Kiss the Cook – So schmeckt das Leben! (Chef, USA 2014)
Regie: Jon Favreau
Drehbuch: Jon Favreau
Nachdem Starkoch Carl (Jon Favreau) gefeuert wird, macht er sich mit seinem elfjährigem Sohn und seinem Sous-Chef in einem Imbisswagen auf den Weg von Miami quer durch die Südstaaten zurück nach Los Angeles.
„Kiss the Cook“ ist ein sympathisches Feelgood-Movie, in dem etliche Stars kurze, oft prägnante Auftritte haben und man mit den drei Männern im Imbisswagen „El Jefe“ gerne seine Zeit verbringt. Nur hungrig sollte man nicht sein.
mit Jon Favreau, Emjay Anthony, Sofia Vergara, John Leguizamo, Scarlett Johansson, Oliver Platt, Bobby Cannavale, Amy Sedaris, Dustin Hoffman, Robert Downey jr.
Julio Blanco hält in seiner Fabrik eine dieser salbadernden Reden, die Chefs bei wichtigen Anlässen halten und die ihre Angestellte klaglos über sich ergehen lassen. Der Chef des Familienunternehmens für Industriewaagen sagt, sie alle seien eine Familie, er betont erhaltene Auszeichnungen und deutet an, dass sie, also er, demnächst eine weitere Auszeichnung erhalten könnten. Nämlich den für exzellente Unternehmensführung, verliehen von der Regionalregierung. In den nächsten Tage werde das Auswahlkomitee überraschend die Firma besuchen und dann entscheiden, welcher der Finalisten den Preis erhalten wird.
Bis es soweit ist, vergehen noch einige Tage. Was an diesen Tagen geschieht, erzählt Fernando León de Aranoa („Loving Pablo“) in seiner sanften Satire „Der perfekte Chef“ in der Form einer Chronik. Wochentag folgt auf Wochentag. Figuren werden eingeführt. Manche von ihnen haben Probleme. Ereignisse werden präsentiert, ohne dass über eine lange Zeit deutlich wird, warum sie wichtig sind oder welche Entwicklungen sie auslösen könnten. Es ist wie die Lektüre eines Tagebuches, in das der Schreiber einfach einträgt, was ihm an dem Tag zugestoßen ist. Das ist im Fall von Blanco die Begegnung mit einer jungen, ehrgeizigen Praktikantin, die seine Tochter sein könnte (ist sie nicht). Die Bitte eines Angestellten um Hilfe in einer schwierigen Situation. Blanco hilft, weil ein guter, ein perfekter Chef, das tut. Und weil er das Problem mit einem Anruf lösen kann. Er ärgert sich über einen ehemaligen Angestellten, der lautstark vor dem Firmentor protestiert. Er ärgert sich noch mehr darüber, dass er nichts dagegen tun kann, weil der ehemalige Angestellte das auf einem Stück Land tut, auf dem er ungestört protestieren darf. Und er kümmert sich um die perfekte Ausrichtung der Waage am Firmentor.
Auf den ersten Blick wirkt Blanco wie ein Biedermann, der keiner Fliege etwas antun kann und der immer etwas überfordert von den verschiedenen Anforderungen und Wünschen seiner Angestellten ist. Bardem zeigt allerdings immer, dass das nur der äußere Schein ist. Blanco ist ein hochgradig egoistischer und egozentrischer Mann, der seine Interessen ummäntelt mit dem Wohl der Firma.
Diese Scheinheiligkeit des Firmeninhabers offenbart León de Aranoa schon in den ersten Minuten seiner schwarzen Satire, die eher zum Schmunzeln als zum Lachen anregt. Nach der entlarvenden Ansprache in der Firma zeigt León de Aranoa Blanco und seine Frau beim sonntäglichen Frühstück im Garten. Während sie essen, repariert ein Mann am Swimmingpool eine Pumpe. Auf die Frage seiner Frau, wer das sei, antwortet Blanco seelenruhig und mit einem leicht abschätzigem Tonfall, das sei einer seiner Angestellten. Auf die anschließend schüchtern von ebenjenem Angestellten vorgetragene Bitte, seinem wegen einer nächtlichen Schlägerei inhaftiertem Sohn zu helfen, reagiert Blanco zunächst ablehnend. Auf Bitten seiner Frau und weil ein guter Patriarch das tut, tätigt er dann gönnerhaft einen Anruf bei einem hochrangigem Freund. Das Problem ist gelöst und mindestens zwei Menschen sind Blanco einen Gefallen schuldig.
