Buch- und Filmkritik: Über Lee Childs „Reacher“, die Serie, die Vorlage „Größenwahn“ und Jack Reachers neuestes Abenteuer „Der Spezialist“

Februar 4, 2022

Ich wurde in Eno’s Diner verhaftet. Um zwölf Uhr. Ich aß gerade Rühreier und trank Kaffee. Kein Mittagessen, ein spätes Frühstück. Ich war durchnässt und müde nach einem langen Marsch im strömenden Regen. Die ganze Strecke vom Highway bis zum Stadtrand.“

So beginnt Lee Childs erster Jack-Reacher-Roman „Größenwahn“. Es war auch sein Romandebüt und, obwohl er von Anfang an auf den Bestsellererfolg hoffte, hätte er sich diesen Erfolg nicht vorstellen können. Seit 1997 veröffentlichte er jedes Jahr einen Jack-Reacher-Roman. 2010 sogar zwei. Bei uns erschien zuletzt „Der Spezialist“, sein 23. Reacher-Roman (dazu später mehr). In England erschien bereits „Blue Moon“, der letzte von ihm allein geschriebene Reacher-Roman.

Seitdem schreibt er zusammen mit seinem Bruder Andrew Grant, der ebenfalls Thriller schreibt, unter dem Pseudonym Andrew Child weitere Reacher-Romane. Langfristig soll Andrew Grant die Serie allein weiterschreiben. – Ach ja: Lee Child ist ein Pseudonym von James Dover Grant.

Größenwahn“ wurde jetzt eine Amazon-Prime-Serie (auch dazu später mehr). Der Blanvalet-Verlag, in dem die Reacher-Romane erscheinen, spendierte dem Roman deswegen ein neues Cover.

In „Größenwahn“ besucht Jack Reacher in Georgia die Kleinstadt Margrave. Dort starb vor Ewigkeiten der von ihm bewunderte Blues-Musiker Blind Blake und Reacher will sich jetzt den Ort einmal ansehen.

Jack Reacher ist ein ehemaliger Militärpolizist. Er ist 1,96 Meter groß, muskulös, superschlau, T-Shirt-Träger und Kaffee-Trinker. Sein ganzes bisheriges Leben verbrachte er im Militär. Geboren wurde er 1960 in Westberlin. Danach wurden seine Eltern von Stützpunkt zu Stützpunkt versetzt. Er wurde Soldat, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und ist jetzt, mit 36 Jahren, zum ersten Mal ohne Verpflichtungen. Seit einem halben Jahr erkundet er das Land, das er im Ausland verteidigte und das er noch nicht kennt.

In Margrave wird ihm vorgeworfen, einen Mann ermordet zu haben. Allerdings hat er ein überzeugendes Alibi. Kurz darauf gesteht der Banker Paul Hubble den Mord. Der ist zwar auch nicht der Täter, aber das interessiert Reacher nicht weiter. Er will, sobald die Polizei sein Alibi überprüft hat, weiterziehen.

Aber dann wird der erste Tote identifiziert und für Reacher wird die Angelegenheit persönlich. Es ist sein zwei Jahre älterer Bruder Joe. Reacher hat ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Inzwischen arbeitet Joe im Finanzministerium. Dort beschäftigt er sich mit der Verfolgung von Geldfälschern.

Reacher will jetzt die Mörder seines Bruders finden und töten. Zusammen mit den örtlichen Polizisten Finlay, dem Chef des Ermittlungsbüros, und Elizabeth Roscoe, ermittelt er in Margrave, schlägt währenddessen einige Männer zusammen und bringt etliche Männer um.

Trotzdem ist dieses Rachemotiv für die Geschichte unerheblich. Es ist letztendlich nur der aus einem Schreibratgeber übernommene Grund, Reacher daran zu hindern, Margrave zu verlassen. Denn im Gegensatz zu den späteren Reacher-Romanen zögert Reacher hier viel länger, bis er sich einmischt und die Bösewichter verfolgt.

Von diesem kleinen Punkt abgesehen steckt Lee Child in „Größenwahn“ bereits den Rahmen ab, in dem die Figur Reacher und die Geschichten sich seitdem bewegen. Es sind Western-Topoi, die in die Gegenwart übertragen werden. Jack Reacher ist der archetypische mythologische Held. Er ist die moderne Ausgabe von ‚mein großer Freund Shane‘. Die Plots folgen, vor allem wenn sie im Hinterland spielen, Western-Geschichten. So gibt es in „Größenwahn“, der immer wieder an einen klassischen Western erinnert, einen bösen Landbesitzer, der die Stadt beherrscht, und einen Durchreisenden, der für Recht und Ordnung sorgt – und anschließend weiterzieht. Je nach den Erfordernissen der Geschichte erzählt Child sie mal in der ersten, mal in der dritten Person. In einigen Reacher-Romanen taucht er in die Militärvergangenheit seines Helden ein und manchmal lässt er ihn in einer Großstadt in Schwierigkeiten geraten.

Außerdem sind alle Reacher-Romane Einzelabenteuer, die unabhängig voneinander gelesen werden können. Er besucht immer wieder verschiedene Orte und es gibt keine von Roman zu Roman wachsende Schar von Freunden und Gehilfen. Auch seine Familie spielt keine Rolle in Reachers Leben. In „Der Spezialist“ erwähnt er im Gespräch zwar seinen Bruder, aber er sagt nie, dass er vor über zwanzig Jahren ermordet wurde oder dass er tot ist. Reacher ist einfach der Wanderer, der für Gerechtigkeit sorgt, keine Bindungen hat, keine Bindungen eingehen will und mit seinem rastlosen Leben rundum zufrieden ist.

In „Der Spezialist“ besucht Reacher in New Hampshire Laconia. Es ist der Ort, den sein Vater Stan Reacher mit siebzehn Jahren verließ und den er seitdem nie wieder besuchte. Das führte auch dazu, dass Reacher seine Großeltern oder andere Verwandte nicht kennt. In Laconia stößt er dann gleich auf ein Problem. Ein Stan Reacher oder eine Familie Reacher wohnte niemals in dem Ort. Erst als Reacher den Suchradius auf die umlegenden Orte, wobei Häuser mit Postanschrift treffender ist, erweitert, entdeckt er den Ort, in dem die Reachers damals lebten.

In dem Moment hat Reacher schon eine Frau gegen einen Vergewaltiger verteidigt und, gleichzeitig, eine in Laconia einflussreiche Unternehmerfamilie verärgert. Der Patriarch will sich dafür an Reacher rächen. Mit der Aufgabe beauftragt er einige Schläger.

In dem Moment weiß Reacher noch nicht, dass ein Mark Reacher (anderer Zweig der Familie) im Wald ein Motel betreibt. Dort gastiert ein junges Pärchen, das aus Kanada kommend auf der Durchreise ist und Probleme mit ihrem Auto hat. Während die beiden Mittzwanziger noch auf den Mechaniker warten, ahnen wir bereits, dass sie das Motel niemals wieder verlassen werden. Immmerhin erinnert das Motel sofort an das „Psycho“-Motel und „Der Spezialist“ ist ein Thriller. Was Mark und seine Freunde mit Patty Sundstrom und Shorty Fleck vorhaben, verrät Lee Child erst ziemlich spät; genaugenommen am Ende des dritten Viertel des Romans. Trotzdem können wir uns denken, welches Spiel mit ihnen gespielt werden soll und wie Reacher als nicht eingeladener Teilnehmer den geplanten Spielablauf durcheinanderbringt.

Der Spezialist“ ist ein durchwachsener Thriller. Einerseits entwickelt die Geschichte sich ziemlich überraschungsfrei und sie ist so kontruiert, dass Reacher im letzten Viertel des Romans zufällig in Marks Spiel stolpert. Bis dahin hat er keine Ahnung davon. Andererseits wechselt Child spannungssteigernd zwischen den beiden Erzählsträngen, auf jeder Seite passiert etwas und die Lesezeit vergeht flott. Letztendlich ist „Der Spezialist“ ein guter Thriller, aber er gehört nicht zu den besten Reacher-Thrillern, – von denen bereits zwei zu Spielfilmen wurden.

