LV: Topps Company: 55-teilige Sammelkartenserie aus den Sechzigern (Neuauflage 1994)
Außerirdische besuchen die Erde. Der Präsident und einige Wissenschaftler glauben an ein friedliches Zusammenleben der Welten, aber die Marsmenschen wollen einfach nur alles kaputtmachen.
Schön schräge, respektlose Satire und Liebeserklärung an die Science-Fiction-Filme der Fünfziger. Burtons Werk wurde damals als Gegenentwurf zu dem patriotisch-ironiefreien Roland Emmerich-Werk „Independence Day“ gesehen. Einmal dürfen sie raten, welcher Film der bessere ist. Und einmal, welcher Film das bessere Einspielergebnis hat.
„Eine der kompromisslosesten Demontagen des Hollywood-Kinos.
Zuerst wären da die Schauspieler zu nennen, eine Crew voller Berühmtheiten, denen nacheinander Schreckliches passiert: Sie alle scheiden in kürzester Zeit dahin, sterben einen wenig ruhmreichen Tod. (…) Mars Attacks! Karikiert nicht nur die patriotische, militaristische Variante des Invasionsfilms, sondern auch die ‚liberale’ Spielart, die den Außerirdischen mit pazifistisch und neuerdings esoterisch motiviertem Wohlwollen begegnet.“ (Helmuth Merschmann: Tim Burton)
Mit Jack Nicholson, Glenn Close, Annette Bening, Pierce Brosnan, Danny DeVito, Martin Short, Sarah Jessica Parker, Michael J. Fox, Rod Steiger, Tom Jones (als er selbst), Lukas Haas, Natalie Portman, Jim Brown, Sylvia Sidney, Pam Grier, Joe Don Baker, Christina Applegate, Jerzy Skolimonkski (Regisseur, als Dr. Zeigler), Barbet Schroeder (Regisseur, als französischer Präsident),
Beginnen wir mit einigen wichtigen Informationen über diesen Horrorfilm:
Die Kinofassung ist uncut. Die DVD/Blu-ray-Fassung wurde um drei Minuten gekürzt und ist ebenfalls ab 18 Jahre freigegeben. Eine ungekürzte Fassung, über die sonst noch nichts bekannt ist, soll im ersten Quartal 2023 als UHD/BD-Mediabook erscheinen.
Damit ist klar, dass „Terrifier 2“ kein Film für Zartbesaitete ist.
Der Verleih hypt das Werk zum „Skandalfilm des Jahres“.
Nun ja. Die große Zeit der Skandalfilme, in denen Filme für wochen- oder sogar monatelange erregte Diskussionen sorgten, ist schon lange vorbei. Außerdem hat „Terrifier 2“ bislang keine mir bekannte Diskussion entfacht. Weder um den Inhalt, noch um die beachtliche Brutalität des Gezeigten. Darüber wurde zuletzt ausführlich in den achtziger Jahren diskutiert, als Videocassetten die Wohnzimmer eroberten und Horror-, Zombie- und Sexfilme plötzlich von Minderjährigen ohne irgendeine Kontrolle durch Erwachsene gesehen werden konnten. In Großbritannien war das die Zeit der „Video Nasties“, in Deutschland wurden brutale Horrorfilme indiziert und es gab erregte Diskussionen über die Menschenwürde von Zombies; also ob das Zeigen der Enthauptung eines Zombies mit dem Zeigen der Enthauptung eines Menschen vergleichbar ist.
Diese Zeiten sind lange vorbei. Daran ändert auch ‚Art, the Clown‘ nichts. Er mordet sich höchst blutig durch Halloween. Damien Leone zeigt das, wieder einmal, mit großer Liebe zu handgemachten Effekten und zum Horrorkino der siebziger und achtziger Jahre. Wenn in „Terrifier 2“ nicht ab und an ein Smartphone im Bild wäre, könnte man glauben, der Film sei vor vierzig Jahren entstanden, als die Nacht im Neonlicht erstrahlte und Synthesizer der letzte Schrei waren. John Carpenter popularisierte sie für den Horrorfilm. In „Terrifier 2“ sind sie wieder zu hören.
Die Story, die Damien Leone für seinen neuesten Film schrieb, ist vernachlässigbar. Ein Jahr nach den Ereignissen von „Terrifier“ ist Art, der Clown in Miles County ein urbaner Mythos. An Halloween habe die einen Angst vor seiner Rückkehr und einer weiteren leichengesättigten Nacht. Die anderen verkleiden sich als Art. Deshalb erschrecken einige seiner Opfer in Miles County nicht, als sie ihm begegnen.
Einige seiner potentiellen Opfer, vor allem Sienna Shaw und ihr jüngerer Bruder Jonathan, werden ausführlicher vorgestellt. Aber letztendlich geht es nur darum, dass Art, der Clown sich durch die Stadt mordet. Möglichst blutig. Gerne mit einem Messer. Aber er nimmt auch alle anderen Gegenstände, die sich als Hieb- oder Stichwaffe eignen.
„Terrifier 2“ ist der vierte Auftritt dieses Horrorclowns. Seinen ersten Auftritt hatte er 2008 als Nebenfigur in Damien Leones Kurzfilm „The 9th Circle“. 2011 folgte der Kurzfilm „Terrifier“. Beide Kurzfilme verwendete Leone in seinem Spielfilmdebüt „All Hallow’s Eve“ (2013).