Alles was in den folgenden gut zwei Stunden über Blanco enthüllt wird, bestätigt nur den ersten Eindruck.
Aber dank Javier Bardems grandiosem Spiel ist „Der perfekte Chef“ sehenswert. Als Schauspielerkino, nicht als Satire.
Der perfekte Chef(El buen patrón, Spanien 2021)
Regie: Fernando León de Aranoa
Drehbuch: Fernando León de Aranoa
mit Javier Bardem, Manolo Solo, Almudena Amor, Óscar de la Fuente, Sonia Almarcha, Fernando Albizu, Tarik Rmili, Rafa Castejón, Celso Bugallo, Martín Páez, Yaël Belicha, Mara Guil, Nao Albet, María de Nati
Sehenswertes Biopic über „Beach Boys“-Mastermind Brian Wilson, das sich auf zwei wichtige Abschnitte in Wilsons Leben konzentriert: die Arbeit an der legendären, die Popmusik verändernden LP „Pet Sounds“ und sein Leben in den 80er Jahren als Patient des gemeingefährlichen Dr. Eugene Landy, der nichts von Wilsons neuer Bekanntschaft hält.
„Love & Mercy“ ist nicht am chronologischen Abhandeln einer Musikerbiographie, sondern am Porträtieren eines schwierigen Charakters an zwei entscheiden Punkten seines Lebens interessiert.
Die beste aller Welten (Österreich/Deutschland 2017)
Regie: Adrian Goiginger
Drehbuch: Adrian Goiginger
Starkes autobiographisches Drama über einen Jungen und seine drogensüchtige Mutter, die ihn in einer Sozialsiedlung am Stadtrand von Salzburg groß zieht. Sie sind arm. Aber sind sie auch glücklich?
Eigentlich sollte das tolle Justizdrama „Vergiftete Wahrheit“ der heutige Tagestipp werden. Aber weil im Ersten das Halbfinale der Frauen-EM übertragen wird (wogegen wenig gesagt werden kann), ist die TV-Premiere von Todd Haynes‘ Film (mit einem grandiosem Mark Ruffalo in der Hauptrolle) jetzt nicht mehr für 22.50 Uhr, sondern für 23.45 Uhr angekündigt. Deshalb gibt es für die Nicht-Fußball-Fans, wieder einmal
Leonardo DiCaprio spielt einen Spion, der sich in die Gehirne von anderen Menschen einloggt. Jetzt soll er allerdings nichts ausspionieren, sondern eine schädliche Idee in das Gehirn seines Opfers implantieren.
Die Kritiker waren begeistert von “Batman“ Christopher Nolans Mindfuck. Die Zuschauer ebenso. Die Kinobetreiber zählten strahlend die verkauften Eintrittskarten. Denn „Inception“ ist ein inzwischen seltenes Beispiel für Blockbusterkino, bei dem man sein Gehirn nicht an der Kinokasse abgeben muss.
mit Leonardo DiCaprio, Joseph Gordon-Levitt, Ellen Page, Tom Hardy, Ken Watanabe, Cillian Murphy, Tom Berenger, Marion Cotillard, Pete Postlethwaite, Michael Caine, Lukas Haas
Gentleman-Gauner Walter will mit seiner Gang einen kostbaren Dolch aus dem Topkapi-Museum in Istanbul klauen. Ohne die Hilfe des zwielichtigen Fremdenführers Arthur haben sie keine Chance.
Mit dem düsteren Gangsterfilm „Rififi“ erfand Dassin das Caper-Movie, mit seiner Parodie „Topkapi“ trug er es stilbewusst, gedreht vor Ort mit einem glänzend aufgelegtem Ensemble zu Grabe. Alle späteren Capers bewegen sich in den von Dassin formvollendet präsentierten Grenzen.
Amblers Buch erhielt den Edgar-Allan-Poe-Preis. Und Peter Ustinov eine Oscar als bester Nebendarsteller.