2012 und 2016 spielte Tom Cruise in „Jack Reacher“ und „Jack Reacher: Kein Weg zurück“ sehr überzeugend Jack Reacher. Die Fans der Romane meckerten allerdings von Anfang an über Cruises Körpergröße. Cruise ist 1,7 Meter. Reacher ist in den Büchern 1,96 Meter und damit ein Riese. Aus Sicht der Fans kann Reacher daher auch nur von einem Riesen gespielt werden; was natürlich Unfug ist. Trotzdem wurde der immer wieder lautstark vorgetragene Wunsch der Fans erhört. Für die Amazon-Prime-Serie „Reacher“, die seit dem 4. Februar 2022 online ist, wurde Alan Ritchson engagiert. Er ist 1,88 Meter groß und er hat viele, also wirklich viele Muskeln. Viel mehr spricht nicht für ihn als Jack Reacher.

Das war meine Meinung vor dem Ansehen der Serie und ist meine Meinung nach dem Ansehen der Serie.

Ironischerweise versuchen die Regisseure in der Streamingserie immer wieder, Reacher kleiner erscheinen zu lassen. Selten überragt Ritchson die anderen Schauspieler um ein, zwei Köpfe. Seine Gegner in den zahlreichen Faustkämpfen sind alle groß und muskulös. Das macht die Kämpfe auf den ersten Blick etwas weniger ungleich. Trotzdem werden hier immer wieder renitente Kleinstadtjugendliche oder Häftlinge von einem Mann zusammengeschlagen, der so groß ist, dass allein schon seine Körpergröße jede Schlägerei verhindern sollte.

Die erste, aus acht, jeweils um die fünfzig Minuten langen Episoden bestehende Staffel basiert auf dem ersten Reacher-Roman „Größenwahn“. Für die Streamingserie wurde die Handlung aus den Neunzigern in die Gegenwart verlegt. Es wird mit Smartphones telefoniert. Und Reacher, der eigentlich ein begnadeter Schweiger und Denker ist, muss viel reden.

Ansonsten folgt Showrunner Nick Santora mit wechselnden Episodenautoren und Regisseuren sehr genau, fast schon sklavisch dem Roman. Zu den größeren Änderungen gehören, dass in der Serie, im Gegensatz zum Roman, der eine Ich-Erzählung ist, auch Ereignisse gezeigt werden, bei denen Reacher nicht dabei ist. Im Buch erfährt er später davon. Es gibt mehrere Rückblenden in Reachers Vergangenheit und Jugend, die es so im Roman nicht gibt. Und Frances Neagley, die im Buch überhaupt nicht auftaucht, hat eine wichtige Rolle. Sie arbeitete mit Reacher während seiner Militärzeit zusammen und hilft ihm jetzt wieder. Wahrscheinlich wird sie in künftigen Staffeln als wiederkehrende Figur immer wieder dabei sein.

Die gut vierhundert Minuten der absolut okayen, niemals irgendwie außergewöhnlichen Streamingserie vergehen flott. Schließlich gibt es in jeder Folge einige neue Ermittlungserfolge, Schlägereien und Tote. Teils verüben die Bösewichter die Morde. Teils verübt Reacher sie. Ebenfalls ohne erkennbare Skrupel. Und das explosive Finale ist mit seinen zahlreichen Kampfszenen ziemlich lang geraten. Gleichzeitig ist immer deutlich, dass die Serie als in sich abgeschlossene Geschichte für den kleinen Bildschirm geschrieben und inszeniert wurde.

Reacher blickte ihnen nach, bis sie verschwunden waren. Dann marschierte er in diesselbe Richtung los. Die Sonne schien ihm in die Augen. Er erreichte die von Norden nach Süden führende Nebenstraße, suchte sich eine gute Stelle auf dem Bankett und reckte einen Daumen in die Höhe.“

(die letzten Zeilen von „Der Spezialist“)

Lee Child: Der Spezialist

(übersetzt von Wulf Bergner)

Blanvalet, 2021

448 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Past Tense (Reacher 23)

Bantam Press, London 2018

Lee Child: Größenwahn

(übersetzt von Marie Rahn)

Blanvalet, 2022 (Filmausgabe)

544 Seiten

11,00 Euro

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 1998

anschließend bei Blanvalet mehrere Ausgaben

Originalausgabe

Killing Floor

Bantam Press, London 1997

Amazon-Prime-Video-Serie

 

Reacher (Reacher, USA 2022)

Regie: Norberto Barba, M.J. Bassett, Sam Hill, Omar Madha, Christine Moore, Lin Oeding, Stephen Surjik, Thomas Vincent

Drehbuch: Cait Duffy, Aadrita Mukerji, Scott Sullivan, Nick Santora

LV: Lee Child: Killing Floor, 1997 (Größenwahn)

mit Alan Ritchson, Malcolm Goodwin, Willa Fitzgerald, Hugh Thompson, Chris Webster, Bruce McGill, Maxwell Jenkins, Gavin White, Maria Sten, Kristin Kreuk, Marc Bendavid, Patrick Garrow, Lee Child (Cameo)

Länge: ~ 390 Minuten (8 Episoden)

FSK: ab 16 Jahre (Amazon-Freigabe ist ab 18 Jahre; in jedem Fall gibt es nackte Haut, Sex und Gewalt; wie in den Romanen)

Hinweise

Amazon über „Reacher“

Moviepilot über „Reacher“

Metacritic über „Reacher“

Rotten Tomatoes über „Reacher“

Wikipedia über „Reacher“ (Amazon-Prime-Serie), Jack Reacher (deutsch, englisch) und Lee Child (deutsch, englisch)

Homepage von Lee Child

Meine Besprechung von Lee Childs „Tödliche Absicht“ (Without fail, 2002)

Meine Besprechung von Lee Childs „Die Abschussliste“ (The Enemy, 2004)

Meine Besprechung von Lee Childs „Sniper“ (One Shot, 2005)

Meine Besprechung von Lee Childs “Outlaw” (Nothing to Loose, 2008)

Meine Besprechung von Lee Childs „Die Gejagten“ (Never go back, 2013)

Meine Besprechung von Lee Childs „Der Ermittler – Ein Jack-Reacher-Roman“ (Night School (21 Reacher), 2016)

Meine Besprechung von Lee Childs „Der Held“ (The Hero, 2019)

Meine Besprechung von Lee Childs (Herausgeber) „Killer Year – Stories to die for…from the hottest new crime writers“ (2008)

Meine Besprechung von Christopher McQuarries „Jack Reacher“ (Jack Reacher, USA 2012)

Meine Besprechung von Edward Zwicks „Jack Reacher: Kein Weg zurück“ (Jack Reacher: Never go back, USA 2016)

Kriminalakte über Lee Child und „Jack Reacher“


TV-Tipp für den 4. Februar: Der Mann, der Liberty Valance erschoss

Februar 3, 2022

3sat, 22.30

Der Mann, der Liberty Valance erschoss (The man who shot Liberty Valance, USA 1962)

Regie: John Ford

Drehbuch: James Warner Bellah, Willis Goldbeck

LV: Dorothy M. Johnson: The Man, who shot Liberty Valence, 1953 (Kurzgeschichte, erschienen in „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“)

Als junger Anwalt kam Senator Ransom Stoddard nach Shinbone, einer kleinen Stadt im Wilden Westen, die von Liberty Valance, dem skrupellosen Handlanger der örtlichen Viehzüchter, denen Recht und Gesetz egal ist, beherrscht wird. Stoddard will das ändern.

Western-Klassiker und einer von John Fords schönsten Filmen.

mit James Stewart, John Wayne, Vera Miles, Lee Marvin, Edmund O’Brien, John Carradine, Woody Strode, Strother Martin, Lee Van Cleef

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“

Wikipedia über „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Österreichisches Filmmuseum/Viennale(herausgegeben von Astrid Johanna Ofner und Hans Hurch) „John Ford“ (2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Du bist „Wunderschön“. Egal wie du aussiehst

Februar 3, 2022

Als Mann gehöre ich definitiv nicht zur von Karoline Herfurth in ihrem neuen Film „Wunderschön“ angepeilten Zielgruppe. Die ist weiblich und sehr empfänglich für einen typischen Frauenfilm, der in Kinos gerne in „Ladies Night“-Vorstellungen mit Sekt und Taschentüchern gezeigt wird.

