Neu im Kino/Filmkritik: Das Biopic „Whitney Houston: I wanna dance with somebody“

Dezember 22, 2022

Kommen wir zum neuesten Eintrag in der stetig wachsenden Liste von Musiker-Biopics. Zuletzt liefen im Kino Baz Luhrmanns „Elvis“ (über Elvis Presley) und Liesl Tommys Aretha-Franklin-Biopic „Respect“. Jetzt porträtiert Kasi Lemmons („Harriet – Der Weg in die Freiheit“) Whitney Houston.

Houston wird am 9. August 1963 in New Jersey geboren. Ihre Mutter ist die Soul- und Gospel-Sängerin Cissy Houston. 1983 unterschreibt Whitney Houston bei Arista Records. 1985 veröffentlich sie dort ihre erste LP. „Whitney Houston“ wird ein voller Erfolg. Die LP und die Singles stürmen die Charts. Das gleiche gilt für die beiden folgenden LPs „Whitney“ (1987) und „I’m your Baby tonight“ (1990). 1992 spielt sie in der enorm erfolgreichen Thriller-Schmonzette „Bodyguard“ eine Hauptrolle. Der Soundtrack, auf dem sie sechs Songs singt, ist ein Verkaufserfolg. Sie erhält etliche Grammys, Billboard Music Awards und American Music Awards. 1992 heiratet sie den R&B-Sänger Bobby Brown. Ihre gemeinsame Tochter wird 1993 geboren. Sie nimmt Drogen und veröffentlicht kaum noch neue Songs. Am 11. Februar 2012 ertrinkt sie, einen Tag vor der Verleihung der Grammy Awards, in Beverly Hills in einem Hotelzimmer in einer Badewanne. Ihr Drogenkonsum und eine Herzkrankheit sollen ihren Tod mitverschuldet haben.

Das wären die nackten Daten eines kurzen Lebens, die in einem Biopic natürlich ausgefüllt werden müssen. Kasi Lemmons tut dies arg konventionell, vollkommen unkritisch und indem sie das ganze Leben von Whitney Houston von ihren musikalischen Anfängen bis zu ihrem Tod erzählt. In 145 Minuten erzählt sie 30 Jahre Leben, garniert mit 22 neu abgemischten Hits aus Houstons Repertoire, die auch im Film weitgehend von Houston gesungen werden. Für die Fans der vor zehn Jahren verstorbenen Sängerin dürfte das genug sein, um sich das Biopic anzusehen.

Aber für alle anderen gibt es erstaunlich wenig Gründe, sich „Whitney Houston: I wanna dance with somebody“ anzusehen. Das beginnt mit der Machart. Lemmons erzählt einfach Stationen und Episoden aus dem Leben der Sängerin nach. Filmisch aufregend ist da, im Gegensatz zu Luhrmanns „Elvis“ (der ersten Hälfte) oder Dexter Fletchers grandiosem Elton-John-Biopic „Rocketman“, nichts.

Die Geschichte selbst krankt an der bis auf wenige Ausnahmen zum Scheitern verurteilten Idee, in einem Film ein ganzes Leben abzuhandeln. Besser ist es, sich auf eine wichtige Phase im Leben der porträtierten Person zu konzentrieren oder einen bestimmten Teil des Lebens dieser Person im Gegensatz zu allen anderen Phasen radikal hervorzuheben.

In „Whitney Houston: I wanna dance with somebody“ geht es, bis auf zwei Jahreszahlen am Filmanfang, ohne weitere Jahreszahlen chronologisch und an den falschen Stellen elliptisch durch die Jahrzehnte. Da wird von ihrer ersten Veröffentlichung gleich etliche Hits weiter gesprungen. Von den Dreharbeiten an ihrem ersten Film geht es zu der Bemerkung, dass sie inzwischen in drei Filmen mitgespielt habe. Arista-Chef Clive Davis sagt einmal, sie habe seit sieben Jahren keine LP mehr veröffentlicht. Sie heiratet Bobby Brown. Ihre Tochter ist im nächsten Bild ein ungefähr sechsjähriges Kind und im übernächsten ein Teenager. Houston ist plötzlich drogensüchtig und soll in eine Entziehungsklinik gehen. Sie begibt sich auf eine Welttournee. Kurz darauf ist sie tot. So episodisch und unverbunden, wie ich das jetzt aufgeschrieben habe, wird Houstons Leben, mit etlichen Live-Auftritten, im Film präsentiert.

In all den Episoden wird vieles angesprochen, aber auch nichts vertieft. Einiges, wie Bobby Browns bekannte Gewalttätigkeit, wird übergangen. Houstons Drogensucht wird oberflächlich angesprochen. Ihre Beziehung zu ihrer Jugendfreundin Robyn Crawford wird am Filmanfang ausführlich als auch lesbische Beziehung gezeigt. Irgendwann in der zweiten Filmhälfte verschwindet Crawford ohne Erklärung aus dem Film. Houstons Zerrisenheit zwischen der von ihr gewünschten Akzeptanz beim schwarzen Publikum und ihrem Erfolg beim weißen Publikum wird ebenfalls angesprochen, aber nicht vertieft. Ihr später immer wieder behaupteter Kampf um künstlerische Unabhängigkeit wird schon beim ersten Gespräch mit ihrem außergewöhnlich verständnisvollem Plattenproduzenten Davis (der auch einer der Produzenten dieses Films ist) konterkariert. Sie fordert die besten Komponisten für die besten Songs, die sie musikalisch herausfordern. Die Sängerin bekommt sie. Später wählt sie in gemeinsamen Sitzungen spontan neue Songs aus – und Davis stimmt ihr immer zu.

Zwischen all diesen Episoden ist abseits der reinen Chronologie kein roter Faden und auch kein eigenständiger Zugriff auf das Leben von Whitney Houston erkennbar. Weil Lemmons fast vollständig auf Jahreszahlen und tiefergehende Informationen verzichtet, empfiehlt sich vor dem Filmgenuß die Lektüre des Wikipedia-Artikels über die Sängerin. Der füllt dann die Lücken aus, die der Film hat.

Dabei hätte Houstons Leben für so vieles stehen können. Dafür hätte es natürlich einen Drehbuchautor und Regisseurin gebraucht, die eine eigenständige Sicht auf Houstons Leben entwickelt hätten und uns erzählen würden, warum wir uns heute für Whitney Houston interessieren sollten. Also inwiefern sie für irgendetwas ein Vorbild, gerne auch ein schlechtes Vorbild, sein könnte.

Dieser mangelnde Mut macht „Whitney Houston: I wanna dance with somebody“ zu einem Biopic, das all die Probleme hat, die entstehen, wenn in zwei Stunden das gesamte Leben der porträtierten Person von ihren Anfängen bis zu ihrem Tod behandelt wird und wenn im Film porträtierte Personen oder Angehörige der porträtierten Person beteiligt sind. Da ist kein Platz für kritische Worte. 

Am Ende erschöpft sich die Leistung dieses Biopics in der Aufbereitung von 22 Popsongs für das Kino.