Mit Melina Mercouri, Peter Ustinov, Maximilian Schell, Robert Morley, Akim Tamiroff
Die Erinnerungen eines erblindeten Drehbuchautoren an eine nicht fertig gestellte Komödie, seine große Liebe und einen für sie tödlichen Autounfall dienen Almodóvar als Ausgangspunkt für einen Film im Film im Film – und wir Zuschauer sind nie verwirrt, sondern verzaubert, wenn flugs und zitatreich die Zeitebenen und Genres gewechselt werden.
Für das „Lexikon des internationalen Films“ gehört „Zerrissene Umarmungen“ „zum Anrührendsten und Schönsten, was das europäische Kino aktuell zu bieten hat“.
Anschließend, um 22.15 Uhr, zeigt Arte die brandneue einstündige Doku „Penélope Cruz: Diva im Spiegel“ (Frankreich 2022).
mit Penélope Cruz, Lluís Homar, Blanca Portillo, José Luis Gómez, Rubén Ochandiano, Tamar Novas
Rififi (Du rififi chez les hommes, Frankreich 1954)
Regie: Jules Dassin
Drehbuch: René Wheeler, Jules Dassin, Auguste le Breton
LV: Auguste le Breton: Du rififi chez les hommes, 1953
Kaum draußen aus dem Gefängnis plant Toni zusammen mit seinen Freunden Jo und Mario den Einbruch in ein Juweliergeschäft. Der Einbruch gelingt. Dann kommt ihnen eine rivalisierende Bande auf die Spur.
Mit „Rififi“ begründete Dassin das Caper-Movie: ein Film, bei dem die Planung und Durchführung eines Einbruches mit Mittelpunkt steht. „Dassins Film wirkt ein wenig wie die Synthese aus seinen eigenen realistischen Kriminalfilmen aus Hollywood, das er der antikommunistischten Hexenjagden McCarthys wegen hatte verlassen müssen, und den französischen Filmen aus der Tradition des Poetischen Realismus. Dabei potenziert sich der Pessimismus so sehr wie die Stilisierung: In einer halbstündigen Sequenz, in der der technische Vorgang des Einbruchs gezeigt wird, gibt es weder Dialoge noch Musikuntermalung. Die technische Präzision, die fast ein wenig feierlich zelebriert wird und in der die Männer ganz offensichtlich ihre persönliche Erfüllung finden, mehr als in der Freude über die Beute, steht dabei im Gegensatz zu ihrem fast ein wenig melancholischen Wesen.“ (Georg Seeßlen)
Am Montag, den 25. Juli, zeigt Arte um 20.15 Uhr „Topkapi“ (USA 1964), Dassins gelungene und überaus beliebte „Rififi“-Parodie.
Mit Jean Servais, Carl Möhner, Robert Manuel, Robert Hossein, Perlo Vita (Pseudonym von Dassin)
Jetzt geht die unappetitliche, kommerziell sehr erfolgreiche „Monsieur Claude“-Filmserie in die dritte Runde. Der erste Auftritt des nationalistischen Provinzanwalts lockte in Frankreich über zwölf Millionen Zuschauer in die Kinos. In Deutschland waren es gut vier Millionen. Der zweite Teil lockte in Frankreich immer noch 6,8 Millionen in die Kinos. Damit stehen beide Filme in den Top 100 der größten Erfolge in der Geschichte des französischen Films. In Deutschland sahen sich im Kino knapp 1,4 Millionen Zuschauer die Komödie an. Damit landete sie mühelos in den Top Twenty der meistbesuchten Filme des Jahres. Der dritte „Monsieur Claude“-Film hat in Frankreich bereits fast 2,5 Millionen Zuschauer erreicht. Bei uns startet er in über sechshundert Kinos.
Dieses Mal dreht sich die Filmgeschichte vor allem um den vierzigsten Hochzeitstag von Claude Verneuil und seiner Frau Marie. Während der Pensionär diesen Tag ohne größeres Aufsehen begehen möchte, planen seine vier Töchter in aller Heimlichkeit ein großes Fest, zu dem selbstverständlich auch die in der ganzen Welt verstreut lebenden Schwiegereltern eingeladen werden.
Das Chaos ist vorprogrammiert und natürlich gibt es, wenn die verschiedenen Generationen und durchweg grenzwertigen Familien aufeinanderprallen, genug Raum für Witze. Und damit kommen wir zu dem unappetitlichem Teil der Serie. Sie pflegt und bejaht fröhlich konservative und reaktionäre Ressentiments und Vorurteile.