Karonline Herfurth erzählt in ihrem Episodendrama von fünf Frauen unterschiedllichen Alters, die miteinander verwandt oder befreundet sind und die in Berlin leben. Ein Berlin-Film ist „Wunderschön“ trotzdem nicht und will es auch nicht sein. Berlin ist nur der austauschbare Handlungsort für die Frauen, die mit ihrem Selbstbild, ihren eigenen und den Ansprüchen der Gesellschaft hadern.

Die 59-jährige Frauke (Martina Gedeck) möchte ihrer Ehe neuen Pep geben. Dafür bucht sie eine Tangokurs. Ihr Mann, Joachim Król in schönster Stinkstiefellaune, ist davon nicht begeistert.

Ihre Tochter Julie (Emilia Schüle), 24 Jahre, arbeitet als Model, hungert wie blöde, erzählt auf Instagram von ihrem tollen Leben (alles gelogen) und ist langsam zu alt für die große Karriere. Und sie hat ein, zwei Gramm Übergewicht. In dem Altbau, in dem sie zur Miete wohnt, trifft sie immer wieder das Nachbarsmädchen Toni, das immer allein im Hof und auf der Treppe herumhängt.

Auch Leyla (Dilara Ayli Ziem), 15 Jahre, ist unzufrieden mit ihrem Aussehen. Auf der Schule wird sie wegen ihres Gewichts gemobbt. Ihre Mutter Gabo (Melika Foroutan, schlanker als schlank, schöner als schön), Chefin einer Modelagentur, versorgt Leyla, in ihren wenigen freien Minuten, mit gesunder Nahrung und klugen Ratschlägen. Beides untergräbt Leylas Selbstwertgefühl noch weiter. Da entschließt sie sich, bei einer Baseballmannschaft ein Probetraining mitzumachen. Ihr Schlag ist atemberaubend. Auch ein Mitspieler, der auch der schönste Junge auf dem Spielfeld ist, verliebt sich in sie.

Leylas Kunstlehrerin Vicky (Nora Tschirner), 38 Jahre, Single, schnippisch, latent verpeilt und grundsympathisch (halt wie die Tschirner, die wir aus der Talkshow kennen), hat in dem Moment ein Auge auf den neuen Sportlehrer geworfen. Franz (Maximilian Brückner) wäre eigentlich der ideale Mann fürs Leben, wenn Vicky an längerfristigen Beziehungen interessiert wäre. Aber sie hat nun Mal diese Nur-einmal-Sex-Regel, die sie nach dem ersten Geschlechtsverkehr ändert.

Und dann ist da noch Sonja (Karoline Herfurth). Die 35-jährige ist eine glücklich verheiratete zweifache Mutter, die sich nach der Schwangerschaft für unattraktiv hält. Ihr Mann Milan (Friedrich Mücke) verdient gut als Banker. Vor allem nachdem er zum Abteilungsleiter befördert wird. Nur Sonja ist mit ihrem Leben als Vollzeit-Mutter und Hausfrau unglücklich. Viel lieber würde sie wieder Vollzeit arbeiten. Jetzt erhält sie ein verlockend klingendes Angebot für eine solche Stelle in einem hippen Büro.

Sie alle gehören zum bürgerlich-linksalternativen Milieu. Sie haben keine drängenden ökonomischen Probleme. Sie haben Bürojobs oder sind Lehrer in einer Klasse voller netter Kinder. Und alle von Herfurth porträtierten Paare entsprechen dem konservativen Familienbild. Sie sind heterosexuell und bleiben es. Sie haben oder suchen und bekommen ungefähr gleichaltrige Partner. Denn zu einem Feelgood-Movie gehört ein positives Ende.

Der Weg zur „Du bist schön, so wie du bist“-Erkenntnis führt über fünf vorhersehbare Geschichten, die immer an der Oberfläche bleiben. Es ist banales Herzschmerzkino mit schönen Menschen in schöner Umgebung, das etwaige Tiefen des Stoffes weiträumig umfährt. Daran ändern auch einige treffende Beobachtungen und Witze nichts. Entsprechend ausgedacht wirken die Konflikte, die Probleme und die Lösungen. Die Figuren sind dann auch eher ein- als zweidimensional. Die Männer existieren in dem Episodendrama nur noch als Stichwortgeber. Die Ausnahme ist der von Joachim Król gespielte Wolfi. Er verleiht seiner Figur in wenigen Szenen eine ungeahnte Tiefe. Für seine Frau Frauke ändert er sein Leben.

Das ist, auch dank des guten Ensembles, nie wirklich schlecht, aber auch nie wirklich gut. Alles bewegt sich immer im Fahrwasser ähnlich gelagerter deutscher Komödien. Daran ändern der weibliche Blick und dass hier Frauen und nicht Männer im Mittelpunkt stehen, nichts.

Wunderschön (Deutschland 2022)

Regie: Karoline Herfurth

Drehbuch: Lena Stahl, Monika Fässler, Karoline Herfurth

mit Karoline Herfurth, Nora Tschirner, Martina Gedeck, Emilia Schüle, Dilara Aylin Ziem, Joachim Król, Friedrich Mücke, Maximilian Brückner, Ben Litwinschuh, Luna Arwen Krüger, Melika Foroutan, Benjamin Sadler

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Wunderschön“

Moviepilot über „Wunderschön“

Wikipedia über „Wunderschön“


TV-Tipp für den 3. Februar: Edward mit den Scherenhänden

Februar 2, 2022

Disney Channel, 20.15

Edward mit den Scherenhänden (Edward Scissorhands, USA 1990)

Regie: Tim Burton

Drehbuch: Tim Burton, Caroline Thompson

Zwischen seinen beiden „Batman“-Filmen drehte Tim Burton, der hier erstmals Carte Blanche hatte, dieses dunkle, romantische Märchen über den einsam in einem Schloss auf einem Hügel lebenden „Edward mit den Scherenhänden“. Als eine Kosmetikvertreterin ihn trifft, ist sie fasziniert von ihm und nimmt ihn mit in die typisch amerikanische Vorstadt. Dort ist Edward wegen einer motorischen Fähigkeiten zuerst sehr beliebt.

Ein schöner trauriger Film voller Humor und Skurrilitäten.

„ein Märchen. Und das erzählt er einem Publikum, das schon alle Märchen kennt, an keins mehr glaubt und sich doch danach sehnt. Und er erzählt es mit allen Emotionen, aller Naivität, aller Grausamkeit und auch aller Komik, die das Publikum erwarten darf.“ (Fischer Film Almanach 1992)

mit Johnny Depp, Winona Ryder, Dianne Wiest, Anthony Michael Hall, Kathy Baker, Vincent Price (seine letzte Rolle in einem Spielfilm), Alan Arkin

Wiederholung: Freitag, 4. Februar, 22.10 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Edward mit den Scherenhänden“

Wikipedia über „Edward mit den Scherenhänden“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tim Burtons “Frankenweenie” (Frankenweenie, USA 2012, nach einem Drehbuch von John August)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Big Eyes“ (Big Eyes, USA 2014)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Die Insel der besonderen Kinder“ (Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, USA 2016)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Dumbo“ (Dumbo, USA 2019)

Tim Burton in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 2. Februar: Die zweigeteilte Frau

Februar 1, 2022

Arte, 20.15

Die zweigeteilte Frau (La fille coupée en deux, Frankreich/Deutschland 2007)

Regie: Claude Chabrol

Drehbuch: Claude Chabrol, Cécile Maistre

Als die TV-Wetterfee Gabrielle von ihrem verheirateten Liebhaber, einem deutlich älteren Bestsellerautor, verstoßen wird, nimmt sie sich einen neuen Liebhaber. Dieser hat allerdings einen seelischen Knacks.