2016 inszenierte er den Spielfilm „Terrifier“, der fast vollständig im Keller eines verlassenen, heruntergekommenen Mietshauses spielt und mit einem kaum vorhandenem Budget gedreht wurde. Nämlich angeblich 35.000 US-Dollar. Für „Terrifier 2“ hat er jetzt 250.000 US-Dollar. Das ist immer noch so gut wie nichts, aber es erlaubt Leone, die Handlung an mehreren Orten spielen zu lassen. Besonders wichtig sind ein Fernsehstudio, das es so wohl nur in der Fantasie gibt, das Haus der Familie Shaw, eine Schule, in der Jonathan den Clown mit einem ähnlich gekleideten weiblichem Clown sieht, ein Laden, in dem Halloween-Verkleidungen verkauft werden, ein Club, in dem eine Halloween-Party stattfindet, und ein verlassener Vergnügungspark, in dem das Finale spielt. Bis dahin begeht der Clown mehr Morde als im ersten Film. Auch die Laufzeit ist länger. „Terrifier“ war 85 Minuten; „Terrifier 2“ ist epische 138 Minuten. Trotzdem vergeht die Zeit recht schnell. Nur das Finale ist etwas lang geraten. Art, der Clown darf wieder und wieder auferstehen und weiter gegen Sienna kämpfen, die ihn so oft tötet, dass ich irgendwann mit dem Zählen aufhörte.
Art, der Clown ist ein Bösewicht, den man nicht so leicht vergisst. Er tritt immer in einem schwarz-weißem Phantomimenkostüm auf. Er trägt einen neckischen kleinen Hut. Er hat eine grotesk lange Nase. Sein Gesicht ist unter der Maske nicht zu erkennen. Wo sein Mund ist, ist ein Grinsen. Er bewegt sich äußerst elegant, leichtfüßig und oft tänzelnd durch die Stadt. Er hat immer etwas verspieltes. Seine Taten sind brutal, aber seine Bewegungen, Gesten und Mimik verleihen ihnen immer eine witzige Note, irgendwo zwischen unschuldig kindlichem und tiefschwarzem Humor. David Howard Thornton, der ihn schon im ersten „Terrifier“-Spielfilm spielte, hat Erfahrung als Phantomime und dieses Wissen setzt er hier ein, um die Grausamkeit der Taten zu mindern und dem Clown eine menschliche Note zu verleihen.
Eben diese Verbindung aus unschuldiger, Kinder zum Lachen bringender Phantomime und grausamen Morden macht Art, den Clown zu einem erinnerungswürdigem Filmbösewicht, der selbstverständlich zurückkehren wird.
Insgesamt ist „Terrifer 2“ in jeder Beziehung besser als sein Vorgänger. Und damit ein Fest für Fans des gut abgehangenen Splatterfilms, die auf die Frage „Mehr oder weniger Blut?“ immer mit „Mehr spritzendes Blut ist immer gut.“ antworten.
Alle, die mehr oder etwas anderes von einem Film erwarten, können getrost auf diesen Horrorfilm verzichten.
Terrifier 2 (Terrifier 2, USA 2022)
Regie: Damien Leone
Drehbuch: Damien Leone
mit David Howard Thornton, Lauren LaVera, Jenna Kannell, Catherine Corcoran, Kailey Hyman, Samantha Scaffidi, Katie Maguire
Stromboli(Stromboli, terra di dio, Italien/USA 1949)
Regie: Roberto Rossellini
Drehbuch: Roberto Rossellini
Um ein italienisches Flüchtlingslager verlassen zu können, heiratet die Litauerin Karin Bjorsen einen Fischer, der auf der kargen Vulkaninsel Stromboli lebt. Als Karin Stromboli zum ersten Mal sieht, ist sie entsetzt. So hat sie sich ihr neues Leben nicht vorgestellt. Und es wird noch schlimmer.
Die Verurteilten (The Shawshank Redemption, USA 1994)
Regie: Frank Darabont
Drehbuch: Frank Darabont
LV: Stephen King: Rita Hayworth and the Shawshank Redemption, in Different Seasons, 1982 (Pin up; Die Verurteilten in „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“; einer Sammlung von vier Novellen)
Ein unschuldig verurteilter Bankmanager flüchtet nach jahrelanger Kleinarbeit aus dem Gefängnis.
Eindrucksvolles Gefängnisdrama, das beim Kinostart nicht als „Stephen-King-Film“ beworben wurde. Zu Recht, denn damals stand Kings Name fast ausschließlich für minderwertige Horrorfilme.
„Die Verurteilten“ ist inzwischen ein äußerst beliebter und erfolgreicher Film. In dem All-Time-Great-Ranking der Internet Movie Database steht er derzeit auf Platz 1; – was einen dann doch etwas an dieser Liste zweifeln lassen kanne. Auch wenn der zweite und vierte Platz von „Der Pate“ und „Der Pate 2“ belegt werden.
Mit Tim Robbins, Morgan Freeman, Bob Gunton, William Sadler, Clancy Brown, Gil Bellows, Mark Rolston, James Whitmore, Jude Ciccolella
LV: Nicholas Pileggi: Casino: Love and Honor in Las Vegas, 1995 (Casino)
Biopic über die Mafia in Las Vegas in den Siebzigern.
Kurz gesagt: ein Meisterwerk und Pflichttermin für Krimifans.
„Die einander ergänzenden Elemente von ‚Casino’, die genaue, materialistische Dokumentation, das Shakespeare-Drama von Macht und Fall, der Genrefilm und die Strindbergsche Seelenpein von Mann und Frau, zwischen denen eine unsichtbare Mauer steht, laufen alle auf die Feststellung hinaus, die Robert De Niro schon am Anfang getroffen hat: dass niemand gegen die Bank gewinnen kann. Das ist nicht nur konkrete Beschreibung einer ökonomisch-kriminellen Situation und soziale Metapher auf das Wesen des Kapitalismus, sondern auch ein philosophisches Gleichnis.“ (Georg Seeßlen: Martin Scorsese)
Martin Scorseses neuer Film „Killers of the Flower Moon“ soll 2023 in Cannes gezeigt werden.
Mit Robert De Niro, Sharon Stone, Joe Pesci, James Woods, Kevin Pollak, L. Q. Jones
Nachträglich: Alles Gute zum Geburtstag, Charly Hübner! (Sein Fünfzigster war am 4. 12.)
One, 22.00
Banklady(Deutschland 2013)
Regie: Christian Alvart
Drehbuch: Christoph Silber, Kai Hafemeister
Bonnie & Clyde in der deutschen Version.
Ein überraschend gelungener Gangsterfilm, der, mit viel Sixties-Flair, die vergessene Geschichte von Deutschlands erster Bankräuberin Gisela Werner erzählt. Auch die anderen Kriminalfilme von Christian Alvart sind sehenswert.