Whitney Houston: I wanna dance with somebody (Whitney Houston: I wanna dance with somebody; USA 2022)

Regie: Kasi Lemmons

Drehbuch: Anthony McCarten

mit Naomi Ackie, Stanley Tucci, Ashton Sanders, Tamara Tunie, Nafessa Williams, Clarke Peters

Länge: 145 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Whitney Houston: I wanna dance with somebody“

Metacritic über „Whitney Houston: I wanna dance with somebody“

Rotten Tomatoes über „Whitney Houston: I wanna dance with somebody“

Wikipedia über „Whitney Houston: I wanna dance with somebody“ (deutsch, englisch) und Whitney Houston (deutsch, englisch)

AllMusic über Whitney Houston

History vs. Hollywood wirft einen Blick auf das Biopic

Meine Besprechung von Nick Broomfield/Rudi Dolezals „Whitney – Can I be me“ (Whitney: Can I be me, USA/Großbritannien 2017) (sehr gelungene Doku über die Sängerin)

 


TV-Tipp für den 22. Dezember: Sleepy Hollow

Dezember 21, 2022

Kabel 1, 22.50

Sleepy Hollow (Sleepy Hollow, USA 1999)

Regie: Tim Burton

Drehbuch: Andrew Kevin Walker (nach einer Filmgeschichte von Kevin Yagher und Andrew Kevin Walker)

LV (Inspiration): Washington Irving: The Legend of Sleepy Hollow, 1820 (Die Sage von der schläfrigen Schlucht)

1799 soll Constable Ichabod Crane, ein Rationalist vor dem Herrn, in einem kleinen Dorf in der Nähe von New York mehrere Morde aufklären. Die Einheimischen behaupten, die Morde wurden von einem kopflosen Reiter begangen.

Schöner Horrorfilm von Tim Burton.

Hier zwei zeitgenössische Kritiken:

„Die perfekte Mischung aus haarsträubendem Grauen und schwarzem Humor, eine bis ins Detail perfektionistische Umsetzung und eine sichere Hand bei der Führung eines herausragenden Darstellerensembles machen aus ‚Sleepy Hollow‘ eine der ausgereiftesten Regiearbeiten Tim Burtons.“ (Steffen Heinke, Filmecho-Filmwoche)

„ein freudianisches Disneyland erschüttert vom Grand Guignol“ (Mariam Lau, Die Welt)

Die Musik ist von Danny Elfman; die Bilder sind von Emmanuel Lubezki.

mit Johnny Depp, Christina Ricci, Miranda Richardson, Michael Gambon, Casper Van Diem, Jeffrey Jones, Christopher Lee

Wiederholung: Donnerstag, 29. Dezember, 00.00 Uhr (Mitternachtsgenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Sleepy Hollow“

Wikipedia über „Sleepy Hollow (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tim Burtons “Frankenweenie” (Frankenweenie, USA 2012, nach einem Drehbuch von John August)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Big Eyes“ (Big Eyes, USA 2014)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Die Insel der besonderen Kinder“ (Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, USA 2016)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Dumbo“ (Dumbo, USA 2019)

Tim Burton in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Ennio Morricone – Der Maestro“ erzählt und seine Musik erklingt

Dezember 21, 2022

Bei aktuellen Hollywood-Blockbustern ist die Musik oft – langweilig. Im Film blubbert sie unauffällig als rhythmische Geräuschkulisse vor sich hin. Nach dem Film, wenn man sich den Soundtrack ohne den Film anhört, blubbert sie ebenso unauffällig vor sich hin.

Bei der Musik von Ennio Morricone passiert das nicht. Sie ist auffällig. Die Melodien bleiben im Gedächtnis haften und sie funktionieren auch ohne den Film ausgezeichnet. Der am 6. Juli 2020 verstorbene Komponist ist unbestritten einer der wichtigsten Filmkomponisten. Dabei wollte der am 10. November 1928 in Rom geborene Musikersohn klassischer Komponist werden. Er studierte, mit Abschluss, am Konservatorium von Santa Cecilia Trompete und Chormusik. Eine ebenfalls erfolgreiche abgeschlossene Ausbildung bei Goffredo Petrassi als Komponist schloss sich an. Er besuchte Kurse für Neue Musik. Und er schrieb Arrangements für Popsongs.

Die Filmsachen – seine erste Filmmusik war 1961 für Luciano Salces Komödie „Zwei in einem Stiefel“ – machte er Anfangs zum Geldverdienen. Es dauerte, wie Morricone in Giuseppe Tornatores Dokumentarfilm „Ennio Morricone – Der Maestro“ freimütig erzählt, sehr lange, bis er akzeptierte, dass er Filmkomponist ist und dass eine gute Filmmusik sich nicht vor einem für eine Bühnenaufführung geschriebenem Orchsterstück verstecken muss. In dem Moment hatte er schon viele, sehr viele Filmmusiken geschrieben. Unter anderem für die stilprägenden Italo-Western von Sergio Leone. Letztendlich schrieb er für alle wichtigen Leone-Filme, nämlich „Für eine Handvoll Dollar“, „Für ein paar Dollar mehr“, „Zwei glorreiche Halunken“, „Spiel mir das Lied vom Tod“„Todesmelodie“ und „Es war einmal in Amerika“, die Filmmusik.

Daneben schrieb er die Musik für viele italienische, französische und amerikanische Filme. Unter anderem für „Leichen pflastern seinen Weg“, „1900“, „In der Glut des Südens“, „Der Profi“, „Mission“, „Die Unbestechlichen“ und, nach Jahrzehnten wieder für einen Film von Dario Argento, „Das Stendhal-Syndrom“. Insgesamt komponierte er für über fünfhundert Filme die Musik.

Er unterschied dabei, sofern das überhaupt schon während der Produktion absehbar war, nicht zwischen Genres, Arthaus- und Kommerzfilmen. Aber jeder Film, vor allem die Kommerzfilme, gewannen durch seine Musik. Einige Soundtrack-LPs wurden zu gesuchten Sammlerstücken und die Musik war bekannter als der in Vergessenheit geratene Film.

Zu seinen letzten Werken gehört der Soundtrack für Quentin Tarantinos Schneewestern „The Hateful 8“. Dafür erhielt Morricone den längst überfälligen Oscar für die beste Filmmusik. Davor war er bereits fünfmal nominiert. Als Trostpreis erhielt er 2007 den Ehrenoscar. Aber Preise waren Morricone nicht so wichtig. Er wollte komponieren. Und das tat er.

Mit Giuseppe Tornatore verband Ennio Morricone eine ähnlich lange Freundschaft und Arbeitsbeziehung wie zu Sergio Leone. Ihre erste Zusammenarbeit war 1988 „Cinema Paradiso“. Danach schrieb Morricone zu allen Filmen von Tornatore, unter anderem „Allen geht’s gut“, „Die Legende vom Ozeanpianisten“ und „Der Zauber von Malèna“, die Musik. Diese Freundschaft ist auch in Tornatores Morricone-Doku spürbar.

„Ennio Morricone – Der Maestro“ ist kein kritischer Dokumentarfilm, sondern eine fast dreistündige, formal klassisch aufgebaute, informative Liebeserklärung. Chronologisch erzäht Tornatore Ennio Morricones Leben in einer bewährten Mischung aus Statements von Morricone, von Wegbegleitern und Bewunderern, illustriert mit Fotografien, TV-Ausschnitten (aus dem italienischen Fernsehen und von den Oscar-Verleihungen) und Filmausschnitten nach. Die ausführlichen Ausschnitte aus bekannten Filmen wecken dabei sofort den Wunsch, diese Filme endlich wieder auf der großen Leinwand zu sehen.

Die Statements sind einerseits sehr gut geschnitten, andererseits darf nur Ennio Morricone mehrere Sätze hintereinander sagen. Alle anderen Gesprächspartner, die teilweise mehrmals auftreten, werden, wie wir es von zahlreichen neueren US-Dokumentarfilmen kennen, auf Halbsatz- und Ein-Satz-Statements heruntergekürzt.

„Ennio Morricone – Der Maestro“ ist einer der schönsten Dokumentarfilme des Jahres. Mit der besten Musik sowieso.

Ennio Morricone – Der Maestro (Ennio, Italien 2021)

Regie: Giuseppe Tornatore

Drehbuch: Giuseppe Tornatore

mit Ennio Morricone, Clint Eastwood, Terrence Malick, Quentin Tarantino, Dario Argento, Wong Kar-Wai, Barry Levinson, Hans Zimmer, John Williams, Bruce Springsteen, Joan Baez, James Hetfield, Quincy Jones, Zucchero, Lina Wertmüller, Bernardo Bertolucci, Roland Joffé, Mychael Danna, Mike Patton, Oliver Stone, Marco Bellocchio, Phil Joanou, Enzo G. Castellari, Liliana Cavani, Paolo Taviani, Vittorio Taviani, Pat Metheny (und viele mehr)

Länge: 163 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Ennio Morricone – Der Maestro“

Metacritic über „Ennio Morricone – Der Maestro“

Rotten Tomatoes über „Ennio Morricone – Der Maestro“

Wikipedia über „Ennio Morrcone – Der Maestro“ (englich, italienisch) und Ennio Morricone (deutsch, englisch, italienisch)

Und jetzt MUSIK!!!