In dem ruhigen Krimidrama über eine Frau zwischen zwei verkorksten Männern führt Claude Chabrol wieder einmal die französische Bourgeoisie vor. Sicher nicht sein bester Film und nach dem grandiosen „Geheime Staatsaffären“ eine Enttäuschung.

Mit Ludivine Sagnier, Benoît Magimel, François Berléand, Mathilda May

Hinweise

AlloCiné über „Die zweigeteilte Frau“ 

Rotten Tomatoes über „Die zweigeteilte Frau“

Wikipedia über Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch) und „Die zweigeteilte Frau“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 1. Februar: Tatort: Der Pott

Januar 31, 2022

WDR, 23.40

Tatort: Der Pott (Deutschland 1989)

Regie: Karin Hercher

Drehbuch: Axel Götz, Thomas Wesskamp

Schlechte Stimmung im Pott: Stahlarbeiter demonstrieren gegen drohende Massenentlassungen. Die mit 500.000 DM gefüllte Streikkasse wird geklaut. Ein Gewerkschaftsfunktionär wird ermordet. Kommissar Schimanski ermittelt zwischen und hinter allen Fronten.

Mit viel Ruhrpott-Patina gesättigter Schimanski-Krimi, der seine Geschichte nah an damals aktuellen Schlagzeilen und Konflikten entlang erzählt. Rio Reiser liefert den Streikenden die revolutionäre musikalische Unterstützung.

Mit Götz George, Eberhard Feik, Ulrich Matschoss, Thomas Rech, Sabine Postel, Michael Brandner, Miroslav Nemec, Axel Götz, Ludger Pistor, Rio Reiser

Hinweise

Host-Schimanski-Fanseite

Wikipedia über „Tatort: Der Pott“

Mehr Musik von Rio Reiser und seiner legendären Band „Ton Steine Scherben“

 


TV-Tipp für den 31. Januar: Amadeus

Januar 30, 2022

Arte, 20.15

Amadeus (Amadeus, USA 1984)

Regie: Miloš Forman

Drehbuch: Peter Shaffer (nach seinem Theaterstück)

Wien, 1823: in der Psychiatire erzählt der frühere Hofkomponist Antonio Salieri einem Geistlichen, wie er Wolfgang Amadeus Mozart ermordete.

Amadeus“ war damals ein hochgelobter, weltweiter Publikumserfolg. Und seitdem kennen wir auch Antonio Saliere. Jedenfalls seinen Namen.

Forman liefert „keine historisch-korrekte Musiker-Biographie und schon gar keinen ernstzunehmenden Beitrag zu dem Streit der Experten über Mozarts Todesursache. (…) Formans ‚Amadeus‘ nimmt die Ehrfurcht vor den Klassikern, ohne ihnen die Bedeutung abzuerkennen.“ (Fischer Film Almanach 1985)

Miloš Forman inszenierte auch „Einer flog übers Kuckucksnest“, „Hair“, „Ragtime“ und „Larry Flynt – Die nackte Wahrheit“ (The People vs. Larry Flynt).

Arte zeigt die Kinofassung. 2002 erstellte Forman einen zwanzig Minuten längeren ‚Director’s Cut‘.

Mit F. Murray Abraham, Tom Hulce, Elizabeth Berridge, Simon Callow, Roy Dotrice

Wiederholung: Donnerstag, 10. Februar, 14.15 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Amadeus“

Wikipedia über „Amadeus“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 30. Januar: The Social Network

Januar 29, 2022

Arte, 20.15

The Social Network (The Social Network, USA 2010)

Regie: David Fincher

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: Ben Mezrich: The Accidental Billionaires, 2009 (Milliardär per Zufall: Die Gründung von Facebook – Eine Geschichte über Sex, Geld, Freundschaft und Betrug)

Fincher und Sorkin (The West Wing, The Newsroom), der für sein Drehbuch einen Oscar erhielt, erzählen die Geschichte von Facebook und Mark Zuckerberg.

Rasantes dialoglastiges Drama, bei dem jeder Satz trifft und einige junge Schauspieler ihr Können zeigen können.

Mit Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake, Rooney Mara, John Getz, Armie Hammer

Hinweise

Das Drehbuch von Aaron Sorkin

Rotten Tomatoes über „The Social Network“

Wikipedia über „The Social Network“ (deutsch, englisch)

Chasing the Frog vergleicht die Fiktion mit den Fakten

Meine Besprechung von David Finchers “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tattoo, USA 2011)

Meine Besprechung von David Finchers „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ (Gone Girl, USA 2014)

David Fincher in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Ben Mezrichs „21“ (Bringing down the House, 2002)


TV-Tipp für den 29. Januar: Trainspotting – Neue Helden

Januar 28, 2022

One, 22.00

Trainspotting – Neue Helden (Trainspotting, Großbritannien 1996)

Regie: Danny Boyle

Drehbuch: John Hodge

LV: Irvine Welsh: Trainspotting, 1993 (Trainspotting)

In Edinburgh leben Renton und seine drogensüchtigen Kumpels in den Tag hinein, randalieren und versuchen ab und zu einen Entzug.

Von der ersten Sekunde an mitreisendes Kino, das gleichzeitig komisch, realistisch und überhöht ist. Inziwschen ist Danny Boyles grandiose Bestsellerverfilmung ein Klassiker des britischen Kinos.

„Wildes und wüstes Kino pur!“ (Fischer Film Almanach 1997)

mit Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Kevin McKidd, Robert Carlyle, Kelly Macdonald, Peter Mullan

Wiederholung: Dienstag, 1. Februar, 00.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Trainspotting“

Wikipedia über „Trainspotting“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Danny Boyles „Trance – Gefährliche Erinnerung“ (Trance, GB 2013)

Meine Besprechung von Danny Boyles „Steve Jobs“ (Steve Jobs, USA 2015)

Meine Besprechung von Danny Boyles „T2 Trainspotting“ (T2 Trainspotting, Großbritannien 2017)


„Best of Cinema“ hält am Dienstag am „Mulholland Drive“

Januar 28, 2022

Am Dienstag, den 1. Februar, geht es in der monatlichen „Best of Cinema“-Reihe weiter mit David Lynchs „Mulholland Drive“. Und wenn ich einen Blick auf die umfangreiche Liste der hiesigen Kinos werfe, die den Film zeigen, scheint die Idee der Reihe gut anzukommen. Denn viele Kinos zeigen die neue, von Lynch beaufsichtigte 4K-Restaurierung.

Die Handlung von „Mulholland Drive“ kann, wie bei dem ähnlich strukturiertem „Lost Highway”, kaum wiedergegeben werden. Denn dafür springt sie zu sehr zwischen Traum und Wirklichkeit, Gegenwart und Vergangenheit, hin und her.

Der Neo-Noir-Mystery-Thriller beginnt mit einem Autounfall. Eine junge Schönheit (Laura Elena Harring) verliert dabei ihr Gedächtnis. Sie irrt durch das nächtliche Hollywood, findet bei der jungen Schauspielerin Betty (Naomi Watts) Unterschlupf und nennt sich, nach einem Filmplakat, Rita. Gemeinsam versuchen die beiden Frauen hinter Ritas Geheimnis zu kommen.

Diese Suche ist dann vollkommen irreal, surreal und doch auch vollkommen logisch. Inzwischen wird „Mullholland Drive“ David Lynchs vollendetstes Werk genannt.

Zahlreiche Preise und noch mehr Nominierungen sagen einiges über die Qualität von “Mulholland Drive” aus. Lynch erhielt 2001 beim Filmfestival in Cannes den Preis für die beste Regie. Der Film erhielt den César als bester ausländischer Film. Für Krimifans ist die Nominierung von „Mulholland Drive“ für den Edgar als bester Kriminalfilm des Jahres wichtig. Für Science-Fiction-Fans ist es die Nominierung für den Saturn Award als bester Science-Fiction-Film. Beide Male wurde Christopher Nolans „Memento“ als bester Film ausgezeichnet.