Davor, ab 20.15 Uhr, zeigt One „3 Tage in Quiberon“ (ebenfalls mit Charly Hübner); fast gleichzeitig, ab 23.15 Uhr zeigt der NDR „Jürgen – Heute wird gelebt“ (ebenfalls mit Charly Hübner).
mit Nadeshda Brennicke, Charly Hübner, Ken Duken, Andreas Schmidt, Heinz Hoenig, Henny Reents, Niels Bruno Schmidt, Heinz Struck
Die drei Tage des Condor (Three Day of the Condor, USA 1975)
Regie: Sydney Pollack
Drehbuch: Lorenzo Semple jr., David Rayfield
LV: James Grady: Six days of the Condor, 1974 (Die 6 Tage des Condor)
Joe Turner ist ein Büromensch und Angestellter der CIA. Als er nach einem Einkauf in das Büro zurückkommt sind seine Kollegen tot und er wird gejagt. Von den eigenen Leuten, wie Turner schnell herausfindet. Turner kämpft um sein Leben.
Der spannende Thriller entstand unmittelbar nach der Watergate-Affäre und fängt – wie einige andere fast zeitgleich entstandene Filme – die damalige Atmosphäre von Mißtrauen und Paranoia gut ein.
Das Drehbuch erhielt den Edgar-Allan-Poe-Preis.
Mit Robert Redford, Faye Dunaway, Cliff Robertson, Max von Sydow, John Houseman
Der kleine Nick, dieser sympathische in einem Fünfziger-Jahre-Paris lebende Junge, dürfte allgemein bekannt sein aus Büchern und Verfilmungen. Die jüngste Verfilmung, „Der kleine Nick auf Schatzsuche“, lief im Sommer im Kino.
Aber wie erfanden der Zeichner Jean-Jacques Sempé und der Comicautor René Goscinny diese Figur? Wie erfanden sie danach seine Welt, seine Eltern und seine Freunde? Und wer waren Sempé und Goscinny?
Diese Fragen beantworten Amandine Fredon und Benjamin Massoubre in ihrem Dokumentarfilm „Der kleine Nick erzählt vom Glück“ als Animationsfilm. Neben den Fakten über die beiden Erfinder des kleinen Nicks präsentieren sie auch einige „Der kleine Nick“-Geschichten. Dabei tritt der kleine Nick immer wieder aus seinen Geschichten heraus. Er unterhält sich mit seinen Schöpfer. Er fragt sie über ihr Leben aus. Er lebt mit ihnen, hört mit Jean-Jacques Sempé Jazz und tanzt mit ihm. Und er beteiligt sich an der Entwicklung seiner Welt. Dabei konzentrieren Fredon und Massoubre sich vor allem auf das Leben von Sempé und Goscinny bevor sie diese heute immer noch beliebte Figur erfanden, wie sie ihn erfanden und die ersten Jahre der Figur, die sehr schnell zu einem Publikumserfolg wurde.
„Der kleine Nick erzählt vom Glück“ ist ein kurzweiliger, humorvoller, äußerst charmanter Film in dem sich „kleiner Nick“-Geschichten und Informationen über die Macher gelungen abwechseln und teilweise ineinander übergehen. So gelingt der Einstieg in die Welt des kleinen Nicks und seiner beiden Schöpfer mühelos.
Der kleine Nick erzählt vom Glück (Le petit Nicolas: Qu’est-ce qu’on attend pour être heureux?, Frankreich/Luxemburg 2022)
Regie: Amandine Fredon, Benjamin Massoubre
Drehbuch: Anne Goscinny, Michel Fessler, Benjamin Massoubre (nach dem Werk von René Goscinny und Jean-Jacques Sempé)
Drehbuch: Shane Black, David Arnott (nach einer Geschichte von Zak Penn und Adam Leff)
Jack Slade ist ein Superbulle wie es ihn nur im Film gibt. Und das ist er auch: ein fiktionaler Polizist. Als er durch eine Verkettung unglücklicher Umstände – der junge Danny und eine magische Eintrittskarte haben etwas damit zu tun – in der realen Welt landet, bemerkt er schmerzhaft den Unterschied zwischen Fiktion und Fakt. Daneben muss er immer noch einen fiesen Filmganoven jagen.
Actionkomödie, die damals beim Publikum und der Kritik nicht so gut ankam. Inzwischen sieht das anders aus.
mit Arnold Schwarzenegger, Austin O’Brien, Charles Dance, Robert Prosky, Tom Noonan, Frank McRae, Anthony Quinn, F. Murray Abraham, Mercedes Ruehl, Art Carney
auch bekannt als „Der letzte Action-Held“ (Kinotitel)
2017 stand das Drehbuch für „Call Jane“ auf der Blacklist. Das ist eine Liste der besten Drehbücher, die in Hollywood zirkulieren, aber noch nicht verfilmt sind.
Jetzt kommt die Verfilmung des Buchs in die Kinos. Und nach einem im Juni 2022 erfolgtem Urteil des Supreme Courts ist die in den späten sechziger Jahren spielende Geschichte wieder brennend aktuell.
Joy Griffin (Elizabeth Banks) ist eine typische Vorstadt-Hausfrau, wie wir sie aus US-Filmen und US-TV-Familienserien, die in den Fünfzigern und Sechzigern spielen, kennen. Ihr Mann ist ein in der Kanzlei beliebter Anwalt, dem eine große Karriere prophezeit wird. Sie erledigt den Haushalt. Sie kocht für ihren Mann und ihre langsam erwachsen werdende Tochter jeden Tag ein großes Abendessen. Sie scheint restlos glücklich zu sein. Alles scheint perfekt zu sein.
Als Joy im August 1968 wieder schwanger wird, sagt ihr Arzt ihr, dass sie die Schwangerschaft wegen einer Erkrankung ihres Herzmuskels wahrscheinlich nicht überleben werde. Durch eine Abtreibung könnte ihr Tod verhindert werden. Aber damals war in den USA eine Abtreibung verboten. Ein männlich besetztes Gremium könnte über eine Ausnahme entscheiden. Sie lehnen ab. Auch andere Möglichkeiten schlagen aus verschiedenen Gründen fehl.
