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiangs „Paper Girls 2“ (Paper Girls, Volume 2, 2017)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiang/Matt Wilsons „Paper Girls 4“ (Paper Girls, Volume 4, 2018)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiang/Matt Wilsons „ Paper Girls 5″ (Paper Girls. Volume 5, 2018)

Meine Besprechung von Brian K.Vaughan/Cliff Chiang/Matt Wilsons „Paper Girls 6“ (Paper Girls, Volume 6, 2019)


Ken Bruen erzählt von „Aliens Bändigung“ – und DS Brant hat etwas damit zu tun

August 9, 2022

Beginnen wir diese Besprechung mit dem Ende, den Werbeseiten eines Buches, in denen auf andere Bücher hingewiesen wird. So auch dieses Mal. Der Polar Verlag weist auf die bereits erschienenen Brant-Krimis hin. Und er verrät, wann die noch nicht übersetzten Brant-Krimis auf Deutsch veröffentlicht werden. Im Juni 2023 erscheint der dritte Brant-Roman „The McDead“. Das ist gleichzeitig der letzte Band der „The White Trilogy“. Unter diesem Titel wurden 2003 die ersten drei Brant-Romanen „Saubermann“, „Aliens Bändigung“ und „The McDead“ veröffentlicht. Der siebte und letzte Brant-Roman „Ammunition“ erscheint im Juni 2024.

Danach könnte der Polar Verlag einen Blick auf Bruens Jack-Taylor-Romane werfen. Einige Romane der grandiosen Privatdetektiv-Krimireihe wurden bereits übersetzt. Aber noch lange nicht alle Romane der Serie und Bruen schreibt die Taylor-Serie emsig weiter.

Doch kommen wir jetzt zurück zu „Aliens Bändigung“, dem zweiten Brant-Krimi, der jetzt auf Deutsch erschienen ist.

Alien ist der Spitzname von Fenton. Er hat ihn, weil er während einer gemeinsamen Sichtung von Ridley Scotts „Alien“ (dem Original von 1979) einen Typen mit einem Baseballschläger erschlug, weil dieser einen anderen Typen reingelegt hatte. Danach sah er sich den Film bis zum Ende an, weil er alles Unvollendete hasst.

Jetzt soll er Detective Sergeant Brant von der Londoner Metropolitan Police eine ordentliche Abreibung verpassen. Fenton tut es. Und hat danach einen todbringenden Feind. Denn Brant will es ihm heimzahlen. Auch wenn er dafür London in Richtung USA verlassen muss. Dort schließt Fenton gerade neue Freundschaften.

Als alter Bruen-Fan ist diese Bändigung des Aliens natürlich eine klare Empfehlung.

Ken Bruen: Aliens Bändigung

(übersetzt von Karen Witthuhn, mit einem Nachwort von Günther Grosser)

Polar Verlag/Dark Places, 2022

192 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Taming the Alien

The Do-Not Press, 1999

Hinweise

Wikipedia über Ken Bruen (deutsch, englisch)

Mein Besprechung von Ken Bruens „Brant“ (Blitz – or… Brant hits the Blues, 2002)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Füchsin“ (Vixen, 2003)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Kaliber“ (Calibre, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruens Jack-Taylor-Privatdetektivromanen

Meine Besprechung von Ken Bruens „Jack Taylor fliegt raus“ (The Guards, 2001)

Meine Besprechung von Ken Bruens “Jack Taylor liegt falsch” (The Killing of the Tinkers, 2002)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Kaliber“ (Calibre, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Attica“ (The MAX, 2008)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Sanctuary“ (2008)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Once were Cops“ (2008)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Reed Farrel Colemans “Tower” (Tower, 2009)

Mein Porträt von Ken Bruen und Jason Starr in „Alligatorpapiere [Print] – Magazin für Kriminalliteratur – No. 2/2010“

Meine Besprechung von William Monahans Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie “Jack Taylor” (Irland 2010/2011/2013 – basierend auf den Romanen von Ken Bruen)

Ken Bruen in der Kriminalakte