David Lynch: „Ich habe zuerst visuelle Einfälle (…) So war es auch bei ‚Mulholland Drive‘. Ich bin eines Nachts wirklich über diese Straße gefahren, oberhalb von Los Angeles in den Bergen von Santa Maria. Alles fügte sich in meinem Kopf zum perfekten Bild: die mystische Dunkelheit, die symbolischen Gegenstände, die unheimliche Atmosphäre. Es entstanden sofort ganz konkrete Vorstellungen, wie bestimmte Szenen in meinem Film auszusehen haben. (…) Ich glaube, man muss meine visuellen und akustischen Einfälle auf sich wirken lassen und in ihren Sog geraten. Und zum Schluss soll man aus dem Kino kommen und im Idealfall meine Bilder nicht mehr loswerden.“ (AZ, 31. Januar 2002)

Am 1. März wird „Total Recall – Totale Erinnerung“ (natürlich die grandiose Version von Paul Verhoeven mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle und, natürlich, in einer restaurierten Fassung) im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe gezeigt.

Mulholland Drive – Straße der Finsternis (Mulholland Dr., USA/Frankreich 2001)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch

mit Naomi Watts, Laura Elena Harring, Justin Theroux, Ann Miller, Robert Forster, Dan Hedaya, Lee Grant, Billy Ray Cyrus, Chad Everett, Mark Pellegrino

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Mulholland Drive“

Wikipedia über „Mulholland Drive“ (deutsch, englisch)

Homepage von David Lynch

Meine Besprechung von David Lynchs „Der Wüstenplanet“ (Dune, USA 1984) und der gleichnamigen Vorlage von Frank Herbert

Meine Besprechung von David Lynchs „Lost Highway“ (Lost Highway, USA 1997)


TV-Tipp für den 28. Januar: Brexit – Chronik eines Abschieds

Januar 27, 2022

One, 22.30

Brexit – Chronik eines Abschieds (Brexit: The uncivil war, Großbritannien 2019)

Regie: Toby Haynes

Drehbuch: James Graham

Packendes satirisches, äußerst dicht und flott erzähltes Drama über die Kampagne, die dazu führte, dass die Briten am 23. Juni 2016 für den Austritt aus der Europäischen Union stimmten. Im Mittelpunkt des Films steht der skrupellose Spindoktor Dominic Cummings (Benedict Cumberbatch, grandios!), der die manipulative und vor Lügen strotzende „Vote Leave“-Kampagne zum Erfolg führte.

mit Benedict Cumberbatch, John Heffernan, Rory Kinnear, Simon Paisley Day, Lee Boardman

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Brexit – Chronik eines Abschieds“

Wikipedia über „Brexit – Chronik eines Abschieds“


Neu im Kino/Filmkritik: „Licorice Pizza“ – ansehen erlaubt

Januar 27, 2022

San Fernando Valley, Sommer 1973: Auf dem Schulhof lernt der Teenager Gary Valentine (Cooper Hoffman) die zehn Jahre ältere Alana Kane (die Musikerin Alana Haim) kennen. Sie ist die Assistentin für den Fotografen, der an diesem Fototag Bilder von den Schülern und den Klassen macht. Sie hängt eher gelangweilt herum. Da ist Garys gleichzeitig unverschämt offensives, großkotziges und pubertäres Werben um sie eine willkommene Abwechslung. Sie lässt sich von ihm sogar zu einem Date überreden.

Und das ist der Auftakt für eine deutlich über zweistündige Abfolge von Anekdoten aus diesem Sommer. Gary ist neben der Schule auch ein Schauspieler (zwar noch ganz am Anfang seiner Karriere, aber sehr ambitioniert) und ein Unternehmer. Auch hier steht er noch vor dem großen Durchbruch, aber er ist sehr ambitioniert und von jeder seiner Geschäftsideen hundertfünfzigprozentig überzeugt. Zum Beispiel mit dem Verkauf von Wasserbetten oder, nachdem er erfährt, dass Flippern in Kalifornien legalisiert werden soll, eröffnet er eine Halle mit Flipperautomaten.

Alana ist in diesen Tagen seine Fahrerin und Freundin. Wobei unklar ist, ob sie seine ‚Freundin‘ werden soll oder sein ‚Freund‘ ist. Jedenfalls sind sie, trotz des Altersunterschieds, ziemlich unzertrennlich. Und Paul Thomas Anderson zeigt diesen schüchterne und auch unbeholfene, von großer Unsicherheit gekennzeichnete Umwerben äußerst feinfühlig.

Sie hilft Gary bei seinen Geschäften und fährt auch einmal einen Laster rückwärts die Berge hinunter, weil erstens ihr Kunde, der extrem cholerische Filmproduzent und Barbara-Streisand-Freund Jon Peters (Bradley Cooper), mit dem Aufbau des Wasserbettes unzufrieden ist, und zweitens, während der Ölkrise, der Tank des Wagens leer ist. Aber bergab braucht man kein Benzin, sondern gute Bremsen.

Sie will auch Schauspielerin werden. Gary vermittelt ihr einen Vorsprechtermin. Dabei lernt sie Jack Holden (Sean Penn; Vorbild war William Holden) kennen. Zusammen mit ihm und Rex Blau (Tom Waits; Vorbild war Regisseur Mark Robson [„Erdbeben“]) verbringen sie einen Abend voller Alkohol und männlicher Angeberei. Schließlich beweist Holden sich sturzbetrunken als Motorradfahrer.

Sie wird Freiwillige im Wahlkampfteam des jungen, charismatischen Politiker Joel Wachs (Benny Safdie). Er kandidiert für das Bürgermeisteramt von Los Angeles. Auch er ist eine reale Figur, die unter ihrem echten Namen auftritt. Das Vorbild für Gary Valentine war der mit Paul Thomas Anderson befreundete Gary Goetzman. Er erzählte ihm Geschichten von seiner Jugend. Heute produziert Goetzman, oft mit Tom Hanks in der Hauptrolle, Filme wie „My Big Fat Greek Wedding – Hochzeit auf griechisch“, „Mamma Mia!“, „Larry Crowne“ und „Ein Hologramm für den König“.

Paul Thomas Anderson taucht in seinem neuen Film „Licorice Pizza“ tief in frühen Siebziger in Kalifornien ein. Eigentlich sieht das Episodendrama wie ein gut fünfzig Jahre alter Dokumentarfilm aus. Die Hauptrollen werden von den Spielfilmdebütanten Cooper Hoffman, Sohn von Philip Seymour Hoffman, und Alana Haim gespielt. Das restliche Ensemble besteht, manchmal in Personalunion, aus Freunden von Anderson, bekannten Schauspielern und der Familie von Alana Haim, die die Familie von Alana Kane spielen.

Die Abfolge der von Anderson erzählten Anekdoten folgt dabei keiner strikten Chronologie oder erzählerischen Notwendigkeit. Deshalb könnte „Licorice Pizza“ problemlos eine halbe Stunde länger oder kürzer sein.

Wenn man auf diese Art von weitgehend plotlosen Erinnerungsfilmen voller warmherziger Nostalgie und in diesem Fall cineastischer Anspielungen steht, dann wird man von „Licorice Pizza“ begeistert sein. Die meisten Kritiker sind es.

Ich halte das Drama für überbewertet; das liegt allerdings daran, dass ich diese Art von Filmen, in denen tagebuchhaft einfach Episoden und Anekdoten aneinandergereiht werden, für schwierig halte und ich vor allem Gary reichlich unsympathisch fand. Er ist in erster Linie kein Teenager, der sich zum ersten Mal verliebt, sondern ein Schüler, der ständig das nächste große Geschäft wittert und umsetzt. Seine ganze Existenz dreht sich um das Angeben mit seinen Taten und um das Geld verdienen. Er ist ein archetypischer Kapitalist, für den der ständig getragene Anzug die stolz getragene Arbeitskleidung ist. Dabei darf er noch nicht einmal Auto fahren oder Bier trinken. Dieser Gary, der Protagonist, mit dem wir mitfühlen sollen, wirkt die meiste Zeit wie ein schmieriger, ichbezogen-egomanischer Verkäufer. Vor solchen Menschen haben uns unsere Eltern immer gewarnt.

„Licorice Pizza“ ist nicht schlecht. Er hat sogar viele gute Szenen, aber die anderen Filme von Paul Thomas Anderson, zum Bespiel sein ebenfalls in den frühen Siebzigern spielender Privatdetektivkrimi „Inherent Vice – Natürliche Mängel“, sind besser.