Da entdeckt Joy einen Zettel, der über die Arbeit der Janes informiert. Das ist ihr erster Kontakt zu dieser Frauengruppe. Sie sind – was wir im Film langsam erfahren – eine in den USA bekannte, in mehreren Spiel- und Dokumentarfilmen porträtierte Gruppe. 1968 fanden sie als Untergrund-Selbsthilfegruppe zusammen. Sie vermittelten Abtreibungen. Zunächst wurden die Abtreibungen von Ärzten durchgeführt. Später von Mitgliedern der Gruppe. Im Gegensatz zu irgendwelchen Kurpfuschern, die Frauen bei von ihnen vorgenommenen Abtreibungen schwer verletzten und töteten, geschah das bei den Janes nicht. 1973 legalisierte der Supreme Court mit dem Urteil Roe v. Wade die Abtreibung. Das Jane Kollektiv löste sich auf. Ihre Dienste wurden nicht mehr benötigt. Ärzte und Kliniken konnten es seitdem legal tun.
All das weiß Joy nicht, als sie dort anruft und die Abtreibung vornehmen lässt. Danach könnte die Angelegenheit für sie vorbei sein. Aber Virginia (Sigourney Weaver), die Leiterin der Gruppe, ruft sie kurz darauf an. Sie müsse ihnen helfen und eine Frau zu einer Abtreibung fahren. Joy tut es und engagiert sich danach immer stärker in der Gruppe.
„Call Jane“ ist ein erstaunlich langweiliger Film über ein wichtiges, hochgradig umstrittenes Thema und über das Jane Kollektiv.
Die Drehbuchautorinnen Hayley Schore udnd Roshan Sethi und Regisseurin Phyllis Nagy (Drehbuch für die tolle Patricia-Highsmith-Verfilmung „Carol“) erzählen eine Geschichte, die sich großzügig bei den Fakten bedient. Letztendlich wird eine erfundene Geschichte erzählt. Der historische Hintergrund bleibt diffus. Die Bedrohungen der Janes durch die Mafia und die Polizei sind nicht existent. Es wirkt, als böten sie eine vor dem Gesetz verbotene, aber allgemein akzeptierte und willkommene Dienstleistung an. Auch in der Gruppe gibt es keine nennenswerten Konflikte. Das gleiche gilt für Joys Familie. Über lange Zeit tolerieren ihr Mann und ihre Tochter klaglos, dass Joy neben dem Haushalt andere Dinge tut. Als sie erfahren, dass sie keinen Malkurs besucht, sondern ohne eine medizinische Ausbildung Abtreibungen vornimmt, haben sie nach einer kurzen Schocksekunde keine Probleme damit. Im Gegenteil.
Auch über Joys Motive, also warum sich eine konservative Vorstadthausfrau in einem feministischem Kollektiv engagiert, Straftaten begeht und so ihr gesamtes bisheriges Leben gefährdet, erfahren wir nichts. Sie tut es, weil es so im Drehbuch steht.
Diese durchgehende Abwesenheit von Konflikten führt dazu, dass die Geschichte über zwei Stunden vor sich hin plätschert und niemals auch nur im Ansatz ihr Potential ausschöpft.
Call Jane (Call Jane, USA 2022)
Regie: Phyllis Nagy
Drehbuch: Hayley Schore, Roshan Sethi
mit Elizabeth Banks, Sigourney Weaver, Chris Messina, Kate Mara, Wunmi Mosaku, Cory Michael Smith, Grace Edwards, Aida Turturro
Drehbuch: Franco Rossetti, José Maesso, Piero Vivarelli
Einer der schwarzhumorigen Klassiker des Italo-Westerns: Franco Nero (der mit dieser Rolle zum Weltstar wurde) zieht einen Sarg durch den Matsch, sagt wenig und arbeitet am liebsten, mit seiner Bleispritze, auf eigene Rechnung.
„Franco Nero ist ein von Minderwertigkeitsgefühlen geplagter Witzbold, der in einem Monat 125 bis 135 Menschen mit einem Maschinengewehr umlegt. Sergio Corbucci hat viel Humor.“ (Friedemann Hahn: Der Italo-Western, 1973)
„atmosphärisch dichter, gut gebauter und geschickt inszenierter Film“ (Reclams Filmführer 1973/1977)
mit Franco Nero, Loredana Nusciak, José Bodalo, Angel Alvarez
Dieser Film ist vollkommen unrealistisch. Ein echter Weihnachtsmann, der innerhalb weniger Stunden auf der ganzen Welt Geschenke verteilt, hätte niemals die halbe Nacht gebraucht, um eine Geiselnahme zu beenden. Das hätte er innerhalb von Sekundenbruchteilen erledigt, die Geschenke an die lieben Kinder, die Rutenschläge an die bösen Kinder verteilt und schon wäre er auf dem Weg zum nächsten Haus gewesen.
Doch der Santa Claus (David Harbour) in Tommy Wirkolas brutaler Komödie „Violent Night“ braucht einen zweistündigen Spielfilm und den größten Teil der Nacht, um die Geiselnahme im Haus der Lightstones zu beenden. Die Lightstones sind eine stinkreiche Familie, deren Mitglieder sich abgrundtief verachten und hassen. Am Heiligabend versammeln sie sich im Haus ihrer Mutter. Gertrude Lightstone (Beverly D’Angelo) ist eine mit spitzen Bemerkungen und Schimpfworten um sich werfenden Patriarchin. Ein echtes Ekel eben. Ihre Tochter Alva (Edi Patterson) will nur die Erbschaft. Ihr neuer Freund ist der Schauspieler Morgan Steel (Cam Gigandet), der in unzähligen Actionfilmen den stahlharten Helden spielte. Im normalen Leben ist er ein Großmaul und Feigling. Alvas Sohn, noch ein Unsympath, ist vor allem mit seinem Telefon beschäftigt.