TV-Tipp für den 21. Dezember: Margarethe von Trotta – Zeit der Frauen

Dezember 20, 2022

WDR, 22.45

Margarethe von Trotta – Zeit der Frauen (Italien/USA/Deutschland 2021)

Regie: Cuini Amelio Ortiz, Peter Altmann

Drehbuch: Cuini Amelio Ortiz, Peter Altmann

Spielfilmlange Doku über Margarethe von Trotta mit ihr und einiger Menschen, mit denen sie beruflich verbunden ist, unter anderem Volker Schlöndorff, Barbara Sukowa, Angela Winkler und Katja Riemann. Ortiz und Altmann gehen einmal chronologisch durch ihr Werk, konzentrieren sich auf ihre wichtigsten Kinofilme (ihre TV-Arbeiten werden fast vollständig ignoriert) und bieten so eine gute Einführung in ihr Leben und Werk. Interessant sind auch die historischen Aufnahmen aus Talk- und Nachrichtensendungen.

Störend ist, wie bei vielen anderen neueren Dokumentarfilmen, der Verzicht auf ein Voice-Over. Das ist eine gute Möglichkeit, auf die nicht verzichtet werden sollte, um wichtige Informationen zu liefern, die die Interviewten nicht sagen und einige Statements können so auch eingeordnet und in einen größren Zusammenhang gestellt werden. So ist auch „Margarethe von Trotta – Zeit der Frauen“ eine Abfolge von Statements von Zeitzeugen. Oft sind die Angaben zum Inhalt der besprochenen Filme ziemlich kryptisch.

Trotzdem: eine sehenswerte Doku.

Hinweise

Filmportal über Margarethe von Trotta

Wikipedia über Margarethe von Trotta (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas „Auf der Suche nach Ingmar Bergman (Deutschland 2018)


TV-Tipp für den 20. Dezember: Tatort: Und dahinter liegt New York

Dezember 19, 2022

NDR, 23.30

Tatort: Und dahinter liegt New York (Deutschland 2001)

Regie: Friedemann Fromm

Drehbuch: Friedrich Ani

Wer erschoss den Polizisten Reck? Die Kommissare Batic und Leitmayr ermitteln in Münchens nicht so gut gestellten Kreisen.

Toller Krimi mit fesselnder Story, guter Besetzung und authentischer Atmosphäre.

Bei der Erstausstrahlung gab es eine groteske Diskussion über den Titel: Dürfen wir nach dem Anschlag vom 11. September noch die Worte New York im Titel haben? Oder sollen wir sie durch die Welt ersetzten?

Mit Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, Michael Fitz, Barbara Rudnik, Thomas Anzenhofer

Hinweise

Wikipedia über diesen Tatort

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden“ (2011, mit Interview)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und die Schlüsselkinder” (2011)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und das heimliche Leben” (2012)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden und die Stimme der Angst“ (2013, neuer Titel von „Verzeihen“)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „M – Ein Tabor-Süden-Roman“ (2013)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der namenlose Tag“ (2015)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der einsame Engel“ (2016)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der Narr und seine Maschine“ (2018)

Friedrich Ani in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 19. Dezember: Der Leopard

Dezember 18, 2022

Arte, 20.15

Der Leopard (Il Gattopardo, Italien 1962)

Regie: Luchino Visconti

Drehbuch: Suso Cecchi d’Amico, Pasquale Festa Campanile, Massimo Franciosa, Enrico Medioli, Luchino Vicsonti

LV: Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Il Gattopardo, 1957 (Der Leopard, Il Gattopardo)

Ein Klassiker.

Und ehe ich jetzt ins Schwärmen gerate, verweise ich kühl auf meine ausführliche Besprechung des Films.

Anschließend, um 23.00 Uhr, zeigt Arte die gut einstündige Doku „Der Leopard: Geheimnis eines Bestsellers“ (Frankreich 2019).

Eigentlich könnte Arte (sonst macht es ja doch kein TV-Sender) mal eine Luchino-Visconti-Reihe machen.

mit Burt Lancaster, Alain Delon, Claudia Cardinale, Paolo Stoppa, Serge Reggiani, Rina Morelli, Mario Girotti, Giuliano Gemma

Wiederholung: Dienstag, 20. Dezember, 13.35 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Leopard“

Wikipedia über „Der Leopard“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Luchino Viscontis „Der Leopard“ (Il Gattopardo, Italien 1962)


TV-Tipp für den 18. Dezember: African Queen

Dezember 17, 2022

Arte, 20.15

African Queen (The African Queen, USA 1951)

Regie: John Huston

Drehbuch: James Agee, John Huston, Peter Viertel (ungenannt), John Collier (ungenannt)

LV: C. S. Forester: The African Queen, 1946 (Die „African Queen“)

Die zeitlos-witzige Abenteuerromanze (für die Jüngeren: Romantic-Comedy) enthält die klassischen Zutaten: zwei gegensätzliche Charaktere (Bogart als versoffener Kapitän und Hepburn als sittenstrenge Missionarin), exotische Kulisse (Ostafrika 1914), etwas Weltpolitik (sie will, nachdem die Deutschen ihre Familie ermordeten, ein Boot der Deutschen in die Luft jagen, er will in einem Fluss-Seitenarm in aller Ruhe seinen Schnapsvorrat austrinken) und ein vorhersehbares Ende (Ja, sie kriegen sich). Davor gibt es gefährliche Abenteuer und heftige Wortgefechte.

Bogart erhielt für diese untypische Rolle den schon lange überfälligen Oscar als bester Hauptdarsteller. Das Publikum liebte das streitbare Leinwandpaar. Die katastrophalen Dreharbeiten wurden später von Peter Viertel literarisch verarbeitet und von Clint Eastwood unter „Weißer Jäger, schwarzes Herz“ (White hunter, black heart; USA 1990) verfilmt.

Mit Humphrey Bogart, Katharine Hepburn, Robert Morley, Peter Bull

Wiederholung: Freitag, 23. Dezember, 13.30 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „African Queen“

Wikipedia über „African Queen“ (deutsch, englisch)

Reel Classics: “The African Queen”


TV-Tipp für den 17. Dezember: Wild Christmas

Dezember 16, 2022

Aus der Kategorie „der andere Weihnachtsfilm“ (und inige Hinweise auf an und um Weihnachten spielende Krimis)

ServusTV, 22.00

Wild Christmas (Reindeer Games, USA 2000)

Regie: John Frankenheimer

Drehbuch: Ehren Kruger

Knacki Rudi Duncan freut sich wie Bolle. Unter der Identität eines verstorbenen Knastkumpels will er sich an dessen Brieffreundin heranmachen. Die sieht nämlich unglaublich gut aus. Dummerweise hat sie einen Bruder. Der möchte, dass Rudi ihm beim Überfall eines Casinos hilft. Ein Casino, in dem Rudi früher arbeitete.

John Frankenheimers letzter Kinofilm ist nicht gerade ein Meisterwerk, aber ein vergnüglicher Neo-Noir mit viel Schnee, Weihnachtsmännern und vielen Dingen, die mit Weihnachten nichts zu tun haben.

„Mag das Drehbuch auch gelegentlich ein wenig überkonstruiert erscheinen, die Inszenierung von Regie-Veteran Frankenheimer erweist sich als absolut schnörkellos und handwerklich perfekt.“ (tip 25/2000)

Die US-Kritik war nicht so begeistert.