So wird in „Monsieur Claude und seine Töchter“ (2014) zuerst postuliert, dass wir alle Rassisten sind. Das am Filmende empfohlene Gegenmittel gegen den Rassismus ist der Nationalismus in der Form des Gaullismus. In „Monsieur Claude 2“ (2019) wird das heile Provinzleben gegen das schlimme, in Kriminalität, Aggression und Hass versinkende Großstadtleben empfohlen. Am Ende der Komödie ziehen Monsieur Claudes Töchter und ihre Männer in die Provinz, in der es – abseits aller Fakten – keinen Rassismus gibt.
Im dritten „Monsieur Claude“-Film wird sich, ähnlich eindimensional, das nächste konservative Lieblingsthema vorgenommen: die angestammte Rolle der Frau, die hier, wieder einmal, auf die drei Ks „Kinder, Küche, Kirche“ reduziert wird.
Monsieur Claudes Töchter haben, zum Entsetzen des katholischen Monsieur Claude in „Monsieur Claude und seine Töchter“, einen Juden, einen algerischstämmigen Muslim, einen Chinesen und einen Schwarzafrikaner geheiratet. Die kindsköpfigen Männer verdienen jetzt in dem Dorf Chinon das Geld als Unternehmer, Anwalt, Bankier und Schauspieler. Ihre Frauen ziehen die vielen Kinder groß, besuchen die Kirche, schmeißen klaglos den Haushalt und können sich kein anderes Leben vorstellen. Sie und alle anderen Frauen in dem Film finden ihre Erfüllung in diesen Tätigkeiten.
Quasi nebenbei werden die künstlerischen Ambitionen von Monsieur Claudes Tochter Ségolène, die in der Familie geduldet werden, als talentloses, modernistisches Geschmiere abgewatscht. Wieder einmal werden die moderne Kunst und berufliche Ambitionen von Frauen der Lächerlichkeit preisgegeben. Es sind billige Pointen, die schon vor vierzig, fünfzig Jahren einen leicht ranzigen Geschmack hatten. Ebenso nebenbei bekommen im dritten „Monsieur Claude“-Film Veganer eine Klatsche. Eine Tochter von Monsieur Claude ist jetzt Veganerin. Die von ihr aufgetischten veganen Platten sind eine ausgesprochen lieblose Präsentation von Gemüse.
Diese rückwärtsgewandten Ansichten werden glorifiziert. Es wird also nicht über Monsieur Claude und seine reaktionären Ansichten gelacht, sondern es wird mit ihm gelacht. Die Filme bestätigen und verstärken so die angesprochenen Vorurteile. Eben diese Haltung macht die „Monsieur Claude“-Filme zu so unappetitlichen Komödien.
Monsieur Claude und sein großes Fest(Qu’est-ce qu’on a tous fait au Bon Dieu?, Frankreich 2022)
Regie: Philippe de Chauveron
Drehbuch: Guy Laurent, Philippe de Chauveron
mit Christian Clavier, Chantal Lauby, Ary Abittan, Medi Sadoun, Frédéric Chau, Noom Diawara, Frédérique Bel, Émilie Caen, Élodie Fontan, Alice David, Pascal N‘Zonzi, Salimata Kamate, Daniel Russo, Nanou Garcia, Abbes Zahmani, Farida Ouchani, Bing Yin, Li Heling, Jochen Hägele
Die in Wuppertal in der Psychiatrie arbeitende und lebende Pflegerin Sissi (Franka Potente) will unbedingt den Mann finden, der nach einem Autounfall ihr Leben rettete. Aber er ist zunächst nicht zu finden, will sich dann nicht mit ihr treffen und ist in einen Banküberfall verwickelt. Nichts davon hält Sissi ab. Denn Bodo ist nicht nur ihr Lebensretter, sondern auch der Mann ihres Lebens.
Nach dem Welterfolg „Lola rennt“ war sein nächster Film „Der Krieger und die Kaiserin“, wieder mit Franka Potente in der Hauptrolle, das Kontrastprogramm: anstatt knapp achtzig Minuten Tempo gibt es Langsamkeit in epischer Länge. Trotzdem ist das über deutlich über zweistündige Märchen sehenswert. Und eine Liebeserklärung an Tykwers Geburtsort, der hier zu einem Ort wird, in dem die profane Realität nicht mehr existiert.