Gertrudes Sohn Jason (Alex Hassell) ist viel netter. Das verrät schon sein peinlicher Pullover. Außerdem erträgt er die Weihnachtsfeier, um seiner siebenjährigen Tochter Trudy (Leah Brady) eine Freude zu bereiten. Diese glaubt noch an den Weihnachtsmann und sie hat einen Weihnachtswunsch: ihre Eltern sollen wieder zusammen kommen. Ihre Mutter Linda (Alexis Louder), die ebenfalls mitgekommen ist, hält das für ausgeschlossen.
Diese Weihnachsfeier einer sich in Geldgier und Hass verbundenen Familie wird von einer Bande bewaffneter Verbrecher gestört. Angeführt werden sie von Ben (John Leguizamo), den alle Scrooge nennen dürfen. Sie wollen die im Keller des einsam gelegenen Anwesens in einem Safe gebunkerten 300 Millionen US-Dollar klauen.
In diese Situation stolpert Santa Claus. Er ist der wirkliche, echte wahrhaftige Weihnachtsmann und er hat schon seit Ewigkeiten keine Lust mehr auf die Arbeit. Er trinkt. Er flucht. Er kotzt. Und er ißt herumliegende Weihnachtskekse. Beim Abliefern der Geschenke bemerkt er die Verbrecher. Aber er will nichts unternehmen. Doch da bittet Trudy ihn, ihnen zu helfen. Weil Trudy auf der Liste der braven Kinder steht, beginnt er gegen die Bösewichter zu kämpfen.
Spätestens ab diesem Moment ist „Violent Night“ eine weitere „Stirb langsam“-Variante, die immer wieder überdeutlich an das bessere Vorbild erinnert, in dem der New Yorker Polizist John McClane in einem Hochhaus die Pläne einer Bande Geiselnehmer stört.
In Wirkolas Version ist alles deutlich brutaler, blutiger, goriger und derber im Humor. Die einzelnen Figuren sind erwartbar eindimensional. Aber die Schauspieler hatten erkennbar ihren Spaß. Die Story erschöpft sich in einer Abfolge von Witzen und Kämpfen.
„Violent Night“ ist ein Comic, in dem mit Gewalt auf Gewalt reagiert wird und sie atemberaubend schnell, blutig und tödlich eskaliert. Wenn zwei Bösewichter in einer „Kevin – Allein zu Haus“-Szene böse malträtiert werden, sorgt das für garantierte Lacher.
Die Kämpfe, in denen Santa Claus Bösewichter tötet, sind ebenso brutal. Wobei Santa sich wie ein übergewichtiger Betrunkener (was er ist) blind in den Kampf stürzt und einfach alle Bösewichter tötet. Mit den Mitteln, die er gerade zur Hand hat von der Weihnachtbeleuchtung über Deko-Sterne bis hin zum Schädelschmetterer. Dabei unterscheidet Santa sich kaum von einem normalen Menschen. Diese Abwesenheit von irgendwelchen Superkräften (außer der Sache mit dem Kaminschacht) ist dann schon etwas enttäuschend. Denn„Violent Night“ hätte, mit wenigen notwendigen Änderungen im Text und bei den Kämpfen, genauso funktioniert, wenn Santa Claus nicht der echte Weihnachtsmann, sondern ein normal-falscher Weihnachtsmann gewesen wäre.
Mit zwei Stunden ist das Schlachtfest zu lang geraten. Vor allem in der Mitte, wenn Santa mit Trudy gefühlte Ewigkeiten am Walkie-Talkie Nettigkeiten austauscht und er sich an seine Vergangenheit erinnert, hätte gekürzt werden können zugunsten eines schneller eskalierenden Konflikts. Denn die Menschen, die sich diesen Weihnachtsfilm ansehen, wollen vor allem Blut und Gewalt, garniert mit in diesem Fall plattem Humor und einigen Anspielungen auf andere Filme, sehen. Die im Film vorhandenen Süßlichkeiten und Klischees über Weihnachten werden notgedrungen toleriert als Konzessionen an das Genre Weihnachtsfilm, das von „Violent Night“ letztendlich auch bedient wird.
In den kommenden Jahren könnte „Violent Night“, mangels Alternativen, zu einem immer wieder gern gesehenem Weihnachsfilm im kleinen Kino um die Ecke werden.
Violent Night (Violent Night, USA 2022)
Regie: Tommy Wirkola
Drehbuch: Pat Casey, Josh Miller
mit David Harbour, Beverly D’Angelo, John Leguizamo, Leah Brady, Alex Hassell, Alexis Louder, Cam Gigandet, Edi Patterson, Brendan Fletcher, Mike Dopud
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 16 Jahre („für Jugendliche ab 16 Jahren klar als überzeichnete Mischung aus Actionfilm und Weihnachtsfilm-Parodie erkennbar, die nichts mit der Lebensrealität zu tun hat“ [aus der Freigabe-Begründung])
Nach einem Bankraub flüchten zwei Bankräuber in ein verlassenes Kaff – und liefern sich schnell mit den dort lebenden Goldgräbern ein tödliches Duell.
Ein deutscher Genrefilm, ein in der Gegenwart spielender Western, der wirklich nichts von der Biederkeit und Langeweile vieler anderer deutscher Genrefilme der letzten Jahrzehnte hat, sondern originäres Kino ist.
„Ein Quasi-Western, ein Reißer und ein lyrisches Gespinst aus Farben, flirrendem Licht, Wüstensand und schemenhaften Figuren.“ (Wolf Donner, Die Zeit)
Die Musik ist von „The Can“, die Bilder von Robert Van Ackeren („Harlis“, „Die flambierte Frau“).
mit Mario Adorf, Anthony Dawson, Mascha Elm Rabben, Marquard Bohm, Sigurd Fitzek, Betty Segal
Bleiben wir in den USA und den Problemen des Erwachsenwerdens. Neben James Grays 1980 in New York spielendem Drama „Zeiten des Umbruchs“ kommt diese Woche Luca Guadagninos „Bones and All“ in die Kinos. Sein Roadmovie spielt in den frühen achtziger Jahren im US-amerikanischen Hinterland.