Frankenheimer inszenierte „Der Gefangene von Alcatraz“, „Botschafter der Angst“ (The Manchurian Candidate), „Grand Prix“, „French Connection II“, „Schwarzer Sonntag“ und „Ronin“.

mit Ben Affleck, Gary Sinise, Charlize Theron, Donal Logue, Danny Trejo, Clarence Williams III, Dennis Farina

Wiederholung: Sonntag, 18. Dezember, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Wild Christmas“

Wikipedia über „Wild Christmas“ (deutsch, englisch)

Meine Bepsrechung von John Frankenheimers „Die jungen Wilden“ (The Young Savages, USA 1960)


TV-Tipp für den 16. Dezember: Nach Hause telefonieren!

Dezember 15, 2022

Arte, 22.05

Nach Hause telefonieren! – Wie E. T. Kinos und Herzen eroberte (Frankreich 2022)

Regie: Clélia Cohen, Antoine Coursat

Drehbuch: Clélia Cohen, Antoine Coursat

Brandneue, gut einstündige Doku über Steven Spielbergs „E. T. – Der Außerirdische“ mit Archivmaterial von den Dreharbeiten und aktuellen Interviews, unter anderem mit Steven Spielberg.

Hinweise

Arte über die Doku (bis zum 14. Januar 2023 in der Mediathek)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (The Post, USA 2017)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Ready Player One“ (Ready Player One, USA 2018)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „West Side Story“ (West Side Story, USA 2021)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Stille Post“ aus Cizre nach Berlin

Dezember 15, 2022

Der in Berlin lebende Grundschullehrer Khalil glaubt, auf einem Video seine Schwester Selem zu erkennen. Bis dahin glaubte der Kurde, sie sei vor Jahren erschossen worden. Das Video ist aus der in dem Moment von der restlichen Welt abgeschlossenen südostanatolischen Stadt Cizre. Das türkische Militär hat auf der Jagd nach PKK-Terroristen die Stadt eingekesselt und den Ausnahmezustand verhängt.

Khalil will Selem aus Cizre retten. Helfen könnte ihm der PKK-Mann Hamid. Er hat Kontakt zu den in Cizre lebenden Kurden, die gegen das türkische Militär kämpfen. Hamid knüpft an seine Hilfe eine Bedingung: Khalil, der sich bislang nicht für kurdische Interessen einsetzte, soll die in Cizre von kurdischen Kämpfern aufgenommenen Bilder in die TV-Nachrichten bringen und so das türkische Militär und die türkische Regierung anklagen.

Khalil soll dafür seine Freundin, eine bei einem TV-Sender arbeitende Journalistin, benutzen.

Stille Post“ ist Florian Hoffmanns Abschlussfilm an der dffb. Auf die Geschichte kam er, weil der in Berlin geborene Regisseur türkische und kurdische Freunde hat. 2015 diskutierten und zerstritten sie sich über die Ereignisse in Cizre und wie sie zu verstehen seien. Mit Menschenrechtsaktivisten reiste Hoffmann nach Cizre, um einen Dokumentarfilm über das Leben der Menschen in Cizre zu drehen. Der Film entstand nicht. Er erkannte, dass er mit einem Dokumentarfilm, in dem die Gesichter seiner Gesprächspartner zu sehen wären, deren Leben gefährden würde.

Also erfand er die Geschichte von Khalil, die einen guten Einblick in das migrantische Leben und die Konflikte innerhalb der türkischen und kurdischen Community bietet.

Diese gelungenen Szenen werden konterkariert durch die immer wieder stark knirschende Geschichte. So ist es, zum Beispiel, für die Geschichte sehr wichtig, aber unglaubwürdig, dass Hamid und die PKK nur über Khalil an die Medien herantreten können.

Das von Florian Hoffmann gezeichnete Bild der Medien ist ein Zerrbild. Es ist die Sicht eines Aktivisten, der bestimmte politische Ziele erreichen will und enttäuscht ist, wenn das nicht so funktioniert, wie er es gerne hätte. Aus dieser Perspektive sollen die Medien einfach ungeprüft die in Cizre (oder einem anderem Kampfgebiet) aufgenommenen Videos ausstrahlen und so eine bestimmte Stimmung verbreiten. Die Medien sollen sie aber nicht überprüfen und auch nicht hinterfragen.

Jetzt sind die oft verwackelten Videos, die damals von Videoaktivisten aufgenommen wurden, in „Stille Post“ zu sehen. Im Film bilden sie ein Gegengewicht zu den Bildern aus Berlin.

Stille Post (Deutschland 2021)

Regie: Florian Hoffmann

Drehbuch: Florian Hoffmann

mit Hadi Khanjanpour, Kristin Suckow, Zübeyde Bulut, Aziz Çapkurt, Vedat Erincin, Jeanette Hain, Ferhat Keskin, Jacob Matschenz

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Stille Post“

Moviepilot über „Stille Post“

Wikipedia über „Stille Post“


Neu im Kino/Filmkritik: Über Charlotte Wells Debüt „Aftersun“

Dezember 15, 2022

Mit ihrem Vater Calum (Paul Mescal) verbringt die elfjährige Sophie (Frankie Corio, Debüt) einige Tage in der Türkei in einem abgeranzten Ferienresort. Entsprechend billig ist der All-inclusive-Urlaub im Ausland unter anderen Engländern.

Charlotte Wells beobachtet in ihrem Debütfilm „Aftersun“ dieses Vater-Tochter-Gespann geduldig und ohne große Erklärungen mit Bildern, die an zufällig und amateuerhaft aufgenommene Urlaubsbilder erinnern. Immer wieder ist offensichtlich, dass ein richtiger Kameramann die Kamera anders positioniert hätte als die Urlaubsfotografen, die sich keine Gedanken über den Bildaufbau machen. Jetzt sitzen die Figuren mit dem Rücken zur Kamera oder sie sind an den Bildrändern platziert. Diese bewusst falschen Aufnahmen verleihen den Bildern eine große Glaubwürdigkeit und Nähe zu den Protagonisten.

Die Minimalgeschichte selbst entwickelt sich ohne Erklärungen. Nur langsam können wir uns zusammenreimen, dass Calum nicht mehr mit Sophies Mutter zusammen ist und er jetzt nur einige Tage mit seiner Tochter verbringen darf, ehe sie wieder zu ihrer Mutter zurückkehrt. Er ist selbst noch jung und sucht noch nach seiner neuen Rolle gegenüber Sophie. Er möchte im besten Licht erscheinen und den Urlaub für Sophie sie angenehm wie möglich machen. Er präsentiert sich vor allem als väterlicher Freund, der auch der ältere Bruder sein könnte.

Sophie lümmelt im Pool herum und fährt in einem Vergnügungspark in einem Arcade-Spiel Motorrad. Auf dem zweiten Motorrad gesellt sich mehrmals stumm ein türkischer Junge zu ihr. Diese Szenen, ein organisierter Ausflug und der Kauf eines Teppichs sind die wenigen Begegnung des Vater-/Tochter-Gespanns mit den Einheimischen. Die restliche Zeit verbringen sie in der Ferienanlage zwischen Hotelzimmer, Pool und Veranstaltungssaal. Dort beteiligen sie sich an einer Karaoke-Veranstaltung. Die meiste Zeit dösen sie vor sich hin. Wie der Film, der eben diese Ereignislosigkeit protokolliert.

Weil Calum und Sophie sich erfolgreich von ihrer besten Seite präsentieren und sie erfolgreich versuchen, einen harmonischen Urlaub miteinander zu verbringen, gibt es im Film keinen Konflikt, der nach einer irgendwie gearteten Auflösung sucht. Die wenigen Momente, in denen etwas Dramatisches angedeutet wird, lösen sich schnell in Wohlgefallen auf.