„Eine faszinierende filmische Entdeckung der Langsamkeit, die in der urbanen Architektur Wuppertals ein reizvolles Sinnbild entdeckt.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Franka Potente, Benno Fürmann, Joachim Król, Lars Rudolph, Melchior Beslon, Ludger Pistor, Jürgen Tarrach, Natja Brunckhorst, Marita Breuer
Harper will einige Tage allein in Cotson Manor verbringen und den Tod ihres kürzlich verstorbenen Ehemannes verarbeiten. Sie fühlt sich für James‘ Tod wenigstens mitverantwortlich. Nach einem Streit stürzte er in London vom Balkon des Hauses, in dem sie wohnen. Die genaueren Umstände erzählt Alex Garland in seinem neuen Film „Men – Was dich sucht, wird dich finden“ in mehreren kurzen Rückblenden. Im Zentrum des Horrorfilms stehen Harpers Tage in Cotson. Sie streift durch den menschenleeren Wald, sieht in einer Ruine einen nackten Mann, der später in ihr Haus eindringen will. Und sie trifft andere Männer, wie den Vermieter, einen Pfarrer, Polizisten und einen einen eine Maske tragenden Jungen, die sich alle etwas seltsam und bedrohlich verhalten.
Nach zwei überzeugenden Science-Fiction-Spielfilmen – „Ex Machina“ (Ex Machina, USA/Großbritannien 2014) und „Auslöschung“ (Annihilation, USA 2018) – widmet Alex Garland sich in „Men“ dem Horrorfilm. Vor allem dem Folk-Horrorfilm und dem psychologischen Horrorfilm. Garland übernimmt vollständig den Blick seiner Hauptperson. Er erzählt seine Geschichte eindeutig aus Harpers Perspektive. Ihre Trauer, Schuldgefühle und Ängste bestimmen die Geschichte. Deshalb ist es nur konsequent, Rory Kinnear (Tanner in den Daniel-Craig-James-Bond-Filmen) fast alle Männer spielen zu lassen. Für Harper sind nach dem Tod ihres gewalttätigen Ehemannes alle Männer bedrohlich und sie sehen auch alle, mehr oder weniger, gleich aus. Sie werden auch, mehr oder weniger schnell, mehr oder weniger eindeutig, übergriffig. Der überaus servile Besitzer von Cotson Manor ist zu höflich, macht unpassende Anspielungen und stellt, als er ihr sein Haus zeigt, unverschämte Fragen, der Grüne Mann ist aufdringlich nackt und bedrohlich, der Pfarrer ist schon bei der ersten Begegnung zu besorgt und, anstatt Harper Trost zu spenden, verstärkt er ihre Schuldgefühle, der neunjährige Samuel verströmt hinter seiner Maske eine irritierende Mischung aus Unverschämtheit und Höflichkeit, der Polizist und die im Pub Bier trinkenden Männer scheinen nur daran interessiert zu sein, Harper die Schuld für ihre Probleme zuzuschieben. Wie es schon ihr tödlich verunglückter Mann getan hat.
Sie ist ein Opfer, sie soll sich als Opfer fühlen und wird von den Männern als passives Objekt ihrer Begierden betrachtet. Für Harper sollen die Tage in Cotson Manor, jedenfalls hat sie das so geplant, auch dazu dienen, sich aus dieser passiv duldenden Rolle zu befreien. Also vom Objekt zum Subjekt ihres Lebens zu werden; – wobei, je mehr wir über James‘ Tod erfahren, diese eindeutige Zuordnung diffuser wird.
Garland lotet in seiner Folk-Horror-Geschichte geduldig, mit einem präzisen Blick für religiös und mythologisch aufgeladene Details (wie die Äpfel und der Grüne Mann), in langen stummen Szenen und wenigen Dialogen Harpers Gefühlsleben aus. Dabei vertraut er auf Jessie Buckley („The lost Daughter“), die Harper spielt, ihren von Rory Kinnear gespielten Antagonisten und die Bilder von seinem Stamm-Kameramann Rob Hardy. Mit ihren intensiven Farben und dem präzise komponiertem Bildaufbau verstärken sie schon von der ersten Minute an die beunruhigende Atmosphäre.