Licorice Pizza (Licorice Pizza, USA 2021)

Regie: Paul Thomas Anderson

Drehbuch: Paul Thomas Anderson

mit Alana Haim, Cooper Hoffman, Bradley Cooper, Benny Safdie, Tom Waits, Sean Penn, Nate Mann, Will Angarola, Joseph Cross, Maya Rudolph

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Licorice Pizza“

Metacritic über „Licorice Pizza“

Rotten Tomatoes über „Licorice Pizza“

Wikipedia über „Licorice Pizza“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (Inherent Vice, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Der seidene Faden“ (Phantom Thread, Großbritannien 2017)


TV-Tipp für den 27. Januar: Zombie 2

Januar 26, 2022

Arte, 00.20

Zombie 2 – Das letzte Kapitel (Day of the Dead, USA 1985)

Regie: George A. Romero

Drehbuch: George A. Romero

Eine Gruppe Wissenschaftler und Militärs haben sich in Florida vor den Zombies in eine unterirdische Militäranlage zurückgezogen. Bevor die Zombies die Anlage stürmen, liefern die Menschen viele gute Gründe, warum ihr Überleben nicht wünschenswert ist.

„Zombie 2“ erlebt heute Nacht seine ungekürzte (!) TV-Premiere. Der Titel ist etwas irreführend. Denn „Day ot the Dead“ ist nach „Die Nacht der lebenden Toten“ (Night of the living Dead, USA 1968) und „Zombie“ (Dawn of the Dead, USA 1978) der dritte Zombie-Film von Romero.

Die seriöse Filmkritik meinte gewohnt ablehnend zu dem Splatterfilm:  „reichlich ekelerregende Horroreffekte der härteren Art“ (Lexikon des internationalen Films) oder „Anstatt neue Zombie-Filme zu drehen, könnte man auch den ersten ‚Die Nacht der lebenden Toten’ in zeitlichen Abständen immer wieder neu starten. Viel hat sich seitdem bestimmt nicht verändert, weder die Geschmacksgewohnheiten der Zombies noch die ihrer Fans.“ (Fischer Film Almanach 1988). Die Zensurgeschichte folgte auch den bekannten Mustern.

Romero war mit dem bis dahin härtesten Zombiefilm zufrieden und den Fans gefiel er. Etliche halten ihn, wie Romero, für den Besten der Serie. Dabei sollte bei all den Morden, die einen stabilen Magen verlangen, nie die in Romeros Zombie-Filmen enthaltene überaus düstere Diagnose der Gesellschaft übersehen werden.

George A. Romero: „Ich finde ‚Day of the Dead‘ ist wirklich ein dunkler, apokalyptischer und tragischer Film, weil man sieht, dass nicht die atomare Bedrohung uns kriegen wird, sondern wir selbst.“

Mit Lori Cardille, Terry Alexander, Joseph Pilato, Richard Liberty, Howard Sherman, Jarlath Conroy, Gregory Nicotero

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Zombie 2“

Wikipedia über „Zombie 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“(2010)

Meine Besprechung von George A. Romero/Alex Maleevs „Empire of the Dead – Erster Akt“ (Empire of the Dead – Act One, 2014)

Meine Besprechung von George A. Romero/Dalibor Talajics „Empire of the Dead – Zweiter Akt“ (Empire of the Dead: Act Two, 2014/2015)

Meine Besprechung von George A. Romero/Andrea Muttis „Empire of the Dead – Dritter Akt“ (Empire of the Dead – Act Three # 1 – 5, 2015)

Mein Nachruf auf George A. Romero (16. Juli 2017)

George A. Romero in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Monobloc“, es ist nur ein Stuhl

Januar 26, 2022

Jeder hat schon einmal auf so einem Stuhl gesessen. Aber, so meine kleine persönliche Umfrage, niemand kennt den Namen des Stuhls und, wenn ich ihn dann beschreibe, dauert es ziemlich lange, bis mein Gesprächspartner weiß, welchen Stuhl ich meine. Dabei stehen sie, heute vielleicht weniger als früher, überall herum. Vor allem auf Campingplätzen, in Freibädern, auf Sportplätzen, in Vereinsheimen und in Schrebergärten sind sie allgegenwärtig. In Fußgängerzonen, vor allem vor Schnellimbissen, stehen sie auch herum. Denn sie kosten fast nichts und sie sind praktisch. Sie können gestapelt und schnell gesäubert werden. Ein Wasserstrahl genügt. Wenn sie kaputt gehen oder geklaut werden, hält sich der Verlust in Grenzen.

Erfunden wurde der Monobloc in seiner heute bekannten Form in den frühen Siebzigern von Henry Massonnet (1922 – 2005). Die Idee war, in einem einzigen Arbeitsschritt in einer Gussform den Stuhl herzustellen. Verwandt wird dafür der weit verbreitete Kunststoff Polypropylen. Das dauerte zuerst ungefähr zwei Minuten pro Stuhl. Heute entsteht er in 50 bis 55 Sekunden. In einer Stunde entstehen über 60, in 24 Stunden ungefähr 1500 Stühle.

1974 erhielt Massonet für seine Erfindung den „Oscar du Meuble“. Allerdings schützte er seine Idee nicht durch ein Patent. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass dieser Stuhl zum meistverkauften Möbelstück aller Zeiten werden sollte. Heute soll es eine Milliarde Monoblocs geben.

Eine italienische Firma, geführt von einigen verschmitzten Brüdern, übernahm flink die Idee, änderte einige Details und stellt seitdem den Monobloc her. Neben etlichen kleineren Konkurrenten.

Hauke Wendler drehte jetzt eine den Blick auf diesen Stuhl richtende und den Blick auf diesen Stuhl verändernden Dokumentarfilm. Er geht auf die Geschichte des Stuhls ein. Er befragt in Deutschland in Fußgängerzonen Menschen, was sie über den Stuhl denken. Nicht viel; das kann schon verraten werden.

Und er zeigt, dass dieser billige, rein funktionale Plastikstuhl in ärmeren Regionen als Stuhl, der bezahlt werden kann, wichtig ist. Er kann auch zu einem Plastik-Rollstuhl werden. Wendler zeigt, wie in Uganda aus der Sitzfläche eines Monoblocs und vier Rädern schnell ein funktionaler Rollstuhl entsteht. Für die dort lebenden Menschen ist es die Frage, ob sie keinen oder diesen Rollstuhl, den sie auch selbst reparieren können, haben wollen.

Das ist durchaus kurzweilig und informativ. Allerdings zeigt Wendler für meinen Geschmack zu viele Beispiele aus der ganzen Welt über den Gebrauch und die Verwendung des Stuhls. Das wirkt dann manchmal wie eine TV-Reportage für den „Weltspiegel“ oder das „auslandsjournal“. Dagegen kommt die Design-, Industrie- und Kulturgeschichte des Stuhls zu kurz. Diese Teile der Doku fand ich wesentlich interessanter und darüber hätte ich gerne noch viel mehr erfahren. Auch über die ökologischen Kosten dieses Plastikstuhls hätte er mehr sagen können.

Aber auch so verändert „Monobloc“ den Blick auf den Monobloc nachhaltig.

Monobloc (Deutschland 2021)

Regie: Hauke Wendler

Drehbuch: Hauke Wendler

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Kinostart: 27. Januar 2022

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Monobloc“

Moviepilot über „Monobloc“

Wikipedia über den Monobloc-Stuhl

Design-Museum über den Monobloc


TV-Tipp für den 26. Januar: Wenn die Gondeln Trauer tragen

Januar 25, 2022

Arte, 20.15

Wenn die Gondeln Trauer tragen (Don’t look now, Großbritannien/Italien 1973)

Regie: Nicolas Roeg

Drehbuch: Allan Scott, Chris Bryant

LV: Daphne du Maurier: Don’t look now, 1971 (Dreh dich nicht um, Kurzgeschichte)

Nach dem Unfalltod ihrer kleinen Tochter nimmt Restaurator John Baxter mit seiner Frau einen Job in einer Kirche in Venedig an. Dort glaubt er, seine Tochter zu sehen.