Aftersun“ ist eine Abfolge von Schnappschüssen, die nur für die in ihnen abgebildeten Personen bedeutungsvoll sind. Oder für Menschen, die etwas ähnliches erleben oder erlebt haben und ihre eigenen Gefühle und Unsicherheiten bruchlos in den Film übertragen können.

Aktuell ist das hochgelobte Drama für etliche Preise nominiert. Einige Preise erhielt es bereits. In Cannes erhielt „Aftersun“ nach seiner Premiere den French Touch Jury Prize und bei den diesjährigen British Independent Film Award erhielt er sieben Preise, unter anderem in den Kategorien „Bester britischer Independent-Film“, Bestes Regiedebüt“, „Beste Regie“ und „Bestes Drehbuch“.

Aftersun (Aftersun, Großbritannien/USA 2022)

Regie: Charlotte Wells

Drehbuch: Charlotte Wells

mit Paul Mescal, Frankie Corio, Celia Rowlson-Hall

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Aftersun“

Metacritic über „Aftersun“

Rotten Tomatoes über „Aftersun“

Wikipedia über „Aftersun“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 15. Dezember: Boss Level

Dezember 14, 2022

Vox, 22.20

Boss Level (Boss Level, USA 2021)

Regie: Joe Carnahan

Drehbuch: Chris Borey, Eddie Borey, Joe Carnahan

Ex-Delta-Force-Kämpfer Roy Pulver will wissen, warum er in einer Zeitschleife steckt und wie er sich aus ihr befreien kann. Dafür mordet er sich jeden Tag ein Stückchen weiter, ehe er getötet wird. Am nächsten Tag beginnt er wieder von vorne.

TV-Premiere der Over-the-Top-Actionfilm-Variante von „…und täglich grüßt das Murmeltier“, die nie ins Kino kaum. „als reines Actionfeuerwerk unterhält der Film (…) solide“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Frank Grillo, Mel Gibson, Naomi Watts, Annabelle Wallis, Michelle Yeoh

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Boss Level“

Wikipedia über „Boss Level“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Joe Carnahans “The Grey – Unter Wölfen” (The Grey, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: Über James Camerons „Avatar: The Way of Water“

Dezember 14, 2022

Beginnen wir für die Ungeduldigen und mit einigen Feststellungen. Die Bilder – ich habe „Avatar: The Way of Water“ Im IMAX in 3D gesehen – sind toll. Der 3D-Effekt ist gelungen. Meistens fällt er nicht auf. In einigen Momenten wird er sehr gut eingesetzt. Das ist eher bei den Natur- als bei den Kampfaufnahmen der Fall. Und nur sehr selten stört er. So gibt es am Anfang einige Bilder von Menschengruppen, die wie ein Scherenschnitt-Theater wirken. Die Spezialeffekte überzeugen. Das alles konnte man erwarten. Das war schon bei „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ (2009) so. Damals wie heute zeigt Cameron, was möglich ist. Die Bilder in den Trailern vermitteln davon noch nicht einmal eine blasse Ahnung.

Die Story ist wieder einmal vernachlässigbar. Cameron interessiert sich für Bilder einer unberührten Natur und menschenähnlichen Wesen die in Eintracht mit der Natur und allen Lebewesen leben. Dreidimensionale Figuren, tiefergehende Konflikte und sich daraus ergebende Charakterenwicklungen sind ihm egal. Hier liefert Cameron nur das allernötigste.

Am Ende von „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ blieb Jake Sully, ein zum Na’vi gewordener US-Marine, mit der Na’vi-Häuptlingstochter Neytiri, auf Pandora, dieser naturbelassenen Welt, auf der die Na’vi mit allen anderen Lebewesen in friedlicher Harmonie leben.

Seitdem sind einige Jahre vergangen. Die Kinder wurden größer und die Menschen kehren zurück. Dieses Mal wollen sie den Planeten erobern. Dafür wird Colonel Miles Quaritch, Sullys ehemaliger und im ersten Film verstorbener Vorgesetzter, wiederbelebt, indem sein Geist in einen geklonten Na’vi-Soldaten implantiert wird. Zusammen mit einigen anderen, letztendlich namenlos bleibenden, auf die gleiche Art geklonten Na’vi-Soldaten soll er Jake Sully finden.

Als er sie in den aus dem ersten „Avatar“-Film bekannten dschungelartigen Wäldern findet, flüchten Sully und seine Familie zu den Metkayina. Sie leben auf unzähligen Südseeinseln am und im Wasser in friedlicher Symbiose mit den im Wasser lebenden Pflanzen und Tieren.

Während die Sullys sich noch in ihrer neuen Welt einleben, hat Quaritch ihre Fährte aufgenommen.

In „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ erzählt James Cameron, überraschend naiv, einfach noch einmal die sattsam bekannte Geschichte von Pocahontas. In „Avatar: The Way of Water“ erzählt er jetzt die Geschichte einer Militäroperation gegen einen Fahnenflüchling.

Nur dass wir auf der Seite des Flüchtlings stehen, der vor allem seine Familie, aber auch seinen Stamm und Pandora retten will. Auch wenn Sully in diesem Film noch nicht der Anführer der Na’vis gegen die Menschen ist (das kann in den nächsten „Avatar“-Filmen erzählt werden), hat der Science-Fiction-Fantasyfilm eine eindeutige Botschaft. Er positioniert sich auf der Seite der friedlichen Ureinwohner gegen Naturzerstörung, Kolonialismus und Ausrottung indegener Völker. Das ist ein durchaus sympathischer Blickwechsel. In Western ist das ja normalerweise anders.

Aber vor allem feiert Cameron die Schönheit der Natur. Zuerst den Dschungel, später die Insel- und Wasserwelt. Sobald die einzelnen Mitglieder der Sully-Familie die Welt des Wassers erkunden, kommt die Haupthandlung zum Stillstand. Stattdessen wird deutlich über eine Filmstunde getaucht, sich mit Pflanzen und Tieren verbunden und Sullys Sohn befreundet sich mit einem riesigen Fisch, der ihm in einer brenzligen Situation das Leben rettet. Während hier die Harmonie eines Werbefilms für einen Südseeurlaub herrscht, sucht Quaritch weiterhin Sully. Dabei benimmt er sich wie ein marodierender Soldat, der Einheimische brutal tötet und ihre Dörfer niederbrennt. In der Bildsprache gibt es in diesen Momenten Parallelen und Anspielungen auf Vietnam-Kriegsfilme und US-Western, die während des Vietnamkriegs entstanden und sich kritisch mit der der US-Geschichte und dem Vietnamkrieg auseinandersetzten. Es sind beliebig eingestreute Zitate, die Cameron nicht weiter verfolgt.

Während die Geschichte bestenfalls funktional ist, überzeugen die CGI-Effekte rundum. Cameron zeigt in seinem über dreistündigem Epos, wie gut CGI sein kann. Es gibt im gesamten Film wahrscheinlich kein einziges Bild, das nicht exzessiv bearbeitet wurde. Das beginnt schon damit, dass die Na’vi deutlich größer als normale Menschen sind. Sie haben eine blaue Haut und sehen nur menschenähnlich aus. Pandora ist ein erdähnlicher Planet. Die Tiere erinnern an Tiere, die es auch auf der Erde gibt. Aber sie sind immer etwas anders. Das führt dazu, dass jedes Bild bearbeitet werden musste. Diese Arbeit dauerte länger als die Dreharbeiten. Sie begannen im September 2017. Im November 2018 waren die Dreharbeiten mit dem Hauptcast abgeschlossen. Danach wurde vier Jahre lang an den Bildern gearbeitet, bis eine perfekte, lebensecht aussehende künstliche Welt entstanden war.

Insofern ist „Avatar: The Way of Water“ das Gegenteil von Tom Cruises „Top Gun: Maverick“, in dem Produzent Cruise und Regisseur Joseph Kosinski einen Kult der Authentizität pflegen. Anstatt die Schauspieler im Studio in einen Jet zu setzen, mussten sie alle in den Jets fliegen. Auch diese Mühe sieht man im Film.