So gelungen dieser Spannungsaufbau ist, so schnell ist auch klar, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird. Außerdem ist das Body-Horror-Finale etwas zu lang geraten.
Men – Was dich sucht, wird dich finden (Men, Großbritannien 2022)
Regie: Alex Garland
Drehbuch: Alex Garland
mit Jessie Buckley, Rory Kinnear, Paapa Essiedu, Gayle Rankin, Sarah Twomey, Zak Rothera-Oxley, Sonoya Mizuno
Drehbuch: Ali Abbasi, Isabella Eklöf, John Ajvide Lindqvist (nach der Erzählung „Gräns“ von John Ajvide Lindqvist)
Zollbeamtin Tina kann Gefühle erschnüffeln. Bei der Jagd auf Verbrecher ist dieses Talent ein Vorteil. Als sie bei einer Zollkontrolle Vore trifft, versagt ihr Geruchssinn. Aber sie weiß, dass er etwas verbirgt und dass sie sich zu ihm hingezogen fühlt.
Zu Recht hochgelobtes genreüberschreitendes Drama. „Das grandiose Drama verwebt sozialen Realismus, Fantasy und skandinavische Mythologie zu einem zwitterhaften Werk, in dem aktuelle gesellschaftliche Debatten um Identitat, Ausgrenzung und Rassismus anklingen. Ein im wahrsten Sinne des Wortes grenzüberschreitender Ausnahmefilm.“ (Lexikon des internationalen Films; dort auch in der Liste der 20 besten Kinofilme des Jahres 2019)
Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien (Deutschland 2020)
Regie: Bettina Böhler
Drehbuch: Bettina Böhler
TV-Premiere. Zweistündige Doku über Christoph Schlingensief (1960 – 2010), dem wir etliche spektakuläre Kunstaktionen, die Partei „Chance 2000“ („Scheitern als Chance“), Theateraufführungen und einige Perlen der Filmkunst, wie „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“, „Das deutsche Kettensägenmassaker“, „Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“ und „Die 120 Tage von Bottrop“, verdanken.
Für ihre Doku montierte Bettina Böhler vorhandenes, teils bis dahin unbekanntes Archivmaterial zu einem überzeugenden und auch für Schlingensief-Kenner sehenswertem Porträt.
Die Musik ist von Helge Schneider.
Mit Christoph Schlingensief, Margit Carstensen, Udo Kier, Sophie Rois, Bernhard Schütz, Helge Schneider, Dietrich Kuhlbrodt, Susanne Bredehöft, Alfred Edel, Irm Hermann, Martin Wuttke, Tilda Swinton (natürlich alles Archivmaterial)
Eine Frau mit berauschenden Talenten (La daronne, Frankreich 2020)
Regie: Jean-Paul Salomé
Drehbuch: Hannelore Cayre, Jean-Paul Salomé, Antoine Salomé (Zusammenarbeit)
LV: Hannelore Cayre: La daronne, 2017 (Die Alte)
Patience Portefeux (Isabelle Huppert) kommt als schlecht bezahlte Übersetzerin für das Pariser Drogendezernat gerade so über die Runden. Als sie bei einem Telefonat von einem großen Drogendeal erfährt, in den der Sohn einer Pflegerin ihrer Mutter involviert ist, hat sie eine Idee. Kurz darauf hat sie anderthalb Tonnen Haschich im Keller eines Mietshauses gelagert und sie beginnt die Drogen an die richtigen Männer zu verkaufen. Während die Polizei unbedingt die neue Drogengroßhändlerin schnappen will.
TV-Premiere der wundervollen Krimikomödie zu einer wenig berauschenden Uhrzeit.
Staatssekretär Stephen Fleming (Jeremy Irons) beginnt eine Affäre mit Anna Barton (Juliette Binoche), der künftigen Ehefrau seines Sohnes. Keine gute Idee.
Ob eine solche außereheliche Beziehung heute noch ein Skandal wäre? In jedem Fall ist sie die Ausgangslage für ein überaus gelungenes Filmdrama.