Nachdem die Schülerin Maren (Taylor Russell) auf einer Feier eine Klassenkameradin beißt und wortwörtlich ‚zum Fressen gern hat‘, hat ihr Vater genug. Er legt ihr eine Musikkassette hin und verschwindet. Maren macht sich mit leichtem Gepäck und der Musikkassette auf den Weg zu dem Ort, an dem ihre ihr unbekannte Mutter vor Ewigkeiten lebte. Auf die Kassette, die sie sich während der Fahrt in Überlandbussen anhört, hat Marens Vater ihre Lebensgeschichte gesprochen. Das was er ihr nicht sagt, muss sie allein herausfinden.
An ihrem ersten Tag trifft sie auf Sully (Mark Rylance). Er sieht wie ein alter Indianer aus und er ist ebenfalls ein Kannibale. Als er ihr die hohe Kunst des Verzehrs von Menschen beibringen will, ist sie von ihm abgestoßen. Sie flüchtet und trifft auf Lee (Timothée Chalamet), einen charmanten, etwas älteren Drifter.
Gemeinsam machen sie sich auf den Weg durch die USA.
Diese Reise schildert Luca Guadagnino in seinem ersten US-Film als Roadmovie durch menschenleere Gegenden und Gegenden, die niemals so etwas wie eine ‚beste Zeit‘ erlebten. Die Grundlage für den Film ist dabei der gleichnamige, nicht ins Deutsche übersetzte Young-Adult-Roman von Camille DeAngelis. Guadagnino erzählt Marens Coming-of-Age-Geschichte so, dass sie sich nicht mehr an das normale Publikum von Young-Adult-Filmen richtet. Es ist eher eine düstere Sozialstudie, die an Andrea Arnolds „American Honey“, ein anderer Abgesang auf den amerikanischen Traum, erinnert. Er erinnert auch ein wenig an Kathryn Bigelows „Near Dark“. In dem Horrorthriller von 1987 fährt eine Gruppe Vampire (wobei dieses Wort im Film nie fällt) durch die US-amerikanische Wüste und sucht ihre Opfer und manchmal auch neue Mitglieder.
Die Kultur der „Esser“, wie sich die Kannibalen nennen, bleibt, trotz Sully Erklärungen, diffus. Sie können sich über große Entfernungen riechen. Trotzdem bilden sie keine Gemeinschaft und leben am Rand der Gesellschaft. Unklar bleibt, ob und in welcher Form sie zum Überleben Menschenfleisch essen müssen. Es ist auch unklar, wie jemand zum Esser wird. Das sind Dinge, die in einem Vampir- oder Zombiefilm geklärt sind und in diesen Filmen für eine beträchtliche Spannung sorgen. Dafür interessiert Guadagnino sich nicht weiter. Bei ihm ist der Kannibalismus einfach nur ein etwas seltsames Lieblingsessen.
Wie James Grays „Zeiten des Umbruchs“ enttäuscht auch „Bones and All“. Bei all dem Talent – Guadagninos vorherigen Filme, wie „A bigger Splash“ und „Call me by your Name“, haben mir sehr gut gefallen –, den guten Schauspielern und den oft sehr gelungenen Szenen, bleibt in seinem Hybrid aus Horror-, Liebes- und Roadmovie immer eine Leere zurück.
Bones and All(Bones and All, Italien/USA 2022)
Regie: Luca Guadagnino
Drehbuch: David Kajganich
LV: Camille DeAngelis: Bones and All, 2015
mit Taylor Russell, Timothée Chalamet, Mark Rylance, André Holland, David Gordon Green, Michael Stuhlbarg, Jessica Harper, Chloë Sevigny
Seine vorherigen Filme „Die versunkene Stadt Z“ und „Ad Astra“ spielten einmal in der Vergangenheit und einmal in der Zukunft und beide Male nicht in New York, seinem Geburtsort und Handlungsort seiner anderen Filme. Dorthin kehrt James Gray mit seinem neuesten Film zurück und er erzählt einige Wochen aus seiner Kindheit. Dabei ist „Zeiten des Umbruchs“ ein seltsamer Film. Denn obwohl vieles, sehr vieles, eigentlich fast alles auf seinem Leben basiert, wirkt der Film, als ob nichts auf seinem Leben basiere und er eine vollkommen erfundene Geschichte erzählt.
Sie beginnt im Spätsommer 1980. Nach den Sommerferien und wenige Wochen bevor Ronald Reagan zum Präsidenten der USA gewählt wird, trifft Paul Graff (Banks Repeta) in seiner Klasse auf den Schwarzen Jonathan ‚Johnny‘ Davis (Jaylin Webb). Johnny ist ein Sitzenbleiber, der wenig Interesse am Unterricht hat und bei seiner dementen, armen Großmutter lebt. Der sensible und künstlerisch begabte Paul kommt dagegen aus einer gut situierten jüdischen Familie. Sein Vater (Jeremy Strong) ist, nicht ungewöhnlich für damalige Väter, selten liebevoll, meistens streng und er will, dass sein Sohn es später besser hat als er. Seine Mutter (Anne Hathaway) ist Hauswirtschaftslehrerin und die Präsidentin des Lehrer- und Elternverbands. Im Moment kandidiert sie für einen Platz in der Kreisschulbehörde. Und sie erledigt den Haushalt. Eine gute Beziehung hat Paul zu seinem im Krieg vor den Nazis geflüchteten Großvater (Anthony Hopkins), der ihn aufbaut und fördert.
Paul und Johnny befreunden sich. Sie begehen zunächst kleinere Regelüberschreitungen, später Verbrechen, die sie in erwartbare Schwierigkeiten bringen. Für Johnny enden sie – immerhin ist er ein Schwarzer und arm – mit empfindlichen Strafen. Teils nimmt Johnny auch für Paul die Schuld auf sich, weil er weiß, wie das System funktioniert. In diesem System ist er immer der Schuldige.