Diese beiden Filme, die auch unverkennbar die Handschrift ihres Machers haben, markieren Eckpunkte des aktuellen Blockbuster-Kinos. Aber während „Top Gun: Maverick“ (Ideologie einmal beiseite gelassen) unglaublichen Spaß macht, ist „Avatar: The Way of Water“ doch eine ziemlich bräsige und naive Naturverklärung mit den Mitteln des Computers. Es ist Esoterik-Kitsch, der mit seinen lupenreinen Bildern seine Zuschauer überwältigen will. Und das gelingt ihm ziemlich gut.

Die nächsten beiden Teile, die die Geschichte weitererzählen, sind schon in Arbeit. In zwei Jahren soll der dritte „Avatar“-Film im Kino anlaufen. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll es einen vierten und fünften „Avatar“-Film geben. Und Cameron hat schon Ideen für weitere „Avatar“-Filme.

Avatar: The Way of Water (Avatar: The Way of Water, USA 2022)

Regie: James Cameron

Drehbuch: James Cameron, Rick Jaffa, Amanda Silver (nach einer Geschichte von James Cameron, Rick Jaffa, Amanda Silver, Josh Friedman und Shane Salerno)

mit Sam Worthington, Zoe Saldaña, Sigourney Weaver, Stephen Lang, Cliff Curtis, Joel David Moore, CCH Pounder, Edie Falco, Jemaine Clement, Giovanni Ribisi, Kate Winslet

Länge: 193 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Avatar: The Way of Water“

Metacritic über „Avatar: The Way of Water“

Rotten Tomatoes über „Avatar: The Way of Water

Wikipedia über „Avatar: The Way of Water“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James Camerons „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ (Terminator 2: Judgment Day, USA 1991)


TV-Tipp für den 14. Dezember: Sea of Love – Melodie des Todes

Dezember 13, 2022

ZDF Neo, 01.00

Sea of Love – Melodie des Todes (Sea of Love, USA 1988)

Regie: Harold Becker

Drehbuch: Richard Price

In New York werden mehrere Männer, die auf Kontaktanzeigen geantwortet haben, ermordet. Der abgewrackte Cop Frank Keller (Al Pacino) sucht den Mörder. Dafür gibt er selbst eine Kontaktanzeige auf und trifft Helen (Ellen Barkin). Er verliebt sich in die geheimnisvolle Schönheit. Dummerweise ist sie gleichzeitig die Hauptverdächtige.

Spannender Thriller. Dank des wendungsreichen Drehbuchs von Richard Price, der auch ein erfolgreicher Romanautor ist („The Wanderers“, „Clockers“, „Lush Life“), und der glänzenden Schauspieler. Al Pacino erhielt eine Golden-Globe-Nominierung. Richard Price eine Edgar-Nominierung (und verlor gegen die heute ziemlich vergessene High-School-Satire „Heathers“).

mit Al Pacino, Ellen Barkin, John Goodman, Michael Rooker, William Hickey, Ricahrd Jenkins, Paul Calderon

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Sea of Love“

Wikipedia über „Sea of Love“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 13. Dezember: Arbeit ohne Sinn

Dezember 12, 2022

Arte, 21.10

Arbeit ohne Sinn (The happy worker, Finnland 2022)

Regie: John Webster

Buch: John Webster, Eveliina Kantola

Unzufrieden mit ihrer Arbeit? Sie sind nicht allein. Warum immer mehr Menschen mit ihrer Arbeit im Büro, den Inhalten und der Struktur, unzufrieden sind, versucht John Webster in seinem spielfilmlangen Dokuessay herauszufinden.

Hinweis

Arte über die Doku


TV-Tipp für den 12. Dezember: Alles ist Eins. Außer der 0.

Dezember 11, 2022

ARD, 00.20

Alles ist Eins. Außer der 0. (Deutschland 2020)

Regie: Klaus Maeck, Tanja Schwerdorf

Drehbuch: Klaus Maeck, Tanja Schwerdorf

TV-Premiere (zu einer unmöglichen Uhrzeit) der sehr gelungenen, informativen und kurzweiligen Doku über den 1981 gegründeten Chaos Computer Club und seinen visionären Gründer Wau Holland, der die Utopie eines freien Internets hatte. Noch bevor die Welt das Internet kannte.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über über „Alles ist Eins. Außer der 0.“

Moviepilot über „Alles ist Eins. Außer der 0.“

Wikipedia über Wau Holland und den Chaos Computer Club

Meine Besprechung von Klaus Maeck/Tanja Schwerdorfs „Alles ist Eins. Außer der 0.“ (Deutschland 2020)


TV-Tipp für den 11. Dezember: Catch me if you can

Dezember 10, 2022

Arte, 20.15

Catch me if you can (Catch me if you can, USA 2002)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Jeff Nathanson

LV: Frank Abagnale (mit Stan Redding): Catch me if you can: The Amazing True Story of the Youngest and Most Daring Con Man in the History of Fun and Profit, 1980 (Mein Leben auf der Flucht, Catch me if you can)

Spielberg erzählt kurzweilig die wahre Geschichte des Hochstaplers Frank Abagnale. Der Film „ist eine swingende, schwerelose Krimikomödie, die durch Tempo, Charme und Verspieltheit überzeugt.“ (Berliner Zeitung, 30. Januar 2003)

Mit Leonardo DiCaprio, Tom Hanks, Christopher Walken, Martin Sheen, Nathalie Baye, James Brolin, Jennifer Garner

Wiederholung: Freitag, 16. Dezember, 14.15 Uhr

Hinweise

Wikipedia über “Catch me if you can” (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über “Catch me if you can”

History vs. Hollywood überprüft den Wahrheitsgehalt der Hochstaplergeschichte

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (The Post, USA 2017)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Ready Player One“ (Ready Player One, USA 2018)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „West Side Story“ (West Side Story, USA 2021)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 10. Dezember: Ich bin dein Mensch

Dezember 9, 2022

Was hat Maria Schrader vor „She said“ gemacht? Nun:

NDR, 20.15

Ich bin dein Mensch (Deutschland 2021)

Regie: Maria Schrader

Drehbuch: Jan Schomburg, Maria Schrader

LV: Emma Braslavsky: Ich bin dein Mensch, 2019 (Kurzgeschichte, in „2029 – Geschichten von Morgen“)

Die Wissenschaflerin Alma soll über mehrere Wochen mit einem humanoiden Roboter zusammenleben und anschließend einen Forschungsbericht über die gemeinsame Zeit verfassen. Es geht um die Frage, ob humanoide Roboter Menschenrechte bekommen sollen.

„Ich bin dein Mensch“ ist ein feiner, auf der Berlinale abgefeierter, zum Nachdenken anregender Science-Fiction-Film und einer der besten deutschen Filme des Jahres. Er erhielt, unter anderem, vier deutsche Filmpreise als bester Film, für die beste Regie, das beste Drehbuch und die beste Hauptrolle.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Maren Eggert, Dan Stevens, Sandra Hüller, Hans Löw, Wolfgang Hübsch, Annika Meier, Falilou Seck, Jürgen Tarrach, Henriette Richter-Röhl, Monika Oschek

Hinweise

Filmportal über „Ich bin dein Mensch“

Moviepilot über „Ich bin dein Mensch“

Rotten Tomatoes über „Ich bin dein Mensch“

Wikipedia über „Ich bin dein Mensch“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“ (Deutschland 2021)

Meine Besprechung von Maria Schraders „She said“ (She said, USA 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Noah Baumbachs Don-DeLillo-Verfilmung „Weißes Rauschen“