Horrorfilmklassiker.

Dieses Meisterwerk des englischen Kinos von einem der größten lebenden Regisseure kann man nicht genug loben: Ein Festmahl für Herz, Verstand und Sinne (…) Großartig, gehört zum besten, was das Genre zu bieten hat.“ (James Marriott, Kim Newman: Horror, 2006)

Mit Julie Christie, Donald Sutherland, Hilary Mason, Clelia Matania, Massimo Serato, Leopoldo Trieste, Renato Scarpa

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Wenn die Gondeln Trauer tragen“

Wikipedia über „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Nicolas Roegs „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (The Man who fell to Earth, Großbritannien 1976)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Agnieszka Hollands Jan-Mikolášek-Biopic „Charlatan“

Januar 25, 2022

Gut, so ein richtiges Biopic in dem chronologisch das Leben der porträtierten berühmten Persönlichkeit abgehandelt wird, ist „Charlatan“ nicht. Schließlich ist die Filmgeschichte „frei inspiriert“ von Jan Mikolášeks Leben und weil der tschechische Heiler im Westen unbekannt ist, habe ich auch keine Ahnung, wie sehr Agnieszka Hollands Film sich von den Fakten entfernt, Dinge weglässt oder auf eine bestimmte Art interpretiert.

Das ist jetzt nicht unbedingt ein Nachteil. Denn letztendlich muss ein Spielfilm als Spielfilm funktionieren. Wer nur die Fakten will, muss halt ein Sachbuch lesen oder einen Dokumentarfilm sehen. Aber bei diesem Film hatte ich immer das Gefühl, dass das Wissen um die historischen Hintergründe und wie Mikolášeks Leben mit der Geschichte der Tschechoslowakei und des Ostblocks verknüpft ist, wichtig ist, um den Film zu verstehen. Jedenfalls auf den wichtigen Ebenen; auch um beurteilen zu können, wie „Charlatan“ sich zur Vergangenheit und Gegenwart positioniert und wie sehr diese Version seines Lebens aktuelle Entwicklungen im Land kritisiert. Denn in Mikolášeks Leben gibt es viele Punkte, die sensible und strittige Themen berühren, wie seine Tätigkeit als Heiler (ohne eine formale ärztliche Ausbildung), seine vor der Öffentlickheit (und im Film lange) verborgene Homosexualität und seine Verwicklungen in zwei Diktaturen.

Jan Mikolášek hat eine Gabe, die es ihm manchmal ermöglicht, den Todestag eines Menschen zu wissen. Er verfügt auch über heilende Kräfte. Aber vor allem lässt er sich von einer gläubigen Heilerin das Lesen des menschlichen Urins beibringen. Er ist ein guter Schüler. Nur durch einen Blick auf den sich in einer kleinen Glasflasche befindenden Urin weiß er, anhand der Farbe und Trübung, an was die Person leidet und was dagegen getan werden kann.

Nach dem Tod seiner Lehrerin eröffnet er eine florierende Praxis, in der er alle Menschen behandelt. Denn alle Menschen, einerlei ob Nazi oder, nach dem Zweiten Weltkrieg, Kommunist, ob Katholik oder Ungläubiger, werden krank. Er macht damit ein Vermögen und unterstützt Bedürftige. Außerdem hat er eine homosexuelle Beziehung zu seinem Sekretär, die beide geheim halten.

Als einer von Mikolášeks Patienten, der tschechische Präsident Antonín Zápotocký, 1957 stirbt, wird eine Mordanklage gegen ihn vorbereitet.

Diese Mordanklage, die Verhöre und der Schauprozess bilden den Rahmen, in dem Mikolášek sich an seine Vergangenheit erinnert und davon erzählt.

Die historischen Hintergründe deutet Holland nur an. Sie springt assoziativ zwischen den Zeiten. Hintergründe vermittelt sie nur sparsam und eine zeitliche Orientierung wird nur angedeutet. Es gibt kaum eindeutig zuordenbare Zeichen, wie Uniformen. Es gibt keine eingeblendeten Jahreszahlen. So ist kaum zu unterscheiden, ob Holland gerade von den Jahren des Nationalsozialismus oder dem Kommunismus erzählt. Trotzdem erscheint die Nachkriegszeit düsterer als die Zeit davor. Denn jetzt wird er vom System angeklagt und ihm droht in einem Schauprozess die Todesstrafe.

So entsteht ein faszinierendes Porträt, das kein Urteil über seine Hauptfigur fällt. Das und wie man als Zuschauer die einzelnen Facetten von Jan Mikolášeks Persönlichkeit und seine Handlungen beurteilt, muss jeder Zuschauer individuell für sich entscheiden. Also auch, ob er ein Scharlatan oder ein Heiler war. Diese Offenheit ist die große Stärke von „Charlatan“.

Dei 1948 geborene Agnieszka Holland ist eine der wichtigsten polnischen Regisseurinnen. Sie arbeitete viel mit Andrzej Wajda zusammen. Zu ihren wichtigsten Regie-Arbeiten gehören „Bittere Ernte“, „Hitlerjunge Salomon“ und „Der geheime Garten“. Jüngeren könnte ihr Name bei TV-Serien wie „The Wire“, „Treme“, „Rosemary’s Baby“ und „House of Cards“ aufgefallen sein.

Charlatan (Šarlatán, Tschechien/Irland/Slowakei/Polen 2020)

Regie: Agnieszka Holland

Drehbuch: Marek Epstein

mit Ivan Trojan, Josef Trojan, Juraj Loj, Jaroslava Pokorná, Jiří Černý, Miroslav Hanuš

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Charlatan“

Metacritic über „Charlatan“

Rotten Tomatoes über „Charlatan“

Wikipedia über „Charlatan“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Charlatan“

Meine Besprechung von Agnieszka Hollands „Die Spur“ (Pokot, Polen/Deutschland/Tschechische Republik/Schweden/Slowakische Republik 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Effigie – Das Gift und die Stadt“ und Deutschlands erste Serienmörderin

Januar 25, 2022

15 Menschen ermordete Gesche Gottfried mit ‚Mäusebutter‘, einem Gemisch aus Arsen und Schmalz. Sie gab es ihren Opfern in ihre Mahlzeiten. Im März 1828 wurde sie enttarnt und zum Tod verurteilt. Zu ihrer Hinrichtung am 21. April 1831 erschienen 35.000 Menschen.

Ihre Geschichte, auch weil ihr Motiv immer noch unklar ist, wurde mehrmals interpretiert. Als Theaterstück, Hörspiel, Film, Comic und Oper. Die bekannteste Version dürfte von Rainer Werner Fassbinder stammen. „Bremer Freiheit“ heißt sein Theaterstück, das er auch verfilmte und das später die Grundlage für eine Oper war.

Udo Flohr nahm als Grundlage für sein Spielfilmdebüt das Theaterstück von Peer Meter und die Gerichtsakten. Erzählt wird die Geschichte im Film von Cato Böhmer. Sie ist eine fiktive Figur. 1828 kommt sie als Gerichtprotokollantin nach Bremen. Sie will später Juristin werden. Die ersten Protokolle, die sie für ihren Vorgesetzten, den Untersuchungsrichter Senator Franz Friedrich Droste, anfertigen muss, handeln von den Ermittlungen gegen Gesche Gottfried, die bis dahin eine als Wohltäterin geachtete Witwe war.

Udo Flohr erzählt die Geschichte ruhig und unaufgeregt in der Form einer Chronik, die etwas spröde die verschiedenen Protokolle aneinanderreiht. Das ist dann intellektuell interessant, emotional aber etwas unbefriedigend. Denn an Gottfrieds Täterschaft bestehen keine Zweifel. Es werden nur die Fakten zusammengetragen und sie wird von Senator Droste befragt. In einigen Momenten wird ein Psychoduell zwischen Gottfried und Böhmer angedeutet. Aber auch für Böhmer geht es primär um die intellektuelle Herausforderung, genug Beweise für eine Anklage und Verurteilung zu finden. Warum Gottfried die Morde beging, bleibt auch im Film unklar. Angedeutet wird, dass sie am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom und einer Ego-State-Störung litt. Für die Anklage war es wichtiger, zu beweisen, dass sie die Morde begangen hatte.