„eine der formal geschlossensten Inszenierungen des international tätigen Franzosen. (…) Ein Thriller, der vor der psychologischen und erotischen Provokation nicht zurückschreckt und Tabus, wie eh und je bei Malle, mit analystischer Nüchternheit und kühler, beherrschter Leidenschaft bricht.“ (Fischer Film Almanach 1994)
Mit Jeremy Irons, Juliette Binoche, Miranda Richardson, Rubert Graves, Leslie Caron, Ian Bannen, Gemma Clarke, Peter Stormare
Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück(Deutschland/Luxemburg/Frankreich 2015)
Regie: Florian Gallenberger
Drehbuch: Torsten Wenzel, Florian Gallenberger
Chile, 1973: Als ihr Freund während des Militärputschs verschwindet, macht Lena sich auf die Suche nach ihm. Sie glaubt, dass er in der Colonia Dignidad festgehalten wird. Als unlängst zum Christentum Bekehrte schleust sie sich in die von dem Deutschen Paul Schäfer geleitete, abgeschottet im Süden Chiles residierende Sekte ein. Dort entdeckt sie ein Terrorregime, das eine äußerst genaue Beschreibung des Lebens in der Colonia Dignidad ist. Sie wurde 1961 von dem ehemaligen evangelischen Jugendpfleger, Laienprediger und Pädophilen Paul Schäfer gegründet. In ihr sollte ein urchristliches Leben geführt werden. Seine Jünger, alles Deutsche, verehrten ihn.
Insgesamt sehenswerter Polit-Thriller, der zum Kinostart mit einer erfundenen Geschichte (Lena und ihr Freund Daniel sind erfundene Charaktere) ein unrühmliches Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte wieder ins öffentliche Bewusstsein zurückholte: die Colonia Dignidad, ihre Unterstützung durch die deutsche Politik (vor allem durch CSU-Politiker) und ihre Beziehungen zum chilenischen Pinochet-Folterregime.
Duplicity – Gemeinsame Geheimsache (Duplicity, USA 2009)
Regie: Tony Gilroy
Drehbuch: Tony Gilroy
Nach Agententhriller (die “Bourne”-Serie) und Politthriller (“Michael Clayton”) ist Tony Gilroy jetzt bei der romantischen Thriller-Komödie mit Screwball-Elementen angelangt: zwei Industriespione, die eine Liebe-Hass-Beziehung (ersteres persönlich, letzteres beruflich) pflegen, beschließen, ihre Bosse um einige Millionen zu erleichtern. Aber können sie sich trauen? Und können sie mit dem Geld entkommen?
Die Kritiken tendieren zu einem leichten „ich hätte mehr erwartet“, aber zwei Stunden gepflegte Unterhaltung sind garantiert. „Mit viel doppelbödigem Charme und herausragendem Ensemble macht Tony Gilroy aus der Agentenromanze einen wunderbaren Film.“ (Thomas Klein, tip 10/2009)
Mit Julia Roberts, Clive Owen, Tom Wilkinson, Paul Giamatti, Ulrich Thomsen (als Big Swiss Suit; – was einiges über die Größe der Rolle aussagt)
Little Big Soldier (Da bing xiao jiang, China/Hongkong 2010)
Regie: Sheng Ding
Drehbuch: Jackie Chan
Ein Soldat (Jackie Chan), der mit seiner äußerst unheroischen Kampftechnik „Toter Mann“ eine Schlacht überlebt, kann danach einen gegnerischen General gefangennehmen. Er will ihn zu seinem König bringen und die Belohnung in Empfang nehmen.
In „Little Big Soldier“ gibt es, wie man es von Jackie Chan kennt, Action und Komik. Aber auch beträchtliche Schauwerte und eine zeitlose Antikriegsbotschaft. Ein sehr sympathischer Film.
Neben den professionelle Pornodarstellern gibt es, wie ein Blick auf die einschlägigen Pornoportale verrät, ‚Amateur Porn‘. Das sind dann Filme von nicht-professionellen Darstellern (was andeutet, dass sie damit kein oder eher wenig Geld verdienen) und Paaren, die Sex vor der Kamera haben.
Eines dieser Paare porträtiert Joscha Bongard in seinem Dokumentarfilm „Pornfluencer“.