Dezember 9, 2022

Der 1936 in der Bronx, New York City, geborene Don DeLillo zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen US-amerikanischen Schriftstellern. „Americana“, seinen ersten Roman, veröffentlichte er 1971. 1985 hatte er mit „Weißes Rauschen“ (White Noise) seinen Durchbruch. Zu seinen seitdem erschienenen Werken gehören „Sieben Sekunden“ (Libra, 1988), „Mao II.“ (1991), „Unterwelt“ (Underworld, 1997; allein schon wegen seines Umfangs von knapp tausend Seiten erschlagend) und „Cosmopolis“ (2003). Er gehört zu der sehr losen Gruppe der Postmodernisten – und das ist auch schon die Erklärung, warum die IMDb nur sechs Verfilmungen auflistet. Zwei sind Originaldrehbücher ohne eine literarische Vorlage. Zwei sind Kurzfilme. Eine Verfilmung ist eine französische Produktion, die bei uns anscheinend nie gezeigt wurde. Die bekannteste DeLillo-Verfilmung ist David Cronenbergs „Cosmopolis“. Sie basiert auf einem zweihundertseitigem Buch, in dem DeLillo eine ziemlich gradlinige Geschichte erzählt. Das erleichtert die Verfilmung. Denn normaleweise sind die Bücher der Postmodernisten, wozu auch Thomas Pynchon, Kurt Vonnegut, Joseph Heller und Paul Auster gehören, unverfilmbar. Aber eine grandiose Lektüre.

Der neueste Versuch einen Roman von Don DeLillo zu verfilmen, ist von Noah Baumbach. Er nahm sich „Weißes Rauschen“ vor. Netflix gab ihm das Geld und dort ist die Satire ab dem 30. Dezember zu sehen. Bis dahin kann sie im Kino angesehen werden. Das ist der Ort, für den Baumbach seinen Film inszenierte. Denn jedes Bild ist für die große Leinwand komponiert. Einige Bilder entfalten erst dort ihre volle Wirkung.

Die Story hat Baumbach von DeLillo übernommen. Im Mittelpunkt steht Jack Gladney (Adam Driver). Er ist in der Provinz im College-on-the-Hill Professor für Geschichte, Experte für Adolf Hitler, verheiratet mit Babette (Greta Gerwig) und Erzieher von vier aus unterschiedlichen Ehen stammenden Kindern. Vor allem mit seinem Kollegen Murray Siskind (Don Cheadle), Experte für Elvis Presley und Autounfälle in Filmen, redet er über alles, was gerade an tages- und gesellschaftspolitisch wichtigen Themen diskutiert werden kann.

Der Film zeigt ihn im Gespräch mit seiner Frau und seinen Kindern und mit seinen Kollegen. Am Frühstückstisch, in der Universität und im Lebensmittelgeschäft.

In der Mitte des Films ereignet sich, wie im Roman, das „Airborne Toxic Event“. Bei einem Zugunfall treten unbekannte, möglicherweise tödliche, aber vielleicht auch vollkommen harmlose Gase aus. Als die Wolke sich ihrem Ort nähert, zwingt die Regierung alle Einwohner, sofort ihre Wohnung zu verlassen. In einem Ferienlager verbringen die Gladneys mit vielen anderen Menschen, die ebenfalls vor der Giftwolke geflüchtet sind, einige Tage. Nach einem Alarm flüchten sie kopflos. Gladney will auf ihrer Flucht vor der Wolke nicht mit den anderen Menschen in einem Stau stehen. Er wählt kopflos eine andere Route, steuert sein Auto mit seiner Familie panisch durch den Wald in einen Fluss. Sie treiben etwas flussabwärts und stehen etwas später im Stau.

Seine Frau Babette betrügt ihn und nimmt Dylar, eine Droge, über die nichts bekannt ist und die erhebliche Nebenwirkungen hat. Aber sie könnte Menschen helfen, die unter Todesangst leiden. Sie könnte mit dem Wissen der Regierung ausprobiert werden; – oder nicht.

Und dann endet der Film in einer Tanzszene in einem Supermarkt.

Das ist keine Geschichte im traditionellem Sinn, sondern eine ermüdende Abfolge von Ereignissen, die auch in irgendeiner anderen Reihenfolge präsentiert werden könnten. Oft wird auf eindeutige Erklärungen zugunsten eines Potpourris alternativer Erklärungen, absurder Erklärungen, Nicht-Erklärungen oder Verschwörungstheorien verzichtet. Es gibt Konsumkritik und Kritik am ‚american way of life‘, die vor gut vierzig Jahren neu war. Heute wirkt sie wie die nostalgische Erinnerung an eine bessere und einfachere Zeit. Natürlich ist alles immer etwas absurd und, wie der Chemieunfall, eine Verkettung unglaublicher Zufälle.

Noah Baumbachs „Weißes Rauschen“ wirkt immer wie eine textnahe Inszenierung des Romans für die Fans des Romans, die sich an den Gemeinsamkeiten und Unterschieden abarbeiten können. Denn DeLillos Themen, seine Sprache und der Aufbau des Romans sind jederzeit erkennbar. Baumbach garniert das mit einigen filmischen und popkulturellen Anspielungen.

Als eigenständige Interpretation versagt diese Verfilmung dann. Einmal weil der 136-minütige Film zu nah an dem plotlosen Roman ist; einmal weil die in dieser Satire formulierte Kritik an der US-amerikanischen Gesellschaft eine Welt kritisiert, die es vor vierzig Jahren gab.

Weißes Rauschen (White Noise, USA 2022)

Regie: Noah Baumbach

Drehbuch: Noah Baumbach

LV: Don DeLillo: White Noise, 1985 (Weißes Rauschen)

mit Adam Driver, Greta Gerwig, Don Cheadle, Raffey Cassidy, Sam Nivola, May Nivola, Lars Eidinger, Andre Benjamin, Jodie Turner-Smith, Barbara Sukowa

Länge: 136 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Jetzt im Kino. Ab 30. Dezember auf Netflix.

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Weißes Rauschen“

Metacritic über „Weißes Rauschen“

Rotten Tomatoes über „Weißes Rauschen“

Wikipedia über „Weißes Rauschen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Noah Baumbachs „Frances Ha“ (Frances Ha, USA 2012)

Meine Besprechung von Noah Baumbachs „Gefühlt Mitte Zwanzig“ (While we’re young, USA 2014)

Meine Besprechung von Noah Baumbachs „Mistress America“ (Mistress America, USA 2015)

Meine Besprechung von David Cronenbergs Don-DeLillo-Verfilmung „Cosmopolis“ (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „She said“ – Maria Schraders Spielfilm-Making-of zum Sachbuch von Jodi Kantor und Megan Twohey über Harvey Weinstein

Dezember 9, 2022

Als die „New York Times“-Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey im Mai 2017 begannen, über von Harvey Weinstein begangene sexuelle Übergriffe zu recherchieren, ahnten sie nicht, welche Wirkung ihre Arbeit entfalten sollte. Oft folgte auf entsprechende Enthüllungen nichts. Immer können die Betroffenen gegen die Geschichte klagen.

Vor der Veröffentlichung einer solchen Enthüllungsgeschichte müssen deshalb stichhaltige und überzeugende Beweise gesammelt werden. Und das war in diesem Fall schwierig. In ihrem Buch „She said“ erzählen die beiden Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey ausführlich von diesen Schwierigkeiten. Maria Schrader erzählt in ihrer Verfilmung des Buches noch ausführlicher davon.

Mit seinem Bruder gründete Harvey Weinstein Miramax. 2005 verließen sie die in dem Moment zu Disney gehörende Firma und gründeten The Weinstein Company. Vor allem in den Neunzigern krempelten sie den US-Independent-Filmmarkt vollkommen um. Ihre Filme waren Kassenhits. Sie machten Stars und erhielten alle wichtigen Filmpreise. Zu den von den Weinsteins teils produzierten, teils verliehenen Filmen gehören die Filme von Quentin Tarantino („Reservoir Dogs“, „Pulp Fiction“, „Jackie Brown“ undsoweiter), „Sex, Lügen und Video“, „Das Piano“, „Clerks“, „Der englische Patient“, „Good Will Hunting“, „Shakespeare in Love“, „„Gangs of New York“ und auch „Scream“.