Ergänzt wird der Kriminalfall von einem Einblick in damaligen politischen und wirtschaftlichen Konflikte in Bremen. Senator Droste forcierte für den Warentransport den Bau einer Eisenbahnstrecke vom Hafen nach Bremen. Diese Idee stößt nicht auf ungeteilte Zustimmung.

Effigie – Das Gift und die Stadt“ ist ein gelungener Debütfilm, der sich – Udo Flohr ist Jahrgang 1959 und arbeitete vorher unter anderem als Wissenschaftsjournalist – am Fernsehspiel und dem historischen Reenactment orientiert. Formal ist das nicht revolutionär, aber gut strukturiert und entsprechend klar erzählt.

Effigie – Das Gift und die Stadt (Deutschland 2019)

Regie: Udo Flohr

Drehbuch: Peer Meter, Udo Flohr, Antonia Roeller (nach dem Theaterstück von Peer Meter und den Gerichtsakten)

mit Suzan Anbeh, Elisa Thiemann, Christoph Gottschalch, Roland Jankowsky, Uwe Bohm

Länge: 85 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Effigie – Das Gift und die Stadt“

Moviepilot über „Effigie – Das Gift und die Stadt“

Rotten Tomatoes über „Effigie – Das Gift und die Stadt“

Wikipedia über „Effigie – Das Gift und die Stadt“ und Gesche Gottfried


TV-Tipp für den 25. Januar: Tatort: AE 612 ohne Landeerlaubnis

Januar 24, 2022

NDR, 22.00

Tatort: AE 612 ohne Landeerlaubnis (Deutschland 1971)

Regie: Peter Schulze-Rohr

Drehbuch: Friedhelm Werremeier

LV: Friedhelm Werremeier: Ohne Landeerlaubnis, 1971 (überarbeitete Ausgabe 1982)

Als Max Bergusson im Flugzeug den Palästinenser Racardi entdeckt, entführt der die AE 612. Racardi tötete bei einem Anschlag Bergussons Frau und wurde mangels Beweisen freigesprochen. Das soll sich jetzt ändern. Allerdings bemerkt Racardi die Entführung. Währenddessen versucht Kommissar Trimmel in Hamburg alles, um ein Unglück zu verhindern.

Der dritte Trimmel-Tatort ist ein immer noch hochspannender Fall. Trimmel-Erfinder Friedhelm Werremeier, ein ehemaliger Gerichtsreporter, verarbeitete tagesaktuelle Ereignisse und saubere Recherche zu spannenden Büchern und Drehbüchern. Die Bücher waren Bestseller. Die Tatorte Quotenknüller.

Die elf Trimmel-Tatorte mit Walter Richter als Kommissar Trimmel gehören zu den besten Tatorten. Außerdem ist „Taxi nach Leipzig“ auch der erste Tatort.

Mit Walter Richter, Joachim Richert, Udo Franz, Günter Mack, Joe Bogosyan, Heinz Bennent, Gunnar Möller, Günter Gaus, Kurt Jaggberg

Wiederholung: Mittwoch, 26. Januar, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Tatort: AE 612 ohne Landeerlaubnis“

Krimilexikon über Friedhelm Werremeier

Meine Besprechung von Friedhelm Werremeiers „Trimmels letzter Fall“ (2009)


Neu im Kino/Filmkritik: „Niemand ist bei den Kälbern“ und Christin ist angeödet

Januar 24, 2022

Hochsommer irgendwo in der Mecklenburgischen Provinz, wo sich noch nicht einmal Fuchs und Hase gute Nacht sagen, es aber schon einige Windkrafträder gibt, lebt die 24-jährige Christin. Sie ist mit dem ein Jahr älteren Rick verheiratet. Sie kennen sich schon seit Ewigkeiten. Sie leben auf dem Hof von Ricks Eltern. Die tägliche Arbeit auf dem Hof geht routiniert und fast wortlos vonstatten. Diese Wiederkehr des Immergleichen ist wenig aufregend und bietet auch keine Perspektive auf ein anderes Leben.

Christin, gespielt von Saskia Rosendahl, ist von diesem Leben genervt. Knapp bekleidet stampft sie mit dem immergleichen genervten Geischtsausdruck über die Felder. Lustlos erledigt sie die notwenidgen Arbeiten auf dem Hof. Und sie spielt, auf ihrem Bett liegend, gelangweilt mit ihrem Telefon. Sie ist von ihrem Mann genervt. Sie ist von seinen Eltern genervt. Sie ist von den Dorfjugendlichen genervt. Sie ist von dem Mini-Dorffest genervt. Sie ist von ihrem Vater genervt. Der ist ein Trinker, der die DDR zurücksehnt. Eigentlich ist sie auch von Klaus genervt. Mit dem fast doppelt so alten Techniker für die Windkrafträder beginnt sie eine lustlose Affäre.

Niemand ist bei den Kälbern“ ist, nach „Prélude“, Sabrina Sarabi zweiter Spielfilm. Es handelt sich um eine gut zweistündige Beschreibung einer statischen Situation. Es ist ein allumfassender Stillstand, in dem sich nichts bewegt.

Sarabi konzentriert sich in ihrem Provinzdrama auf Christin, ihren Gefühlshaushalt und ihre Weltsicht. Das könnte, siehe Pablo Larraíns „Spencer“, durchaus spannend sein. Aber Christin ist eine furchtbar uninteressante Person, die auch an jedem anderen Ort gelangweilt und genervt von der Welt wäre.

Und damit liegt ihr Problem dann nicht an dem Ort, in dem sie seit ihrer Geburt lebt (vermutlich, definitiv erfahren wir es nicht in dem Film) oder ihrem Mann oder seiner Familie.

Das ist schon nach den ersten Minuten klar. Trotzdem wird diese Erkenntnis in den folgenden gut zwei Stunden, ohne eine nennenswerte Variation, immer wieder wiederholt. Entsprechend überschaubar ist der Erkenntnisgewinn dieser sich danach wie Kaugummi ziehenden Abrechnung mit dem Provinzleben.

Niemand ist bei den Kälbern (Deutschland 2021)

Regie: Sabrina Sarabi

Drehbuch: Sabrina Sarabi

LV: Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern, 2017

mit Saskia Rosendahl, Rick Okon, Godehard Giese, Enno Trebs, Peter Moltzen, Anne Weinknecht, Elisa Schlott

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Niemand ist bei den Kälbern“

Moviepilot über „Niemand ist bei den Kälbern“

Wikipedia über „Niemand ist bei den Kälbern“

Meine Beprechung von Sabrina Sarabis „Prélude“ (Deutschland 2019)


TV-Tipp für den 24. Januar: Die Wannseekonferenz

Januar 23, 2022

ZDF, 20.15

Die Wannseekonferenz (Deutschland 2022)

Regie: Matti Geschonneck

Drehbuch: Magnus Vattrodt, Paul Mommertz

TV-Drama über die titelgebende Wannseekonferenz, die vor achtzig Jahren, am 20. Januar 1942 stattfand und auf der „Endlösung der Judenfrage“ besprochen wurde. Es ging um organisatorische Fragen und Zuständigkeiten für die Ermordung von von mehreren Millionen Menschen.

Anschließend, um 22.00 Uhr, zeigt das ZDF die 45-minütige Doku „Die Wannsekonferenz – Die Dokumentation“ über die historischen Hintergründe des Films.

mit Philipp Hochmair, Johannes Allmayer, Maximilian Brückner, Matthias Bundschuh, Fabian Busch, Jakob Diehl, Lilli Fichtner, Godehard Giese, Peter Jordan, Arnd Klawitter, Frederic Linkemann, Thomas Loibl, Sascha Nathan, Markus Schleinzer, Simon Schwarz, Rafael Stachowiak

Hinweise

ZDF über die Wannseekonferenz

Wikipedia über die Wannseekonferenz und „Die Wannseekonferenz“ (2022)