Andreea und Nico leben mit ihren Katzen auf Zypern. In ihren Pornos treten sie als Jamie Young und Nico Nice bzw. Youngcouple9598 auf und sie verdienen mit ihren ungefähr zweihundert Filmen und damit zusammenhängenden Aktivitäten viel Geld. Im ersten Monat waren es, wie Nico erzählt, über zehntausend Euro. Während der Dreharbeiten für „Pornfluencer“ launchen sie ihre eigene Homepage und sie wollen nach Prag expandieren. Damit stellt sich dann auch irgendwann die Frage, wie sehr Andreea und Nico noch Amateure oder nicht inzwischen schon professionelle Darsteller sind, die eine Firma aufgebaut haben, auf der auch Filme mit anderen Frauen präsentiert werden.
Diese, zugegeben eher unwichtige Frage nach der Trennung zwischen Amateur- und professioneller Pornographie, interessiert Joscha Bongard nicht weiter. Das globale Geschäft mit Internet-Pornos wird in einem kurzen, animierten Erklärclip behandelt. Im Mittelpunkt von Bongards Dokumentarfilm stehen Andreea und Nico. Er zeigt, wie die beiden auf Zypern leben. Sie erzählen von ihrem Leben. Seit 2018 drehen sie Pornos. Für Andreea ist es die erste Beziehung. Nico kaum auf die Idee mit den Pornos, nachdem er im Internet nach Möglichkeiten suchte, schnell viel Geld zu verdienen.
Anfangs erscheinen sie – Andreea ist 22 Jahre, Nico 25 Jahre alt – als sympathisches junges Paar, das sich liebt, neckt, miteinander lacht, zusammen arbeitet und jetzt erst einmal viel Geld verdienen will. In dem Rahmen kann die Zustimmung zu dem Porträt als Imagepflege und Erschließen neuer Kundenkreise gesehen werden.
Bongard konzentriert sich in seinem Dokumentarfilm auf Andreea und Nico. Familienmitglieder und Freunde kommen nicht vor. Ob das daran liegt, dass Bongard sich nur auf das Paar konzentrieren wollte oder ob sie gegen Interviews mit Familienmitglieder und Freund waren oder ob Familienmitglieder und Freunde Interviews ablehnten, ist unklar. Jedenfalls, auch weil sie sich auf Zypern mit niemandem unterhalten, entsteht mit der Zeit das Bild eines vollständig isoliert lebenden Paares.
Später wird die traditionelle Rollenverteilung zwischen ihnen immer deutlicher. Nico war früher in der Pick-Up-Szene aktiv. Er will täglich Sex haben. Mit Andreea oder einer anderen Frau. Die Idee eines Dreiers findet er charmant. Andreea wäre damit einverstanden, wenn Nico es unbedingt will. Ansonsten will sie treu sein. Wenn sie ihre Filme drehen oder Fotos machen, schlägt er ihr immer wieder vor, was sie zu tun habe. Nicht immer ist sie einverstanden. Meistens schon.
Interessant und gelungen umgesetzt ist Bongards Idee, den Film so zu präsentieren, als betrachte man einen Computerbildschirm und bewege sich zwischen verschiedenen Tabs. Die beiden für den Film befragten Experten Sylvia Sadzinski und Andreas Baranowski werden wie ein YouTube-Clip, mit zusätzlichen Informationen unter dem Bild, in den Film eingefügt. Und der Abspann ist dem Impressumsteil mit den dortigen rechtlichen Erklärungen nachempfunden. Das ist eine schöne, im Rahmen dieses Films sehr gut funktionierende Idee.
Pornfluencer (Deutschland 2022)
Regie: Joscha Bongard
Drehbuch: Joscha Bongard, Wolfgang Purkhauser
mit Andreea (aka Jamie Young), Nico (aka Nico Nice), Sylvia Sadzinski, Andreas Baranowski
Sag nicht, wer du bist! (Tom à la ferme/Tom at the Farm, Kanada/Frankreich 2013)
Regie: Xavier Dolan
Drehbuch: Xavier Dolan, Michel Marc Bouchard
LV: Michel Marc Bouchard: Tom at the Farm (Theaterstück)
Werbetexter Tom (Xavier Dolan) fährt zur Beerdigung seines Freundes aus Montreal in die tiefste kanadische Provinz. Dort wird er von dem gewalttätigem Bruder seines Freundes gehindert, die Farm zu verlassen.
„Sag nicht, wer du bist!“ ist nicht Dolans stärkster Film. Dafür ist alles zu gekünstelt und die Hauptfiguren verhalten sich seltsam.