Um ihre Filme ans Publikum zu bringen waren sie nicht zimperlich. Harvey Weinstein war, wenn man ältere Berichte durchliest, wohl schon immer ein Choleriker, den man lieber zum Freund als zum Feind hatte. Gerüchte über sexuelle Übergriffe gab es schon lange. Aber das waren letztendlich nur Gerüchte.

Die beiden Reporterinnen mussten also betroffene Frauen finden, sie zum Reden bringen und Beweise finden. Viele Frauen schwiegen. Sie hatten Geld erhalten und exorbitant weitreichende Verschwiegenheitserklärungen unterschrieben. Andere wollten nicht darüber reden oder nicht namentlich genannt werden. Und es war schwierig, Beweise, wie Geldzahlungen, Verträge, Anzeigen oder DNA-Spuren, zu finden, die Harvey Weinstein eindeutig belasteten.

Deshalb wussten Kantor und Twohey auch nach einer wochenlangen intensiven Recherche immer noch nicht, ob sie überhaupt eine Story hatten, die sie veröffentlichen konnten. Das änderte sich mit der Zeit.

Am 5. Oktober 2017 veröffentlichten sie einen 3300 Worte langen Artikel über ihre Recherche.

In ihrem Film erzählt Maria Schrader, nach einem Drehbuch von Rebecca Lenkiewicz („Ida“), diesen Weg vom Beginn ihrer Recherche bis hin zur Veröffentlichung einer Reportage, die einen Dammbruch-Effekt hatte. Danach sprachen immer mehr Frauen über sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz. #MeToo wurde zu einer weltweiten Bewegung. Und Harvey Weinstein wurde angeklagt und zu langen Haftstrafen verurteilt.

Welche Beweise die beiden Journalistinnen hatten, erzählen Kantor und Twohey in ihrem Sachbuch „She said“. Sie schreiben auch ausführlich über Auswirkungen ihrer ersten Reportage über Harvey Weinstein. Sie erzählen, was Weinstein tat, wie er und sein Umfeld ihn schützten und seine Verfehlungen über Jahrzehnte vertuschten. Ihr glänzend geschriebenes und auch bedrückendes Sachbuch ist ein auf jeder Seite überzeugendes journalistisches Werk. Sie präsentieren die Ergebnisse ihrer Recherche, die sie in einen größeren Kontext einfügen, immer nachvollziehbar, gut strukturiert und gut geschrieben.

(Ronan Farrow, der damals ebenfalls zur gleichen Zeit über Weinstein recherchierte und anschließend sein Buch „Durchbruch – Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen“ veröffentlichte, ist dagegen nur ein vernachlässigbares, oft nervig ich-bezogenes Werk.)

Maria Schraders Film ist das Making-of zum Buch. Sie zeigt die zähe Arbeit und den Ethos investigativer Journalisten. Ihr Filmdrama „She said“ steht unübersehbar in der Tradition von Reporter-Filmen wie „Die Unbestechlichen“ und „Spotlight“. Die Qualität dieser Meisterwerke erreicht ihr Film allerdings nie. Das liegt an einer Inszenierung, die einfach zu klein für die Kinoleinwand ist. Immer sehen die sprechenden Köpfe nach Fernsehen aus.

Schrader folgt der Recherche von Kantor und Twohey. Aber während die Journalistinnen sich im Buch nur dann namentlich erwähnen, wenn es unbedingt nötig ist, sind sie im Film jederzeit im Bild. Durch die Entscheidung, auch das Privatleben von Kantor und Twohey zu zeigen, verschiebt sich der Fokus des Films noch stärker von den Opfern hin zu den beiden Journalistinnen. Sie sind Mütter von kleinen Mädchen, verheiratet und sie werden viel zu oft in ihrer Freizeit von ihren Quellen angerufen. Das wirkt schnell so, als sei die Recherche größtenteils in ihrer Freizeit erfolgt. Oder als ob sie nicht zwischen Beruf- und Privatleben trennen könnten.

In „Spotlight“ erfuhren wir nichts das Privatleben der „Boston Globe“-Journalisten, die über den jahrzehntelangen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester und die ebenso lange Vertuschung durch die Erzdiözese berichten wollten. Und das war gut so.

Die Entscheidung, Weinsteins Taten nicht zu zeigen, ist nachvollziehbar. Auch wenn in den Momenten im Film immer ein Hauch von „er sagte, sie sagte“ bleibt und es nur Hörensagen ist, ist das verschmerzbar. Die Berichte, vor allem die Berichte in Kantor/Twoheys Buch, sind allein für sich genommen überzeugend und in ihrer Menge erdrückend. Sie brauchen keine weiteren Dramatisierungen.

Auch die Entscheidung, Harvey Weinstein nicht zu zeigen, ist nachvollziehbar. Ihm soll im Film kein Podium gegeben werden. In der Originalfassung ist einmal seine Stimme zu hören. Am Ende, wenn er das Gebäude der New York Times betritt, wird er schemenhaft von hinten gezeigt.

Weil die Macher gleichzeitig darauf verzichten, weitere Informationen über Weinstein zu geben, wird nie deutlich, wie mächtig und einflussreich er war. Er war nicht irgendein Hollywood-Produzent, sondern ein sehr mächtiger, einflussreicher und auch abseits der Traumfabrik gut vernetzter Hollywood-Produzent. Cineasten muss das nicht erklärt werden, aber welcher normale Kinobesucher interessiert sich für Produktionsfirmen und Produzenten? Die meisten interessieren sich noch nicht einmal für die Namen der Regisseure.

Maria Schraders Film ist eine seriöse, filmisch biedere Aufarbeitung der Recherche. Ein Making-of eben.

Das Buch von Jodi Kantor und Megan Twohey erzählt die Geschichte des seit den frühen neunziger Jahren bestehenden Systems Weinstein. Sie schreiben auch über die Auswirkungen ihrer Zeitungsartikel. Ihre Reportagen (und die zeitgleich von Ronan Farrow erschienenen Reportagen) waren der Beginn einer weltweiten Diskussion über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und an anderen Orten und der Beginn der weltweiten #MeToo-Bewegung. Ihr Buch sollte unbedingt gelesen werden. Der Film ist dann das optionale Bonusmaterial.

She said (She said, USA 2022)

Regie: Maria Schrader

Drehbuch: Rebecca Lenkiewicz (basierend auf der „New York Times“-Recherche von Jodi Kantor, Megan Twohey und Rebecca Corbett und dem Buch „She Said“ von Jodi Kantor und Megan Twohey)

LV: Jodi Kantor/Megan Twohey: She said, 2019 (#MeToo; zum Filmstart als „She said“ veröffentlicht)

mit Carey Mulligan, Zoe Kazan, Patricia Clarkson, Andre Braugher, Jennifer Ehle, Samantha Morton, Angela Yeoh, Ashley Judd, Sean Cullen

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (jetzt als Taschenbuch mit dem Filmcover)

Jodi Kantor/Megan Twohey: She said – Wie das Schweigen gebrochen wurde und eie ‚MeToo-Bewegung begann

(übersetzt von Judith Elze und Katrin Harlass)

Tropen, 2022

448 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

#Me Too – Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung

Tropen, 2020

Originalausgabe

She said. Breaking the Sexual Harassment Story that helped ignite a Movement

Penguin Press, New York, 2019

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „She said“

Metacritic über „She said“

Rotten Tomatoes über „She said“

Wikipedia über „She said“ (deutsch, englisch), die Buchvorlage und den Weinstein-Skandal (deutsch, englisch)

Perlentaucher über Jodi Kantor/Megan Twoheys „She said“

Bookmarks über Jodi Kantor/Megan Twoheys „She said“

Meine Besprechung von Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“ (Deutschland 2021)