Paul wird zur Forest Manor School geschickt. Das ist eine elitäre Privatschule, die von Donald Trumps Vater Fred Trump und seine Tochter Maryanne gefördert wird. Deren Denken beeinflusst, – diese Linie zieht Gray -, damals das Denken der Schüler und heute wichtige Teile der US-amerikanischen Politik.
Die Trump-Familie und zwei Schüler, mit denen Paul sich anfreundet und die sich wie Miniaturausgaben von Donald Trump verhalten, wirken wie Fremdkörper. Sie sind weniger Figuren, die Pauls moralischen Kompass auf die Probe stellen und schärfen, sondern eher Figuren, die Gray eingefügte, um in seinem historischem Film plakativ etwas über die Gegenwart sagen zu können.
Doch Paul interessiert sich, wie jedes Kind, nicht für Politik. Er reagiert höchstens intuitiv darauf. Gleichzeitig ignoriert Gray die Vergangenheit der USA und die Kontinuitäten in der US-Geschichte.
Das gesagt, ist „Zeiten des Umbruchs“ eine sensible, aber auch sehr düstere Coming-of-Age-Geschichte und das sensible Porträt einer Familie. James Gray erzählt gewohnt langsam. Das Zeitkolorit ist ebenso stimmig. „Zeiten des Umbruchs“ wirkt wie ein 1980 entstandener Film.
Doch so eine richtige Begeisterung will sich nicht einstellen. Dafür erzählt Gray zu dstanziert und der Story fehlt insgesamt der Fokus. Die einzelnen Episoden aus dem Leben der quirligen Familie Graff überzeugen, aber es bleibt unklar, in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt. Sie endet mit der Wahl von Ronald Reagan zum Präsidenten der USA nicht aufgrund dramaturgischer Notwenigkeiten, sondern weil dann gut zwei Stunden um sind.
Zeiten des Umbruchs (Armageddon Time, USA 2022)
Regie: James Gray
Drehbuch: James Gray
mit Banks Repeta, Anne Hathaway, Jeremy Strong, Jaylin Webb, Anthony Hopkins, Ryan Sell, Tovah Feldshuh, John Diehl, Andrew Polk, Jessica Chastain
LV: Thomas Harris: Red Dragon, 1981 (Roter Drache)
FBI-Mann Will Graham jagt einen Serienkiller. Nur Hannibal Lecter kann ihm helfen.
Die zweite Verfilmung von „Red Dragon“, dem ersten Roman mit Menschenfresser Hannibal Lecter, ist meilenweit von der Qualität von „Manhunter“ (USA 1986, Regie/Buch: Michael Mann) entfernt. Optisch hält Ratner sich in seinem langatmig-langweiligen Starkino an den von Jonathan Demme in seiner Thomas-Harris-Verfilmung „Das Schweigen der Lämmer“ etablierten Look. Von der Story wiederholt Ratner nur Michael Manns eiskalten „Manhunter“, garniert mit überflüssigen Verweisen auf „Das Schweigen der Lämmer“.Und Anthony Hopkins spielt wieder Hannibal Lector.
Die andere Meinung: „Roter Drache ist ein erstklassiger Thriller.“ (Rheinische Post, 31. Oktober 2002)
Mit Anthony Hopkins, Edward Norton, Ralph Fiennes, Harvey Keitel, Emily Watson, Mary-Louise Parker, Philip Seymour Hoffman, Anthony Heald, Lalo Schifrin (als Dirigent, sein bislang einziger Filmauftritt)
Black Sea (Black Sea, USA/Großbritannien/Russland 2014)
Regie: Kevin Macdonald
Drehbuch: Dennis Kelly
Eine britisch-russische U-Boot-Besatzung sucht im Schwarzen Meer nach einem Nazi-Goldschatz. Schnell müssen sie um ihr Überleben kämpfen.
Angenehm altmodischer Abenteuerfilm für die Fans von Filmen wie „Der Schatz der Sierra Madre“, „Lohn der Angst“ und Atemlos vor Angst“ (die im Presseheft alle als Inspiration genannt werden).
mit Jude Law, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, David Threlfall, Konstantin Khabenskiy, Sergey Puskepalis, Michael Smiley, Grigory Dobrygin, Sergey Veksler, Sergey Kolesnikov, Bobby Schofield, Michael Smiley, Jodie Whittaker
Grump ist, wie sein Name verrät, ein grummeliger, immer schlecht gelaunter, von seiner Meinung überzeugter Mittsiebziger. Als er seinen über alles geliebten, ihn seit Ewigkeiten überallhin befördernden roten 72er Ford Escort zu Schrott fährt, braucht der in Finnland auf dem Land lebende Witwer ein neues Auto. Und das muss ein roter 72er Ford Escort sein. Grumps Nachbar findet im Internet genau so einen Oldtimer. Der Verkäufer lebt in der Nähe von Bonn.
Also macht Grump sich auf den Weg. In Hamburg trifft er durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, die uns hier nicht weiter zu interessieren brauchen, seinen Bruder Tarmo. Früher waren sie ständig zusammen. Seit vierzig Jahren haben sie kein Wort mehr miteinander gesprochen. Tarmo ist das Gegenteil von Grump: er lebt in einem Wohnwagen, ist nett, lebensbejahend, tolerant, allgemein beliebt und neugierig.
Gemeinsam machen sie sich auf den Weg in Richtung Bonn. Nach dem Kauf des Ford Escorts geht es ohne Umwege zur nächsten Familienzusammenführungen. Denn Tarmo hat eine Tochter, die er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat.
Während Grump und sein Bruder durch Deutschland fahren und sich wieder näher kommen, warten in Finnland Grumps Söhne auf seine Rückkehr. Sie sehen sich schon seit Ewigkeiten nur noch ab und zu und sie müssen sich jetzt, während sie einige Tage auf dem Hof ihres Vaters verbringen, ihren familiären und finanziellen Problemen stellen.
„Grump“, der neue Film von Mika Kaurismäki, ist ein in Finnland und Deutschland spielendes Road-Movie mit einem schon von der ersten Minute an absehbarem positiven Ende. Denn Kaurismäki spult das sattsam bekannte hamonieselige Feelgood-Programm ab. Nur dass er die Geschichte nordisch unterkühlt erzählt. Einige schräge Figuren, ebenso schräger Humor und Grumps herrlich ichbezogen und von der Richtigkeit seiner Meinung überzeugten Sätze sorgen für vergnügliche Momente.
Am Ende ist „Grump“ eine rundum nette und harmlose Mischung aus Road-Movie und Feelgood-Movie.
Wenige Wochen nach „Black Panther: Wakanda forever“ läuft mit „Neptune Frost“ ein weiterer Film an, der ohne Ideen des Afrofuturismus nicht denkbar ist. Dabei könnten die beiden Filme nicht gegensätzlicher sein. Der eine Film ist ein Multimillionen-Dollar-Projekt, das in unzähligen großen Sälen gezeigt wird und auf dem ersten Platz der Kinocharts steht. Der andere Film ist das Gegenteil. Das Budget von „Neptune Frost“ ist wahrscheinlich geringer als die Kosten für die wöchentliche Ration Desinfektionsmittel bei „Black Panther: Wakanda forever“. In Berlin läuft „Neptune Frost“ aktuell in einem Minikino.
Trotzdem ist „Neptune Frost“, vom Verleih als „afrofuturistische Vision eines queeren Sci-Fi-Punk-Musicals“ angekündigt, der aufregendere Film.
In Burundi wird in Minen das für elektronische Geräte wichtige Coltan abgebaut. Aus einer diser Minen flüchtet eine Gruppe Bergleute. Sie treffen ein antikolonialistisches Hacker-Kollektiv. Zusammen bilden sie auf einer aus Elektroschrott bestehenden Müllhalde eine Gemeinschaft. Manchmal gelingt es ihnen, eine Verbindung zum Internet herzustellen. Sie versuchen, das autoritäre Regime zu stürzen. In dieser Kommune treffen eine intersexuelle Ausreißerin und ein Bergarbeiter aufeinander.
Doch diese Geschichte verschwindet immer wieder hinter der Inszenierung, die eine Sinfonie aus Bild und Ton ist. Sie ist, auch weil „Neptune Frost“ ein Musical ist, näher an Videoclips, die nach teuer aussehenden Bildern und schnell abrufbaren Emotionen suchen, als an einem konventionellem Spielfilm.
Saul Williams und Anisia Uzeyman begreifen Afrofuturismus dabei als ein betont offenes Gedankengebäude, in dem sich Grenzen zwischen Geschlechtern und Zuständen permanent verändern. Kosmische Kräfte, die nie genauer erklärt werden, führen zu Veränderungen des Seins und jede Identität und jeder Zustand ist veränderbar. Dazu verbinden sich auf der Müllkippe Tradition und Moderne. Tänze, Gesänge, Computerprogramme und der Cyberspace (der als eine andere Form kosmischer Energie verstanden werden kann) verbinden sich miteinander. Das mag jetzt ziemlich verschwurbelt klingen, ergibt aber beim Ansehen des Films, ohne dass eine Interpretation vorgegeben wird, Sinn.
„Neptune Frost“ präsentiert dabei einen Afrofuturismus, der sich radikal von dem in den beiden „Black Panther“-Filmen unterscheidet. In den „Black Panther“-Filmen wird Afrofuturismus primär als ein farbiges Update der Welt von „Flash Gordin“ (dem Serial aus den Dreißigern) verstanden. Die präsentierte utopische Gesellschaft ist eine krude Mischung aus Gottesstaat und Königreich. Dagegen zeigt „Neptune Frost“ eine Gesellschaft, die aus Ausgestoßenen und Outsidern besteht. Sie probieren für eine kurze Zeit eine egalitäre Gesellschaft aus. Wenn sie eine Verbindung zum Internet haben, wird, wie wir es aus dem Cyberpunk kennen, auch der Cyberspace als erweitertes Bewusstsein integriert.
Vieles bleibt im Dunkeln und Ungefähren, aber Saul Williams und Anisia Uzeyman geht es nie um eine nacherzählbare Story, sondern um eine Sinfonie aus Bildern und Tönen, um Assoziationen und Statements. Das ist herausfordernd, regt zum Nachdenken an und besitzt immer eine Offenheit die sich gut als Initialzündung für Diskussionen eignet.
Neptune Frost(Neptune Frost, Ruanda/USA 2021)
Regie: Saul Williams, Anisia Uzeyman
Drehbuch: Saul Williams
mit Cheryl Isheja, Bertrand Ninteretse, Eliane Umuhire, Elvis Ngabo, Rebecca Mucyo, Trésor Niyongabo, Eric Ngangare, Cecile Kayiregawa, Natasha Muziramakenga, Ekaterina Baker
Länge: 105 Minuten
FSK: –
Auf Kinyarwanda, Kirundi, Swahili, Französisch und Englisch mit deutschen Untertiteln
23 – Nichts ist so wie es scheint(Deutschland 1998)
Regie: Hans-Christian Schmid
Drehbuch: Hans-Christian Schmid, Michael Gutman
Die 80er Jahre: Anti-Atomkraft-Demos in Brokdorf und die ersten Heimcomputer im eigenen Zimmer. Der Hannoveraner Karl Koch ist ein Computernerd und Hacker. Nach der Lektüre der „Illuminatus!“-Bücher von Robert Shea und Robert Anton Wilson (Grandios komische Romane. Keine Sachbücher!) sieht er überall Zeichen für Verschwörungen. Als er in den Fokus der östlichen und westlichen Geheimdienste gerät, steigert sich seine Paranoia weiter.
Spannender, auf einer wahren Geschichte basierender Blick in die achtziger Jahre. Damals, also in den Achtzigern und Neunzigern, ware Verschwörungstheorien noch eine Art Gemeinwissen und nach Schmids beeindruckendem Film sah man überall die Zeichen der Verschwörung.
mit August Diehl, Fabian Busch, Dieter Landuris, Jan-Gregor Kremp, Stephan Kampwirth, Peter Fitz, Hanns Zischler, Burghart Klaußner